„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)

Mittwoch, 6. Februar 2013

Rupert Sheldrake, Der Wissenschaftswahn. Warum der Materialismus ausgedient hat, München 2012

1. Prolog
2. Evolution auf der Basis morphischer Resonanz
3. Der ‚Geist‘ in der Naturwissenschaft
4. Ganzheiten wie z.B. eine Welle
5. Die Metapher des Gravitationsfeldes
6. „Brauchen wir wirklich ein Gehirn?“
7. Rekursivität und Doppelblindverfahren
8. Eine zeitliche Anatomie des Körperleibs

Wenn man mal im quantifizierbaren Bereich bleibt, so ist es sicher bemerkenswert, daß unsere Vorfahren als Jäger und Sammler ein größeres Gehirn gehabt haben als wir selbst in unserer heutigen High-Tech-Zivilisation. Wir halten uns so viel zugute auf unsere formal-operativen Kompetenzen, die wir ‚primitiven‘ Kulturen gerne absprechen (vgl. meinen Post vom 20.01.2013), aber tatsächlich scheint es so zu sein, daß wir für diese formalen Intelligenzfunktionen kein besonders großes Gehirn brauchen.

Es fällt auch auf, daß herausragende mathematische Begabungen oft mit neurologischen Pathologien einhergehen. Man denke etwa an in dieser Hinsicht besonders auffällige Autisten. (Vgl. meinen Post vom 01.08.2012) Autisten weisen auch mit einem gestörten Körpergefühl einhergehende soziale Defizite auf. Das paßt zu dem evolutionsbiologischen Befund, daß das Gehirnwachstum vor allem mit gesteigerten Ansprüchen an die sozialen Kompetenzen einherging. Wo das Gehirn der Schimpansen an Gruppengrößen von 40 bis 50 Individuen angepaßt ist, ist das Gehirn von Menschen an Gruppengrößen von bis zu 150 Individuen angepaßt. Eine Zahl, die sich – nebenbei gesagt – auch nicht über Facebook aufstocken läßt, weil es hier ausschließlich um Nähebeziehungen geht, also neudeutsch: face to face.

Es ist also nicht die Mathematik, für die wir ein großes Gehirn brauchen. Man könnte es vielleicht sogar dahingehend zuspitzen – immer unter der Voraussetzung quantifizierbarer ‚Intelligenz‘ –, daß ein größeres, funktionierendes Gehirn für mathematische Begabungen eher hinderlich als förderlich ist. Sheldrake spitzt diese Frage angesichts normal intelligenter Menschen mit auffälligen neurophysiologischen Pathologien auf die Frage zu, inwiefern wir überhaupt ein Gehirn brauchen: „Zu besonders gravierenden Abweichungen vom normalen Bau eines Gehirns kommt es bei Menschen, die an Hydrocephalus leiden, volkstümlich Wasserkopf genannt. Bei dieser Krankheit ist die Schädelhöhle mehr oder weniger stark mit zerebrospinaler Flüssigkeit oder Liquor ausgefüllt. Der britische Neurologe John Lorber stellte fest, dass Menschen mit sehr stark ausgeprägtem Wasserkopf mitunter erstaunlich normal sind, was ihn zu dieser provokanten Frage veranlasste: ‚Brauchen wir wirklich ein Gehirn?‘ Er untersuchte die Gehirne von über sechshundert Hydrocephaluskranken und fand in etwa sechzig Fällen, dass die Schädelhöhle zu mehr als 95 Prozent mit Liquor ausgefüllt war. Manche dieser Menschen litten an ernsten Behinderungen und Entwicklungsstörungen, doch andere waren mehr oder weniger normal, und bei einigen lag der Intelligenzquotient über 100. Ein junger Mann, Absolvent der Sheffield-University mit einem erstklassigen Abschluss in Mathematik, hatte einen IQ von 126, aber ‚praktisch kein Gehirn‘. Bei ihm war die Schädelhöhle mit einer etwa einen Millimeter dicken Schicht von Gehirnzellen ausgekleidet und ansonsten mit Flüssigkeit gefüllt.() Jeder Versuch, sein Gehirn mit gängigen Mitteln wie etwa Vernetzungsdiagrammen zu erfassen, wäre zum Scheitern verurteilt. Die geistigen Funktionen und die Gedächtnisleistung waren bei ihm mehr oder weniger normal, und das mit einem Gehirn, das nur fünf Prozent der Normalgröße bietet.“ (Sheldrake 2012, S.255f.)

Sheldrake behauptet sogar, daß wir nicht mal für unser Gedächtnis ein funktionierendes Gehirn brauchen. Am Beispiel von Einzellern wie der Schirmalge und dem Trompetentierchen, die über keine Neurophysiologie verfügen (vgl. Sheldrake 2012, S.181 und 264f.), zeigt er, daß Erinnerungen offensichtlich auch auf eine andere Weise gespeichert werden können: „Das Gedächtnis des Trompetentierchens kann man nicht anhand von Veränderungen an den Nervenenden oder Synapsen erklären – es besitzt keine.“ (Sheldrake 2012, S.265)

Hier finde ich es besonders interessant, daß das Gehirn in bezug auf Lernen und Gedächtnis unterschiedlich funktioniert. Informationstheoretische Lehr-Lerntheorien setzen Lernen und Gedächtnis praktisch gleich. Lernen führt zur Bahnung und Verstärkung von neurologischen Netzwerken, die dann für künftige, der Lernsituation entsprechende Ernstfälle zur Verfügung stehen. Diese verstärkten neurologischen Netzwerke bilden also zugleich ein Gedächtnis in Form von durch Lernen angelegte ‚Erinnerungsspuren‘. Sheldrake kann nun aber zeigen, daß es solche Erinnerungsspuren nicht gibt. Wenn man nämlich bei Küken diese durch Lernen verstärkten Nervenbahnen operativ entfernt, können sich die Küken trotzdem weiterhin an das Gelernte ‚erinnern‘: „Sie (Steven Rose und Kollegen – DZ) richteten Küken durch einen Übelkeitsreiz darauf ab, nicht an kleinen farbigen Lichtern zu picken, und tatsächlich sahen die Küken (die ihrer Natur nach an allem picken) bei der nächsten Begegnung mit diesem Lichtreiz vom Picken ab. Jetzt untersuchten die Forscher die Gehirne dieser Küken und fanden, dass in einer bestimmten Region im linken Vorderhirn mehr aktives Wachstum und Entwicklung stattfanden, wenn etwas gelernt wurde.() ... Damit war jedoch nicht der Beweis verbunden, dass die aktiven Zellen spezifische Erinnerungsspuren enthielten. Wurde nämlich bei den Küken am Tag nach ihrem Training die Region der aktiven Zellen aus dem linken Vorderhirn entfernt, konnten die Küken das Gelernte trotzdem weiterhin anwenden. Die am Lernprozess beteiligte Hirnregion war für das Bewahren der Lerninhalte nicht erforderlich!“ (Sheldrake 2012, S.253)

Karl Lashley, ein Anhänger der Reflexbogentheorie des Gedächtnisses – das Gedächtnis bildet sich über die konditionierte Bahnung von Nervenverbindungen –, kam schließlich durch seine Experimente zu der Einsicht, daß sich das Gedächtnis nicht an lokalisierbaren neurologischen Netzwerken festmachen läßt, sondern ein „Aktivitätsmuster“ bildet, in der Art eines „Interferenzmuster(s) von Wellen“ an der „Oberfläche einer Flüssigkeit“. (Vgl. Sheldrake 2012, S.252) – Sheldrake ergänzt: „Folglich war das Erinnern für ihn ‚eine Art Resonanz zwischen sehr vielen Neuronen‘.() ... ‚Das Gedächtnis ist überall, aber nirgends im Besonderen.‘()“ (Ebenda)

Sheldrake hält es deshalb für wahrscheinlich, daß das Gedächtnis in Form von „elektro-magnetischen Feldern“ organisiert ist, die durch „Muster von Nervenaktivität“ erzeugt werden. (Vgl.S.256) Das würde auch die rätselhafte Synchronisierung von neurologischen Aktivitäten in verschiedenen Bereichen des Gehirns im „Gamma-Frequenzspektrum“ erklären, die Wolf Singer als „Korrelat von Gestaltphänomenen“ beschreibt. (Vgl. meinen Post vom 18.07.2011) Elektro-magnetische Felder könnten diese global verstreuten Aktivitäten synchronisieren und stabilisieren.

