„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)

Sonntag, 15. Mai 2011

Frans de Waal, Das Prinzip Empathie. Was wir von der Natur für eine bessere Gesellschaft lernen können, München 2011 (2009)

1.    Forschungsmethoden
2.    Die Natur des Menschen
    a)    Merkmale, Ursprungsmythen und Prinzipien
    b)    Egoismus und Selbst
    c)    Die russische Puppe (Schichtenmodell)
3.    Haltung und Empathie
    a)    Verkörperte Kognition
    b)    Der zweiteilige Prozeß
    c)    Der Abschaltknopf
4.    Unbeteiligte Perspektivenübernahme
5.    Ko-Emergenz-Hypothese

Es gab eine Zeit, so schreibt Frans de Waal in seinem Buch „Das Prinzip Empathie“ (2011), wo Zoologen nach einem Vortrag über Parallelen zwischen Menschen und Tieren mit kaltem Wasser übergossen wurden. (Vgl.de Waal 2011, S.14) Diesem, gelinde gesagt, befremdlichen Verhalten lag die unglückselige wissenschaftliche Legitimation wirtschaftlicher und politischer Konzepte durch den Sozialdarwinismus zugrunde, der noch bis heute das wirtschaftskonservative Denken bestimmt, nach dem im Grunde nur die Tüchtigen und Leistungsfähigen ein menschenwürdiges Leben verdient haben. Allen anderen wird allerhöchstens das nackte Überleben gegönnt, das – im Sinne des Sozialdarwinismus – eigentlich schon zu viel des Guten ist. Den gesellschaftspolitischen Exzeß dieses Denkens haben die Deutschen mit dem biologischen Rassismus des Nationalsozialismus in den dreißiger und vierziger Jahren des 20. Jhdts. erlebt.

Ein Effekt dieser humanitären Katastrophe war jedenfalls ein beständiges Mißtrauen gegenüber Tier-Mensch-Vergleichen, was de Waals Geschichte mit dem Eimer kaltem Wasser erklärt. Seltsamerweise gab es aber schon Anfang des 20. Jhdts. bis in die sechziger und siebziger Jahre hinein völlig unbeeinflußt von diesen gesellschaftspolitisch bedingten Empfindlichkeiten eine wissenschaftliche Richtung, die den Menschen nicht nur mit Tieren verglich – vorzugsweise mit Ratten und Mäusen –, sondern auch die Tiere selbst auf bloße Reiz-Reaktions-Maschinen reduzierte, ohne ihr artspezifisches Verhalten zur Kenntnis zu nehmen: eine Wissenschaftrichtung, die sich aber trotzdem selbst als „Behaviorismus“ bezeichnete: „Der Name bringt die Überzeugung zum Ausdruck, dass Verhalten – behavior – alles ist, was wissenschaftlich gesehen und erkannt werden kann, und dass wir uns deshalb um mehr nicht zu kümmern bräuchten. Der Geist, so es ihn denn geben sollte, bleibt eine Blackbox. Emotionen sind weitgehend bedeutungslos. Diese Einstellung tabuisierte das Innenleben von Tieren: Es galt, Tiere als Maschinen zu beschreiben, und Forscher, die sich mit Tierverhalten beschäftigten, mussten eine Terminologie entwickeln, die bar aller menschlichen Konnotationen war.“ (de Waal 2011, S.24)

Anstatt also das Verhalten von Mensch und Tier in der Fülle seiner Erscheinungsformen zum Gegenstand zu machen, reduzierten die Behavioristen es auf einige abstrakte Bestandteile, eben auf Reiz und Reaktion, und nahmen ihm so seinen Gestaltcharakter. Das Verhalten war nicht mehr ‚Ausdruck‘ eines Inneren, einer Persönlichkeit, der gegenüber bestimmte ‚Umgangsformen‘ angebracht wären, also eine Ethik, sondern letztere wurde im Gegenteil als schädlich für die Entwicklung des Menschen angesehen. So hatte auch diese wissenschaftliche Richtung schlimme Folgen, diesmal für den Umgang mit Kindern in „Findel- und Waisenhäusern“, wo den Pflegerinnen jede zärtliche Zuwendung zu den Kindern untersagt wurde, so daß die Kinder hospitalisierten. (Vgl.de Waal 2011, S.24u.ö.)

Frans de Waal ist sich also bewußt, daß er sich als Biologe mit seinem Buch und den darin enthaltenen gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Überlegungen auf vermintes Terrain begibt. (Vgl.de Waal 2011, S.14) Deshalb zieht er auch klare Grenzlinien zwischen mechanistisch-reduktionistischen Erklärungsansätzen und seinem eigenen Verfahren: „Ich habe kein Problem damit, Gene ‚egoistisch‘ zu nennen, solange klar ist, dass damit nichts über die tatsächlichen Motive von Menschen oder Tieren ausgesagt wird ...“ – Und de Waal fügt hinzu, daß es sich bei der Unterscheidung zwischen Genen und Motiven um eine „Trennung“ handelt, „die in der Biologie so selbstverständlich ist wie die zwischen Kirche und Staat überall außerhalb Georgia.“ (de Waal 2011, S.59)

De Waal zufolge sind die Motive tierischen und menschlichen Verhaltens „autonom“ (vgl.de Waal 2011, S.60), also nicht abhängig von dem ursprünglichen Zweck, aus dem sich ein bestimmtes Verhalten entwickelt hat: „Das Tierreich ist voller Merkmale, die sich aus einem bestimmten Grund entwickelt haben, aber auch für andere Zwecke verwendet werden. ... Auch beim Verhalten verrät uns die ursprüngliche Funktion nicht immer, wie und warum eine Verhaltensweise im Alltag Verwendung findet. Die Motive des Verhaltens sind autonom.“ (de Waal 2011, S.60)

In gewisser Weise steht de Waal den Sozialdarwinisten und Behavioristen aber durchaus nahe. Wie sie ist er weniger am Unterschied, als an der Ähnlichkeit zwischen Mensch und Tier interessiert. Er verfolgt die Evolution der Empathie zurück ins Tierreich, wo er ihre Spuren – vor allem bei den Säugern – in den unterschiedlichsten Ausprägungen von der einfachen Gefühlsansteckung bis hin zur komplexen Perspektivenübernahme auffindet. Und genau darin unterscheidet sich de Waal radikal von den genannten Wissenschaftsrichtungen. De Waal spricht nicht von einem wechselseitigen Ausmerzungskampf, in dem die Tüchtigsten die weniger Tüchtigen rücksichtslos verdrängen, sondern er findet überraschende Beispiele für gegenseitige Unterstützung bis hin zur Bereitschaft der Selbstaufopferung zum Wohle anderer.

Schon Darwin war kein Vertreter eines egozentrischen, rücksichtslosen Konkurrenzkampfes aller gegen alle gewesen. Vielmehr glaubte er, daß „kooperative Tier- oder Menschengruppen ... weniger kooperativen überlegen (seien)“. (Vgl.de Waal 2011, S.50) De Waal hält deshalb fest: „Für den Darwinisten gibt es nichts Logischeres als die Annahme emotionaler Kontinuität.“ (de Waal 2011, S.266) – Aus dieser Grundeinstellung ergibt sich für Frans de Waal, daß er sich in seinen Experimenten mit Tier- und Menschenaffen rigoros an eine klare Ethik zu halten hat. So wendet er sich zum Beispiel gegen Experimente, die den Tieren Schmerzen oder Leid zufügen, um ihre Empathiefähigkeit zu testen: „Ist es nicht schrecklich, dass solche Verfahren für notwendig erachtet werden, um zu beweisen, wie sensibel Tiere aufeinander reagieren? Kann die Empathie von Tieren nicht erforscht werden, ohne unsere eigene Empathie wachzurufen? ... Im Vergleich zur Aufmerksamkeit, die man in der Forschung negativen Emotionen wie Furcht und Aggression geschenkt hat, sind die positiven außerordentlich vernachlässigt worden. Es sollte doch möglich sein, Empathie auf rücksichtsvollere Weise zu untersuchen, wie es bei Menschen geschieht. ... In meinen eigenen Studien vermeide ich es, Schmerz oder Deprivation zu verursachen ...“ (de Waal 2011, S.105)

