1. Kittlers Antihumanismus
2. Das Reelle und das Berechenbare
3. Medienverbundsysteme und die Einheit der Sinne (Plessner)
4. Standards und Stile
5. Das Subjekt als unendlicher Fluchtpunkt (Rekursivität)
6. Rekursivität und Resonanz
7. Leichen, Heilige und Löcher
Die Differenz zwischen Standards und Stilen ist gleich der Differenz zwischen Medien und Menschen. Bei den Medien, von denen bei Kittler die Rede ist, handelt es sich dabei um informationsverarbeitende Maschinen bzw. Rechner. Deren Funktionsprinzip, Phänomene auf binäre Zahlenreihen zurückzuführen, die wiederum darauf beruhen, Kontinua in diskontinuierliche, ‚diskrete‘ Momente unterhalb der Wahrnehmungsschwelle zu zerlegen – Pixel bei Photos, Einzelbilder beim Film –, bildet Kittler zufolge das Gemeinsame aller Medien. Zwar bilden analoge Tonmedien durchaus Kontinua, weil der Schall viel langsamer als Licht ist und sich deshalb trotz aller Komplexität z.B. von Orchesteraufnahmen unmittelbar – ohne Zerlegung in diskrete Momente – speichern und wiedergeben läßt. Aber auch der Schall wird im Medienverbundsystem des Computers in Bits zerlegt.
Beim Licht ist es jedenfalls so, daß es sich prinzipiell überhaupt nicht speichern läßt: „Umgekehrt (zum Ton – DZ) verfahren Film und Fernsehen nur darum diskret, also mit lauter Einzelbildern oder gar einzelnen Pixels, weil optische Speicher noch heute ein Ding der Unmöglichkeit sind. ... Deshalb speichern Film und Fernsehen nicht das Licht selber, sondern nur seine (von uns ja eingehend besprochenen) photochemischen Effekte, die dann alle() fünfundzwanzigstel Sekunden, also im Niederfrequenzbereich, abgetastet, gespeichert und wieder vorgeführt werden können.“ (1999/2011, S.258f.)
Licht läßt sich nämlich nicht speichern, weil es keine Speichermedien gibt, die mit der Lichtgeschwindigkeit mithalten können, – es sei denn man läßt das Licht sich selbst speichern, woran schon gearbeitet wird. Solange man hier aber keine Lösung gefunden hat, wird es dabei bleiben, daß man das Licht als Kontinuum in diskontinuierliche Elemente unterhalb der Wahrnehmungsschwelle zergliedern muß, um sie dann so abzuspielen, daß sie wieder den Eindruck einer kontinuierlichen Bewegungsfolge erzeugen.
Standards sorgen dafür, daß die Geräte, die das Licht beim Empfang in diskrete Elemente zergliedern, und die Geräte, die den fertigen Film abspielen, aufeinander abgestimmt sind und nicht nur ein Rauschen wiedergeben. Sie legen den Bereich der Täuschbarkeit unserer Sinnesorgane fest und regulieren innerhalb dieses Bereichs die weltweite Konsumierbarkeit der medialen Produkte. Ihre Funktion liegt also darin, das Uneindeutige in Form des Rauschens zu minimieren und das Eindeutige in Form von täuschend echten Bewegungsfolgen zu maximieren. Je ‚echter‘ die Bewegungsfolgen wirken, umso besser erfüllen die Standards ihren Zweck.
Dabei ist es interessant, daß gerade der Ton, der aus medientechnischer Perspektive eher simpel wirkt im Vergleich mit den Schwierigkeiten, Licht zu speichern und abzuspielen, die Standardisierung von Aufnahme- und Abspielgeräten erzwungen hat. Der Schall folgt einer ‚eindimensionalen‘ Schwingung, und es bedarf bloß einer eindimensionalen ‚Spur‘, wie etwa eine Schallplattenrille, um ihn abzuspeichern und wiederzugeben. Optische Medien stellen hingegen eine „prinzipiell zweidimensionale Signalverarbeitung“ dar (vgl. 1999/2011, S.258), was die Menge an Informationen, die hier verarbeitet werden müssen, quadriert. Dennoch ist es paradoxerweise gerade der informationstechnisch simple Ton, der wesentlich zur Standardisierung des Films beigetragen hat.
In Stummfilmzeiten war es nicht so genau auf die Abspielgeschwindigkeit des Films angekommen. Ob der Film schneller oder langsamer abgespult wurde, machte innerhalb gewisser Toleranzbreiten hinsichtlich des Filmgenusses wenig aus. Erst der Tonfilm erzwang exakte Kopplungen zwischen Aufnahme- und Abspielgeräten: „Durch millisekundengenaue Kopplung zwischen Bild und Ton hat erst der Tonfilm Messters Standardisierungsvorschläge wahr gemacht und das heißt zu einer absoluten Fixierung des Aufnahme- und Vorführtempos auch von Filmbildern gezwungen. ... Erst über das Ohr und die Akustik wurde Echtzeitverarbeitung auch und gerade von Augenweiden ernsthaft nachprüfbar.“ (1999/2011, S.260) – Unser Gehör ist offensichtlich weniger leicht täuschbar als unser Gesichtssinn.
Während Standards also dazu dienen, die Medien bei ihrem Angriff auf die menschlichen Sinne zu unterstützen, indem sie die Bewußtseinsschwelle unterlaufen, oberhalb derer man die scheinbare Kontinuität von Filmhandlungen noch auf ihre reale Diskontinuität hin durchschauen kann, funktionieren ‚Stile‘ nun ganz anders. Stile, z.B. in Form von Kunststilen (vgl. 1999/2011, 36), wollen nicht eine scheinbare Realität vortäuschen, sondern im Gegenteil die Subjektivität eines Künstlers zum Ausdruck bringen. Wir haben es also bei Kunststilen mit menschlicher Expressivität im Plessnerschen Sinne zu tun. (Vgl. meinen Post vom 26.01.2011) Das Interessante an Kunststilen ist nun, daß sie die ‚Konventionen‘, denen sie folgen, nicht verbergen, sondern offen zeigen. In der Malerei sind es z.B. bestimmte Maltechniken, Verfahren die Farben zu mischen etc. Wenn wir ein Bild betrachten, dann haben wir die verschiedenen Farbschichten samt der Textur der Leinwand deutlich vor Augen und werden über deren Materialität nicht getäuscht: „Anstelle der Naturwahrheit stand also eine Konvention, die man erst einmal ignorieren oder übersehen mußte, um der Illusion zu verfallen. ... These wäre also, daß überkommene Künste als Handwerke, die sie ihrem griechischen Begriff nach waren, nur eine Illusion oder Fiktion geleistet haben, aber keine Simulation wie technische Medien. In allem, was an Künsten Stil oder Code war, schrieb sich eine Trennung ein, die technischen Standards ganz im Gegenteil abgeht. Sicher waren Kunststile Weisen, auf die Sinne des Publikums zu wirken, aber sie beruhten nicht auf Messungen der Augenwahrnehmungsunfähigkeiten wie beim Standard des Filmbildwechsels ...“ (1999/2011, S.38)
Anstatt also dem Publikum durch „Messungen der Augenwahrnehmungsunfähigkeiten“ die Arbeit abzunehmen, die Absichten eines Regisseurs erraten zu müssen, um sich dann in einem bewußten Akt seinen Fiktionen (Täuschungen) hinzugeben, mutet es der Künstler dem Betrachter zu, sich selbst zu täuschen.
In der Literatur ist dieser Unterschied zwischen Standards und Stilen noch deutlicher. Dort bilden die Beschreibungen von Frauengestalten wie z.B. Novalis’ Mathilde oder Hoffmanns Aurelie (vgl. 1999/2011, S.228) ‚individuelle Allgemeinheiten‘. (Zum „individuellen Allgemeinen“ vgl. 1999/2011, S.181) Die Leser können (und müssen) sich ihr je individuelles Bild von diesen Frauengestalten machen, so daß sie bei keinem völlig gleich aussehen. Auf der Filmleinwand werden nun die Protagonisten ‚standardisiert‘. Alle sehen den gleichen Körper, das gleiche Gesicht. An die Stelle des individuellen Allgemeinen von Novalis’ Mathilde und Hoffmanns Aurelie treten „empirisch statistische Frauen“. (Vgl. 1999/2011, S.228; zum Thema „Selbstverwandlungstechniken“ vgl. auch meinen Post vom 23.01.2010 zu Günther Anders)
Wenn also Stile als individueller Selbstausdruck der Subjektivität des Künstlers zu individualisierenden Verstehensprozessen bei den Betrachtern bzw. Lesern führen, führen Standards als unterhalb der Bewußtseinsschwelle fungierende Täuschungstechniken zur Standardisierung des Wahrnehmens und Verhaltens beim Medienkonsumenten. Natürlich nur unter der Voraussetzung, daß sich bei dem einen oder anderen nicht doch unvorhergesehener Weise der Verstand einschaltet und sich rekursiv über den Täuschungsprozeß erhebt.
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„Wenn schon eine ganze Welt, auf Erkenntnis beruhend und ihrer ständig bedürftig, errichtet ist und ihren Gang geht, wie die der modernen Technik, wird der nach dem Grund ihrer Möglichkeit und nach ihren Sicherheitsgarantien Fragende zum Sokrates der Vergeblichkeit.“ (Blumenberg, Höhlenausgänge, S.169)
„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)
Montag, 30. April 2012
Sonntag, 29. April 2012
Friedrich Kittler, Optische Medien, Berliner Vorlesungen 1999, Berlin 2011
1. Kittlers Antihumanismus
2. Das Reelle und das Berechenbare
3. Medienverbundsysteme und die Einheit der Sinne (Plessner)
4. Standards und Stile
5. Das Subjekt als unendlicher Fluchtpunkt (Rekursivität)
6. Rekursivität und Resonanz
7. Leichen, Heilige und Löcher
Im krassen Gegensatz zu Lambert Wiesings „Das Mich der Wahrnehmung“, in dem Modellbildungen im Bereich der Sinneswahrnehmung prinzipiell abgelehnt und ausschließlich unmittelbare Wahrnehmungserlebnisse thematisiert werden (vgl. meinen Post vom 04.06.2010), hält Kittler fest: „Die nackte These, um sie gleich voranzustellen, würde lauten: Man weiß nichts über seine Sinne, bevor nicht Medien Modelle und Metaphern bereitstellen.“ (1999/2011, S.32) – Ein solches Modell bildet z.B. die Leinwand, die Kittler ja schon in „Grammophon. Film. Typewriter“ mit Edgar Morin als „nach außen gestülpte Netzhaut“ beschreibt. (Vgl. 1986, S.186)
Da es Kittler zufolge in den Medien vor allem darum geht, die Sinnesorgane des (sogenannten) Menschen zu täuschen (vgl. 1999/2011, S.37), und sie deshalb in erster Linie „zur strategischen Überrollung seiner Sinne entwickelt worden sind“ (vgl. 1999/2011, S.35), orientiert sich die Medientechnologie natürlich auch an der Physiologie der „einzelnen Sinnesbereiche“ (vgl. 1999/2011, S.209). Dabei handelt es sich vor allem um zwei Sinnesbereiche, um Akustik und Optik, während die anderen Sinnesbereiche ignoriert werden. Ton- und Bildmedien wurden im 19.Jhdt. (mit ihrer entsprechenden Vorgeschichte vor allem im Bildbereich im Mittelalter und in der frühen Neuzeit) zunächst getrennt voneinander entwickelt, um dann gegen Ende des 19.Jhdts. und im Verlauf des 20. Jhdts. unter tatkräftiger Mithilfe zweier Weltkriege zu einem „Medienverbund“ zusammengefügt zu werden. (Vgl. 1999/2011, S.76f., 159, 161, 168, 202, 209f., 222, 257f.)
