In meinem Post vom 30.04.2012 hatte ich schon darauf hingewiesen, daß Kittler zwischen Standards und Stilen differenziert. Standards bezieht Kittler auf Technologien, insbesondere die Medien, deren Zweck, so Kittler, darin besteht, die menschlichen Sinnesorgane zu täuschen und zu ersetzen. Die Kinoleinwand oder wahlweise der Bildschirm bzw. Monitor stellt eine nach außen gestülpte Netzhaut dar, für die die vor HD und Super-HD üblichen 24 Bilder pro Sekunde einen ununterbrochenen Ereignisverlauf darstellten. Diese 24 Bilder stellten einen Standard dar, der, wie wir inzwischen wissen, durch High-Definition-Standards und 3-D-Projektionen übertroffen wird. Kurz gesagt: Standards übertreffen und verdrängen die menschliche Sinneswahrnehmung.
Stile hingegen sind Kittler zufolge eng mit der menschlichen Persönlichkeit verbunden. Kunstwerke kann man über ihren Stil einem bestimmten Künstler zuordnen. Stile stehen also für Individualität. – Das sagt übrigens alles über ‚Bildungsstandards‘! – Deshalb bilden Künste und Medien für Kittler unüberbrückbare Gegensätze, auch wenn das manche Medienkünstler durchaus anders sehen mögen.
Aus gegebenem Anlaß (Kommentare in Dharani – „Without Rhyme and Reason“) möchte ich dem Begriffspaar ‚Standards und Stile‘ einen weiteren Begriff hinzufügen: Konventionen. Konventionen möchte ich auf gesellschaftliche Praktiken beziehen, die der Perfektion des Menschen dienen. Natürlich beinhaltet der Begriff auch immer etwas Verstaubtes und Abgelebtes, im Sinne von ‚konventionell‘. Aber ich vermute, daß solchen ‚Konventionen‘ ursprünglich mal etwas Herausforderndes zugrundegelegen hatte.
Ich denke z.B. an bestimmte asiatische Zeremonien und an Techniken des Zen-Buddhismus, etwa die Teezeremonie oder das Blumenbinden, die Kalligraphie, und nicht zuletzt die verschiedenen Kampfkünste. Was mich an diesen fernöstlichen Traditionen immer so frappiert, ist der mit allen täglichen Verrichtungen verbundene Drang zur individuellen Perfektion.
Dieses Streben nach Perfektion wird von Konventionen unterstützt. Damit unterscheiden sich Konventionen von Standards dadurch, daß es hier nicht um die Perfektionierung von Technologien geht, sondern um die Perfektionierung von Menschen. Und von Stilen unterscheiden sich Konventionen, als es hier nicht um ‚Subjektivierung‘ geht, sondern um ‚Objektivierung‘, d.h. nicht darum, die eigene Person ins Zentrum zu stellen, sondern den Gegenstand und den Kontext.
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„Wenn schon eine ganze Welt, auf Erkenntnis beruhend und ihrer ständig bedürftig, errichtet ist und ihren Gang geht, wie die der modernen Technik, wird der nach dem Grund ihrer Möglichkeit und nach ihren Sicherheitsgarantien Fragende zum Sokrates der Vergeblichkeit.“ (Blumenberg, Höhlenausgänge, S.169)
„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)
Montag, 3. Februar 2014
Sonntag, 19. Januar 2014
Douwe Draaisma, Das Buch des Vergessens. Warum Träume so schnell verloren gehen und Erinnerungen sich ständig verändern, Köln 2012
1. Formen des Vergessens
2. Methode I
3. Methode II
4. Gestaltwahrnehmung und die Gestalt des Gedächtnisses
5. Autobiographisches Gedächtnis
6. Zwei Gehirne und die Einheit des Bewußtseins
7. Zwanghaftes Erinnern
8. Vergessene Träume
Das Gedächtnis funktioniert offensichtlich aufgrund zweier grundverschiedener Prinzipien: dem ikonischen Prinzip und dem narrativen Prinzip. Das ikonische Prinzip, das Bildgedächtnis, ist im wesentlichen ‚zeitlos‘ und in der Lage, ungeheuer viele Informationen zu speichern. Das narrative Prinzip, das episodische Gedächtnis, beinhaltet einen zeitlichen Ablauf mit Anfang und Ende und ist an die Syntax einer Wortsprache gebunden, die eine wesentlich geringere Aufnahmekapazität hat: „Man betrachte nur einmal vier Sekunden lang ein Foto, und man kann vier Minuten damit verbringen, in Worten zu erzählen, was man darauf alles gesehen hat.“ (Draaisma 2012, S.79) – Das ist wahrscheinlich der Grund, warum Leroi-Gourhan zwischen der Dreidimensionalität der Bilderschrift und der bloß eindimensionalen Linearität der alphabetischen Schriftsprache differenziert. (Vgl. meine Posts vom 01.03. und vom 16.04.2013)
Das autobiographische Gedächtnis, also unser waches Selbstbewußtsein, ist an den chronologischen Zeitpfeil solcher Narrationen gebunden, die wir mit unseren Mitmenschen kommunizieren können. Wenn wir uns an ein bestimmtes Ereignis zu erinnern versuchen, beginnen wir immer mit dem Anfang und arbeiten uns dann Schritt für Schritt zum Ende vor, bis wir uns wieder im Vollbesitz einer Erinnerung befinden. „(I)m Alltag“, so Draaisma, „hat unser Gedächtnis mehr Schwierigkeiten mit einzelnen, bruchstückhaften Elementen als mit einem zusammenhängenden Ganzen“. (Vgl. Draaisma 2012, S.79)
Bei Träumen ist es nun aber so, daß sie vor allem aus unzusammenhängenden Einzelbildern zu bestehen scheinen, die in keinem chronologischen Zusammenhang stehen. Vergangenheit und Zukunft, Anfang und Ende spielen beim Träumen keine Rolle. Der Teil unseres Bewußtseins, der den Traumbildern eine chronologische, eine stabile Erinnerung ermöglichende Ordnung geben könnte, ist während des Schlafes außer Funktion: „Der Traum kann nicht festgehalten werden, denn die Teile des Gehirns, die dafür sorgen müssten, sind vorübergehend außer Betrieb.“ (Draaisma 2012, S.71)
Erst wenn wir aufwachen, können wir den noch vorhandenen Traumbildern nachträglich eine chronologische Ordnung geben. Und das muß schnell geschehen, weil unser visuelles Gedächtnis diese Traumbilder nur für wenige Sekunden festzuhalten vermag. (Vgl. meinen Post vom 15.01.2014) Was wir in diesen wenigen Sekunden nicht geordnet bekommen, vergessen wir unwiederbringlich. Zumindestens entzieht es sich unserem bewußten Zugriff. Draaisma zitiert die Erfahrungen der amerikanischen Traumforscherin Mary Calkins. Sie und ihr Mann hatten „Kerzen, Streichhölzer, Bleistift und Papier“ auf einem Nachttisch bereitgelegt, um ihre Träume aufzuschreiben, so lange sie sich noch an sie erinnern konnten: „Aber Träume sind so flüchtig, schrieb Calkins, dass schon allein der Griff nach den Streichhölzern sie verschwinden lassen konnte, noch mit ausgestrecktem Arm habe sie festellen müssen, dass der Traum wieder weg war. So ließ sie sich zurücksinken ‚im quälenden Bewusstsein, eine interessante Traumerfahrung erlebt zu haben, die nicht die geringste Erinnerung zurückgelassen hatte‘.()“ (Draaisma 2012, S.50)
Träume bieten für unser Gedächtnis aber nicht nur das Problem ihrer fehlenden Narrativität, sprich: ‚Chronologie‘. Wenn wir uns beim Aufwachen an sie zurückzuerinnern versuchen, können wir die verschiedenen Bruchstücke nicht, wie wir es gewohnt sind, von vorne nach hinten zusammenfügen, sondern wir müssen mit den letzten Traumbildern anfangen und uns nun von hinten nach vorne zum Traumanfang zurückarbeiten. Das erschwert es, den ganzen Traum in den Griff zu bekommen: „... bei der Erinnerung an den Traum watet man entgegen dem Strom: Man kommt erst an den Folgen vorbei und gelangt dann zur Ursache. Man hat erst die Antwort, dann die Frage, und den Anfang des Traums erreicht man zuletzt. Die Rekonstruktion verläuft außerdem auch holprig, weil man zurückspringt zu Szenen, die selbst wieder vorwärtslaufen.“ (Draaisma 2012, S.65)
Tatsächlich aber ‚rekonstruieren‘ wir den Traum eigentlich gar nicht, denn eine eigene Chronologie hat er ja nicht. Wir fügen die Traumbilder erst durch unseren Versuch, uns an sie zu erinnern, chronologisch zusammen. So ‚funktionieren‘ z.B. ‚Weckträume‘: „Das berühmteste Beispiel ist der ‚Guillotinentraum‘ des französischen Arztes und Historikers Alfred Maury. Er wohnte noch bei seinen Eltern, als er sich eines Tages nicht wohlfühlte und sich kurz hinlegte. Seine Mutter saß an seinem Bett. Er schlief ein und träumte von der Terrorherrschaft. ... Er wohnt Exekutionen bei, trifft Robespierre, Marat und Fouquier-Tinville, wird selbst verhaftet, gibt eine Erklärung vor dem Revolutionstribunal ab, wird zum Tode verurteilt, fährt auf einem Karren durch eine riesige Menschenmenge zum Place de la Révolution, besteigt das Schafott, wird auf dem Bretterboden festgebunden, spürt, wie der Henker den Boden kippt, damit er für die Exekution bereitliegt, hört, wie das Fallbeil hochgezogen wird und danach mit einem Schlag auf seinem Nacken landet, spürt auch noch, wie sein Kopf vom Rumpf getrennt wird – und erwacht in diesem Moment angsterfüllt. Er fasst sich in den Nacken: Ein Brett aus der Holzverkleidung seines Bettes war quer darübergefallen. Laut seiner Mutter war das kurz zuvor geschehen.()“ (Draaisma 2012, S.63f.)
An diesen Weckträumen, die wir alle schon mal erlebt haben, sind vor allem zwei Dinge bemerkenswert: die Geschwindigkeit, in der sie ablaufen, und die „Umkehrung der Chronologie“. (Vgl. Draaisma 2012, S.63) Ein Traum, so Draaisma läuft auf eine „sinnliche Wahrnehmung“ hinaus, in der der „Reiz“, der sie auslöst, nicht am Beginn, sondern am Ende des Traumgeschehens steht. (Vgl. Draaisma 2012, S.64)
Anstatt also das Traumgeschehen zu re-konstruieren, konstruieren wir es, indem wir es allererst in eine chronologische Ordnung bringen, die vorher nicht vorhanden gewesen war. Draaisma selbst spricht zwar von einer bloßen ‚Rekonstruktion‘. (Vgl. Draaisma 2012, S.65) Das scheint mir aber nicht zu den von ihm beschriebenen Vorgängen zu passen. Es gibt Traumtheorien, die von einer Arbeitsteilung der beiden Gehirnhälften ausgehen: „rechts träumt, links spricht“. (Vgl. Draaisma 2012, S.73) Draaisma ist gegenüber dieser These zwar skeptisch, aber seine Feststellung, daß „die lebendigsten Träume ... während der letzten Phase des REM-Schlafes“ auftreten und daß dies „auch der Zeitraum“ ist, „in dem gerade die linke Hemisphäre die größte Aktivität aufweist“, könnte man so deuten, daß die linke Hemisphäre mit zunehmender Aktivität, also mit zunehmender ‚Bewußtheit‘, das Traumgeschehen zu ordnen beginnt, so daß es uns deshalb beim Aufwachen als besonders ‚lebendig‘ erscheint.