Außerdem sollten de Waal zufolge Tier- und Menschenaffen in ihrer ‚natürlichen‘ Umgebung ‚getestet‘ werden. Mit ‚natürlich‘ ist nicht nur gemeint, in der Freiheit eines Naturreservates, sondern durchaus auch im Zoo, aber dort eben im Umfeld ihrer Gruppe, in der sie leben, und nicht isoliert in einem Labor und konfrontiert mit einem menschlichen Versuchsleiter: „Im typischen Experiment sieht sich der Affe einem unbekannten weißbekittelten Versuchsleiter gegenüber, der außerhalb des Käfigs sitzt und den Gebrauch eines neuen Werkzeugs demonstriert, das in der Umgebung des Affen keine Bedeutung hat. Nach vielleicht fünf standardisierten Vorführungen wird dem Affen das Werkzeug ausgehändigt, um zu sehen, wie er es verwendet. Dabei kümmert nicht, dass Affen keine Fremden mögen und die Beziehung zu einer anderen Spezies immer schwieriger ist als zur eigenen.() Im Vergleich zu Kindern schneiden Affen bei diesen Tests schlecht ab. Doch die Kinder sitzen eben nicht hinter Gittern, sondern fröhlich und zufrieden auf dem Schoß ihrer Mütter. ... Obwohl man in diesen Studien offenbar Äpfel mit Birnen vergleicht, stützt man mit ihnen das Postulat einer kognitiven Kluft zwischen Affen und Kindern.“ (de Waal 2011, S.78)

De Waals Experimente sind deshalb extrem zeitaufwendig und auch nicht wiederholbar. Wenn seine Tier- und Menschenaffen nur in ihrer natürlichen Umgebung auf freiwilliger Basis mitmachen, hängt es natürlich sehr von ihrer jeweiligen Stimmung und vielen anderen Zufallsfaktoren ab, ob ein Experiment überhaupt durchgeführt werden kann: „Wir rufen sie mit Namen und können nur hoffen, dass sie zum Test erscheinen (sie kennen übrigens nicht nur ihre eigenen Namen, sondern auch die der anderen, was uns die Möglichkeit gibt, einen Schimpansen aufzufordern, einen anderen zu holen). Adulte Männer sind im allgemeinen zu beschäftigt für unsere Tests: Ihre Machtkämpfe und die Notwendigkeit, die sexuellen Abenteuer der anderen im Augen zu behalten, haben Priorität. Frauen dagegen haben ihre Reproduktionszyklen und Kinder. ... Wenn die Frauen sexuell attraktiv sind – also ihre ballonartigen Genitalschwellungen zur Schau stellen –, sind sie vielleicht zur Teilnahme bereit, doch dann haben wir drei Männer vor der Tür, die hineinwollen, ständig dagegen schlagen und keine Möglichkeit zur Konzentration lassen. Vielleicht haben auch zwei Schimpansen, die an einem gepaarten Test teilnehmen, am Morgen ohne unser Wissen einen Streit gehabt und weigern sich jetzt, einander auch nur einen Blick zu schenken. ‚Irgendwas ist immer‘, pflegen wir zu sagen, und das erklärt, warum traditionelle Forschung Versuchsanordnungen vorzieht, bei denen Affen mit einem menschlichen Versuchsleiter interagieren. Auf diese Weise ist wenigstens eine Partei unter Kontrolle.“ (de Waal 2011, S.82)

In diesem Zitat fällt übrigens noch eine andere Eigenart von de Waal auf: Er spricht in bezug auf Schimpansenmännchen und -weibchen immer von Männern und Frauen, und überhaupt macht er keinen prinzipiellen Unterschied zwischen Mensch und Tier. Eine Wendung, die man öfter in seinem Buch findet, lautet: „Menschen und andere Tiere“. (de Waal 2011, S.122u.ö.)

Aufgrund der Schwierigkeit, Experimente zu wiederholen, wendet sich de Waal gegen die Dominanz statistischer Methoden in der Verhaltensforschung, und er hebt die empirische Relevanz von Einzelbeobachtungen hervor. (Vgl.de Waal 2011, S.138f.) Gerade was die Empathiefähigkeit von Tier- und Menschenaffen betrifft, haben wir es im Grunde genommen immer mit „nicht zu testenden Situationen“ (de Waal 2011, S.139) zu tun; wenn z.B. ein Tier in einer Gruppe in eine mit Schmerz und Leid verbundene Notsituation gerät und ihm ein anderes Tier zu Hilfe kommt, verbietet es ja gerade die Ethik des Experimentators, so eine Situation absichtlich herbeizuführen: „... die eindruckvollsten Beispiele für empathische Perspektivenübernahme bei Mensch wie bei Tier betreffen Einzelereignisse.“ (de Waal 2011, S.139)

De Waal ist deshalb nicht nur ein bemerkenswert sensibler Beobachter tierischen (und menschlichen) Verhaltens, sondern auch ein eifriger Sammler von „Anekdoten“ (vgl. de Waal 2011, S.138f.) Überhaupt scheint mir dies die Stärke seines Buches zu sein: die Fülle an Beobachtungen und Anekdoten zur Empathiefähigkeit, die es aus allen Bereichen tierischen und menschlichen Lebens liefert, und weniger die begriffliche Analyse. Aus manchen Beobachtungen hätte de Waal mehr herausholen können, gerade auch was die Spezifität der menschlichen Natur betrifft. De Waals Stärke ist insofern auch zugleich seine Schwäche. Anders als z.B. Tomasello, der sich mehr für die Unterschiede zwischen Menschenaffen und Kindern interessiert (und deshalb den Fehler macht, die Unterschiede größer zu machen, als sie tatsächlich sind), interessiert sich de Waal mehr für die Ähnlichkeiten zwischen Menschen und Menschenaffen und zwischen Menschenaffen und Tieraffen. Das verleitet ihn dazu, die Bedeutung gesellschaftlicher und kultureller Bedingungen des menschlichen Verhaltens geringer einzuschätzen als die Bedeutung der biologischen Bedingungen.

Download

Montag, 2. Mai 2011

Viktor Mayer-Schönberger, Delete. Die Tugend des Vergessens in digitalen Zeiten, Berlin 2010 (2009)

  1. Gesellschaftliches Gedächtnis und individuelles Wachstum
  2. Entropie und das Prinzip der Negation
  3. Vergessen und Urteilsvermögen
  4. Analoge Gedächtnismedien und digitales Gedächtnis (fragmentierte Positionalität)
  5. Erinnern als Narrativität (Reembedding)
  6. Problembewußtsein wecken mit Verfallsdaten
In den letzten Monaten hat es in Deutschland eine Diskussion gegeben, in der es um eine Einführung von Verfallsdaten für Dateien im Internet ging. In dieser Diskussion hatten sich Experten sehr skeptisch dazu geäußert. Sie verwiesen darauf, daß Verfallsdaten kein technisch perfektes Instrument zum Schutz von Dateien seien, weil auch Dateien, auf die der Zugriff aufgrund des Überschreitens von Verfallsdaten verweigert werde, immer noch vom Monitor abphotographiert werden können.

Meine eigenen technischen Kenntnisse sind zu beschränkt, um diese Diskussion beurteilen zu können. Ich finde es schon erstaunlich genug, daß Dateien trotz Verfallsdatums, also obwohl sie nach Überschreiten des Verfallsdatums eigentlich gelöscht sein sollten, immer noch im Internet herumgeistern und dort aufgefunden werden können. Wir haben es dann gewissermaßen mit Gespensterdateien zu tun. Hübsch gruselig.