Kittlers Erörterungen zu den Printmedien, also dem Buch und der Zeitung, zeigen vor allem eins: das mühsame Entziffern von Buchstaben stört diese Entwicklung zum Medienverbund eher, als daß es sie unterstützt. Dennoch sollte das Lesen Ende des 18., Anfang des 19. Jhdts. paradoxerweise zu einer ersten Einübung in imaginäre Bewußtseinstechniken werden, wie sie dem Medienverbund des späteren Tonfilms entsprechen. Kittlers Darstellungen zufolge begann das mit den Jesuiten und ihren Exerzitien. Der Ordensgründer Ignatius von Loyola hatte mit diesen Exerzitien nach einer ausgiebigen Lektüre christlicher Erbauungsschriften über die Hölle begonnen. Mit seiner lebhaften und durch Krankheit zusätzlich empfindsam gewordenen Phantasie malte er sich die Höllenqualen farbig aus und ging dabei alle damals üblichen ‚fünf‘ Sinne systematisch durch (vgl. 1999/2011, S.93), – dabei immerhin eine größere Gründlichkeit an den Tag legend als Kittlers Medienverbund, der ja nur zwei Sinne berücksichtigt: „Folgerichtig ging es dem Jesuitenorden darum, alles früher einmal Gelesene nun so lange und so intensiv zu vergegenwärtigen, bis es aufhörte, Buchstabe oder Text zu sein, und stattdessen anfing, die fünf Sinne selber zu überwältigen.“ (1999/2011, S.92)
Loyola wurde so zum Vorläufer der romantischen Literatur, die – in Konkurrenz zur katholischen Gegenaufklärung wie aber auch in mehr oder weniger heimlicher Komplizenschaft mit ihr – diese Exerzitien zum literarischen Programm erhob. Der Autor sollte seine Leser die Buchstaben im Text vergessen machen und ihn stattdessen unmittelbar, also im Imaginären, von der Erzählung gefangennehmen lassen: „Lessings Abhandlung über Laokoon verglich die Dichtung systematisch mit der Malerei und kam zu dem wirkungspoetischen Imperativ, der Dichter solle uns ‚seinen Gegenstand so sinnlich mach(en), daß wir (nämlich die Leser) uns dieses Gegenstandes deutlicher bewußt werden, als seiner Worte‘ ...“ (1999/2011, S.113) – Dazu mußten sich die Leiser eine neue Technik aneignen, das „leise Lesen“, das nun an die Stelle des lauten gemeinsamen Lesens trat, z.B. in Form des väterlichen Bibelvortrags am mittäglichen oder abendlichen Familientisch: „Erst der leise und einsame Leser betrieb seine Lektüre wie eine Perspektive auf die im Text genannten optischen Daten ... Deshalb und nur deshalb konnte er seine Perspektive, die ja von keinem Mittheaterbesucher und dessen anderer Position im Zuschauerraum bestreitbar gemacht wurde, mit allem Glauben und das heißt mit aller Illusion ausstatten.“ (1999/2011, S.141)
Ähnlichkeiten mit dem Kino – also im dunklen Raum, statt wie im Theater im erleuchteten Saal – hatte das leise Lesen auch als klammheimlicher Prozeß unter der Bettdecke, wo man als Kind dem elterlichen Verbot zum Trotz mit der Taschenlampe weiterlas.
Kittlers These ist es jedenfalls, daß die romantische Literatur den europäischen Menschen auf den späteren Medienverbund des Kinos vorbereitet hatte. Die Leser waren schon auf imaginäre Illusionstechniken eingeübt, als ihnen Ende des 19.Jhdts. die ersten bewegten Bilder präsentiert wurden. Andere außereuropäische Kulturen hatten dabei größere Schwierigkeiten zu überwinden: „Andere Kulturen dagegen, bevor unsere Medienkonzerne nach dem Zweiten Weltkrieg zur weltweiten Kolonialisierung aller Wahrnehmung antraten, sollen Schwierigkeiten gehabt haben, eine Syntax aus lebenden Bildern überhaupt zu verfolgen. Deshalb liegt die Vermutung nahe, daß das Vermögen, Bildsequenzen zu sehen, seinerseits aus dem historisch erworbenen Vermögen folgte, Buchstabensequenzen nicht als solchen, sondern als imaginären Bildersequenzen zu folgen.“ (1999/2011, S.135)
Es waren nun wie gesagt nicht etwa alle ‚fünf‘ Sinne bei der Entwicklung des Medienverbundsystems von Tonfilm und Fernsehen beteiligt, sondern eben nur Akustik und Optik. Wenn es also um die physiologische Vermessung der „einzelnen Sinnesbereiche“ und ihre anschließende Verbindung zum Medienverbundsystem geht (vgl.1999/2011, S.209), haben wir es nicht wirklich mit der „Einheit der Sinne“ zu tun, wie sie Plessner beschrieben hat. (Vgl. meine Posts vom 13.07.2010 bis zum 15.07.10) Es fehlen die Zustandssinne, und es fehlt vor allem der wiederum systematische Bezug aller Sinne auf den ‚Geist‘ bzw. das Bewußtsein. Das Medienverbundsystem kommt völlig ohne diesen Bezug aus.
Interessanterweise ist dieses Manko schon früh Gegenstand der Kritik am Buch und dem damit verbundenen Leseprozeß gewesen. Rousseau hat schon das Bücherlesen, im Sinne von Kittlers „leisem Lesen“, verdächtigt, das selbständige Denken des lesenden Menschen zu behindern. Wenn man Kittlers medientechnologische Genealogie, die ja mit den gegenaufklärerischen Exerzitien des Jesuitenordens beginnt, berücksichtigt, kann man nicht umhin, Rousseau mit seinem Verdacht zumindestens teilweise rechtzugeben, – auch wenn er mit seiner Kritik an Büchern zum Vorbild von in regelmäßigen Abständen immer wieder neu aufgelegten, gleichermaßen kulturpessimistischen wie pädagogischen Reflexen auf die jeweiligen neuen Medien wurde. In schöner Regelmäßigkeit wurde mal dem Kino, dann dem Fernsehen und schließlich dem Computer vorgeworfen, für die Entwicklung des Kindes schädlich zu sein. Heutzutage erleben wir aber eher das Gegenteil. Keine bildungspolitische Stellungnahme ohne den Hinweis auf die Notwendigkeit möglichst frühzeitiger medienpädagogischer Maßnahmen in Schulen und ihrer Ausstattung mit modernen Computersystemen. – Aber diese überraschend positive, pädagogische Beurteilung von Medien sollte einem nicht weniger zu denken geben, als deren pauschale Verurteilung.
Der Punkt ist wohl doch der, daß kein Medium – weder Bücher noch Computer – dazu geschaffen wurde, uns das Denken abzunehmen. Abgesehen davon, daß kein Medium das überhaupt könnte! Der einzige Effekt, den die Medien in Bezug auf das Denken haben können – und das war eben Rousseaus Sorge, die sich bei Kittler ja letztlich auch bestätigt –, ist, das Denken abzuschaffen. Kein Computer wird jemals an unserer Stelle denken; wir aber können – und das ist eine durchaus reale Gefahr – mit dem Denken aufhören.
Letztlich gibt es bis heute auch kein Medienverbundsystem, das wirklich an die Stelle der Einheit der Sinne getreten ist, wie es Kittler suggeriert. Lediglich Auge und Ohr wurden technologisch miteinander verknüpft, – den Rest schafft die Imagination des Publikums, wie ja auch Kittler nicht müde wird zu betonen. So muß man also konstatieren – zu Kittlers Mißvergnügen –, es gibt den Körper noch immer. Und es gibt keinen menschlichen Körper ohne zumindestens die Option auf einen denkenden Verstand.
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2. Das Reelle und das Berechenbare
3. Medienverbundsysteme und die Einheit der Sinne (Plessner)
4. Standards und Stile
5. Das Subjekt als unendlicher Fluchtpunkt (Rekursivität)
6. Rekursivität und Resonanz
7. Leichen, Heilige und Löcher
Im krassen Gegensatz zu Lambert Wiesings „Das Mich der Wahrnehmung“, in dem Modellbildungen im Bereich der Sinneswahrnehmung prinzipiell abgelehnt und ausschließlich unmittelbare Wahrnehmungserlebnisse thematisiert werden (vgl. meinen Post vom 04.06.2010), hält Kittler fest: „Die nackte These, um sie gleich voranzustellen, würde lauten: Man weiß nichts über seine Sinne, bevor nicht Medien Modelle und Metaphern bereitstellen.“ (1999/2011, S.32) – Ein solches Modell bildet z.B. die Leinwand, die Kittler ja schon in „Grammophon. Film. Typewriter“ mit Edgar Morin als „nach außen gestülpte Netzhaut“ beschreibt. (Vgl. 1986, S.186)
Da es Kittler zufolge in den Medien vor allem darum geht, die Sinnesorgane des (sogenannten) Menschen zu täuschen (vgl. 1999/2011, S.37), und sie deshalb in erster Linie „zur strategischen Überrollung seiner Sinne entwickelt worden sind“ (vgl. 1999/2011, S.35), orientiert sich die Medientechnologie natürlich auch an der Physiologie der „einzelnen Sinnesbereiche“ (vgl. 1999/2011, S.209). Dabei handelt es sich vor allem um zwei Sinnesbereiche, um Akustik und Optik, während die anderen Sinnesbereiche ignoriert werden. Ton- und Bildmedien wurden im 19.Jhdt. (mit ihrer entsprechenden Vorgeschichte vor allem im Bildbereich im Mittelalter und in der frühen Neuzeit) zunächst getrennt voneinander entwickelt, um dann gegen Ende des 19.Jhdts. und im Verlauf des 20. Jhdts. unter tatkräftiger Mithilfe zweier Weltkriege zu einem „Medienverbund“ zusammengefügt zu werden. (Vgl. 1999/2011, S.76f., 159, 161, 168, 202, 209f., 222, 257f.)
Kittlers Erörterungen zu den Printmedien, also dem Buch und der Zeitung, zeigen vor allem eins: das mühsame Entziffern von Buchstaben stört diese Entwicklung zum Medienverbund eher, als daß es sie unterstützt. Dennoch sollte das Lesen Ende des 18., Anfang des 19. Jhdts. paradoxerweise zu einer ersten Einübung in imaginäre Bewußtseinstechniken werden, wie sie dem Medienverbund des späteren Tonfilms entsprechen. Kittlers Darstellungen zufolge begann das mit den Jesuiten und ihren Exerzitien. Der Ordensgründer Ignatius von Loyola hatte mit diesen Exerzitien nach einer ausgiebigen Lektüre christlicher Erbauungsschriften über die Hölle begonnen. Mit seiner lebhaften und durch Krankheit zusätzlich empfindsam gewordenen Phantasie malte er sich die Höllenqualen farbig aus und ging dabei alle damals üblichen ‚fünf‘ Sinne systematisch durch (vgl. 1999/2011, S.93), – dabei immerhin eine größere Gründlichkeit an den Tag legend als Kittlers Medienverbund, der ja nur zwei Sinne berücksichtigt: „Folgerichtig ging es dem Jesuitenorden darum, alles früher einmal Gelesene nun so lange und so intensiv zu vergegenwärtigen, bis es aufhörte, Buchstabe oder Text zu sein, und stattdessen anfing, die fünf Sinne selber zu überwältigen.“ (1999/2011, S.92)
Loyola wurde so zum Vorläufer der romantischen Literatur, die – in Konkurrenz zur katholischen Gegenaufklärung wie aber auch in mehr oder weniger heimlicher Komplizenschaft mit ihr – diese Exerzitien zum literarischen Programm erhob. Der Autor sollte seine Leser die Buchstaben im Text vergessen machen und ihn stattdessen unmittelbar, also im Imaginären, von der Erzählung gefangennehmen lassen: „Lessings Abhandlung über Laokoon verglich die Dichtung systematisch mit der Malerei und kam zu dem wirkungspoetischen Imperativ, der Dichter solle uns ‚seinen Gegenstand so sinnlich mach(en), daß wir (nämlich die Leser) uns dieses Gegenstandes deutlicher bewußt werden, als seiner Worte‘ ...“ (1999/2011, S.113) – Dazu mußten sich die Leiser eine neue Technik aneignen, das „leise Lesen“, das nun an die Stelle des lauten gemeinsamen Lesens trat, z.B. in Form des väterlichen Bibelvortrags am mittäglichen oder abendlichen Familientisch: „Erst der leise und einsame Leser betrieb seine Lektüre wie eine Perspektive auf die im Text genannten optischen Daten ... Deshalb und nur deshalb konnte er seine Perspektive, die ja von keinem Mittheaterbesucher und dessen anderer Position im Zuschauerraum bestreitbar gemacht wurde, mit allem Glauben und das heißt mit aller Illusion ausstatten.“ (1999/2011, S.141)
Ähnlichkeiten mit dem Kino – also im dunklen Raum, statt wie im Theater im erleuchteten Saal – hatte das leise Lesen auch als klammheimlicher Prozeß unter der Bettdecke, wo man als Kind dem elterlichen Verbot zum Trotz mit der Taschenlampe weiterlas.
