„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)

Dienstag, 31. Dezember 2013

„Maßnehmen/Maßgeben“. Nebulosa: Zeitschrift für Sichtbarkeit und Sozialität 04/2013, hrsg.v. Eva Holling, Matthias Naumann, Frank Schlöffel, Berlin 2013

Neofelis Verlag, Jahresabonnement 22,--, Einzelheft 14,--

(Eva Holling/Matthias Naumann/Frank Schlöffel, Homo Meter: Über Maße, S.7-17 / Hannelore Bublitz, Vermessung und Modi der Sichtbarmachung des Subjekts in Medien-/Datenlandschaften, S.21-32 / Frank Engster, Maßgeblichkeit für: sich selbst. Das Maß bei Hegel und Marx, S.33-48 / Bojana Kunst, Das zeitliche Maß des Projekts, S.49-63 / Jörg Thums, Manifest für eine Apperzeption in der Zerstreuung, S.66-77 / Christian Sternad, Das Maßlose des Werkes. Martin Heidegger und Maurice Blanchot über den Ursprung des Kunstwerkes, S.81-93 / Fanti Baum, All this Useless Beauty oder das Maß durchqueren, S.95-109 / Mirus Fitzner, Maßnehmen als rassistische Praxis. Warum das Konzept ‚Ethno-Marketing‘ auf rassistischen Grundannahmen basiert, S.110-124 // Kommentare zu Nebulosa 03/2013: Peter J. Bräunlein, Gelehrte Geisterseher. Anleitungen für den gepflegten Umgang mit Gespenstern, S.127-139 / Gerald Siegmund, Gespenster-Ethik, oder warum Gespenster das Theater lieben, S.140-150 / Julian Blunk, Die Gespenster bleiben nebulös, S.151-164 / Malgorzata Sugiera, Gespenst und Zombie als Denkfiguren der Gegenwart, S.165-177)

1. Heidegger
2. Blanchot

Christian Sternard stellt in seinem Beitrag „Das Maßlose des Werkes. Martin Heidegger und Maurice Blanchot über den Ursprung des Kunstwerkes“ (Nebulosa 4/2013, S.81-93) zwei eng miteinander zusammenhängende Konzeptionen zum Verhältnis von Autor bzw. Urheber und Kunst-Werk von Martin Heidegger und Maurice Blanchot einander gegenüber, die sich nur gering, aber dennoch um ein entscheidendes Moment voneinander unterscheiden. Bei diesem Moment handelt es sich um die Frage nach dem Verhältnis von Werk und Autorschaft. Sternad richtet diese Frage insbesondere auf dessen „ontologische Struktur“. (Vgl. Nebulosa 4/2013, S.83)

Folgt man Sternad, so sind bis in unsere Gegenwart hinein Rezensionen und Kommentare zu literarischen Neuerscheinungen – oder auch die regelmäßig anläßlich von Jubiläen herausgegebenen Biographien wie die gerade zu Goethe erschienene Biographie von Rüdiger Safranski („Kunstwerk des Lebens“ (2013)) – „Ausfluss einer langen Tradition der Hochschätzung gegenüber der autonomen Subjektivität, welche die Welt dem planerischen Geist des Subjekts unterwirft, mindestens jedoch die Welt – hier verstanden als die Vorhandenheit der Dinge – ausschließlich vom Subjekt her versteht.“ (Vgl. Nebulosa 4/2013, S.84)

Das „ontologische Modell“ einer autonomen Subjektivität reduziert Sternad zufolge die „Seinsweise der Kunstwerke“, so daß „das genuin eigene Wesen des Kunstwerkes nicht nur nicht näher bedacht wird, sondern vielmehr auch gar nicht näher bedacht werden kann“. (Vgl. Nebulosa 4/2013, S.84) Kurz: das Kunstwerk wird zum bloßen Medium der ‚Beseelung‘ durch den Künstler. (Vgl. ebenda)

Martin Heidegger kehrt nun diese Bewertung radikal um. Im Werk ‚spricht‘ sich nicht mehr die subjektive Befindlichkeit eines Künstlers aus, sondern das Werk ist selber expressiv, und der Künstler wird zum Medium seines „Zuspruchs“. Heidegger konzipiert das Kunstwerk „als ein vom Künstler unabhängiges ‚Geschehen der Wahrheit‘“, „als Zuspruch von Wahrheit, welcher mittels des Künstlers zugleich im und durch das Werk hindurch seinen Ausdruck findet.“ (Vgl. Nebulosa 4/2013, S.82f.)

Wir sollten uns dabei nicht von der rätselhaften Verdopplung zweier im Dienste der Wahrheit stehender Medien, ‚Künstler‘ und ‚Werk‘, verwirren lassen. Ontologien verleiten anscheinend dazu, das ursprüngliche Sein immer weiter nach hinten bzw. nach unten zu verlegen, vergraben unter möglichst vielen vom Sein abhängigen Schichten des Scheins. Der Einfachheit halber wollen wir es dabei belassen, das Kunstwerk selbst als „unabhängiges ‚Geschehen der Wahrheit‘“ zu verstehen, und darauf verzichten, die Wahrheit selbst noch einmal zu ontologisieren.

Wir können festhalten, daß Heidegger die Expressivität des Künstlers in seinem Werk von den Füßen auf den Kopf stellt und das Werk im Künstler – „geschehnishaft als Zuspruch des Seins“ (Nebulosa 4/2013, S.83) – expressiv werden läßt. Dabei weist die Expressivität des Kunstwerks alle Merkmale einer gebrochenen Intentionalität auf, wie sie Plessner beschrieben hat (vgl. meinen Post vom 29.10.2010): „Ohne Zweifel besteht das wohl wichtigste Charakteristikum des Kunstwerkes darin, dass es sich nie vollends vereinnahmen lässt, es also weder in der Intention des Künstlers, noch in der Interpretation des Betrachters restlos aufgeht.“ (Nebulosa 4/2013, S.84)

Der Künstler kann seine künstlerische Intention nicht vollständig umsetzen, weil – wie bei Plessner – das Medium, die Sprache, das Material, seinen Versuchen Widerstände entgegensetzt, sondern weil es das Werk als Werk auszeichnet, über einen „konstitutiven Sinnüberschuss“ zu verfügen und es deshalb „nicht in der ontologischen Struktur der Subjektivität (Künstler oder Betrachter) begraben“ werden kann. (Vgl. Nebulosa 4/2013, S.85) Sprache und Material widersetzen sich dem Künstler nicht umständehalber, also aufgrund der dem Künstler nicht restlos verfügbaren Kontextualität seines Werkes und seines Werkschaffens – auch hier hätten wir es mit einem Sinnüberschuß zu tun, der aber nicht ontologisch am Werk selbst haften würde –, sondern aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einem Werk, das aufgrund seiner „eigenwillige(n) Selbstzweckhaftigkeit“ „in den Bann zieht“. (Vgl. Nebulosa 4/2013, S.85)

Im Rahmen einer vom Autor her begründeten Expressivität bildet das Werk möglicherweise eine ‚Spur‘ oder es stellt einen ‚Wegweiser‘ dar. Als Spur verweist es zurück auf die Intentionen eines Autors, und als Wegweiser verweist es auf einen Zweck, der nicht in ihm selber liegt. Wenn das Werk aber seinen Zweck in sich selber hat, der sich durch den Autor hindurch verwirklicht, ist es weder Spur noch Wegweiser. Es ist keinen Subjekten mehr ‚dienlich‘ (vgl. Nebulos 4/2013, S.85), sondern die Subjekte dienen ihm.

