1. Elliptische Argumentation
2. Blumann und Luhmenberg
3. Konvergenz statt Interdisziplinarität
4. Benutzerillusionen
5. Rückkopplung: positiv?
6. Gesellige Technik
7. Körperleibvariationen
8. Der Unternehmerführer
Norbert Bolz bezeichnet Blumenberg und Luhmann als „die beiden bedeutendsten deutschen Denker der Nachkriegszeit“. (Vgl. Bolz 2012, S.14) Bei Blumenberg möchte ich ihm rechtgeben, bei Luhmann schon weniger. Luhmann bricht mir das menschliche Selbst- und Weltverhältnis zu sehr auf einfache, binäre Algorithmen herunter und setzt das menschliche Sinnstreben mit Kybernetik gleich. Ich verstehe nicht, was daran ‚bedeutend‘ sein soll; es sei denn, man bewundert Luhmann einfach nur für seinen skrupellosen Antihumanismus.
Deshalb finde ich es besonders ärgerlich, daß Bolz in einem Atemzug mit Luhmann Blumenberg nennt, der nun wirklich kein Antihumanist ist und immer den Menschen in den Mittelpunkt seiner Überlegungen gestellt hat und der in seinem großen philosophischen Vermächtnis, den „Höhlenausgängen“ (1989), die Anthropologie zur neuen philosophischen Königsdisziplin erklärt. (Vgl. meinen Post vom 12.07.2012) Bolz hingegen erweckt den Eindruck, als unterwerfe sich Blumenberg genauso wie Luhmann dem maschinenförmigen Zeitgeist, und nimmt seine zahlreichen ironischen Wendungen gegen diesen Zeitgeist für bare Münze. Solche subtilen Ironien vermengt das Gestell zu einem einzigen kybernetischen Einheitsbrei aus lauter Blumanns und Luhmenbergs.
Bolz widmet sein Buch konsequenterweise einem weiteren Antihumanisten: Friedrich Kittler. (Vgl. Bolz 2012, S.12f.; zu Kittlers Antihumansimus vgl. meine Posts vom 08.04. und vom 27.04.2012) Auch hier versucht er, Kittler und Blumenberg zitattechnisch zu einer hybriden Doppelidentität zu verschmelzen: ein Verweis auf Kittler mündet in ein Zitat, das von Blumenberg stammt (vgl. Bolz 2012, S.16), was erst der umständliche Blick in den Anmerkungsapparat verrät (vgl. Bolz 2012, S.120). Wer sich diese Nachprüfung erspart, muß den Eindruck gewinnen, daß Kittler der Urheber des von Blumenberg stammenden Zitates sei.
Das große Thema der Luhmannschen Systemtheorie besteht in der Frage nach dem Umgang mit Komplexität. Da die Systemtheorie eine Maschinentheorie ist, hat sie ein Problem mit der Komplexität. (Zum Unterschied zwischen Biologen und Ingenieuren im Umgang mit Komplexität vgl. meinen Post vom 01.04.2013) Luhmann geht allerdings etwas differenzierter an dieses ‚komplexe‘ Thema heran als viele seiner Nachfolger. Er verbindet die Frage nach der notwendigen Reduktion von Komplexität mit der Frage nach der nicht minder notwendigen Erhaltung von Komplexität und beantwortet diese beiden Fragen mit der doppelten Negation.
Sinnstiftung besteht Luhmann zufolge darin, Komplexität zu reduzieren, also zu ‚verneinen‘ und zugleich diese Verneinung zu verneinen und damit zu erhalten: Komplexitätsreduktion auf Vorbehalt. Luhmann zeigt damit, daß er durchaus verstanden hat, daß ‚Sinn‘ ursprünglich eine Bewußtseinsfunktion ist. ‚Sinn‘ hat die Struktur eines Sinns von Sinn, bildet also eine Ganzheit aus Vordergrund und Hintergrund. (Vgl. meinen Post vom 07.07.2011) Der Vordergrund bildet eine Abhebung (Reduktion/Negation) vom Hintergrund, und der Hintergrund bildet den Kontext, den Verweisungszusammenhang (Komplexität) des Vordergrunds. Dieses Verhältnis zwischen beiden beschreibt Luhmann als doppelte Negation.
Indem Luhmann den menschlichen Sinn durch die Überführung in einen binären Code für seine Maschinentheorie tauglich macht, verwandelt er die Bewußtseinsphilosophie in eine Informationstheorie. ‚Aufmerksamkeit‘ wird zu einer Funktion der Speicherkapazität des Gehirns. Norbert Bolz verweist entsprechend auf die „knappe und konstante Ressource Aufmerksamkeit“, die uns dazu nötigt, „mit begrenzten Kapazitäten der Informationsverarbeitung zu rechnen“. (Vgl. Bolz 2012, S.44) – Was von Luhmanns dialektischer Problemformulierung einer gleichzeitigen Reduktion und Erhaltung von Komplexität bleibt, ist das Problem einer notwendigen Komplexitätsreduktion aufgrund begrenzter Speicherkapazitäten.
Wenn Ingenieure – und entsprechend die Systemtheorie – ein Problem mit Komplexität haben, dann vor allem, weil sie sie nur als ‚Störung‘ wahrnehmen. Und wie wir von Friedrich Kittler wissen, ist ‚Störung‘ letztlich nichts anders als Rauschen. Und das ist wiederum Luhmanns Definition für ‚Umwelt‘. Systeme verstehen ihre ‚Umwelten‘ nicht: diese Umwelten rauschen nur. Und aus dem Rauschen muß ‚Sinn‘ herausgefiltert werden: Komplexität muß reduziert werden.
Anthropologie und Maschinentheorie befinden sich einfach nicht auf derselben begrifflichen Ebene, wie Norbert Bolz sehr wohl weiß, wenn er von der „vollkommen desanthropomorphisierten Wissenschaft“ spricht. (Vgl. Bolz 2012, S.16) Man kann ‚Sinn‘ nicht einfach in einen Algorithmus überführen, weil Algorithmen keine Sinnstruktur beinhalten. Aufmerksamkeit gehört zur Wahrnehmung mit ihren Vorder- und Hintergründen und bildet deshalb eine Bewußtseinsfunktion. Die Informationsverarbeitung beruht auf Algorithmen. Das hat mit Aufmerksamkeit nichts zu tun. Folglich kann das eine auch nicht durch das andere kompensiert bzw. miteinander ‚verrechnet‘ werden. Durch Informationsverarbeitung wird also Aufmerksamkeit nicht etwa freigesetzt – nach dem Motto: je mehr Komplexitätsreduktion, um so mehr Zeit für andere Dinge –, sondern sie wird nur abgelenkt. Indem sich unsere Aufmerksamkeit auf etwas anderes richtet, wendet sie der Informationsverarbeitung den Rücken zu, von wo aus diese jetzt zu fungieren und so unsere Aufmerksamkeit zu steuern beginnt.
Von nun an befassen wir uns ‚aufmerksam‘ nur noch mit den Problemen, die mit der Informationsverarbeitung kompatibel sind. Das heißt, wir beginnen „im Umgang mit den Maschinen ..., diejenigen Aufgaben zu bevorzugen, die sich mit diesen Maschinen lösen lassen.“ (Vgl. Bolz 2012, S.31) – Indem wir zulassen, daß ‚intelligente‘ Maschinen für uns die Komplexität reduzieren, bestimmen diese Maschinen, wofür wir uns von nun an interessieren können bzw. welche Vordergründe wir vor welchen Hintergründen fokussieren.
Das Problem besteht also darin, daß wir ständig ‚Komplexität‘ mit ‚Rauschen‘ verwechseln, aus dem wir den eigentlichen ‚Sinn‘ erst herausfiltern müssen, ohne noch zu bemerken, daß dieses sogenannte ‚Rauschen‘ selbst schon sinnhaft ist. Die Komplexität ist selbst schon Sinn, weil Sinn immer komplex ist, auch dort wo er ‚einfach‘ oder ‚schlicht‘ zu sein scheint. Sinn hat immer schon die Struktur eines Sinnes von Sinn, also von Vordergrund und Hintergrund. Ohne die Komplexität des Hintergrundes könnte uns der Vordergrund nichts ‚bedeuten‘.
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„Wenn schon eine ganze Welt, auf Erkenntnis beruhend und ihrer ständig bedürftig, errichtet ist und ihren Gang geht, wie die der modernen Technik, wird der nach dem Grund ihrer Möglichkeit und nach ihren Sicherheitsgarantien Fragende zum Sokrates der Vergeblichkeit.“ (Blumenberg, Höhlenausgänge, S.169)
„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)
Mittwoch, 24. April 2013
Dienstag, 23. April 2013
Norbert Bolz, Das Gestell, München 2012
1. Elliptische Argumentation
2. Blumann und Luhmenberg
3. Konvergenz statt Interdisziplinarität
4. Benutzerillusionen
5. Rückkopplung: positiv?
6. Gesellige Technik
7. Körperleibvariationen
8. Der Unternehmerführer
Den Begriff „Gestell“ hat Norbert Bolz von Heidegger übernommen. Es entspricht dem, was ich mit Husserl und Blumenberg als ‚Lebenswelt‘ bezeichne. Allerdings beschreibt Bolz das Gestell als eine „vom menschlichen Bewusstsein abgelöste Sinnstruktur der Welt.“ (Bolz 2012, S.9; vgl. auch S.26) Ich sehe aber in der Lebenswelt vor allem eine Bewußtseinsfunktion. Wenn das Gestell etwas mit dieser Lebenswelt zu tun hat, muß es ebenfalls eine Bewußtseinsfunktion bilden. Bolz versäumt hier wahrscheinlich eine Differenzierung zwischen Bewußtsein und Unterbewußtsein. So bezeichnet er an anderer Stelle das Gestell als „bewusstlose Sinnstruktur der Welt“ (vgl. Bolz 2012, S.17). Bewußtsein und Gestell haben also bei Bolz nichts gemeinsam.
Dennoch bringt Bolz das Gestell und die Lebenswelt immer wieder zusammen (vgl. Bolz 2012, S.15, 44 u.ö.) und vergleicht es auch schon mal mit Heideggers „Man“. Es muß also Überschneidungspunkte zwischen Gestell und Lebenswelt geben, so daß von einer ‚bewußtlosen‘ Sinnstruktur nicht die Rede sein kann, – abgesehen davon, daß es sich bei dieser Begriffszusammenstellung um ein Oxymoron handelt. Letztlich versteht auch Bolz unter ‚Gestell‘ nichts anderes als eine spezifische, von der Technik geformte Lebenswelt. Als diese Technik, bzw. als „Installation“ (vgl. Bolz 2012, S.48), ist sie insoweit ‚bewußtseinsfremd‘, als die technischen Geräte wie in dem Film „Population: Zero“ noch einige Tage und Wochen weiterlaufen würden, wenn die Menschen von einem Tag auf den anderen aus dieser Welt verschwänden.
Für den Gestellcharakter der Technik verwendet Bolz eine schöne Metapher, die er aber in ihrem Bedeutungsgehalt nicht voll ausschöpft. Das Gestell, also die wissenschaftlich-technologische, industrielle Zivilisation des ‚Westens‘, hat sich bekanntlich in alle Himmelsrichtungen in allen Kulturen auf der Erde etabliert bzw. ‚installiert‘. Wir nennen das ‚Globalisierung‘: „Zwar hat jede Kultur ein eigenes historisches Apriori. Aber die Technik bleibt davon unberührt. Die technische Rationalität lässt sich nämlich von ihrem Entstehungskontext ablösen und globalisieren. Damit wird sie aber selbst zum historischen Apriori. Die Einheit der Welt ist eine rein technologische.“ (Bolz 2012, S.19)
Das bedeutet allerdings nicht, daß das Gestell vom individuellen und kulturellen Bewußtsein völlig abgelöst sei, sondern nur, daß es auf Bewußtseinsebenen fungiert, die unserer bewußten Kontrolle entzogen sind. Um die Infiltration der Kulturen durch die Technik der westlichen Zivilisation zu veranschaulichen, spricht Bolz vom „trojanische(n) Pferd der abendländischen Rationalität“. (Vgl. Bolz 2012, S.69)
‚In‘ diesem trojanischen Pferd ‚stecken‘ aber viel mehr als nur einige ‚Krieger‘, die sich wie Computerviren im Betriebssystem der Stadt ausbreiten. Zunächst einmal haben wir es beim trojanischen Pferd selbst mit einem hölzernen, pferdähnlichen ‚Gestell‘ zu tun. Zugleich aber haben wir es mit einem ‚Pferd‘ im ‚Pferd‘ zu tun, ähnlich den ineinander verschachtelten ‚Höhlen‘, von denen Blumenberg spricht. (Vgl. meinen Post vom 13.07.2012) Wenn die ‚Trojaner‘ – in diesem Fall keine Computerviren, sondern die Bewohner von Troja – das Pferd-Gestell in ihre Stadt hereinziehen, so befinden sich darin keine Krieger, sondern eine bestimmte Lebensweise, eben die technische Zivilisation, die nun ihrerseits die Stadt wie ein „stahlhartes Gehäuse“ (Bolz 2012, S.67ff.) umschließt.
Leroi-Gourhan spricht davon, daß die Menschheit im Laufe ihrer Geschichte immer mehr Fähigkeiten an Werkzeuge und Maschinen ‚exteriorisiert‘. (Vgl. meinen Post vom 24.03.2013) Dieser Prozeß gipfelt in der Exteriorisierung der Intelligenz im Computer. Wer nun gemeint hatte, das ließe sich nicht mehr toppen, muß beim Lesen von Bolzens Buch feststellen, daß er sich getäuscht hat. Das Gestell bildet nämlich eine weitere Exteriorisierungsstufe, diesmal allerdings nicht von einer Fähigkeit, sondern von einer Nicht-Fähigkeit: dem Vollzug! Meyer-Drawe zufolge handelt es sich bei Vollzügen um Prozesse, an denen wir beteiligt sind, ohne sie auszulösen, wie etwa sich freuen, sich täuschen, geboren werden, altern oder aufwachen. (Vgl. meinen Post vom 10.01.2012) Auch die Lebenswelt hat Vollzugscharakter.