Kittlers These ist es jedenfalls, daß die romantische Literatur den europäischen Menschen auf den späteren Medienverbund des Kinos vorbereitet hatte. Die Leser waren schon auf imaginäre Illusionstechniken eingeübt, als ihnen Ende des 19.Jhdts. die ersten bewegten Bilder präsentiert wurden. Andere außereuropäische Kulturen hatten dabei größere Schwierigkeiten zu überwinden: „Andere Kulturen dagegen, bevor unsere Medienkonzerne nach dem Zweiten Weltkrieg zur weltweiten Kolonialisierung aller Wahrnehmung antraten, sollen Schwierigkeiten gehabt haben, eine Syntax aus lebenden Bildern überhaupt zu verfolgen. Deshalb liegt die Vermutung nahe, daß das Vermögen, Bildsequenzen zu sehen, seinerseits aus dem historisch erworbenen Vermögen folgte, Buchstabensequenzen nicht als solchen, sondern als imaginären Bildersequenzen zu folgen.“ (1999/2011, S.135)
Es waren nun wie gesagt nicht etwa alle ‚fünf‘ Sinne bei der Entwicklung des Medienverbundsystems von Tonfilm und Fernsehen beteiligt, sondern eben nur Akustik und Optik. Wenn es also um die physiologische Vermessung der „einzelnen Sinnesbereiche“ und ihre anschließende Verbindung zum Medienverbundsystem geht (vgl.1999/2011, S.209), haben wir es nicht wirklich mit der „Einheit der Sinne“ zu tun, wie sie Plessner beschrieben hat. (Vgl. meine Posts vom 13.07.2010 bis zum 15.07.10) Es fehlen die Zustandssinne, und es fehlt vor allem der wiederum systematische Bezug aller Sinne auf den ‚Geist‘ bzw. das Bewußtsein. Das Medienverbundsystem kommt völlig ohne diesen Bezug aus.
Interessanterweise ist dieses Manko schon früh Gegenstand der Kritik am Buch und dem damit verbundenen Leseprozeß gewesen. Rousseau hat schon das Bücherlesen, im Sinne von Kittlers „leisem Lesen“, verdächtigt, das selbständige Denken des lesenden Menschen zu behindern. Wenn man Kittlers medientechnologische Genealogie, die ja mit den gegenaufklärerischen Exerzitien des Jesuitenordens beginnt, berücksichtigt, kann man nicht umhin, Rousseau mit seinem Verdacht zumindestens teilweise rechtzugeben, – auch wenn er mit seiner Kritik an Büchern zum Vorbild von in regelmäßigen Abständen immer wieder neu aufgelegten, gleichermaßen kulturpessimistischen wie pädagogischen Reflexen auf die jeweiligen neuen Medien wurde. In schöner Regelmäßigkeit wurde mal dem Kino, dann dem Fernsehen und schließlich dem Computer vorgeworfen, für die Entwicklung des Kindes schädlich zu sein. Heutzutage erleben wir aber eher das Gegenteil. Keine bildungspolitische Stellungnahme ohne den Hinweis auf die Notwendigkeit möglichst frühzeitiger medienpädagogischer Maßnahmen in Schulen und ihrer Ausstattung mit modernen Computersystemen. – Aber diese überraschend positive, pädagogische Beurteilung von Medien sollte einem nicht weniger zu denken geben, als deren pauschale Verurteilung.
Der Punkt ist wohl doch der, daß kein Medium – weder Bücher noch Computer – dazu geschaffen wurde, uns das Denken abzunehmen. Abgesehen davon, daß kein Medium das überhaupt könnte! Der einzige Effekt, den die Medien in Bezug auf das Denken haben können – und das war eben Rousseaus Sorge, die sich bei Kittler ja letztlich auch bestätigt –, ist, das Denken abzuschaffen. Kein Computer wird jemals an unserer Stelle denken; wir aber können – und das ist eine durchaus reale Gefahr – mit dem Denken aufhören.
Letztlich gibt es bis heute auch kein Medienverbundsystem, das wirklich an die Stelle der Einheit der Sinne getreten ist, wie es Kittler suggeriert. Lediglich Auge und Ohr wurden technologisch miteinander verknüpft, – den Rest schafft die Imagination des Publikums, wie ja auch Kittler nicht müde wird zu betonen. So muß man also konstatieren – zu Kittlers Mißvergnügen –, es gibt den Körper noch immer. Und es gibt keinen menschlichen Körper ohne zumindestens die Option auf einen denkenden Verstand.
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Samstag, 28. April 2012
Friedrich Kittler, Optische Medien, Berliner Vorlesungen 1999, Berlin 2011
1. Kittlers Antihumanismus
2. Das Reelle und das Berechenbare
3. Medienverbundsysteme und die Einheit der Sinne (Plessner)
4. Standards und Stile
5. Das Subjekt als unendlicher Fluchtpunkt (Rekursivität)
6. Rekursivität und Resonanz
7. Leichen, Heilige und Löcher
Trotz meiner harschen Kritik an Kittler sehe ich durchaus, daß er interessante Begrifflichkeiten entwickelt, die dazu beitragen können, zu klären, was es mit Subjektivität und Selbstbewußtsein auf sich hat. Zu diesen Begrifflichkeiten gehören das „Medienverbundsystem“ und Kittlers kulturhistorische Darstellungen zur „Linearperspektive“, auf die ich in den folgenden Posts noch eingehen werde. In diesem Post will ich nochmal auf den Begriff des „Reellen“ zurückkommen, den Kittler von Lacan übernimmt.
In meinem Post vom 11.04.2012 war ich schon auf Kittlers Darstellungen zu Lacans Begriffen des Realen, Imaginären und Symbolischen in „Grammophon. Film. Typewriter“ (1986) eingegangen. (Vgl. 1986, S.27f.u.ö.) Dort hatte Kittler noch nicht zwischen Realem und Reellem differenziert, was er in „Optische Medien“ nachholt. Hier heißt es nun, daß man das Reelle „bitte nicht mit der landläufig sogenannten Realität () verwechseln“ solle: „Als le réel bestimmt sich dasjenige und nur dasjenige, was weder Gestalt hat wie das Imaginäre noch eine Syntax wie das Symbolische. Das Reelle, mit anderen Worten, fällt sowohl aus kombinatorischen Ordnungen wie aus Prozessen optischer Wahrnehmung heraus, eben darum aber – das ist eins der Leitmotive dieser Vorlesung – eben darum aber kann es nur von technischen Medien gespeichert und verarbeitet werden.“ (1999/2011, S.40)
Ich vermute, daß Kittler deshalb plötzlich so großen Wert darauf legt, zwischen dem Reellen und der Realität – eingeschlossen den Begriff des Realen – zu differenzieren, weil ihm aufgegangen ist, daß der Begriff der Realität zu anspruchsvoll ist, um ihn als bloßen Effekt von Medienverbundsystemen zu verbuchen. Wer von ‚Realität‘ spricht, kann nicht umhin, auch von ‚Bewußtsein‘ zu sprechen. Wer aber auf Simulation im Imaginären hinauswill – unter Umgehung von Bewußtseinsprozessen –, muß es tunlichst vermeiden, solche ‚veralteten‘ Begrifflichkeiten auch nur von Ferne in Erinnerung zu bringen. Im Kittlerschen Sinne ist der Begriff der ‚Realität‘ kontaminiert mit Bewußtsein. An dessen Stelle setzt er deshalb den Begriff des Reellen.
Damit ist Kittler in seine Analyse weiter vorgedrungen als etwa Metzinger, der ja gar nicht bemerkt, was er tut, wenn er ständig behauptet, der Realitätsbezug sei nur simuliert. (Vgl. meinen Post vom 05.05.2010) Mit jeder dieser Behauptungen ruft er unweigerlich die Vorstellung eines welthaltigen Bewußtseins auf, was ihn immer wieder in Selbstwidersprüche geraten läßt.
Wenn Kittler jetzt also statt von dem Realen oder von der Realität nur noch von dem Reellen sprechen will, so geht es ihm in diesem Reellen vor allem um das Rauschen, dessen Speicherung und Berechnung ja seinen Analysen zufolge die eigentliche Aufgabe technologischer Medien bildet. Es geht ihm also um Dynamiken, die „aus kombinatorischen Ordnungen wie aus Prozessen optischer Wahrnehmung“ herausfallen, wie es im obigen Zitat heißt, und die die Medien angeblich speichern und verarbeiten können. In seiner Euphorie bezüglich dieser der Kontrolle des Bewußtseins entzogenen Medienleistung behauptet Kittler, daß mit Hilfe von Computern „dank Mandelbrots Fraktalen“ mittlerweile sogar Wolken „in ihrer ganzen Zufälligkeit berechnet werden können und dann als errechnete, nicht gefilmte Bilder auf einen Bildschirm kommen“. (Vgl. 1999/2011, S.40)
Was Kittler hier tatsächlich aussagt, ist, daß Mandelbrots Fraktale Wolken simulieren können. Indem er aber undifferenziert von Wolken „in ihrer ganzen Zufälligkeit“ spricht – ohne dabei noch zwischen Realem und Reellem zu unterscheiden –, verschwindet hinter diesem „Reellen“ einer berechneten Simulation das Reale der wirklichen Wolken, die so unberechenbar und unkontrollierbar sind, daß bislang kein Klimamodell der Welt in der Lage ist, sie bei seinen Prognosen zu berücksichtigen. Wo in der Simulation jede einzelne Wolkenbewegung einem Algorithmus folgt, werden reale Wolkenbewegungen – und damit 70% der Klimadynamik – wegen ihrer Unberechenbarkeit bei den derzeitigen Klimamodellen schlicht und einfach ignoriert.
Ich will hier nicht in einen naturwissenschaftlichen Wettstreit mit Kittler treten, dessen medientechnologische Kompetenz ich neidlos anerkenne. Er hat das unbestreitbare Recht, sich bei seinen Medienanalysen auf das Reelle zu beschränken und das Reale aus seinen Betrachtungen auszuklammern. Er hat nur überhaupt kein Recht dazu, das ‚reale‘ Rauschen, d.h. die reale Unberechenbarkeit komplexer Naturphänomene, hinter dem simulierten ‚Rauschen‘ von Computeralgorithmen einfach verschwinden zu lassen und damit den Eindruck zu erwecken, man könne das, was man simulieren (berechnen) kann, ungestraft zerstören, – was, wie Kittler schreibt, eine „großartige Idee“ wäre. (Vgl. 1999/2011, S.167) Denn – wie er einen gewissen Oliver Wendell Holmes zitiert – sobald wir einen „sehenswerten Gegenstand() aus verschiedenen Perspektiven aufgenommen haben“, brauchen wir ihn nicht mehr: „Man reiße dann das Objekt ab oder zünde es an, wenn man will.“ (1999/2011, S.42) – Es ist Kittler selbst, der von hier die Linie bis nach Hiroshima zieht, wo in eins mit der Vernichtung von zehntausenden, nicht ‚Leuten‘, sondern Menschen photographische Effekte entstanden, nämlich Schatten an den Häuserwänden. Eine wirklich großartige Idee, Herr Kittler ...
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2. Das Reelle und das Berechenbare
3. Medienverbundsysteme und die Einheit der Sinne (Plessner)
4. Standards und Stile
5. Das Subjekt als unendlicher Fluchtpunkt (Rekursivität)
6. Rekursivität und Resonanz
7. Leichen, Heilige und Löcher
Trotz meiner harschen Kritik an Kittler sehe ich durchaus, daß er interessante Begrifflichkeiten entwickelt, die dazu beitragen können, zu klären, was es mit Subjektivität und Selbstbewußtsein auf sich hat. Zu diesen Begrifflichkeiten gehören das „Medienverbundsystem“ und Kittlers kulturhistorische Darstellungen zur „Linearperspektive“, auf die ich in den folgenden Posts noch eingehen werde. In diesem Post will ich nochmal auf den Begriff des „Reellen“ zurückkommen, den Kittler von Lacan übernimmt.
