„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)

Samstag, 2. April 2022

Die Wunschmaschine: Theweleits Männerphantasien

Als ich Klaus Theweleit als Autor entdeckte und schätzen lernte, geschah das über die Lektüre von „buch der könige. orhpheus und eurydike“ (1988/1992). Mich beeindruckte die Verbindung von Technikgeschichte und Bewußtseinsbildung. So lernte ich auch erstmals den Namen „Friedrich Kittler“ kennen, auf den Theweleit als seinen wichtigsten Gewährsmann immer wieder verwies. Später, sehr viel später, las ich dann auch Kittler selbst; aber trotz seiner beeindruckenden Technik-Psycho-Geschichte des 19. und 20. Jhdts. enttäuschte mich die Lektüre zutiefst. Ich war geradezu entsetzt, als ich Kittlers zutiefst menschenfeindlichen Antihumanismus zur Kenntnis nehmen mußte.

Aber Theweleit lockte mich über die Jahrzehnte weiterhin, obwohl ich in dieser langen Zeit immer wieder anderen Autorinnen und Autoren den Vorzug gab. Um seine „Männerphantasien“ (1977/1989) machte ich einen großen Bogen. Der Titel bereitete mir Unbehagen, und ich war noch nicht bereit, mich darauf einzulassen.

Als ich mich dann endlich den „Männerphantasien“ zuwandte, war gerade eine Neuausgabe (2019) dieses zweibändigen Werks erschienen. Dazu gleich mehr.

Ich blieb bei meiner Ausgabe von 1989, die seit drei Jahrzehnten in meinem Bücherregal ein wenig gammelig geworden war, las sie zunächst gründlich von Seite zu Seite und begann dann Seiten zu überspringen und mir schließlich einige Kapitel herauszupicken. Theweleit befaßt sich als Literaturwissenschaftler ausgiebig mit Tagebüchern und Schriften der Freikorps in den frühen Jahren der Weimarer Republik nach dem ersten Weltkrieg. Aus dieser Lektüre entwickelt er ein Männerbild, das über den Faschismus in Nazideutschland bis ‚heute‘, also die ausgehenden 1970er reicht; und – wenn man das Nachwort der Neuausgabe liest – Theweleit zufolge bis heute andauert.

An dieser Stelle, als ich das Nachwort (2019) las, beendete ich die Lektüre von „Männerphantasien“. Ich habe in meiner Lieblingsbuchhandlung in Münster in die Neuausgabe reingeschaut. Und da bin ich dann tatsächlich erschrocken. Theweleit geht in dieser Neuausgabe tatsächlich so weit, zu behaupten, daß ‚normale‘ Liebesbeziehungen wichtiger seien als der Kampf gegen den Klimawandel. – Wie kann man nur diese zwei fundamental verschiedenartigen Sachverhalte auf eine Ebene stellen und dann auch noch in eine Rangordnung bringen? Der Kampf gegen den Klimawandel ist eine gesamtgesellschaftliche, menschheitliche Aufgabe. Liebesbeziehungen hingegen sind etwas zutiefst privates und nach meinem Verständnis etwas zwischen zwei Menschen, was natürlich subjektiv auch anders gewertet werden kann und wird. Aber ob zwei, drei oder mehr in so ein Liebesverhältnis einsteigen: es ist privat, also intim, und nichts Öffentliches.

Es ist die Crux des Postfeminismusses, daß er diese Ebene des Ich = Du politisiert. Öffentlich bzw. gesellschaftlich kann zwischen zwei Menschen nichts gerettet werden, weil die Gesellschaft dort nichts zu suchen hat. Nicht umsonst darf es zwischen Therapeuten und Klienten keine intime Beziehung geben, und es gilt strengste Verschwiegenheit gegenüber Dritten.