Entsprechend skeptisch habe ich während meiner Lektüre zunächst Mayer-Schönbergers Vorschlag zur Kenntnis genommen, Dateien mit Verfallsdaten auszustatten. (Vgl. M.-Sch. 2010, S.25, 203, 213, 217, 222, 227u.ö.) Aber letztlich haben mich seine Argumente doch überzeugt. Denn es geht Mayer-Schönberger überhaupt nicht um eine technisch perfekte Lösung. Worum es ihm geht, ist, beim Nutzer ein Problembewußtsein für den Umgang mit digitalen Daten zu wecken. Verfallsdaten sollen „uns dazu bewegen, wenigstens ganz kurz abzuwägen, wie lange die Information, die wir abspeichern wollen, für uns wertvoll und nützlich bleiben soll. ... Wenn dies Teil unserer täglichen Praxis wird, erkennen wir vielleicht wieder, was die Menschen zumindest implizit seit Jahrtausenden wussten: dass gute Informationen wertvoller sind als viele Informationen.“ (M.-Sch. 2010, S.203)

Abgesehen davon, was denn wohl „gute“ Informationen sein mögen (gute Informationen kann es eigentlich nicht geben, es sei denn wir haben es mit einem Sinnzusammenhang zu tun; dann aber wären es keine Informationen!), finde ich die Vorstellung äußerst interessant, mir bei meinem eigenen Umgang mit dem Internet zu überlegen, welche Daten ich wie lange ‚aus der Hand‘ gebe: Meinen Bankdaten würde ich vielleicht eine Haltbarkeit von einem Tag, höchstens einer Woche auf den Weg geben, meinen wissenschaftlichen Texten – getreu dem Ideal wissenschaftlicher Erkenntnis – würde ich die Zugänglichkeit so offen und so lange wie möglich gewährleisten. Und alles andere würde irgendwo dazwischen liegen.

Mir allein diese Gedanken zu machen, finde ich schon anregend. Und egal welche Technik wir verwenden, Tresore oder raffinierte Verstecke: Daten, die man einmal extern gespeichert hat, werden nie sicher sein. Da unterscheiden sich analoge und digitale Medien nicht. Wenn Mayer-Schönberger also nicht glaubt, daß sich das Problem mit der Technik lösen ließe, so hat er sicher Recht. „Es kommt auf uns selbst an, darauf, welchen Wert wir unseren Daten geben: Schließlich haben Verfallsdaten primär die Aufgabe, uns das Problem des digitalen Gedächtnisses immer wieder ins Bewusstsein zu rufen. Das lässt sich nicht an irgendeine Technik delegieren: Wir Menschen müssen uns Wert und Bedeutung des Vergessens vergegenwärtigen.“ (M.-Sch. 2010, S.217)

Es kommt darauf an, wem wir mehr vertrauen wollen, unserem menschlichen, mit uns mitwachsenden und mit uns sich mit verändernden Gedächtnis oder dem künstlichen, unserer Lebensgeschichte gegenüber gleichgültigen Gedächtnis des Internets. Diese Fragestellung überzeugt mich, und ich plädiere wie Mayer-Schönberger entschieden für das erstere, – für das menschliche Gedächtnis: „Am wichtigsten ist aber, dass Verfallsdaten uns nach und nach die Last eines übermächtigen digitalen Gedächtnisses von den Schultern nehmen und dafür sorgen, dass der Einzelne und die Gesellschaft ihre Fähigkeit zum ‚zeitgemäßen‘ Handeln wiedererlangen.“ (M.-Sch. 2010, S.227)

Download

Viktor Mayer-Schönberger, Delete. Die Tugend des Vergessens in digitalen Zeiten, Berlin 2010 (2009)

  1. Gesellschaftliches Gedächtnis und individuelles Wachstum
  2. Entropie und das Prinzip der Negation
  3. Vergessen und Urteilsvermögen
  4. Analoge Gedächtnismedien und digitales Gedächtnis (fragmentierte Positionalität)
  5. Erinnern als Narrativität (Reembedding)
  6. Problembewußtsein wecken mit Verfallsdaten
In diesem Post soll es um das spezifische Zeiterleben in einer analogen Welt gehen. Dabei geht es um die Begrenztheit des digitalen Gedächtnisses als Informationsspeicher, und zwar nicht als Speicher von Information – hierin ist es nach Mayer-Schönbergers Darstellung potentiell unbegrenzt –, sondern begrenzt hinsichtlich der Digitalisierung analoger ‚Information‘: „Selbst im digitalen Zeitalter wird nicht alles, was wir einander mitteilen, in digitaler Form aufbewahrt – und schon gar nicht die Gedanken, die uns durch den Kopf gehen, und das geistige Abwägen, das unseren Entscheidungen vorangeht. Diese Unvollständigkeit wird zum Problem, wenn wir uns viel später an eine Entscheidung erinnern.“ (Vgl.M.-Sch. 2010, S.184)

Ein schönes Beispiel für ein digitales Gedächtnis, das angeblich in der Lage ist, alle nicht nur relevanten, sondern tatsächlich alle ein konkretes Individuum ausmachenden Informationen zu speichern, ist der Speicherpuffer im Transporter von Star Trek. Dort werden Menschen ohne Umweg durch den Raum von Ort zu Ort transportiert, indem sie in ihre atomaren Einzelteile zerlegt und gebeamt werden. Mißlingt so ein Transport können die Informationen im Speicherpuffer eine Zeitlang zwischengespeichert werden.

Mayer-Schönberger spricht also diesem Speicherpuffer bzw. dem digitalen Gedächtnis die Fähigkeit ab, sämtliche Zustände eines Individuums oder sämtliche Details eines Kontextes zu digitalisieren. Warum?

Der Grund liegt in der „Zeitdimension des digitalen Erinnerns.“ (M.-Sch. 2010, S.213) Oder präziser: der Grund liegt darin, daß das digitale Gedächtnis überhaupt keine Zeitdimension beinhaltet, denn es verändert sich nicht. Es handelt sich beim digitalen Gedächtnis um eine künstliche und synthetische Version des Gedächtnisses (Vgl.M.-Sch. 2010, S.147), die Veränderungen gegenüber gleichgültig ist. Aber im Grunde ist das digitale Gedächtnis Veränderungen gegenüber nicht einfach nur gleichgültig, sondern es ist vielmehr prinzipiell unfähig, Veränderungen abzubilden, weil sie wesentlich zur analogen Welt gehören und sie beim Versuch, sie zu digitalisieren, sofort zu Informationen erstarren, die sich eben nicht mehr ändern.

Was macht nun die analoge Welt ‚lebendig‘, bzw.: in welcher Form erlebt der Mensch Veränderungen an und in sich selbst und in seiner Umwelt? Es gibt eine Stelle in Mayer-Schönbergers Buch, die hierüber Auskunft gibt. Es ist die Stelle, wo er beschreibt, wie sich die Welt des Menschen mit der Entwicklung der Sprache verändert hat: „Mit dem Reden kam das Erzählen; Geschichten wurden von einer Generation an die nächste weitergegeben. Ob sie nun Wissen transportieren oder einfach nur unterhalten sollten, aus diesen frühen Berichten stammen die großen Erzählungen der Menschheit, die dem Leben und der menschlichen Existenz Sinn gaben und uns ein Gefühl für Zeit und Geschichte vermitteln. Alle großen Epen wurden zunächst mündlich tradiert ... Erst durch das Aussprechen erwachten diese Geschichten zum Leben, und durch Sprache begriffen (und begreifen) Menschen die Zeit. ... Ein episodisches Gedächtnis entsteht, ohne dass der Empfänger einen bestimmten Vorgang unbedingt selbst erleben muss.“ (M.-Sch. 2010, S.35f.

Hier erreicht Mayer-Schönberger eine große analytische Tiefe. Im Grunde ist hier nämlich von nichts anderem als von dem spezifisch menschlichen Zeiterleben die Rede, wie wir es schon als kulturelles und als kommunikatives Gedächtnis bei Assmann und bei Welzer kennengelernt haben. Zeit ist an Narrativität gebunden! Ohne Narrativität kein Zeiterleben. Denn nicht nur Geschichten erwachen durch Erzählen zum Leben, wie Mayer-Schönberger schreibt, sondern es ist das menschliche Bewußtsein selbst, das hier zum Leben erwacht. Narrativität bringt die Welt zum Fließen. Das unterscheidet Narrativität und mit ihr das individuelle und das kulturelle Gedächtnis vom digitalen Gedächtnis, das statisch und zeitlos ist.

Das Problem mit dem digitalen Gedächtnis ist ja nicht einfach seine Unbeweglichkeit als solche. Die Texte in den Büchern, die wir lesen, sind genauso ‚unbeweglich‘. Das Problem ist die Unerbittlichkeit des digitalen Gedächtnisses, daß es keine ‚Fehler‘ zuläßt, also Lücken, wie wir sie eben vom Geschichtenerzählen kennen. Diese ermöglichen es dem Zuhörer, die erzählte Geschichte mit eigenem Sinn zu füllen. Welzer spricht in diesem Zusammenhang von „Montagen“. (Vgl. meinen Post vom 22.03.2011) Die Zuhörer montieren bzw. basteln sich zu einer Geschichte einen eigenen Sinn, so daß keine Geschichte auch nur von zwei Zuhörern auf die gleiche Weise verstanden und erlebt wird.