Der Vollzug stellt nach meiner Definition einen Teil des Unbewußten dar, der anderen Seite unseres Bewußtseins. (Vgl. meinen Post vom 20.04.2012) Wir können also sagen, daß wir mit dem Gestell, also der technischen Zivilisation unser Unbewußtes exteriorisiert haben. Es ‚fungiert‘ als Teil unseres Bewußtseins außerhalb von uns in den technischen Geräten. Von nun an gilt: „Nicht die Grenzen meines Körpers, sondern die Grenzen meiner Geräte sind die Grenzen meiner Welt.“ (Bolz 2012, S.105)
Insofern hat Bolz recht: Das Gestell hat sich tatsächlich vom Bewußtsein abgelöst. Allerdings eben nicht als „Sinnstruktur“. Denn das Gestell macht eben überhaupt keinen Sinn mehr! Das kommt z.B. in Heideggers ‚anstößigem‘ Satz, den Bolz mehrfach zitiert, zum Ausdruck: „Die Wissenschaft denkt nicht.“ (Bolz 2012, S.10; vgl. auch S.15, 16f., 23 u.ö.) – Die moderne, mathematisch formalisierte Wissenschaft bildet das innere Formgesetz des Gestells und „erreicht im Zeitalter des Computers ihre definitive Endform.“ (Vgl. Bolz 2012, S.10) Bolz ergänzt: „Die wissenschaftlich-technische Zivilisation denkt nicht, und sie schreitet genau in dem Maße voran, in dem sie uns das Denken erspart.“ (Bolz 2012, S.16)
An die Stelle des Denkens tritt das Rechnen. Und Rechnen heißt Simulieren. Die Rechenmaschine ersetzt also das Denken durch Simulationen: „Eine Maschine muss nicht denken und verstehen, wenn sie sich nur im Turing-Test bewährt.“ (Bolz 2012, S.84) Die Menschen wiederum werden auf diese Weise vom eigentlichen Denken entlastet, was allerdings schon eine längere, hinter die Computer zurückreichende Kulturgeschichte hat. Denn das, was die Moderne Denken nannte, wurde schon vorher, am Vorbild der Naturwissenschaften, mit mathematisierbaren Naturprozessen gleichgesetzt: „... dass Maschinen denken können und dass das, was wir in der Moderne Denken nannten, gar kein Denken war, sind zwei komplementäre Formulierungen desselben Sachverhalts.“ (Bolz 2012, S.86)
Schon immer wird im Schulunterricht den Kindern am Beispiel des Rechnenlernens vorgeführt, daß es ein ‚Denken‘ ohne ‚Verstehen‘ gibt. So heißt es schon bei Max Weber: „Das Einmaleins wird uns als Kindern ganz ebenso ‚oktroyiert‘ wie einem Untertan eine rationale Anordnung eines Despoten. Und zwar im innerlichsten Sinn, als etwas von uns in seinen Gründen und selbst Zwecken zunächst ganz Unverstandenes, dennoch aber verbindlich ‚Geltendes‘.“ (Bolz 2012. S.68) – Bolz ergänzt: „Wenn Kinder rechnen lernen, werden sie in Turingmaschinen verwandelt. Ausgerüstet mit Papier, Bleistift, Radiergummi und eiserner Disziplin, müssen sie eine Liste von Anweisungen ausführen.“ (Bolz 2012, S.81)
Seit den PISA-Reformen hat das deutsche Bildungssystem einen weiteren Schritt in Richtung auf ‚Standards‘ gemacht, in denen es wie bei einer Black Box nur noch auf den Output ankommt. Anwendungsorientierung und Kompetenzmodelle ersetzen den ehrwürdigen Humboldtschen Bildungsbegriff, bei dem es vor allem ums Selber-Denken ging. Bolz spricht vom „Allermundewort ‚Praxisorientierung‘“: „Darin liegt stets der Verzicht auf Einsicht, d.h. Black Boxing ...“ (Bolz 2012, S.100)
Das Gestell ‚denkt‘ also nicht. Außerdem kommuniziert es nicht, denn Maschinen-‚Kommunikation‘ besteht nur im Austausch von Informationen. Und: „Information ist die Sprache des Gestells. Und ihre Wissenschaft, die Kybernetik, lehrt nicht, wie man sich mitteilt, sondern wie man steuert.“ (Bolz 2012, S.23) – Der Informationsaustausch bildet einen mathematisch formalisierten Prozeß der Wenn-Dann-Verknüpfung von Zahlen. Nichts anderes meint das Wort ‚Algorithmus‘. Wir haben es also nicht mit Sätzen zu tun, in denen Wörter in eine S/P-Struktur gebracht werden, also Subjekte und Prädikate bilden: „Algorithmen ersetzen die Diskursivität. Nicht mehr das Wort, sondern die Zahl eröffnet seither den Zugang zur Welt. Am Anfang war das Wort, aber am Ende steht der Computer mit seinem binären Code. Er vollendet die Krise des Wortes.“ (Bolz 2012, S.10)
Wir halten also fest: Computer nehmen uns das Denken ab, indem sie es in Algorithmen überführen, die das Denken nur noch simulieren. Maschinen kommunizieren nicht, weil zur menschlichen Kommunikation die S/P-Struktur von Sätzen gehört, in der die Weltwahrnehmung individuell perspektiviert wird: Subjekte fokussieren das Weltgeschehen und ordnen es nach für sie bedeutungsvollen Eigenschaften (Prädikaten). (Vgl. meinen Post vom 23.01.2011) An die Stelle eines solchen Selbst- und Weltverhältnisses treten abstrakte Zahlenverhältnisse. Der Mensch wurde schon vor der Computerisierung der menschlichen Lebensverhältnisse im Schulunterricht auf das Nicht-Verstehen eingeübt. Hinzu kommt die alltägliche „Koevolution des Menschen mit seiner eigenen Technik“ (vgl. Bolz 2012, S.32):
Nicht nur, daß hier plötzlich Information und Kommunikation nicht mehr zwei völlig verschiedene Dinge sein sollen, sondern in der Noosphäre ein Entwicklungskontinuum bilden, – auch das ‚Wort‘ steckt nun plötzlich nicht mehr in einer ‚Krise‘, sondern es ist in algorithmischer Transsubstantiation zwar nicht ‚Fleisch‘, aber dafür ‚Technik‘ geworden (vgl. ‚Bolz 2012, S.119) und fügt das bislang getrennte Begriffspaar Gemeinschaft und Gesellschaft zu „virtuellen Gemeinschaften und sozialen Netzwerken“ zusammen. (Vgl. Bolz 2012, S.118)
Ungeachtet der zuvor beschriebenen Verbindung von „Black Boxing“ und „Benutzerfreundlichkeit“, in der „(j)edes Interface“ „zwei Black-Boxes gleichzeitig verbirgt: das psychische System und die komplizierte Technik“ (vgl. Bolz 2012, S.99), halluziniert Bolz plötzlich ein „bewertende(s) Volk“, „unermüdlich im Linking, Tagging, Bookmarking und der Erstellung von Playlists“, das auf mysteriöse Weise „Qualität im Netz“ produziert: „Intelligenz entsteht hier nicht durch die Programme, sondern durch Kommunikation. ... Netzwerklogik statt künstlicher Intelligenz.“ (Bolz 2012, S.113)
Wie kommt Bolz vom einen zum anderen? Vom Desaster des ‚Gestells‘ zur Heilsbotschaft eines ‚Neuen Bundes‘ zwischen Mensch und Technik? Das wird nirgendwo gesagt. Die Argumente werden uns nicht mitgeteilt. Das läßt sich bestenfalls als elliptische Argumentationsstrategie bezeichnen, die möglicherweise der essayistischen Form des Buches mit seinen lose gekoppelten Kapiteln geschuldet ist. Aber wie ich schon an anderer Stelle festgestellt habe: verschwiegene Argumente sind keine Argumente. (Vgl. meinen Post vom 22.02.2013) Eine elliptische Argumentationsweise ist keine; allenfalls eine Ellyptik.
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2. Blumann und Luhmenberg
3. Konvergenz statt Interdisziplinarität
4. Benutzerillusionen
5. Rückkopplung: positiv?
6. Gesellige Technik
7. Körperleibvariationen
8. Der Unternehmerführer
Den Begriff „Gestell“ hat Norbert Bolz von Heidegger übernommen. Es entspricht dem, was ich mit Husserl und Blumenberg als ‚Lebenswelt‘ bezeichne. Allerdings beschreibt Bolz das Gestell als eine „vom menschlichen Bewusstsein abgelöste Sinnstruktur der Welt.“ (Bolz 2012, S.9; vgl. auch S.26) Ich sehe aber in der Lebenswelt vor allem eine Bewußtseinsfunktion. Wenn das Gestell etwas mit dieser Lebenswelt zu tun hat, muß es ebenfalls eine Bewußtseinsfunktion bilden. Bolz versäumt hier wahrscheinlich eine Differenzierung zwischen Bewußtsein und Unterbewußtsein. So bezeichnet er an anderer Stelle das Gestell als „bewusstlose Sinnstruktur der Welt“ (vgl. Bolz 2012, S.17). Bewußtsein und Gestell haben also bei Bolz nichts gemeinsam.
Dennoch bringt Bolz das Gestell und die Lebenswelt immer wieder zusammen (vgl. Bolz 2012, S.15, 44 u.ö.) und vergleicht es auch schon mal mit Heideggers „Man“. Es muß also Überschneidungspunkte zwischen Gestell und Lebenswelt geben, so daß von einer ‚bewußtlosen‘ Sinnstruktur nicht die Rede sein kann, – abgesehen davon, daß es sich bei dieser Begriffszusammenstellung um ein Oxymoron handelt. Letztlich versteht auch Bolz unter ‚Gestell‘ nichts anderes als eine spezifische, von der Technik geformte Lebenswelt. Als diese Technik, bzw. als „Installation“ (vgl. Bolz 2012, S.48), ist sie insoweit ‚bewußtseinsfremd‘, als die technischen Geräte wie in dem Film „Population: Zero“ noch einige Tage und Wochen weiterlaufen würden, wenn die Menschen von einem Tag auf den anderen aus dieser Welt verschwänden.
Für den Gestellcharakter der Technik verwendet Bolz eine schöne Metapher, die er aber in ihrem Bedeutungsgehalt nicht voll ausschöpft. Das Gestell, also die wissenschaftlich-technologische, industrielle Zivilisation des ‚Westens‘, hat sich bekanntlich in alle Himmelsrichtungen in allen Kulturen auf der Erde etabliert bzw. ‚installiert‘. Wir nennen das ‚Globalisierung‘: „Zwar hat jede Kultur ein eigenes historisches Apriori. Aber die Technik bleibt davon unberührt. Die technische Rationalität lässt sich nämlich von ihrem Entstehungskontext ablösen und globalisieren. Damit wird sie aber selbst zum historischen Apriori. Die Einheit der Welt ist eine rein technologische.“ (Bolz 2012, S.19)
Das bedeutet allerdings nicht, daß das Gestell vom individuellen und kulturellen Bewußtsein völlig abgelöst sei, sondern nur, daß es auf Bewußtseinsebenen fungiert, die unserer bewußten Kontrolle entzogen sind. Um die Infiltration der Kulturen durch die Technik der westlichen Zivilisation zu veranschaulichen, spricht Bolz vom „trojanische(n) Pferd der abendländischen Rationalität“. (Vgl. Bolz 2012, S.69)
‚In‘ diesem trojanischen Pferd ‚stecken‘ aber viel mehr als nur einige ‚Krieger‘, die sich wie Computerviren im Betriebssystem der Stadt ausbreiten. Zunächst einmal haben wir es beim trojanischen Pferd selbst mit einem hölzernen, pferdähnlichen ‚Gestell‘ zu tun. Zugleich aber haben wir es mit einem ‚Pferd‘ im ‚Pferd‘ zu tun, ähnlich den ineinander verschachtelten ‚Höhlen‘, von denen Blumenberg spricht. (Vgl. meinen Post vom 13.07.2012) Wenn die ‚Trojaner‘ – in diesem Fall keine Computerviren, sondern die Bewohner von Troja – das Pferd-Gestell in ihre Stadt hereinziehen, so befinden sich darin keine Krieger, sondern eine bestimmte Lebensweise, eben die technische Zivilisation, die nun ihrerseits die Stadt wie ein „stahlhartes Gehäuse“ (Bolz 2012, S.67ff.) umschließt.
Leroi-Gourhan spricht davon, daß die Menschheit im Laufe ihrer Geschichte immer mehr Fähigkeiten an Werkzeuge und Maschinen ‚exteriorisiert‘. (Vgl. meinen Post vom 24.03.2013) Dieser Prozeß gipfelt in der Exteriorisierung der Intelligenz im Computer. Wer nun gemeint hatte, das ließe sich nicht mehr toppen, muß beim Lesen von Bolzens Buch feststellen, daß er sich getäuscht hat. Das Gestell bildet nämlich eine weitere Exteriorisierungsstufe, diesmal allerdings nicht von einer Fähigkeit, sondern von einer Nicht-Fähigkeit: dem Vollzug! Meyer-Drawe zufolge handelt es sich bei Vollzügen um Prozesse, an denen wir beteiligt sind, ohne sie auszulösen, wie etwa sich freuen, sich täuschen, geboren werden, altern oder aufwachen. (Vgl. meinen Post vom 10.01.2012) Auch die Lebenswelt hat Vollzugscharakter.