So weit dazu. Darüberhinaus entsetzte mich, daß Theweleit in seinem Nachwort die Grundgesetzformel von der Unberührbarkeit der Menschenwürde als „abstrakt“ und gar als „Luftblase“ bezeichnet. Wie kann man nur, wie Theweleit es tut, „Würde“ und „Respekt“ als Luftblasen bezeichnen? – Als wenn mit den Wörtern „Haut“ und „Zärtlichkeit“, die Theweleit alternativ vorschlägt, irgendetwas gewonnen wäre. Wenn er kein Gefühl dafür hat, daß Würde weit über Zärtlichkeit hinausgeht, ist ihm nicht mehr zu helfen. Es erinnert mich an die unsägliche Formulierung von Erich Fromm in „Die Kunst des Liebens“: wer es nicht dazu bringt, zurückgeliebt zu werden, so Erich Fromm, sei impotent. Liebe und Potenz: einfach dasselbe? – Respekt mit Zärtlichkeit, Liebe mit Potenz gleichzusetzen, führt auf direktem Weg zum pädagogischen Eros und zum Mißbrauch.

Wie schon erwähnt, besteht das Material von Theweleit in Texten und (Auto-)Biographien von Freikorpsmännern. Sein literaturwissenschaftliches Herangehen an diese Texte ist vor allem psychoanalytisch, angelehnt an Freud, was seine Berechtigung hat. Dabei spielt der Begriff des „Partialobjekts“ eine zentrale Rolle. Wenn Freud die Objektbeziehung über ganze, also nicht-partiale Objekte definiert, also die Mutter und nicht die Mutterbrust, dann beinhaltet das eine die ganze Gestalt eines Objekts umfassende Wahrnehmung. Diese Gestaltwahrnehmung ist aber immer individuell. Wir haben es also mit einem individuellen bzw. individualisierten Objekt zu tun. Das beinhaltet eine komplexe Objektbeziehung, die schon als solche nur symbolisch zu vermitteln ist, also eine Differenz von Meinen und Sagen beinhaltet.

Das Partialobjekt hingegen hat nichts Individuelles. Die Mutterbrust ist nur zum Saugen da; auf bloße Funktionalität reduziert. Deleuze/Guattari bezeichnen den Bezug zum Partialobjekt als ‚maschinell‘. (Vgl. Theweleit 1989, Bd.1: S.216) Das Unbewußte bezeichnen sie entsprechend als „Wunschmaschine“. Nun ist es seltsamerweise genau das, wofür sich Theweleit ganz besonders zu erwärmen vermag. An dieser Stelle wird verständlich, wieso der Antihumanist Friedrich Kittler so eine zentrale Rolle bei ihm spielt. Seitenweise läßt sich Theweleit über die Maschinenfeindlichkeit des Bildungsbürgers aus und bringt sein Unverständnis dafür zum Ausdruck. (Vgl. Theweleit 1989, Bd.1, S.262ff.) Er beklagt sich über die „Negativierung des ‚Maschinellen‘“ in der bürgerlichen Umgangssprache und im bürgerlichen Denken. (Vgl. Theweleit 1989, Bd.1, S.264) Da die Maschinen nicht über die Fähigkeit verfügen, sich gekränkt zu fühlen, muß man sich fragen, warum es Theweleit – stellvertretend für die Maschinen – ist. Jedenfalls ist die angebliche Maschinenfeindlichkeit der ‚Bürger‘ schon lange her. Wenn man sich heute so umschaut, quer durch alle Milieus, bürgerlich oder nicht, können wir alle uns gar nicht genug darin tun, unseren Alltag mit Technologie vollzustopfen. – Die freudianische Gleichsetzung des Unbewußten mit der Maschine hat es Theweleit so sehr angetan, daß er sich aufgrund der vermeintlichen Herabsetzung der Maschine im bürgerlichen Diskurs in seinem eigenen Unbewußten gekränkt fühlt.