Diese Flexibilität des Verstehens läßt ein Informationsspeicher wie das digitale Gedächtnis nicht zu. Es tritt vielmehr in Konkurrenz mit dem individuellen Sinnverstehen und bedroht es auf diese Weise: „Wir können das Vertrauen in unser eigenes Gedächtnis und damit in unsere eigene Vergangenheit einbüßen. Diese wird nicht etwa durch eine objektive, sondern durch eine künstliche Vergangenheit ersetzt, die weder uns noch irgendeinem gehört. Vielmehr handelt es sich um eine synthetische Version, aufgebaut aus den beschränkten Informationen über ein Ereignis, die das digitale Gedächtnis enthält – ein stark verzerrter Flickenteppich ohne zeitliche Dimension ... Ich fürchte, indem wir uns der eigenen Vergangenheit berauben, schaden wir unserem Urteilsvermögen – und zwar stärker,
als wir meinen.“ (M.-Sch. 2010, S.147)

Also nicht, daß das digitale Gedächtnis nicht selbst lückenhaft, also ein „Flickenteppich“ wäre, ist das Problem, sondern daß es unser Zeiterleben bedroht. Und das menschliche Zeiterleben ist narrativ!

Das wirft auch nochmal ein Licht auf Mayer-Schönbergers Feststellung, daß die digitalen Informationen dekontextualisiert sind. (Vgl. M-Sch. 2010, S.95, 109 u.ö.) Damit wir etwas mit den digitalen Informationen anfangen können, müssen wir sie wieder ‚verflüssigen‘, d.h. unserem Zeiterleben einfügen, und das heißt wiederum: sie „rekontextualisieren“. (Vgl. M-Sch. 2010, S.109) Denn um Informationen zu rekontextualisieren, müssen wir sie mit dem Hintergrund einer Geschichte versehen (Tomasello spricht in diesem Zusammenhang von einer extravaganten Syntax). Und das heißt wiederum: wir verleihen den abstrakten Informationen einen Sinn, eine Bedeutung. Bedeutung aber ist, anders als Information, nicht mathematisierbar. Es gibt „keinen über die Jahre konstanten, objektiven Maßstab ..., nach dem wir Menschen die Bedeutung und den Stellenwert der Wörter, die wir lesen, oder der externen Erinnerungen, die wir uns ins Gedächtnis rufen, erfassen können.“ (M.-Sch. 2010, S.48)

So bleibt also der Speicherpuffer, wie wir ihn von Star Trek kennen, nur ein schöner Traum (glücklicherweise!), denn so lange es Menschen gibt, wird es immer eine analoge Welt neben der digitalen Welt geben: „... selbst wenn jede Kommunikation und alle externen Informationen aufgezeichnet würden, würde das digitale Gedächtnis immer noch eine wichtige Informationsquelle ausblenden, die (zumindest bislang) nicht digitalisierbar ist: unser Denken. Solange nur externe Informationen, aber nicht unsere inneren Gedanken festgehalten und wiedergegeben werden können, wird das digitale Gedächtnis grundlegend unvollständig bleiben ...“ (M.-Sch. 2010, S.195f.)

Interessant ist nun allerdings, daß selbst das Medium des digitalen Gedächtnisses eine eigene narrative Form hervorgebracht hat: die „Bricolage“, die nicht von ungefähr an Welzers Prinzip der Montage erinnert. Bei der Bricolage werden verschiedene ‚Texte‘ im Internet zusammengemischt, so daß auf diese Weise ein neuer Text kreiert wird.  Mit dem Apple-Chef Steve Jobs faßt Mayer-Schönberger das entsprechende Verfahren als „Rip. Mix. Burn.“ zusammen (von der CD in den Computer herunterziehen; anders zusammenmischen; auf eine neue CD brennen): „Vielleicht fügt man sogar eigenen Content hinzu; der Schwerpunkt liegt jedoch auf dem Mixen und Rekombinieren, auf der Erzeugung einer Bricolage ...“ (M.-Sch. 2010, S.77) – Doktorarbeiten sind von so einem Verfahren natürlich ausgenommen.

Letztlich kommt es also auch beim digitalen Gedächtnis wiedermal nur darauf an, wie wir es verwenden. Es kommt also vor allem darauf an, daß wir, die Menschen, wie Mayer-Schönberger schreibt, „uns Wert und Bedeutung des Vergessens vergegenwärtigen.“ (Vgl.M.-Sch. 2010, S.217) Wir müssen das Vertrauen in die Unvollkommenheit des menschlichen Gedächtnisses zurückgewinnen. Und dazu schlägt Mayer-Schönberger die Einführung von Verfallsdaten vor. Dazu mehr im folgenden, meine Erörterungen zu Mayer-Schönbergers Buch abschließenden Post.

Download

Sonntag, 1. Mai 2011

Viktor Mayer-Schönberger, Delete. Die Tugend des Vergessens in digitalen Zeiten, Berlin 2010 (2009)

  1. Gesellschaftliches Gedächtnis und individuelles Wachstum
  2. Entropie und das Prinzip der Negation
  3. Vergessen und Urteilsvermögen
  4. Analoge Gedächtnismedien und digitales Gedächtnis (fragmentierte Positionalität) 
  5. Erinnern als Narrativität (Reembedding)
  6. Problembewußtsein wecken mit Verfallsdaten
Als größte Gefahr eines umfassenden digitalen Erinnerns hebt Mayer-Schönberger hervor, daß es die Zeit kollabieren läßt. (Vgl.M.-Sch. 2010, S.152) Was ist damit gemeint? Zunächst einmal etwas Offensichtliches: je genauer ein Gedächtnis ist, je präziser es funktioniert, um so starrer ist es, etwa so, wie man sich ein photographisches Gedächtnis vorstellt. Die erinnerten Geschehnisse gerinnen zu statischen Bildern. Und weil sie sich eben nicht mehr verändern, fallen sie aus der Zeit, in der alles fließt und sich verändert, heraus. Das wäre als solches nicht weiter schlimm, solange es sich nur um ein externes Gedächtnis handelt, wie z.B. ein Photoalbum. Die Bilder, die wir dort aufbewahren, befinden sich ja nicht mehr in unserem ‚Kopf‘, und wenn wir sie uns nach vielen Jahren wieder betrachten, leisten wir dabei eine leicht sentimental eingefärbte Erinnerungsarbeit, indem wir uns zu den Bildern die damaligen Erlebnisse hinzudenken, sie also so weit wie möglich mit einem Hintergrund ausstatten, so daß sie wieder ‚lebendig‘ werden, also ihre starre Unbeweglichkeit wieder verlieren.

Außerdem tragen die Photos nach einiger Zeit Spuren ihrer Vergänglichkeit an sich, sind leicht vergilbt, und falls uns ein Familienmitglied oder ein alter Freund beim Betrachten der Photos Gesellschaft leistet, werden wir feststellen, daß sich unsere Erinnerungen nicht völlig gleichen, – daß sie sich in einigen, von uns als wesentlich empfundenen Details unterscheiden und sich sogar widersprechen. Hier befinden wir uns noch in einer analogen Welt, in einer Welt der analogen Gedächtnismedien, die je nach Typ ebenfalls altern, ob es sich nun um Bücher, Gemälde, Tonträger oder eben Photographien handelt. Hier gibt es noch eine klare Differenz zwischen Original und Kopie. (Vgl.M.-Sch. 2010, S.46f.) Je mehr Bücher durch Abschreiben kopiert werden, um so mehr Fehler schleichen sich in die Kopien. Je öfter Tonbänder überspielt werden, um so schlechter die Qualität (Vgl.M.-Sch. 2010, S.66ff.): „In der analogen Welt scheint jede weitere Kopie, die doch zum Zwecke des Erinnerns angefertigt wird, mit einer Prise Vergessen gewürzt zu sein, und diese zufälligen Fehler vernichten nach und nach den Inhalt.“ (Vgl.M.-Sch. 2010, S.68)

Hinzu kommt, daß analoge Gedächtnismedien auf je spezifische Speicher- und Abspielmedien angewiesen sind. Für den Klang bedarf es der Schallplatten und der Tonbänder, für die Schrift des Papiers (bzw. der Tonscherben, des Papyrus oder der Knotenschnüre), für das Bild bedarf es der Höhlenwand, der Leinwand oder des Zelluloids.