An dieser Stelle fällt auf, daß Sternad es versäumt, auf die Nähe des ‚Werks‘ zum „Gestell“ – „Werksein heißt: eine Welt aufstellen.“ (Nebulos 4/2013, S.86) – einzugehen, dessen Wirkungsweise ja ähnlich subjektlos und anonym ist wie die des Werks. Jedenfalls ist im Zusammenhang des Kunstwerks auffällig oft von einem ‚Stellen‘ die Rede, von einem Auf-Stellen und von einem Aus-Stellen. Hier wäre es wünschenswert gewesen, zu klären, inwiefern das Werk eben kein Gestell ist. Ein möglicher Hinweis auf die Besonderheit des Kunstwerks wäre Heideggers Begriff der ‚Erde‘: „Nun ist jedoch am Werk auch zugleich zu sehen, dass es nicht in seiner Autopoiesis eine Welt aufstellt, sondern in einer schon bestehenden Welt ausgestellt wird. Heidegger wählt zur Verdeutlichung der Rückgebundenheit eines Kunstwerkes den etwas eigentümlichen und für manches Auge zurecht seltsam anmutenden Begriff der ‚Erde‘.“ (Nebulos 4/2013, S.86)

Der Hinweis auf eine „Rückgebundenheit“ des Kunstwerks an eine „schon bestehende() Welt“ würde es wieder in einen Kontext einbetten und es in seiner mystisch-mysteriösen Autonomie einschränken. Der Begriff der „Erde“ bekäme so etwas Lebensweltliches. Der Autor wäre nicht mehr einem priesterlichen Dienst am Kunstwerk unterworfen, sondern wir hätten es beim Kunstwerk lediglich mit einer produktiven, sinnstiftenden Auseinandersetzung mit seiner Lebenswelt zu tun.

Stattdessen verleiht Heidegger aber der Erde selbst den Charakter eines ‚Gestells‘: „Im Werk tobt ein Streit zweier gegenwendiger Bewegungen, welcher den Seinscharakter des Werkes ausmacht: ‚Das Aufstellen einer Welt und das Herstellen der Erde‘().“ (Nebulosa 4/2013, S.87) – Die ‚Erde‘ bildet also keineswegs einen Ursprung aus sich selbst, sie wird nicht als Phänomen eigenen Rechts ernstgenommen, sondern sie wird als etwas Her-Gestelltes thematisiert. Damit ist sie aber nichts anderes als das Gestell selbst, das uns in seiner ganzen Künstlichkeit zum Schicksal geworden ist. Und das Werk macht diese Situation des Menschen in seiner Welt als ein Wahrheitsgeschehen sichtbar, dem gegenüber wir den ‚Streit‘ immer schon verloren haben.

Maurice Blanchot setzt Heideggers Analysen zum Kunstwerk fort, modifiziert sie aber zugleich. Dazu mehr im nächsten Post.

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Montag, 30. Dezember 2013

„Maßnehmen/Maßgeben“. Nebulosa: Zeitschrift für Sichtbarkeit und Sozialität 04/2013, hrsg.v. Eva Holling, Matthias Naumann, Frank Schlöffel, Berlin 2013

Neofelis Verlag, Jahresabonnement 22,--, Einzelheft 14,--

(Eva Holling/Matthias Naumann/Frank Schlöffel, Homo Meter: Über Maße, S.7-17 / Hannelore Bublitz, Vermessung und Modi der Sichtbarmachung des Subjekts in Medien-/Datenlandschaften, S.21-32 / Frank Engster, Maßgeblichkeit für: sich selbst. Das Maß bei Hegel und Marx, S.33-48 / Bojana Kunst, Das zeitliche Maß des Projekts, S.49-63 / Jörg Thums, Manifest für eine Apperzeption in der Zerstreuung, S.66-77 / Christian Sternad, Das Maßlose des Werkes. Martin Heidegger und Maurice Blanchot über den Ursprung des Kunstwerkes, S.81-93 / Fanti Baum, All this Useless Beauty oder das Maß durchqueren, S.95-109 / Mirus Fitzner, Maßnehmen als rassistische Praxis. Warum das Konzept ‚Ethno-Marketing‘ auf rassistischen Grundannahmen basiert, S.110-124 // Kommentare zu Nebulosa 03/2013: Peter J. Bräunlein, Gelehrte Geisterseher. Anleitungen für den gepflegten Umgang mit Gespenstern, S.127-139 / Gerald Siegmund, Gespenster-Ethik, oder warum Gespenster das Theater lieben, S.140-150 / Julian Blunk, Die Gespenster bleiben nebulös, S.151-164 / Malgorzata Sugiera, Gespenst und Zombie als Denkfiguren der Gegenwart, S.165-177)

Bojana Kunst analysiert in ihrem Beitrag „Das zeitliche Maß des Projekts“ (Nebulosa 4/2013, S.49-63) die zeitliche Struktur gesellschaftlicher Selbst-Ausbeutung – im Sinne einer Ausbeutung des Selbst – anhand der Begriffe der „Arbeit“, des „Projekts“ im Selbstverständnis der heutigen ‚Kreativen‘ (vgl. Nebulosa 4/2013, S.50f.) und des „Projekts“, wie es einmal die zentrale Utopie der „historischen Avantgarden“ des 20. Jhdts. gewesen ist (vgl. Nebulosa 4/2013, S.55f.).

Die Arbeit versteht Bojana Kunst „primär als Bewahrung und Aufrechterhaltung der Gegenwart“. Das erinnert an einen Begriff von Nachhaltigkeit, in dem es vor allem um Lebenserhaltung und Daseinsvorsorge geht. Im Zentrum dieser Arbeit steht nicht eine permanent wachsende Ausbeutung menschlicher und natürlicher Ressourcen, sondern das „Gleichgewicht zwischen Leben und Arbeit“. (Vgl. Nebulosa 4/2013, S.56)

Diesem vormodernen Arbeitsbegriff stellt Bojana Kunst einen kapitalistischen Arbeitsbegriff gegenüber, der mit der Vereinnahmung künstlerischer Lebensformen Öffentliches und Privates, „Beruf und Leben“ miteinander verschmilzt und so das menschliche Individuum in die Mehrwertproduktion miteinbezieht. Über den Projektbegriff wird der kapitalistische Verwertungsprozeß zur Selbstverwirklichung: „Das Projekt beinhaltet nicht nur Arbeit, sondern auch Selbstverwirklichung, das eigene Leben betreffend und manchmal zutiefst persönlich. Der Charakter dieser Selbstverwirklichung ist jedoch widersprüchlich. Es gibt so viel zu tun, dass niemals Zeit bleibt für sich selbst und für andere ...“ (Nebulosa 4/2013, S.54)

Über die projektierte Selbstverwirklichung tritt das ‚unternehmerische Individuum‘ in eine der ständigen Optimierung und Selbstevaluation unterworfene Konkurrenz zu allen anderen. (Vgl. Nebulosa 4/2013, S.51f.) Am Ende dieses Projekts als dauerhaftem „experimentelle(m) Prekariat“ droht die „Katastrophe“ (Nebulosa 4/2013, S.60) des „Burn Outs“ (Nebulosa 4/2013, S.54): „Subjektivität wird zum Ergebnis von Verbesserungen; zeitgenössische Subjektivitäten sind eine Summe diverser – privater, öffentlicher, sozialer und intimer – Projekte. ... Subjektivität muss flexibel sein ...“ (Nebulosa 4/2013, S.53)

Die Verwertungs- respektive Verwirklichungsstruktur dieser Projekte beschreibt Bojana Kunst als „projektive Zeitlichkeit“. (Vgl. Nebulosa 4/2013, S.51) In ihr wird eine Zukunft zum  „Maß für Arbeitsaktivitäten“, die die Gegenwart entwertet: „... Arbeit wird zur Investition in zukünftiges Leben, sie wird ihrer Gegenwart beraubt ...“ (Nebulosa 4/2013, S.51)

An die Stelle eines nachhaltigen, auf Lebenserhaltung bedachten Gleichgewichts tritt ein zerstörerisches ‚Gleichgewicht‘, das in der Aufrechterhaltung selbstausbeuterischer Werte besteht: „Die strikte Verknüpfung von Arbeit und Zukunft führt zu keinen Veränderungen von Lebensweisen und Formen kreativer Arbeit/Tätigkeit, sondern ist hauptsächlich mit dem Verwalten von Kontexten der Zukunft und dem Erkennen von zukünftigen Werten auf dem Kunstmarkt verbunden, die dennoch gemäß gegenwärtiger Werte bemessen und organisiert werden – die Zukunft wird im Gleichgewicht mit dem Versprechen der Gegenwart ermessen. Es gibt also etwas Zerstörerisches an projektiver Zeitlichkeit ...“ (Nebulosa 4/2013, S.52f.)