Theweleits Sprache hat tatsächlich etwas Hinterhältiges. Und das bei jemandem, der die Sprache der Faschisten so luzide zu analysieren vermag! Als alternative ‚Quelle‘ für eine Sprache, die anders als Freud nicht darauf aus ist, Sümpfe trockenzulegen, sondern die Ströme (und Ozeane) fließen zu lassen, will er sich, so kündigt er an, auf Schriftsteller beziehen, „in deren Schriften bestimmte Flüsse zu Hause sind, auf denen der Leser“ – und jetzt kommts! – „mittreiben mag oder sich sperren, je nachdem ...“ (Vgl. Theweleit 1989, Bd.1: S.265)

Das Hinterhältige an dieser Stelle ist die Unterstellung, daß diejenigen Leser, die seiner Argumentation nicht zu folgen vermögen, ein Problem haben; schlimmstenfalls ein Faschismus-Problem. Perfide sind auch die drei Auslassungspunkte, die den Lesern selbst die Entscheidung überlassen, was auf sie zutrifft. Genau diese Pünktchen-Grammatik hatte Theweleit übrigens bezeichnenderweise an anderer Stelle den Freikorpsautoren zum Vorwurf gemacht.

Begriffe und Metaphern in Theweleits zweibändigem Werk passen nicht zusammen. Theweleit will erklärtermaßen alles Feste in Flüssiges überführen; es zum Fließen bringen. Er hat etwas gegen das individuelle Ich, das er mit Verweis auf Freuds „Topik von Ich/Es/Über-Ich“ „als trockenes Grab für die Ströme und die Wunschmaschinen“ bezeichnet (vgl. Theweleit 1989, Bd.1: S.265); dem er also mit anderen Worten vorwirft, sich der Auflösung ins ozeanische Strömen zu verweigern.

Theweleit bezeichnet, mit Verweis auf Foucault, dieses anscheinend heterosexuell geprägte Individuum „als Produkt einer Einsperrung“, dessen Anus penetriert werden muß, um ihm ein Befreiungserlebnis zu ermöglichen;  denn das „homosexuelle Verlangen“ steht für die „Wiedergewinnung der revolutionären Dimension des Wunsches“. (Vgl. Theweleit 1989, Bd.2: S.308) Wenn Theweleit also dem faschistischen Mann eine Grundstörung in der Ich-Ausbildung, eine Ich-Schwäche, bescheinigt, die dazu führt, daß er nichts verdrängen muß, weil sich seine Wünsche auf direktem Wege realisieren können, dann hat das etwas von einer klammheimlichen Bewunderung; etwas von Neid. Theweleit behilft sich dann aber damit, daß er beim faschistischen Mann eine Neigung zu formatierter Aufstellung, zum geordneten Marschieren, diagnostiziert, das dem auflösenden Fließen und Strömen widersteht. Es gibt also eine faschistische Masse, die Formation, und eine gute Masse, wie Canetti sie beschreibt (vgl. Theweleit 1989, Bd.1: S.268f.), die die Auflösung des starren, berührungsfeindlichen Ichs ermöglicht.

Trotz Theweleits Parteinahme für das grenzenlose Verströmen legt er, wie schon erwähnt, eine paradoxe Faszination für die Maschinenmetapher an den Tag. Das Unbewußte, also das Begehrungsvermögen, soll eine „Wunschmaschine“ sein. Wer etwas gegen Maschinenmetaphern hat, bekommt von Theweleit eins auf den Deckel: solche Leute können nur Faschisten sein.

Wer aber hat jemals von einer sich verströmenden Maschine gehört? Das paßt einfach nicht zusammen. Maschinenfreundlichkeit und Individualisierungsfeindlichkeit hingegen passen sehr gut zusammen. Hinzu kommt Theweleits Ablehnung der Differenz zwischen Innen und Außen. Er kann sie sich nur als Mauer bzw. als Damm vorstellen, die das sich-Verströmen verhindert. So gesehen ist sogar die Haut, die Theweleit in seinem neuen Nachwort als Würdeersatz feiert, eine Mauer. Hindert sie doch den Körper daran, seine Flüssigkeiten zu verströmen.