Der Vollzug stellt nach meiner Definition einen Teil des Unbewußten dar, der anderen Seite unseres Bewußtseins. (Vgl. meinen Post vom 20.04.2012) Wir können also sagen, daß wir mit dem Gestell, also der technischen Zivilisation unser Unbewußtes exteriorisiert haben. Es ‚fungiert‘ als Teil unseres Bewußtseins außerhalb von uns in den technischen Geräten. Von nun an gilt: „Nicht die Grenzen meines Körpers, sondern die Grenzen meiner Geräte sind die Grenzen meiner Welt.“ (Bolz 2012, S.105)
Insofern hat Bolz recht: Das Gestell hat sich tatsächlich vom Bewußtsein abgelöst. Allerdings eben nicht als „Sinnstruktur“. Denn das Gestell macht eben überhaupt keinen Sinn mehr! Das kommt z.B. in Heideggers ‚anstößigem‘ Satz, den Bolz mehrfach zitiert, zum Ausdruck: „Die Wissenschaft denkt nicht.“ (Bolz 2012, S.10; vgl. auch S.15, 16f., 23 u.ö.) – Die moderne, mathematisch formalisierte Wissenschaft bildet das innere Formgesetz des Gestells und „erreicht im Zeitalter des Computers ihre definitive Endform.“ (Vgl. Bolz 2012, S.10) Bolz ergänzt: „Die wissenschaftlich-technische Zivilisation denkt nicht, und sie schreitet genau in dem Maße voran, in dem sie uns das Denken erspart.“ (Bolz 2012, S.16)
An die Stelle des Denkens tritt das Rechnen. Und Rechnen heißt Simulieren. Die Rechenmaschine ersetzt also das Denken durch Simulationen: „Eine Maschine muss nicht denken und verstehen, wenn sie sich nur im Turing-Test bewährt.“ (Bolz 2012, S.84) Die Menschen wiederum werden auf diese Weise vom eigentlichen Denken entlastet, was allerdings schon eine längere, hinter die Computer zurückreichende Kulturgeschichte hat. Denn das, was die Moderne Denken nannte, wurde schon vorher, am Vorbild der Naturwissenschaften, mit mathematisierbaren Naturprozessen gleichgesetzt: „... dass Maschinen denken können und dass das, was wir in der Moderne Denken nannten, gar kein Denken war, sind zwei komplementäre Formulierungen desselben Sachverhalts.“ (Bolz 2012, S.86)
Schon immer wird im Schulunterricht den Kindern am Beispiel des Rechnenlernens vorgeführt, daß es ein ‚Denken‘ ohne ‚Verstehen‘ gibt. So heißt es schon bei Max Weber: „Das Einmaleins wird uns als Kindern ganz ebenso ‚oktroyiert‘ wie einem Untertan eine rationale Anordnung eines Despoten. Und zwar im innerlichsten Sinn, als etwas von uns in seinen Gründen und selbst Zwecken zunächst ganz Unverstandenes, dennoch aber verbindlich ‚Geltendes‘.“ (Bolz 2012. S.68) – Bolz ergänzt: „Wenn Kinder rechnen lernen, werden sie in Turingmaschinen verwandelt. Ausgerüstet mit Papier, Bleistift, Radiergummi und eiserner Disziplin, müssen sie eine Liste von Anweisungen ausführen.“ (Bolz 2012, S.81)
Seit den PISA-Reformen hat das deutsche Bildungssystem einen weiteren Schritt in Richtung auf ‚Standards‘ gemacht, in denen es wie bei einer Black Box nur noch auf den Output ankommt. Anwendungsorientierung und Kompetenzmodelle ersetzen den ehrwürdigen Humboldtschen Bildungsbegriff, bei dem es vor allem ums Selber-Denken ging. Bolz spricht vom „Allermundewort ‚Praxisorientierung‘“: „Darin liegt stets der Verzicht auf Einsicht, d.h. Black Boxing ...“ (Bolz 2012, S.100)
Das Gestell ‚denkt‘ also nicht. Außerdem kommuniziert es nicht, denn Maschinen-‚Kommunikation‘ besteht nur im Austausch von Informationen. Und: „Information ist die Sprache des Gestells. Und ihre Wissenschaft, die Kybernetik, lehrt nicht, wie man sich mitteilt, sondern wie man steuert.“ (Bolz 2012, S.23) – Der Informationsaustausch bildet einen mathematisch formalisierten Prozeß der Wenn-Dann-Verknüpfung von Zahlen. Nichts anderes meint das Wort ‚Algorithmus‘. Wir haben es also nicht mit Sätzen zu tun, in denen Wörter in eine S/P-Struktur gebracht werden, also Subjekte und Prädikate bilden: „Algorithmen ersetzen die Diskursivität. Nicht mehr das Wort, sondern die Zahl eröffnet seither den Zugang zur Welt. Am Anfang war das Wort, aber am Ende steht der Computer mit seinem binären Code. Er vollendet die Krise des Wortes.“ (Bolz 2012, S.10)
Wir halten also fest: Computer nehmen uns das Denken ab, indem sie es in Algorithmen überführen, die das Denken nur noch simulieren. Maschinen kommunizieren nicht, weil zur menschlichen Kommunikation die S/P-Struktur von Sätzen gehört, in der die Weltwahrnehmung individuell perspektiviert wird: Subjekte fokussieren das Weltgeschehen und ordnen es nach für sie bedeutungsvollen Eigenschaften (Prädikaten). (Vgl. meinen Post vom 23.01.2011) An die Stelle eines solchen Selbst- und Weltverhältnisses treten abstrakte Zahlenverhältnisse. Der Mensch wurde schon vor der Computerisierung der menschlichen Lebensverhältnisse im Schulunterricht auf das Nicht-Verstehen eingeübt. Hinzu kommt die alltägliche „Koevolution des Menschen mit seiner eigenen Technik“ (vgl. Bolz 2012, S.32):
„Man kann Lebenswelt und technische Welt nicht als Gegensatz konstruieren. Das Technische ist selbst lebensweltlich geworden, nämlich ‚in der Dienstbarmachung des Unverstandenen als der jeder Besinnung und jedes Zögerns unbedürftigen Auslösung von Funktionen.‘() Blumenberg positiviert also genau den Prozess der Technisierung, den Husserl kritisiert: dass nämlich Erfolg die Begründung ersetzt.“ (Bolz 2012, S.44)Bolzens Argumentation ist bis hierhin schlüssig und nachvollziehbar. Dann aber macht er etwas, wofür er die Argumente schuldig bleibt. Von seiner kritischen und sogar düsteren Darstellung des Gestells wechselt er zum Entwurf einer „konkreten Utopie“. (Vgl. Bolz 2012, S.90) In Anlehnung an das Neue Testament spricht er von einem „Neuen Bund“ des Menschen mit der Technik. (Vgl. Bolz 2012, S.90ff.) Das Gestell ist jetzt nicht mehr das Gestell, sondern heißt plötzlich mit Bezug auf Teilhard de Chardin „Noosphäre“, in der es um „Kommunikation, Partizipation und Gemeinschaft“ geht. Diese Noosphäre steht am Ende eines Entwicklungsprozesses, der „von der Information über die Kommunikation zur Partizipation“ führt. (Vgl. Bolz 2012, S.114)
Nicht nur, daß hier plötzlich Information und Kommunikation nicht mehr zwei völlig verschiedene Dinge sein sollen, sondern in der Noosphäre ein Entwicklungskontinuum bilden, – auch das ‚Wort‘ steckt nun plötzlich nicht mehr in einer ‚Krise‘, sondern es ist in algorithmischer Transsubstantiation zwar nicht ‚Fleisch‘, aber dafür ‚Technik‘ geworden (vgl. ‚Bolz 2012, S.119) und fügt das bislang getrennte Begriffspaar Gemeinschaft und Gesellschaft zu „virtuellen Gemeinschaften und sozialen Netzwerken“ zusammen. (Vgl. Bolz 2012, S.118)
Ungeachtet der zuvor beschriebenen Verbindung von „Black Boxing“ und „Benutzerfreundlichkeit“, in der „(j)edes Interface“ „zwei Black-Boxes gleichzeitig verbirgt: das psychische System und die komplizierte Technik“ (vgl. Bolz 2012, S.99), halluziniert Bolz plötzlich ein „bewertende(s) Volk“, „unermüdlich im Linking, Tagging, Bookmarking und der Erstellung von Playlists“, das auf mysteriöse Weise „Qualität im Netz“ produziert: „Intelligenz entsteht hier nicht durch die Programme, sondern durch Kommunikation. ... Netzwerklogik statt künstlicher Intelligenz.“ (Bolz 2012, S.113)
Wie kommt Bolz vom einen zum anderen? Vom Desaster des ‚Gestells‘ zur Heilsbotschaft eines ‚Neuen Bundes‘ zwischen Mensch und Technik? Das wird nirgendwo gesagt. Die Argumente werden uns nicht mitgeteilt. Das läßt sich bestenfalls als elliptische Argumentationsstrategie bezeichnen, die möglicherweise der essayistischen Form des Buches mit seinen lose gekoppelten Kapiteln geschuldet ist. Aber wie ich schon an anderer Stelle festgestellt habe: verschwiegene Argumente sind keine Argumente. (Vgl. meinen Post vom 22.02.2013) Eine elliptische Argumentationsweise ist keine; allenfalls eine Ellyptik.
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Mittwoch, 17. April 2013
Zwischen Expressivität und Referentialität
Amelie Sjölin, Schrift als Geste. Wort und Bild in Kinderarbeiten, Neuried 1996
1. Methode: jenseits von wahr oder falsch
2. Gesten, Spuren und Narben
3. Symbolisierungsweisen
Unter dem „Primat der Sprache“ (Sjölin 1996, S.7) gilt nur die Sprache als symbolisierendes Medium. Das gilt auch schon für die beiden Begründer der modernen Hermeneutik, für Friedrich Schleiermacher (vgl. Sjölin 1996, S.33) und für Wilhelm von Humboldt (vgl. Sjölin 1996, S.44): „Er (Schleiermacher – DZ) bestimmt die Grenzen der Hermeneutik so, daß sie ‚es immer nur mit dem in der Sprache Produzierten zu tun haben kann‘ ... . Sprache ist für Schleiermacher die Voraussetzung fürs Denken und somit Grundlage für alle anderen Funktionen des Geistes. Er unterscheidet zwar eher bild- und eher formelhafte Gedanken ..., fragt aber nicht nach der Möglichkeit bzw. Notwendigkeit, Bilder zu interpretieren.“ (Sjölin 1996, S.33)
Amelie Sjölin spricht von mindestens zwei Symbolisierungsweisen, wie schon aus dem Titel ihres Buches hervorgeht: von Bild und Wort. Tatsächlich sind es aber viel mehr, denn schon beim ‚Wort‘ müssen wir zwischen einer schriftlichen und einer mündlichen Symbolisierungsweise unterscheiden. Hinzu kommt noch, neben der Stimme, eine weitere leibgebundene Symbolisierungsweise wie die Geste. Die Geste definiert Sjölin als eine „symbolisierende Bewegung des Körpers“, die „etwas in Szene“ setzt. (Vgl. Sjölin 1996, S.7) Das folgende Zitat beinhaltet eine umfassende Definition für das, was Sjölin als „Symbolisierungsweisen“ bzw. als „Symbolisierungsmodi“ bezeichnet:
Von einer biologischen ‚Symbolisierungsebene‘ kann natürlich nur in Anführungsstrichen gesprochen werden, da wir es bei Symbolisierungsprozessen immer mit Sinnstiftungsprozessen zu tun haben, also unter Beteiligung eines wachen, fokussierten Selbstbewußtseins: „Die Kinder schreiben etwas Wesentliches von sich; sie erproben Sinn, setzen Zeichen, schaffen Beziehungen zwischen Zeichen, eignen sich etwas an. Sie erfahren, wie Sinn entsteht.“ (Sjölin 1996, S.26) – Wenn sich in diese kindliche Kreativität immer auch Gesellschaftliches und Kulturelles hineinmischt, dann haben wir es hier mit der von Tomasello beschriebenen Wechselseitigkeit individueller und kultureller Lernprozesse zu tun. (Vgl. meinen Post vom 24.05.2011)
Symbolisierungsmodi sind also mit allen Ebenen der Menschheitsentwicklung verknüpft, der biologischen, kulturellen und individuellen Ebene; und aktuell erleben wir, wie neue digitale Symbolisierungsmodi in Form animierter Computergraphiken hinzukommen: „Schrift erscheint überall, Computeranimation bringt sie in Bewegung, macht sie zu einer flüchtigen Erscheinung und darin der Lautsprache ähnlich, die ihrerseits durch elektronische Tonaufzeichnung verfügbarer und damit der Schrift ähnlicher geworden ist.“ (Sjölin 1996, S.115)
Diese historischen Veränderungen, wie wir sie schon einmal mit der Erfindung des Buchdrucks erlebt haben, veranlassen Sjölin zu der Feststellung, daß „es kein universell gültiges Schema für die menschliche Entwicklung geben“ könne. (Vgl. Sjölin 1996, S.102) – Diese Aussage möchte ich allerdings so nicht stehen lassen. Es gibt ganz klare biologische Grundlagen für das menschliche „Symbolisierungsvermögen“ (Sjölin 1996, S.13), wie sie von Plessner und Leroi-Gourhan beschrieben werden. Wenn die technologische Entwicklung über diese biologischen Grundlagen hinwegschreiten sollte und sich diese biologischen Grundlagen also verändern sollten – sowohl aufgrund bewußter bio-technologischer Eingriffe wie auch aufgrund veränderter lebensweltlicher Mechanismen –, so würde das bislang gültige Schema für die menschliche Entwicklung nicht mehr gelten. Soweit stimme ich Sjölin zu.
Wir könnten dann aber überhaupt nicht mehr von einer spezifisch menschlichen Entwicklung sprechen! Mit der Möglichkeit von Hybridbildungen allerart, zwischen den Tieren, zwischen Tieren und Menschen, zwischen Menschen und Maschinen, würde die bisherige Gattungsbezeichnung homo sapiens überflüssig werden. Es gäbe schlicht keinen Referenten mehr, auf den sich dieser Begriff noch beziehen könnte. Es besteht also mehr denn je Anlaß, sich über dieses „Schema“ des Menschlichen verstärkt Gedanken zu machen. Das hat nichts mit Kulturpessimismus zu tun, sondern schlicht und einfach mit Achtsamkeit und Aufmerksamkeit.
Sjölin spricht von den körperlich-sinnlichen Symbolisierungsmodalitäten wie Rhythmik und Gestik, die auf das Papier übertragen werden. Darauf möchte ich zum Schluß gerne noch einmal zu sprechen kommen, weil es einige Stellen gibt, die eine Ahnung dafür wecken, was es für das Kind beim „Kritzeln und Zeichnen“ (Sjölin 1996, S.96) bedeutet, zu erfahren, „wie Sinn entsteht“. (Vgl. Sjölin 1996, S.26) Es folgt noch einmal ein längeres Zitat:
1. Methode: jenseits von wahr oder falsch
2. Gesten, Spuren und Narben
3. Symbolisierungsweisen
Unter dem „Primat der Sprache“ (Sjölin 1996, S.7) gilt nur die Sprache als symbolisierendes Medium. Das gilt auch schon für die beiden Begründer der modernen Hermeneutik, für Friedrich Schleiermacher (vgl. Sjölin 1996, S.33) und für Wilhelm von Humboldt (vgl. Sjölin 1996, S.44): „Er (Schleiermacher – DZ) bestimmt die Grenzen der Hermeneutik so, daß sie ‚es immer nur mit dem in der Sprache Produzierten zu tun haben kann‘ ... . Sprache ist für Schleiermacher die Voraussetzung fürs Denken und somit Grundlage für alle anderen Funktionen des Geistes. Er unterscheidet zwar eher bild- und eher formelhafte Gedanken ..., fragt aber nicht nach der Möglichkeit bzw. Notwendigkeit, Bilder zu interpretieren.“ (Sjölin 1996, S.33)
Amelie Sjölin spricht von mindestens zwei Symbolisierungsweisen, wie schon aus dem Titel ihres Buches hervorgeht: von Bild und Wort. Tatsächlich sind es aber viel mehr, denn schon beim ‚Wort‘ müssen wir zwischen einer schriftlichen und einer mündlichen Symbolisierungsweise unterscheiden. Hinzu kommt noch, neben der Stimme, eine weitere leibgebundene Symbolisierungsweise wie die Geste. Die Geste definiert Sjölin als eine „symbolisierende Bewegung des Körpers“, die „etwas in Szene“ setzt. (Vgl. Sjölin 1996, S.7) Das folgende Zitat beinhaltet eine umfassende Definition für das, was Sjölin als „Symbolisierungsweisen“ bzw. als „Symbolisierungsmodi“ bezeichnet:
„‚Rhythmus‘, ‚Geste‘ und ‚enaktive und ikonische Modalitäten‘ bezeichnen körperhaft-sinnliche Symbolisierungsweisen, die sich von abstrakter begrifflicher Verarbeitung unterscheiden. ‚Rhythmus‘ ist bei Krötzsch mit reiner Bewegungsfreude und körperlicher Nachahmung verbunden, während sein Gegenpol, die ‚Form‘, begriffliche Inhalte formuliert. Die ‚Geste‘ symbolisiert für Wygotski eine bestimmte Handlung oder eine Einstellung zu etwas und drückt auf körperhaft-sinnliche Weise aus, was am anderen Pol geschriebene Sprache auf begrifflich distanzierte Art mitteilt. Die körperhaft-sinnlichen Symbolisierungsweisen werden als die entwicklungsgeschichtlich frühen verstanden, die Entwicklung als ein Prozeß, der vom Körper ausgeht und zunehmend Distanz schafft zwischen Körper und Symbolisiertem.“ (Sjölin 1996, S.106)Allen Symbolisierungsweisen liegt ein „Subjekt“ (Sjölin 1996, S.27) zugrunde, das in Sjölins Buch meistens Kinder im Grundschulalter sind, die gerade lesen und schreiben lernen. Als weitere ‚Symbolisierungssubjekte‘ nennt Sjölin die Gesellschaft bzw. die Kultur (vgl. Sjölin 1996, S.49) oder biologische Antriebskräfte (vgl. Sjölin 1996, S.96), so daß wir es hier mit drei verschiedenen ‚Symbolisierungs‘-Ebenen zu tun haben, die eine phylogenetische Perspektive eröffnen: „Nicht nur in ontogenetischer, auch in phylogenetischer Hinsicht – insbesondere vor dem Hintergrund technologischer und gesellschaftlicher Veränderungen, die sich auch auf den Umgang mit der Schrift auswirken() – ist mehr Klarheit über Grundlagen des menschlichen Symbolisierungsvermögens wünschenswert.“ (Sjölin 1996, S.13)
Von einer biologischen ‚Symbolisierungsebene‘ kann natürlich nur in Anführungsstrichen gesprochen werden, da wir es bei Symbolisierungsprozessen immer mit Sinnstiftungsprozessen zu tun haben, also unter Beteiligung eines wachen, fokussierten Selbstbewußtseins: „Die Kinder schreiben etwas Wesentliches von sich; sie erproben Sinn, setzen Zeichen, schaffen Beziehungen zwischen Zeichen, eignen sich etwas an. Sie erfahren, wie Sinn entsteht.“ (Sjölin 1996, S.26) – Wenn sich in diese kindliche Kreativität immer auch Gesellschaftliches und Kulturelles hineinmischt, dann haben wir es hier mit der von Tomasello beschriebenen Wechselseitigkeit individueller und kultureller Lernprozesse zu tun. (Vgl. meinen Post vom 24.05.2011)
Symbolisierungsmodi sind also mit allen Ebenen der Menschheitsentwicklung verknüpft, der biologischen, kulturellen und individuellen Ebene; und aktuell erleben wir, wie neue digitale Symbolisierungsmodi in Form animierter Computergraphiken hinzukommen: „Schrift erscheint überall, Computeranimation bringt sie in Bewegung, macht sie zu einer flüchtigen Erscheinung und darin der Lautsprache ähnlich, die ihrerseits durch elektronische Tonaufzeichnung verfügbarer und damit der Schrift ähnlicher geworden ist.“ (Sjölin 1996, S.115)
Diese historischen Veränderungen, wie wir sie schon einmal mit der Erfindung des Buchdrucks erlebt haben, veranlassen Sjölin zu der Feststellung, daß „es kein universell gültiges Schema für die menschliche Entwicklung geben“ könne. (Vgl. Sjölin 1996, S.102) – Diese Aussage möchte ich allerdings so nicht stehen lassen. Es gibt ganz klare biologische Grundlagen für das menschliche „Symbolisierungsvermögen“ (Sjölin 1996, S.13), wie sie von Plessner und Leroi-Gourhan beschrieben werden. Wenn die technologische Entwicklung über diese biologischen Grundlagen hinwegschreiten sollte und sich diese biologischen Grundlagen also verändern sollten – sowohl aufgrund bewußter bio-technologischer Eingriffe wie auch aufgrund veränderter lebensweltlicher Mechanismen –, so würde das bislang gültige Schema für die menschliche Entwicklung nicht mehr gelten. Soweit stimme ich Sjölin zu.