Ansonsten aber gilt, daß die Befunde in der Traumforschung ähnlich desolat sind wie bei ‚Verdrängung‘ und ‚Trauma‘: „Manche Psychologen meinen, Träume seien für den Erhalt der psychischen Gesundheit absolut notwendig, andere sind der Ansicht, es ändere sich gar nichts, wenn Menschen nicht mehr träumen, etwa wegen der Einnahme bestimmter Medikamente. Träume sind vollkommen unverzichtbar oder ein zufälliges Nebenprodukt und alles dazwischen.“ (Draaisma 2012, S.52)
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2. Methode I
3. Methode II
4. Gestaltwahrnehmung und die Gestalt des Gedächtnisses
5. Autobiographisches Gedächtnis
6. Zwei Gehirne und die Einheit des Bewußtseins
7. Zwanghaftes Erinnern
8. Vergessene Träume
Das Gedächtnis funktioniert offensichtlich aufgrund zweier grundverschiedener Prinzipien: dem ikonischen Prinzip und dem narrativen Prinzip. Das ikonische Prinzip, das Bildgedächtnis, ist im wesentlichen ‚zeitlos‘ und in der Lage, ungeheuer viele Informationen zu speichern. Das narrative Prinzip, das episodische Gedächtnis, beinhaltet einen zeitlichen Ablauf mit Anfang und Ende und ist an die Syntax einer Wortsprache gebunden, die eine wesentlich geringere Aufnahmekapazität hat: „Man betrachte nur einmal vier Sekunden lang ein Foto, und man kann vier Minuten damit verbringen, in Worten zu erzählen, was man darauf alles gesehen hat.“ (Draaisma 2012, S.79) – Das ist wahrscheinlich der Grund, warum Leroi-Gourhan zwischen der Dreidimensionalität der Bilderschrift und der bloß eindimensionalen Linearität der alphabetischen Schriftsprache differenziert. (Vgl. meine Posts vom 01.03. und vom 16.04.2013)
Das autobiographische Gedächtnis, also unser waches Selbstbewußtsein, ist an den chronologischen Zeitpfeil solcher Narrationen gebunden, die wir mit unseren Mitmenschen kommunizieren können. Wenn wir uns an ein bestimmtes Ereignis zu erinnern versuchen, beginnen wir immer mit dem Anfang und arbeiten uns dann Schritt für Schritt zum Ende vor, bis wir uns wieder im Vollbesitz einer Erinnerung befinden. „(I)m Alltag“, so Draaisma, „hat unser Gedächtnis mehr Schwierigkeiten mit einzelnen, bruchstückhaften Elementen als mit einem zusammenhängenden Ganzen“. (Vgl. Draaisma 2012, S.79)
Bei Träumen ist es nun aber so, daß sie vor allem aus unzusammenhängenden Einzelbildern zu bestehen scheinen, die in keinem chronologischen Zusammenhang stehen. Vergangenheit und Zukunft, Anfang und Ende spielen beim Träumen keine Rolle. Der Teil unseres Bewußtseins, der den Traumbildern eine chronologische, eine stabile Erinnerung ermöglichende Ordnung geben könnte, ist während des Schlafes außer Funktion: „Der Traum kann nicht festgehalten werden, denn die Teile des Gehirns, die dafür sorgen müssten, sind vorübergehend außer Betrieb.“ (Draaisma 2012, S.71)
Erst wenn wir aufwachen, können wir den noch vorhandenen Traumbildern nachträglich eine chronologische Ordnung geben. Und das muß schnell geschehen, weil unser visuelles Gedächtnis diese Traumbilder nur für wenige Sekunden festzuhalten vermag. (Vgl. meinen Post vom 15.01.2014) Was wir in diesen wenigen Sekunden nicht geordnet bekommen, vergessen wir unwiederbringlich. Zumindestens entzieht es sich unserem bewußten Zugriff. Draaisma zitiert die Erfahrungen der amerikanischen Traumforscherin Mary Calkins. Sie und ihr Mann hatten „Kerzen, Streichhölzer, Bleistift und Papier“ auf einem Nachttisch bereitgelegt, um ihre Träume aufzuschreiben, so lange sie sich noch an sie erinnern konnten: „Aber Träume sind so flüchtig, schrieb Calkins, dass schon allein der Griff nach den Streichhölzern sie verschwinden lassen konnte, noch mit ausgestrecktem Arm habe sie festellen müssen, dass der Traum wieder weg war. So ließ sie sich zurücksinken ‚im quälenden Bewusstsein, eine interessante Traumerfahrung erlebt zu haben, die nicht die geringste Erinnerung zurückgelassen hatte‘.()“ (Draaisma 2012, S.50)
Träume bieten für unser Gedächtnis aber nicht nur das Problem ihrer fehlenden Narrativität, sprich: ‚Chronologie‘. Wenn wir uns beim Aufwachen an sie zurückzuerinnern versuchen, können wir die verschiedenen Bruchstücke nicht, wie wir es gewohnt sind, von vorne nach hinten zusammenfügen, sondern wir müssen mit den letzten Traumbildern anfangen und uns nun von hinten nach vorne zum Traumanfang zurückarbeiten. Das erschwert es, den ganzen Traum in den Griff zu bekommen: „... bei der Erinnerung an den Traum watet man entgegen dem Strom: Man kommt erst an den Folgen vorbei und gelangt dann zur Ursache. Man hat erst die Antwort, dann die Frage, und den Anfang des Traums erreicht man zuletzt. Die Rekonstruktion verläuft außerdem auch holprig, weil man zurückspringt zu Szenen, die selbst wieder vorwärtslaufen.“ (Draaisma 2012, S.65)
Tatsächlich aber ‚rekonstruieren‘ wir den Traum eigentlich gar nicht, denn eine eigene Chronologie hat er ja nicht. Wir fügen die Traumbilder erst durch unseren Versuch, uns an sie zu erinnern, chronologisch zusammen. So ‚funktionieren‘ z.B. ‚Weckträume‘: „Das berühmteste Beispiel ist der ‚Guillotinentraum‘ des französischen Arztes und Historikers Alfred Maury. Er wohnte noch bei seinen Eltern, als er sich eines Tages nicht wohlfühlte und sich kurz hinlegte. Seine Mutter saß an seinem Bett. Er schlief ein und träumte von der Terrorherrschaft. ... Er wohnt Exekutionen bei, trifft Robespierre, Marat und Fouquier-Tinville, wird selbst verhaftet, gibt eine Erklärung vor dem Revolutionstribunal ab, wird zum Tode verurteilt, fährt auf einem Karren durch eine riesige Menschenmenge zum Place de la Révolution, besteigt das Schafott, wird auf dem Bretterboden festgebunden, spürt, wie der Henker den Boden kippt, damit er für die Exekution bereitliegt, hört, wie das Fallbeil hochgezogen wird und danach mit einem Schlag auf seinem Nacken landet, spürt auch noch, wie sein Kopf vom Rumpf getrennt wird – und erwacht in diesem Moment angsterfüllt. Er fasst sich in den Nacken: Ein Brett aus der Holzverkleidung seines Bettes war quer darübergefallen. Laut seiner Mutter war das kurz zuvor geschehen.()“ (Draaisma 2012, S.63f.)
An diesen Weckträumen, die wir alle schon mal erlebt haben, sind vor allem zwei Dinge bemerkenswert: die Geschwindigkeit, in der sie ablaufen, und die „Umkehrung der Chronologie“. (Vgl. Draaisma 2012, S.63) Ein Traum, so Draaisma läuft auf eine „sinnliche Wahrnehmung“ hinaus, in der der „Reiz“, der sie auslöst, nicht am Beginn, sondern am Ende des Traumgeschehens steht. (Vgl. Draaisma 2012, S.64)
Anstatt also das Traumgeschehen zu re-konstruieren, konstruieren wir es, indem wir es allererst in eine chronologische Ordnung bringen, die vorher nicht vorhanden gewesen war. Draaisma selbst spricht zwar von einer bloßen ‚Rekonstruktion‘. (Vgl. Draaisma 2012, S.65) Das scheint mir aber nicht zu den von ihm beschriebenen Vorgängen zu passen. Es gibt Traumtheorien, die von einer Arbeitsteilung der beiden Gehirnhälften ausgehen: „rechts träumt, links spricht“. (Vgl. Draaisma 2012, S.73) Draaisma ist gegenüber dieser These zwar skeptisch, aber seine Feststellung, daß „die lebendigsten Träume ... während der letzten Phase des REM-Schlafes“ auftreten und daß dies „auch der Zeitraum“ ist, „in dem gerade die linke Hemisphäre die größte Aktivität aufweist“, könnte man so deuten, daß die linke Hemisphäre mit zunehmender Aktivität, also mit zunehmender ‚Bewußtheit‘, das Traumgeschehen zu ordnen beginnt, so daß es uns deshalb beim Aufwachen als besonders ‚lebendig‘ erscheint.
Ansonsten aber gilt, daß die Befunde in der Traumforschung ähnlich desolat sind wie bei ‚Verdrängung‘ und ‚Trauma‘: „Manche Psychologen meinen, Träume seien für den Erhalt der psychischen Gesundheit absolut notwendig, andere sind der Ansicht, es ändere sich gar nichts, wenn Menschen nicht mehr träumen, etwa wegen der Einnahme bestimmter Medikamente. Träume sind vollkommen unverzichtbar oder ein zufälliges Nebenprodukt und alles dazwischen.“ (Draaisma 2012, S.52)
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Samstag, 18. Januar 2014
Douwe Draaisma, Das Buch des Vergessens. Warum Träume so schnell verloren gehen und Erinnerungen sich ständig verändern, Köln 2012
1. Formen des Vergessens
2. Methode I
3. Methode II
4. Gestaltwahrnehmung und die Gestalt des Gedächtnisses
5. Autobiographisches Gedächtnis
6. Zwei Gehirne und die Einheit des Bewußtseins
7. Zwanghaftes Erinnern
8. Vergessene Träume
Traumata und Träume sind nicht nur Wörter, die sich klanglich ähneln. Beide Begriffe werden auch auf Symptome bezogen, die auf verdrängte Erinnerungen zurückgeführt werden; oder genauer: Träume werden auf verdrängte Erinnerungen zurückgeführt und Traumata führen zur Verdrängung von Erinnerungen. Paradigmatisch für diese Verdrängungshypothese ist Freuds Traumdeutung. Dabei ist sich ‚die Wissenschaft‘ überhaupt nicht einig darüber, ob es so etwas wie ‚Verdrängen‘ überhaupt gibt: „In so gut wie jeder Definition über Verdrängen kommen die Begriffe Trauma und Unbewusstes vor. Versuche, diese Begriffe zu definieren, führen zu zirkulären Beschreibungen wie ‚das Unbewusste ist der Teil des Geistes, in den traumatische Erinnerungen verdrängt werden‘ oder ‚Verdrängen ist Blockieren traumatischer Erinnerungen‘. Verdrängen ist eine unklare Bezeichnung, gespannt zwischen zwei mindestens ebenso unklaren Vorstellungen.“ (Draaisma 2012, S.170)
Dabei haben wir es nicht nur mit einem Definitionsproblem zu tun. Auch experimentell ist die Situation desolat. ‚Verdrängen‘ läßt sich wie ‚Vergessen‘ weder physiologisch nachweisen noch experimentell unter Laborbedingungen herbeiführen. (Vgl. meinen Post vom wie 13.01.2014) Dem Psychologen bleibt nur, so Draaisma, „Verdrängen in Aktion zu sehen, in der Wildnis, im eigenen Biotop.“ (Vgl. Draaisma 2012, S.171)
Als solche ‚Biotope‘ kommen Draaisma zufolge vor allem bestimmte gesellschaftliche Institutionen in Frage, in denen besonders viel über ‚Verdrängen‘ geredet wird: therapeutische Einrichtungen und Gerichtssäle. Denn ob es nun so etwas wie Verdrängen gibt oder nicht, letztlich kommt es hier, so Draaisma, vor allem darauf an, was die Menschen diesbezüglich glauben. Denn unabhängig von der Realität dessen, was sie glauben, sind es, getreu dem „Thomas-Theorem“, vor allem die Konsequenzen, die sich aus ihrem Glauben ergeben, die real sind. (Vgl. Draaisma 2012, S.184)
Das zeigt sich insbesondere an den juristischen Konsequenzen von Vergewaltigungsfällen, in denen es immer auch darum geht, ob die wiederentdeckten ‚Erinnerungen‘ des Vergewaltigungsopfers tatsächlich real sind. Dabei kommt es immer wieder zu prinzipiellen Auseinandersetzungen darüber, ob es so etwas wie ‚verdrängte‘ Erinnerungen überhaupt gibt: „Die eine Partei sieht den Beweis darin, dass Erinnerungen jahrzehntelang unzugänglich sind und durch therapeutische Intervention zurückgeholt werden können. Für die andere Partei beweist dieselbe Geschichte den konstruierten Charakter solcher ‚Erinnerungen‘. ... Auf diese Weise ... entsteht eine heillose Form der Zirkularität: Das Urteil liefert die Unterstützung für die Theorie, die zum Urteil führte.“ (Draaisma 2012, S.186)
Draaismas Verweis auf die „Zirkularität“ entspricht dem, was ich in diesem Blog immer als ‚Rekursivität‘ bezeichne. (Vgl.u.a. meinen Post vom 14.01.2014) Ein klassisches Beispiel für diese Rekursivität bildet der Placebo-Effekt. In einer Sendung des DLF vom 09.01.2014 wird eine Studie mit Migränepatienten vorgestellt: „Beim ersten Durchgang blieb die Migräneattacke unbehandelt. Dann verabreichten die Ärzte ihren Patienten bei den nächsten sechs Migräneattacken dreimal ein Placebo und dreimal ein hochwirksames Migränemedikament. Dabei erfuhren die Studienteilnehmer aber nur je einmal die Wahrheit über die dargereichte Pille, also dass sie ein Placebo beziehungsweise ein echtes Medikament erhielten. Jeweils einmal machten die Mediziner falsche Angaben. Bei der Placebogabe sagten sie, es handele sich um ein wirksames Medikament und bei der Medikamentengabe, die Tablette sei ein Placebo. Außerdem gab es für Placebo und echtes Medikament noch jeweils einen Durchgang bei denen die Mediziner den Patienten mitteilten, sie wüssten gar nicht, ob es sich um ein Placebo oder ein wirksames Medikament handelt. Die Auswertung der Studiendaten zeigte, dass die Information, die mit der Tablette verabreicht wurde, die Wirksamkeit extrem beeinflussen kann.“ (DLF 2014)
Das Ergebnis der Studie war, daß es in der Wirkung keinen Unterschied machte, ob das Placebo oder das echte Medikament verabreicht wurde, wenn der Arzt beim Placebo anmerkte, daß es sich um das echte Medikament handelt, und wenn der Arzt beim Medikament anmerkte, daß es sich um ein Placebo handelt! – Der Experimentator fügt im DLF-Interview noch hinzu, daß Ärzte beim Verschreiben von Medikamenten genau aufpassen müssen, was sie sagen, weil sie damit die Wirksamkeit der Medikamente erheblich beeinflussen.
Wenn diese Rekursivität, also das undurchsichtige Geflecht von wechselseitigen Erwartungserwartungen, sich schon bei klassischen medizinischen Maßnahmen so erheblich auswirkt, um wie viel mehr wirkt es sich wohl bei Therapiesitzungen aus, in denen es darum geht, ‚verdrängte‘ Erinnerungen wieder ‚auszugraben‘?