Vielleicht ist es diese Ambivalenz im Gleichgewichtsbegriff, der nicht nur auf Bewahrung und Erhaltung hin ausgelegt werden kann, sondern auch im Sinne eines Immer-so-weiter von Lebenswelten, die längst aus dem Gleichgewicht geraten sind, verstanden werden kann; eine Ambivalenz, die wiederum den Begriff der Nachhaltigkeit so korrumpierbar macht. So wird z.B. in der AGENDA 21 der Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung ein „nachhaltiges Wirtschaftswachstum“ gefordert. Die Gedankenlosigkeit, mit der ‚Nachhaltigkeit‘ und ‚Wachstum‘ in einem Wort kombiniert werden, hat schon etwas Atemberaubendes.

Was der projektiven Zeitlichkeit fehlt, ist die Fähigkeit, innezuhalten. Projekte unterliegen ständiger „Beschleunigung“ (Nebulosa 4/2013, S.51) und sind prinzipiell unbeendbar: „Arbeit existiert als eine endlose Abfolge von Projekten; und abgesehen von den laufenden Projekten sind da noch tausende, die niemals realisiert wurden, die für die Zukunft gedacht waren, aber niemals den ‚Drive‘ zur Durchführung erfahren haben. Es scheint als hätten Kunst und die kreativen Berufe niemals zuvor so viel Gewicht auf zukünftige Projekte gelegt sowie auf die Beförderung und Ausübung der Fähigkeit, das zu konzipieren, was noch passieren wird.“ (Nebulosa 4/2013, S.50)

Die radikale Unfähigkeit, „sich politische und ökonomische Lebensweisen vorzustellen, die sich von den bereits bekannten unterscheiden“ (vgl. Nebulosa 4/2013, S.50), wie sie auch in dem Oxymoron eines „nachhaltigen Wirtschaftswachstums“ zum Ausdruck kommt, ist auf diese projektive Zeitlichkeit zurückzuführen, die keine „Unterbrechung“ zuläßt. (Vgl. ebenda) Bojana Kunst spricht deshalb von der Notwendigkeit eines „Bruchs“, der das falsche Gleichgewicht einer katastrophenträchtigen Gegenwart aufbricht. (Vgl. Nebulosa 4/2013, S.55)

Die Thematisierung dieses Bruchs erinnert an Plessners Anthropologie, in der er von einem Hiatus im menschlichen Selbst- und Weltverhältnis spricht. (Vgl. meine Posts vom 24.10. und vom 29.10.2010) Bojana Kunst verbindet diesen Bruch mit der Ermöglichung einer generellen Zukunftsoffenheit, die die Gegenwart nicht darauf festlegt, was aus ihr werden kann oder soll. Eine solche Zukunftsoffenheit ist Kunst zufolge auch mit dem ursprünglichen Projektbegriff der historischen Avantgarde des 20. Jhdts. verbunden. Das Wort ‚Projekt‘ beinhaltete, so Kunst, ursprünglich „eine prozessuale, kontingente und offene Praxis“, „die nicht geplant oder kontrolliert werden kann und auch die Möglichkeit enthält, in einem Desaster, ohne ein Ergebnis oder in etwas komplett Anderem und Unerwartetem zu enden.()“ (Vgl. Nebulosa 4/2013, S.55)

Diese Brechung der projektiven Zeitlichkeit entspricht der von Plessner beschriebenen Brechung menschlicher Intentionalität, die den Menschen überhaupt erst reflexiv werden läßt und die Grundlage seiner Expressivität bildet. Bojana Kunst verortet die „politische Kraft“ eines solchen Bruchs in der individuellen „künstlerischen Geste“ (Nebulosa 4/2013, S.59), die sich, wie sie hofft, der ökonomischen Standardisierung von kreativen Dynamiken und Energieflüssen zu entziehen vermag (vgl. Nebulosa 4/2013, S.52). Allerdings bildet auch diese Möglichkeit eines Entzugs ein ambivalentes Moment innerhalb eines Projekts, dem die „temporale() Exklusion vom täglichen Lebensfluss“ ausdrücklich zugestanden wird, weil die Gesellschaft sie mit dem Versprechen verknüpft, „beim Ende des Projekts etwas im Austausch zurückzugeben“. (Vgl. Nebulosa 4/2013, S.60)

Die individuelle Geste des Künstlers ist also Teil einer „temporäre(n)“, „in ihrem Charakter“ widersprüchlichen „Harmonisierung“ (vgl. Nebulosa 4/2013, S.61), bei der man sich wieder fragen kann, ob hier nicht abermals nur das gleiche Immer-so-weiter perpetuiert wird. Allerdings ist die Gebrochenheit der menschlichen Verfassung unaufhebbar. Jenseits des Scheins eines Immer-so-weiter gilt: nichts bleibt, wie es ist.

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Sonntag, 29. Dezember 2013

„Maßnehmen/Maßgeben“. Nebulosa: Zeitschrift für Sichtbarkeit und Sozialität 04/2013, hrsg.v. Eva Holling, Matthias Naumann, Frank Schlöffel, Berlin 2013

Neofelis Verlag, Jahresabonnement 22,--, Einzelheft 14,--

(Eva Holling/Matthias Naumann/Frank Schlöffel, Homo Meter: Über Maße, S.7-17 / Hannelore Bublitz, Vermessung und Modi der Sichtbarmachung des Subjekts in Medien-/Datenlandschaften, S.21-32 / Frank Engster, Maßgeblichkeit für: sich selbst. Das Maß bei Hegel und Marx, S.33-48 / Bojana Kunst, Das zeitliche Maß des Projekts, S.49-63 / Jörg Thums, Manifest für eine Apperzeption in der Zerstreuung, S.66-77 / Christian Sternad, Das Maßlose des Werkes. Martin Heidegger und Maurice Blanchot über den Ursprung des Kunstwerkes, S.81-93 / Fanti Baum, All this Useless Beauty oder das Maß durchqueren, S.95-109 / Mirus Fitzner, Maßnehmen als rassistische Praxis. Warum das Konzept ‚Ethno-Marketing‘ auf rassistischen Grundannahmen basiert, S.110-124 // Kommentare zu Nebulosa 03/2013: Peter J. Bräunlein, Gelehrte Geisterseher. Anleitungen für den gepflegten Umgang mit Gespenstern, S.127-139 / Gerald Siegmund, Gespenster-Ethik, oder warum Gespenster das Theater lieben, S.140-150 / Julian Blunk, Die Gespenster bleiben nebulös, S.151-164 / Malgorzata Sugiera, Gespenst und Zombie als Denkfiguren der Gegenwart, S.165-177)

Ich hatte schon immer Schwierigkeiten mit Hegels Phänomenologie, die eigentlich gar keine ist. Eigentlich haben wir es bei Hegels „Phänomenologie des Geistes“ mit einer reinen Begriffslogik zu tun, wobei Hegel der ‚Bewegung‘ der Begriffe einen phänomenalen Status verleiht, der verschleiert, daß sich in seinem fest gefügten Gedankengebäude gar nichts bewegt: Zenons Pfeil bleibt zitternd in den Fugen des Mauerwerks stecken.