Wir könnten dann aber überhaupt nicht mehr von einer spezifisch menschlichen Entwicklung sprechen! Mit der Möglichkeit von Hybridbildungen allerart, zwischen den Tieren, zwischen Tieren und Menschen, zwischen Menschen und Maschinen, würde die bisherige Gattungsbezeichnung homo sapiens überflüssig werden. Es gäbe schlicht keinen Referenten mehr, auf den sich dieser Begriff noch beziehen könnte. Es besteht also mehr denn je Anlaß, sich über dieses „Schema“ des Menschlichen verstärkt Gedanken zu machen. Das hat nichts mit Kulturpessimismus zu tun, sondern schlicht und einfach mit Achtsamkeit und Aufmerksamkeit.
Sjölin spricht von den körperlich-sinnlichen Symbolisierungsmodalitäten wie Rhythmik und Gestik, die auf das Papier übertragen werden. Darauf möchte ich zum Schluß gerne noch einmal zu sprechen kommen, weil es einige Stellen gibt, die eine Ahnung dafür wecken, was es für das Kind beim „Kritzeln und Zeichnen“ (Sjölin 1996, S.96) bedeutet, zu erfahren, „wie Sinn entsteht“. (Vgl. Sjölin 1996, S.26) Es folgt noch einmal ein längeres Zitat:
„Im Einzelnen deutet er (Wolfgang Grözinger (1952/1984) – DZ) die anfänglichen kreisenden Bewegungen, die Spirale, die er ‚Urknäuel‘ nennt, als Darstellung eines ‚rotierenden Raumgefühls‘ und erwähnt in diesem Zusammenhang pränatale Situationen wie das Schweben in der Fruchtblase. In den durch senkrechte und waagerechte Kritzelbewegungen entstehenden Kreuzgebilden sieht er eine Konfrontation mit der Schwerkraft, das ‚Auskosten‘ des Sich-Aufrichtens und Stehens. Die Zickzacklinie ist ihm Sinnbild für Fortbewegung, für rhythmisches Gehen, und Kastenformen deutet er als Zeichen festen Bodengefühls ... .“ (Sjölin 1996, S.96f.)Besonders beeindruckt haben mich zwei Kandinsky-Zitate, mit denen ich unter diese drei Posts zu Sjölins „Schrift als Geste“ einen Punkt setzen will:
„Der Punkt ist ‚mit der höchsten Knappheit verbunden, d.h. mit der größten Zurückhaltung, die aber spricht. So ist der geometrische Punkt ... die höchste und höchst einzelne Verbindung von Schweigen und Sprechen. Deshalb hat der geometrische Punkt seine materielle Form in erster Linie in der Schrift gefunden – er gehört zur Sprache und bedeutet Schweigen. In der fließenden Rede ist der Punkt das Symbol der Unterbrechung ... und zur selben Zeit ist er eine Brücke von einem Sein zum anderen ... ‘ ... .“ (Sjölin 1996, S.80) / „‚Der Punkt ist das Resultat des ersten Zusammenstoßes des Werkzeuges mit der materiellen Fläche, mit der Grundfläche ... Durch diesen ersten Zusammenstoß wird die Grundfläche befruchtet‘ ... .“ (Sjölin 1996, S.80)Download
Dienstag, 16. April 2013
Zwischen Expressivität und Referentialität
Amelie Sjölin, Schrift als Geste. Wort und Bild in Kinderarbeiten, Neuried 1996
1. Methode: jenseits von wahr oder falsch
2. Gesten, Spuren und Narben
3. Symbolisierungsweisen
Das Erlernen von Schreiben und Lesen stand Sjölin zufolge lange Zeit unter dem „Primat der Sprache“ und „ist auf eine weit zurückreichende und tiefliegende ausgrenzende Entgegensetzung von Wort und Bild zurückzuführen.“ (Vgl. Sjölin 1996, S.7f.) Dieser Entgegensetzung entsprechen weitere Dualismen wie etwa Konvention/ Natur, Geist/Körper oder kognitiv/sinnlich. (Vgl. Sjölin 1996, S.10) In der Pädagogik selbst liegt im Rahmen dieses Dualismus die Betonung mal auf dem „Primat der Form“ (Kunsterzieherbewegung, Reformpädagogik), mal auf dem – wie schon erwähnt – „Primat der Sprache“ (Linguistik, Kommunikatives Handeln etc.). (Vgl. Sjölin 1996, S.7, 17,19, 93) Insgesamt kann man wohl sagen, daß ab den sechziger und siebziger Jahren der linguistische und kommunikationstheoretische Ansatz in der deutschen Schreib- und Leselerndidaktik dominiert.
An dieser Stelle möchte ich auch auf Sjölins interessante Kritik an dem speziellen Dualismus in Leroi-Gourhans Analysen zum Graphismus hinweisen. Ich selbst hatte schon auf seine einseitige Darstellung der mündlichen Sprache als einen eindimensionalen, linearen Modus der Symbolisierung hingewiesen. (Vgl. meinen Post vom 01.03.2013). Ohne die Modulationen der Stimme und ihre raumergreifende und raumfüllende Voluminosität zu berücksichtigen, bezieht sich Leroi-Gourhan ausschließlich auf das zeitliche Nacheinander der Phoneme bei der Artikulation. So gelangt Leroi-Gourhan zu einem Dualismus von mehrdimensionalen und eindimensionalen Symbolisierungsweisen, in dem zunächst das gesprochene Wort dem mehrdimensionalen Graphismus und dann der lineare Graphismus dem gesprochenen Wort dient.
Sjölin führt diesen Dualismus nun auf Leroi-Gourhans Beschreibung der Anatomie des Menschen zurück, den er Sjölin zufolge von hierher auf den bildlichen und den linearen Graphismus überträgt: „Er beschreibt die Entwicklung der graphischen Symbolisierungsweisen als eine vom ‚strahlenförmigen Graphismus‘ zur ‚linearen‘ Schrift. Die Kategorien ‚strahlenförmig‘ versus ‚linear‘ erinnern an die Gegenüberstellung der beiden grundsätzlich verschiedenen Organisationsprinzipien tierischen Lebens: radiale und bilaterale Symmetrie.“ (Sjöin 1996, S.122) – So wie sich also in der biologischen Evolution irgendwann die Entwicklungslinien von radial symmetrischen und bilateral symmetrischen Körpern getrennt haben, haben sich in der Schriftentwicklung irgendwann strahlenförmige Symbolisierungsweisen von linearen Symbolisierungsweisen getrennt.
Ich halte Sjölins Kritik an Leroi-Gourhans spezifischem Dualismus zwischen Bild und Wort bzw. zwischen „Zeichnen/Malen einerseits und Schreiben andererseits“ (Sjölin 1996, S.10) für zutreffend. Das ändert aber nichts an der Plausibilität der von ihm beschriebenen Entwicklungslinien, die auch Sjölin nach wie vor für „hochaktuell“ hält. (Vgl. Sjöin 1996, S.120)
Zumal auch Sjölin einen Grundgedanken Leroi-Gourhans in ihre zentrale These mit aufnimmt: „Ich folge dem Gedanken, daß Schrift nicht abbildet. Sie bringt nicht einfach nur zu Papier, was schon vor dem und unabhängig vom Schreiben existiert hat. Sie schöpft, formt, modelliert und moduliert. Daraus folgt aber nicht, daß sie auf nichts außer auf sich verweist.“ (Sjöin 1996, S.44) – Leroi-Gourhan hat sich schon ganz ähnlich zum Graphismus in der Menschheitsgeschichte geäußert. Auch die ersten Kerben und Einritzungen in Knochen deuten auf einen inneren Drang unserer Vorfahren, sich auszudrücken. Leroi-Gourhan zufolge brachten sie in den regelmäßigen Ritzungen ein inneres, rhythmisches Körpergefühl zum Ausdruck. Sie bildeten nicht etwas in der äußeren Welt ab und waren deshalb ‚abstrakt‘.
Ich möchte diesen Sachverhalt etwas anders beschreiben: Die ersten graphischen Lebensäußerungen unserer Vorfahren waren nicht primär referentiell, sondern expressiv. Das läuft jetzt nicht etwa auf einen weiteren Dualismus hinaus, in dem wieder zwischen Bild als Abbildung und Schrift als Abstraktion unterschieden wird. Sjölin hebt vielmehr hervor, daß sie mit ihrem Buch „versucht, sowohl den lautsprachlichen Bezug als auch das Graphische nicht außerhalb, sondern in der Schrift wahrzunehmen.“ – Gleichzeitig wendet sie sich gegen Leroi-Gourhans Bestimmung eines historisch unterschiedlichen Dienstverhältnisses zwischen Graphismus und mündlichem Wort, also „von Repräsentationsmodellen, denen zufolge eine Symbolisierungsweise die andere abbildet.“ (Vgl. Sjölin 1996, S.55)
Wenn ich also behaupte, daß die ersten Lebensäußerungen unserer Vorfahren nicht referentiell, sondern expressiv waren, so schließt das eben nicht aus, daß die Expression selbst wiederum eine Referenz beinhaltet, allerdings nicht in Richtung auf einen Gegenstand in der äußeren Welt, sondern auf sich selbst. Das läßt sich an der Staffelung selbstreferentieller Bezüge von ‚Gesten‘, ‚Spuren‘ und ‚Narben‘ zeigen.
Gesten sind natürlich immer beides: Haltungen, in denen wir eine Stimmung bzw. eine Gesinnung zum Ausdruck bringen, wie eben auch Zeigegesten, die auf bestimmte Gegenstände in der äußeren Welt verweisen. Sjölin definiert folgendermaßen: „Die Geste, eine symbolisierende Bewegung des Körpers, setzt etwas in Szene. Sie berührt, animiert zu weiteren Gesten. Wer sie wahrnimmt, ist involviert. Schrift als Geste betrachten heißt, ihrer suggestiven Kraft gewahr zu werden.“ (Sjölin 1996, S.7)
Die Geste ist wesentlich mehr als ein bloßes konventionelles Zeichen. Sie bringt eine Anwesenheit zum Ausdruck. Darin liegt ihre suggestive Kraft, die selbst einfachen Zeigegesten innewohnt. Wenn jemand auf etwas zeigt, sind wir regelrecht gezwungen, hinzuschauen. Es bedarf einer großen Kraftanstrengung, der Aufforderung einer Zeigegeste nicht zu folgen. Es ist die in der Haltung des Körperleibs zum Ausdruck kommende Anwesenheit eines Subjekts, die diese suggestive Kraft auf uns ausübt. Die Referentialität der Zeigegeste, die motivierende Neugier auf den Gegenstand, ist weitaus geringer, als der Eindruck, den es auf uns macht, wenn jemand auf etwas zeigt.
Ein weiteres Thema durchzieht Sjölins Buch: Schrift als Spur. Gesten und Spuren haben vieles gemeinsam, aber sie haben auch einen entscheidenden Unterschied. In der Spur ist das Subjekt, das darin zum Ausdruck kommt, nicht mehr anwesend. Habermas macht diesen Unterschied nicht. Bei ihm sind auch die Gesten schon subjektlos, weil der Körper bei ihm nur ein Substrat bildet, in dem sich kein Subjekt mehr befindet, das die Gesten ausführt. (Vgl. meine Posts vom 13.01.2913 und vom 18.02.2013) Insofern ist die Frage einer Differenzierung zwischen Körpergesten und Schriftzeichen, in denen der bloße Körper seine Spuren hinterläßt, für Habermas belanglos.
