2. Fachsprachliche und nichtfachsprachliche Begriffe
3. Denken und Sprechen
4. Phänomenologie und Sprachanalytik
5. Bindungsproblem (Gestaltwahrnehmung)
6. Innen-Außen-Differenz als Kryptokartesianismus
7. Qualia, Seele und das Arrangieren von Dingen
8. Gibt es Willensakte?
9. sprachanalytischer Reduktionismus
Als Qualia werden traditionell Qualitäten von Wahrnehmungsempfindungen bezeichnet, die keine Eigenschaften des Objekts sind: „Jede ‚bewusste Erfahrung‘ oder jeden ‚bewussten Geisteszustand‘ charakterisiert ein Anfühlungswie, sodass sie zu haben bzw. in ihm zu sein für das Subjekt so und so ist. Bei diesem Anfühlungssoundso handelt es sich um ein Quale – eine ‚Gefühlsqualität‘.“ (Bennett/Hacker 3/2015, S.370)
So gilt z.B. die Farbempfindung als eine subjektive Zutat, die mit dem betreffenden Objekt nichts zu tun hat. Bennett/Hacker bezeichnen diesen „Qualitätsbegriff“ als „abwegig“. (Vgl. Bennett/Hacker 3/2015, S.366) Es gibt, so Bennett/Hacker, keine „Rotempfindung“, die man ‚sehen‘ oder ‚haben‘ könnte. (Vgl. Bennett/Hacker 3/2015, S.175) Farben sind vielmehr objektive Eigenschaften der Gegenstände selbst, die das Licht auf spezifische Weise reflektieren.
Bennett/Hacker zufolge trägt der Qualia-Begriff zu einer unzulässigen „Erweiterung des Bewusstseinsbegriffs“ bei (vgl. Bennett/Hacker 3/2015, S.366), denn Qualia verweisen auf eine „innere() psychische Realität“ (Bennett/Hacker 3/2015, S.352), die es aber so nicht gibt. Farbwahrnehmungen sind demnach nichts besonderes und schon gar nichts individuelles, das man nicht mit anderen teilen kann. Vielmehr brauche man, um seine Farbwahrnehmung, etwa ‚rot‘, zu verdeutlichen, nur auf einen roten Farbklecks oder einen roten Apfel zu zeigen, um problemlos allseitiges Einvernehmen herzustellen. (Vgl. Bennett/Hacker 3/2015, S.382f.)
Genauso verhält es sich Bennett/Hacker zufolge auch mit anderen Qualia, wie etwa Gerüchen. Hier reicht es schon aus, ein entsprechendes „Verbalverhalten“ an den Tag zu legen: „Wenn man also gefragt wird, wie es sich anfühle, Rosen zu riechen, und wie es sei, Flieder zu riechen, kann die Antwort durchaus identisch ausfallen und lauten: ‚Entzückend‘. Wenn diese Antwort festlegt, wie es sich anfühlte, dann ist es offensichtlich nicht wahr, dass jeder distinkten Erfahrung durch ihre unverwechselbare qualitative Eigentümlichkeit oder ihr Quale ein einzigartiges Profil verliehen werden kann.“ (Bennett/Hacker 3/2015, S.373)
Mit anderen Worten: Wo Dichter Verse schreiben und sich Metaphern ausdenken, um Gefühlseindrücke wiederzugeben, reicht es bei Bennett/Hacker schon aus, einfach „entzückend“ zu sagen, und schon weiß jeder, wie es ist, Flieder zu riechen. Und der Beweis dafür, daß wir dabei dasselbe empfinden, liegt schlicht und einfach darin, daß wir alle dasselbe Wort verwenden! Wenn also irgendjemand den Fliederduft ‚entzückend‘ findet, und ich ihn auch ‚entzückend‘ finde, empfinden wir beide dasselbe. – Da fragt man sich, wozu überhaupt noch Gedichte und Romane geschrieben werden?