Draaisma hat das „Thomas-Theorem“ zur Realität bloß ‚geglaubter‘ Vorstellungen auf die realen juristischen Konsequenzen in Vergewaltigungsprozessen bezogen. (Vgl. Draaisma 2012, S.184f.) Beim Placebo aber haben wir es nicht nur mit solchen gesellschaftlichen Institutionen zu tun, sondern mit psychosomatischen Effekten auf die Heilung von Krankheitssymptomen. Aus meinem eigenen Berufsalltag fallen mir die täglichen Beispiele von Kindern mit ADHS ein. Was passiert in ihrem Kopf, wenn ihnen Medikamente zur Behandlung ihrer ‚Symptome‘ verschrieben werden? Selbstverständlich sind auch Kinder rekursiv begabt. Was also denken sie und was glauben sie über sich selbst, wenn sie diese Medikamente einnehmen? Wie wirkt sich das auf ihr Verhalten aus, – ganz unabhängig davon, was die Medikamente selbst bewirken?
Bei den Symptomen ‚verdrängter‘ Traumata gibt es sogar noch eine ganz andere, wiederum innerwissenschaftliche Auseinandersetzung. Tatsächlich haben die Vertreter des Verdrängungshypothese einen schweren Stand, denn traumatische Erinnerungen werden anscheinend nicht verdrängt, sondern drängen sich im Gegenteil dem Betroffenen regelrecht auf, so daß es weniger darum geht, verdrängte Erinnerungen wieder ‚auszugraben‘, als vielmehr darum wie man die unkontrollierbaren ‚Flashbacks‘ wieder los wird.
Studien, die von gut dokumentierten belastenden und traumatisierenden Ereignissen ausgehen und überprüfen, ob sich die Betroffenen an diese Ereignisse erinnern oder sie vergessen, „treffen sich bei der Schlussfolgerung, dass ‚Vergessen‘ auftritt, weil Einzelheiten aus der Erinnerung verschwinden oder sich allmählich Diskrepanzen in die Erinnerung einschleichen, aber dass von Verdrängen oder Abspalten keine Rede sein kann. Was Traumata mit dem Gedächtnis anstellen, ist eher ihre Rückkehr als Verdrängung.“ (Vgl. Draaisma 2012, S.196)
Wir haben es also bei traumatischen Symptomen weniger mit Verdrängungen zu tun, die auf therapeutischem Wege mühsam wieder aktualisiert werden müssen, als vielmehr mit zwanghaften Erinnerungen. Und die Patienten wünschen sich nichts sehnlicher als zu vergessen.
Download
2. Methode I
3. Methode II
4. Gestaltwahrnehmung und die Gestalt des Gedächtnisses
5. Autobiographisches Gedächtnis
6. Zwei Gehirne und die Einheit des Bewußtseins
7. Zwanghaftes Erinnern
8. Vergessene Träume
Traumata und Träume sind nicht nur Wörter, die sich klanglich ähneln. Beide Begriffe werden auch auf Symptome bezogen, die auf verdrängte Erinnerungen zurückgeführt werden; oder genauer: Träume werden auf verdrängte Erinnerungen zurückgeführt und Traumata führen zur Verdrängung von Erinnerungen. Paradigmatisch für diese Verdrängungshypothese ist Freuds Traumdeutung. Dabei ist sich ‚die Wissenschaft‘ überhaupt nicht einig darüber, ob es so etwas wie ‚Verdrängen‘ überhaupt gibt: „In so gut wie jeder Definition über Verdrängen kommen die Begriffe Trauma und Unbewusstes vor. Versuche, diese Begriffe zu definieren, führen zu zirkulären Beschreibungen wie ‚das Unbewusste ist der Teil des Geistes, in den traumatische Erinnerungen verdrängt werden‘ oder ‚Verdrängen ist Blockieren traumatischer Erinnerungen‘. Verdrängen ist eine unklare Bezeichnung, gespannt zwischen zwei mindestens ebenso unklaren Vorstellungen.“ (Draaisma 2012, S.170)
Dabei haben wir es nicht nur mit einem Definitionsproblem zu tun. Auch experimentell ist die Situation desolat. ‚Verdrängen‘ läßt sich wie ‚Vergessen‘ weder physiologisch nachweisen noch experimentell unter Laborbedingungen herbeiführen. (Vgl. meinen Post vom wie 13.01.2014) Dem Psychologen bleibt nur, so Draaisma, „Verdrängen in Aktion zu sehen, in der Wildnis, im eigenen Biotop.“ (Vgl. Draaisma 2012, S.171)
Als solche ‚Biotope‘ kommen Draaisma zufolge vor allem bestimmte gesellschaftliche Institutionen in Frage, in denen besonders viel über ‚Verdrängen‘ geredet wird: therapeutische Einrichtungen und Gerichtssäle. Denn ob es nun so etwas wie Verdrängen gibt oder nicht, letztlich kommt es hier, so Draaisma, vor allem darauf an, was die Menschen diesbezüglich glauben. Denn unabhängig von der Realität dessen, was sie glauben, sind es, getreu dem „Thomas-Theorem“, vor allem die Konsequenzen, die sich aus ihrem Glauben ergeben, die real sind. (Vgl. Draaisma 2012, S.184)
Das zeigt sich insbesondere an den juristischen Konsequenzen von Vergewaltigungsfällen, in denen es immer auch darum geht, ob die wiederentdeckten ‚Erinnerungen‘ des Vergewaltigungsopfers tatsächlich real sind. Dabei kommt es immer wieder zu prinzipiellen Auseinandersetzungen darüber, ob es so etwas wie ‚verdrängte‘ Erinnerungen überhaupt gibt: „Die eine Partei sieht den Beweis darin, dass Erinnerungen jahrzehntelang unzugänglich sind und durch therapeutische Intervention zurückgeholt werden können. Für die andere Partei beweist dieselbe Geschichte den konstruierten Charakter solcher ‚Erinnerungen‘. ... Auf diese Weise ... entsteht eine heillose Form der Zirkularität: Das Urteil liefert die Unterstützung für die Theorie, die zum Urteil führte.“ (Draaisma 2012, S.186)
Draaismas Verweis auf die „Zirkularität“ entspricht dem, was ich in diesem Blog immer als ‚Rekursivität‘ bezeichne. (Vgl.u.a. meinen Post vom 14.01.2014) Ein klassisches Beispiel für diese Rekursivität bildet der Placebo-Effekt. In einer Sendung des DLF vom 09.01.2014 wird eine Studie mit Migränepatienten vorgestellt: „Beim ersten Durchgang blieb die Migräneattacke unbehandelt. Dann verabreichten die Ärzte ihren Patienten bei den nächsten sechs Migräneattacken dreimal ein Placebo und dreimal ein hochwirksames Migränemedikament. Dabei erfuhren die Studienteilnehmer aber nur je einmal die Wahrheit über die dargereichte Pille, also dass sie ein Placebo beziehungsweise ein echtes Medikament erhielten. Jeweils einmal machten die Mediziner falsche Angaben. Bei der Placebogabe sagten sie, es handele sich um ein wirksames Medikament und bei der Medikamentengabe, die Tablette sei ein Placebo. Außerdem gab es für Placebo und echtes Medikament noch jeweils einen Durchgang bei denen die Mediziner den Patienten mitteilten, sie wüssten gar nicht, ob es sich um ein Placebo oder ein wirksames Medikament handelt. Die Auswertung der Studiendaten zeigte, dass die Information, die mit der Tablette verabreicht wurde, die Wirksamkeit extrem beeinflussen kann.“ (DLF 2014)
Das Ergebnis der Studie war, daß es in der Wirkung keinen Unterschied machte, ob das Placebo oder das echte Medikament verabreicht wurde, wenn der Arzt beim Placebo anmerkte, daß es sich um das echte Medikament handelt, und wenn der Arzt beim Medikament anmerkte, daß es sich um ein Placebo handelt! – Der Experimentator fügt im DLF-Interview noch hinzu, daß Ärzte beim Verschreiben von Medikamenten genau aufpassen müssen, was sie sagen, weil sie damit die Wirksamkeit der Medikamente erheblich beeinflussen.
Wenn diese Rekursivität, also das undurchsichtige Geflecht von wechselseitigen Erwartungserwartungen, sich schon bei klassischen medizinischen Maßnahmen so erheblich auswirkt, um wie viel mehr wirkt es sich wohl bei Therapiesitzungen aus, in denen es darum geht, ‚verdrängte‘ Erinnerungen wieder ‚auszugraben‘?
Draaisma hat das „Thomas-Theorem“ zur Realität bloß ‚geglaubter‘ Vorstellungen auf die realen juristischen Konsequenzen in Vergewaltigungsprozessen bezogen. (Vgl. Draaisma 2012, S.184f.) Beim Placebo aber haben wir es nicht nur mit solchen gesellschaftlichen Institutionen zu tun, sondern mit psychosomatischen Effekten auf die Heilung von Krankheitssymptomen. Aus meinem eigenen Berufsalltag fallen mir die täglichen Beispiele von Kindern mit ADHS ein. Was passiert in ihrem Kopf, wenn ihnen Medikamente zur Behandlung ihrer ‚Symptome‘ verschrieben werden? Selbstverständlich sind auch Kinder rekursiv begabt. Was also denken sie und was glauben sie über sich selbst, wenn sie diese Medikamente einnehmen? Wie wirkt sich das auf ihr Verhalten aus, – ganz unabhängig davon, was die Medikamente selbst bewirken?
Bei den Symptomen ‚verdrängter‘ Traumata gibt es sogar noch eine ganz andere, wiederum innerwissenschaftliche Auseinandersetzung. Tatsächlich haben die Vertreter des Verdrängungshypothese einen schweren Stand, denn traumatische Erinnerungen werden anscheinend nicht verdrängt, sondern drängen sich im Gegenteil dem Betroffenen regelrecht auf, so daß es weniger darum geht, verdrängte Erinnerungen wieder ‚auszugraben‘, als vielmehr darum wie man die unkontrollierbaren ‚Flashbacks‘ wieder los wird.
Studien, die von gut dokumentierten belastenden und traumatisierenden Ereignissen ausgehen und überprüfen, ob sich die Betroffenen an diese Ereignisse erinnern oder sie vergessen, „treffen sich bei der Schlussfolgerung, dass ‚Vergessen‘ auftritt, weil Einzelheiten aus der Erinnerung verschwinden oder sich allmählich Diskrepanzen in die Erinnerung einschleichen, aber dass von Verdrängen oder Abspalten keine Rede sein kann. Was Traumata mit dem Gedächtnis anstellen, ist eher ihre Rückkehr als Verdrängung.“ (Vgl. Draaisma 2012, S.196)
Wir haben es also bei traumatischen Symptomen weniger mit Verdrängungen zu tun, die auf therapeutischem Wege mühsam wieder aktualisiert werden müssen, als vielmehr mit zwanghaften Erinnerungen. Und die Patienten wünschen sich nichts sehnlicher als zu vergessen.
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Freitag, 17. Januar 2014
Douwe Draaisma, Das Buch des Vergessens. Warum Träume so schnell verloren gehen und Erinnerungen sich ständig verändern, Köln 2012
1. Formen des Vergessens
2. Methode I
3. Methode II
4. Gestaltwahrnehmung und die Gestalt des Gedächtnisses
5. Autobiographisches Gedächtnis
6. Zwei Gehirne und die Einheit des Bewußtseins
7. Zwanghaftes Erinnern
8. Vergessene Träume
Immer wieder bin ich in diesem Blog auf das Problem der Korrelation von Bewußtseinsphänomenen mit lokalen Ereignissen im Gehirn zu sprechen gekommen. (Vgl. meine Posts vom 19.03.2011, 27.07.2012 und vom 06.06.2013) Zu solchen Versuchen gehört auch, die beiden Gehirnhälften als neuronale Substrate zweier verschiedener Bewußtseine zu verstehen, wie Arthur Ladbroke Wigan in seinem Buch „The duality of the mind“ (1844), dessen zentrale These darin besteht, „dass es sich bei unserer rechten und linken Gehirnhälfte möglicherweise nicht um zwei Teile eines Organs handelt, sondern um zwei einzelne Gehirne, jedes mit eigenen Gefühlen, Gedanken und Impulsen.“ (Draaisma 2012, S.145)
Das erinnert ein wenig an Julian Jayenes Thesen zur bikameralen Psyche (1976), denen zufolge das Gehirn aus einer befehlenden Hemisphäre und einer ausführenden Hemisphäre besteht. Ganz ähnlich unterscheidet Wigan beide Hemisphären, wenn auch mit einer etwas anders gelagerten Wertung: die eine Hemisphäre, die rechte, ist das dunkle Bewußtsein, das uns zu amoralischen Handlungen verführt, die andere Hemisphäre, die linke, ist das gute Bewußtsein, das diese dunklen Antriebe unterdrückt. (Vgl. Draaisma 2012, S.146f.)
Die „Einheit“ des Bewußtseins geht also bei Wigan aus einem Unterdrückungsakt hervor: die linke Hemisphäre läßt die rechte Hemisphäre einfach nicht zu Wort kommen. Ansonsten aber haben wir es mit einer klaren 1:1-Korrelation zu tun, in der der linken und der rechten Hemisphäre je ein Bewußtsein zugeordnet wird: „Jedes Gehirn selektiert, interpretiert und registriert nach eigenem Ermessen und vergisst gemäß eigener Gesetze. Die Erfahrungen und Erlebnisse des einen Gehirns sind nicht die des anderen. Sind beide Gehirne intakt und gesund, bleiben Diskrepanzen zwischen beiden Gedächtnissen begrenzt. Sie führen doppelt Buch, aber ohne allzu große Unregelmäßigkeiten. Erst wenn das eine Gehirn angegriffen ist – oder beide Gehirne krank werden –, entstehen Probleme.“ (Draaisma 2012, S.147)
Draaisma positioniert sich zu Wigans These klar und eindeutig: „Dass Hirnhälften abwechselnd ein- und ausgeschaltet sein können oder jeweils ihre eigenen Erinnerungen und Vorstellungen haben, wie Wigan dachte, stimmt nicht.“ (Draaisma 2012, S.162)
Ich wäre da mit einem so definitiven Urteil etwas zurückhaltender, denn von Delphinen ist bekannt, daß sie genau das tun, wenn sie schlafen: sie schalten eine Hemisphäre ab, während sie mit der anderen wachbleiben. Dennoch wird hier noch einmal deutlich, wie Neurophysiologen seit den frühesten Anfängen der Gehirnforschung immer wieder versuchen, das Bewußtsein zu lokalisieren. Eine solche Lokalisierung in Bezug auf die Hemisphären bzw. auf eine bestimmte Hemisphäre kommt aber schon deshalb nicht in Frage, weil Menschen durchaus auch mit nur noch einer Gehirnhälfte problemlos bei vollem Bewußtsein weiterleben können, mit der gleichen Mischung zwischen ‚dunklen‘ und ‚hellen‘ Bewußtseinsmomenten. Es ist mit den zwei Gehirnhälften wohl eher so wie mit zwei Kerzenflammen: sie erzeugen ein einziges Licht und nicht zwei verschiedene Lichter.