Frank Engster deckt in seinem Beitrag „Maßgeblichkeit für: sich selbst. Das Maß bei Hegel und Marx“ (Nebulosa 4/2013, S.33-48) dieses Phänomenologiemißverständnis auf, wenn er festhält, daß Hegels Phänomenologie damit beginnt, „zu zeigen, dass die unmittelbare Gegenständlichkeit zwischen dem Bewusstsein und seinem Gegenstand ein Schein ist. Sie macht den Schein durchsichtig, indem sie zeigt, dass diese unmittelbare Gegenständlichkeit je überwunden ist, weil sie dasjenige maßgebliche Dritte voraussetzt, das diese Gegenständlichkeit allererst eröffnet: das Selbstbewusstsein ...“ (Nebulos 4/2013, S.43) – Ein Denken, das damit beginnt, zu zeigen, daß alles Nicht-Denken Schein ist, anstatt im Nicht-Denken des Scheins den Grund allen Denkens zu sehen, hat sich jeden phänomenologischen Zugang zum Gegenstand selbst versperrt.

Ein Denken, das immer nur um sich selbst kreist, wird nicht dadurch ‚geerdet‘, daß man es in sich selbst zu begründen versucht. Letztlich kann ein solches Denken immer nur in Tautologien resultieren. Frank Engster zeigt genau das bei Hegel, Marx und der Naturwissenschaft, in der es trotz ihrer streng objektiven, ‚geistlosen‘ Methodik ganz ordentlich hegelt. Er outet „die Technik des Messens und der Gegenstandskonstitution“ als den „blinden Fleck“, den die Naturwissenschaften mit den Geisteswissenschaften gemeinsam haben. (Vgl. Nebulosa 4/2013, S.33)

Am Anfang jeder Wissenschaft steht eine „erste, anonyme und einseitige“, sprich ‚bewußtlose‘ „Gabe“ im Marcel Maussschen Sinne. (Vgl. Nebulosa 4/2013, S.34, Fußnote 1) Aber diese ‚Gabe‘ kommt uns weder von einem Anderen her, noch kommt sie einem Anderen zu. Als ‚Gabe‘ erweist sich dieses ‚Geben‘ eines Maßes lediglich aufgrund seines Vor-Gegebenseins, zugleich bewußtlos und ausgegrenzt aus der Gesamtheit dessen, der es entstammt.

Das Grundprinzip, auf das Engster alle Maße zurückführt, ist das des ausgeschlossenen Dritten (vgl. Nebulosa 4/2013, 38, 43), das auf bewußtlose Weise das Selbstverhältnis von ‚Natur‘ (vgl. Nebulosa 4/2013, S.34ff.), „Geist“ (vgl. Nebulosa 4/2013, 37ff.), ‚Sein‘ (S.39ff.) und ‚Wert‘ (vgl. Nebulosa 4/2013, S.42ff.) reguliert bzw. ‚reflektiert‘. Aus der Natur werden Naturkonstanten wie z.B. die Lichtgeschwindigkeit oder bestimmte Referenzkörper ausgegrenzt und zum Maß für Naturphänomene gemacht: „Das (Ab-)Geben des Maßes besteht, vereinfacht gesagt, darin, dass den Naturverhältnissen ein spezifisches Quantum entnommen wird, sodass es paradoxerweise dieses Quantum ist, das als Maßstab zur Messung derselben Naturverhältnisse eingesetzt wird, denen es entnommen wurde und die dadurch erst gegenständlich sowie durch Werte eindeutig bestimmbar werden.“ (Nebulosa 4/2013, S.35)

In der „Phänomenologie des Geistes“ grenzt Hegel vom Bewußtsein ein Selbstbewußtsein ab, das „gerade durch die Trennung“ zum Maß wird, „denn erst durch Selbst-Entfremdung tritt dasjenige Selbstbewusstsein ein, das die Erfahrungen zu einem Gegenstand für das Bewusstsein macht, das aber auch das Bewusstsein selbst zu einem Gegenstand werden lässt, sodass das Bewusstsein das eigene Reflektieren begreift und reflexiv wird; dafür muss es das Bewusstsein in aller Erfahrung beständig so an es selbst halten, dass die Identität des Bewusstseins zum Subjekt des Wissens des Gegenstandes wird und aus seiner subjektiven Erfahrung objektives Wissen bildet, während das Selbstbewusstsein zum gemeinsam ausgeschlossenen Dritten von Subjektivität und Objektivität wird.()“ (Vgl. Nebulosa 4/2013, S.38)

In der „Wissenschaft der Logik“ beschreibt Hegel, wie das Sein „als die Qualität des Bestimmens selbst“ (Nebulosa 4/2013, S.40), in „Gleichgültigkeit“ umschlägt, in „eine Objektivität, die nichts als sich selbst ausgesetzt“ ist und die „unmittelbar und bewusstlos durch sie selbst bestimmt“ ist. (Vgl. Nebulosa 4/2013, S.45) Diese bewußtlose Gleichgültigkeit gegenüber der Gesamtheit der Qualitäten des Seins bildet, wenn ich das richtig verstanden habe, die Quantität, die Grundlage allen Messens.

Marx wiederum beschreibt den Tauschwert ebenfalls als ein über ein ausgeschlossenes, maßgebendes Drittes begründetes Selbstverhältnis, „qua Ausschluss irgendeiner beliebigen Ware“, die als „ideelle Einheit fixiert“ wird: „Für diese eine ausgeschlossene Ware steht die Geldware.“ (Nebulosa 4/2013, S.44) Auch im „Geld“, als „Maß des Wertes“ (vgl. Nebulosa 4/2013, S.37), waltet ein „bewusstlose(s) Selbstbewußtsein“, das für die „überindividuelle Subjektivität der kapitalistischen Gesellschaft“ steht (vgl. Nebulosa 4/2013, S.45).

Die von Engster beschriebene tautologische Kreisfigur des Maßgebens als Selbst-‚Gabe‘ deckt die überraschende innere ‚Geistigkeit‘ der naturwissenschaftlichen Objektivität auf. Sie ist letztlich trotz all ihrer so viel gerühmten Empirie nicht realitätshaltiger als die von den Naturwissenschaftlern so gering geschätzten Geisteswissenschaften. Eine ‚Natur‘, die ‚an sich selbst‘ gemessen wird, indem sie an von ihr entnommenen Maßstäben gehalten wird, ist genauso „unmittelbar wie bewusstlos reflexiv“ (Nebulosa 4/2013, S.45), wie der menschliche ‚Geist‘ oder die Ökonomie.

Was mir in Engsters Analyse dieser Abspaltungsprozesse fehlt, ist der Hinweis auf die Notwendigkeit einer nicht-tautologischen Begründung des menschlichen Selbst- und Weltverhältnisses. Daß alles auf die „weitere Entwicklung der Kritik des Naturbegriffs bzw. des Geistes bzw. der Gesellschaft“ ankommt (vgl. Nebulosa 4/2013, S.48), reicht mir als Ausblick nicht aus; erst recht nicht, wenn sich eine solche Kritik mit dem Nachweis begnügt, „dass durch das naturwissenschaftliche Maß, durch das Selbstbewusstsein, durch den Begriff und durch das Geld mit der Identität der Natur bzw. der Subjektivität bzw. der Objektivität bzw. der Gesellschaft auf spekulative Weise gerechnet werden kann.“ (Vgl. ebenda)

Wo Rechnen für die Gebiete des Seins und der Natur noch angehen mag, ist es jedoch für das Gebiet der politischen Ökonomie, wo Maß-Gabe und Sinn-Stiftung interferieren, völlig untauglich. (Vgl. hierzu meinen Post vom 21.12.2013)

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Samstag, 28. Dezember 2013

„Maßnehmen/Maßgeben“. Nebulosa: Zeitschrift für Sichtbarkeit und Sozialität 04/2013, hrsg.v. Eva Holling, Matthias Naumann, Frank Schlöffel, Berlin 2013