An dieser groben Simplifizierung, deren sich Bennett/Hacker schuldig machen, wird deutlich, warum bei ihnen die expressive Dimension der Sprache keine Rolle spielt. Damit fällt ein ganzer Bereich des menschlichen Verhaltens weg, von dem Bennett/Hacker behaupten, daß es das Grundkriterium ihrer Sprachkritik bilde. Denn auch die Innenwelt zeigt sich durch ein spezifisches Verhalten auf der Grenze zwischen innen und außen. Plessner beschreibt dieses Verhalten als ‚Seele‘: als den Wunsch, sich gleichzeitig zu zeigen und sich zu verbergen. (Vgl. meinen Post vom 14.11.2010) Es ist genau dieses Verhalten auf der Grenze zwischen innen und außen, das der Grund dafür ist, daß das, was wir sagen, niemals mit dem, was wir meinen, zur Deckung kommen kann.
Aufgrund von Bennett/Hackers Trennung zwischen Empfindungen und Wahrnehmungen und aufgrund der semantischen Reduktion der Wortbedeutung auf das, was sich zeigen läßt, wird jede Wahrnehmung zu einer Banalität, über die wir uns eigentlich gar nicht mehr zu verständigen brauchen. Es reicht, mit dem Finger darauf zu zeigen: „Es ist nichts Besonderes dabei, diese banalen Gegenstände zu sehen. Einen Tisch zu sehen ist natürlich etwas anderes, als einen Stuhl, Pult, Teppich etc. zu sehen, aber der Unterschied hat nichts damit zu tun, dass es sich anders anfühlt, ein Pult zu sehen, als einen Stuhl zu sehen. Der Anblick eines einfachen Tisches oder Stuhls zieht unter normalen Umständen keine wie auch immer geartete emotionale Reaktion oder Haltung nach sich.“ (Bennett/Hacker 3/2015, S.373 S.371)
Bennett/Hacker gestehen zwar zu, daß es „eine andere Erfahrung“ sei, einen „Laternenpfahl“ zu sehen als einen „Briefkasten“. Das bedeute aber keineswegs, daß mit diesen verschiedenen Dingen auch verschiedene Gefühle verknüpft seien. (Vgl. Bennett/Hacker 3/2015, S.373 S.372) Das Arrangieren von Dingen in der Form eines Stillebens oder einer Collage (vgl. meinen Post vom 01.04.2015) hat also keinerlei Auswirkung auf unsere seelische Verfassung, denn die Dinge berühren uns innerlich nicht. Tatsächlich sind Laternenpfähle aber mit anderen Begleitempfindungen verbunden als Briefkästen. Laternenpfähle können das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit hervorrufen. Ein einsamer Laternenpfahl im Wald wie in den Chroniken von Narnia kann gleichzeitig fremdartig und vertraut wirken. In Revolutionszeiten können Laternenpfähle als Galgen mißbraucht werden und der bloße Anblick eines als Galgen in Betracht kommenden Laternenpfahls kann Angst und Schrecken verbreiten. Die Abwesenheit von Laternenpfählen in Tolkiens Fantasy-Welt beinhaltet seinen ausdrücklichen Protest an der Elektrifizierung unserer Städte im 20. Jhdt.
Briefkästen hingegen können mit Empfindungen von Neugier und Erwartung und sogar von Sehnsucht verbunden sein, und oft genug endet eine Briefkastenerfahrung mit einer Enttäuschung. Oder Briefkästen können Gefühle der Angst davor wecken, welche Mahnungen und eventuell Vorladungen sie enthalten mögen, so daß man sie gar nicht mehr öffnen will.
Wenn man hingegen meint, es reiche aus, um den Duft von Flieder zu beschreiben, „entzückend“ zu sagen, könnte man auch behaupten, daß das Sehen eines Licht spendenden Laternenpfahls in einer dunklen Nacht oder das Sehen eines Briefkastens, aus dessem Schlitz die vielversprechende Ecke einer lang erwarteten Briefsendung herauslugt, gleichermaßen ‚erfreulich‘ sei, so daß mit diesen verschiedenen Wahrnehmungen eben doch keine „andere Erfahrung“ verbunden, sondern eben alles eins wäre, wie bei dem von Bennett/Hacker angeführten gleichermaßen entzückenden Rosen- und Fliederduft.