Wenn Draaisma aber Wigans These für falsch hält, stellt sich die Frage, wieso er ihr dennoch ein ganzes Kapitel widmet. Was ist so bemerkenswert an seiner Interpretation der zwei Hemisphären, abgesehen davon, daß sie falsch ist? – Draaisma sieht in Wigans zwei Gehirnen einen Vorläufer von Freuds Zweiteilung des Bewußtseins in ein seiner selbst bewußtes und in ein unbewußtes Bewußtseinsmoment. Im ‚Unterdrücken‘ der rechten Hemisphäre, so Draaisma, „ist schon etwas von der Achse zu lesen, entlang der ein halbes Jahrhundert später viele der in Duality aufgeführten Phänomene aufgeteilt werden würden, der Achse zwischen bewusst und unbewusst. Diese Achse bestand nicht mehr aus einer neurologischen Zweiteilung, obwohl noch lange danach gesucht werden würde, auch von Freud selbst.“ (Vgl. Draaisma 2012, S.167)
Draaisma sieht Wigans neurophysiologische Pionierarbeit vor allem darin motiviert, daß er in den zwei Gehirnen eine „Metapher“ für persönliche Probleme gesehen hatte (vgl. Draaisma 2012, S.165fff.), mit der er versucht habe, „Ordnung“ in sein eigenes Leben zu bringen (vgl. Draaisma 2012, S.147). Letztlich sei seine zwei-Gehirne-Hypothese Ausdruck der „viktorianischen Erziehung“, die wie die „Sprache, in der Wigan das Verhältnis zwischen beiden Gehirnen beschreibt, ... vor Hierarchie und Disziplin (strotzt)“. (Vgl. Draaisma 2012, S.163)
Letztlich ist es wohl genau diese Neigung, persönliche und gesellschaftliche Zusammenhänge auf das Gehirn zu projizieren und entsprechende Korrelationen vorzunehmen, die Wigan zu einem Vorläufer der heutigen Neurophysiologen macht. Denn nichts tun letztere lieber, als aus ihren Studien Antworten für alle möglichen gesellschaftlichen Probleme herauszulesen.
Insofern nehme ich mir an dieser Stelle auch die Freiheit, die zwei ‚Gehirne‘ als eine Metapher für meine anthropologische These zu nehmen, daß das Selbst-Bewußtsein eine besondere Form des bei-sich-Seins bildet. Die eine Hemisphäre ist in diesem Sinne ‚bei‘ der anderen Hemisphäre und steht ihr zur Seite. Alle Bewußtseinsprozesse beinhalten diese Zweiteilung in eine Ebene, in der etwas geschieht, und in eine Ebene, in der das, was geschieht, beobachtet wird; allerdings nicht von vornherein in einem kontrollierenden Sinne, sondern in Form einer Achtsamkeit, die nicht behindert, sondern zuläßt.
Das Bewußtsein ist ein Licht, das aus verschiedenen Quellen gespeist wird und sich nicht auf ein neurologisches Korrelat zurückführen läßt.
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2. Methode I
3. Methode II
4. Gestaltwahrnehmung und die Gestalt des Gedächtnisses
5. Autobiographisches Gedächtnis
6. Zwei Gehirne und die Einheit des Bewußtseins
7. Zwanghaftes Erinnern
8. Vergessene Träume
Immer wieder bin ich in diesem Blog auf das Problem der Korrelation von Bewußtseinsphänomenen mit lokalen Ereignissen im Gehirn zu sprechen gekommen. (Vgl. meine Posts vom 19.03.2011, 27.07.2012 und vom 06.06.2013) Zu solchen Versuchen gehört auch, die beiden Gehirnhälften als neuronale Substrate zweier verschiedener Bewußtseine zu verstehen, wie Arthur Ladbroke Wigan in seinem Buch „The duality of the mind“ (1844), dessen zentrale These darin besteht, „dass es sich bei unserer rechten und linken Gehirnhälfte möglicherweise nicht um zwei Teile eines Organs handelt, sondern um zwei einzelne Gehirne, jedes mit eigenen Gefühlen, Gedanken und Impulsen.“ (Draaisma 2012, S.145)
Das erinnert ein wenig an Julian Jayenes Thesen zur bikameralen Psyche (1976), denen zufolge das Gehirn aus einer befehlenden Hemisphäre und einer ausführenden Hemisphäre besteht. Ganz ähnlich unterscheidet Wigan beide Hemisphären, wenn auch mit einer etwas anders gelagerten Wertung: die eine Hemisphäre, die rechte, ist das dunkle Bewußtsein, das uns zu amoralischen Handlungen verführt, die andere Hemisphäre, die linke, ist das gute Bewußtsein, das diese dunklen Antriebe unterdrückt. (Vgl. Draaisma 2012, S.146f.)
Die „Einheit“ des Bewußtseins geht also bei Wigan aus einem Unterdrückungsakt hervor: die linke Hemisphäre läßt die rechte Hemisphäre einfach nicht zu Wort kommen. Ansonsten aber haben wir es mit einer klaren 1:1-Korrelation zu tun, in der der linken und der rechten Hemisphäre je ein Bewußtsein zugeordnet wird: „Jedes Gehirn selektiert, interpretiert und registriert nach eigenem Ermessen und vergisst gemäß eigener Gesetze. Die Erfahrungen und Erlebnisse des einen Gehirns sind nicht die des anderen. Sind beide Gehirne intakt und gesund, bleiben Diskrepanzen zwischen beiden Gedächtnissen begrenzt. Sie führen doppelt Buch, aber ohne allzu große Unregelmäßigkeiten. Erst wenn das eine Gehirn angegriffen ist – oder beide Gehirne krank werden –, entstehen Probleme.“ (Draaisma 2012, S.147)
Draaisma positioniert sich zu Wigans These klar und eindeutig: „Dass Hirnhälften abwechselnd ein- und ausgeschaltet sein können oder jeweils ihre eigenen Erinnerungen und Vorstellungen haben, wie Wigan dachte, stimmt nicht.“ (Draaisma 2012, S.162)
Ich wäre da mit einem so definitiven Urteil etwas zurückhaltender, denn von Delphinen ist bekannt, daß sie genau das tun, wenn sie schlafen: sie schalten eine Hemisphäre ab, während sie mit der anderen wachbleiben. Dennoch wird hier noch einmal deutlich, wie Neurophysiologen seit den frühesten Anfängen der Gehirnforschung immer wieder versuchen, das Bewußtsein zu lokalisieren. Eine solche Lokalisierung in Bezug auf die Hemisphären bzw. auf eine bestimmte Hemisphäre kommt aber schon deshalb nicht in Frage, weil Menschen durchaus auch mit nur noch einer Gehirnhälfte problemlos bei vollem Bewußtsein weiterleben können, mit der gleichen Mischung zwischen ‚dunklen‘ und ‚hellen‘ Bewußtseinsmomenten. Es ist mit den zwei Gehirnhälften wohl eher so wie mit zwei Kerzenflammen: sie erzeugen ein einziges Licht und nicht zwei verschiedene Lichter.
Wenn Draaisma aber Wigans These für falsch hält, stellt sich die Frage, wieso er ihr dennoch ein ganzes Kapitel widmet. Was ist so bemerkenswert an seiner Interpretation der zwei Hemisphären, abgesehen davon, daß sie falsch ist? – Draaisma sieht in Wigans zwei Gehirnen einen Vorläufer von Freuds Zweiteilung des Bewußtseins in ein seiner selbst bewußtes und in ein unbewußtes Bewußtseinsmoment. Im ‚Unterdrücken‘ der rechten Hemisphäre, so Draaisma, „ist schon etwas von der Achse zu lesen, entlang der ein halbes Jahrhundert später viele der in Duality aufgeführten Phänomene aufgeteilt werden würden, der Achse zwischen bewusst und unbewusst. Diese Achse bestand nicht mehr aus einer neurologischen Zweiteilung, obwohl noch lange danach gesucht werden würde, auch von Freud selbst.“ (Vgl. Draaisma 2012, S.167)
Draaisma sieht Wigans neurophysiologische Pionierarbeit vor allem darin motiviert, daß er in den zwei Gehirnen eine „Metapher“ für persönliche Probleme gesehen hatte (vgl. Draaisma 2012, S.165fff.), mit der er versucht habe, „Ordnung“ in sein eigenes Leben zu bringen (vgl. Draaisma 2012, S.147). Letztlich sei seine zwei-Gehirne-Hypothese Ausdruck der „viktorianischen Erziehung“, die wie die „Sprache, in der Wigan das Verhältnis zwischen beiden Gehirnen beschreibt, ... vor Hierarchie und Disziplin (strotzt)“. (Vgl. Draaisma 2012, S.163)
Letztlich ist es wohl genau diese Neigung, persönliche und gesellschaftliche Zusammenhänge auf das Gehirn zu projizieren und entsprechende Korrelationen vorzunehmen, die Wigan zu einem Vorläufer der heutigen Neurophysiologen macht. Denn nichts tun letztere lieber, als aus ihren Studien Antworten für alle möglichen gesellschaftlichen Probleme herauszulesen.
Insofern nehme ich mir an dieser Stelle auch die Freiheit, die zwei ‚Gehirne‘ als eine Metapher für meine anthropologische These zu nehmen, daß das Selbst-Bewußtsein eine besondere Form des bei-sich-Seins bildet. Die eine Hemisphäre ist in diesem Sinne ‚bei‘ der anderen Hemisphäre und steht ihr zur Seite. Alle Bewußtseinsprozesse beinhalten diese Zweiteilung in eine Ebene, in der etwas geschieht, und in eine Ebene, in der das, was geschieht, beobachtet wird; allerdings nicht von vornherein in einem kontrollierenden Sinne, sondern in Form einer Achtsamkeit, die nicht behindert, sondern zuläßt.
Das Bewußtsein ist ein Licht, das aus verschiedenen Quellen gespeist wird und sich nicht auf ein neurologisches Korrelat zurückführen läßt.
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Donnerstag, 16. Januar 2014
Douwe Draaisma, Das Buch des Vergessens. Warum Träume so schnell verloren gehen und Erinnerungen sich ständig verändern, Köln 2012
1. Formen des Vergessens
2. Methode I
3. Methode II
4. Gestaltwahrnehmung und die Gestalt des Gedächtnisses
5. Autobiographisches Gedächtnis
6. Zwei Gehirne und die Einheit des Bewußtseins
7. Zwanghaftes Erinnern
8. Vergessene Träume
Ähnlich wie Damasio konzipiert Draaisma das autobiographische Gedächtnis als ein erweitertes Bewußtsein. (Vgl. Antonio Damasio: „Selbst ist der Mensch“ (2011), S.180 und Draaisma 2012, S.46) Eine besondere Kompetenz des autobiographischen Gedächtnisses bildet Damasio zufolge das Gewissen. (Antonio Damasio: „Ich fühle, also bin ich“ (8/2009), S.278) Das Gewissen bzw. das erweiterte Bewußtsein ermöglicht es dem Menschen, sich über sich selbst zu erheben und so über die eigenen „Überlebens-Dispositionen“ zu urteilen und zwischen richtig und falsch zu unterscheiden. (Vgl. Damasio 8/2009, S.278)
Wir haben es also beim erweiterten Bewußtsein mit einem rekursiven Mechanismus zu tun, der dem Menschen neue Freiheitsräume eröffnet. Ein solches Selbst-Bewußtsein ist sehr voraussetzungsreich und steht am Ende einer langen Evolution der Bewußtwerdung, wie Draaisma mit Bezug auf das autobiographische Gedächtnis festhält: „Für dieses Gedächtnis muss sehr vieles gleichzeitig bereitgestellt werden, intakt sein und funktionieren, neurologisch und kognitiv.“ (Draaisma 2012, S.46)
Das macht dieses Gedächtnis bzw. das erweiterte Bewußtsein so verwundtbar. Es ist das erste, das bei Verletzungen und Krankheiten ausfällt, während die unteren Ebenen noch funktionieren. Was die ‚Bereitstellung‘ der Bedingungen für das Zustandekommen eines autobiographischen Gedächtnisses betrifft, sind daran gleichermaßen phylogenetische wie ontogenetische Prozesse beteiligt. (Vgl. Damasio 2011, S.183) Draaisma geht es insbesondere um die Ontogenese, also um das erste Auftreten von Selbstbewußtsein in der individuellen Entwicklung eines Menschen. Dabei fällt vor allem auf, daß diesem Selbstbewußtsein in den ersten Lebensjahren ein bewußtseinsloses Nichts vorausgeht: „Im autobiografischen Gedächtnis befinden sich vor und nach ersten Aufzeichnungen leere Seiten. Obwohl sie den Anfang unserer Existenz als ein Wesen mit Gedächtnis markieren, unterstreichen diese leeren Seiten zugleich, von wie viel Vergessen die ersten Male umgeben sind. ... Das Kindergedächtnis ähnelt einem Motor, der gleich nach dem stotterenden Start wieder aussetzt.“ (Draaisma 2012, S.24f.)