Sheldrake verwendet deshalb die Metapher vom Rundfunk und von Fernsehgeräten, die auf bestimmte Sendefrequenzen eingestellt sind: „Vor diesem Hintergrund scheint Erinnerungsvermögen eher auf Resonanz als auf chemischer Speicherung in den Nervenzellen zu beruhen. ... Erinnerungen eines Organismus beruhen vielleicht auf morphischer Resonanz mit seiner eigenen Vergangenheit. Das Gehirn könnte eher einem Fernsehgerät als einem Festplattenrecorder ähneln.“ (Sheldrake 2012, S.256)

Diese Metapher würde zugleich veranschaulichen, daß das Gedächtnis – im Unterschied zum Lernen – nicht vom Gehirn selbst organisiert wird; so wenig eben, wie die Fernsehsendung vom Fernsehgerät stammt, sondern nur von ihm empfangen wird. Das Gedächtnis wäre also von der Gehirnanatomie weitgehend unabhängig und bedürfte des Gehirns nur zu seine Aktualisierung. So wird z.B. auch bei der Verpuppung eines Schmetterlings die Anatomie der Raupe, einschließlich ihrer Neuroanatomie, vollständig umgebaut: „In der Puppe wird das Raupengewebe praktisch komplett aufgelöst, bevor sich die adulte Form bildet. Sogar das Nervensystem wird größtenteils abgebaut. Trotz all dieser Veränderungen während der Metamorphose können sich Falter offenbar an das erinnern, was sie als Raupe gelernt haben.“ (Sheldrake 2012, S.257)

Sheldrake schätzt deshalb die Plausibilität von molekularen Gedächtnistheorien – das Gehirn als ‚Speicher‘ – als gering ein, im Vergleich zu seinem eigenen Konzept, das auf hypothetischen morphogenetischen Feldern und der morphischen Resonanz beruht. (Vgl. Sheldrake 2012, S.275) Insgesamt wird dadurch auch der von den Neurophysiologen so häufig abgewertete ‚Restkörper‘ aufgewertet. Denn wenn das Gedächtnis auch bei einem beschädigten Gehirn funktioniert, muß man wohl davon ausgehen, daß der gesamte Organismus wie ein Gedächtnis funktioniert und so die pathologischen Gehirnfunktionen kompensieren kann.

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Dienstag, 5. Februar 2013

Rupert Sheldrake, Der Wissenschaftswahn. Warum der Materialismus ausgedient hat, München 2012

1. Prolog
2. Evolution auf der Basis morphischer Resonanz
3. Der ‚Geist‘ in der Naturwissenschaft
4. Ganzheiten wie z.B. eine Welle
5. Die Metapher des Gravitationsfeldes
6. „Brauchen wir wirklich ein Gehirn?“
7. Rekursivität und Doppelblindverfahren
8. Eine zeitliche Anatomie des Körperleibs

Metaphern bilden Sheldrake zufolge gleichermaßen notwendige wie unvermeidbare Instrumente auch des naturwissenschaftlichen Erkenntnisprozesses; denn „ein metaphernfreies Denken steht nicht zur Wahl. Die Naturwissenschaft ist voller Metaphern. ‚Naturgesetz‘ ist eine Metapher, das Computermodell des Gehirns ist eine Metapher und so weiter.“ (Vgl. Sheldrake 2012, S.171)

In diesem Sinne bedient sich Sheldrake auch des Gravitationsfeldes als Metapher, um einige charakteristische Eigenschaften morphogenetischer Felder zu beschreiben: „Gravitation ist eine Anziehungskraft, die auf alles in ihrem Einflussbereich einen Zug ausübt. Ein Objekt im Gravitationsfeld wird in Richtung Zukunft gezogen. ‚Gravitation wirkt in Richtung von Zielen, die in der Zukunft legen, und in diesem Sinne wirkt sie zeitlich rückwärts. ... Gegen den kontrahierenden Zug der Schwerkraft wirkt die dunkle Energie, die den Raum selbst expandieren lässt. Sollte es genug von dieser dunklen Energie geben, wird sich der Raum nach Roger Penroses Theorie ... immer weiter ausdehnen, bis alle Strukturen auseinanderfallen. Materie wird verdünnt, bis alles zu einem unterschiedlosen Meer von Photonen und anderen masselosen Teilchen geworden ist.() Ein Endstadium, dem laut Penrose dennoch irgendwie die Entstehung des nächsten Universums in einem Urknall folgt. ... Alle Organismen im Universum sind wie verkleinerte Entsprechungen dieses kosmischen Geschehens. Vereinigende Felder ziehen sie in Richtung in der Zukunft liegender Attraktoren, während aus der Vergangenheit fließende Energie sie antreibt. Alle Systeme sind in größere Ganzheiten eingebettet – Atome in Moleküle, Organellen in Zellen, Tiere in Ökosysteme, die Erde ins Sonnensystem, das Sonnensystem in die Galaxie, und sie alle besitzen ihre eigenen Zielpunkte und Attraktoren.“ (Sheldrake 2012, S.200f.)

Nebenbei bemerkt: das Wort „irgendwie“ in der Formulierung zu Penrose, demzufolge das „Endstadium“ „irgendwie“ zur „Entstehung des nächsten Universums in einem Urknall“ führen soll, zeigt nochmal den wackligen Status physikalischer Hypothesen.

In diesem ausführlichen Zitat beschreibt Sheldrake, wie gesagt, einige Merkmale des Gravitationsfeldes, die er auch den morphogenetischen Feldern zuspricht. Die „Anziehungskraft“ wird als ein in die Zukunft gerichteter „Zug“ beschrieben, auf einen „Endzustand“ hin, der zugleich auf die auf ihn hinzielende Dynamik der Schwerkraft zurück wirkt. Wir haben es also mit einer finalen Kausalität zu tun, bei der die Ursache für das Geschehen nicht in der Vergangenheit, sondern in der Zukunft liegt. Diese Funktionsweise eines Feldes bezeichnet Sheldrake als „Attraktor“: „Morphische Felder enthalten Attraktoren (Zielpunkte) und Chreoden (durch Gewohnheit ‚ausgetretene‘ Wege zu diesen Zielen), die ein System auf seinen Endzustand zusteuern und seine Ganzheit wahren, indem sie es gegen Störungen stabilisieren.“ (Sheldrake 2012, S.137)

In einem morphogenetischen Feld kann zwischen in der Vergangenheit liegenden Ursachen und in der Zukunft liegenden Endzuständen nicht unterschieden werden. Prozesse werden gleichzeitig angeschoben – in der Metapher des Gravitationsfeldes: ich werfe einen Stein – und ‚streben‘ einem Endzustand entgegen: der Stein fällt zu Boden. Mit dem Feldbegriff erklärten die Physiker im 19. und 20. Jahrhundert Zustände bzw. Ereignisse im leeren Raum, für die sie bis dahin den Begriff des Äthers verwendeten, einem materiellen, unsichtbaren Medium, das Wechselwirkungen zwischen materiellen Gegenständen erklären sollte, die nicht in unmittelbarem Kontakt miteinander stehen. Da es aber solche Wechselwirkungen auch im Vakuum gibt, wurde der Begriff des Äthers durch den Begriff des Feldes als einem von Materie unabhängigen Energiephänomen ersetzt.