Bei Sjölin ist das anders. Sie hält ausdrücklich fest, daß der Stift „die Geste auf das Papier“ zwar „überträgt“ (vgl. Sjölin 1996, S.9), aber der Körper selbst, und mit ihm das Symbolisierungssubjekt, wird nicht übertragen. Wir erkennen den Körper im „nahezu zweidimensionale(n) Gebilde“ insbesondere der Handschrift wieder, aber eben nur als ‚Spur‘: „So verstanden verweist Schrift auf die schreibende Person, auf ihr soziales und kulturelles Umfeld, auf ihre Beziehungen zu anderen Menschen und auf den Gegenstand des Schreibens.“ (Sjölin 1996, S.45)
Gerade als expressives Phänomen wird die Schrift so zu einem komplexen referentiellen Verweisungszusammenhang, in dem individuelle und soziale Bezüge sichtbar werden. „Schrift und Text“ werden zu einem „vielgestaltige(n) Netz von Spuren“ (Sjölin 1996, S.64). Auch deshalb ist es ein kulturalistischer Fehlschluß, wenn Stanislas Dehaene meint, daß das Lesenlernen auf Kosten der Fähigkeit, Spuren zu lesen, gehe. (Vgl. meinen Post vom 06.03.2011) Das Lesen von Schrift ist Spurenlesen, so sehr wie Schreiben bedeutet, Spuren zu hinterlassen! Auch die Spuren von Tieren in der Wildnis oder die Spuren eines Verbrechers am Tatort zeugen von einer Anwesenheit. Schreiben- und Lesenlernen bedeutet, mit verschiedenen Symbolisierungsformen von An- und Abwesenheit zu spielen: zu malen, zu zeichnen und eben auch zu schreiben.
Schreiben und Lesen bilden also erste Formen der Abwesenheit, die allerdings steigerungsfähig ist, so daß sich der Spurcharakter immer mehr verflüchtigt, bis sich schließlich vor dem „Bildschirm“ die „Aufgabe des Körpers auf die Bedienung von Tasten“ reduziert, so daß schließlich nur noch die Tasten selbst auf den Beitrag unserer Finger verweisen. (Vgl. Sjölin 1996, S.125) In der Welt digitaler Kommunikationsmedien würden wir deshalb „wohl weniger die Spur, die Unterlage und die Bewegung der Hand ins Auge fassen als vielmehr das spurlose Erscheinen und Verschwinden der Schrift, ihre Immaterialität und den ständig reduzierten Bewegungsumfang der menschlichen Hand.“ (Vgl. Sjölin 1996, S.116)
Zwar beinhaltet die Schrift als Spur die Abwesenheit des Körpers und mit diesem die Abwesenheit des in der Schrift sich ausdrückenden Symbolisierungssubjekts. Dennoch gibt es eine Schrift, die selbst wiederum ‚Spuren‘ hinterläßt, und zwar im Körper selbst, den sie auf diese Weise zurichtet und einer Gemeinschaft ‚einverleibt‘: „Die menschliche Kultur hat von Anfang an – mit Dietmar Kampers Worten – als ‚universelle Tätowierung‘ funktioniert. Die symbolische Ordnung setzt, wie er sagt, eine ‚Schrift des Körpers‘ durch, die der Betroffene nicht mehr abschütteln kann ... . Für Kamper sind Zeichen Narben. Er betont den Aspekt des Einschneidens, Ritzens, der Verwundung durch Schrift.“ (Sjölin 1996, S.49)
‚Narben‘ sind also ebenfalls ‚Spuren‘, so wie ‚Spuren‘ auch ‚Gesten‘ sind. Mit Gesten haben Narben gemeinsam, daß in ihnen der Körper anwesend ist. Aber Narben unterscheiden sich sowohl von Spuren wie von Gesten gleichermaßen dadurch, daß es entweder kein Symbolisierungssubjekt gibt, das sich in ihnen ausdrückt, etwa als Folge eines Unfalls, oder daß die Narben, wie im Falle einer Tätowierung, von einem anderen Symbolisierungssubjekt zugefügt werden. Es mag zwar mein Wille sein, wenn ich mich tätowieren lasse, aber es ist nicht meine Kunstfertigkeit, von der die Tätowierung zeugt.
Mit der ‚Tätowierung‘, der sinnfälligsten Unterwerfung des Körpers unter die Schrift, im Vergleich zu den anderen Zurichtungen wie den, den verschiedenen Werkzeugen und Medien geschuldeten, Schreib- und Lesehaltungen, nähern wir uns dem Thema der Kastration. Damit habe ich mich schon in meinen Posts vom 25.11. und 27.11.2012 zu Christina von Braun ausführlich befaßt.
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1. Methode: jenseits von wahr oder falsch
2. Gesten, Spuren und Narben
3. Symbolisierungsweisen
Das Erlernen von Schreiben und Lesen stand Sjölin zufolge lange Zeit unter dem „Primat der Sprache“ und „ist auf eine weit zurückreichende und tiefliegende ausgrenzende Entgegensetzung von Wort und Bild zurückzuführen.“ (Vgl. Sjölin 1996, S.7f.) Dieser Entgegensetzung entsprechen weitere Dualismen wie etwa Konvention/ Natur, Geist/Körper oder kognitiv/sinnlich. (Vgl. Sjölin 1996, S.10) In der Pädagogik selbst liegt im Rahmen dieses Dualismus die Betonung mal auf dem „Primat der Form“ (Kunsterzieherbewegung, Reformpädagogik), mal auf dem – wie schon erwähnt – „Primat der Sprache“ (Linguistik, Kommunikatives Handeln etc.). (Vgl. Sjölin 1996, S.7, 17,19, 93) Insgesamt kann man wohl sagen, daß ab den sechziger und siebziger Jahren der linguistische und kommunikationstheoretische Ansatz in der deutschen Schreib- und Leselerndidaktik dominiert.
An dieser Stelle möchte ich auch auf Sjölins interessante Kritik an dem speziellen Dualismus in Leroi-Gourhans Analysen zum Graphismus hinweisen. Ich selbst hatte schon auf seine einseitige Darstellung der mündlichen Sprache als einen eindimensionalen, linearen Modus der Symbolisierung hingewiesen. (Vgl. meinen Post vom 01.03.2013). Ohne die Modulationen der Stimme und ihre raumergreifende und raumfüllende Voluminosität zu berücksichtigen, bezieht sich Leroi-Gourhan ausschließlich auf das zeitliche Nacheinander der Phoneme bei der Artikulation. So gelangt Leroi-Gourhan zu einem Dualismus von mehrdimensionalen und eindimensionalen Symbolisierungsweisen, in dem zunächst das gesprochene Wort dem mehrdimensionalen Graphismus und dann der lineare Graphismus dem gesprochenen Wort dient.
Sjölin führt diesen Dualismus nun auf Leroi-Gourhans Beschreibung der Anatomie des Menschen zurück, den er Sjölin zufolge von hierher auf den bildlichen und den linearen Graphismus überträgt: „Er beschreibt die Entwicklung der graphischen Symbolisierungsweisen als eine vom ‚strahlenförmigen Graphismus‘ zur ‚linearen‘ Schrift. Die Kategorien ‚strahlenförmig‘ versus ‚linear‘ erinnern an die Gegenüberstellung der beiden grundsätzlich verschiedenen Organisationsprinzipien tierischen Lebens: radiale und bilaterale Symmetrie.“ (Sjöin 1996, S.122) – So wie sich also in der biologischen Evolution irgendwann die Entwicklungslinien von radial symmetrischen und bilateral symmetrischen Körpern getrennt haben, haben sich in der Schriftentwicklung irgendwann strahlenförmige Symbolisierungsweisen von linearen Symbolisierungsweisen getrennt.
Ich halte Sjölins Kritik an Leroi-Gourhans spezifischem Dualismus zwischen Bild und Wort bzw. zwischen „Zeichnen/Malen einerseits und Schreiben andererseits“ (Sjölin 1996, S.10) für zutreffend. Das ändert aber nichts an der Plausibilität der von ihm beschriebenen Entwicklungslinien, die auch Sjölin nach wie vor für „hochaktuell“ hält. (Vgl. Sjöin 1996, S.120)
Zumal auch Sjölin einen Grundgedanken Leroi-Gourhans in ihre zentrale These mit aufnimmt: „Ich folge dem Gedanken, daß Schrift nicht abbildet. Sie bringt nicht einfach nur zu Papier, was schon vor dem und unabhängig vom Schreiben existiert hat. Sie schöpft, formt, modelliert und moduliert. Daraus folgt aber nicht, daß sie auf nichts außer auf sich verweist.“ (Sjöin 1996, S.44) – Leroi-Gourhan hat sich schon ganz ähnlich zum Graphismus in der Menschheitsgeschichte geäußert. Auch die ersten Kerben und Einritzungen in Knochen deuten auf einen inneren Drang unserer Vorfahren, sich auszudrücken. Leroi-Gourhan zufolge brachten sie in den regelmäßigen Ritzungen ein inneres, rhythmisches Körpergefühl zum Ausdruck. Sie bildeten nicht etwas in der äußeren Welt ab und waren deshalb ‚abstrakt‘.
Ich möchte diesen Sachverhalt etwas anders beschreiben: Die ersten graphischen Lebensäußerungen unserer Vorfahren waren nicht primär referentiell, sondern expressiv. Das läuft jetzt nicht etwa auf einen weiteren Dualismus hinaus, in dem wieder zwischen Bild als Abbildung und Schrift als Abstraktion unterschieden wird. Sjölin hebt vielmehr hervor, daß sie mit ihrem Buch „versucht, sowohl den lautsprachlichen Bezug als auch das Graphische nicht außerhalb, sondern in der Schrift wahrzunehmen.“ – Gleichzeitig wendet sie sich gegen Leroi-Gourhans Bestimmung eines historisch unterschiedlichen Dienstverhältnisses zwischen Graphismus und mündlichem Wort, also „von Repräsentationsmodellen, denen zufolge eine Symbolisierungsweise die andere abbildet.“ (Vgl. Sjölin 1996, S.55)
Wenn ich also behaupte, daß die ersten Lebensäußerungen unserer Vorfahren nicht referentiell, sondern expressiv waren, so schließt das eben nicht aus, daß die Expression selbst wiederum eine Referenz beinhaltet, allerdings nicht in Richtung auf einen Gegenstand in der äußeren Welt, sondern auf sich selbst. Das läßt sich an der Staffelung selbstreferentieller Bezüge von ‚Gesten‘, ‚Spuren‘ und ‚Narben‘ zeigen.
Gesten sind natürlich immer beides: Haltungen, in denen wir eine Stimmung bzw. eine Gesinnung zum Ausdruck bringen, wie eben auch Zeigegesten, die auf bestimmte Gegenstände in der äußeren Welt verweisen. Sjölin definiert folgendermaßen: „Die Geste, eine symbolisierende Bewegung des Körpers, setzt etwas in Szene. Sie berührt, animiert zu weiteren Gesten. Wer sie wahrnimmt, ist involviert. Schrift als Geste betrachten heißt, ihrer suggestiven Kraft gewahr zu werden.“ (Sjölin 1996, S.7)
Die Geste ist wesentlich mehr als ein bloßes konventionelles Zeichen. Sie bringt eine Anwesenheit zum Ausdruck. Darin liegt ihre suggestive Kraft, die selbst einfachen Zeigegesten innewohnt. Wenn jemand auf etwas zeigt, sind wir regelrecht gezwungen, hinzuschauen. Es bedarf einer großen Kraftanstrengung, der Aufforderung einer Zeigegeste nicht zu folgen. Es ist die in der Haltung des Körperleibs zum Ausdruck kommende Anwesenheit eines Subjekts, die diese suggestive Kraft auf uns ausübt. Die Referentialität der Zeigegeste, die motivierende Neugier auf den Gegenstand, ist weitaus geringer, als der Eindruck, den es auf uns macht, wenn jemand auf etwas zeigt.
Ein weiteres Thema durchzieht Sjölins Buch: Schrift als Spur. Gesten und Spuren haben vieles gemeinsam, aber sie haben auch einen entscheidenden Unterschied. In der Spur ist das Subjekt, das darin zum Ausdruck kommt, nicht mehr anwesend. Habermas macht diesen Unterschied nicht. Bei ihm sind auch die Gesten schon subjektlos, weil der Körper bei ihm nur ein Substrat bildet, in dem sich kein Subjekt mehr befindet, das die Gesten ausführt. (Vgl. meine Posts vom 13.01.2913 und vom 18.02.2013) Insofern ist die Frage einer Differenzierung zwischen Körpergesten und Schriftzeichen, in denen der bloße Körper seine Spuren hinterläßt, für Habermas belanglos.
Bei Sjölin ist das anders. Sie hält ausdrücklich fest, daß der Stift „die Geste auf das Papier“ zwar „überträgt“ (vgl. Sjölin 1996, S.9), aber der Körper selbst, und mit ihm das Symbolisierungssubjekt, wird nicht übertragen. Wir erkennen den Körper im „nahezu zweidimensionale(n) Gebilde“ insbesondere der Handschrift wieder, aber eben nur als ‚Spur‘: „So verstanden verweist Schrift auf die schreibende Person, auf ihr soziales und kulturelles Umfeld, auf ihre Beziehungen zu anderen Menschen und auf den Gegenstand des Schreibens.“ (Sjölin 1996, S.45)
Gerade als expressives Phänomen wird die Schrift so zu einem komplexen referentiellen Verweisungszusammenhang, in dem individuelle und soziale Bezüge sichtbar werden. „Schrift und Text“ werden zu einem „vielgestaltige(n) Netz von Spuren“ (Sjölin 1996, S.64). Auch deshalb ist es ein kulturalistischer Fehlschluß, wenn Stanislas Dehaene meint, daß das Lesenlernen auf Kosten der Fähigkeit, Spuren zu lesen, gehe. (Vgl. meinen Post vom 06.03.2011) Das Lesen von Schrift ist Spurenlesen, so sehr wie Schreiben bedeutet, Spuren zu hinterlassen! Auch die Spuren von Tieren in der Wildnis oder die Spuren eines Verbrechers am Tatort zeugen von einer Anwesenheit. Schreiben- und Lesenlernen bedeutet, mit verschiedenen Symbolisierungsformen von An- und Abwesenheit zu spielen: zu malen, zu zeichnen und eben auch zu schreiben.
Schreiben und Lesen bilden also erste Formen der Abwesenheit, die allerdings steigerungsfähig ist, so daß sich der Spurcharakter immer mehr verflüchtigt, bis sich schließlich vor dem „Bildschirm“ die „Aufgabe des Körpers auf die Bedienung von Tasten“ reduziert, so daß schließlich nur noch die Tasten selbst auf den Beitrag unserer Finger verweisen. (Vgl. Sjölin 1996, S.125) In der Welt digitaler Kommunikationsmedien würden wir deshalb „wohl weniger die Spur, die Unterlage und die Bewegung der Hand ins Auge fassen als vielmehr das spurlose Erscheinen und Verschwinden der Schrift, ihre Immaterialität und den ständig reduzierten Bewegungsumfang der menschlichen Hand.“ (Vgl. Sjölin 1996, S.116)
Zwar beinhaltet die Schrift als Spur die Abwesenheit des Körpers und mit diesem die Abwesenheit des in der Schrift sich ausdrückenden Symbolisierungssubjekts. Dennoch gibt es eine Schrift, die selbst wiederum ‚Spuren‘ hinterläßt, und zwar im Körper selbst, den sie auf diese Weise zurichtet und einer Gemeinschaft ‚einverleibt‘: „Die menschliche Kultur hat von Anfang an – mit Dietmar Kampers Worten – als ‚universelle Tätowierung‘ funktioniert. Die symbolische Ordnung setzt, wie er sagt, eine ‚Schrift des Körpers‘ durch, die der Betroffene nicht mehr abschütteln kann ... . Für Kamper sind Zeichen Narben. Er betont den Aspekt des Einschneidens, Ritzens, der Verwundung durch Schrift.“ (Sjölin 1996, S.49)
‚Narben‘ sind also ebenfalls ‚Spuren‘, so wie ‚Spuren‘ auch ‚Gesten‘ sind. Mit Gesten haben Narben gemeinsam, daß in ihnen der Körper anwesend ist. Aber Narben unterscheiden sich sowohl von Spuren wie von Gesten gleichermaßen dadurch, daß es entweder kein Symbolisierungssubjekt gibt, das sich in ihnen ausdrückt, etwa als Folge eines Unfalls, oder daß die Narben, wie im Falle einer Tätowierung, von einem anderen Symbolisierungssubjekt zugefügt werden. Es mag zwar mein Wille sein, wenn ich mich tätowieren lasse, aber es ist nicht meine Kunstfertigkeit, von der die Tätowierung zeugt.