„Das größte Rätsel der ersten Erinnerung“, so Draaisma, ist, „dass es sich um einen Beginn handelt, dem so viel vorausgeht.“ (Draaisma 2012, S.34) – Was uns im Normalfall am Zugriff auf die Erlebnisse und Erfahrungen der ersten drei bis vier Jahre unserer Kindheit hindert, ist die Sprache. Mit dem Einsetzen der Sprachfähigkeit verlieren wir den Schlüssel zu unseren vorsprachlichen Erinnerungen: „Kein einziges Stadium ... wird noch einmal so eingreifend sein wie das, in dem wir zu einem ‚sprachlichen‘ Wesen werden.“ (Draaisma 2012, S.46)
Aber die Sprache selbst ist nur ein Stadium, das eine weitere Voraussetzung für das eigentliche Ereignis bildet, das im Alter von ca. 8 Jahren zur vollen Herausbildung eines autobiographischen Gedächtnisses und Selbstbewußtseins führt: die Erfahrung, ein individuelles, unverwechselbares ‚Ich‘ zu sein: „Eine junge Erzieherin erinnert sich an ein Wochenende, an dem sie am frühen Morgen im Bett lag. Wie sie zu diesem Gedanken kam, kann sie nicht mehr sagen, aber es traf sie wie ein Schlag: ‚Mir wurde auf einmal klar, wie einzig ich war. Alles an mir, mein Aussehen und vor allem meine Gedanken. Das Gefühl, das mich dabei überkam, war so stark und mitreißend. So intensiv habe ich mich danach nie wieder gefühlt. ...‘“ (Draaisma 2012, S.36)
Draaisma bezeichnet diese Bewußtwerdung als „‚Ich-bin-ich‘-Erinnerung()“ (ebenda). Ich selbst kann mich ebenfalls deutlich an so einen Moment erinnern. Ein anderer Erinnerungszeuge beschreibt diese plötzliche Wahrnehmung seiner selbst als eine besonders wache Form des bei-sich-Seins, in der ihm das summende Geräusch eines Elektroautos plötzlich die Gewißheit vermittelt, da zu sein. (Vgl. Draaisma 2012, S.35) Es ist eine besondere Art der Achtsamkeit, wie sie auch bestimmte Meditationstechniken ermöglichen.
Das autobiographische Gedächtnis wird also durch eine neue Art des bei-sich-Seins ermöglicht: „Nur das Kind, das beginnt, sich eines ‚Ich erlebe das‘ bewusst zu werden, wird bleibende Erinnerungen anlegen.“ (Draaisma 2012, S.35) – Dieses bei-sich-Sein, Kants transzendentale Apperzeption, ist rekursiv. Dieses Selbst-Bewußtsein ist von nun an bei allem ‚dabei‘, was uns widerfährt, und es eröffnet uns jederzeit neue Freiheitsräume des Denkens und Handelns.
Aber natürlich kann dieses autobiographische Gedächtnis auch selbst wieder zu einem Gefängnis werden, wenn es sich nämlich von einem achtsamen bei-sich-Sein in ein an-sich-Festhalten, an-sich-Festklammern verwandelt. Wenn der Spielraum zwischen den beiden Prozessen, zwischen dem, was geschieht, und dem, was beobachtet, verschwindet und beides zur Identität verschmilzt. Für diesen Zustand der Unfreiheit haben Christen den Begriff der ‚Erbsünde‘ – die Vorstellung eines generationenübergreifenden Schuldzusamenhangs – geprägt, und Buddhisten verwenden dafür den Begriff des ‚Karma‘, die Vorstellung eines sich über Generationen hinweg durchhaltenden, sich wiedergebärenden Selbst.
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2. Methode I
3. Methode II
4. Gestaltwahrnehmung und die Gestalt des Gedächtnisses
5. Autobiographisches Gedächtnis
6. Zwei Gehirne und die Einheit des Bewußtseins
7. Zwanghaftes Erinnern
8. Vergessene Träume
Ähnlich wie Damasio konzipiert Draaisma das autobiographische Gedächtnis als ein erweitertes Bewußtsein. (Vgl. Antonio Damasio: „Selbst ist der Mensch“ (2011), S.180 und Draaisma 2012, S.46) Eine besondere Kompetenz des autobiographischen Gedächtnisses bildet Damasio zufolge das Gewissen. (Antonio Damasio: „Ich fühle, also bin ich“ (8/2009), S.278) Das Gewissen bzw. das erweiterte Bewußtsein ermöglicht es dem Menschen, sich über sich selbst zu erheben und so über die eigenen „Überlebens-Dispositionen“ zu urteilen und zwischen richtig und falsch zu unterscheiden. (Vgl. Damasio 8/2009, S.278)
Wir haben es also beim erweiterten Bewußtsein mit einem rekursiven Mechanismus zu tun, der dem Menschen neue Freiheitsräume eröffnet. Ein solches Selbst-Bewußtsein ist sehr voraussetzungsreich und steht am Ende einer langen Evolution der Bewußtwerdung, wie Draaisma mit Bezug auf das autobiographische Gedächtnis festhält: „Für dieses Gedächtnis muss sehr vieles gleichzeitig bereitgestellt werden, intakt sein und funktionieren, neurologisch und kognitiv.“ (Draaisma 2012, S.46)
Das macht dieses Gedächtnis bzw. das erweiterte Bewußtsein so verwundtbar. Es ist das erste, das bei Verletzungen und Krankheiten ausfällt, während die unteren Ebenen noch funktionieren. Was die ‚Bereitstellung‘ der Bedingungen für das Zustandekommen eines autobiographischen Gedächtnisses betrifft, sind daran gleichermaßen phylogenetische wie ontogenetische Prozesse beteiligt. (Vgl. Damasio 2011, S.183) Draaisma geht es insbesondere um die Ontogenese, also um das erste Auftreten von Selbstbewußtsein in der individuellen Entwicklung eines Menschen. Dabei fällt vor allem auf, daß diesem Selbstbewußtsein in den ersten Lebensjahren ein bewußtseinsloses Nichts vorausgeht: „Im autobiografischen Gedächtnis befinden sich vor und nach ersten Aufzeichnungen leere Seiten. Obwohl sie den Anfang unserer Existenz als ein Wesen mit Gedächtnis markieren, unterstreichen diese leeren Seiten zugleich, von wie viel Vergessen die ersten Male umgeben sind. ... Das Kindergedächtnis ähnelt einem Motor, der gleich nach dem stotterenden Start wieder aussetzt.“ (Draaisma 2012, S.24f.)
„Das größte Rätsel der ersten Erinnerung“, so Draaisma, ist, „dass es sich um einen Beginn handelt, dem so viel vorausgeht.“ (Draaisma 2012, S.34) – Was uns im Normalfall am Zugriff auf die Erlebnisse und Erfahrungen der ersten drei bis vier Jahre unserer Kindheit hindert, ist die Sprache. Mit dem Einsetzen der Sprachfähigkeit verlieren wir den Schlüssel zu unseren vorsprachlichen Erinnerungen: „Kein einziges Stadium ... wird noch einmal so eingreifend sein wie das, in dem wir zu einem ‚sprachlichen‘ Wesen werden.“ (Draaisma 2012, S.46)
Aber die Sprache selbst ist nur ein Stadium, das eine weitere Voraussetzung für das eigentliche Ereignis bildet, das im Alter von ca. 8 Jahren zur vollen Herausbildung eines autobiographischen Gedächtnisses und Selbstbewußtseins führt: die Erfahrung, ein individuelles, unverwechselbares ‚Ich‘ zu sein: „Eine junge Erzieherin erinnert sich an ein Wochenende, an dem sie am frühen Morgen im Bett lag. Wie sie zu diesem Gedanken kam, kann sie nicht mehr sagen, aber es traf sie wie ein Schlag: ‚Mir wurde auf einmal klar, wie einzig ich war. Alles an mir, mein Aussehen und vor allem meine Gedanken. Das Gefühl, das mich dabei überkam, war so stark und mitreißend. So intensiv habe ich mich danach nie wieder gefühlt. ...‘“ (Draaisma 2012, S.36)
Draaisma bezeichnet diese Bewußtwerdung als „‚Ich-bin-ich‘-Erinnerung()“ (ebenda). Ich selbst kann mich ebenfalls deutlich an so einen Moment erinnern. Ein anderer Erinnerungszeuge beschreibt diese plötzliche Wahrnehmung seiner selbst als eine besonders wache Form des bei-sich-Seins, in der ihm das summende Geräusch eines Elektroautos plötzlich die Gewißheit vermittelt, da zu sein. (Vgl. Draaisma 2012, S.35) Es ist eine besondere Art der Achtsamkeit, wie sie auch bestimmte Meditationstechniken ermöglichen.
Das autobiographische Gedächtnis wird also durch eine neue Art des bei-sich-Seins ermöglicht: „Nur das Kind, das beginnt, sich eines ‚Ich erlebe das‘ bewusst zu werden, wird bleibende Erinnerungen anlegen.“ (Draaisma 2012, S.35) – Dieses bei-sich-Sein, Kants transzendentale Apperzeption, ist rekursiv. Dieses Selbst-Bewußtsein ist von nun an bei allem ‚dabei‘, was uns widerfährt, und es eröffnet uns jederzeit neue Freiheitsräume des Denkens und Handelns.
Aber natürlich kann dieses autobiographische Gedächtnis auch selbst wieder zu einem Gefängnis werden, wenn es sich nämlich von einem achtsamen bei-sich-Sein in ein an-sich-Festhalten, an-sich-Festklammern verwandelt. Wenn der Spielraum zwischen den beiden Prozessen, zwischen dem, was geschieht, und dem, was beobachtet, verschwindet und beides zur Identität verschmilzt. Für diesen Zustand der Unfreiheit haben Christen den Begriff der ‚Erbsünde‘ – die Vorstellung eines generationenübergreifenden Schuldzusamenhangs – geprägt, und Buddhisten verwenden dafür den Begriff des ‚Karma‘, die Vorstellung eines sich über Generationen hinweg durchhaltenden, sich wiedergebärenden Selbst.
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Mittwoch, 15. Januar 2014
Douwe Draaisma, Das Buch des Vergessens. Warum Träume so schnell verloren gehen und Erinnerungen sich ständig verändern, Köln 2012
1. Formen des Vergessens
2. Methode I
3. Methode II
4. Gestaltwahrnehmung und die Gestalt des Gedächtnisses
5. Autobiographisches Gedächtnis
6. Zwei Gehirne und die Einheit des Bewußtseins
7. Zwanghaftes Erinnern
8. Vergessene Träume
Ich hatte schon im Zuge meiner Auseinandersetzung mit Jan Assmann (Post vom 04.02.2011) und Harald Welzer (Post vom 20.03.2011) darauf hingewiesen, daß der Plessnersche Begriff der exzentrischen Positionalität nicht nur auf die Außenwelt, sondern auch auf die Innenwelt angewandt werden kann. Dabei setzte ich die Innenwelt mit dem Gedächtnis gleich, während ich die Außenwelt mit der sinnlichen Wahrnehmung gleichsetzte, also mit den nach außen gerichteten Sinnesorganen.