Aus dem gleichen Grund postulieren die heutigen Physiker die Existenz dunkler Materie und dunkler Energie, um Ereignisse im scheinbar leeren Raum des Universums zu erklären. So nimmt z.B. die Geschwindigkeit der Expansion des Weltraums immer mehr zu, obwohl sie nach den Gesetzen der Entropie abnehmen müßte. Das soll die dunkle Energie erklären, die sich im sich vergrößernden leeren Raum zwischen den Galaxien oder Galaxienhaufen nicht etwa verdünnt, sondern vermehrt. Diesen seltsamen Bruch des Energieerhaltungsgesetzes erklären sich die Physiker mit den Begriffen des „Quantenvakuumfeldes“ und des „Quintessenzfeldes“, aus denen die neue dunkle Energie hervorgeht. (Vgl. Sheldrake 2012, S.88 und 101)

Ich habe übrigens nie so recht begriffen, was sich bei der Expansion des Weltraums eigentlich genau ausdehnt; denn einzelne Planeten-Stern-Systeme müssen ja vergleichsweise stabil sein. Dasselbe müßte auch für die Galaxien selbst gelten, die wiederum Galaxienhaufen bilden, also weitere in sich strukturierte Systeme mit ihrer eigenen einigermaßen stabilen Wechselwirkung. An welcher Stelle der Sternsysteme setzt also die Ausdehnung des Weltraums ein? Die Beispiele mit dem Luftballon, den man aufbläst, oder dem aufgehenden Hefekuchen zeigen nur, daß die Physiker ganz gut darin sind, einander Kindergeschichten zu erzählen.

Daß sich eine in der Vergangenheit liegende Ursache, etwa das Werfen eines Steines, auf dessen weiteres Verhalten im Gravitationsfeld auswirkt, so daß er nach dem Loslassen nicht gleich senkrecht, sondern in einer bogenförmige Flugbahn zu Boden fällt, kann man als eine Fernwirkung bezeichnen, die so etwas wie ein Gedächtnis beinhaltet. Der Stein ‚erinnert‘ sich gewissermaßen daran, was wir ihm angetan haben: er hat die Energie des Werfens ‚gespeichert‘. Das Gedächtnis ist eine weitere Funktion, die Sheldrake den morphogenetischen Feldern zuschreibt. Dieses Gedächtnis funktioniert in Form einer „Selbstresonanz“ (Sheldrake 2012, S.138). Das morphogenetische Feld steht mit seiner eigenen Vergangenheit in Resonanz.

Wir haben es also mit zwei Formen von morphischer Resonanz zu tun: (a) mit der Resonanz zwischen verschiedenen morphogenetischen Feldern, die auf nicht-lokale Weise miteinander wechselwirken, und (b) mit der Resonanz eines lokalen morphogenetischen Feldes, das mit seiner eigenen Vergangenheit (und Zukunft) wechselwirkt. Diese Vergangenheit kann sehr weit zurückreichen und über die individuelle Gegenwart eines einzelnen Organismus hinausgehen. Somit haben wir es auch hier mit einer nicht-lokalen Wechselwirkung zu tun. Nicht-lokal meint die Eigenschaft von Feldern, deren wechselwirkenden Kräfte mit der räumlichen (und zeitlichen) Entfernung nicht abnehmen.

Abschließend bleibt noch festzuhalten, daß nach Einstein die Gravitation eine Eigenschaft des Raumes ist und nicht von Körpern. Auch darin sieht Sheldrake eine Analogie zu morphogenetischen Feldern. Die morphogenetischen Felder enden nicht mit dem Tod eines Organismus, sondern gehen in eine Art kollektives Gedächtnis über: „Die Erinnerungen selbst müssen mit dem Tod des Körpers nicht untergehen, sondern können durch Resonanz weiter wirken, solange irgendwo ein schwingendes System besteht, mit dem sie in Resonanz treten können. Sie gehen in das kollektive Gedächtnis der Menschheit ein.“ (Sheldrake 2012, S.277)

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Montag, 4. Februar 2013

Rupert Sheldrake, Der Wissenschaftswahn. Warum der Materialismus ausgedient hat, München 2012

1. Prolog
2. Evolution auf der Basis morphischer Resonanz
3. Der ‚Geist‘ in der Naturwissenschaft
4. Ganzheiten wie z.B. eine Welle
5. Die Metapher des Gravitationsfeldes
6. „Brauchen wir wirklich ein Gehirn?“
7. Rekursivität und Doppelblindverfahren
8. Eine zeitliche Anatomie des Körperleibs

In den Texten von Helmuth Plessner, mit denen ich mich auseinandergesetzt habe, geht es bei der Bestimmung des Gestaltbegriffs im wesentlichen um eine Klärung seiner räumlichen Prozeßstruktur. (Vgl. meine Posts vom 21.06., 13.07.21.10. und vom 29.10.2010) Der Prozeßcharakter war dabei vor allem der subjektiven Wahrnehmung geschuldet, während die Gestalt selbst vor allem dem ‚Ding‘ zugesprochen und als etwas für sich Beharrendes und Bewegungsloses beschrieben wurde. Prozeßhaft war also nur das subjektive Erleben: ich muß einen Gegenstand in die Hand nehmen, um ihn zu begreifen, ihn vor meinen Augen drehen und wenden, um zu verstehen, daß er nicht nur eine Vorderseite, sondern auch eine Rückseite hat. Ich muß ihn in seine Teile zerlegen, um zu verstehen, daß er nicht nur eine Oberfläche hat, sondern auch eine Tiefe, daß er nicht nur Außenhorizonte hat, sondern auch Innenhorizonte.

In „Die Stufen des Organischen“ (1975/1928) bekommen dann aber die Dinge selbst eine eigene Prozeßstruktur (vgl. meinen Post vom 29.10.2010). Bei seinen Beschreibungen der Organismen als lebendigen ‚Ganzheiten‘ (im Unterschied zu ihrer bloß räumlichen Gestalt) kommt Plessner auf ihren Entwicklungsprozeß, auf ihre Ontogenese zu sprechen, in dem bzw. in der sich die Gestalt des Individuums wandelt, ohne daß es seine Identität verliert. Obwohl jetzt also der Gestaltbegriff eine zeitliche Dynamik erhält, verdeckt Plessner aber die damit einhergehenden Konsequenzen für den Gestaltbegriff, weil er jetzt einen neuen Begriff dafür einführt. Wenn eine Gestalt, die sich in der Zeit durchhält, obwohl sie sich, wie z.B. bei den Insekten, bis zur Unkenntlichkeit verwandelt, nun keine Gestalt mehr ist, sondern ein Ganzes bzw. eine Ganzheit, – verlassen wir dann nicht die empirische Ebene und werden nun meta-physisch?