Mit der ‚Tätowierung‘, der sinnfälligsten Unterwerfung des Körpers unter die Schrift, im Vergleich zu den anderen Zurichtungen wie den, den verschiedenen Werkzeugen und Medien geschuldeten, Schreib- und Lesehaltungen, nähern wir uns dem Thema der Kastration. Damit habe ich mich schon in meinen Posts vom 25.11. und 27.11.2012 zu Christina von Braun ausführlich befaßt.
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Montag, 15. April 2013
Zwischen Expressivität und Referentialität
Amelie Sjölin, Schrift als Geste. Wort und Bild in Kinderarbeiten, Neuried 1996
1. Methode: jenseits von wahr oder falsch
2. Gesten, Spuren und Narben
3. Symbolisierungsweisen
Es gibt auch in der Erziehungswissenschaft Doktorarbeiten, die nach knapp zwanzig Jahren noch lesenswert sind! An der Doktorarbeit von Amelie Sjölin liegt es jedenfalls nicht, wenn sich die DGfE um das öffentliche Erscheinungsbild der Erziehungswissenschaft Sorgen machen muß. (Vgl. die aktuelle Homepage) Sjölins Buch „Schrift und Geste“ (1996) gibt mir deshalb nicht nur den Anlaß, mich noch einmal der Frage nach der kulturellen und individuellen Bedeutung der Schrift für die phylogenetische und ontogenetische Entwicklung des Menschen zuzuwenden, sondern auch die Gelegenheit, den prekären methodischen Status einer Wissenschaft hervorzuheben, die den jungen Menschen in seiner Entwicklung zum Gegenstand hat.
Amelie Sjölin bezweifelt, daß es angesichts der Tatsache, daß „sich die historischen Bedingungen menschlicher Erfahrung ständig ändern“, ein „universell gültiges Schema für die menschliche Entwicklung“ geben könne. (Vgl. Sjölin 1996, S.102) Auch das Schreiben- und Lesenlernen stellt Sjölin zufolge keinen im herkömmlichen Sinne zu verstehenden Entwicklungsprozeß dar, nach dem „Trägerraketenmodell“ (Horst Rumpf), demzufolge frühere Phasen „sinnlos und überflüssig“ werden, wenn das Entwicklungsziel erreicht worden ist. (Vgl. Sjölin 1996, S.107) Vielmehr gehe es um die „Entfaltung“ der in den verschiedenen Symbolisierungsweisen von Bild und Wort liegenden Entwicklungspotentiale (vgl. Sjölin 1996, S.108): „Die verschiedenen Modi des Symbolisierens werden nicht unabhängig voneinander, einer nach dem anderen erlernt, sondern sind von Anfang an miteinander verflochten ...“ (Sjölin 1996, S.92)
Hier wird deutlich, daß Sjölin ihrer Arbeit kein informationstheoretisches Modell der menschlichen Entwicklung zugrundelegt, wie es zur Zeit die Entwicklungspsychologie dominiert und das darin gipfelt, das Sprechenlernen als einen statistischen Prozeß zu beschreiben. (Vgl. hierzu meine Posts vom 19.07., 24.07.2011 und vom 06.06.2012) Sjölin bezieht sich auf Margaret Donaldson (1982), derzufolge die linguistische Perspektive auf die Sprache dazu neige, die Sprache als ein „formales“ System zu verstehen, so daß der Schritt zu der Annahme, daß die Sprache auch auf eine formale Weise gelernt werde, gefährlich nahe liege. (Vgl. Sjölin 1996, S.93)
Insbesondere Sjölins Forschungsthema sperrt sich dem Anspruch formalisierbarer und experimentell wiederholbarer Zugangsweisen: „Einzelne Kinderarbeiten werden als Dokumente individueller symbolisierender Prozesse interpretiert, um den Blick auf Schrift zu sensibilisieren und das Verhältnis zwischen sprachlichem und bildlichem Symbolisieren in bezug auf Schrift zu untersuchen. ... Die einzelnen Auslegungen sind nicht exemplarisch in dem Sinne, daß die Symbolisierungsweise eines Kindes sich genau so bei anderen wiederholte. So wie Ole ... bewerkstelligt kein anderer die Schreibprobe.“ (Sjölin 1996, S.37)
Aber nicht nur die einzelnen Dokumente, denen sich Sjölin interpretierend zuwendet, sind individuell hinsichtlich ihrer Symbolisierungsweise, auch der ‚Zugriff‘ der Interpretin selbst fügt sich keinem formalwissenschaftlichen Standard: „Es kommt auf den Versuch an, einen Prozeß des sich schriftlich artikulierenden Kindes imaginativ nachzuvollziehen. Die auf dem Papier fixierten Spuren körperlicher und geistiger Bewegung sind Anhaltspunkte für eine interpretierende Rückübersetzung, für den Versuch, sich in die Situation hineinzuversetzen, der Transformation des Kindes nachzuspüren.“ (Sjölin 1996, S.29)
Die Interpretation der Kinderarbeiten bildet also einen ergebnisoffenen „Dialog“: „Ihr Verlauf ist nicht von Anfang an abzusehen, jedenfalls ist er nicht allein durch das, was in der Kinderarbeit zu sehen ist, bestimmt.“ (Sjölin 1996, S.28) – Hier stellt sich das Problem der Objektivität, denn die Freiheit, die die Forscherin hier für sich in Anspruch nimmt, verführt natürlich auch dazu, in die Kinderarbeiten alles mögliche hinein zu interpretieren. Sjölin verweist deshalb auf die Forschungsgruppe und auf Seminare, in denen die verschiedenen interpretativen Zugänge zu den Kinderarbeiten einen wechselseitigen Abgleich ermöglichten. (Vgl. Sjölin 1996, S.13f.)
Letztlich aber muß festgehalten werden, daß es für den Umgang mit Zeichnungen und Kritzeleien als entwicklungsgeschichtlich frühen Spuren des kindlichen Sinnstrebens „keinen Code und kein Meßverfahren gibt“. (Vgl. Sjölin 1996, S.29) Als „Gütekriterium hermeneutischer Auslegung“ kann Sjölin zufolge nur die aus ihr hervorgehende „Sinnfülle“ gelten: „... schlechte Interpretationen sind nicht ‚falsch‘, sondern leer.“ (Vgl. Sjölin 1996, S.36)
Sjölin bewegt sich bei ihren Interpretationen von Kinderarbeiten auf der Ebene der Analyse von Fallbeispielen, die in der Pädagogik eine zentrale methodische Bedeutung haben. Ich hatte darauf schon in anderen Posts mit einem Verweis auf Günther Bucks „Lernen und Erfahrung“ (3/1989) hingewiesen. (Vgl.u.a. meine Posts vom 09.09.2011 und vom 26.07. und 05.09.2012) Günther Buck hebt ebenfalls hervor, daß die Funktion von Beispielen nicht darin liegt, Theorien zu falsifizieren oder zu verifizieren, also zwischen falsch und wahr zu entscheiden, sondern auf Ideen zu bringen. Beispiele helfen dem Heuristiker in der Forschung wie dem Praktiker in der Praxis dabei, Problemzusammenhänge zu verstehen. Und in der Lehre verhelfen sie dem Studierenden wie dem Schüler zu einem persönlichen Bezug zum Lerngegenstand. Ein Großteil der erziehungswissenschaftlichen Arbeit dreht sich also um das Finden, Er-Finden und Deuten von Beispielen. In dieser Tradition des Deutens von Beispielen bewegt sich auch Amelie Sjölin.
Zum Schluß möchte ich diesen Post aber nicht beenden, ohne einen Einspruch zu erheben: Sjölins Bemerkung, daß es kein „universell gültiges Schema für die menschliche Entwicklung“ geben könne (vgl. Sjölin 1996,S.102), stimme ich zwar zu; sie beinhaltet aber bei Sjölin eine relativistische Tendenz. Sjölin verstärkt diesen Relativismus noch, indem sie Leroi-Gourhans Feststellung aufgreift, daß man über Entwicklungsprozesse keine Werturteile fällen solle (vgl. Sjölin 1996, S.120), und im weiteren Verlauf die Leroi-Gourhansche Kritik an den audiovisuellen Medien, die das Verhältnis „zwischen Körper und Geist, zwischen Technizität und Sprache“ (Sjölin 1996, S.120) aus dem Gleichgewicht gebracht haben, am Beispiel der Befreiung der individuellen Handschrift aus der mittelalterlichen, bis in die Neuzeit hineinreichenden „Körperdisziplin“ in Frage stellt. (Vgl. Sjölin 1996, S.126)
Sjölin schwankt hier zwischen einer Anerkennung der Leroi-Gourhanschen „Skepsis gegenüber dem Weg, den der Mensch eingeschlagen hat“, die sie als „hochaktuell“ bezeichnet (vgl. Sjölin 1996, S.120), und einer Faszination für die neuen computeranminierten Möglichkeiten, die lineare Schriftlichkeit des Buchzeitalters, das sich nun als eine bloße Zwischenstufe der Schriftlichkeit erweist, zu überwinden: „Schrift erscheint überall, Computeranimation bringt sie in Bewegung, macht sie zu einer flüchtigen Erscheinung und darin der Lautsprache ähnlich, die ihrerseits durch elektronische Tonaufzeichnung verfügbarer und damit der Schrift ähnlicher geworden ist.“ (Sjölin 1996, S.115)
Ich hätte mir im Sinne des Spur-Gedankens, der die ganze Arbeit von Sjölin durchzieht, eine größere Entschiedenheit für die Materialität der Schrift gewünscht, in der der Körper seine Spuren hinterläßt. Denn wie Sjölin selbst festhält: „Vor dem Bildschirm reduziert sich die Aufgabe des Körpers auf die Bedienung von Tasten ...“ (Sjölin 1996, S.125)
Dann nämlich erscheint die Frage, die die Autorin am Ende ihrer Arbeit stellt, vor einem kritischeren Hintergrund, der allzu schnelle, letztlich bloß beschwichtigende Antworten verwehrt: „Viel grundsätzlicher ist die Frage zu stellen, wie Sprechen, Lesen, Schreiben und bildnerisches Gestalten in der Schule mit den Sprach-, Bild- und Schrifterfahrungen der Kinder zusammenpassen, die mit den uns neuen Medien aufwachsen.“ (Sjölin 1996, S.143)
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1. Methode: jenseits von wahr oder falsch
2. Gesten, Spuren und Narben
3. Symbolisierungsweisen
Es gibt auch in der Erziehungswissenschaft Doktorarbeiten, die nach knapp zwanzig Jahren noch lesenswert sind! An der Doktorarbeit von Amelie Sjölin liegt es jedenfalls nicht, wenn sich die DGfE um das öffentliche Erscheinungsbild der Erziehungswissenschaft Sorgen machen muß. (Vgl. die aktuelle Homepage) Sjölins Buch „Schrift und Geste“ (1996) gibt mir deshalb nicht nur den Anlaß, mich noch einmal der Frage nach der kulturellen und individuellen Bedeutung der Schrift für die phylogenetische und ontogenetische Entwicklung des Menschen zuzuwenden, sondern auch die Gelegenheit, den prekären methodischen Status einer Wissenschaft hervorzuheben, die den jungen Menschen in seiner Entwicklung zum Gegenstand hat.
Amelie Sjölin bezweifelt, daß es angesichts der Tatsache, daß „sich die historischen Bedingungen menschlicher Erfahrung ständig ändern“, ein „universell gültiges Schema für die menschliche Entwicklung“ geben könne. (Vgl. Sjölin 1996, S.102) Auch das Schreiben- und Lesenlernen stellt Sjölin zufolge keinen im herkömmlichen Sinne zu verstehenden Entwicklungsprozeß dar, nach dem „Trägerraketenmodell“ (Horst Rumpf), demzufolge frühere Phasen „sinnlos und überflüssig“ werden, wenn das Entwicklungsziel erreicht worden ist. (Vgl. Sjölin 1996, S.107) Vielmehr gehe es um die „Entfaltung“ der in den verschiedenen Symbolisierungsweisen von Bild und Wort liegenden Entwicklungspotentiale (vgl. Sjölin 1996, S.108): „Die verschiedenen Modi des Symbolisierens werden nicht unabhängig voneinander, einer nach dem anderen erlernt, sondern sind von Anfang an miteinander verflochten ...“ (Sjölin 1996, S.92)
Hier wird deutlich, daß Sjölin ihrer Arbeit kein informationstheoretisches Modell der menschlichen Entwicklung zugrundelegt, wie es zur Zeit die Entwicklungspsychologie dominiert und das darin gipfelt, das Sprechenlernen als einen statistischen Prozeß zu beschreiben. (Vgl. hierzu meine Posts vom 19.07., 24.07.2011 und vom 06.06.2012) Sjölin bezieht sich auf Margaret Donaldson (1982), derzufolge die linguistische Perspektive auf die Sprache dazu neige, die Sprache als ein „formales“ System zu verstehen, so daß der Schritt zu der Annahme, daß die Sprache auch auf eine formale Weise gelernt werde, gefährlich nahe liege. (Vgl. Sjölin 1996, S.93)
Insbesondere Sjölins Forschungsthema sperrt sich dem Anspruch formalisierbarer und experimentell wiederholbarer Zugangsweisen: „Einzelne Kinderarbeiten werden als Dokumente individueller symbolisierender Prozesse interpretiert, um den Blick auf Schrift zu sensibilisieren und das Verhältnis zwischen sprachlichem und bildlichem Symbolisieren in bezug auf Schrift zu untersuchen. ... Die einzelnen Auslegungen sind nicht exemplarisch in dem Sinne, daß die Symbolisierungsweise eines Kindes sich genau so bei anderen wiederholte. So wie Ole ... bewerkstelligt kein anderer die Schreibprobe.“ (Sjölin 1996, S.37)
Aber nicht nur die einzelnen Dokumente, denen sich Sjölin interpretierend zuwendet, sind individuell hinsichtlich ihrer Symbolisierungsweise, auch der ‚Zugriff‘ der Interpretin selbst fügt sich keinem formalwissenschaftlichen Standard: „Es kommt auf den Versuch an, einen Prozeß des sich schriftlich artikulierenden Kindes imaginativ nachzuvollziehen. Die auf dem Papier fixierten Spuren körperlicher und geistiger Bewegung sind Anhaltspunkte für eine interpretierende Rückübersetzung, für den Versuch, sich in die Situation hineinzuversetzen, der Transformation des Kindes nachzuspüren.“ (Sjölin 1996, S.29)
Die Interpretation der Kinderarbeiten bildet also einen ergebnisoffenen „Dialog“: „Ihr Verlauf ist nicht von Anfang an abzusehen, jedenfalls ist er nicht allein durch das, was in der Kinderarbeit zu sehen ist, bestimmt.“ (Sjölin 1996, S.28) – Hier stellt sich das Problem der Objektivität, denn die Freiheit, die die Forscherin hier für sich in Anspruch nimmt, verführt natürlich auch dazu, in die Kinderarbeiten alles mögliche hinein zu interpretieren. Sjölin verweist deshalb auf die Forschungsgruppe und auf Seminare, in denen die verschiedenen interpretativen Zugänge zu den Kinderarbeiten einen wechselseitigen Abgleich ermöglichten. (Vgl. Sjölin 1996, S.13f.)