In meinem Post vom 11.04.2012 war ich schon auf Kittlers Darstellungen zu Lacans Begriffen des Realen, Imaginären und Symbolischen in „Grammophon. Film. Typewriter“ (1986) eingegangen. (Vgl. 1986, S.27f.u.ö.) Dort hatte Kittler noch nicht zwischen Realem und Reellem differenziert, was er in „Optische Medien“ nachholt. Hier heißt es nun, daß man das Reelle „bitte nicht mit der landläufig sogenannten Realität () verwechseln“ solle: „Als le réel bestimmt sich dasjenige und nur dasjenige, was weder Gestalt hat wie das Imaginäre noch eine Syntax wie das Symbolische. Das Reelle, mit anderen Worten, fällt sowohl aus kombinatorischen Ordnungen wie aus Prozessen optischer Wahrnehmung heraus, eben darum aber – das ist eins der Leitmotive dieser Vorlesung – eben darum aber kann es nur von technischen Medien gespeichert und verarbeitet werden.“ (1999/2011, S.40)
Ich vermute, daß Kittler deshalb plötzlich so großen Wert darauf legt, zwischen dem Reellen und der Realität – eingeschlossen den Begriff des Realen – zu differenzieren, weil ihm aufgegangen ist, daß der Begriff der Realität zu anspruchsvoll ist, um ihn als bloßen Effekt von Medienverbundsystemen zu verbuchen. Wer von ‚Realität‘ spricht, kann nicht umhin, auch von ‚Bewußtsein‘ zu sprechen. Wer aber auf Simulation im Imaginären hinauswill – unter Umgehung von Bewußtseinsprozessen –, muß es tunlichst vermeiden, solche ‚veralteten‘ Begrifflichkeiten auch nur von Ferne in Erinnerung zu bringen. Im Kittlerschen Sinne ist der Begriff der ‚Realität‘ kontaminiert mit Bewußtsein. An dessen Stelle setzt er deshalb den Begriff des Reellen.
Damit ist Kittler in seine Analyse weiter vorgedrungen als etwa Metzinger, der ja gar nicht bemerkt, was er tut, wenn er ständig behauptet, der Realitätsbezug sei nur simuliert. (Vgl. meinen Post vom 05.05.2010) Mit jeder dieser Behauptungen ruft er unweigerlich die Vorstellung eines welthaltigen Bewußtseins auf, was ihn immer wieder in Selbstwidersprüche geraten läßt.
Wenn Kittler jetzt also statt von dem Realen oder von der Realität nur noch von dem Reellen sprechen will, so geht es ihm in diesem Reellen vor allem um das Rauschen, dessen Speicherung und Berechnung ja seinen Analysen zufolge die eigentliche Aufgabe technologischer Medien bildet. Es geht ihm also um Dynamiken, die „aus kombinatorischen Ordnungen wie aus Prozessen optischer Wahrnehmung“ herausfallen, wie es im obigen Zitat heißt, und die die Medien angeblich speichern und verarbeiten können. In seiner Euphorie bezüglich dieser der Kontrolle des Bewußtseins entzogenen Medienleistung behauptet Kittler, daß mit Hilfe von Computern „dank Mandelbrots Fraktalen“ mittlerweile sogar Wolken „in ihrer ganzen Zufälligkeit berechnet werden können und dann als errechnete, nicht gefilmte Bilder auf einen Bildschirm kommen“. (Vgl. 1999/2011, S.40)
Was Kittler hier tatsächlich aussagt, ist, daß Mandelbrots Fraktale Wolken simulieren können. Indem er aber undifferenziert von Wolken „in ihrer ganzen Zufälligkeit“ spricht – ohne dabei noch zwischen Realem und Reellem zu unterscheiden –, verschwindet hinter diesem „Reellen“ einer berechneten Simulation das Reale der wirklichen Wolken, die so unberechenbar und unkontrollierbar sind, daß bislang kein Klimamodell der Welt in der Lage ist, sie bei seinen Prognosen zu berücksichtigen. Wo in der Simulation jede einzelne Wolkenbewegung einem Algorithmus folgt, werden reale Wolkenbewegungen – und damit 70% der Klimadynamik – wegen ihrer Unberechenbarkeit bei den derzeitigen Klimamodellen schlicht und einfach ignoriert.
Ich will hier nicht in einen naturwissenschaftlichen Wettstreit mit Kittler treten, dessen medientechnologische Kompetenz ich neidlos anerkenne. Er hat das unbestreitbare Recht, sich bei seinen Medienanalysen auf das Reelle zu beschränken und das Reale aus seinen Betrachtungen auszuklammern. Er hat nur überhaupt kein Recht dazu, das ‚reale‘ Rauschen, d.h. die reale Unberechenbarkeit komplexer Naturphänomene, hinter dem simulierten ‚Rauschen‘ von Computeralgorithmen einfach verschwinden zu lassen und damit den Eindruck zu erwecken, man könne das, was man simulieren (berechnen) kann, ungestraft zerstören, – was, wie Kittler schreibt, eine „großartige Idee“ wäre. (Vgl. 1999/2011, S.167) Denn – wie er einen gewissen Oliver Wendell Holmes zitiert – sobald wir einen „sehenswerten Gegenstand() aus verschiedenen Perspektiven aufgenommen haben“, brauchen wir ihn nicht mehr: „Man reiße dann das Objekt ab oder zünde es an, wenn man will.“ (1999/2011, S.42) – Es ist Kittler selbst, der von hier die Linie bis nach Hiroshima zieht, wo in eins mit der Vernichtung von zehntausenden, nicht ‚Leuten‘, sondern Menschen photographische Effekte entstanden, nämlich Schatten an den Häuserwänden. Eine wirklich großartige Idee, Herr Kittler ...
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Freitag, 27. April 2012
Friedrich Kittler, Optische Medien, Berliner Vorlesungen 1999, Berlin 2011
1. Kittlers Antihumanismus
2. Das Reelle und das Berechenbare
3. Medienverbundsysteme und die Einheit der Sinne (Plessner)
4. Standards und Stile
5. Das Subjekt als unendlicher Fluchtpunkt (Rekursivität)
6. Rekursivität und Resonanz
7. Leichen, Heilige und Löcher
Ich bin schon in meinem Post vom 08.04.2012 zu „Grammophon. Film. Typewriter“ (1986) ausführlich auf Kittlers Anthropophobie eingegangen, so daß ein weiterer Post zu Kittlers Antihumanismus in „Optische Medien“ (1999/2011) als eine eher überflüssige Wiederholung erscheinen muß. Allerdings möchte ich diese Gelegenheit nutzen und einige grundsätzlichere Anmerkungen zur Verantwortung der Wissenschaft machen. Außerdem kann ich so die eine und andere amüsante Entgleisung im Kittlerschen Antihumanismus nachtragen.
Fangen wir mit dem Amüsanten an. Nicht nur ‚Menschen‘ wie ich ärgern sich über die penetrante Weigerung von ‚Leuten‘ wie Kittler, den ‚Menschen‘ in ihren Überlegungen überhaupt noch in Betracht zu ziehen. (Vgl. 1999/2011, S.34) ‚Penetrant‘ und ärgerlich ist diese Weigerung vor allem deshalb, weil sich Kittler nicht genug darin tun kann, mit billiger Rhetorik immer wieder darauf hinzuweisen und en passant dem ‚Menschen‘, den er für sich selbst doch längst verabschiedet hat, noch einen Tritt hinterher zu geben. Dazu gehört z.B. das fast schon spaßige Verwenden des Alternativwortes ‚Leute‘ (vgl. 1999/2011, S.164, 180, 227, 233f., 257), das so betont nonchalant daherkommt, daß es ganz offensichtlich ist: hier will einer das Wort ‚Mensch‘ nicht verwenden. So nehmen dann z.B. Computer nicht etwa Menschen aus Fleisch und Blut das Denken ab, sondern irgendwelchen „Leuten“ (vgl. 1999/2011, S.164).
Wie gesagt: nicht nur ‚Menschen‘ wie ich ärgern sich über solche ‚Leute‘ wie Kittler. Auch Kittler kann sich ärgern, – und das ist dann eben zur Abwechslung erheiternd. So ärgert er sich z.B. über die angebliche ‚Mode‘ in der Wissenschaft, ständig die Bedeutung des Körpers zu betonen: „Es scheint heute ganze Wissenschaftszweige zu geben, die nichts gesagt zu haben glauben, wenn sie nicht hundertmal Körper gesagt haben.“ (1999/2011, S.188) – Ja ist es denn die Möglichkeit, daß die Kollegen immer noch nicht begriffen haben, daß der menschliche Körper inzwischen durch Medien vollständig ersetzt worden ist? Ich erlaube meinem ‚Körper‘ ein Schmunzeln.
An anderer Stelle verwundert sich Kittler über die „Halsstarrigkeit“ fortschrittlicher Künstleringenieure des 19. Jhdts., die maßgeblich zur Weiterentwicklung technischer Medien beigetragen haben, sich aber trotzdem, wie z.B. der Landschaftsphotograph Muybridge, ein Leben lang weigerten, „von den schweren und unbeweglichen Glasplatten“ abzulassen, so daß er nur insgesamt 12 Aufnahmen vom „Pferdegalopp“ produzieren konnte, anstatt 270 pro Minute. (Vgl. 1999/2011, S.203f.) Muybridges sinnliche Freude an der schweren Körperlichkeit seiner Glasplatten liegt jenseits von Kittlers Horizont. So wie er auch den Erfinder des Zeichentrickfilms Reynaud nicht versteht, der nach Kittlers Darstellung aus der technischen Not heraus, noch keine Photographien auf Filmrollen übertragen zu können, ein „perforiertes und biegsames Band“ mit Handzeichnungen ausfüllte. Als dann kurz darauf Verfahren entwickelt wurden, Photoserien auf Zelluloidrollen zu produzieren, weigerte sich Reynaud aber weiterhin – Kittler ist fassungslos – mit dem Zeichnen von Trickfilmen aufzuhören! (Vgl. 1999/2011, S.197)
Wahrscheinlich ist Kittler nie Kind gewesen. Ich weiß noch sehr gut, daß ich als Kind Zeichentrickfilme jedem realistischen Photoplay vorgezogen hatte, – wenn ich nur die Wahl gehabt hätte. Der standen nicht nur das Fehlen eines Fernsehers, sondern auch die auf einmal pro Jahr (zum Weltspartag) beschränkten Kinobesuche entgegen. Auch heute noch liebe ich die klassischen Zeichentrickfilme, denen Walt Disney – wahrscheinlich sehr zum Verdruß von Kittler – gelegentlich sogar Leinwandabbildungen mit ihrer groben Textualität voranstellte (Kittler würde sagen, daß sie aus lauter Löchern bestehen (vgl. 1999/2011, S.71)) und die den geneigten Zuschauer magisch zum Träumen einluden. Aber ich bin ja auch nur ein ‚sogenannter‘ Mensch.
Das fand ich, wie gesagt, amüsant. Aber nun zur weniger amüsanten Verantwortung der Wissenschaft. Einiges zum Thema Wissenschaft habe ich schon in meinem Post vom 06.12.2010 zu Plessner geschrieben. Da war es um die Frage nach der Wissensentwicklung, dem Wissensfortschritt in der Wissenschaft gegangen. Plessner hatte in „Die verspätete Nation“ darauf hingewiesen, daß die wissenschaftlichen Theorien nicht in erster Linie am Erkenntniszuwachs orientiert sind, sondern – oft nur unbewußt, aber oft auch strategisch und bewußt – auf gesellschaftspolitische Bedürfnisse reagieren. Wenn überhaupt von einem wissenschaftlichen Fortschritt die Rede sein kann, dann vor allem im Sinne einer ‚Geste‘ bzw. ‚Pose‘: der Wissenschaftler beansprucht dann mit seiner Forschung, die Gesellschaft bzw. den ‚Menschen‘, soweit diesem überhaupt eine Relevanz zugebilligt wird, über ihre bzw. seine Vorurteile ‚aufzuklären‘. Dieser Prozeß der Aufklärung und Enthüllung geht auf die Aufdeckung immer tiefer liegender, realitätshaltigerer Mechanismen, von denen her das Verhalten von Menschen und Gesellschaften erklärt wird. Als aktuelle Beispiele solcher Enthüllungen hinsichtlich der conditio humana sei hier nur auf die Genetik, die Neurophysiologie oder – wie bei Kittler – die Informationstechnologien verwiesen.