Sheldrake kann uns aus dieser metaphysischen Verlegenheit befreien, da seine morphogenetischen Felder eine zeitliche Dynamik schon auf der empirischen Ebene von Dingphänomenen voraussetzen. Denn auch die kleinsten, scheinbar härtesten, weil ‚unteilbaren‘ Materieteilchen, die Atome, bilden letztlich Energiefelder: „Gemäß der Quantenphysik ist jedes Grundelement der Materie ‚ein geordnetes System strömender Schwingungsenergie‘.()“ (Sheldrake 2012, S.163)

Strömende Schwingungsenergie ist aber schlicht eine Welle, die auf verblüffend einfache Weise ‚anschaulich‘ macht, daß wir es auch bei materiellen Objekten nicht mit statischen Dingen, sondern mit Ereignissen, mit Prozessen zu tun haben, die sich in der Zeit erstrecken: und zwar sowohl in die Zukunft wie in die Vergangenheit hinein. Eine Welle kann nicht als „Augenblickserscheinung“ (Sheldrake 2012, S.163) im Koordinatensystem von Raum und Zeit eindeutig bestimmt werden: „Eine Welle ist naturgemäß etwas in Raum und Zeit Ausgebreitetes, kann also nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt einem bestimmten Punkt im Raum zugeordnet werden.“ (Sheldrake 2012, S.31)

Wenn wir uns an einen einzelnen Hier-und-Jetzt-Punkt halten wollten, hätten wir es nicht mehr mit einer Welle zu tun. Erst ihr rückwärts- und vorwärtsgerichteter Verlauf läßt ihre ‚Gestalt‘, ihren Wellencharakter sichtbar werden. Kurz: wenn wir eine Welle wahrnehmen wollen, müssen wir uns ihre Vergangenheit vergegenwärtigen und ihre Zukunft antizipieren. Erst dann haben wir eine Welle vor Augen. Anders also als bei einem dinglichen Gegenstand – wie etwa eine Kaffeetasse, die wir in der Hand hin und her drehen –, müssen wir einen zeitlichen Gegenstand in der Zeit vor- und zurückdehnen, ihm eine „Dauer“ (Sheldrake 2012, S.163) verleihen, wenn wir uns seiner ‚Gestalt‘ vergewissern wollen.

Wenn Gestaltwahrnehmung also auch auf der Ebene der Materie immer auch eine zeitliche Erstreckung schon der unbelebten Materie selbst beinhaltet, dann wird das Phänomen des Gestaltwandels auf der Ebene der Organismen etwas weniger rätselhaft. Man kann ‚im Prinzip‘ davon ausgehen, daß der Gestaltwandel von Organismen nach ähnlichen Prinzipien organisiert ist wie die Gestalterhaltung von materiellen Dingen.

Das kann Sheldrake auf besonders beeindruckende Weise am Beispiel der Proteinfaltung zeigen. (Vgl. Sheldrake 2012, S.191ff.) Bei Proteinen befinden wir uns immer noch auf der Ebene von Molekülen, also im Grenzbereich von belebter und unbelebter Materie: „Eiweiß- oder Proteinmoleküle bestehen aus sogenannten Polypeptidketten, mehr oder weniger langen Verkettungen von Aminosäuren, die sich ineinander verdrehen und zu komplexen dreidimensionalen Gebilden falten ... Ein bestimmter Typ von Proteinmolekülen faltet sich zu einer ganz charakteristischen Struktur ein.“ (Sheldrake 2012, S.191)

Das Wesentliche daran ist, daß die chemischen Formeln, die wir im Schulunterricht gelernt haben, lineare Gebilde darstellen und nicht von ungefähr mathematischen Formeln ähneln. In dieser Form kommen Moleküle aber ‚in der Natur‘ nicht vor. In der Natur bilden Moleküle räumliche Gebilde, also Gestalten. Sie erstrecken sich auf eine ganz spezifische Weise ‚im Raum‘. Anders gesagt: sie falten sich.

Nun kann sich aber jedes Molekül – bzw. in diesem Fall: jedes Protein – auf ganz verschiedene Weise falten, ohne daß sich seine chemische Formel ändert. Jede chemische Formel kann also in ganz unterschiedlichen molekularen Gestalten realisiert werden. Das ‚Ziel‘ jedes Faltungsprozesses ist ein stabiler Endzustand, in dem das Protein möglichst wenig Energie aufwenden muß, um seine Gestalt zu erhalten: „Dieser stabile Endpunkt ist eine minimal-energetische Struktur am Grund eines Potenzialtopfs, doch damit ist noch nicht gesagt, dass es sich um die einzige Struktur dieser Art handelt – es könnte Hunderte oder Tausende solcher minimal-energetischer Strukturen geben. ... In der Literatur zur Proteinfaltung begegnet uns das als ‚Problem des multiplen Minimums‘.()“ (Vgl. Sheldrake 2012, S.192)

Da in der Entwicklung eines Organismus ständig Proteinketten synthetisiert werden, müssen bei der Synthese jedes einzelnen Proteinmoleküls – rein theoretisch – tausende von minimal-energetischen Strukturen durchgespielt werden, was Sheldrake zufolge insgesamt länger dauern würde „als das Weltall alt ist“. (Vgl. Sheldrake 2012, S.196) – Nebenbei bemerkt: hier zeigt sich, daß das Buch schlecht lektoriert worden ist. Der betreffenden Textstelle zufolge wäre das Weltall nicht älter als 109 Jahre.

Es ist jedenfalls offensichtlich, daß bei der „Synthese und Faltung“ von Proteinketten „längst nicht alle Konformationen durchgespielt werden. Uns scheint es eher so zu sein, daß die Peptidkette auf lokale Interaktionen hin eine relativ kleine Anzahl möglicher Wege der niedrigsten Energie nimmt, um vielleicht über charakteristische Zwischenstadien zur Konformation der niedrigsten Energie zu finden.()“ (Vgl. Sheldrake 2012, S.193)

Sheldrake zufolge bildet die Proteinfaltung also keinen Zufallsprozeß nach dem Muster von aufeinanderstoßenden Billardkugeln, sondern sie wird von morphogenetischen Feldern organisiert, die ein Gedächtnis haben. Sie ‚erinnern‘ sich daran, auf welche Weise sich Proteinketten früher gebildet haben und halten sich an die einmal eingeschlagene Bahn. (Vgl. Sheldrake 2012, S.194) Sie haben sich daran ‚gewöhnt‘, sich auf diese Weise zu falten.

Letztlich beinhaltet die Dynamisierung der Gestaltwahrnehmung also auch eine hermeneutische Dimension: so wie Gestaltprozesse nur in erinnernder und antizipierender Weise realisiert werden, funktioniert eben auch das Sinnverstehen. Gestaltprozesse sind immer auch Sinnprozesse. Auch hier entfällt wieder ein Stück Metaphysik. Materielle Prozesse gleichen Bewußtseinsprozessen.

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Samstag, 2. Februar 2013

Rupert Sheldrake, Der Wissenschaftswahn. Warum der Materialismus ausgedient hat, München 2012

1. Prolog
2. Evolution auf der Basis morphischer Resonanz
3. Der ‚Geist‘ in der Naturwissenschaft
4. Ganzheiten wie z.B. eine Welle
5. Die Metapher des Gravitationsfeldes
6. „Brauchen wir wirklich ein Gehirn?“
7. Rekursivität und Doppelblindverfahren
8. Eine zeitliche Anatomie des Körperleibs

Der naturwissenschaftliche Weg zum materialistischen Reduktionismus vollzog sich über mehrere Stufen. Zunächst war die moderne Naturwissenschaft eng mit einem christlichen Missionarismus verbandelt, der sogenannten Physikotheologie. Mit großem Eifer machten sich christliche Wissenschaftler daran, mit wissenschaftlichen Mitteln in allen natürlichen Phänomenen Gottes Wirken nachzuweisen. So bahnten sie dem Glauben an die Beweismacht naturwissenschaftlicher Methoden den Weg.