Dabei ist aber nicht nur die Formulierung ‚nach außen gerichtet‘ problematisch, insofern wir es letztlich bei allen Sinnesorganen mit einer Doppelaspektivität zu tun haben, weil mit ihnen innere Empfindungen und Befindlichkeiten einhergehen. Darüber hinaus funktionieren auch diese Wahrnehmungen, deren Hauptmerkmal ihre Gegenwärtigkeit, ihre Präsenz ist, ebenfalls nur auf der Grundlage eines ‚primären‘ Gedächtnisses: „Das primäre Gedächtnis gehört eigentlich noch zum Bewusstsein: Es enthält Beobachtungen und Wahrnehmungen, die das Bewusstsein noch nicht verlassen haben, es ist das Gedächtnis, das zu unserem Bewusstsein das beiträgt, was wir momentan erleben.“ (Draaisma 2012, S.97)
Psychologen ordnen deshalb den Sinnesorganen „sensorische Register“ zu – „früher auch Ultra-Kurzzeitregister genannt“ (Draaisma 2012, S.10) –, die eine unterschiedliche Dauer und Aufnahmekapazität haben. Der Gesichtssinn scheint das umfangreichste Register zu haben. So ist es bislang z.B. noch nicht gelungen, die Grenzen des visuellen Gedächtnisses zu bestimmen, es sei denn man nimmt die Langeweile der Versuchspersonen als eine solche Grenze, die irgendwann einfach keine Lust mehr haben, sich tagelang zehntausende von Bildern anzusehen. (Vgl. Draaisma 2012, S.278) Die enorme Kapazität des visuellen Registers wird verständlich, wenn man berücksichtigt, daß „visuelle Szenen“ immer „ungeheuer viel Information“ enthalten, die sich kaum ohne Verlust in die Wortsprache übertragen lassen. (Vgl. Draaisma 2012, S.79)
Dennoch haben wir es auch beim „visuelle(n) sensorische(n) Register“ (Draaisma 2012, S.10) mit einem Ultrakurzzeitgedächtnis zu tun, was bedeutet, daß schon wenige Sekunden nach Betrachten einer Reihe von Bildern die Erinnerung verblaßt: „Dieses schnelle Löschen geschieht auch in den anderen sensorischen Registern, obwohl das Gedächtnis für Geräusche (die ‚Echobox‘) die Reize etwas länger festhält, zwei bis vier Sekunden. Das Festhalten von Reizen ist für eine ungestörte Verarbeitung von Sinnesinformationen notwendig.“ (Draaisma 2012, S.11) – Diese Beschreibung erinnert an Damasios Konzept des Kernselbsts, das im Drei-Sekunden-Rhythmus pulsiert. Das Bewußtsein setzt sich Damasio zufolge aus diesen Pulsen der Aufmerksamkeit zusammen. (Vgl. meinen Post vom 21.07.2011)
Das primäre Gedächtnis ist also ein Gedächtnis der Präsenz. Es ermöglicht die Dauer einer Gegenwart, die Draaisma mit dem eigentlichen Bewußtsein gleichsetzt, während das, was man üblicherweise als ‚Gedächtnis‘ bezeichnet, im sekundären Gedächtnis besteht: „Nur das sekundäre Gedächtnis ist für (William) James wirklich ein Gedächtnis im strengen Sinn: Was daraus zum Vorschein kommt, sind Erinnerungen, die offensichtlich außerhalb unseres Bewusstseins des Augenblicks gespeichert bleiben.“ (Draaisma 2012, S.97)
Draaismas Formulierung, daß die Erinnerungen „außerhalb unseres Bewusstseins des Augenblicks“ gespeichert werden, macht noch einmal die exzentrische Position des Bewußtseins dem Gedächtnis gegenüber deutlich. Das Gedächtnis bildet wie die Außenwelt eine eigene ‚Welt‘, die für sich steht und unserer Kontrolle nicht unterworfen ist. Dabei ist natürlich unbestreitbar, daß das Gedächtnis zugleich einen Teil des Bewußtseins bildet, anders als die Außenwelt. Es bildet als eigenständige ‚Welt‘ zugleich ein Unter-Bewußtsein. (Zur Differenz zwischen Bewußtem, Un-Bewußtem und Unter-Bewußtem vgl. meinen Post vom 20.04.2012)
Neben der weitgehenden Eigenständigkeit unterbewußter Gedächtnisfunktionen gibt es weitere Parallelen zwischen der Gestaltwahrnehmung und dem Erleben von Erinnerungen. Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen dem Wiedererkennen von Gestalten und dem Verstehen von Sinn finden sich in Draaismas Beschreibungen bestimmter pathologischer Fälle von Gesichtsblindheit (Prosopagnosie) aus dem zweiten Weltkrieg. Von einem Soldaten mit einem durch eine Granate verletzten Gehirn heißt es z.B.: „Gegenstände, die ihm schon vor der Verletzung vertraut waren, erkannte er, neue Gegenstände konnte er sich nicht einprägen. Auch die Integration von Einzelheiten zu einer zusammenhängenden Vorstellung verursachte Probleme. Bei der Abbildung einer Tankstelle identifizierte er zwar die ankommenden und abfahrenden Fahrzeuge, die Menschen, die Schilder, aber er verstand nicht, was die Leute wollten.“ (Draaisma 2012, S.107)
Interessant an dieser Darstellung ist, daß der Soldat überhaupt keine Gesichter mehr wiedererkennen konnte. Offensichtlich hatte er aber keine Mühe, schon bekannte Gegenstände wiederzuerkennen. Schwierigkeiten hatte er dann wiederum vor allem bei dem Verstehen von Handlungszusammenhängen. Er erkannte zwar einzelne Gegenstände wie Autos, ‚Menschen‘ und Zapfsäulen, konnte sie aber in keinen Sinnzusammenhang bringen. Gesichter sind nicht einfach nur irgendwelche Gegenstände. Um ein Gesicht wiederzuerkennen, bedarf es der Fähigkeit, die Person hinter dem Gesicht wahrzunehmen, was wieder auf das Verstehen eines Sinnzusammenhangs hinausläuft: „S. erkannte ein Gesicht durchaus als Gesicht. Es macht ihm auch keine Mühe, einzelne Elemente in einem Gesicht zu identifizieren, die Nase, die Augen, die Falten und Linien, es gelang ihm nur nicht, sie so zusammenzufügen, dass er die Unverwechselbarkeit dieses einen Gesichts erfasste. Sogar Veränderungen im Gesichtsausdruck konnte er wahrnehmen, das Problem lag darin, dass er diese nicht interpretieren konnte ...“ (Draaisma 2012, S.107)
Gestaltwahrnehmung wie das Erkennen und das Wiedererkennen von Gegenständen (äußere Wahrnehmung) ist also das eine; das Verstehen von Sinn und das Wiedererkennen von Gesichtern (innere Wahrnehmung) ist das andere. Diese innere Wahrnehmung wird aber vor allem durch das Gedächtnis ermöglicht. Dabei bildet das Gedächtnis eine Art ‚Hintergrund‘, ähnlich der Figur-Grund-Differenzierung der Gestaltwahrnehmung. Vor diesem Hintergrund heben sich die einzelnen Erinnerungen als ‚Figuren‘ ab.
Diese Erinnerungsfiguren können wir mit unserer bewußten Aufmerksamkeit fokussieren und sie auch manipulieren. Sie können sich dabei auf verschiedene Weise zeigen: als ‚Erinnerungen‘, als ‚Wissen‘ und als ‚Intuitionen‘. Als Erinnerungen werden uns unsere Gedankenbilder immer dann bewußt, wenn wir ihre Quelle kennen (vgl. Draaisma 2012, S.124): wir können uns erinnern, wann wir etwas erlebt haben, oder daß wir eine bestimmte Information irgendwo gelesen haben bzw. jemand sie uns mitgeteilt hat. Das Wissen um die Quellen unserer Erinnerungen bildet gewissermaßen das Realitätsprinzip des Gedächtnisses.
‚Erinnerungen‘, bei denen wir die Quelle nicht mehr angeben können, von denen wir aber dennoch wissen, daß sie eine Quelle haben, können wir als ‚Wissen‘ bezeichnen, so wie bei einem Lexikon, in dem bei den einzelnen Beiträgen auf die Autorenangabe verzichtet wird. Hier haben wir es mit dem semantischen Gedächtnis zu tun. Das semantische Gedächtnis ist also letztlich nur ein Nebeneffekt von „Quellenamnesie“ (Draaisma 2012, S.139).
‚Erinnerungen‘, bei denen wir nicht einmal mehr wissen, daß sie eine Quelle haben, nehmen wir als ‚Intuitionen‘ wahr. So kann es z.B. zu unbewußten Plagiaten kommen, wenn wir Ideen von anderen als unsere eigenen ausgeben. (Vgl. Draaisma 2012, S.16, 135, 137) Der Fachausdruck für diese unbewußten Plagiate ist „Kryptomnesie“. (Vgl. Draaisma 2012, S.16, 137, 139f., 143) So übernehmen wir wahrscheinlich auch Kollektiverinnerungen aus Mythen, Literatur und Lebenswelt, und integrieren sie als unsere eigenen Erinnerungen. Jan Assmann geht davon aus, daß diese Kollektiverinnerungen auch unsere Lebensführung beeinflussen, insofern wir unsere Biographie an mythischen Vorbildern orientieren. (Vgl. meinen Post vom 05.02.2011)
In gewisser Weise funktioniert das Gedächtnis ‚komplexqualitativ‘, ein Begriff, den Plessner geprägt hat, um den Unterschied zwischen der tierischen und der menschlichen Wahrnehmung zu beschreiben. (Vgl. meinen Post vom 21.10.2010) Mit Bezug auf das Gedächtnis bedeutet er, daß wir zwar einzelne Erinnerungen fokussieren können, aber diese einzelnen Erinnerungen nicht fein säuberlich wie in einem Archiv einordnen oder aus dem Archiv entfernen und vergessen können.
Draaisma erzählt die Geschichte von dem Herrn Bommel aus dem „Büchlein vom Vergessen“ (1980) von Marten Toonder. (Vgl. Draaisma 2012, S.283ff.) Herr Bommel hat den Wunsch, einen peinlichen Vorfall zu vergessen, und ein gewisser Pocus Pas hilft ihm dabei, indem er ihn seine Erinnerung in ein Vergessensbüchlein eintragen läßt und dann Sand darüber streut. Das funktioniert so gut, daß Bommels Mitbürger nun ebenfalls zu Pocus Pas gehen und dort ihre unangenehmen Erinnerungen löschen lassen. Das Problem ist dann aber, daß mit den unerwünschten Erinnerungen auch andere Erinnerungen verlorengehen. Mit den Erinnerungen an einzelne Vorkommnisse gehen zugleich auch alle Erinnerungen an die beteiligten Personen verloren. Kurz: Erinnerungen sind komplexqualitativ. Wir können zwar einzelne Erinnerungen fokussieren, wir können sie aber nicht aus dem Hintergrund des Gedächtnisses herauslösen, ohne daß das gesamte Gedächtnis Schaden nimmt.
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2. Methode I
3. Methode II
4. Gestaltwahrnehmung und die Gestalt des Gedächtnisses
5. Autobiographisches Gedächtnis
6. Zwei Gehirne und die Einheit des Bewußtseins
7. Zwanghaftes Erinnern
8. Vergessene Träume
Ich hatte schon im Zuge meiner Auseinandersetzung mit Jan Assmann (Post vom 04.02.2011) und Harald Welzer (Post vom 20.03.2011) darauf hingewiesen, daß der Plessnersche Begriff der exzentrischen Positionalität nicht nur auf die Außenwelt, sondern auch auf die Innenwelt angewandt werden kann. Dabei setzte ich die Innenwelt mit dem Gedächtnis gleich, während ich die Außenwelt mit der sinnlichen Wahrnehmung gleichsetzte, also mit den nach außen gerichteten Sinnesorganen.
Dabei ist aber nicht nur die Formulierung ‚nach außen gerichtet‘ problematisch, insofern wir es letztlich bei allen Sinnesorganen mit einer Doppelaspektivität zu tun haben, weil mit ihnen innere Empfindungen und Befindlichkeiten einhergehen. Darüber hinaus funktionieren auch diese Wahrnehmungen, deren Hauptmerkmal ihre Gegenwärtigkeit, ihre Präsenz ist, ebenfalls nur auf der Grundlage eines ‚primären‘ Gedächtnisses: „Das primäre Gedächtnis gehört eigentlich noch zum Bewusstsein: Es enthält Beobachtungen und Wahrnehmungen, die das Bewusstsein noch nicht verlassen haben, es ist das Gedächtnis, das zu unserem Bewusstsein das beiträgt, was wir momentan erleben.“ (Draaisma 2012, S.97)
Psychologen ordnen deshalb den Sinnesorganen „sensorische Register“ zu – „früher auch Ultra-Kurzzeitregister genannt“ (Draaisma 2012, S.10) –, die eine unterschiedliche Dauer und Aufnahmekapazität haben. Der Gesichtssinn scheint das umfangreichste Register zu haben. So ist es bislang z.B. noch nicht gelungen, die Grenzen des visuellen Gedächtnisses zu bestimmen, es sei denn man nimmt die Langeweile der Versuchspersonen als eine solche Grenze, die irgendwann einfach keine Lust mehr haben, sich tagelang zehntausende von Bildern anzusehen. (Vgl. Draaisma 2012, S.278) Die enorme Kapazität des visuellen Registers wird verständlich, wenn man berücksichtigt, daß „visuelle Szenen“ immer „ungeheuer viel Information“ enthalten, die sich kaum ohne Verlust in die Wortsprache übertragen lassen. (Vgl. Draaisma 2012, S.79)
Dennoch haben wir es auch beim „visuelle(n) sensorische(n) Register“ (Draaisma 2012, S.10) mit einem Ultrakurzzeitgedächtnis zu tun, was bedeutet, daß schon wenige Sekunden nach Betrachten einer Reihe von Bildern die Erinnerung verblaßt: „Dieses schnelle Löschen geschieht auch in den anderen sensorischen Registern, obwohl das Gedächtnis für Geräusche (die ‚Echobox‘) die Reize etwas länger festhält, zwei bis vier Sekunden. Das Festhalten von Reizen ist für eine ungestörte Verarbeitung von Sinnesinformationen notwendig.“ (Draaisma 2012, S.11) – Diese Beschreibung erinnert an Damasios Konzept des Kernselbsts, das im Drei-Sekunden-Rhythmus pulsiert. Das Bewußtsein setzt sich Damasio zufolge aus diesen Pulsen der Aufmerksamkeit zusammen. (Vgl. meinen Post vom 21.07.2011)
Das primäre Gedächtnis ist also ein Gedächtnis der Präsenz. Es ermöglicht die Dauer einer Gegenwart, die Draaisma mit dem eigentlichen Bewußtsein gleichsetzt, während das, was man üblicherweise als ‚Gedächtnis‘ bezeichnet, im sekundären Gedächtnis besteht: „Nur das sekundäre Gedächtnis ist für (William) James wirklich ein Gedächtnis im strengen Sinn: Was daraus zum Vorschein kommt, sind Erinnerungen, die offensichtlich außerhalb unseres Bewusstseins des Augenblicks gespeichert bleiben.“ (Draaisma 2012, S.97)
Draaismas Formulierung, daß die Erinnerungen „außerhalb unseres Bewusstseins des Augenblicks“ gespeichert werden, macht noch einmal die exzentrische Position des Bewußtseins dem Gedächtnis gegenüber deutlich. Das Gedächtnis bildet wie die Außenwelt eine eigene ‚Welt‘, die für sich steht und unserer Kontrolle nicht unterworfen ist. Dabei ist natürlich unbestreitbar, daß das Gedächtnis zugleich einen Teil des Bewußtseins bildet, anders als die Außenwelt. Es bildet als eigenständige ‚Welt‘ zugleich ein Unter-Bewußtsein. (Zur Differenz zwischen Bewußtem, Un-Bewußtem und Unter-Bewußtem vgl. meinen Post vom 20.04.2012)
Neben der weitgehenden Eigenständigkeit unterbewußter Gedächtnisfunktionen gibt es weitere Parallelen zwischen der Gestaltwahrnehmung und dem Erleben von Erinnerungen. Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen dem Wiedererkennen von Gestalten und dem Verstehen von Sinn finden sich in Draaismas Beschreibungen bestimmter pathologischer Fälle von Gesichtsblindheit (Prosopagnosie) aus dem zweiten Weltkrieg. Von einem Soldaten mit einem durch eine Granate verletzten Gehirn heißt es z.B.: „Gegenstände, die ihm schon vor der Verletzung vertraut waren, erkannte er, neue Gegenstände konnte er sich nicht einprägen. Auch die Integration von Einzelheiten zu einer zusammenhängenden Vorstellung verursachte Probleme. Bei der Abbildung einer Tankstelle identifizierte er zwar die ankommenden und abfahrenden Fahrzeuge, die Menschen, die Schilder, aber er verstand nicht, was die Leute wollten.“ (Draaisma 2012, S.107)
Interessant an dieser Darstellung ist, daß der Soldat überhaupt keine Gesichter mehr wiedererkennen konnte. Offensichtlich hatte er aber keine Mühe, schon bekannte Gegenstände wiederzuerkennen. Schwierigkeiten hatte er dann wiederum vor allem bei dem Verstehen von Handlungszusammenhängen. Er erkannte zwar einzelne Gegenstände wie Autos, ‚Menschen‘ und Zapfsäulen, konnte sie aber in keinen Sinnzusammenhang bringen. Gesichter sind nicht einfach nur irgendwelche Gegenstände. Um ein Gesicht wiederzuerkennen, bedarf es der Fähigkeit, die Person hinter dem Gesicht wahrzunehmen, was wieder auf das Verstehen eines Sinnzusammenhangs hinausläuft: „S. erkannte ein Gesicht durchaus als Gesicht. Es macht ihm auch keine Mühe, einzelne Elemente in einem Gesicht zu identifizieren, die Nase, die Augen, die Falten und Linien, es gelang ihm nur nicht, sie so zusammenzufügen, dass er die Unverwechselbarkeit dieses einen Gesichts erfasste. Sogar Veränderungen im Gesichtsausdruck konnte er wahrnehmen, das Problem lag darin, dass er diese nicht interpretieren konnte ...“ (Draaisma 2012, S.107)
Gestaltwahrnehmung wie das Erkennen und das Wiedererkennen von Gegenständen (äußere Wahrnehmung) ist also das eine; das Verstehen von Sinn und das Wiedererkennen von Gesichtern (innere Wahrnehmung) ist das andere. Diese innere Wahrnehmung wird aber vor allem durch das Gedächtnis ermöglicht. Dabei bildet das Gedächtnis eine Art ‚Hintergrund‘, ähnlich der Figur-Grund-Differenzierung der Gestaltwahrnehmung. Vor diesem Hintergrund heben sich die einzelnen Erinnerungen als ‚Figuren‘ ab.