Mit dem digitalen Gedächtnis hat es mit dem Altern, dem allmählichen Qualitätsverlust von Informationen ein Ende. Es gibt keinen Unterschied mehr zwischen Original und Kopie. Und auf spezifische Speichermedien und Abspielgeräte ist das digitale Gedächtnis auch nicht mehr angewiesen. Es ist im wahrsten Sinne ‚körperlos‘ geworden und in diesem Sinne – aber nicht nur in diesem Sinne – gottgleich. Der PC ist zu einem „universellen Mehrzweckgerät“ geworden (vgl.M.-Sch. 2010, S.74) und für den Rest, den universellen Zugang zum digitalen Gedächtnis, sorgt eine globale Infrastruktur: das Internet. Der technische ‚Körper‘ ist hinter seiner Funktion vollständig zum Verschwinden gebracht worden.

Ich hatte bei meiner Auseinandersetzung mit Assmanns kulturellem Gedächtnis auf die Analogie von ‚Textkörper‘ und ‚Körperleib‘ hingewiesen. (Vgl. meinen Post vom 29.01.2011) Der Text befindet sich in einer ähnlich exzentrischen Position zum Papier wie der Leib zum Körper. Wenn ich nun versuche, Plessners Begrifflichkeit auf das Internet zu beziehen, so kann so eine einfache Übertragung nur mißlingen. Zum Internet bzw. zum digitalen Gedächtnis (man denke nur an das‚cloud‘-computing) gibt es keinen ‚Körper‘ mehr. Hier kommen wir nur mit einer begrifflichen Neuprägung weiter. Ich halte es für angemessen, in bezug auf das digitale Gedächtnis von einer fragmentierten Positionalität zu sprechen. Zur exzentrischen Positionalität gehört immer noch ein Zentrum, das sich zu etwas Anderem, zu einer Peripherie, exzentrisch positionieren kann. Im digitalen Gedächtnis gibt es kein Zentrum mehr und keine Peripherie, weshalb jeder Zugriff darauf (bzw. jede Positionierung zu ihm) nur noch ein fragmentarischer sein kann.

Kommen wir nochmal auf die Gottgleichheit zurück. Ich habe als Kind noch gelernt, daß Gott alles sieht, daß vor Seinen Augen nichts verborgen bleibt, und daß mir am Tage des Jüngsten Gerichts die Rechnung präsentiert werden würde. Mayer-Schönberger bezeichnet diesen göttlichen, alles umfassenden Blickwinkel (der gar kein ‚Winkel‘ mehr ist) als „Panopticon“ und bezieht sich dabei auf Jeremy Bentham: „Vor mehr als zweihundert Jahren entwickelte Bentham das Konzept eines Gefängnisses, in dem die Gefängniswärter die Gefangenen stets beobachten können, ohne dass diese wissen, ob und wann sie beobachtet werden.“ (Vgl.M.-Sch. 2010, S.21) – Und Mayer-Schönberger fügt hinzu: „Ein umfassendes digitales Gedächtnis ist ein noch perfideres digitales Panopticon.“ (Ebd.)

Warum? Weil es aktuelle Vorgänge nicht nur beobachtet, sondern auch speichert und für alle Zukunft aufbewahrt, – eben bis zum Jüngsten Gericht. Ein Jüngstes Gericht, das wie in der christlichen Apokalypse jederzeit unvermutet über uns hereinbrechen kann, wie Mayer-Schönberger an zwei Beispielen zeigt: das Beispiel einer US-amerikanischen Bewerberin für das Lehreramt, der ein Photo von einer Karnevalsveranstaltung zum Verhängnis wurde (Berufsverbot (vgl. M.-Sch. 2010, S.10f.)) und das Beispiel eines kanadischen Psychotherapeuten, den 2006 das Schicksal in Form eines von ihm selbst längst vergessenen Vortrags zum Drogenkonsum einholte (lebenslängliches Einreiseverbot in die USA (vgl.M.-Sch. 2010, S.12f.)).

Das digitale Gedächtnis steht also gottgleich außerhalb der Zeit und erinnert sich an alles, was einmal in ihm gespeichert wurde und in ihm geschehen ist, in Form von Kommunikation, als Recherche oder was auch immer sonst. Es macht die Veränderungen, die wir Menschen in unserem Leben durchmachen, nicht mit, und es widerspricht eiskalt und nüchtern unseren persönlichsten und authentischsten Erinnerungen. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als ihm – entgegen unseren eigenen derzeitigen Überzeugungen – recht zu geben. Es bleibt uns nichts anders übrig, als unserem eigenen Gedächtnis zu mißtrauen. (Vgl.M.-Sch. 2010, S.142f.) Woran erinnert uns das? Richtig! Kant hatte einmal über den Verstand etwas hierzu Passendes gesagt: wir sollten lieber unserem eigenen Verstand trauen, als uns der Autorität eines fremden Verstandes zu beugen.

Auch Mayer-Schönberger fordert, daß wir wieder lernen müssen, unserem eigenen Gedächtnis zu trauen, und dazu gehört, dem digitalen Gedächtnis zu mißtrauen: „Mein Vorschlag zur Wiederbelebung des Vergessens, beispielsweise durch Verfallsdaten, richtet sich primär gegen die Zeitdimension des digitalen Erinnerns.“ (Vgl.M.-Sch. 2010, S.213) – Im nächsten Post möchte ich näher darauf eingehen, um welche Art von ‚Zeit‘ – präziser: von Zeiterleben – es sich eigentlich handelt, für das Mayer-Schönberger in seinem Buch gegen das digitale Gedächtnis eintritt.

Download

Viktor Mayer-Schönberger, Delete. Die Tugend des Vergessens in digitalen Zeiten, Berlin 2010 (2009)

  1. Gesellschaftliches Gedächtnis und individuelles Wachstum
  2. Entropie und das Prinzip der Negation
  3. Vergessen und Urteilsvermögen
  4. Analoge Gedächtnismedien und digitales Gedächtnis (fragmentierte Positionalität)
  5. Erinnern als Narrativität (Reembedding)
  6. Problembewußtsein wecken mit Verfallsdaten
Schon im ersten Post zu Mayer Schönberger war davon die Rede gewesen, daß zum Urteilsvermögen die Fähigkeit zu vergessen gehört, weil nur so der nötige Freiraum entsteht, um auf aktuelle Ereignisse situationsgerecht zu reagieren. (Vgl.M.-Sch. 2010, S.152, 227) So gibt es z.B. eine seltene Krankheit, das „hyperthymestrische Syndrom“ (M.-Sch. 2010, S.32), das dazu führt, daß die davon Betroffenen nichts mehr vergessen können: „Kürzlich haben Forscher den Fall der 41-jährigen Kalifornierin A.J. veröffentlicht, die biologisch kaum vergessen kann.() Sie erinnert sich praktisch an jeden Tag seit ihrem elften Lebensjahr, und zwar an eine ungeheure, quälende Vielzahl von Einzelheiten.“ (M.-Sch. 2010, S.22f.)