Den Physikotheologen folgten die Dualisten: „Der mechanistische Dualismus wird vielfach auch als kartesianischer Dualismus bezeichnet. Er besagt, dass Geist seiner Natur nach immateriell und unkörperlich ist, während Körper Maschinen aus nichtbewusster Materie sind.() Die meisten Menschen hängen fraglos dieser dualistischen Sicht der Dinge an – jedenfalls solange sie sie nicht verteidigen müssen.“ (Sheldrake 2012, S.151)

Sobald wir aber die dualistische Perspektive ‚verteidigen‘, d.h. begründen müssen, verwandeln sich die meisten von uns in materialistische Monisten, – zumindestens im beruflichen Alltag. Denn wir nehmen uns zwar ‚privat‘, d.h. in unserem subjektiven Erleben, durchaus „als Lebewesen in einer lebendigen Welt“ wahr; trotzdem besteht „eine Loyalität gegenüber dem mechanistischen Weltbild, und die regiert unser Arbeitsleben.“ (Sheldrake 2012, S.79)

Ungeachtet dessen, daß unser gesamtes Rechts- und Bildungssystem auf der Annahme beruht, „dass wir eine gewisse Willensfreiheit besitzen und für unser Tun verantwortlich sind“ (Sheldrake 2012, S.151), behauptet der materialistische Monismus, der am Ende dieses Weges steht, ein „mechanistische(s) Bild des Universums“ (Sheldrake 2012, S.47), in dem es „einen freien Willen nicht geben kann, da alle molekularen und physikalischen Abläufe im Gehirn im Prinzip absehbar und berechenbar sind“ (Sheldrake 2012, S.30).

Nach Sheldrake hat dieser reduktionistische materielle Determinismus allerdings das Problem, daß nicht einmal die Materialisten selbst wirklich daran glauben und zumindestens hinsichtlich ihrer eigenen Person klammheimlich eine Ausnahme machen: „Sind Sie in der Lage, sich selbst als genetisch programmierte Maschine in einem mechanischen Universum zu sehen? Wahrscheinlich nicht. Wahrscheinlich kann das nicht einmal ein eingeschworener Materialist.“ (Sheldrake 2012, S.78) – Hier scheint mir Sheldrake doch etwas zu optimistisch zu sein. Günther Anders verweist z.B. auf die prometheische Scham, die Scham des Schöpfers von technischen Wunderwerken angesichts deren mechanischer Perfektion im Vergleich zu seiner eigenen organischen Unvollkommenheit. (Vgl. meinen Post vom 23.01.2011) Reduktionistische Materialisten, insbesondere Vertreter von der Spielart des eliminativen Materialismus (Sheldrake 2012, S.152; vgl. auch S.280) sind durchaus bereit, mit glühendem Eifer bei sich selbst jede Beseelung und Vergeistigung zu leugnen, dann aber im gleichen Atemzug – und das ist nun wirklich erstaunlich – Hymnen auf die kybernetische Empfindsamkeit und Intelligenz von Robotern zu singen. (Vgl. meinen Post vom 13.05.2010 zu Metzinger)

Erstaunlicherweise unterläuft es nämlich den eingeschworenen Materialisten bei diesem ganzen Prozeß der Eliminierung des Geistes aus ihren wissenschaftlichen Beschreibungen von Naturphänomenen, daß dieser Geist nun ‚hinterrücks‘ wieder in ihre vom Geist befreiten naturwissenschaftlichen Modelle Einzug erhält. In den deterministischen Modellen wimmelt es nur so von kleinen Homunculi. (Zum Homunculus vgl. meinen Post vom 27.07.2012) Vom ‚Homunculus‘ ist hier nicht nur im wörtlichen Sinne die Rede, etwa wie bei dem kleinen Männchen in der Samenzelle, das manche Wissenschaftler unter dem Mikroskop ‚gesehen‘ haben wollten. (Vgl. Sheldrake 2012, S.213) Mir geht es hier vor allem um die vielen Geistmetaphern, die sich in die Darstellungen der Materialisten mehr oder weniger unbewußt einschleichen: „Der kleine Mann im Gehirn, Homunkulus genannt, spielte im Denken über die Beziehung zwischen Körper und Gehirn weiterhin eine Rolle, nur wandelte sich diese Metapher mit der Zeit und passte sich dem technischen Fortschritt an. Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts war der Homunkulus meist eine Art Telefonfräulein im Schaltraum des Gehirns, wobei die Geschehnisse der Außenwelt wie in einem Kino projiziert wurden ... Kleine Männer und Frauen im Gehirn wirken heute ziemlich naiv, aber die Personifizierung des Gehirns selbst ist nach wie vor sehr beliebt. Wenn in populärwissenschaftlichen Zeitschriftenartikeln und Büchern erörtert wird, was es mit Geist und Gehirn auf sich hat, fallen immer wieder Ausdrücke wie ‚das Gehirn nimmt wahr‘, ‚das Gehirn entscheidet‘, während zugleich davon ausgegangen wird, dass das Gehirn eigentlich wie eine Maschine ist, wie ein Computer.()“ (Sheldrake 2012, S.53f.)

Diese metaphorische Personifizierung physikalischer Prozesse finden wir auf allen Ebenen der Naturwissenschaft, seltsamerweise am eindrücklichsten dort, wo es den Materialisten gerade um die Ausschaltung jeder personenbezogenen Illusionen geht: „Offenbar kann man nicht Materialist und auch noch widerspruchsfrei sein. Materialismus beruht auf einem latenten, mehr oder weniger geschickt getarnten Dualismus. In der Biologie zeigt sich dieser Dualismus als Personifikation von Molekülen.“ (Sheldrake 2012, S.55) – So spricht z.B. Dawkins in seinem Buch „The Selfish Gene“ von egoistischen Genen und stattet sie so mit „Lebendigkeit und Intelligenz“ aus. (Vgl. Sheldrake 2012, S.70)

Sheldrake zufolge stehen deshalb ironischerweise gerade die reduktionistischsten und deterministischsten Materialisten für einen neuen „Panpsychismus“, weil sie in ihren Naturbeschreibungen jetzt, mit Ausnahme des Menschen, praktisch alles beseelen, was sich beobachten und untersuchen läßt. (Vgl. Sheldrake 2012, S.156)

Meiner Ansicht nach haben Materialisten vor allem ein sprachliches Problem. Wenn sie sich außerhalb ihrer Fachsprachen, die vor allem auf mathematischen Formeln beruhen, in der Alltagssprache verständlich machen wollen – und letztlich verständigen sie sich selbst in ihren Laboren untereinander in der Alltagssprache –, müssen sie sich syntaktischer Konstruktionen bedienen, die die Struktur menschlichen Handelns abbilden. Selbst wenn sie also nicht populärwissenschaftliche Bücher schreiben, schleicht sich die anthropozentrische Metapher über die Syntax immer wieder in ihre Naturbeobachtungen ein. Das ist auch der Grund, warum Materialisten so gerne vom Passiv Gebrauch machen. Das Passiv soll den Status von Naturwissenschaftlern „als körper- und leidenschaftslose(n) Beobachter(n) ..., denen sich die Dinge gleichsam aus freien Stücken offenbaren“, sicherstellen. (Vgl. Sheldrake 2012, S.385)

Aber so vorsichtig und mißtrauisch sich Materialisten ihrer eigenen Beseeltheit und Geistigkeit gegenüber auch verhalten, – der so sorgfältig verdrängte und unter Kontrolle gehaltene ‚Geist‘ dringt hinterrücks immer wieder in ihre scheinbar ‚geistlose‘ Arbeit ein. Letztlich macht ihr eigener übergroßer Skeptizismus die Materialisten unkritisch gegenüber diesem geistigen Anteil an ihren Forschungsergebnissen. Weil es den Geist in ihren Forschungen nicht geben darf, gehen sie davon aus, daß es ihn auch nicht gibt. Das wiederum macht sie unfähig, genau diesen geistigen Anteil in ihren Experimenten zu kontrollieren, etwa im Doppelblindverfahren, das verhindern soll, daß sich die Erwartungen des Experimentators auf die Ergebnisse seiner Experimente auswirken und sie so verfälschen. (Vgl. Sheldrake 2012, S.401f.) Das Ergebnis ist, daß die Experimente in der Parapsychologie, in der das Doppelblindverfahren zum Standard gehört, zu valideren Forschungsergebnissen führen als in der angeblich so vorurteilsfreien Naturwissenschaft. (Vgl. Sheldrake 2012, S.396ff.)