Letztlich aber muß festgehalten werden, daß es für den Umgang mit Zeichnungen und Kritzeleien als entwicklungsgeschichtlich frühen Spuren des kindlichen Sinnstrebens „keinen Code und kein Meßverfahren gibt“. (Vgl. Sjölin 1996, S.29) Als „Gütekriterium hermeneutischer Auslegung“ kann Sjölin zufolge nur die aus ihr hervorgehende „Sinnfülle“ gelten: „... schlechte Interpretationen sind nicht ‚falsch‘, sondern leer.“ (Vgl. Sjölin 1996, S.36)
Sjölin bewegt sich bei ihren Interpretationen von Kinderarbeiten auf der Ebene der Analyse von Fallbeispielen, die in der Pädagogik eine zentrale methodische Bedeutung haben. Ich hatte darauf schon in anderen Posts mit einem Verweis auf Günther Bucks „Lernen und Erfahrung“ (3/1989) hingewiesen. (Vgl.u.a. meine Posts vom 09.09.2011 und vom 26.07. und 05.09.2012) Günther Buck hebt ebenfalls hervor, daß die Funktion von Beispielen nicht darin liegt, Theorien zu falsifizieren oder zu verifizieren, also zwischen falsch und wahr zu entscheiden, sondern auf Ideen zu bringen. Beispiele helfen dem Heuristiker in der Forschung wie dem Praktiker in der Praxis dabei, Problemzusammenhänge zu verstehen. Und in der Lehre verhelfen sie dem Studierenden wie dem Schüler zu einem persönlichen Bezug zum Lerngegenstand. Ein Großteil der erziehungswissenschaftlichen Arbeit dreht sich also um das Finden, Er-Finden und Deuten von Beispielen. In dieser Tradition des Deutens von Beispielen bewegt sich auch Amelie Sjölin.
Zum Schluß möchte ich diesen Post aber nicht beenden, ohne einen Einspruch zu erheben: Sjölins Bemerkung, daß es kein „universell gültiges Schema für die menschliche Entwicklung“ geben könne (vgl. Sjölin 1996,S.102), stimme ich zwar zu; sie beinhaltet aber bei Sjölin eine relativistische Tendenz. Sjölin verstärkt diesen Relativismus noch, indem sie Leroi-Gourhans Feststellung aufgreift, daß man über Entwicklungsprozesse keine Werturteile fällen solle (vgl. Sjölin 1996, S.120), und im weiteren Verlauf die Leroi-Gourhansche Kritik an den audiovisuellen Medien, die das Verhältnis „zwischen Körper und Geist, zwischen Technizität und Sprache“ (Sjölin 1996, S.120) aus dem Gleichgewicht gebracht haben, am Beispiel der Befreiung der individuellen Handschrift aus der mittelalterlichen, bis in die Neuzeit hineinreichenden „Körperdisziplin“ in Frage stellt. (Vgl. Sjölin 1996, S.126)
Sjölin schwankt hier zwischen einer Anerkennung der Leroi-Gourhanschen „Skepsis gegenüber dem Weg, den der Mensch eingeschlagen hat“, die sie als „hochaktuell“ bezeichnet (vgl. Sjölin 1996, S.120), und einer Faszination für die neuen computeranminierten Möglichkeiten, die lineare Schriftlichkeit des Buchzeitalters, das sich nun als eine bloße Zwischenstufe der Schriftlichkeit erweist, zu überwinden: „Schrift erscheint überall, Computeranimation bringt sie in Bewegung, macht sie zu einer flüchtigen Erscheinung und darin der Lautsprache ähnlich, die ihrerseits durch elektronische Tonaufzeichnung verfügbarer und damit der Schrift ähnlicher geworden ist.“ (Sjölin 1996, S.115)
Ich hätte mir im Sinne des Spur-Gedankens, der die ganze Arbeit von Sjölin durchzieht, eine größere Entschiedenheit für die Materialität der Schrift gewünscht, in der der Körper seine Spuren hinterläßt. Denn wie Sjölin selbst festhält: „Vor dem Bildschirm reduziert sich die Aufgabe des Körpers auf die Bedienung von Tasten ...“ (Sjölin 1996, S.125)
Dann nämlich erscheint die Frage, die die Autorin am Ende ihrer Arbeit stellt, vor einem kritischeren Hintergrund, der allzu schnelle, letztlich bloß beschwichtigende Antworten verwehrt: „Viel grundsätzlicher ist die Frage zu stellen, wie Sprechen, Lesen, Schreiben und bildnerisches Gestalten in der Schule mit den Sprach-, Bild- und Schrifterfahrungen der Kinder zusammenpassen, die mit den uns neuen Medien aufwachsen.“ (Sjölin 1996, S.143)
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Dienstag, 2. April 2013
Hanno Charisius/Richard Friebe/Sascha Karberg, Biohacking. Gentechnik aus der Garage, München 2013
1. Faustkeil = Hammer = Atomkraftwerk?
2. Hinzukommendes Selbst oder Zugang zum Selbst?
3. Keine ‚Zurück‘-Taste
4. Bürgerwissenschaft
Wie schon im letzten Post angemerkt sind es zwei Stellen, die mich besonders beeindruckt haben. Neben der Differenzierung zwischen Biologen und Ingenieuren handelt es sich dabei um die Darstellungen der Autoren zur Bürgerwissenschaft (citizen science). (Vgl. Charisius/Friebe/Karberg 2013, S.12, 111-129, 260ff.) Denn schließlich geht es ja nicht nur um die Verantwortung der Biohacker ihren Mitbürgern gegenüber, sondern in einem noch fundamentaleren Sinne um die öffentliche Verantwortung der Wissenschaft selbst. Welcher Öffentlichkeit gegenüber sollte sich die Wissenschaft aber verantwortlich zeigen, wenn diese Öffentlichkeit überhaupt nicht beurteilen kann, was in der Wissenschaft passiert und ihr die Experten auch noch einreden, daß ihr die Kompetenz fehlt?
Die ‚wissenschaftlichen‘ Interessen sind leider inzwischen längst nicht mehr so rein wissenschaftlich, wie sie der Öffentlichkeit gegenüber dargestellt werden. Die Notwendigkeit, sich Gelder von außerhalb einzuwerben, oft genug von Wirtschaftsunternehmen, und die Abhängigkeit von staatlichen Zuschüssen, die oft genug nach parteipolitischen Interessen vergeben werden, hinter denen wiederum diverse gesellschaftliche Lobbygruppen stehen, haben dazu geführt, daß wissenschaftliche Studien zu den gleichen Themen zu den unterschiedlichsten Ergebnissen führen, mit denen dann Politik gemacht wird.
Das klassische Beispiel ist die Nutzung der Atomenergie. Bürgerinitiativen haben sich in einer jahrzehntelangen, generationenübergreifenden Arbeit das nötige Expertenwissen selbst angeeignet und so den von den jeweiligen Bundesregierungen und von der Atomwirtschaft bezahlten ‚Experten‘ eine eigene Expertise entgegengesetzt. Deshalb haben die Autoren von „Biohacking“ völlig recht, wenn sie schreiben: „Missbrauch von Technologie war bislang die Domäne schlecht oder gar nicht demokratisch kontrollierter herrschender Eliten.“ (Charisius/Friebe/Karberg 2013, S.189)
Hinzu kommt, daß die Wissenschaft selbst über lange Zeit hinweg keine Sache etablierter Universitäten und Akademien gewesen ist, sondern von Bürgerforschern vorangetrieben worden ist. Die betreffende Stelle möchte ich hier gerne in aller Ausführlichkeit zitieren:
Und über die Nennung von Wilhelm (nicht Alexander) von Humboldt habe ich mich gefreut, weil gerade mit seinem Namen in unserem Bildungssystem so viel Mißbrauch getrieben wird. Er muß für alle unausgegorenen Bildungsreformen der letzten zweihundert Jahre Pate stehen und hat doch eigentlich nichts anderes gewollt, als dem heranwachsenden jungen Menschen das Grundgerüst zum selbständigen Denken zu vermitteln. An die Stelle der Schulen und Universitäten, wie sie Humboldt sich gedacht hatte – mit open access! –, sind Zertifizierungsanstalten getreten, die den Zugang zu den verschiedenen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Einrichtungen beschränken.
Der Vorschlag der Autoren, offene Labore einzurichten, „in denen Laien mit Profis zusammenarbeiten und sich austauschen können“ (Charisius/Friebe/Karberg 2013, S.260), liegt voll und ganz in der Richtung einer Universität, die den Humboldtschen Vorstellungen einer Einheit von Forschung und Lehre genügt. Eine solche Universität würde sich nicht mehr über die Größe und den Preis ihrer Apparate definieren. (Vgl. Charisius/Friebe/Karberg 2013, S.122) Sie würde vielmehr zur „stetig steigende(n) Kompetenz der Laien“, zu einer „in die Breite gehende(n) spezifische(n) Bildung und Fähigkeit zur Meinungsbildung angesichts anstehender wissenschafts- und biopolitischer Entscheidungen“ beitragen. (Vgl. Charisius/Friebe/Karberg 2013, S.262)
Die Do-It-Yourself-Mentalität sollte kompatibel sein mit einer Selber-Denken-Mentalität. Denn ich gestehe, daß mir unbehaglich bei dem Gedanken ist, daß eine Einstellung, nach der alles, was getan werden kann, auch getan wird, und sei es einfach nur, um zu sehen, ob es auch funktioniert, zum Hobby für jedermann ausgeweitet wird.
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2. Hinzukommendes Selbst oder Zugang zum Selbst?
3. Keine ‚Zurück‘-Taste
4. Bürgerwissenschaft
Wie schon im letzten Post angemerkt sind es zwei Stellen, die mich besonders beeindruckt haben. Neben der Differenzierung zwischen Biologen und Ingenieuren handelt es sich dabei um die Darstellungen der Autoren zur Bürgerwissenschaft (citizen science). (Vgl. Charisius/Friebe/Karberg 2013, S.12, 111-129, 260ff.) Denn schließlich geht es ja nicht nur um die Verantwortung der Biohacker ihren Mitbürgern gegenüber, sondern in einem noch fundamentaleren Sinne um die öffentliche Verantwortung der Wissenschaft selbst. Welcher Öffentlichkeit gegenüber sollte sich die Wissenschaft aber verantwortlich zeigen, wenn diese Öffentlichkeit überhaupt nicht beurteilen kann, was in der Wissenschaft passiert und ihr die Experten auch noch einreden, daß ihr die Kompetenz fehlt?
Die ‚wissenschaftlichen‘ Interessen sind leider inzwischen längst nicht mehr so rein wissenschaftlich, wie sie der Öffentlichkeit gegenüber dargestellt werden. Die Notwendigkeit, sich Gelder von außerhalb einzuwerben, oft genug von Wirtschaftsunternehmen, und die Abhängigkeit von staatlichen Zuschüssen, die oft genug nach parteipolitischen Interessen vergeben werden, hinter denen wiederum diverse gesellschaftliche Lobbygruppen stehen, haben dazu geführt, daß wissenschaftliche Studien zu den gleichen Themen zu den unterschiedlichsten Ergebnissen führen, mit denen dann Politik gemacht wird.
Das klassische Beispiel ist die Nutzung der Atomenergie. Bürgerinitiativen haben sich in einer jahrzehntelangen, generationenübergreifenden Arbeit das nötige Expertenwissen selbst angeeignet und so den von den jeweiligen Bundesregierungen und von der Atomwirtschaft bezahlten ‚Experten‘ eine eigene Expertise entgegengesetzt. Deshalb haben die Autoren von „Biohacking“ völlig recht, wenn sie schreiben: „Missbrauch von Technologie war bislang die Domäne schlecht oder gar nicht demokratisch kontrollierter herrschender Eliten.“ (Charisius/Friebe/Karberg 2013, S.189)
Hinzu kommt, daß die Wissenschaft selbst über lange Zeit hinweg keine Sache etablierter Universitäten und Akademien gewesen ist, sondern von Bürgerforschern vorangetrieben worden ist. Die betreffende Stelle möchte ich hier gerne in aller Ausführlichkeit zitieren:
„Sie (die BIY-Bio-Aktivisten – DZ) haben ihre evolutionären Vorläufer nicht nur in den Computerhackern der vorigen Generation, sondern auch in den Amateur- und Gentleman-Forschern vergangener Jahrhunderte, zu denen so illustre Persönlichkeiten wie Leibniz, Goethe und Mendel zählten. Sie stehen in der noch viel älteren Tradition der Pflanzen- und Tierzüchter seit Anbeginn der Landwirtschaft, sind verwandt mit den Hobby-Astronomen, die in den vergangenen Jahrzehnten wichtige Entdeckungen machten, mit den unzähligen Käfer- und Schmetterlingssammlern, Vogelbeobachtern und den Freizeit-Botanikern mit ihren Herbarien. Sie haben ihre Vorläufer auch unter jenen Eltern, die nicht akzeptieren wollten, dass ihre Kinder früh an seltenen, zu wenig erforschten Krankheiten sterben, und sich in der wissenschaftlichen Literatur selbst auf die Suche nach Therapiemöglichkeiten machten. Vor allem aber haben sie viel gemein mit all jenen, die noch nie akzeptieren konnten und wollten, dass Expertenwissen und Hochtechnologie nur in den Händen von politischen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Eliten gut aufgehoben sein sollen, mit jenen, die Zugang forderten, Zugang durchsetzten. Sie haben einiges gemein sowohl mit Bildungsreformern wie Johann Comenius und Wilhelm von Humboldt, als auch mit jenen, die heute versuchen, die Energieproduktion zu dezentralisieren und zu demokratisieren.“ (Charisius/Friebe/Karberg 2013, S.12)Über zwei Namensnennungen habe ich mich besonders gefreut: Goethe und Humboldt. Über die Nennung von Goethe habe ich mich gefreut, weil gerade er eine besonders kritische Position zur Mainstream-Wissenschaft eingenommen und hervorgehoben hatte, daß die moralische Verantwortung des Menschen seine Handlungsfreiheit einschränkt: nicht alles, was wir tun können, sollte auch umgesetzt werden. Wenn wir in Bereiche vordringen, die außerhalb der menschlichen Sinnesorgane liegen, können wir die Folgen unserer Eingriffe in diesen Bereichen nicht mehr kontrollieren.