Neofelis Verlag, Jahresabonnement 22,--, Einzelheft 14,--

(Eva Holling/Matthias Naumann/Frank Schlöffel, Homo Meter: Über Maße, S.7-17 / Hannelore Bublitz, Vermessung und Modi der Sichtbarmachung des Subjekts in Medien-/Datenlandschaften, S.21-32 / Frank Engster, Maßgeblichkeit für: sich selbst. Das Maß bei Hegel und Marx, S.33-48 / Bojana Kunst, Das zeitliche Maß des Projekts, S.49-63 / Jörg Thums, Manifest für eine Apperzeption in der Zerstreuung, S.66-77 / Christian Sternad, Das Maßlose des Werkes. Martin Heidegger und Maurice Blanchot über den Ursprung des Kunstwerkes, S.81-93 / Fanti Baum, All this Useless Beauty oder das Maß durchqueren, S.95-109 / Mirus Fitzner, Maßnehmen als rassistische Praxis. Warum das Konzept ‚Ethno-Marketing‘ auf rassistischen Grundannahmen basiert, S.110-124 // Kommentare zu Nebulosa 03/2013: Peter J. Bräunlein, Gelehrte Geisterseher. Anleitungen für den gepflegten Umgang mit Gespenstern, S.127-139 / Gerald Siegmund, Gespenster-Ethik, oder warum Gespenster das Theater lieben, S.140-150 / Julian Blunk, Die Gespenster bleiben nebulös, S.151-164 / Malgorzata Sugiera, Gespenst und Zombie als Denkfiguren der Gegenwart, S.165-177)

Hannelore Bublitz beschreibt in ihrem Beitrag „Vermessung und Modi der Sichtbarmachung des Subjekts in Medien-/Datenlandschaften“ (Nebulosa 4/2013, S.21-32), wie Meßdaten und statistische Beobachtungsmethoden zunehmend an die Stelle einer sich diskursiv verständigenden Öffentlichkeit treten und mittlerweile auch das private Leben umfassen. „(V)erteilte() Strukturen, Ranking- und Profilierungsverfahren“ und Dauerbeobachtung ersetzen die „Selbstführung“ des Subjekts. (Vgl. Nebulosa 4/2013, S.32) „Anschlussfähigkeit“ und „permanente Selbstoptimierung“ (vgl. ebenda) unterwerfen auch noch die privatesten Lebensbereiche der Marktlogik. (Zum unternehmerischen Selbst vgl. auch meine Posts vom 17.08., 18.08. und vom 20.08.2013)

Privatheit und Öffentlichkeit bilden Bublitz zufolge eine zunehmend antiquierte Opposition, wie sie an die Differenzierungen zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft bei Helmuth Plessner erinnert. (Vgl. meine Posts vom 14.11. bis 17.11.2010; vgl. auch meinen Post vom 25.08.2013) Die beiden Lebensbereiche hatten sich ursprünglich, so Bublitz, „(i)m Zusammenhang mit dem sich ausbreitenden Waren- und Nachrichtenverkehr“ getrennt. (Vgl. Nebulosa 4/2013, S.21f., Fußnote 1) Die auf diese Weise sich konstituierende „bürgerliche Öffentlichkeit“ versammelte ein „obrigkeits- und kulturkritisches, dann überwiegend kulturkonsumierendes – Publikum“. (Vgl. ebenda)

Diese von einer Privatwelt noch unterscheidbare bürgerliche Öffentlichkeit entspricht der von Plessner beschriebenen gesellschaftlichen ‚Bühne‘, auf der die aus der intimen Geborgenheit der Gemeinschaft entlassenen Individuen ihre Maskenspiele aufführen, indem sie vorgeben, etwas zu sein, und sich damit einen Spielraum schaffen, etwas zu werden. Auch Bublitz verwendet den Begriff der „Repräsentation“, der dem der Plessnerschen Maske entspricht, insofern die sich in der bürgerlichen Öffentlichkeit repräsentierenden Individuen nicht ‚darstellen‘ bzw. ‚vorstellen‘, sondern ‚erzeugen‘: „Repräsentationen sind also nicht einfache Reflexionen der Wirklichkeit, sie bringen nicht lediglich zum Ausdruck, was immer schon da war, sondern sie erzeugen, bringen durch die Bedingungen des Blicks und des Mediums hervor, was sich sonst nicht einmal denken lässt. Repräsentation erfolgt performativ, sie bewirkt, was sie darstellt und inszeniert, als Realität.“ (Nebulosa 4/2013, S.27, Fußnote 9)

Auch wenn sich Bublitz davon distanziert, daß in den Repräsentationen etwas „zum Ausdruck“ gebracht wird, so doch nur in dem Sinne eines immer-schon-da-Gewesenen. Tatsächlich aber haben wir es hier mit Expressivität im Plessnerschen Sinne zu tun: mit einer Expressivität, die „bewirkt, was sie darstellt und inszeniert“. (Vgl. meine Posts vom 26.10. und vom 29.10.2010)

Mit der Auflösung der getrennten Lebensbereiche und dem Eindringen der, wie Habermas es nennen würde, ökonomischen Systemimperative in die Intimität der Privatwelt verlieren die Individuen ihren differenzstiftenden Rückhalt. Die Masken sind nicht länger nur Masken, sondern wir reproduzieren und vervielfältigen uns in ihnen: „Das Selbst, das sich medial sichtbar präsentiert, steht hoch im Kurs; angeschlossen an voyeuristische Apparate der Sichtbarmachung des Subjekts in Daten- und Medienlandschaften – die Massenmedien – und statistische Mess- und Auswertungsverfahren zirkuliert es, performativ vervielfältigt, als Reproduktion seines Selbst.“ (Nebulosa 4/2013, S.S.24)

Wir haben es also nicht mehr mit einem freien, Identitäten spielerisch erprobenden Maskenspiel zu tun, sondern mit Wiedergängern, Doppelgängern und Phantomen, neudeutsch ‚Avataren‘, wie sie Günther Anders und Friedrich Kittler beschrieben haben. (Vgl. meine Posts vom 23.01.2011, 12.04.2012 und 17.11.2013)

Die neue, der „Sichtbarkeit des Subjekts“ in den Medien- und Datenlandschaften entsprechende Anthropologie bietet also keinen Raum mehr für eine exzentrische Positionalität im Plessnerschen Sinne, in dem Subjekte sich selbst und der Welt als einem Anderen gegenüberstehen. Vielmehr haben wir es nur noch mit flachen Spiegelwelten zu tun, mit unendlichen Spiegelungen unserer selbst, in denen wir ganz in unserer Sichtbarkeit und Austauschbarkeit aufgehen: „Das Subjekt befindet sich auf der Ebene medial beobachtbarer Praktiken in einer andauernden Experimentierphase; die verschiedenen Versionen des eigenen Selbst werden medial transportiert und können flexibel ausgetauscht werden. ... Dabei entwickelt sich, neben einer Art ‚Objekt‘-Disposition der ‚being-looked-at-ness‘() ein ästhetischer Voyeurismus, der das Subjekt gewissermaßen als ‚sich zerstreuendes Subjekt‘ organisiert und es weniger in der reflexiven Ich-Kontrolle als vielmehr in einer visuellen Haltung trainiert.“ (Nebulosa 4/2013, S.25)

Wir haben es nicht mehr mit einer Anthropologie der exzentrischen Positionalität, sondern mit einer Anthropologie der durchgehenden Dis-Positionalität zu tun, in der die Menschen sich über ihre Flexibilität definieren, sowohl hinsichtlich ihrer medialen Austauschbarkeit wie auch hinsichtlich ihres ökonomischen Gebrauchswerts. Wie Bublitz in ihrem Schlußwort festhält, unterwerfen sich die Subjekte einer „Art permanente(m) ökonomische(m) Tribunal“. (Vgl. Nebulosa 4/2013, S.32)

In der Sachlichkeit und Stringenz ihrer Darstellung beschreibt Hannelore Bublitz die medientechnologischen Entwicklungen auf dem Niveau von Günther Anders und Friedrich Kittler. Es ist an uns, ob wir diese Entwicklungen mit Anders bedauern oder mit Kittler euphorisch begrüßen oder ob wir mit Plessner daran festhalten, daß selbst die umfassende technologische Disponibilität menschlicher Selbstbestimmung noch einmal auf unsere exzentrische Positionalität zurückzuführen ist und insofern keineswegs das letzte Wort in dieser Angelegenheit bildet.