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Freitag, 1. Februar 2013

Rupert Sheldrake, Der Wissenschaftswahn. Warum der Materialismus ausgedient hat, München 2012

1. Prolog
2. Evolution auf der Basis morphischer Resonanz
3. Der ‚Geist‘ in der Naturwissenschaft
4. Ganzheiten wie z.B. eine Welle
5. Die Metapher des Gravitationsfeldes
6. „Brauchen wir wirklich ein Gehirn?“
7. Rekursivität und Doppelblindverfahren
8. Eine zeitliche Anatomie des Körperleibs

Sheldrakes Theorie der morphogenetischen Felder ist schwer einzuordnen. Sie ist weder eine reine Naturwissenschaft noch eine reine Geisteswissenschaft. Tatsächlich übernimmt bei Sheldrake der Feldbegriff die Funktionen des ‚Geistes‘ bzw. der ‚Seele‘ oder, schlichter formuliert, des Sinns in den Geisteswissenschaften: „So gut wie überall sind Felder an die Stelle der Seele der klassischen und mittelalterlichen Philosophie getreten.()“ (Sheldrake 2012, S.52)

Tatsächlich gibt es zahlreiche Analogien in der Funktionsweise von Feldern und der ‚Seele‘, auf die ich in einigen der folgenden Posts noch eingehen werde. Für jetzt mag es genügen, wenn ich hier festhalte, daß ich mich mit Sheldrakes Konzept nicht so sehr aus einer naturwissenschaftlichen, sondern mehr aus einer geisteswissenschaftlichen Perspektive heraus befassen werde. Dabei interessiert mich insbesondere Sheldrakes feldtheoretischer Zugang zum Gestaltbegriff.

Mit dem Gestaltbegriff habe ich mich im Rahmen dieses Blogs erstmals bei meiner Lektüre von Plessners Büchern befaßt. (Vgl. meine Posts vom 21.06.22.10. und vom 29.10.2010) Plessner faßt den Gestaltbegriff auf der Ebene biologischer Gattungen als Ausdrucksbeziehung zwischen der Gattung und den Individuen: die Individuen bewegen sich in ihrer Ontogenese im Rahmen der von der Gattung vorgegebenen Form, die sie auf jeweils individuelle Weise verwirklichen. Die Gestalt einer Gattung hat keine eigene materielle Basis, sondern fungiert als Idee, die wiederum eine Art „Spielraum“ für die individuelle Ontogenese darstellt. (Vgl. Plessner 1975/1928, S.137) Ihren materiellen ‚Ausdruck‘ – ob Plessner zu diesem Zeitpunkt der Begriff der Genexpression schon geläufig war, ist wohl eher unwahrscheinlich – findet die „Gestaltidee“ also in den Individuen.

So versteht Plessner auch die Evolution als einen fortlaufenden, kontinuierlichen Gestaltwandlungsprozeß, in dem ‚Individuen‘ zu neuen Ausdrucksformen ihrer Gestaltideen finden, die sich wiederum entsprechend diesen individuellen Variationen selbst ändern und zu neuen Gestaltideen formen. Zugleich haben die Gestaltideen eine stabilisierende Funktion. Sie bilden das Beharrende im individuellen Werden, das dieses Werden trägt, so wie das individuelle Werden im Finden konkreter Ausdrucksformen die Gestaltideen allererst realisiert, also diese wiederum ‚trägt‘: „Das Werden bestimmt sich als das Werden eines Etwas (des Beharrenden) in dem Modus, daß das Beharren das Werden ‚trägt‘, oder das Beharren bestimmt sich als das Etwas eines Werdens, wobei das Werden das Beharren trägt. Jede Bestimmungsform ist ein Moment dessen, was Prozeß heißt.“ (Vgl. Plessner 1975/1928, S.134) – Wir haben also bei Plessner einen engen Zusammenhang zwischen der biologischen Ebene der Gestaltentwicklung und geistigen Phänomenen.

In meiner Habilitationsschrift „Lernen und Leistung“ (2005) habe ich mich mit dem Lernbegriff der geisteswissenschaftlichen Pädagogik auseinandergesetzt. Auch dort gibt es einen Gestaltbegriff, der vor allem auf geistige Phänomene, auf Sinnphänomene bezogen ist. Beim geisteswissenschaftlichen Lernbegriff geht es um die ‚exemplarische‘ Beziehung zwischen Lerngegenstand und Lernsubjekt. Diese exemplarische Beziehung beschreibt Hans Scheuerl („Die exemplarische Lehre“ (1964)) anhand eines Kraftfeldes, und er bezieht sich dabei auf das Atommodell: „... unteilbar, und doch aus Elementarteilen zusammengesetzt, die nur deshalb nicht auseinanderbersten, weil sie – mit ungeheuren gegensätzlichen Energien geladen – ineinander verklammert sind.“ (Zitiert nach Zöllner 2005, S.253)

Lerngegenstand und Lernsubjekt bilden also Kraftfelder, die sich gegenseitig anziehen, wobei das Kraftfeld des Lerngegenstands in der exemplarischen Beziehung auf andere ‚Kraftfelder‘, sprich Lerngegenstände abstrahlt, die nun ebenfalls in den Fokus des Lernsubjekts geraten und sein Interesse wecken. Scheuerls Kraftfeld-Metaphorik, die vor allem die Funktionsweise des individuellen Interesses bzw. der ‚Lernmotivation‘ veranschaulichen soll, soll dazu beitragen, die traditionelle Schulfachsystematik durch ein Curriculum zu ersetzen, das vor allem vom individuellen Interesse der Lernsubjekte geprägt ist.

Schon in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts hatte der Gestaltpsychologe Wolfgang Köhler Analogien zwischen psychischen und physikalischen Prozessen gezogen und sich dabei des Feldbegriffs bedient: „W. Köhler hat Faradays und Maxwells Begriff des Feldes () für die Psychophysiologie zu nutzen gesucht. In einer Veröffentlichung aus dem Jahre 1920 () legte er dar, daß die beiden Kriterien, die von Ehrenfels 1890 () für den ‚Gestalt‘-Charakter erlebter Zustände und Vorgänge, z.B. einer Melodie, benannt hatte, auch bei einigen physikalischen Gegenständen erfüllt sind.“ (Wilhelm Witte in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd.2: d-F, 1972, Sp.926) Mit Hilfe des Feldbegriffs entwickelte Köhler physikalische Modelle für die Gestaltwahrnehmung.