Daran ändert auch Bennett/Hackers Zugeständnis an der tatsächlichen Verschiedenheit von Erfahrungen nichts: „Es kann gut sein, dass Sie ein Rembrandt-Gemälde, das ich genieße, ausdruckslos und langweilig finden. In diesem Sinn kann meine Erfahrung in qualitativer Hinsicht von der Ihren abweichen, auch wenn sie sich auf dasselbe Objekt beziehen und gleichermaßen klar erlebt werden. Es ist aber auch möglich, dass Sie es genauso interessant und schön finden.“ (Bennett/Hacker 3/2015, S.387)
Tatsächlich gibt es nämlich Bennett/Hacker zufolge kein Problem bei der wechselseitigen Verständigung über eine Erfahrung, wenn diese sich in ihrer Qualität zwischen zwei Erfahrungssubjekten unterscheidet und beim Betrachten eines Rembrandt-Gemäldes beim einen der Genuß und beim anderen die Langeweile vorherrscht. Bennett/Hacker bestreiten deshalb die „Nichtmitteilbarkeitsthese“ (Bennett/Hacker 3/2015, S.385) bzw. die „Unaussprechlichkeitsthese“ (Bennett/Hacker 3/2015, S.389), also die Differenz zwischen meinen und sagen. Wenn jemand glaubt, eine individuelle Erfahrung wie z.B. zum Aroma von Kaffee oder zum Rot einer Rose nicht mit den herkömmlichen sprachlichen Mitteln beschreiben zu können, heißt das nicht, so Bennett/Hacker, daß seine Empfindungen nicht mitteilbar wären, sondern daß er nach anderen Beschreibungsmöglichkeiten sucht: „Wir müssen uns jedoch klarmachen, dass eine derart insistierende Person keine rätselhafte Begrenzung unseres Beschreibungsvermögens enthüllt hat. Sie wendet sich lediglich gegen eine Konvention.“ (Bennett/Hacker 3/2015, S.390)
Das führt dann zu seltsamen Inkonsequenzen. So vertreten Bennett/Hacker immer wieder entschieden die Auffassung, daß es so etwas wie Synästhesien nicht gebe: „Das Auge und der Rest des visuellen, lichtempfindlichen Systems statten das Lebewesen mit dem visuellen Unterscheidungsvermögen aus. Es ist nicht möglich, Geräusche mit den Augen zu sehen.“ (Bennett/Hacker 3/2015, S.383f.)
Aber gerade die beispielhaften Beschreibungsformeln – „vollmundig, reich und röstfrisch“ für das Kaffeearoma und „dunkel und matt“ für das Rot der Rose –, die Bennett/Hacker dafür anführen, daß das Beschreibungsvermögen von Wahrnehmungsempfindungen – die es ihrer Ansicht nach ja ebenfalls nicht gibt – kein Problem der Nichtmitteilbarkeit, sondern lediglich eine Frage der Beschreibungskonvention seien, enthalten solche von ihnen ebenfalls geleugnete Synästhesien. Denn mit der Mattheit des Rots wird ein sensorisch völlig andersartig ausgestatteter körperlicher Zustand herangezogen, um die durch Lichtreize auf der Retina ermöglichte Rotempfindung, die man zudem sowieso nicht ‚haben‘ kann, zu charakterisieren.
Auch sonst haben wir es bei diesen Beschreibungsformeln zum großen Teil mit Metaphern zu tun, was von Bennett/Hacker nicht weiter thematisiert wird. Dabei wäre es für den Leser sicher nicht uninteressant, zu erfahren, worin genau der Zeigevorgang besteht, der der ‚Vollmundigkeit‘ und dem ‚Reichtum‘ des Kaffeearomas Bedeutung verleiht. Denn so intensiv wir auch auf unseren Mund oder auf einen Sack Geld zu deuten versuchen: nichts in diesem Zeigevorgang könnte irgendjemanden dazu veranlassen, zu vermuten, daß es uns dabei um das Kaffeearoma geht.
PS (12.05.2015): Ein Zeigevorgang ist immer gradlinig und direkt. Um auf eine Metapher zu ‚zeigen‘, müßte man schon um die Ecke zeigen können, sozusagen von hinten durch die Brust ins Auge.Download