A.Js. Fähigkeit, Entscheidungen zu fällen, ist damit praktisch vollständig blockiert: „Nicht als besondere Begabung erlebt A.J. ihr Gedächtnis, sondern als Bürde, die sie immer wieder daran hindert, Entscheidungen zu treffen und mit Dingen abzuschließen.“ (S.23)

Zur Entscheidungsfähigkeit gehört also die Fähigkeit des Vergessens. Umgekehrt bedeutet das allerdings, daß uns auf der Seite des ‚Erinnerns‘ als Grundlage unseres situationsgerechten Handelns, was früheres Wissen und vergangene Erfahrungen betrifft, nur unvollständige Informationen zur Verfügung stehen. Mayer-Schönberger verweist darüberhinaus auch auf unsere mangelnden Informationen bezüglich der Gegenwart und der Zukunft: „Unser Gedächtnis befähigt uns, auch bei unvollständigen Informationen Entscheidungen zu treffen, indem wir sowohl auf frühere Erfahrungen (das episodische Gedächtnis) als auch auf allgemeine Tatsachen, Gedanken über und Vorstellungen von der Welt (das abstrakte Gedächtnis) aufbauen – in der Hoffnung, dass das, was wir von der Vergangenheit behalten haben, den Mangel an Information über die Gegenwart und die Zukunft wettmacht.“ (M.-Sch. 2010, S.33)

Wie es das Gedächtnis anstellt, uns trotz eines so beeindruckenden Mangels an Informationen zu ‚zeitgerechtem‘ Handeln zu befähigen, läßt Mayer-Schönberger im Dunkeln. Kein Wort zu Damasios „rascher Kognition“, die ich selbst als „Haltung“ beschreibe, oder zur Lebenswelt (Husserl/Blumenberg). Auch hier fällt wieder Mayer-Schönbergers Selbstbeschränkung auf den Informationsbegriff negativ auf. So pauschalisiert Mayer-Schönberger z.B. die Menschheitsgeschichte mit dem Hinweis auf die Sprachentwicklung: „... in Afrika geschah vor 100.000 bis 50.000 Jahren etwas. Die technische Perfektion und die Verbreitung der Steinwerkzeuge nahmen sprunghaft zu. Es ist unwahrscheinlich, dass eine derartig schnelle Entwicklung und Ausbreitung von Neuerungen allein auf ‚learning by doing‘, also den mühseligen Prozess der Erschaffung eines prozeduralen Gedächtnisses zurückzuführen ist. Eine weitaus einleuchtendere Erklärung ist das Aufkommen von Sprache als neues, erheblich effizienteres Mittel zur Kommunikation und damit auch zur Informationsübertragung.“ (M.-Sch. 2010, S.35)

Mayer-Schönberger verschmilzt die beiden Phasen der Mündlichkeit und der Schriftlichkeit zu einer einzigen der Sprachentwicklung, so daß die mit diesen beiden Phasen verbundenen, unterschiedlichen Dynamiken und das eigentliche Kennzeichen der Mündlichkeit, ihre enorme Zeitspannen umfassende, relative Unveränderlichkeit nicht mehr in den Blick kommen können. Weder kann bei Zeiträumen von zehntausenden Jahren von einem „sprunghaften“ noch kann bei lebensweltlichen Veränderungen, wie sie das prozedurale Gedächtnis beinhaltet, von einem „mühsamen“ Prozeß die Rede sein. Lebensweltliche Veränderungen unterliegen nicht unserer Intentionalität, und nur intendierte Veränderungen können ‚mühsam‘ sein. Und im Unterschied zur mündlichen Phase der Menschheitsentwicklung kommt es erst in Schriftkulturen zu dynamischen und ‚sprunghaften‘ Entwicklungsverläufen!

Der undifferenzierte Zugriff auf ‚Sprache‘ wirkt sich entsprechend auf Mayer-Schönberges Gedächtnisbegriff aus, wie sich in folgendem, ebenfalls die mündliche Phase der menschlichen Sprachlichkeit ausblendendem Zitat zeigt: „Vor dem Aufkommen der Sprache erinnerte man sich kaum an die vorigen Generationen, ihre Erfahrungen, Vorstellungen und Werte – mit Ausnahme dessen, was im prozeduralen Gedächtnis erhalten blieb.“ (M.-Sch. 2010, S.35) – Wenn Mayer-Schönberger das generelle, große Vergessen noch in die Zeit vor der Sprachlichkeit des Menschen vorverlegt – überhaupt bliebe dann noch zu erörtern, inwiefern hier eigentlich noch vom Menschen die Rede sein kann –, wird der lebensweltliche Anteil der Sprache selbst nicht mehr thematisierbar. Daß Sprache selbst zur Lebenswelt gehört (aus der sie erst – und auch hier nur teilweise – mit der Entwicklung der Schrift herausfällt), kann nur dann erkannt werden, wenn man versteht, daß das große Vergessen eben ein Spezifikum der mündlichen Phase der menschheitlichen Kulturentwicklung ist, die eben weder dynamisch noch ‚sprunghaft‘ verlaufen ist, sondern in den bereits erwähnten evolutionären Zeiträumen von etwa 100.000 Jahren. Wann genau hier die Sprachlichkeit des Menschen anzusetzen ist, ist letztlich auch eine Frage, die sich auf verschiedene Sapiens-Formen verteilt.

Und erst vom lebensweltlichen Charakter sozialer Situationen und der mit ihm verbundenen individuellen Haltung (Damasios „rasche Kognition“) her, wird verständlich, wieso ein unvollständiges Erinnern uns zu zeitgerechtem Handeln befähigen kann. Unvollständiges Erinnern ist eben nur hinsichtlich des Informationsbegriffs als ‚unvollständig‘ klassifizierbar. Lebensweltliche Prozesse und individuelle Haltung aber sind Sinnphänomene, die ganz anders strukturiert sind. Mayer-Schönberger gibt selbst einen wichtigen Hinweis auf die Strukturen, die es hier zu beachten gilt, wenn er den Zeitbegriff ins Spiel bringt: „Vielleicht am wichtigsten ist die Gefahr, dass ein umfassendes digitales Erinnern die Zeit kollabieren lässt und unser Urteilsvermögen sowie unsere Fähigkeit zum zeitgerechten Handeln beeinträchtigt.“ (M.Sch. 2010, S.152)

Mit ‚Zeit‘ ist hier nicht etwa an Zeit als knappe Ressource gedacht, mit der man irgendwie ökonomisch umgehen muß, so als unterlägen wir hier wieder den Gesetzen der Entropie. So wie Mayer Schönberger den Zeitbegriff thematisiert, haben wir es hier mit einem völlig andersartigen Phänomen zu tun: mit Narrativität. Darauf möchte ich aber erst in einem der folgenden Posts zu sprechen kommen.

Download

Samstag, 30. April 2011

Viktor Mayer-Schönberger, Delete. Die Tugend des Vergessens in digitalen Zeiten, Berlin 2010 (2009)

  1. Gesellschaftliches Gedächtnis und individuelles Wachstum
  2. Entropie und das Prinzip der Negation 
  3. Vergessen und Urteilsvermögen
  4. Analoge Gedächtnismedien und digitales Gedächtnis (fragmentierte Positionalität)
  5. Erinnern als Narrativität (Reembedding)
  6. Problembewußtsein wecken mit Verfallsdaten
Wie im letzten Post schon angesprochen steht bei Mayer-Schönbergers Analysen des digitalen Gedächtnisses der Informationsbegriff im Vordergrund. Dazu paßt sein methodisches Vorgehen, das sich am thermodynamischen Prinzip der Entropie orientiert: „Das Anlegen von Erinnerungen schafft Ordnung im Gehirn, wofür Energie nötig ist, die wiederum durch ein Mehr an Unordnung erkauft werden muss. Das Vergessen hingegen könnte zufällig vonstatten gehen, ohne Energie erfordernde Ordnungsprozesse.“ (Vgl.M.-Sch. 2010, 32f.)

Daß Mayer-Schönberger seine Analysen auf dem thermodynamischen Gesetz der Entropie aufbaut, ist eine konsequente Anwendung des Konzepts vom Gedächtnis als Informationsspeicher. Information ist mathematisch gesehen schließlich nichts anderes als Ordnung in der Unordnung. Erinnern ist mithin Ordnung im Meer der Unordnung des Vergessens, weshalb für das Vergessen auch keine psychische bzw. mentale Energie aufgewandt werden muß. Es geschieht einfach, und unsere Wahrnehmungen und Erfahrungen gehen damit den Weg aller Materie: den des allmählichen Verfalls von Ordnung, weshalb Mayer-Schönberger hier auch vom „biologischen Vergessen“ spricht: „Bei der Verarbeitung der eingehenden Reize in unseren Nervenzellen wird ungeheuer viel Information gezielt verworfen. Der Existenz dieser untersten, rein biologischen und unbewussten Schicht des Vergessens sind wir uns meist gar nicht gewärtig.“ (M.-Sch. 2010, S.27) (Vgl.M.-Sch. 2010, S.139ff.) – Wenn man allerdings vom biologischen Vergessen spricht, sollte man nicht nur an die Wahrnehmung im engeren Sinne denken, sondern auch an das meines Wissens nicht zentral gesteuerte Immunsystem, oder an die Knochen, die Muskulatur, die Zähne, die Haut, die jeweils verschiedene Gedächtnisspeicher bilden und, so viel ich weiß, nichts vergessen.