Der Sozialpsychologe Kurt Lewin bezeichnete in den 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts den „Lebensraum“ des Menschen als „psychologisches Feld“: „Um das psychologische Feld angemessen zu charakterisieren, hat man derart spezifische Dinge wie besondere Ziele, Reize, Bedürfnisse, soziale Beziehungen als auch allgemeinere Eigenschaften des Feldes wie die Atmosphäre (beispielsweise die freundliche, gespannte, feindliche Atmosphäre) und das Maß an Freiheit zu berücksichtigen. Die Eigenschaften des ganzen Feldes sind in der Psychologie so wichtig wie beispielsweise in der Physik das Gravitationsfeld für die Erklärung von Ereignissen im Rahmen der klassischen Physik.“ (Verhalten und Entwicklung als eine Funktion der Gesamtsituation (2012/1946), S.273)

Tatsächlich reicht der Gedanke eines physikalische wie psychische Phänomene umfassenden, einheitlichen Feldbegriffs bis in die griechische Antike zurück. Der Feldbegriff hat seine Wurzeln in dem „Pneuma“ der Stoa, „denn im Gegensatz zur Aristotelischen geometrischen Kinematik (Kreisbewegung) und der atomistischen Kombinatorik (Komplexionen von Atomen) ist nach den Stoikern die Ordnung, die Einheit und der Zusammenhang des Kosmos dynamisch dadurch bestimmt, daß ein() alle Stoffe durchdringendes Pneuma eine Spannung (τóνος) erzeugt, die die Ursache aller Bewegungen und aller spezifischen Qualitäten der Stoffe ist ().“ (Vgl. HWdPh, Sp.923)

Dieser vielleicht etwas umständlich erscheinende Umweg über Plessner, Scheuerl, Köhler, Lewis und die Stoiker soll erklären, inwiefern ich Sheldrakes morphogenetische Felder gerade aus einer geisteswissenschaftlichen Perspektive so interessant finde.  Da Sheldrake keinen prinzipiellen Unterschied zwischen materiellen und geistigen Feldzuständen sieht, werden plötzlich über die morphische Resonanz Wechselwirkungen denkbar, die die traditionellen Naturwissenschaften im Rahmen eines dogmatischen Materie-Geist-Dualismus oder eines nicht minder dogmatischen monistischen Materialismus nicht zulassen konnten: „Unter dem Gesichtspunkt der morphischen Resonanz besteht zwischen der genetischen Vererbung von Form und Verhalten und der kulturellen Vererbung von Verhaltensmustern nur ein gradueller und kein grundsätzlicher Unterschied.“ (Sheldrake 2012, S.243)

Indem Sheldrake morphischen Feldern ein Gedächtnis zuspricht, wirken sie wie ‚Ideen‘, also entsprechend Plessners Gestaltideen: „Sie tragen Zeit in sich; sie besitzen durch morphische Resonanz gegebene Erinnerungen an ähnliche frühere Systeme, und sie ziehen Organismen durch rückwärts wirkende Kausalität zu End- oder Zielpunkten hin.“ (Sheldrake 2012, S.197) – Zwischen morphischen Feldern und morphischer Resonanz unterscheidet Sheldrake, indem die Wirkungsweise der Felder lokal und die Wirkungsweise der Resonanz nicht-lokal ist. (Vgl. Sheldrake 2012, S.138) Insofern die morphogenetischen Felder „selbstorganisierende Systeme“ stabilisieren, zu denen Sheldrake „Atome, Moleküle, Kristalle, Zellen, Gewebe, Organe, Pflanzen, Tiere, Tiergesellschaften, Ökosysteme, Planeten, Sonnensysteme und Galaxien“ zählt (vgl. Sheldrake 2012, S.172f.), haben wir es mit Gestaltideen zu tun, die über die nicht-lokale, also raumzeitlich unabhängige Resonanz miteinander in Wechselwirkung stehen.

Ich habe versucht, das in Form einer weiteren Modifikation unserer Graphik vom 21.04.2010 darzustellen. Sheldrake beschreibt den Evolutionsprozeß als einen ‚kreativen‘ Prozeß, – nicht etwa weil wir es mit einem göttlichen Urheber zu tun hätten, sondern weil die Naturgesetze Sheldrake zufolge nicht festgelegt sind. Der Begriff Natur-‚Gesetz‘ bildet vielmehr nur eine anthropomorphisierende Metapher, die die Naturwissenschaft zum Dogma erhoben hat: „Sobald wir die ewigen Gesetze einmal in Frage stellen, werden sie tatsächlich fragwürdig, und zwar aus zwei Gründen: Erstens ist schon der Begriff ‚Naturgesetz‘ anthropozentrisch. Nur Menschen kennen Gesetze ...“ (Sheldrake 2012, S.117)



Sheldrake versteht die Naturgesetze bloß als Gewohnheiten, was auch den mathematischen Zwang, das Universum zu multiplizieren, überflüssig macht. Wenn feststehende Naturgesetze in Form von Naturkonstanten es extrem unwahrscheinlich machen, daß aus dem Urknall ein Universum entsteht, das eine biologische Evolution und den Menschen ermöglicht, so daß man sich gezwungen sieht, eine Fülle von Paralleluniversen anzunehmen, von denen unser Universum nur noch eines unter vielen und deshalb nicht mehr ganz so unwahrscheinlich wäre, besteht der Vorteil der Annahme, daß es sich bei den ‚Naturgesetzen‘ nur um Gewohnheiten handelt, „die durch Gewohnheit stärker werden“, einfach darin, auf jene mathematisch begründete Zwangsvorstellung verzichten zu können. (Vgl. Sheldrake 2012, S.133)

Sheldrake geht also von einem ‚kreativen‘ Evolutionsprozeß aus, einfach weil ihm dies als vernünftiger erscheint, getreu dem Motto: „Ich bin uneingeschränkt für Wissenschaft und Vernunft, solange sie wissenschaftlich und vernünftig sind.“ (Sheldrake 2012, S.430)

Die modifizierte Graphik erscheint nun insgesamt als viel weniger kompliziert als die Graphik, die ich gestern vorgestellt habe. Sie ist einfacher und eleganter. Alle Evolutions- und Entwicklungsebenen werden von ihren spezifischen morphischen Feldern getragen und stabilisiert. Zugleich befinden sie sich über die morphische Resonanz in ständiger Wechselwirkung zueinander.

Allerdings hat diese Graphik gerade aufgrund ihrer Eleganz und Schlichtheit einen gravierenden Nachteil: sie kann nicht erklären, wie es zu Diskontinuitäten kommen kann, zu Abbrüchen, zu singulären Katastrophen wie etwa das Aussterben von Arten oder den Kollaps von Kulturen. Sie kann nicht den sich stets erneuernden Bruch zwischen den Generationen erklären, der den humanitären Bestand gefährdet und durch Erziehung und Bildung überbrückt werden muß. Kurz: Sheldrakes Theorie versagt angesichts der anthropologischen Verfassung, die Plessner als exzentrische Positionalität beschreibt. Allerdings finden sich bei Sheldrake hier und da durchaus einige parallele Ansätze, auf die ich insbesondere im letzten Post noch zu sprechen kommen werde.