Der Punkt, auf den ich hinauswill, ist folgender: in der Wissenschaft haben wir es heute im Grunde mit zwei grundverschiedenen Positionen zu tun, die beide nichts miteinander zu tun haben und zwischen denen es keinerlei Kommunikation gibt. Es kann diese Kommunikation auch gar nicht geben. Interdisziplinarität ist hier von vornherein ausgeschlossen! Bei diesen ‚Positionen‘ handelt es sich um Wissenschaftler, die eine Verantwortung für den Menschen empfinden und ihr gerecht zu werden versuchen. In diesem Blog besprochene, noch lebende Autoren dieser Richtung sind z.B. Welzer, Beck/Beck-Gernsheim, Meyer-Drawe, Geier, de Waal, Meyer-Schönberger und Assmann. Das sind die Autoren, die sich ausdrücklich zu ihrer Verantwortung für die conditio humana auch einer zukünftigen Menschheit bekennen. Es mag überraschen, wenn ich dieser Reihe noch Metzinger hinzufüge. Zwar nimmt Metzinger den Menschen nur als informationsverarbeitende Maschine zur Kenntnis, aber er macht sich dennoch paradoxerweise Gedanken über dessen menschliche Zukunft. Einige andere Autoren, die ich in diesem Blog besprochen, aber hier nicht genannt habe, müssen deshalb nicht eine antihumane Position einnehmen. Ich habe lediglich keine Kenntnis von expliziten Äußerungen in die eine oder in die andere Richtung.
Und dann gibt es eben die expliziten Menschenverächter, die sich wie Kittler nicht genug darin tun können, ihre Menschenverachtung und Maschinenverliebtheit zum Ausdruck zu bringen, – und das angesichts eines globalen Desasters, das sie entweder völlig ignorieren oder mit neuen Ingenieursleistungen als problemlos regulierbar vorgeben. Kittler ist sich nicht zu schade für eine „Garantie auf Erfindbarkeit im allgemeinen“ (1999/2012, S.165). Solche Garantien abzugeben kostete Kittler letztlich nichts, denn den kürzlich Verstorbenen wird wohl niemand je haftbar machen können.
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2. Das Reelle und das Berechenbare
3. Medienverbundsysteme und die Einheit der Sinne (Plessner)
4. Standards und Stile
5. Das Subjekt als unendlicher Fluchtpunkt (Rekursivität)
6. Rekursivität und Resonanz
7. Leichen, Heilige und Löcher
Ich bin schon in meinem Post vom 08.04.2012 zu „Grammophon. Film. Typewriter“ (1986) ausführlich auf Kittlers Anthropophobie eingegangen, so daß ein weiterer Post zu Kittlers Antihumanismus in „Optische Medien“ (1999/2011) als eine eher überflüssige Wiederholung erscheinen muß. Allerdings möchte ich diese Gelegenheit nutzen und einige grundsätzlichere Anmerkungen zur Verantwortung der Wissenschaft machen. Außerdem kann ich so die eine und andere amüsante Entgleisung im Kittlerschen Antihumanismus nachtragen.
Fangen wir mit dem Amüsanten an. Nicht nur ‚Menschen‘ wie ich ärgern sich über die penetrante Weigerung von ‚Leuten‘ wie Kittler, den ‚Menschen‘ in ihren Überlegungen überhaupt noch in Betracht zu ziehen. (Vgl. 1999/2011, S.34) ‚Penetrant‘ und ärgerlich ist diese Weigerung vor allem deshalb, weil sich Kittler nicht genug darin tun kann, mit billiger Rhetorik immer wieder darauf hinzuweisen und en passant dem ‚Menschen‘, den er für sich selbst doch längst verabschiedet hat, noch einen Tritt hinterher zu geben. Dazu gehört z.B. das fast schon spaßige Verwenden des Alternativwortes ‚Leute‘ (vgl. 1999/2011, S.164, 180, 227, 233f., 257), das so betont nonchalant daherkommt, daß es ganz offensichtlich ist: hier will einer das Wort ‚Mensch‘ nicht verwenden. So nehmen dann z.B. Computer nicht etwa Menschen aus Fleisch und Blut das Denken ab, sondern irgendwelchen „Leuten“ (vgl. 1999/2011, S.164).
Wie gesagt: nicht nur ‚Menschen‘ wie ich ärgern sich über solche ‚Leute‘ wie Kittler. Auch Kittler kann sich ärgern, – und das ist dann eben zur Abwechslung erheiternd. So ärgert er sich z.B. über die angebliche ‚Mode‘ in der Wissenschaft, ständig die Bedeutung des Körpers zu betonen: „Es scheint heute ganze Wissenschaftszweige zu geben, die nichts gesagt zu haben glauben, wenn sie nicht hundertmal Körper gesagt haben.“ (1999/2011, S.188) – Ja ist es denn die Möglichkeit, daß die Kollegen immer noch nicht begriffen haben, daß der menschliche Körper inzwischen durch Medien vollständig ersetzt worden ist? Ich erlaube meinem ‚Körper‘ ein Schmunzeln.
An anderer Stelle verwundert sich Kittler über die „Halsstarrigkeit“ fortschrittlicher Künstleringenieure des 19. Jhdts., die maßgeblich zur Weiterentwicklung technischer Medien beigetragen haben, sich aber trotzdem, wie z.B. der Landschaftsphotograph Muybridge, ein Leben lang weigerten, „von den schweren und unbeweglichen Glasplatten“ abzulassen, so daß er nur insgesamt 12 Aufnahmen vom „Pferdegalopp“ produzieren konnte, anstatt 270 pro Minute. (Vgl. 1999/2011, S.203f.) Muybridges sinnliche Freude an der schweren Körperlichkeit seiner Glasplatten liegt jenseits von Kittlers Horizont. So wie er auch den Erfinder des Zeichentrickfilms Reynaud nicht versteht, der nach Kittlers Darstellung aus der technischen Not heraus, noch keine Photographien auf Filmrollen übertragen zu können, ein „perforiertes und biegsames Band“ mit Handzeichnungen ausfüllte. Als dann kurz darauf Verfahren entwickelt wurden, Photoserien auf Zelluloidrollen zu produzieren, weigerte sich Reynaud aber weiterhin – Kittler ist fassungslos – mit dem Zeichnen von Trickfilmen aufzuhören! (Vgl. 1999/2011, S.197)
Wahrscheinlich ist Kittler nie Kind gewesen. Ich weiß noch sehr gut, daß ich als Kind Zeichentrickfilme jedem realistischen Photoplay vorgezogen hatte, – wenn ich nur die Wahl gehabt hätte. Der standen nicht nur das Fehlen eines Fernsehers, sondern auch die auf einmal pro Jahr (zum Weltspartag) beschränkten Kinobesuche entgegen. Auch heute noch liebe ich die klassischen Zeichentrickfilme, denen Walt Disney – wahrscheinlich sehr zum Verdruß von Kittler – gelegentlich sogar Leinwandabbildungen mit ihrer groben Textualität voranstellte (Kittler würde sagen, daß sie aus lauter Löchern bestehen (vgl. 1999/2011, S.71)) und die den geneigten Zuschauer magisch zum Träumen einluden. Aber ich bin ja auch nur ein ‚sogenannter‘ Mensch.
Das fand ich, wie gesagt, amüsant. Aber nun zur weniger amüsanten Verantwortung der Wissenschaft. Einiges zum Thema Wissenschaft habe ich schon in meinem Post vom 06.12.2010 zu Plessner geschrieben. Da war es um die Frage nach der Wissensentwicklung, dem Wissensfortschritt in der Wissenschaft gegangen. Plessner hatte in „Die verspätete Nation“ darauf hingewiesen, daß die wissenschaftlichen Theorien nicht in erster Linie am Erkenntniszuwachs orientiert sind, sondern – oft nur unbewußt, aber oft auch strategisch und bewußt – auf gesellschaftspolitische Bedürfnisse reagieren. Wenn überhaupt von einem wissenschaftlichen Fortschritt die Rede sein kann, dann vor allem im Sinne einer ‚Geste‘ bzw. ‚Pose‘: der Wissenschaftler beansprucht dann mit seiner Forschung, die Gesellschaft bzw. den ‚Menschen‘, soweit diesem überhaupt eine Relevanz zugebilligt wird, über ihre bzw. seine Vorurteile ‚aufzuklären‘. Dieser Prozeß der Aufklärung und Enthüllung geht auf die Aufdeckung immer tiefer liegender, realitätshaltigerer Mechanismen, von denen her das Verhalten von Menschen und Gesellschaften erklärt wird. Als aktuelle Beispiele solcher Enthüllungen hinsichtlich der conditio humana sei hier nur auf die Genetik, die Neurophysiologie oder – wie bei Kittler – die Informationstechnologien verwiesen.
Der Punkt, auf den ich hinauswill, ist folgender: in der Wissenschaft haben wir es heute im Grunde mit zwei grundverschiedenen Positionen zu tun, die beide nichts miteinander zu tun haben und zwischen denen es keinerlei Kommunikation gibt. Es kann diese Kommunikation auch gar nicht geben. Interdisziplinarität ist hier von vornherein ausgeschlossen! Bei diesen ‚Positionen‘ handelt es sich um Wissenschaftler, die eine Verantwortung für den Menschen empfinden und ihr gerecht zu werden versuchen. In diesem Blog besprochene, noch lebende Autoren dieser Richtung sind z.B. Welzer, Beck/Beck-Gernsheim, Meyer-Drawe, Geier, de Waal, Meyer-Schönberger und Assmann. Das sind die Autoren, die sich ausdrücklich zu ihrer Verantwortung für die conditio humana auch einer zukünftigen Menschheit bekennen. Es mag überraschen, wenn ich dieser Reihe noch Metzinger hinzufüge. Zwar nimmt Metzinger den Menschen nur als informationsverarbeitende Maschine zur Kenntnis, aber er macht sich dennoch paradoxerweise Gedanken über dessen menschliche Zukunft. Einige andere Autoren, die ich in diesem Blog besprochen, aber hier nicht genannt habe, müssen deshalb nicht eine antihumane Position einnehmen. Ich habe lediglich keine Kenntnis von expliziten Äußerungen in die eine oder in die andere Richtung.
Und dann gibt es eben die expliziten Menschenverächter, die sich wie Kittler nicht genug darin tun können, ihre Menschenverachtung und Maschinenverliebtheit zum Ausdruck zu bringen, – und das angesichts eines globalen Desasters, das sie entweder völlig ignorieren oder mit neuen Ingenieursleistungen als problemlos regulierbar vorgeben. Kittler ist sich nicht zu schade für eine „Garantie auf Erfindbarkeit im allgemeinen“ (1999/2012, S.165). Solche Garantien abzugeben kostete Kittler letztlich nichts, denn den kürzlich Verstorbenen wird wohl niemand je haftbar machen können.
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Freitag, 20. April 2012
Bewußtes, Unbewußtes, Unterbewußtes
Inzwischen ist es wohl nötig geworden, daß ich hier einige Differenzierungen am Begriff des Unbewußten vornehme. Dabei geht es mir weniger darum, einen möglichst allgemeingültigen Begriff zu finden. Mir geht es lediglich darum, den Gebrauch dieses Begriffs im Rahmen dieses Blogs zu klären.
Ich bin schon in meinem ersten Post vom 21.04.2010 und zuletzt in meinem Post vom 14.04.2012 auf das Unbewußte zu sprechen gekommen. In meinem ersten Post hatte ich das Unbewußte als ‚fremdes Fundament‘ des Bewußtseins gekennzeichnet; und zwar in dreifacher Hinsicht: als stumme Natur, als Kultur (kulturelles Gedächtnis, Lebenswelt) und als individuelles Unbewußtes (dem autobiographischen Gedächtnis entzogene Bereiche der individuellen Ontogenese).
Diese drei Dimensionen eines das Bewußtsein ständig begleitenden, seinem Zugriff aber entzogenen ,Fremden‘ möchte ich noch einmal zurückführen auf die Differenz zwischen Unbewußtem und Unterbewußtem. Das Unbewußte umfaßt seit der Antike bis Sigmund Freud verschiedene Momente: es bildet eine Art alternative ,Intelligenz‘ bzw. ,Instinkt‘ und wird in dieser Funktion auch als ,Seele‘ bezeichnet. Als solche ist es mal dem eigentlichen Verstand überlegen, so daß es für die Menschen stets übel endet, wenn sie auf diese ,innere Stimme‘ nicht hören. Oder aber die ‚Seele‘ bildet eine Art ursprüngliches, animalisches Rohmaterial, das erst mit Hilfe des ,Geistes‘ nach und nach gebildet und vergeistigt werden muß.