Das biologische Vergessen bildet die unterste Ebene von insgesamt – nach meiner Zählung – drei übereinander gestaffelten Gedächtnisformen. Bei den anderen beiden Gedächtnisebenen handelt es sich um das Kurzzeitgedächtnis und das Langzeitgedächtnis, die Mayer-Schönberger noch mal beide in verschiedene Gedächtnisfunktionen unterteilt, auf die ich hier jetzt aber nicht näher eingehen will, da sie im wesentlichen den Funktionen gleichen, wie wir sie in diesem Blog schon bei Assmann und Welzer besprochen haben.

Das biologische Vergessen funktioniert nun Mayer-Schönberger zufolge nach einem Prinzip, das wir schon bei der Gestaltwahrnehmung kennengelernt haben, wie sie Helmuth Plessner als spezifisch menschliche Fähigkeit darstellt (vgl. meinen Post vom 21.10.2010): nach dem Prinzip der Negation. Plessner macht die Negation als Wahrnehmungsprinzip am Verhältnis von Figur und Hintergrund fest. Um die Figur bzw. Gestalt eines Wahrnehmungsgegenstandes in den Vordergrund zu rücken, müssen viele andere, gleichzeitig mit der Figur wahrgenommene Einzelphänomene als Gesamtheit in den Hintergrund rücken, also aus der bewußten Wahrnehmung ausgeblendet werden. Nicht anders beschreibt Mayer-Schönberger das Vergessen, wenn er feststellt, daß „bei der Verarbeitung der eingehenden Reize in unseren Nervenzellen ... ungeheuer viel Information gezielt verworfen“ werden muß.

So gesehen verhalten sich also Erinnern und Vergessen zueinander wie Vordergrund und Hintergrund in der Wahrnehmung, so daß man also das Erinnern durchaus als eine Form der Gestaltwahrnehmung beschreiben kann. Soweit geht Mayer-Schönberger aber nicht, da ihn die Begrenztheit des Informationsbegriffs an einer weitergehenden Erörterung dieser Zusammenhänge hindert. Dennoch liegt dieser Zusammenhang von Erinnern und Gestaltwahrnehmung von seinen eigenen Analysen her auf der Hand. Denn Mayer-Schönberger hebt selbst den Abstraktionsprozeß hervor, der mit dem Abspeichern von Informationen einhergeht. (Vgl.M.-Sch. 2010, S.47, 184, 195f.) Er bezeichnet ihn als „Dekontextualisierung“ (vgl.M.-Sch. 2010, S.109), und er spricht von der Notwendigkeit, daß Informationen wieder rekontextualisiert werden müssen, daß also der Hintergrund, der den zu ‚Informationen‘ geronnenen ‚Figuren‘ abhanden gekommen ist, wieder hergestellt werden muß.

Von diesem Stand seiner Analyse wäre es nur ein kleiner Schritt über den Informationsbegriff hinaus gewesen, um das menschliche Gedächtnis auf einer Ebene zu thematisieren, wie wir sie von Jan Assmann als kulturelles Gedächtnis kennen. So beinhalten auch Mayer-Schönbergers kurzen Ausflüge in den Bereich der Ästhetik hauptsächlich Erörterungen zum Kosten-Nutzen-Verhältnis von Höhlenmalereien und Grabbeigaben, während die eigentlich künstlerischen Motive nur am Rande erwähnt werden. Als Fazit hält er lediglich fest: „Doch auch dieses künstlerische Erinnern hatte seinen Preis. Es war zeitraubend und teuer.“ (M.-Sch. 2010, S.42)

Mayer-Schönbergers Hauptinteresse gilt dem digitalen Gedächtnis, und das beinhaltet nun in der Tat nichts anders als Informationen. Insofern ist – wie gesagt – die Orientierung am Kosten-Nutzen-Verhältnis der Informationsspeicherung, also des Erinnerungsvermögens, konsequent. Allerdings hält er diese Orientierung nicht konsequent durch. Denn so penibel Mayer-Schönberger auch die aufwendigen Kosten analoger Speichersysteme von der Malerei über die Schrift und den Buchdruck, die Photographie, Tonbänder und Filmrollen bis zu den modernen Massenmedien des 19. und 20. Jhdts. auflistet (vgl.M.-Sch. 2010, S.40-66), so pauschal bleiben seine Berechnungen zu den digitalen Speichermedien, die in der Feststellung münden: extrem billig und potentiell unendlich groß (vgl.M.-Sch. 2010, S.66ff., 78-89, 99 u.ö.). Kurz: Mayer-Schönberger kommt zu dem Resultat, daß mit dem digitalen Gedächtnis Vergessen teurer geworden ist als das Erinnern: „Solange Speicher so billig und so leicht zu bekommen ist, lohnt es sich einfach nicht mehr, Zeit auf die Entscheidung zu verwenden, was man wirklich behalten will. Das Vergessen, verstanden als Ergebnis einer Entscheidung, für die man drei Sekunden pro Bild benötigt, ist für die Menschen inzwischen zu kostspielig geworden.“ (M.-Sch. 2010, S.84)

Wäre es aber tatsächlich so, dann wäre damit ein Naturgesetz außer Kraft gesetzt: die von Mayer-Schönberger selbst immer wieder in seinen Kosten-Nutzen-Rechnungen beschworene Entropie. Es würde bedeuten, daß Unordnung energieaufwendiger wäre als Ordnung. Aber in Wirklichkeit läßt Mayer-Schönberger die eigentlichen ‚Unkosten‘ des digitalen Gedächtnisses, zu dem untrennbar das Internet gehört, unter den Tisch fallen. Um all die Standards (=Ordnung) aufrechtzuerhalten, die den globalen und jederzeitigen Zugriff auf das digitale Gedächtnis ermöglichen, bedarf es einer enormen Infrastruktur, angefangen von in den Tiefen der Ozeane verlegten Glasfaserkabeln bis hin zu orbitalen Satelliten. Um allein den Betrieb der Server aufrechtzuerhalten, bedarf es riesiger Kühltürme. Ein Mausklick auf eine Website verbraucht eine Energie, die dem Aufbrühen einer Tasse Tee entspricht. Auch an den Rändern der extremen Ordnung, wie sie das digitale Gedächtnis darstellt, lauert also nach den Gesetzen der Entropie die Unordnung!

Deshalb reicht die ‚Zukunftssicherheit‘ des Internets, von der Mayer-Schönberger spricht (vgl.M.-Sch. 2010, S.74), nur bis zum nächsten Stromausfall. Digitalisierte Informationen werden also keineswegs „zu erschwinglichen Preisen für immer vorrätig und verfügbar“ sein. (Vgl.M.-Sch. 2010, S.99) Letztlich sind die Kosten des Internet nur genauso unsichtbar, wie nach Blumenberg die spezifische Funktionalität unserer technischen Geräte. (Vgl. meinen Post vom 07.08.2010) Indem ihm eine unendliche Dauer bescheinigt wird, wird die dem digitalen Gedächtnis zugrundeliegende Technologie unsichtbar, also gewissermaßen ‚verlebensweltlicht‘. Einer solchen Mystifizierung würde eine konsequentere Berücksichtung des zweiten Satzes der Thermodynamik entgegenwirken.

Download

Freitag, 29. April 2011

Viktor Mayer-Schönberger, Delete. Die Tugend des Vergessens in digitalen Zeiten, Berlin 2010 (2009)

  1. Gesellschaftliches Gedächtnis und individuelles Wachstum
  2. Entropie und das Prinzip der Negation
  3. Vergessen und Urteilsvermögen
  4. Analoge Gedächtnismedien und digitales Gedächtnis (fragmentierte Positionalität)
  5. Erinnern als Narrativität (Reembedding)
  6. Problembewußtsein wecken mit Verfallsdaten

Mayer-Schönbergers größte Sorge betrifft „unser Urteilsvermögen sowie unsere Fähigkeit zum zeitgerechten Handeln“, die er durch das „umfassende() digitale() Erinnern“ bedroht sieht. (Vgl.M.-Sch. 2010, S.152) Dabei mißtraut er technischen Lösungen, die das Problem auf der Ebene zu lösen versuchen, auf der es entsteht: eben auf der Ebene der technischen Infrastruktur eines umfassenden digitalen Gedächtnisses. Das Problem, nicht mehr vergessen zu können, „lässt sich nicht an irgendeine Technik delegieren: Wir Menschen müssen uns Wert und Bedeutung des Vergessens vergegenwärtigen.“ (Vgl.M.-Sch. 2010, S.217)

Mit dieser Problembeschreibung befindet sich Mayer-Schönberger voll und ganz auf dem Problemniveau, auf dem wir uns in diesem Blog mit Fragen zur „Erkenntnisethik“ auseinandersetzen. Die Gefahr, die nach Mayer-Schönbergers Analyse unserem Urteilsvermögen durch ein umfassendes digitales Erinnern droht, besteht vor allem darin, daß sich der Mensch im Laufe der Evolution an einen Vorrang des Vergessens vor dem Erinnern angepaßt hat: Erinnern war die Ausnahme, Vergessen die Regel. (Vgl.M.-Sch. 2010, S.11, 20, 63 u.ö.)