Theweleits Art, psychoanalytisch über den Menschen zu sprechen, mißfällt mir. Es steckt eine kaum verhohlene Gewalttätigkeit darin, die das Intime aus seinem wohltätigen Dunkel herauszerrt und zu Markte trägt. Plessner bezeichnet die Seele als ein Geschöpf der Nacht. Sie will nicht angefaßt werden. Es wundert mich deshalb nicht, wenn Theweleit leichtfertig über die grundgesetzlich verbürgte Unantastbarkeit des Menschen herzieht und an ihre Stelle die Antastbarkeit der Haut setzen will. Nicht um zärtliche Berührungen geht es ihm, wie er behauptet. Er ist nur an ihrer Nacktheit interessiert. An ihrer Schutzlosigkeit. Es steckt eine Aufforderung zum Mißbrauch darin.

Freitag, 11. März 2022

In unseren Köpfen

Im gestrigen Podcast „Lanz und Precht“, wie auch schon in den vorangegangenen Podcasts, haben die beiden alle möglichen moralischen, politischen und wirtschaftlichen Aspekte des Putinschen Angriffskrieges diskutiert. Als Precht dafür plädierte, aus humanitären Gründen den Krieg so schnell wie möglich durch eine Neutralitätserklärung der Ukraine zu beenden, weil alles andere auf eine unabsehbare, langjährige humanitäre Katastrophe hinausliefe, warf ihm Lanz vor, daß es nicht angebracht sei, der Ukraine von Deutschland aus solche Vorschläge zu machen.

Precht antwortete darauf: „Das tun wir ja nicht. Weder du noch ich werden nach Kiew reisen, um der Regierung dort irgendwelche Vorschläge zu machen. Ich versuche nur, die Dinge in meinem Kopf zu klären.“

Precht hat damit eine Lanze – Verzeihung, Herr Lanz – dafür gebrochen, den eigenen Verstand zu gebrauchen; also zu denken. Mein Respekt für Precht wächst mit jedem Podcast der beiden mehr.

Übrigens auch für Lanz.

Donnerstag, 10. März 2022

Unsere Werte und Putin

Mit Bezug auf die Maßnahmen, die von Seiten der EU und der NATO gegen Putins Angriffskrieg auf die Ukraine diskutiert und beschlossen werden, ist immer von unseren Werten die Rede, die wir mit der Ukraine verteidigen müssen. Das Problem ist dabei, daß die Begriffe, mit denen wir diese Werte identifizieren, korrumpierbar sind und längst schon von Trump, Orban und nicht zuletzt von Schröder, der Putin einst als „lupenreinen Demokraten“ bezeichnet hatte, korrumpiert worden sind. Orban steht für die „illiberale Demokratie“. Vor diesem Hintergrund war es für Putin in den letzten Jahren ein Leichtes, unsere Wertbegriffe in den Würgegriff zu nehmen. Den Gipfel des Sprachmißbrauchs leistete sich Putin damit, seinen Angriffskrieg mit der Verhinderung eines Genozids im Donbasbecken und mit der Notwendigkeit einer Entnazifizierung der Kiewer Regierung zu begründen.

Warum aber sind unsere Wertbegriffe überhaupt korrumpierbar? – Weil sie, jeder einzelne, mehrdeutig und deshalb zweifelhaft sind.

Nehmen wir die drei Leitbegriffe der französischen Revolution: Freiheit, Gleicheit, Brüderlichkeit. „Brüderlichkeit“ erinnert schon vom Wort her an Männerbünde. Frauen kommen darin nicht vor. Schlimmer aber ist, daß die damit gemeinte Solidarität neutral ist gegenüber ihrem Mißbrauch. Jede Räuberbande kann sie für sich in Anspruch nehmen. Letztlich behauptet die Solidarität das Primat der Gruppe über das Individuum. Es ist also notwendig, zu präzisieren, was genau mit Solidarität gemeint sein soll.