Sigmund Freud beschreibt das Unbewußte als den Bereich, in den ehemals bewußte Erfahrungen, Wünsche, Erlebnisse hinabsinken, weil sie als ,gefährlich‘, unmoralisch oder gesellschaftlich unerwünscht gelten. In dieser Funktion kann man dieses ‚Unbewußte‘ wohl besser als ‚Unterbewußtes‘ bezeichnen, weil sich in ihm alle die Momente unseres Bewußtseinslebens sedimeniert haben, die wir nicht unmittelbar im Handeln ausleben können. Dieses Unterbewußte ist ungeheuer dynamisch und befindet sich im ständigen Konflikt mit dem Bewußtsein, das die dynamischen Prozesse seines Unterbewußten nur durch Sublimation zu ,kontrollieren‘ vermag. Letztlich bestimmt also dieses Unterbewußte die Dynamik unseres Bewußtseinslebens. Im Freudschen Sinne bildet es in Form des ,Es‘ das eigentliche Subjekt.
Dann gibt es noch das kollektive Unbewußte von Carl Gustav Jung in Form der Archetypen. Dieses Unbewußte bildet die geistige Erbmasse der ganzen Menschheitsentwicklung, die in jeder individuellen Entwicklung wiedergeboren wird. Das geht noch über das kulturelle Gedächtnis von Jan Assmann hinaus, das ja vor allem ein Buchgedächtnis ist. (Vgl. meine Posts vom 05.02.2011 und vom 07.02.2011) Es vereint in sich die biologischen und kulturellen Fundamente der menschlichen Ontogenese. Auch hier haben wir es mit Sedimentierungsprozessen zu tun, also mit einem Unterbewußten.
Wenn ich also in diesem Blog künftig zwischen Unbewußtem und Unterbewußtem unterscheiden will, dann meine ich mit dem Unbewußten vor allem eine alternative, dem bewußten Zugriff entzogene ‚Intelligenz‘ und die Vollzugsform des Hier und Jetzt. Das Unterbewußte entsteht vor allem aus Sedimentierungsprozessen. Dabei ist das Unbewußte das prinzipiell nicht Bewußte, durch das das Bewußtseinsleben aber erst möglich wird. Als dem bewußten Zugriff entzogene alternative Intelligenz bildet das Unbewußte eine Art ‚Gewissen‘, wie man es mit einem traditionellen Begriff ausdrücken könnte. In einem anderen Post (vom 10.11.2011) hatte ich von einer Form intuitiven Verstehens als Kontextphänomen gesprochen, das in seiner Prozeßstruktur der Schwarmintelligenz gleicht.
Als Vollzugsform des Hier und Jetzt besteht die Leistung des Unbewußten darin, uns im Hier und Jetzt zu verankern. Meyer-Drawe hat dieses Unbewußte als „Vollzug“ beschrieben (vgl meinen Post vom 10.01.2012); Plessner spricht vom präsentischen Bewußtsein (vgl meinen Post vom 30.01.2012). Alles was uns im Hier und Jetzt widerfährt, bildet ein präsentisches Unbewußtes, demgegenüber unser repräsentatives Bewußtsein, das sich diesem Hier und Jetzt wahrnehmend, erlebend und thematisierend zuwendet, immer nur verspätet ist: was ich auch immer denke, ist gerade eben geschehen und schon vorbei. Auch wenn dieses präsentische Unbewußte prinzipiell unbewußt bleibt, können wir darauf in Form von Störungen unseres Bewußtseinslebens aufmerksam werden. Diese ‚Störungen‘ sind nicht pathologischer Natur, wie beim Unterbewußten. Sie ermöglichen vielmehr qualitative Veränderungen unserer bisherigen Gewißheiten in Richtung neuer Gewißheiten. In dieser Funktion bilden sie ein notwendiges Moment von Verstehensprozessen (alternative Intelligenz).
Das Unterbewußte ist das potentiell Bewußte, das sich dem Bewußtsein aber dynamisch entzieht. Dieses Unterbewußte deckt sich zum einen mit der Lebenswelt, das sowohl ein im Freudschen Sinne herabgesunkenes, aber dennoch höchst aktuelles, energetisches Motivationsgemisch bildet, das die Bewußtseinsschwelle nur in Form von Sublimationen zu überschreiten vermag, wie es auch zum anderen im ontogenetischen Gedächtnis besteht, das alle Erinnerungen der individuellen Ontogenese beinhaltet, deren wir uns meistens nicht mehr bewußt sind, die aber aufgrund von Sinneseindrücken wie Gerüchen oder aufgrund bestimmter Ereignisse (Déjà-vus) gegen unseren Willen wieder in uns lebendig werden können. (Vgl. die biographischen Rückwenden in meinem Post vom 04.03.2012 zu Beck/Beck-Gernsheim) Darüberhinaus beinhaltet das potentiell Bewußte auch das kollektive Gedächtnis im Sinne von Archetypen, die weiter zurückreichen als die Lebenswelt.
Aus diesem Versuch einer Verhältnisbestimmung von Unbewußtem und Unterbewußtem läßt sich für eine die Phylogenese und die Ontogenese des Menschen umfassende Anthropologie der Schluß ziehen, daß der Mensch einen Anachronismus darstellt, – und zwar einen Anachronismus, der als ergänzende Bestimmung der Plessnerschen exzentrischen Positionalität verstanden werden kann. ‚Ana-Chronismus‘ soll in diesem Fall heißen, daß der Mensch gleichermaßen in der Zeit steht wie außerhalb, ähnlich wie exzentrische Positionalität bedeutet, gleichzeitig Teil der Welt zu sein und ihr gegenüberzustehen.
Es gibt also eine Menschheitsgeschichte, die gleichermaßen phylo- wie ontogenetisch voranschreitet und die im menschlichen Bewußtsein gipfelt, welches dem erweiterten Bewußtsein bei Damasio entspricht. (Vgl. „Ich fühle, also bin ich“ (8/2009), S.278) Aber quer zu dieser Chronologie steht der Anachronismus des Unterbewußten, der die ganze Gedächtnislast dieser Menschheitsgeschichte wie ein Schatten hinterherträgt und diese Schattenbilder als fremde Gegenstände einer fremden inneren Welt dem Bewußtsein gegenüberstellt. Da das Gedächtnis dieses Unterbewußten aus lauter Anachronismen besteht, ist es nicht in mathematische Algorithmen transformierbar. Das menschliche Gedächtnis ist keine informationsverarbeitende Maschine.
(Zum ‚tierischen Erbe‘ als einem Anachronismus vor der „effektiven Folie“ von Glühbirnfabriken und Rundfunkapparaten vgl. auch meinen Post vom 27.01.2011 zum Verhältnis von Mensch und Natur bei Günther Anders. Die bei Anders angesprochenen Glühbirnen und Rundfunkapparate erinnern wiederum an das von Kittler so wertgeschätzte „Rauschen“. (Vgl meinen Post vom 14.04.2012) Mit diesem medientechnischen Rauschen ist der menschliche Anachronismus aber ganz und gar nicht zu vergleichen, da der aus denn Tiefen des Unterbewußten aufsteigende Unsinn immer auch sinnhaltig ist.)
Das Bewußt-Sein umfaßt als ein Seinsgeschehen, als Existenz, alle Dimensionen des Bewußten und des Nicht-Bewußten. Die Frage nach dem Subjekt unseres Denkens, Wollens und Handelns verführt nun dazu, das Eine gegen das Andere auszuspielen. Eine solche Frage, die Bewußtes oder Unbewußtes oder Unterbewußtes jeweils allein in der Subjektposition vermutet und nur noch zu klären versucht, welches davon in Betracht zu ziehen wäre, ist aber falsch gestellt. Wohlgemerkt: nicht die Frage nach dem Subjekt ist falsch gestellt, sondern welche spezifische Bewußtseinsdimension als Subjekt in Frage kommt. Denn Subjektivität ist der unverzichtbare Fluchtpunkt rekursiver Perspektiven innerhalb eines Mensch-Welt-Verhältnisses, das von seinem eigenen Handeln in seiner Existenz bedroht ist. Auf diesen Fluchtpunkt hin fokussieren wir die Verantwortung des Menschen für sich und seine Nachwelt. Davon suspendieren uns keine technischen Medien, von denen Kittler zufolge sowie nichts Erwähnenswerteres bleibt als ihr Rauschen.
Im Rauschen erhebt sich eine Stimme. Das heißt Subjektivität. Ihr muß Raum und Resonanz gegeben werden. Das heißt Inter-Subjektivität. Das ist so einfach, daß es schmerzt, zuzusehen, wie viel Mühe sich kluge Menschen geben, es zu leugnen.
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Ich bin schon in meinem ersten Post vom 21.04.2010 und zuletzt in meinem Post vom 14.04.2012 auf das Unbewußte zu sprechen gekommen. In meinem ersten Post hatte ich das Unbewußte als ‚fremdes Fundament‘ des Bewußtseins gekennzeichnet; und zwar in dreifacher Hinsicht: als stumme Natur, als Kultur (kulturelles Gedächtnis, Lebenswelt) und als individuelles Unbewußtes (dem autobiographischen Gedächtnis entzogene Bereiche der individuellen Ontogenese).
Diese drei Dimensionen eines das Bewußtsein ständig begleitenden, seinem Zugriff aber entzogenen ,Fremden‘ möchte ich noch einmal zurückführen auf die Differenz zwischen Unbewußtem und Unterbewußtem. Das Unbewußte umfaßt seit der Antike bis Sigmund Freud verschiedene Momente: es bildet eine Art alternative ,Intelligenz‘ bzw. ,Instinkt‘ und wird in dieser Funktion auch als ,Seele‘ bezeichnet. Als solche ist es mal dem eigentlichen Verstand überlegen, so daß es für die Menschen stets übel endet, wenn sie auf diese ,innere Stimme‘ nicht hören. Oder aber die ‚Seele‘ bildet eine Art ursprüngliches, animalisches Rohmaterial, das erst mit Hilfe des ,Geistes‘ nach und nach gebildet und vergeistigt werden muß.
Sigmund Freud beschreibt das Unbewußte als den Bereich, in den ehemals bewußte Erfahrungen, Wünsche, Erlebnisse hinabsinken, weil sie als ,gefährlich‘, unmoralisch oder gesellschaftlich unerwünscht gelten. In dieser Funktion kann man dieses ‚Unbewußte‘ wohl besser als ‚Unterbewußtes‘ bezeichnen, weil sich in ihm alle die Momente unseres Bewußtseinslebens sedimeniert haben, die wir nicht unmittelbar im Handeln ausleben können. Dieses Unterbewußte ist ungeheuer dynamisch und befindet sich im ständigen Konflikt mit dem Bewußtsein, das die dynamischen Prozesse seines Unterbewußten nur durch Sublimation zu ,kontrollieren‘ vermag. Letztlich bestimmt also dieses Unterbewußte die Dynamik unseres Bewußtseinslebens. Im Freudschen Sinne bildet es in Form des ,Es‘ das eigentliche Subjekt.
Dann gibt es noch das kollektive Unbewußte von Carl Gustav Jung in Form der Archetypen. Dieses Unbewußte bildet die geistige Erbmasse der ganzen Menschheitsentwicklung, die in jeder individuellen Entwicklung wiedergeboren wird. Das geht noch über das kulturelle Gedächtnis von Jan Assmann hinaus, das ja vor allem ein Buchgedächtnis ist. (Vgl. meine Posts vom 05.02.2011 und vom 07.02.2011) Es vereint in sich die biologischen und kulturellen Fundamente der menschlichen Ontogenese. Auch hier haben wir es mit Sedimentierungsprozessen zu tun, also mit einem Unterbewußten.