Das Vergessen hat dem Menschen den nötigen Freiraum zur Verfügung gestellt, zu lernen und sich zu entwickeln. Ein umfassendes Gedächtnis, das alles unterschiedslos erinnert, ob es der Erinnerung wert ist oder nicht, verhindert individuelles Wachstum, weil innere Neuorientierungen und Anpassung an äußere, lebensweltliche Veränderungen nur dort möglich sind, wo Vergangenes in den Hintergrund treten und in Vergessenheit geraten kann. Unser Urteilsvermögen ist genau auf diese Fähigkeit zu situationsangemessenen Neubewertungen bisherigen ‚Wissens‘ und vergangener Erfahrungen existentiell angewiesen. (Vgl.M.-Sch. 2010, S.152) Das hat auch eine gesellschaftliche Seite, denn eine Gesellschaft, die nicht vergessen kann, tilgt auch keine Strafregister und erläßt keine Schulden (M.-Sch. 2010, S.23f.): „Ohne Unterschied eingesetzt, trübt das digitale Gedächtnis nicht nur das Urteilsvermögen derer, die sich erinnern, sondern es verweigert auch jenen, an die man sich erinnert, den zeitlichen Freiraum, sich zu entwickeln.“ (M.-Sch. 2010, S.150)

Die gesellschaftliche Dimension der individuellen Freiheit zeigt sich nicht nur an solchen den Gesetzen unterworfenen, institutionalisierten Mechanismen wie der fristgerechten Tilgung von Strafregistern, mit der die Gesellschaft ihren Mitgliedern offiziell und amtlich zugesteht, sich ändern zu können, in diesem Fall also die Fähigkeit, sich zu resozialisieren. Solche Gesetze können ja auch geändert oder sogar abgeschafft werden, – je nach den politischen Verhältnissen. Die gesellschaftliche Dimension zeigt sich vor allem auch an den lebensweltlichen Bedingungen des individuellen Verhaltens. Wer sich zu Zeiten analoger Kommunikationsmedien in einer bestimmten Region oder Wohngegend ‚unbeliebt‘ gemacht hatte, aus welchen Gründen auch immer, konnte immer noch zum äußersten Mittel eines Neuanfangs greifen und umziehen oder sogar auswandern. Mayer-Schönberger spricht in diesem Zusammenhang von „informationeller Privatinsolvenz“. (Vgl.M.-Sch. 2010, S.120) Damit ist gemeint, daß ein Mensch, der in einer bestimmten sozialen Situation in eine ausweglose Lage geraten ist, also gewissermaßen sozial ‚bankrott‘, in einer neuen Umgebung wieder bei Null anfangen kann, weil dort seine Mitmenschen noch über keine Informationen zu seiner Person verfügen.

Das ist in Zeiten eines digitalen Gedächtnisses, das allen über das Internet jederzeit zur Verfügung steht, nicht mehr möglich. Nicht einmal mehr „symbolischer Suizid“ wäre möglich, – Slavoj Žižeks Metapher für einen absoluten Neuanfang. Die Metapher des symbolischen Suizids verweist übrigens auf ein Problem bei dem von Mayer-Schönberger gewählten Bild von der informationellen Privatinsolvienz: Mayer-Schönberger arbeitet vor allem mit dem Informationsbegriff, – wenn er auch dessen beschränkte Reichweite durchaus zur Kenntnis nimmt, insofern er auf die Notwendigkeit verweist, daß Informationen „interpretiert“, d.h. mit „Bedeutung“ versehen werden müssen, bevor man etwas mit ihnen anfangen kann. (Vgl.M.-Sch. 2010, S.47) Das macht den Unterschied zwischen Maschine (Computer) und Bewußtsein aus. Denn Informationen gehen nie in der abstrakten Form in unser Bewußtsein ein, in der sie in den verschiedenen analogen oder digitalen Medien ‚zwischengespeichert‘ werden, sondern wir statten sie immer schon mit Bedeutung aus. Dazu aber in einem der folgenden Posts mehr.

Das gesellschaftliche Gedächtnis basierte in Zeiten vor dem Internet vor allem auf analogen Informationsmedien, insbesondere seit dem 19. Jhdt. die Zeitungen und dann im 20. Jhdt. auch die Rundfunkmedien. Nach Mayer-Schönberger formten diese Medien auf gesellschaftlicher Ebene „gemeinsame Erinnerungen“ (vgl.M.-Sch. 2010, S.56): „Die Massenmedien fördern die Konstruktion eines gemeinsamen Gedächtnisses weit über gemeinsam Erlebtes, über unmittelbare Augenzeugenberichte und über enge geografische Grenzen hinaus. So konnten selbst weit entfernte Ereignisse für die Zeitungsleser des 19. und 20. Jahrhunderts nicht nur den Raum transformieren, sondern auch die Zeit – und gemeinsame Erinnerung schaffen.“ (M.-Sch. 2010, S.57)

Das erinnert nicht von ungefähr an Assmanns „zerdehnte Situation“. (Vgl. meinen Post vom 29.01.2011) Aber dennoch sollte das gesellschaftliche Gedächtnis nicht mit dem kulturellen Gedächtnis verwechselt werden. Denn die gemeinsamen Erinnerungen, die die Massenmedien erzeugen, sind sehr kurzfristig und entsprechen eher einem Kurzzeitgedächtnis als dem Langzeitgedächtnis der Kultur. Hinzu kommt, daß diese Art gemeinsamer Erinnerungen in Zeiten, in denen es nur wenige öffentlich-rechtliche Rundfunkkanäle gegeben hatte, auch eine andere Qualität gehabt hatte als in Zeiten des Privatfernsehens, in denen man von vergleichbar gemeinsamen Erlebnissen vor dem Monitor auf gesellschaftlicher Ebene kaum noch sprechen kann. (Vgl.M.-Sch. 2010, S.58) Soweit Mayer-Schönbergers Analyse, die an dieser Stelle ihre Grenze hat und lange nicht an die Qualität der Medienkritik von Günther Anders heranreicht. Anders unterscheidet dezidiert zwischen dem Informationswert von Nachrichten und dem Erlebnisgehalt realer Erfahrungen und Wahrnehmungen und baut darauf seine Kritik an der Phantomhaftigkeit des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Produktionsprozesses auf. Bei Mayer-Schönberger spielt diese Unterscheidung – wie schon erwähnt – nur am Rande eine Rolle.

Wir haben es also bei dem gesellschaftlichen Gedächtnis nicht mit dem kulturellen Gedächtnis zu tun, allenfalls mit einer Schrumpfform desselben, insofern es sich um einen Filtermechanismus handelt, der unsere gemeinsame Aufmerksamkeit auf bestimmte tagespolitische oder andere aktuelle Ereignisse lenkt und alles andere ausblendet. (Vgl.M.-Sch. 2010, S.56) In dieser Form entspricht es dem individuellen Gedächtnis, das genauso ‚filtert‘, indem es das ‚Wichtige‘ behält und erinnert und alles Unwichtige vergißt. Abgesehen von seinen sonstigen, von Anders beklagten negativen Auswirkungen auf das individuelle Bewußtsein (Phantomisierung, Entrealisierung der individuellen Persönlichkeit durch die Massenmedien) ist das gesellschaftliche Gedächtnis also durchaus ‚natürlich‘; es ist vergeßlich und läßt deshalb individuelles Wachstum zu, weshalb es Mayer-Schönberger zufolge noch nicht das individuelle Urteilsvermögen bedroht.

Diese Bedrohung entsteht erst mit dem digitalen Gedächtnis des Internets, und dem wollen wir uns in den folgenden Posts zuwenden.

Download