So geht es auch mit der Gleichheit. Die US-Amerikaner verstehen darunter die Gleichheit der Erfolgreichen. Wer nicht erfolgreich ist, ist selber schuld. Die Europäer verstehen darunter eher die Gleichheit der Menschenwürde und leiten daraus soziale Rechte ab.

Und die Freiheit? Als einzelnes Wort ist der Freiheitsbegriff völlig unbrauchbar. Jeder versteht etwas anderes darunter. Man behilft sich deshalb mit Sentenzen wie: „Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden.“ (Rosa Luxemburg) – Ich glaube, hier kommen wir auf die richtige Spur. Denn nicht das inhaltsleere Wort „Freiheit“, sondern das Denken ist es, worauf es ankommt. Der Begriff des Denkens ist deshalb nicht korrumpierbar, weil es eine eindeutige Verhaltensweise  bezeichnet: den Gebrauch des eigenen Verstandes.

Zwar spricht Bettina Stangneth von einem „bösen Denken“. Aber böses Denken bildet nicht etwa eine mögliche Form des Denkens, sondern gar kein Denken. Böses Denken ist Denken, das sich gegen sich selbst richtet: gegen Denken, wo immer es zutage tritt. Es unterminiert den Gebrauch des eigenen Verstandes. Alles, was uns am Gebrauch des eigenen Verstandes hindert, ist das Gegenteil von Denken und nur insofern auch böses Denken.

Um auch noch diesen Punkt zu klären: wir selbst können uns am Gebrauch unseres eigenen Verstandes hindern, indem wir uns weigern zu denken. Das ist aber selbstverschuldet.

Und eigentlich sind es nur wir selbst, die uns am Selberdenken hindern können. Trotz Putin, Orban, Trump und wie sie alle heißen.

Freitag, 25. Februar 2022

Klima, Corona ... Putin

Dank Klimakrise und Corona sind wir alle keine Zeitgenossen mehr. Aber Putin ist ein Wiedergänger. Er kommt aus einer gefälschten Vergangenheit, um die Gegenwart zu überschreiben. Auf Kosten der Zukunft.

Samstag, 19. Februar 2022

Mut und Demut

Kant fordert zum autonomen Verstandesgebrauch auf, und dazu gehört Mut. Kant geht also davon aus, daß Denken Mut erfordert. Man könnte vermuten, es ginge vor allem darum, sich im Denken gegen äußere Autoritäten durchzusetzen, in welcher Gestalt auch immer, deren einziges Interesse darin besteht, uns daran zu hindern, uns für unsere eigenen Interessen einzusetzen.

Aber der vielleicht noch größere Mut besteht darin, uns gegenüber unseren eigenen, inneren Autoritäten zu behaupten; gegenüber all den Konventionen und scheinbaren Bedürfnissen, die uns daran hindern, zu erkennen, was wir wirklich wollen. Denn wir wollen immer vieles und vielerlei und durchschauen dabei nur selten, was davon wirklich wichtig ist; was das tiefste Begehren ist, das aus uns selbst emporsteigt. Und vor dem wir uns fürchten, weil es den Einsatz unseres Lebens wert ist; unsere ganze Hingabe; uns selbst.

Denn was ist ‚Mut‘? Er ist ein Begehren, ein Streben, das an einem Ziel festhält, ohne sich von Launen und Stimmungen irritieren zu lassen. Er hält an seinem Willen fest, ohne sich den schwankenden, wechselnden und immer auch bedrohlichen Umständen auszuliefern.

Aber Mut ist nicht zu verwechseln mit Gedankenlosigkeit, Unerbittlichkeit und Maßlosigkeit. Ohne Denken gibt es keinen Mut, so wie es ohne Mut kein Denken gibt. Ohne diese beiden verliert unser Wollen sein Maß und wird zur Gier. Gier ist geil. Gier ist maßlos.