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Donnerstag, 31. Januar 2013

Rupert Sheldrake, Der Wissenschaftswahn. Warum der Materialismus ausgedient hat, München 2012

1. Prolog
2. Evolution auf der Basis morphischer Resonanz
3. Der ‚Geist‘ in der Naturwissenschaft
4. Ganzheiten wie z.B. eine Welle
5. Die Metapher des Gravitationsfeldes
6. „Brauchen wir wirklich ein Gehirn?“
7. Rekursivität und Doppelblindverfahren
8. Eine zeitliche Anatomie des Körperleibs

In seinem Vorwort zum „Wissenschaftswahn“ („The Science Delusion“ (2012)) verweist Sheldrake über fünf Seiten ausführlich auf seine beachtliche Karriere. Die beeindruckende Liste wissenschaftlicher Leistungen, die Sheldrake aufführt und die sonst entweder von Festrednern zu runden Geburtstagen oder anderen feierlichen Anlässen vorgetragen oder im Anhang einer Bewerbung auf einen Lehrstuhl aufgeführt werden, könnte den Leser zu dem Verdacht veranlassen, daß er es hier mit einem eitlen, sich selbst ein wenig zu wichtig nehmenden Autor zu tun hat. Wenn man sich aber die breite Palette der Themen anschaut, zu denen Sheldrake in seinem Buch Stellung nimmt und zu denen u.a. auch die Parapsychologie gehört, wird einem klar, daß es sich eher um eine Selbstschutzmaßnahme handelt. Da hat jemand einerseits den Mut, sich am Rande des wissenschaftlichen Mainstreams zu bewegen, ist sich aber zugleich des Risikos für seine wissenschaftliche Reputation bewußt. Dem will Sheldrake gleich auf den ersten Seiten seines Buches einen Riegel vorschieben.

Daß Sheldrakes Hinweise auf seine naturwissenschaftliche Expertise nicht überflüssig sind, zeigt z.B. eine Rezension des Deutschlandfunks (vom 16.12.2012), die einerseits dem „ersten Teil des Buches“ für seine „lesenswerten“ Beschreibungen der aktuellen Sackgassen in der Forschung Anerkennung zollt und auch die „teils berechtigte(n) Fragen“ zur „Debatte über die Erklärungsmacht und die Grenzen der Naturwissenschaften“ als „bereichernd“ lobt, aber ansonsten beklagt, daß „die experimentellen Belege“ für Sheldrakes Thesen „dürftig sind“.

Was den ersten Teil des Buches betrifft, hätte ich schon gerne genauer gewußt, wie weit er sich nach Ansicht des Rezensenten eigentlich erstreckt und wo der zweite, weniger ernstzunehmende Teil des Buches beginnt. Ich vermute, daß vor allem das neunte Kapitel (S.303-339) zur Parapsychologie gemeint ist. Auch Sheldrakes Bezüge auf verschiedene religiöse Praktiken und mystische Erfahrungen werden den Rezensenten wohl eher amüsiert haben. In dieser Hinsicht kann auch ich Sheldrake eine gewisse unkritische Neigung, die Erklärungskraft seiner Thesen zu den morphogenetischen Feldern zu überdehnen, nicht absprechen. Aber Sheldrake hat das unbestreitbare Recht, die Reichweite seiner Thesen in vorsichtig formulierten Anfragen in alle Richtungen durchzureflektieren. Im Rahmen dessen jedenfalls, was sich experimentell belegen läßt, steht er – angesichts der ihm zur Verfügung stehenden Ressourcen – gar nicht mal so schlecht da.

Vor allem, wenn man ihn und seine morphogenetischen Felder mit anderen anerkannten Wissenschaftlern und Wissenschaftsrichtungen vergleicht. Man denke nur an die theoretische Physik mit ihren zehndimensionalen String-Theorien und elfdimensionalen M-Theorien, deren Basis ausschließlich auf mathematischen Formeln beruht und um deren experimentelle Belegbarkeit es weitaus schlechter steht als bei Sheldrakes morphogenetischen Feldern. Kosmologen wie Max Tegmark setzen sogar ganz naiv „mathematische Existenz“ und „physische Existenz“ gleich, „so dass alle mathematischen Strukturen auch physisch existieren müssen“. (Vgl. Sheldrake 2012, S.130) – Wozu also überhaupt noch experimentieren?

Das ist genau der Grund, warum ich mich entschied, in der gemeinsam mit Thomas Altfelix erstellten Graphik zu den Entwicklungslogiken (vgl. meinen Post vom 21.04.2010) die Ebene der kosmischen Evolution nicht mit aufzunehmen. Zu dieser Ebene schien mir angesichts des aktuellen Standes der Physik mit ihrem mathematischen Platonismus (vgl. Sheldrake 2012, S.119ff.) eine seriöse wissenschaftliche Bezugnahme nicht möglich zu sein.

Um unsere damalige Entscheidung gegen die Aufnahme einer kosmischen Evolutionsstufe zu veranschaulichen, habe ich mir die Graphik noch einmal vorgenommen und ergänzt. Daran wird deutlich, daß wir allen Evolutionsebenen – der biologischen, kulturellen und biographischen – ein Fundament zugeordnet haben, aus dem die jeweiligen Entwicklungsprozesse ihre Dynamik beziehen. Ins Zentrum dieser Evolutionsprozesse haben wir immer den Menschen gestellt, wobei die biologische Evolutionsebene des Menschen bis zur Entstehung des Lebens überhaupt zurückreichen sollte. Der ‚Mensch‘ bildet also das Telos der genannten drei Evolutionsebenen, nicht etwa weil wir davon ausgehen, daß die Evolution zwangsläufig auf ihn hat hinauslaufen müssen, sondern aus dem einfachen Grunde, weil wir als Menschen auf diese Evolution zurückblicken und uns nach ihrem Sinn für uns fragen.


Das Fundament der kosmischen Evolution – die ich in der aktualisierten Graphik in Klammern gesetzt habe – bildet nun nach Aussage der theoretischen Physiker nur noch die Mathematik. Sie ist auch nicht mehr in Worten ‚beschreibbar‘, wie die biologische Evolution – für die die Brauchbarkeit der Mathematik im Übergang von der Physik zur Biologie verschwindet bzw. nachläßt (vgl. Sheldrake 2012, S.196) –, sondern nur noch als mathematische Formel darstellbar. Sobald wir versuchen, unanschauliche Pseudophänomene wie den Urknall mit Worten zu beschreiben, finden wir uns in religiösen Erfahrungswelten wieder: „Dazu passt, dass Papst Pius XII. diese Theorie 1951, über fünfzehn Jahre vor ihrer allgemeinen Anerkennung in der Physik, in einer Ansprache vor der Pontifikalakademie der Wissenschaften ausdrücklich begrüßte ...“ (Sheldrake 2012, S.93)

Mathematik ist letztlich vor allem ein Produkt des menschlichen Bewußtseins. Ihre ‚Objektivität‘ besteht darin, von allem zu abstrahieren, was das menschliche Bewußtsein an sinnlichen Wahrnehmungen im Selbst- und Weltverhältnis beinhaltet. Sie ist also praktisch inhaltsleer und vielleicht deshalb so gut ‚anwendbar‘, insbesondere auf ebenfalls abstrakte, aus Kontexten herauslösbare, isolierte Phänomene. Im Unterschied zu den fremden Fundamenten, wie wir sie in der Graphik der biologischen, kulturellen und biographischen Evolution zuordnen, stellt sie letztlich nichts anderes dar als Projektionen eines bestimmten geistigen Zustands, – vor allem dort, wo sich die Bereiche ihrer ‚Anwendung‘ unserer sinnlichen Anschauung prinzipiell entziehen.

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Samstag, 26. Januar 2013

Rekursivität für Insider

Im heutigen Münster-Krimi gab es folgenden denkwürdigen Dialog:

Die Kommissarin sagt nach einem Telephongespräch zu ihrem Mitarbeiter:
„Dieser Wilsberg weiß, daß ich weiß, daß er etwas weiß, das ich nicht weiß! Das macht mich rasend!“
Ihr Mitarbeiter antwortet:
„Ich weiß.“

(Vgl.u.a. meine Posts vom 12.02., 09.06., 13.07.2012)