Diese Erinnerungsfiguren können wir mit unserer bewußten Aufmerksamkeit fokussieren und sie auch manipulieren. Sie können sich dabei auf verschiedene Weise zeigen: als ‚Erinnerungen‘, als ‚Wissen‘ und als ‚Intuitionen‘. Als Erinnerungen werden uns unsere Gedankenbilder immer dann bewußt, wenn wir ihre Quelle kennen (vgl. Draaisma 2012, S.124): wir können uns erinnern, wann wir etwas erlebt haben, oder daß wir eine bestimmte Information irgendwo gelesen haben bzw. jemand sie uns mitgeteilt hat. Das Wissen um die Quellen unserer Erinnerungen bildet gewissermaßen das Realitätsprinzip des Gedächtnisses.
‚Erinnerungen‘, bei denen wir die Quelle nicht mehr angeben können, von denen wir aber dennoch wissen, daß sie eine Quelle haben, können wir als ‚Wissen‘ bezeichnen, so wie bei einem Lexikon, in dem bei den einzelnen Beiträgen auf die Autorenangabe verzichtet wird. Hier haben wir es mit dem semantischen Gedächtnis zu tun. Das semantische Gedächtnis ist also letztlich nur ein Nebeneffekt von „Quellenamnesie“ (Draaisma 2012, S.139).
‚Erinnerungen‘, bei denen wir nicht einmal mehr wissen, daß sie eine Quelle haben, nehmen wir als ‚Intuitionen‘ wahr. So kann es z.B. zu unbewußten Plagiaten kommen, wenn wir Ideen von anderen als unsere eigenen ausgeben. (Vgl. Draaisma 2012, S.16, 135, 137) Der Fachausdruck für diese unbewußten Plagiate ist „Kryptomnesie“. (Vgl. Draaisma 2012, S.16, 137, 139f., 143) So übernehmen wir wahrscheinlich auch Kollektiverinnerungen aus Mythen, Literatur und Lebenswelt, und integrieren sie als unsere eigenen Erinnerungen. Jan Assmann geht davon aus, daß diese Kollektiverinnerungen auch unsere Lebensführung beeinflussen, insofern wir unsere Biographie an mythischen Vorbildern orientieren. (Vgl. meinen Post vom 05.02.2011)
In gewisser Weise funktioniert das Gedächtnis ‚komplexqualitativ‘, ein Begriff, den Plessner geprägt hat, um den Unterschied zwischen der tierischen und der menschlichen Wahrnehmung zu beschreiben. (Vgl. meinen Post vom 21.10.2010) Mit Bezug auf das Gedächtnis bedeutet er, daß wir zwar einzelne Erinnerungen fokussieren können, aber diese einzelnen Erinnerungen nicht fein säuberlich wie in einem Archiv einordnen oder aus dem Archiv entfernen und vergessen können.
Draaisma erzählt die Geschichte von dem Herrn Bommel aus dem „Büchlein vom Vergessen“ (1980) von Marten Toonder. (Vgl. Draaisma 2012, S.283ff.) Herr Bommel hat den Wunsch, einen peinlichen Vorfall zu vergessen, und ein gewisser Pocus Pas hilft ihm dabei, indem er ihn seine Erinnerung in ein Vergessensbüchlein eintragen läßt und dann Sand darüber streut. Das funktioniert so gut, daß Bommels Mitbürger nun ebenfalls zu Pocus Pas gehen und dort ihre unangenehmen Erinnerungen löschen lassen. Das Problem ist dann aber, daß mit den unerwünschten Erinnerungen auch andere Erinnerungen verlorengehen. Mit den Erinnerungen an einzelne Vorkommnisse gehen zugleich auch alle Erinnerungen an die beteiligten Personen verloren. Kurz: Erinnerungen sind komplexqualitativ. Wir können zwar einzelne Erinnerungen fokussieren, wir können sie aber nicht aus dem Hintergrund des Gedächtnisses herauslösen, ohne daß das gesamte Gedächtnis Schaden nimmt.
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Doppelaspektivität,
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Gestaltwahrnehmung
Dienstag, 14. Januar 2014
Douwe Draaisma, Das Buch des Vergessens. Warum Träume so schnell verloren gehen und Erinnerungen sich ständig verändern, Köln 2012
1. Formen des Vergessens
2. Methode I
3. Methode II: Kasuistik und Rekursivität
4. Gestaltwahrnehmung und die Gestalt des Gedächtnisses
5. Autobiographisches Gedächtnis
6. Zwei Gehirne und die Einheit des Bewußtseins
7. Zwanghaftes Erinnern
8. Vergessene Träume
Aus den im letzten Post angesprochenen Schwierigkeiten, mit den verschiedenen psychologischen Fragestellungen zu experimentieren, ergibt sich, daß die Psychologie eigentlich von ihrem Gegenstand her eher zur Kasuistik neigen sollte. (Vgl. meine Posts zur Kasuistik vom 07.09. bis zum 10.09.2013) Experiment und Fallstudie beinhalten aber unversöhnbare Prinzipien, mit denen zudem noch ein Streit um deren Wissenschaftlichkeit verbunden ist: „Mediziner und Experimentalpsychologen – um sie generalisierend einmal so zu bezeichnen – wenden verschiedene methodologische Stile an. Mediziner berichten ihre Befunde häufig in Form von Fallstudien, ein Untersuchungstyp, der unter Experimentalpsychologen einen geringen Status hat. Ein Patient ruft die Frage auf, wie generalisierbar sein spezifischer Fall ist, ihn nachzustellen ist ausgeschlossen, die Überprüfung durch andere als den Therapeutenforscher ist beschränkt. Von Studien dieser Art wird häufig behauptet, sie seien keine ‚echte Wissenschaft‘.“ (Draaisma 2012, S.194f.)
Wissenschaftlichkeit wird gerne am Prinzip der Wiederholbarkeit von Experimenten in Laborsituationen festgemacht. Experimentelle Resultate werden nur dann als valide akzeptiert, wenn diese Resultate jederzeit unter den gleichen experimentellen Bedingungen nachgeprüft werden können. Bei Feldstudien und bei Fallstudien haben wir es aber immer mit Einzelfällen zu tun, die sich nicht wiederholen lassen. Und die Kasuistiker nehmen sich zudem noch die Freiheit, von diesen Einzelfällen her, wenn sie experimentellen Laborergebnissen widersprechen, die Laborergebnisse in Frage zu stellen, nach dem Motto: auch die ‚empirische‘ Wissenschaft hat sich von der Realität korrigieren zu lassen.
Das einzige Validitätskriterium, das Kasuistiker für ihre Beobachtungen in Anspruch nehmen können, besteht in deren Plausibilität. Wenn es also um menschliches Verhalten und um menschliche Befindlichkeiten geht, dann müssen Fallstudien mit den subjektiven Annahmen der Betroffenen übereinstimmen, was Klaus Holzkamp als Selbstsubsumtion der eigenen Erfahrungen unter den dargestellten Fall bezeichnet. (Vgl. meinen Post vom 09.09.2013) Damit können durchaus auch kontraintuitive Einsichten verbunden sein; wenn sie nur zu einem besseren Verständnis des eigenen Verhaltens und der eigenen Befindlichkeiten beitragen.
Eine solche Kasuistik ist rekursiv, was Experimente niemals sein dürfen. Die Wechselseitigkeit der Erwartungen von Experimentatoren und Versuchspersonen muß im Experiment im Gegenteil durch aufwendige Doppelblindverfahren ausgeschlossen werden. (Vgl. meinen Post vom 04.02.2013) Der Glaube an die Wissenschaftlichkeit solcher Methoden hat zu eigenartigen Deformationen in der Psychologie geführt. So ist z.B. die Psychoanalyse ein Paradebeispiel dafür, wie einerseits ausgiebig Fallstudien betrieben werden, andererseits dabei aber jede Beteiligung des Klienten an der Auswertung unterbunden wird.
Draaisma geht ausführlich auf Freuds Fallstudie zu „Dora“ ein, die nach einem Vergewaltigungsversuch durch einen Freund ihres Vaters, mit dem auch Freud selbst bekannt ist, zu ihm in die Therapie kommt. (Vgl. Draaisma 2012, S.173-183) Freud ist dabei anerkennenswerterweise der erste, der Doras Geschichte glaubt. Allerdings bewertet er ihr Verhalten – Dora hat sich gegen die Zudringlichkeiten erfolgreich zur Wehr gesetzt – als hysterisch, da sie ja ‚eigentlich‘ selbst den Wunsch nach sexuellen Aktivitäten gehabt habe, diese aber als ungehörig empfunden habe und sie deshalb unterdrücken müsse. Ihr ‚Nein!‘ sei also eigentlich ein ‚Ja!‘, und je mehr sie dies leugne, um so mehr bestätige sie das nur.
Mit dieser Darstellung wird dem Klienten jede Rekursivität verweigert. Das „Urteil() des Patienten“ ist für die Analysen des Therapeuten völlig irrelevant: „Wenn Widerstand gegen eine Deutung nicht beweist, dass der Analytiker unrecht hat, kann die Zustimmung ebenso wenig als Argument für deren Gültigkeit akzeptiert werden.“ (Draaisma 2012, S.181)
Die Psychoanalyse ist also ein Beispiel für eine Kasuistik, in der die Theorie immer Recht behält. Das wird auch durch die ganze ‚Experimentieranordnung‘ augenfällig. Der Patient liegt auf der Couch, und der Analytiker sitzt außerhalb seines Blickfeldes hinter ihm auf einem Stuhl. Indem der Analytiker den Blickkontakt mit dem Analysanden verweigert, verweigert er ihm auch die Gesprächsbereitschaft. Zur Rekursivität gehört aber unverzichtbar allererst die kommunikative Absicht. (Vgl. meinen Post vom 13.01.2013) Wo diese kommunikative Absicht fehlt, entsteht auch keine Rekursivität. An deren Stelle treten in der Psychoanalyse einseitige Spiegelungen, die der Patient auf den für ihn unsichtbaren Analytiker projiziert, um so die Leerstelle, zu der er spricht und die immer nur mit nichtssagenden verbalen Geräuschen ‚antwortet‘, zu füllen.
Mit diesen Spiegelungen gehen beim Patienten, als Folge der verweigerten Rekursivität, Inversionen einher: an die Stelle der unerschöpflichen Tiefe der Erwartungserwartungen eines Gesprächspartners tritt die Tiefe der eigenen Bewußtseinsschichten, auf die der Patient durch den Analytiker zurückgeworfen wird. (Vgl. hierzu auch meinen Post vom 14.04.2012) Das ‚Unbewußte‘ wird als eine unendliche Reihe von Selbstspiegelungen allererst durch die Psychoanalyse, also durch die verweigerte Rekursivität erzeugt.