Wenn ich also in diesem Blog künftig zwischen Unbewußtem und Unterbewußtem unterscheiden will, dann meine ich mit dem Unbewußten vor allem eine alternative, dem bewußten Zugriff entzogene ‚Intelligenz‘ und die Vollzugsform des Hier und Jetzt. Das Unterbewußte entsteht vor allem aus Sedimentierungsprozessen. Dabei ist das Unbewußte das prinzipiell nicht Bewußte, durch das das Bewußtseinsleben aber erst möglich wird. Als dem bewußten Zugriff entzogene alternative Intelligenz bildet das Unbewußte eine Art ‚Gewissen‘, wie man es mit einem traditionellen Begriff ausdrücken könnte. In einem anderen Post (vom 10.11.2011) hatte ich von einer Form intuitiven Verstehens als Kontextphänomen gesprochen, das in seiner Prozeßstruktur der Schwarmintelligenz gleicht.
Als Vollzugsform des Hier und Jetzt besteht die Leistung des Unbewußten darin, uns im Hier und Jetzt zu verankern. Meyer-Drawe hat dieses Unbewußte als „Vollzug“ beschrieben (vgl meinen Post vom 10.01.2012); Plessner spricht vom präsentischen Bewußtsein (vgl meinen Post vom 30.01.2012). Alles was uns im Hier und Jetzt widerfährt, bildet ein präsentisches Unbewußtes, demgegenüber unser repräsentatives Bewußtsein, das sich diesem Hier und Jetzt wahrnehmend, erlebend und thematisierend zuwendet, immer nur verspätet ist: was ich auch immer denke, ist gerade eben geschehen und schon vorbei. Auch wenn dieses präsentische Unbewußte prinzipiell unbewußt bleibt, können wir darauf in Form von Störungen unseres Bewußtseinslebens aufmerksam werden. Diese ‚Störungen‘ sind nicht pathologischer Natur, wie beim Unterbewußten. Sie ermöglichen vielmehr qualitative Veränderungen unserer bisherigen Gewißheiten in Richtung neuer Gewißheiten. In dieser Funktion bilden sie ein notwendiges Moment von Verstehensprozessen (alternative Intelligenz).
Das Unterbewußte ist das potentiell Bewußte, das sich dem Bewußtsein aber dynamisch entzieht. Dieses Unterbewußte deckt sich zum einen mit der Lebenswelt, das sowohl ein im Freudschen Sinne herabgesunkenes, aber dennoch höchst aktuelles, energetisches Motivationsgemisch bildet, das die Bewußtseinsschwelle nur in Form von Sublimationen zu überschreiten vermag, wie es auch zum anderen im ontogenetischen Gedächtnis besteht, das alle Erinnerungen der individuellen Ontogenese beinhaltet, deren wir uns meistens nicht mehr bewußt sind, die aber aufgrund von Sinneseindrücken wie Gerüchen oder aufgrund bestimmter Ereignisse (Déjà-vus) gegen unseren Willen wieder in uns lebendig werden können. (Vgl. die biographischen Rückwenden in meinem Post vom 04.03.2012 zu Beck/Beck-Gernsheim) Darüberhinaus beinhaltet das potentiell Bewußte auch das kollektive Gedächtnis im Sinne von Archetypen, die weiter zurückreichen als die Lebenswelt.
Aus diesem Versuch einer Verhältnisbestimmung von Unbewußtem und Unterbewußtem läßt sich für eine die Phylogenese und die Ontogenese des Menschen umfassende Anthropologie der Schluß ziehen, daß der Mensch einen Anachronismus darstellt, – und zwar einen Anachronismus, der als ergänzende Bestimmung der Plessnerschen exzentrischen Positionalität verstanden werden kann. ‚Ana-Chronismus‘ soll in diesem Fall heißen, daß der Mensch gleichermaßen in der Zeit steht wie außerhalb, ähnlich wie exzentrische Positionalität bedeutet, gleichzeitig Teil der Welt zu sein und ihr gegenüberzustehen.
Es gibt also eine Menschheitsgeschichte, die gleichermaßen phylo- wie ontogenetisch voranschreitet und die im menschlichen Bewußtsein gipfelt, welches dem erweiterten Bewußtsein bei Damasio entspricht. (Vgl. „Ich fühle, also bin ich“ (8/2009), S.278) Aber quer zu dieser Chronologie steht der Anachronismus des Unterbewußten, der die ganze Gedächtnislast dieser Menschheitsgeschichte wie ein Schatten hinterherträgt und diese Schattenbilder als fremde Gegenstände einer fremden inneren Welt dem Bewußtsein gegenüberstellt. Da das Gedächtnis dieses Unterbewußten aus lauter Anachronismen besteht, ist es nicht in mathematische Algorithmen transformierbar. Das menschliche Gedächtnis ist keine informationsverarbeitende Maschine.
(Zum ‚tierischen Erbe‘ als einem Anachronismus vor der „effektiven Folie“ von Glühbirnfabriken und Rundfunkapparaten vgl. auch meinen Post vom 27.01.2011 zum Verhältnis von Mensch und Natur bei Günther Anders. Die bei Anders angesprochenen Glühbirnen und Rundfunkapparate erinnern wiederum an das von Kittler so wertgeschätzte „Rauschen“. (Vgl meinen Post vom 14.04.2012) Mit diesem medientechnischen Rauschen ist der menschliche Anachronismus aber ganz und gar nicht zu vergleichen, da der aus denn Tiefen des Unterbewußten aufsteigende Unsinn immer auch sinnhaltig ist.)
Das Bewußt-Sein umfaßt als ein Seinsgeschehen, als Existenz, alle Dimensionen des Bewußten und des Nicht-Bewußten. Die Frage nach dem Subjekt unseres Denkens, Wollens und Handelns verführt nun dazu, das Eine gegen das Andere auszuspielen. Eine solche Frage, die Bewußtes oder Unbewußtes oder Unterbewußtes jeweils allein in der Subjektposition vermutet und nur noch zu klären versucht, welches davon in Betracht zu ziehen wäre, ist aber falsch gestellt. Wohlgemerkt: nicht die Frage nach dem Subjekt ist falsch gestellt, sondern welche spezifische Bewußtseinsdimension als Subjekt in Frage kommt. Denn Subjektivität ist der unverzichtbare Fluchtpunkt rekursiver Perspektiven innerhalb eines Mensch-Welt-Verhältnisses, das von seinem eigenen Handeln in seiner Existenz bedroht ist. Auf diesen Fluchtpunkt hin fokussieren wir die Verantwortung des Menschen für sich und seine Nachwelt. Davon suspendieren uns keine technischen Medien, von denen Kittler zufolge sowie nichts Erwähnenswerteres bleibt als ihr Rauschen.
Im Rauschen erhebt sich eine Stimme. Das heißt Subjektivität. Ihr muß Raum und Resonanz gegeben werden. Das heißt Inter-Subjektivität. Das ist so einfach, daß es schmerzt, zuzusehen, wie viel Mühe sich kluge Menschen geben, es zu leugnen.
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Samstag, 14. April 2012
Reflexivität und Rekursivität
Dabei eröffnen sich verschiedene Ebenen des Wollens, des Wissens, des Bewertens von Wissen. Diese verschiedenen Ebenen beinhalten sowohl unbewußte wie auch bewußte Momente, so daß sich das Bewußtsein, wie es Damasio beschrieben hat, ebenfalls über verschiedene Ebenen unterhalb und oberhalb des Kernselbsts, als der Schwelle der Bewußtwerdung, erstreckt. (Vgl. Damasio 8/2009 (1999), S.110ff., 208ff.) In Anlehnung an Franz Fischers horizontalen Bildungskategorien (1975) habe ich versucht, diese Bewußtseinsebenen von A bis F (Graphik) zu gliedern. Dabei bilden A und B zwei in die Tiefen des Unbewußten hinabreichende Bewußtseinsebenen der Wahrnehmung und der Erinnerung. Die Wahrnehmung bildet ein Subjekt-Außenwelt-Verhältnis, und die Erinnerung bildet ein Subjekt-Innenwelt-Verhältnis, wobei diese Innenwelt das Gedächtnis bildet.
Beide Bewußtseinsebenen wirken ständig wechselseitig aufeinander ein: nichts, was wir wahrnehmen, ohne entsprechende, sie begleitende und formende Erinnerungen; und nichts, was wir erinnern, ohne durch Wahrnehmungen veranlaßt und neu eingefärbt worden zu sein. Das ist das Phänomen des kommunikativen Gedächtnisses, auf das ich in diesem Blog schon öfter eingegangen bin. (Vgl. meine Posts vom 05.02.2011 und 07.02.2011 zu Assmann und vom 22.03.2011 bis zum 24.03.2011 zu Welzer)
Die nächste Ebene (C) ist die der „sozialen Marker“, wie sie Welzer in Anlehnung an Damasios „somatische Marker“ nennt: Gefühle, Bewertungen und auch Benennungen, denn an diesen Benennungen haben wir den unmittelbar allgemeinen Bezug auf die wahrgenommenen Gegenstände und Erinnerungen, so daß wir uns im Gespräch mit anderen darauf beziehen können. Diese Ebene ist weitgehend identisch mit A und B, insofern sie weit in deren unbewußt bleibende Mechanismen hinabreicht. Zugleich sind wir uns unserer Bewertungen aber auch teilweise bewußt, und mit diesem Bewußtsein einer Stellungnahme – in Form der Plessnerschen exzentrischen Positionalität – eröffnet sich eben auch eine neue Bewußtseinsebene.
Richten sich Gefühle und Bewertungen vor allem auf innere Prozesse, im Sinne einer Selbstbeobachtung: wie reagiere ich auf Wahrnehmungen und Erinnerungen?, so richtet sich die Ebene D in Form von Bedürfnissen und Erwartungen an die Außenwelt, sowohl an die Naturwelt wie an die soziale Welt. Das beginnt mit Hunger und Durst und endet bei sozialer Anerkennung und Kommunikation.
Diese Bedürfnisse und Erwartungen werden wiederum von Wissen (E) begleitet: von allgemeinem Wissen über die natürlichen, technischen und sozialen Voraussetzungen, wie wir unsere Bedürfnisse und Erwartungen befriedigen können, bis hin zum konkreten Wissen über die jeweiligen Umstände und Personen, mit denen wir es gerade zu tun haben.
Das Ganze schließt sich im Falle von Rekursivität zu einer räumlichen Struktur mit mindestens zwei Brennpunkten, je nach dem, mit wie vielen Personen wir interagieren. Dieser rekursive Raum (F) stellt einen beständigen Sinnbildungsprozeß dar, einen Sinn von Sinn. „Sinn von Sinn“ meint eine Dynamik der über den Anderen wie mich verlaufenden Selbstverständigung, die sich nicht stillstellen läßt, ohne daß sie ihre Sinnhaftigkeit sofort einbüßt und der rekursive Raum in sich zusammenfällt.
Das wäre z.B. bei reflexiven Spiegelungsprozessen der Fall. Anstatt den Anderen wie mich in die Selbstverständigung miteinzubeziehen, grenze ich mich von ihm ab, so daß wie bei zwei gegenüberliegenden Spiegeln eine unendliche Reihe von Selbstspiegelungen entsteht. Das ist zwar auch eine Form von Rekursivität, aber sie läuft gewissermaßen ‚leer‘. Sie bleibt flächig und eröffnet keinen Raum, keine perspektivische Tiefe mit Vorder- und Hintergrund. Die Perspektive ist vielmehr stillgestellt und zeigt immer nur ein und dieselbe Ansicht auf mich selbst. Diese leerlaufende Rekursivität gleicht den rekursiven Funktionen, wie sie Kittler anhand der automatisierten Rechenschritte von Computerprogrammen beschreibt. (Vgl. 1986, S.360)
Dennoch beinhaltet diese Ebene weiterhin die Struktur eines nunmehr invertierten Sinns von Sinn, der sich in die eigene ‚Tiefe‘ unseres Unbewußten wie in einen Brunnen hinein verliert (umgekehrtes ‚F‘), aus dem gleichermaßen ‚Gesichte‘ wie Echos heraufschimmern und -tönen. Dabei handelt es sich um jene „Doppelgängerphantome“, von denen Kittler so gerne spricht. (Vgl. meinen Post vom 12.04.2012) Der von Spiegeln, Leinwänden und Monitoren zurückgeworfene Sinn von Sinn produziert dem in sich versunkenen Narziß Doppelgänger um Doppelgänger, an denen er sich gar nicht genug berauschen kann.