Mut aber ist nicht geil. Er setzt unserem Wollen ein Maß; ein Maß, das der Wille in seinem Gegenstand findet, auf den er sich richtet. Um dieses Maßes willen, müssen wir mutig bedenken, was wir wollen. Denn es erfordert Mut, sich selbst Grenzen zu ziehen, das Maß zu erkennen und unseren Willen sich bescheiden zu lassen, so daß wir dem, was wir wollen, sein eigenes Recht lassen können. Es ist der Mut zu denken, der uns dazu verhilft, das, was wir wollen, loszulassen; darauf zu verzichten, es zu besitzen.

Das ist Demut.

Sonntag, 6. Februar 2022

Betriebsebene des Lebens

Ich habe einen Text von Georg Reischel über die „Zelltheorie“ gelesen. Dabei ist mir ein weiterer Gedanke zu meiner These gekommen, daß die KI niemals an die Stelle des menschlichen Bewußtseins treten kann. Der Kern der Zelltheorie besteht im Prozeßcharakter der Ausdifferenzierung von Zellen im werdenden Organismus. Sie steuern die Entwicklung und verarbeiten dabei die Umweltdaten, also die zufälligen und wechselnden Kontexte innerhalb und außerhalb eines Organismusses. Man könnte die Zelle analog zur KI – auf irgendwas muß ja auch die KI laufen – als das Betriebssystem eines Organismusses bezeichnen.

Allerdings wissen wir von den digitalen Betriebssystemen, daß sie mit der Technikentwicklung nicht mithalten, also schnell veralten und durch neue Betriebssysteme ausgetauscht werden müssen, was ja auch Teil des Geschäfts ist, das die Anbieter mit ihnen machen. Die Zelle aber veraltet nicht. Sie wächst. Sie entwickelt sich mit dem wachsenden Organismus weiter. Und wenn man die mütterliche Linie nimmt, ist die Zelle sogar potentiell unsterblich. Denn die Mutter gibt ihre Zellen über die Eizelle, die ihr Organismus produziert, direkt an das Kind weiter. Der mütterliche Beitrag ist also eine vollständige Zelle, während der väterliche Beitrag nur aus einigen Chromosomen besteht.

Das Leben der Zelle reicht also über die Mutter weit in die Menschheitsgeschichte zurück, und es reicht, wenn wir es beim Kind mit einer Tochter zu tun haben, die wiederum die eine oder andere Eizelle an ihre Nachkommen weitergibt, weit über das Leben des einzelnen Organismusses hinaus in die Zukunft, wenn es diese für die Menschen auf diesem Planeten noch geben sollte.

In Goethes „Faust“ finden wir eine Stelle, in der der künstliche Homunkulus, der nur in einer Phiole existieren kann, zurück auf eine Reise durch die Zeit geschickt wird, weil er nur auf diese Weise, im Prozeß der Evolution, zum Menschen werden kann. Bewußtsein gibt es nur als eine Erscheinungsform des Lebens selbst.

Es gibt also auf der Betriebsebene der Organismen, im Zusammenspiel der Zellen, keine wechselnden Betriebssysteme: Windows XP (mein Lieblingsbetriebssystem) wird durch kein Windows 2007 etc. ersetzt. Es ist die Zelle selbst, die sich mit dem Organismus verändert, aus dem wiederum ein Bewußtsein hervorgeht, dessen Kapazität eng mit seiner Biologie verknüpft ist. Das Bewußtsein hat eine Tiefendimension, die wir das organische Unbewußte nennen können. Die Biologen haben in den letzten 20 Jahren ein Wort dafür gefunden: Epigenetik. Ich selbst fokussiere diese biologische Mitgift gerne auf den Begriff des Begehrens. Es bildet das Grundmotiv unserer Bewußtseinstätigkeit. Und es ist das, was der KI immer fehlen wird.

Samstag, 22. Januar 2022

Querdenker

In Gruppen denkst Du nicht,
schon gar nicht denkst Du quer.
Sie werfen Schein statt Licht,
der blendet leer.

Man denkt nur, wenn man quer,
und quer nur, wenn man denkt.
Querdenker ist nur, wer
sich selbst nichts schenkt.