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Freitag, 27. Dezember 2013

„Maßnehmen/Maßgeben“. Nebulosa: Zeitschrift für Sichtbarkeit und Sozialität 04/2013, hrsg.v. Eva Holling, Matthias Naumann, Frank Schlöffel, Berlin 2013

Neofelis Verlag, Jahresabonnement 22,--, Einzelheft 14,--

(Eva Holling/Matthias Naumann/Frank Schlöffel, Homo Meter: Über Maße, S.7-17 / Hannelore Bublitz, Vermessung und Modi der Sichtbarmachung des Subjekts in Medien-/Datenlandschaften, S.21-32 / Frank Engster, Maßgeblichkeit für: sich selbst. Das Maß bei Hegel und Marx, S.33-48 / Bojana Kunst, Das zeitliche Maß des Projekts, S.49-63 / Jörg Thums, Manifest für eine Apperzeption in der Zerstreuung, S.66-77 / Christian Sternad, Das Maßlose des Werkes. Martin Heidegger und Maurice Blanchot über den Ursprung des Kunstwerkes, S.81-93 / Fanti Baum, All this Useless Beauty oder das Maß durchqueren, S.95-109 / Mirus Fitzner, Maßnehmen als rassistische Praxis. Warum das Konzept ‚Ethno-Marketing‘ auf rassistischen Grundannahmen basiert, S.110-124 // Kommentare zu Nebulosa 03/2013: Peter J. Bräunlein, Gelehrte Geisterseher. Anleitungen für den gepflegten Umgang mit Gespenstern, S.127-139 / Gerald Siegmund, Gespenster-Ethik, oder warum Gespenster das Theater lieben, S.140-150 / Julian Blunk, Die Gespenster bleiben nebulös, S.151-164 / Malgorzata Sugiera, Gespenst und Zombie als Denkfiguren der Gegenwart, S.165-177)

In diesem und den folgenden Posts habe ich das Vergnügen, eine Ausgabe von „Nebulosa“ (04/2013), einer seit 2012 zweimal im Jahr erscheinenden „Zeitschrift für Sichtbarkeit und Sozialität“, zu besprechen. Ich freue mich darüber – und ich bewundere die Herausgeber Eva Holling, Matthias Naumann und Frank Schlöffel für ihren Mut –, daß es in Zeiten zunehmender, medientechnologisch bedingter Zerstreuung noch möglich ist, ein intellektuell so hochwertiges, an die Lesebereitschaft des Publikums hohe Ansprüche stellendes Produkt auf den Markt zu bringen.

Der Titel deutet ein phänomenologisches Konzept der Zeitschrift an, das sich mit „Sichtbarkeit“ und „Sozialität“ an den Maßstäben menschlicher Sinneswahrnehmung orientiert, was auch durch das Thema der ersten Nummer, „Wahrnehmung und Erscheinen“ (1/2012), noch einmal unterstrichen wird. Mit dem nebulösen Haupttitel wenden die Herausgeber der Zeitschrift die menschliche Sinneswahrnehmung zugleich ins Ironische, was die mit ihr verbundenen subjektiven Gewißheitsansprüche kritisch hinterfragt. Die paradoxe Kombination aus nebulösen Sichtbarkeiten läßt vermuten, daß die Herausgeber der Wunsch antreibt, Naivität und Reflexion auf produktive Weise zu verbinden. Das zeigt sich noch einmal besonders deutlich in dem mir zur Besprechung vorliegenden Exemplar zum Thema „Maßnehmen/Maßgeben“, dessen Beiträge Werte und Maße in ihrer doppelten Funktion als inter-‚subjektive‘ und empirisch-objektive Verhältnisbestimmungen von Mensch und Welt hinterfragen.

Es ist aber nicht nur der Mut der Herausgeber, für eine solche Zeitschrift auf ein lesekundiges, fachlich ungebundenes und dennoch urteilfähiges Publikum zu vertrauen, das mir Respekt einflößt. Zu einer solchen Zeitschrift gehören auch Autoren, deren Intellekt der Thematik gewachsen ist. Was die Autoren betrifft, zeigt die mir vorliegende Ausgabe mit ihren zwölf durchweg hochwertigen Beiträgen, daß es an diesen „Autor_innen“ – um mich der ‚nebulösen‘ Schreibweise zu bedienen – nicht mangelt. Es wäre der Zeitschrift zu wünschen, daß sie auch ein entsprechendes Publikum findet.

Allerdings mischt sich in das eingangs erwähnte Vergnügen, diese Zeitschrift besprechen zu dürfen, eine gewisse Beunruhigung. Im Forumsteil der aktuellen Ausgabe präsentieren die Herausgeber vier Kommentare zur vorangegangenen Nummer zum Thema „Gespenster“ (3/2013). (Vgl. Nebulosa 4/2013, S.127-177) Eigentlich aber handelt es sich dabei weniger um kurze Leserkommentare zu einzelnen Beiträgen dieser Ausgabe als vielmehr um ausführliche, elf- bis vierzehnseitige Besprechungen, auf wiederum einem Niveau, an dem ich mich nun in meinen folgenden Besprechungen messen lassen muß. Immerhin handelt es sich bei diesen ‚Kommentaren‘ um summarische Besprechungen, während ich mich hier auf die einzelnen Beiträge der Autoren konzentrieren werde. Das stellt doch ein gewisses Alleinstellungsmerkmal dar und mindert die einschüchternde Konkurrenz jener Kommentare.

Wie die Herausgeber in ihrer Einleitung zu „Maßnehmen/Maßgeben“ festhalten, geht es beim Vermessen von Naturerscheinungen und Weltphänomenen nicht nur um „Messdaten“ und „Datenkurven“ im streng objektiven Sinne, sondern auch um „soziale() Kontrolle“ und um „Selbsttechnologien“ (Vgl. Nebulosa 04/2013, S.17), eine Thematik, deren sich auch Peter Sloterdijk mit seinen Schriften zur „Anthropotechnik“ und zum „Menschenpark“ ausführlich widmet. Wo sich Sloterdijks Begrifflichkeit aber bewußt im Nebulösen bewegt und sich einer humanen Positionierung verweigert, bringen die Herausgeber von Nebulosa die Problematik auf den Punkt: Am Beispiel der ‚Justierung‘ bzw. ‚Eichung‘ von Strafgesetzen zeigen die Herausgeber, wie über Gerichtsverfahren auf der Suche nach neuen Bewertungsverfahren und Strafmaßen, wie in den Nürnberger Prozessen zu den nationalsozialistischen Menschheitsverbrechen (vgl. Nebulosa 4/2013, S.13ff.), und bei der ‚Erhaltung‘ bzw. ‚Bewahrung‘ des Rechts, etwa anläßlich einer Demonstration gegen Nazis in Dresden (vgl. Nebulosa 4/2013, S.15ff.), neues Recht gesetzt oder bestehendes Recht verändert wird: „Indem behauptet wird, Recht zu erhalten, wird Recht gesetzt bzw. eine bisher als dem geltenden Recht angemessene politische Handlung der Demonstration gegen Nazis außerhalb des Rechts gesetzt.“ (Nebulosa 2013, S.16)

Alle Beiträge der aktuellen Ausgabe stellen letztlich mit dieser „Frage nach dem Angemessenen“ (Nebulosa 4/2013, S.14) den Menschen und sein Weltverhältnis in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen. Sie fügen sich nicht der verbreiteten intellektuellen Mode, diesen Menschen schon zu seinen Lebzeiten totzusagen und zu verabschieden. Auch für diesen Mut, sich weiterhin des eigenen Verstandes zu bedienen, mein Respekt.