Friedrich Kittler, Grammophon. Film. Typewriter, Berlin 1986
1. Günther Anders und Friedrich Kittler
2. Zur Differenz von Rauschen und Resonanz
3. Digitalisierung und Negativität
4. Rückkopplung, Reflexbogen und Rekursivität
5. Spurensicherung im Realen
6. Spiegel, Phantome und Leichen
7. ‚Diskretion‘ und Seele
8. Das Unbewußte
Die Seele und das Unbewußte decken ein weitgehend ähnliches Bedeutungsfeld ab. Während aber das Unbewußte vor allem beinhaltet, daß wir in seinem Bereich nicht wissen können, vermittelt uns die Seele Gewißheiten, die über bloßes ‚Wissen‘ hinausgehen. Das Unbewußte besteht aus lauter Ungewißheiten, die unser Wissen bedrohen. In der Seele glaubt sich der Mensch einzigartig und fühlt sich als Individuum. Im Geist weiß er sich allen anderen Menschen als gleich und unterwirft sich keiner anderen Autorität als der der Vernunft und des besseren Arguments. Vom Unbewußten fühlt sich der Mensch in seiner Individualität und in seinem Verstand bedroht. Das Unbewußte ist das Gebiet der Psychoanalyse, die Seele ist das Gebiet der Psychologie und der Pädagogik, und der Geist ist das Gebiet der Philosophie und der Geisteswissenschaften.
Nach Kittler ist das Unbewußte das Reich des „Unsinns“ (1986, S.134) und zugleich des Realen. Es in Form von Worten und Sätzen zu protokollieren, wie es der geschulte Psychoanalytiker tut, während sein Klient „Wortsalat“ (1986, S.134) produziert, überführt dieses Unbewußte nur wieder in Sinn und unterwirft es seiner Zensur. Das eigentliche Medium des Unbewußten ist deshalb nicht die Schrift, sondern das Rauschen: „Als sollte der ‚psychische Apparat‘ Freuds schöne Wortschöpfung oder Ersatzbildung für die altmodische Seele, eine Buchstäblichkeit werden, fällt das Unbewußte mit elektrischen Schwingungen zusammen. Nur ein Apparat wie das Telephon kann seine Frequenzen übertragen, weil jede Encodierung im Beamtenmedium Schrift mit einem Bewußtsein allemal auch Filter oder Zensuren dazwischenschalten würde.“ (1986, S.138)
Nur technische Apparate, die in der Lage sind, das Rauschen selbst zu speichern, und die wie das Gedächtnis der Natur alles aufzeichnen (vgl. 1986, S.121), was in ihr geschieht, ohne einen Unterschied zu machen, sind dem Unsinn des Unbewußten gewachsen: „Die absolute Treue des Phonographen ... sucht psychoanalytische Vertextungen wie ihr Grenzwert heim. Damit weist sie Freuds Methode, mündliche Redeflüsse auf unbewußte Signifikanten hin abzuhören und diese Signifikanten sodann als Buchstaben eines großen Rebus oder Silbenrätsels zu deuten,() als den letzten Versuch aus, noch unter Medienbedingungen eine Schrift zu statuieren.“ (1986, S.139) – Und: „Die Psychoanalytikerliebe zu Unsinnsreden hat eben kein schriftliches oder kryptographisches Pendant. Nur gedruckte Dichterwerke und keine unleserlichen Alltagshandschriften verlocken bekanntlich zur Deutung.“ (1986, S.142)
Deshalb schließen sich nach Kittler nicht nur Bewußtsein und Unbewußtsein, sondern auch „Bewußtsein und Gedächtnis“ gegenseitig aus: „In der Tiefe seiner Hirn-Engramme gehorcht der Apostel von Willensfreiheit unbewußten Diktaten.“ (1986, S.235; vgl. auch S.139)
So vergleicht Kittler das Unbewußte nicht mit der Seele, mit der er sich nicht mehr befassen will, und er stellt es auch nicht dem Bewußtsein gegenüber, sondern er setzt es mit dem umfassenden, ungefilterten, unpersönlichen „Maschinengedächtnis“ gleich. (Vgl. 1986, S.305) In dieses mündet die Evolution des „vergeßlichen Tieres“ namens ‚Mensch‘, in seltsamem Kurzschluß das Reale seines Körpers zerstückelnd und zerhackend und – ohne Umweg über das Bewußtsein – zugleich „im Schmerz“ zum allumfassenden Gedächtnis fügend.
Für dieses Unbewußte gibt es einen Spruch, der hier gerade wegen seiner Banalität paßt: „Wer alles sehen will, sieht nichts!“ – Unbewußt ist es also, weil sein Rauschen alles enthält und genau deshalb nichts? Unsinn ist es also, weil ungefilterter, alles umfassender Sinn in Unsinn umkippen muß? – Kittlers Ausführungen zum Unbewußten führen sich selbst ad absurdum.
Zwischen allen seinen ihre Subjekte und Prädikate leugnenden Sätzen klingt aber ein Echo mit, das nicht nur rauscht. Wenn Kittler von Protokollen spricht, in denen nicht das Gesagte, sondern das ungesagt Bleibende, nur versteckt in Form von Versprechern und verklausulierten Formulierungen Durchschimmernde das wirkliche Interessante und Wesentliche ist (vgl. 1986, S.133f.), so haben wir es hier mit einem Unbewußten zu tun, das ich gleichermaßen als ‚Seele‘ wie als ‚Lebenswelt‘ kennzeichnen möchte. Denn so wenig wir unsere Anwesenheit in der Realität restlos und spurenlos kontrollieren können, so wenig haben wir alle unsere Äußerungen im Griff. Nicht umsonst gibt es Lachen und Weinen und Scham.
In jeder individuellen Lebensäußerung, mit der wir uns anderen gegenüber aussetzen, schwingen deshalb Echos mit, die uns gegen unseren Willen kenntlich machen. Es sind Echos der Lebenswelt und zugleich unserer Seele. Die Lebenswelt ist deren Wurzel, ein unpersönliches, fremd bleibendes Fundament unserer Person. Echos im Hintergrund unseres persönlichen Denkens und Handelns klingen von drei solchen fremden Fundamenten herauf: von der biologischen und der kulturellen Phylogenese und von der individuellen Ontogenese. (Vgl. meinen Post vom 21.04.2010) Sie tönen in unserem Bewußtsein wider. Gäbe es diesen Resonanzraum nicht, wäre tatsächlich alles nur Rauschen.
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2. Zur Differenz von Rauschen und Resonanz
3. Digitalisierung und Negativität
4. Rückkopplung, Reflexbogen und Rekursivität
5. Spurensicherung im Realen
6. Spiegel, Phantome und Leichen
7. ‚Diskretion‘ und Seele
8. Das Unbewußte
Die Seele und das Unbewußte decken ein weitgehend ähnliches Bedeutungsfeld ab. Während aber das Unbewußte vor allem beinhaltet, daß wir in seinem Bereich nicht wissen können, vermittelt uns die Seele Gewißheiten, die über bloßes ‚Wissen‘ hinausgehen. Das Unbewußte besteht aus lauter Ungewißheiten, die unser Wissen bedrohen. In der Seele glaubt sich der Mensch einzigartig und fühlt sich als Individuum. Im Geist weiß er sich allen anderen Menschen als gleich und unterwirft sich keiner anderen Autorität als der der Vernunft und des besseren Arguments. Vom Unbewußten fühlt sich der Mensch in seiner Individualität und in seinem Verstand bedroht. Das Unbewußte ist das Gebiet der Psychoanalyse, die Seele ist das Gebiet der Psychologie und der Pädagogik, und der Geist ist das Gebiet der Philosophie und der Geisteswissenschaften.
Nach Kittler ist das Unbewußte das Reich des „Unsinns“ (1986, S.134) und zugleich des Realen. Es in Form von Worten und Sätzen zu protokollieren, wie es der geschulte Psychoanalytiker tut, während sein Klient „Wortsalat“ (1986, S.134) produziert, überführt dieses Unbewußte nur wieder in Sinn und unterwirft es seiner Zensur. Das eigentliche Medium des Unbewußten ist deshalb nicht die Schrift, sondern das Rauschen: „Als sollte der ‚psychische Apparat‘ Freuds schöne Wortschöpfung oder Ersatzbildung für die altmodische Seele, eine Buchstäblichkeit werden, fällt das Unbewußte mit elektrischen Schwingungen zusammen. Nur ein Apparat wie das Telephon kann seine Frequenzen übertragen, weil jede Encodierung im Beamtenmedium Schrift mit einem Bewußtsein allemal auch Filter oder Zensuren dazwischenschalten würde.“ (1986, S.138)
Nur technische Apparate, die in der Lage sind, das Rauschen selbst zu speichern, und die wie das Gedächtnis der Natur alles aufzeichnen (vgl. 1986, S.121), was in ihr geschieht, ohne einen Unterschied zu machen, sind dem Unsinn des Unbewußten gewachsen: „Die absolute Treue des Phonographen ... sucht psychoanalytische Vertextungen wie ihr Grenzwert heim. Damit weist sie Freuds Methode, mündliche Redeflüsse auf unbewußte Signifikanten hin abzuhören und diese Signifikanten sodann als Buchstaben eines großen Rebus oder Silbenrätsels zu deuten,() als den letzten Versuch aus, noch unter Medienbedingungen eine Schrift zu statuieren.“ (1986, S.139) – Und: „Die Psychoanalytikerliebe zu Unsinnsreden hat eben kein schriftliches oder kryptographisches Pendant. Nur gedruckte Dichterwerke und keine unleserlichen Alltagshandschriften verlocken bekanntlich zur Deutung.“ (1986, S.142)
Deshalb schließen sich nach Kittler nicht nur Bewußtsein und Unbewußtsein, sondern auch „Bewußtsein und Gedächtnis“ gegenseitig aus: „In der Tiefe seiner Hirn-Engramme gehorcht der Apostel von Willensfreiheit unbewußten Diktaten.“ (1986, S.235; vgl. auch S.139)
So vergleicht Kittler das Unbewußte nicht mit der Seele, mit der er sich nicht mehr befassen will, und er stellt es auch nicht dem Bewußtsein gegenüber, sondern er setzt es mit dem umfassenden, ungefilterten, unpersönlichen „Maschinengedächtnis“ gleich. (Vgl. 1986, S.305) In dieses mündet die Evolution des „vergeßlichen Tieres“ namens ‚Mensch‘, in seltsamem Kurzschluß das Reale seines Körpers zerstückelnd und zerhackend und – ohne Umweg über das Bewußtsein – zugleich „im Schmerz“ zum allumfassenden Gedächtnis fügend.
Für dieses Unbewußte gibt es einen Spruch, der hier gerade wegen seiner Banalität paßt: „Wer alles sehen will, sieht nichts!“ – Unbewußt ist es also, weil sein Rauschen alles enthält und genau deshalb nichts? Unsinn ist es also, weil ungefilterter, alles umfassender Sinn in Unsinn umkippen muß? – Kittlers Ausführungen zum Unbewußten führen sich selbst ad absurdum.
Zwischen allen seinen ihre Subjekte und Prädikate leugnenden Sätzen klingt aber ein Echo mit, das nicht nur rauscht. Wenn Kittler von Protokollen spricht, in denen nicht das Gesagte, sondern das ungesagt Bleibende, nur versteckt in Form von Versprechern und verklausulierten Formulierungen Durchschimmernde das wirkliche Interessante und Wesentliche ist (vgl. 1986, S.133f.), so haben wir es hier mit einem Unbewußten zu tun, das ich gleichermaßen als ‚Seele‘ wie als ‚Lebenswelt‘ kennzeichnen möchte. Denn so wenig wir unsere Anwesenheit in der Realität restlos und spurenlos kontrollieren können, so wenig haben wir alle unsere Äußerungen im Griff. Nicht umsonst gibt es Lachen und Weinen und Scham.
In jeder individuellen Lebensäußerung, mit der wir uns anderen gegenüber aussetzen, schwingen deshalb Echos mit, die uns gegen unseren Willen kenntlich machen. Es sind Echos der Lebenswelt und zugleich unserer Seele. Die Lebenswelt ist deren Wurzel, ein unpersönliches, fremd bleibendes Fundament unserer Person. Echos im Hintergrund unseres persönlichen Denkens und Handelns klingen von drei solchen fremden Fundamenten herauf: von der biologischen und der kulturellen Phylogenese und von der individuellen Ontogenese. (Vgl. meinen Post vom 21.04.2010) Sie tönen in unserem Bewußtsein wider. Gäbe es diesen Resonanzraum nicht, wäre tatsächlich alles nur Rauschen.
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