Freuds Analysen zu „Dora“ sind nachvollziehbarerweise von Feministinnen kritisiert worden. Sie haben den Analytiker analysiert und seine eigenen sexuellen Phantasien sichtbar gemacht: „... in feministischer Lesart ist es vor allem Freud selbst, der analysiert wird. Er sei das Opfer der Männerfantasie, dass ein Mädchen Lustgefühle erfahre, wenn ein älterer Mann sexuelles Interesse an ihr zeige.“ (Draaisma 2012, S.179)
Allerdings bedienen sich die feministischen Kritikerinnen dabei des freudianischen Vokabulars und wenden es auch in Fällen an, in denen es darum geht, jahrzehntelang verdrängte Traumata therapeutisch zu behandeln und dann auch juristisch aufzuarbeiten: „Genau wie in der Psychoanalyse kommt dem Patienten dabei keinerlei Autorität zu. ... So erging es Tausenden von Frauen: Die Abwesenheit von Erinnerungen deutete auf Leugnen hin, und je heftiger die Verneinung, desto wahrscheinlicher würde beim Graben dennoch etwas gefunden. Das bedeutete, dass die Frauen die Vermutung des Therapeuten nicht selbst, aus ihrem eigenen Urteilsvermögen heraus, prüfen konnten.“ (Draaisma 2012, S.205)
Ähnlich wie das ‚Unbewußte‘ in der Psychoanalyse ein Konstrukt der systematischen Verweigerung von Rekursivität bildet, sind dann auch viele nachträgliche Erinnerungen an Vergewaltigungen ein Konstrukt solcher Therapiesitzungen. Draaisma beschreibt den Fall von Laura Pasley, die wegen einer Bulimie zu einem Psychotherapeuten in die Behandlung ging. Dieser diagnostizierte die Bulimie als Folge einer Vergewaltigungserfahrung. Alles Leugnen solcher Erfahrungen durch Laura deutete er nur als Bestätigung seiner Diagnose. Bei Gruppensitzungen „brüllt er sie stundenlang an, sie verschweige das Schlimmste“. (Vgl. Draaisma 2012, S.188f.) Schließlich glaubte sie selbst, sich an entsprechende, bislang verdrängte Erfahrungen mit ihrem Bruder erinnern zu können. Laura ging es körperlich immer schlechter und wurde schließlich mit „einer Überdosis an Medikamenten ins Krankenhaus aufgenommen“. (Vgl. Draaisma 2012, S.188)
Als sie von ähnlichen Erfahrungen anderer ‚Vergewaltigungsopfer‘ hörte, zog sie die Beschuldigung gegenüber ihrem Bruder wieder zurück: „Pasley war eine der ersten ‚retractors‘, Menschen, die von ihren Therapeuten in die Irre geführt wurden und in vielen Fällen Prozesse gegen sie eingeleitet haben.()“ (Draaisma 2012, S.189)
Diese Fälle von verweigerter Rekursivität zeigen in aller Deutlichkeit, daß Kasuistik nur funktioniert, wenn die Wissenschaftler, ob nun Psychologen oder Erziehungswissenschaftler, nicht nur die Erfahrungen ihrer Klientel analysieren, sondern auch deren Bewertungen dieser Erfahrungen in ihren Analysen berücksichtigen und darüberhinaus ihre Analysen einem Plausibilitätstest durch die Betroffenen unterziehen. Als besonders beispielhaft für ein solches Verhalten verweist Draaisma auf Arthur Ladbroke Wigan, einem Arzt um die Mitte des 19. Jhdts.: „Seine psychiatrischen Fallstudien sind mit viel Sympathie geschrieben und so mitreißend wie die Geschichten von Oliver Sacks. Die autobiografischen Teile sind rührend: Wigan war ein empfindsamer Beobachter der Vorgänge in seinem eigenen Geist, und er besaß den Mut auch das Schmerzliche mit seinen Lesern zu teilen.“ (Draaisma 2012, S.146)
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2. Methode I
3. Methode II: Kasuistik und Rekursivität
4. Gestaltwahrnehmung und die Gestalt des Gedächtnisses
5. Autobiographisches Gedächtnis
6. Zwei Gehirne und die Einheit des Bewußtseins
7. Zwanghaftes Erinnern
8. Vergessene Träume
Aus den im letzten Post angesprochenen Schwierigkeiten, mit den verschiedenen psychologischen Fragestellungen zu experimentieren, ergibt sich, daß die Psychologie eigentlich von ihrem Gegenstand her eher zur Kasuistik neigen sollte. (Vgl. meine Posts zur Kasuistik vom 07.09. bis zum 10.09.2013) Experiment und Fallstudie beinhalten aber unversöhnbare Prinzipien, mit denen zudem noch ein Streit um deren Wissenschaftlichkeit verbunden ist: „Mediziner und Experimentalpsychologen – um sie generalisierend einmal so zu bezeichnen – wenden verschiedene methodologische Stile an. Mediziner berichten ihre Befunde häufig in Form von Fallstudien, ein Untersuchungstyp, der unter Experimentalpsychologen einen geringen Status hat. Ein Patient ruft die Frage auf, wie generalisierbar sein spezifischer Fall ist, ihn nachzustellen ist ausgeschlossen, die Überprüfung durch andere als den Therapeutenforscher ist beschränkt. Von Studien dieser Art wird häufig behauptet, sie seien keine ‚echte Wissenschaft‘.“ (Draaisma 2012, S.194f.)
Wissenschaftlichkeit wird gerne am Prinzip der Wiederholbarkeit von Experimenten in Laborsituationen festgemacht. Experimentelle Resultate werden nur dann als valide akzeptiert, wenn diese Resultate jederzeit unter den gleichen experimentellen Bedingungen nachgeprüft werden können. Bei Feldstudien und bei Fallstudien haben wir es aber immer mit Einzelfällen zu tun, die sich nicht wiederholen lassen. Und die Kasuistiker nehmen sich zudem noch die Freiheit, von diesen Einzelfällen her, wenn sie experimentellen Laborergebnissen widersprechen, die Laborergebnisse in Frage zu stellen, nach dem Motto: auch die ‚empirische‘ Wissenschaft hat sich von der Realität korrigieren zu lassen.
Das einzige Validitätskriterium, das Kasuistiker für ihre Beobachtungen in Anspruch nehmen können, besteht in deren Plausibilität. Wenn es also um menschliches Verhalten und um menschliche Befindlichkeiten geht, dann müssen Fallstudien mit den subjektiven Annahmen der Betroffenen übereinstimmen, was Klaus Holzkamp als Selbstsubsumtion der eigenen Erfahrungen unter den dargestellten Fall bezeichnet. (Vgl. meinen Post vom 09.09.2013) Damit können durchaus auch kontraintuitive Einsichten verbunden sein; wenn sie nur zu einem besseren Verständnis des eigenen Verhaltens und der eigenen Befindlichkeiten beitragen.
Eine solche Kasuistik ist rekursiv, was Experimente niemals sein dürfen. Die Wechselseitigkeit der Erwartungen von Experimentatoren und Versuchspersonen muß im Experiment im Gegenteil durch aufwendige Doppelblindverfahren ausgeschlossen werden. (Vgl. meinen Post vom 04.02.2013) Der Glaube an die Wissenschaftlichkeit solcher Methoden hat zu eigenartigen Deformationen in der Psychologie geführt. So ist z.B. die Psychoanalyse ein Paradebeispiel dafür, wie einerseits ausgiebig Fallstudien betrieben werden, andererseits dabei aber jede Beteiligung des Klienten an der Auswertung unterbunden wird.
Draaisma geht ausführlich auf Freuds Fallstudie zu „Dora“ ein, die nach einem Vergewaltigungsversuch durch einen Freund ihres Vaters, mit dem auch Freud selbst bekannt ist, zu ihm in die Therapie kommt. (Vgl. Draaisma 2012, S.173-183) Freud ist dabei anerkennenswerterweise der erste, der Doras Geschichte glaubt. Allerdings bewertet er ihr Verhalten – Dora hat sich gegen die Zudringlichkeiten erfolgreich zur Wehr gesetzt – als hysterisch, da sie ja ‚eigentlich‘ selbst den Wunsch nach sexuellen Aktivitäten gehabt habe, diese aber als ungehörig empfunden habe und sie deshalb unterdrücken müsse. Ihr ‚Nein!‘ sei also eigentlich ein ‚Ja!‘, und je mehr sie dies leugne, um so mehr bestätige sie das nur.
Mit dieser Darstellung wird dem Klienten jede Rekursivität verweigert. Das „Urteil() des Patienten“ ist für die Analysen des Therapeuten völlig irrelevant: „Wenn Widerstand gegen eine Deutung nicht beweist, dass der Analytiker unrecht hat, kann die Zustimmung ebenso wenig als Argument für deren Gültigkeit akzeptiert werden.“ (Draaisma 2012, S.181)
Die Psychoanalyse ist also ein Beispiel für eine Kasuistik, in der die Theorie immer Recht behält. Das wird auch durch die ganze ‚Experimentieranordnung‘ augenfällig. Der Patient liegt auf der Couch, und der Analytiker sitzt außerhalb seines Blickfeldes hinter ihm auf einem Stuhl. Indem der Analytiker den Blickkontakt mit dem Analysanden verweigert, verweigert er ihm auch die Gesprächsbereitschaft. Zur Rekursivität gehört aber unverzichtbar allererst die kommunikative Absicht. (Vgl. meinen Post vom 13.01.2013) Wo diese kommunikative Absicht fehlt, entsteht auch keine Rekursivität. An deren Stelle treten in der Psychoanalyse einseitige Spiegelungen, die der Patient auf den für ihn unsichtbaren Analytiker projiziert, um so die Leerstelle, zu der er spricht und die immer nur mit nichtssagenden verbalen Geräuschen ‚antwortet‘, zu füllen.
Mit diesen Spiegelungen gehen beim Patienten, als Folge der verweigerten Rekursivität, Inversionen einher: an die Stelle der unerschöpflichen Tiefe der Erwartungserwartungen eines Gesprächspartners tritt die Tiefe der eigenen Bewußtseinsschichten, auf die der Patient durch den Analytiker zurückgeworfen wird. (Vgl. hierzu auch meinen Post vom 14.04.2012) Das ‚Unbewußte‘ wird als eine unendliche Reihe von Selbstspiegelungen allererst durch die Psychoanalyse, also durch die verweigerte Rekursivität erzeugt.
Freuds Analysen zu „Dora“ sind nachvollziehbarerweise von Feministinnen kritisiert worden. Sie haben den Analytiker analysiert und seine eigenen sexuellen Phantasien sichtbar gemacht: „... in feministischer Lesart ist es vor allem Freud selbst, der analysiert wird. Er sei das Opfer der Männerfantasie, dass ein Mädchen Lustgefühle erfahre, wenn ein älterer Mann sexuelles Interesse an ihr zeige.“ (Draaisma 2012, S.179)
Allerdings bedienen sich die feministischen Kritikerinnen dabei des freudianischen Vokabulars und wenden es auch in Fällen an, in denen es darum geht, jahrzehntelang verdrängte Traumata therapeutisch zu behandeln und dann auch juristisch aufzuarbeiten: „Genau wie in der Psychoanalyse kommt dem Patienten dabei keinerlei Autorität zu. ... So erging es Tausenden von Frauen: Die Abwesenheit von Erinnerungen deutete auf Leugnen hin, und je heftiger die Verneinung, desto wahrscheinlicher würde beim Graben dennoch etwas gefunden. Das bedeutete, dass die Frauen die Vermutung des Therapeuten nicht selbst, aus ihrem eigenen Urteilsvermögen heraus, prüfen konnten.“ (Draaisma 2012, S.205)
Ähnlich wie das ‚Unbewußte‘ in der Psychoanalyse ein Konstrukt der systematischen Verweigerung von Rekursivität bildet, sind dann auch viele nachträgliche Erinnerungen an Vergewaltigungen ein Konstrukt solcher Therapiesitzungen. Draaisma beschreibt den Fall von Laura Pasley, die wegen einer Bulimie zu einem Psychotherapeuten in die Behandlung ging. Dieser diagnostizierte die Bulimie als Folge einer Vergewaltigungserfahrung. Alles Leugnen solcher Erfahrungen durch Laura deutete er nur als Bestätigung seiner Diagnose. Bei Gruppensitzungen „brüllt er sie stundenlang an, sie verschweige das Schlimmste“. (Vgl. Draaisma 2012, S.188f.) Schließlich glaubte sie selbst, sich an entsprechende, bislang verdrängte Erfahrungen mit ihrem Bruder erinnern zu können. Laura ging es körperlich immer schlechter und wurde schließlich mit „einer Überdosis an Medikamenten ins Krankenhaus aufgenommen“. (Vgl. Draaisma 2012, S.188)
Als sie von ähnlichen Erfahrungen anderer ‚Vergewaltigungsopfer‘ hörte, zog sie die Beschuldigung gegenüber ihrem Bruder wieder zurück: „Pasley war eine der ersten ‚retractors‘, Menschen, die von ihren Therapeuten in die Irre geführt wurden und in vielen Fällen Prozesse gegen sie eingeleitet haben.()“ (Draaisma 2012, S.189)
Diese Fälle von verweigerter Rekursivität zeigen in aller Deutlichkeit, daß Kasuistik nur funktioniert, wenn die Wissenschaftler, ob nun Psychologen oder Erziehungswissenschaftler, nicht nur die Erfahrungen ihrer Klientel analysieren, sondern auch deren Bewertungen dieser Erfahrungen in ihren Analysen berücksichtigen und darüberhinaus ihre Analysen einem Plausibilitätstest durch die Betroffenen unterziehen. Als besonders beispielhaft für ein solches Verhalten verweist Draaisma auf Arthur Ladbroke Wigan, einem Arzt um die Mitte des 19. Jhdts.: „Seine psychiatrischen Fallstudien sind mit viel Sympathie geschrieben und so mitreißend wie die Geschichten von Oliver Sacks. Die autobiografischen Teile sind rührend: Wigan war ein empfindsamer Beobachter der Vorgänge in seinem eigenen Geist, und er besaß den Mut auch das Schmerzliche mit seinen Lesern zu teilen.“ (Draaisma 2012, S.146)
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