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Samstag, 21. Dezember 2013

Thomas Nagel, Geist und Kosmos. Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist, Berlin 2013

1. These
2. Methode
3. Sprache und Logik
4. Letztbegründungsansprüche
5. Mensch/Welt und Teil/Ganzes
6. Doppelaspektivität
7. Werterealismus
8. Sinn von Sinn

Es ist bezeichnend, daß Nagel die evolutionären Stufen des Bewußtseins im Wertebewußtsein gipfeln läßt. (Vgl. Nagel 2013, S.140-180) Statt den Wertebegriff hätte er auch das Gewissen dort plazieren können, wie es Damasio macht. (Vgl. meinen Post vom 18.08.2012) Der Wertebegriff ist ambivalent: er beinhaltet ein objektives und ein subjektives Moment.

Das objektive Moment besteht im Maßnehmen. Mensch-Welt-Verhältnisse werden auf einen objektiven, feststehenden Maßstab bezogen, der unter allen Umständen immer derselbe ist. Zu diesem Thema, „Maßnehmen/Maßgeben“, lese ich gerade eine Ausgabe von „Nebulosa“, der Zeitschrift für Sichtbarkeit und Sozialität (4/2013), die ich demnächst in diesem Blog besprechen werde. Es gibt Maße, die physikalische Bezugsgrößen quantifizieren, wie das Kilogramm, der Meter, die Sekunde etc. Und es gibt Maße, die qualitative Bezugsgrößen quantifizieren, wie das Geld, das den Tauschwert quantifiziert, wobei wir es beim Geld interessanterweise mit einem Maßstab zu tun haben, der wiederum auf das Maß des Tauschwerts selbst – als „Maß des Werts“ (Frank Engster, in: Nebulosa, S.32-48: 37) – angewandt wird: Der Tauschwert zweier konkreter Waren wie z.B. Zigaretten und Zucker, der sie spezifisch aufeinander bezieht und gegenseitig abwägt, wird durch das Geld als Maß für jedes beliebige Tauschverhältnis universalisiert und damit zur Tautologie. (Vgl. ebenda, S.35)

Die Idee, die hinter diesem objektiven Wertbegriff steckt, ist die einer objektiven, direkt erfaßbaren (und meßbaren), von subjektiven Empfindungen unabhängigen Wahrheit, wie sie ja auch von Nagel vertreten wird. (Vgl. Nagel 2013, S.117f., 120f., 123) Es ist genau dieser Wertebegriff, den Nagel als „eine Grundform von Wahrheit“ bezeichnet.“ (Vgl. Nagel 2013, S.64)

Der Wertebegriff bildet aber nicht nur die Grundlage für statische, unveränderliche, meßbare Maßverhältnisse. Er steht zugleich auch für ein im spezifischen Sinne humanes Mensch-Welt-Verhältnis, in dem nicht einfach Naturverhältnisse auf Bezugsgrößen ihrer selbst, auf Naturkonstanten, zurückgeführt werden, wie der Meter, der längst nicht mehr als Teil des Meridians unseres Planeten definiert wird, sondern als eine Wegstrecke, die das Licht in einer bestimmten Zeit zurücklegt. Sekunden werden wiederum anhand subatomarer oder kosmologischer Rhythmen definiert.

Spezifisch humane Bestimmungen des Mensch-Welt-Verhältnisses, die als werthaltig wahrgenommen werden, fallen anders aus. Sie sind vor allem subjektiv oder inter-subjektiv, was in diesem Fall keinen Unterschied macht, qualifiziert. In diesem Sinne spricht Nagel dann auch davon, daß wir in einer „Welt der Werte“ leben. (Vgl. Nagel 2013, S.164) An dieser Stelle wird deutlich, daß der Gebrauch des Wertebegriffs mit einem Kategorienfehler behaftet ist, der ihm wie ein Schatten folgt, so oft man ihn verwendet. Immer wenn wir von ‚Werten‘ sprechen, werfen wir Maßstäbe und Sinnbestimmungen in einen Topf. Es ist so, als wollten wir Wasser verwenden, um ein Feuer zu entzünden (was bei den heutigen Technologien sicher kein Ding der Unmöglichkeit mehr ist). Aufgrund dieses Kategorienfehlers fallen Profitsteigerung und Sinnstruktur als Zinseszins und Sinn von Sinn zusammen. (Vgl. meinen Post vom 09.11.2012)

Ein spezifisch humaner Wertebegriff bringt immer Sinnverhältnisse zum Ausdruck. Sinnverhältnisse aber haben die Struktur eines „Sinns von Sinn“. (Vgl. meinen Post vom 18.12.2013) Das bedeutet, daß Sinn kein statisches Phänomen ist, wie etwa ein Maßstab, sondern dynamisch. ‚Sinn‘ ist immer Sinnbildung, also ein Prozeß, in dem Sinn durch unser Handeln immer wieder neu gestiftet wird, ein Handeln, das sich wiederum nur dann als sinnhaft erweist, wenn es für neue Sinnbestimmungen offen bleibt. Der Begriff des „Sinns von Sinn“ stammt von Franz Fischer: Frühe Philosophische Schriften und Entwürfe (1950-1956), Kastellaun 1980.

Dieser Begriff liegt auch einer spezifisch humanen Interdisziplinarität zugrunde, in der das gesamte Spektrum der wissenschaftlichen Disziplinen nicht auf eine objektive Wahrheit, sondern auf das menschliche Sinnverstehen bezogen wird. Franz Fischer spricht in diesem Zusammenhang von den „vertikalen Bildungskategorien“. (Vgl. „Darstellung der Bildungskategorien im System der Wissenschaften“, Ratingen/Kastellaun 1975) Bei diesen ‚Kategorien‘ handelt es sich nicht um Disziplingrenzen im engeren Sinne, sondern um Fragestellungen nach dem Sinn wissenschaftlichen Wissens für das menschliche Handeln, aus denen sich diese Disziplingrenzen überhaupt erst ergeben.

Bei Thomas Nagel deutet sich eine solche ‚kategoriale‘ Dynamik an, wenn er fragt: „Wenn die Physik und die Chemie Leben und Bewusstsein nicht vollständig erklären können, wie wird dann ihre enorme Fülle an Wahrheit in einer erweiterten Konzeption der Naturordnung, die diesen Dingen Rechnung tragen kann, mit anderen Elementen zusammengebracht werden?“ (Nagel 2013, S.19)

Dies ist genau der Ansatzpunkt für einen bildungskategorialen Systemzusammenhang wissenschaftlichen Sinns. Franz Fischer läßt das wissenschaftliche Fragen mit der Semantik als Basisdisziplin beginnen, die alle Wissenschaftsdisziplinen durchzieht. Das ist für sich schon bemerkenswert. Nicht die Logik, nicht die Semiotik bzw. Informatik, nicht die Mathematik bilden die alle Wissenschaften verbindende Basisdisziplin, sondern die Semantik, die die Frage nach Sinn und Bedeutung stellt. Diese Frage hat ihre Grenzen, an denen die anderen Disziplinen anknüpfen, die die Fragestellung aufgreifen und variieren und schließlich wieder an ihre Grenzen kommen, an denen wiederum andere Disziplinen anknüpfen können. Sinnfragen stiften also immer wieder neue Sinnfragen. Es entsteht eine Sinn-von-Sinn-Dynamik.

In der Graphik, die das veranschaulichen soll, sind natürlich längst nicht alle wissenschaftlichen Disziplinen aufgeführt. Sie soll nur andeuten, wie sich die einzelnen Disziplinen in diese Dynamik einfügen können, um ihren Teil dazu beizutragen. Die wissenschaftliche Neugier, die Dynamik des Sinnfragens, beginnt mit dem menschlichen Lebensalltag. Dieser Lebensalltag, also die Notwendigkeit, daß der Mensch sein Leben führen muß, wie Plessner sagt, bleibt im Durchgang durch das Wissenssystem das Gemeinte aller wissenschaftlichen Disziplinen, wie sehr sie sich auch im Einzelnen spezialisieren mögen.

Die Semantik sagt dann etwas darüber, wie es kommt, daß Worte etwas bedeuten können, läßt aber die Frage nach der Identität als das in der Wortbedeutung Gemeinte offen und reicht sie an die Logik weiter. Die Logik sagt nun etwas zur Identität des sprachlichen Zeichens, läßt aber die Frage nach dem als Identität Gemeinten offen und reicht sie an die Mathematik weiter. Die Mathematik sagt etwas zu den berechenbaren Konfigurationen des identifizierten Gegenstands, läßt aber die Frage nach dem Gemeinten seiner zeitlichen und räumlichen Bezüge offen und reicht sie an die Physik weiter, etc. In der Religion schließlich spricht das Wort aus sich selber und mündet im Handeln.

Wenn Nagel also von einer „Welt der Werte“ spricht, haben wir es nicht mit starren Maßverhältnissen zu tun, sondern mit einer Sinndynamik, die das ganze menschliche Selbst- und Weltverhältnis durchzieht. Dieses Selbst- und Weltverhältnis beruht auf Gewißheiten, die den objektiven Maßverhältnissen naturwissenschaftlicher Methodiken allererst ihren Sinn geben und den daraus hervorgehenden Technologien eine Grenze ziehen.

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Eine ausführlichere Diskussion am Beispiel aus dem Schulleben eines Internats findet man in einem gemeinsamen Beitrag von Fischer-Buck und mir für das Franz-Fischer-Jahrbuch 2007 (Download).

Freitag, 20. Dezember 2013

Thomas Nagel, Geist und Kosmos. Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist, Berlin 2013

1. These
2. Methode
3. Sprache und Logik
4. Letztbegründungsansprüche
5. Mensch/Welt und Teil/Ganzes
6. Doppelaspektivität
7. Werterealismus
8. Sinn von Sinn

Ich hatte schon in meinem Post vom 17.12.2013 darauf hingewiesen, daß Phänomenologen es üblicherweise vermeiden, für gegebene Phänomene nach Erklärungen und Begründungszusammenhängen zu suchen. Dennoch läßt sich das bei einem bestimmten Bereich von Phänomenen nicht vermeiden. Dabei handelt es sich um den weiten Bereich menschlicher Handlungen, mit denen sich u.a. die Geschichtswissenschaft befaßt. Man kann geschichtliche Phänomene, wie z.B. Epochen und Kulturen, gar nicht beschreiben, ohne ihre Genese zu berücksichtigen.

Auch was Werte betrifft, haben wir es mit geschichtlichen Phänomenen zu tun, deren Entstehungsgeschichte einiges zu ihrem Verständnis und ihrer Geltung beiträgt. (Vgl. meinen Post vom 12.05.2012) ‚Werte‘ sind Sinnphänomene und haben wie diese die Struktur eines „Sinns von Sinn“; d.h. sie stehen niemals für sich allein, sondern verweisen auf einen Kontext und auf konkrete Situationen. Sie sind relativ im Bezug auf ihre Prozeßhaftigkeit, und sie sind motivierend als Momente eines Ganzen, so daß die willkürliche Mißachtung eines einzelnen Wertes immer auch das Ganze der Werte betrifft.

Nagel setzt das Werteempfinden als Urteilsform in Bezug auf eine vom Subjekt unabhängige Wahrheit. Für ihn gelten Werte objektiv, unabhängig von der subjektiven Wahrnehmung, weshalb er vom „Wertrealismus“ spricht (vgl. Nagel 2103, S.141f.), dem er subjektive Werteauffassungen bzw. „expressivistische Formen des Subjektivismus“ (Nagel 2013, S.142) gegenüberstellt: „Die subjektivistische Position, die ich dem Realismus gegenüberstellen will, besagt einfach ausgedrückt, dass die evaluative und moralische Wahrheit von unseren motivationalen Bereitschaften und Reaktionen abhängt, wohingegen die realistische Position besagt, dass unsere Reaktionen versuchen, die evaluative Wahrheit wiederzugeben, und in Bezug auf diese richtig oder unrichtig sein können.“ (Nagel 2013, S.142)

Teilweise erinnert Nagels Haltung wieder an phänomenologische Grundhaltungen, wenn er Werten scheinbar einen Phänomenstatus zuspricht: „Die allgemeine moralische Wahrheit“, so Nagel, „ist nichts als sie selbst.“ (Nagel 2013, S.147)

Genau das kann man von jedem Phänomen sagen, dem man sich meditierend zuwendet. Tatsächlich geht es Nagel aber mit dieser Feststellung um eine letzte Begründungsinstanz, der sich der einzelne Mensch mit seinen subjektiven Wahrnehmungen unterwerfen soll: „Durch ihr Begreifen von Werten und Gründen, deren Existenz eine Grundform der Wahrheit ist, können die Menschen zum Handeln motiviert sein, und die Erklärung des Handelns durch solche Motive ist eine Grundform der Erklärung, die nicht auf irgendeine andere Form, sei sie psychologisch oder physisch zurückführbar ist.“ (Nagel 2013, 164)

Werte sind also nicht Teil eines Mensch-Welt-Verhältnisses, in dem sich der Mensch vor sich selbst und vor anderen wie er selbst verständlich zu machen versucht, sondern sie sind diesem Mensch-Welt-Verhältnis gegenüber transzendent. Nicht unsere Motive erklären unsere Werte, sondern die Werte begründen – „unabhängig von den Absichten irgendeines Wesens“ (Nagel 2013, S.101) – unsere Motive.

Dabei unterscheidet Nagel nicht zwischen einer materialen Werteethik und formalen Moralprinzipien, wie sie Kant mit seinen beiden kategorischen Imperativen zusammenfassend auf den Begriff gebracht hat. Formale Moralprinzipien kann man sich tatsächlich als weitgehend subjektunabhängig vorstellen. Man sollte dabei allerdings nicht vergessen, daß Kant seine Imperative an einen subjektiven guten Willen zurückgebunden hat. Die Umsetzung des Imperativs bedarf einer entsprechenden subjektiven Motivation.

Nagel geht aber nicht von formalen Prinzipien aus. Er beansprucht mit seinem Wertrealismus tatsächlich eine materiale Werteethik, die nur scheinbar abhängig, tatsächlich aber als eine „Grundform der Wahrheit“ (Nagel 2013, S.164) mit ihren rationalen Begründungszusammenhängen unabhängig von unseren subjektiven Bedürfnissen Bestand hat. Dabei reicht das Fundament dieser materialen Werteethik durchaus bis in biologische Prozesse hinein: „Wir beginnen mit dem Urteil, dass Lust und Schmerz an sich gut und schlecht sind, gehen zusammen mit anderen Werten über zu einer systematischeren und stärker ausgearbeiteten Erkenntnis von Handlungsgründen und von Prinzipien, welche die Verbindung und Interaktion von Gründen regeln, und kommen letzten Endes zu Moralprinzipien.“ (Nagel 2013, S.160)

Aus den biologischen Notwendigkeiten von Lust und Schmerz als Grundlagen unseres Wertempfindens lassen sich also alle anderen Werte – „deren Existenz eine Grundform der Wahrheit ist“ (Nagel 2013, S.164) – ableiten. Eine ähnliche Argumentation haben wir schon bei Damasio kennengelernt, der alle Werte aus den biologischen Notwendigkeiten des Überlebens ableitet. (Vgl. meinen Post vom 18.08.2012)

Was hier nicht in den Blick kommt, ist die expressive Grundstruktur des menschlichen Selbst- und Weltverhältnisses: der Wunsch, uns vor uns selbst und vor anderen wie uns selbst verständlich zu machen. Werte, das ist mein Gegenargument zu Nagel und Damasio, partizipieren eben doch von Anfang an an dieser anthropologischen Notwendigkeit. Sie sind Teil des Sinn-von-Sinn-Prozesses. Darauf möchte ich in meinem letzten Post zu Nagels „Geist und Kosmos“ noch einmal eingehen.

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