Und über die Nennung von Wilhelm (nicht Alexander) von Humboldt habe ich mich gefreut, weil gerade mit seinem Namen in unserem Bildungssystem so viel Mißbrauch getrieben wird. Er muß für alle unausgegorenen Bildungsreformen der letzten zweihundert Jahre Pate stehen und hat doch eigentlich nichts anderes gewollt, als dem heranwachsenden jungen Menschen das Grundgerüst zum selbständigen Denken zu vermitteln. An die Stelle der Schulen und Universitäten, wie sie Humboldt sich gedacht hatte – mit open access! –, sind Zertifizierungsanstalten getreten, die den Zugang zu den verschiedenen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Einrichtungen beschränken.
Der Vorschlag der Autoren, offene Labore einzurichten, „in denen Laien mit Profis zusammenarbeiten und sich austauschen können“ (Charisius/Friebe/Karberg 2013, S.260), liegt voll und ganz in der Richtung einer Universität, die den Humboldtschen Vorstellungen einer Einheit von Forschung und Lehre genügt. Eine solche Universität würde sich nicht mehr über die Größe und den Preis ihrer Apparate definieren. (Vgl. Charisius/Friebe/Karberg 2013, S.122) Sie würde vielmehr zur „stetig steigende(n) Kompetenz der Laien“, zu einer „in die Breite gehende(n) spezifische(n) Bildung und Fähigkeit zur Meinungsbildung angesichts anstehender wissenschafts- und biopolitischer Entscheidungen“ beitragen. (Vgl. Charisius/Friebe/Karberg 2013, S.262)
Die Do-It-Yourself-Mentalität sollte kompatibel sein mit einer Selber-Denken-Mentalität. Denn ich gestehe, daß mir unbehaglich bei dem Gedanken ist, daß eine Einstellung, nach der alles, was getan werden kann, auch getan wird, und sei es einfach nur, um zu sehen, ob es auch funktioniert, zum Hobby für jedermann ausgeweitet wird.
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Montag, 1. April 2013
Hanno Charisius/Richard Friebe/Sascha Karberg, Biohacking. Gentechnik aus der Garage, München 2013
1. Faustkeil = Hammer = Atomkraftwerk?
2. Hinzukommendes Selbst oder Zugang zum Selbst?
3. Keine ‚Zurück‘-Taste
4. Bürgerwissenschaft
Zu den beeindruckendsten Stellen des Buches gehören für mich neben den Ausführungen der Autoren zur Bürgerwissenschaft die Bemerkungen zu Craig Venters Projekt, „Mikroben mit Minimalgenom“ herzustellen: „Venters Mikroben mit echtem Minimalgenom wären das reduzierteste Leben überhaupt.“ (Charisius/Friebe/Karberg 2013, S.73) – Allein diese Vorstellung läßt mir die Härchen im Nacken sich aufrichten: etwas anders verortete „Härchen“ als jene, die sich „an den Unterarmen“ der Autoren aufrichteten, angesichts der von ihren Unterarmen nicht weit entfernt in klammen Fingern gehaltenen Schnapsbecherchen, in denen sie einiger Schnipsel ihres Genmaterials ansichtig wurden. (Charisius/Friebe/Karberg 2013, S.25)
Die Vorstellung, das Leben reduzieren zu können, hat in der Tat etwas Magisches. Aber wie Fans der Fantasy-Literatur wissen, gibt es eine weiße und eine schwarze Magie. Oder um direkt Tolkien-Fans anzusprechen: es gibt Gandalf und Sauron. Die Perspektive, das Leben zu reduzieren, um es dem Willen des Menschen zu unterwerfen, markiert eine Grenzlinie, die die Autoren des Buches selber thematisieren, indem sie einen der Bio-Ingenieure eine kleine Geschichte erzählen lassen, die ich hier wiederholen möchte:
Aber man sollte an dieser Stelle vielleicht nicht allzu sehr vereinfachen, obwohl, wie wir sehen, gerade Ingenieure sehr viel für Vereinfachungen übrig haben. Immerhin wird diese Geschichte von einem Ingenieur erzählt und zeigt, daß der Sachverhalt etwas diffuser und – natürlich! – komplexer ist. Immerhin durchdringen sich hier biologische, technologische und eben auch medizinische Interessen. Wenn es darum geht, häßliche, bislang unheilbare Erbkrankheiten heilbar zu machen, kann man eigentlich nicht wirklich etwas gegen Biotech haben. Aber wenn es darum geht, Schnitzel mit Bananengeschmack zu produzieren, wie es sich manche Biohacker erträumen, bekomme ich Würgereflexe und beginne nun meinerseits davon zu träumen, mich ins Auenland zurückzuziehen oder den Amish-People anzuschließen.
Ein anderer Autor, Olaf Fritsche („Die Neue Schöpfung“ (2013)), verweist darauf, daß die Menschen bei der Züchtung ihrer Haustiere noch nie sonderlich rücksichtsvoll vorgegangen sind. Er kann sich vorstellen, daß sie die gentechnischen Methoden z.B. dazu nutzen, Katzen in krallen- und zahnlose, schnurrende Kuschelkissen zu verwandeln: „Wäre das Tierquälerei? Ganz sicher! Bloß lassen wir Menschen uns erfahrungsgemäß nicht gerne durch Skrupel von der Erfüllung unserer Wünsche abhalten, wenn die Sehnsucht erst einmal geweckt ist. Das mussten unter anderem bereits Katzenrassen erfahren, die taub sind, denen der Schwanz fehlt, deren Ohren geknickt sind oder die ihr Leben lang vollkommen ohne Fell und Tasthaare auskommen müssen. Munchkin-Katzen haben sogar stark verkürzte Beine und befinden sich damit schon auf dem halben Weg zum Schnurrkissen.“ (Fritsche 2013, S.65f.)
Das gewichtigste Argument für eine moralische Herangehensweise an das Thema steckt in einer weiteren Bemerkung der Autoren, die die Grenze zwischen Biologie und Informatik noch treffender auf den Punkt bringt als die verschiedenen Grundeinstellungen von Biologen und Ingenieuren: „Wenn man sich beim Mischen der Zutaten für ein Experiment vertan hat, kann man nie auf die ‚Zurück‘-Taste drücken.“ (Charisius/Friebe/Karberg 2013, S.38)
Software-Programmierer können, wenn sie einen Fehler gemacht haben, die Escape-Taste drücken und dann in aller Ruhe nach dem Fehler im Programmcode suchen. In der Biologie ist das anders: „Wenn ein molekularbiologisches Experiment nicht funktioniert, sieht man erst einmal gar nichts. Man muss es wiederholen, noch pingeliger sein und hoffen, dass es diesmal klappt. Wenn sich auch dann kein Erfolg einstellt, muss man durch weitere Experimente versuchen, den Fehler zu finden. Computern neue Tricks beizubringen ist jedenfalls bislang noch um Dimensionen einfacher als lebenden Zellen.“ (Charisius/Friebe/Karberg 2013, S.38)
Daß es in der Biologie, bislang, noch keine Rückstelltaste gibt – man arbeitet daran: etwa bei der Wiedererschaffung von Mammuts –, beinhaltet verschiedene Aspekte, die hier im Unterschied zur Softwareprogrammierung berücksichtigt werden müssen. Zunächst einmal ist es für jeden ohne weiteres einsehbar, daß das Fehlen einer Rückstelltaste nicht nur auf der Ebene der Manipulation von Mikrobengenen Schwierigkeiten bereitet. Das Schaffen neuer Mikrobenarten wirkt sich selbstverständlich auch auf unseren Lebensraum, auf die Ökologie aus, egal wie vorsichtig die Experimenteure vorgehen. Für die Prozesse, die wir hier in Gang setzen, besitzen wir ebenfalls keine Rückstelltaste.
In den neunziger Jahren habe ich mich angesichts der von Computern generierten künstlichen Welten mit der Frage beschäftigt, wie man virtuelle Welten von der realen Welt unterscheiden kann. Ich kam zu dem Schluß, daß der wesentliche Unterschied zwischen virtuellen Welten und realer Welt darin besteht, daß sich das, was sich in der Wirklichkeit abspielt, nicht rückgängig machen läßt. Und daß dies genau der Grund ist, warum wir die Verantwortung für unser Handeln übernehmen müssen.
Nur die Denkfreiheit ist unbegrenzt, nicht aber die Handlungsfreiheit.
Softwareprogrammierer bewegen sich im Bereich der Denkfreiheit. Sie haben eine Rückstelltaste. Wetwareprogrammierer bewegen sich im Bereich der Handlungsfreiheit. Sie haben keine Rückstelltaste. Also haben sie eine Verantwortung und sind ihren Mitmenschen gegenüber rechenschaftspflichtig.
Die Autoren selbst nehmen immer wieder zum Thema Verantwortung und Biohacker-Ethik Stellung. Die Euro-Hacker haben hierfür – das muß anerkennend festgehalten werden – auch eine gewissen Sensibilität. Bei den Ami-Hackern firmieren aber entsprechende Versuche, ein gemeinsames Protokoll im Umgang mit der Biotech zu verabschieden, unter „German Vorsicht“. (Vgl. Charisius/Friebe/Karberg 2013, S.213-242)
Das Problem mit der fehlenden Rückstelltaste hat übrigens bei den Hindus und Buddhisten zum Konzept des Karmas und bei den Christen zum Konzept der Erbsünde geführt. Es ist letztlich doch der Unterschied zwischen Gandalf und Sauron. Gandalf übernimmt Verantwortung. Sauron will nur herrschen. Und wie Gandalf immer wieder gerne betont: das Herrschenwollen beginnt ganz harmlos. Zunächst will man meistens nur Spaß haben. Am schlimmsten aber sind Gandalf zufolge am Ende die, die am Anfang nur Gutes zu tun gewollt hatten.
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2. Hinzukommendes Selbst oder Zugang zum Selbst?
3. Keine ‚Zurück‘-Taste
4. Bürgerwissenschaft
Zu den beeindruckendsten Stellen des Buches gehören für mich neben den Ausführungen der Autoren zur Bürgerwissenschaft die Bemerkungen zu Craig Venters Projekt, „Mikroben mit Minimalgenom“ herzustellen: „Venters Mikroben mit echtem Minimalgenom wären das reduzierteste Leben überhaupt.“ (Charisius/Friebe/Karberg 2013, S.73) – Allein diese Vorstellung läßt mir die Härchen im Nacken sich aufrichten: etwas anders verortete „Härchen“ als jene, die sich „an den Unterarmen“ der Autoren aufrichteten, angesichts der von ihren Unterarmen nicht weit entfernt in klammen Fingern gehaltenen Schnapsbecherchen, in denen sie einiger Schnipsel ihres Genmaterials ansichtig wurden. (Charisius/Friebe/Karberg 2013, S.25)
Die Vorstellung, das Leben reduzieren zu können, hat in der Tat etwas Magisches. Aber wie Fans der Fantasy-Literatur wissen, gibt es eine weiße und eine schwarze Magie. Oder um direkt Tolkien-Fans anzusprechen: es gibt Gandalf und Sauron. Die Perspektive, das Leben zu reduzieren, um es dem Willen des Menschen zu unterwerfen, markiert eine Grenzlinie, die die Autoren des Buches selber thematisieren, indem sie einen der Bio-Ingenieure eine kleine Geschichte erzählen lassen, die ich hier wiederholen möchte:
„Kennen Sie die Geschichte von dem Biologen und dem Ingenieur, die beide morgens ins Labor kommen und an ihrem über Nacht gelaufenen Experiment feststellen, dass das System, das sie untersuchen, doppelt so kompliziert ist wie ursprünglich angenommen? Der Biologe sagt: Klasse, ich schreibe einen Artikel darüber. Und der Ingenieur sagt: Mist, wie kann ich diese zusätzliche Komplexität loswerden?“ (Charisius/Friebe/Karberg 2013, S.70)Kurz gesagt: der Biologe wäre ein Vertreter der weißen Magie, also Gandalf, und der Vertreter der schwarzen Magie wäre der Ingenieur, also Sauron. Gandalf erforscht die Hobbits, weil er das Auenland liebenswert findet. Saruman und Sauron finden sie einfach überflüssig und letztlich vor allem störend.
Aber man sollte an dieser Stelle vielleicht nicht allzu sehr vereinfachen, obwohl, wie wir sehen, gerade Ingenieure sehr viel für Vereinfachungen übrig haben. Immerhin wird diese Geschichte von einem Ingenieur erzählt und zeigt, daß der Sachverhalt etwas diffuser und – natürlich! – komplexer ist. Immerhin durchdringen sich hier biologische, technologische und eben auch medizinische Interessen. Wenn es darum geht, häßliche, bislang unheilbare Erbkrankheiten heilbar zu machen, kann man eigentlich nicht wirklich etwas gegen Biotech haben. Aber wenn es darum geht, Schnitzel mit Bananengeschmack zu produzieren, wie es sich manche Biohacker erträumen, bekomme ich Würgereflexe und beginne nun meinerseits davon zu träumen, mich ins Auenland zurückzuziehen oder den Amish-People anzuschließen.
Ein anderer Autor, Olaf Fritsche („Die Neue Schöpfung“ (2013)), verweist darauf, daß die Menschen bei der Züchtung ihrer Haustiere noch nie sonderlich rücksichtsvoll vorgegangen sind. Er kann sich vorstellen, daß sie die gentechnischen Methoden z.B. dazu nutzen, Katzen in krallen- und zahnlose, schnurrende Kuschelkissen zu verwandeln: „Wäre das Tierquälerei? Ganz sicher! Bloß lassen wir Menschen uns erfahrungsgemäß nicht gerne durch Skrupel von der Erfüllung unserer Wünsche abhalten, wenn die Sehnsucht erst einmal geweckt ist. Das mussten unter anderem bereits Katzenrassen erfahren, die taub sind, denen der Schwanz fehlt, deren Ohren geknickt sind oder die ihr Leben lang vollkommen ohne Fell und Tasthaare auskommen müssen. Munchkin-Katzen haben sogar stark verkürzte Beine und befinden sich damit schon auf dem halben Weg zum Schnurrkissen.“ (Fritsche 2013, S.65f.)
Das gewichtigste Argument für eine moralische Herangehensweise an das Thema steckt in einer weiteren Bemerkung der Autoren, die die Grenze zwischen Biologie und Informatik noch treffender auf den Punkt bringt als die verschiedenen Grundeinstellungen von Biologen und Ingenieuren: „Wenn man sich beim Mischen der Zutaten für ein Experiment vertan hat, kann man nie auf die ‚Zurück‘-Taste drücken.“ (Charisius/Friebe/Karberg 2013, S.38)
Software-Programmierer können, wenn sie einen Fehler gemacht haben, die Escape-Taste drücken und dann in aller Ruhe nach dem Fehler im Programmcode suchen. In der Biologie ist das anders: „Wenn ein molekularbiologisches Experiment nicht funktioniert, sieht man erst einmal gar nichts. Man muss es wiederholen, noch pingeliger sein und hoffen, dass es diesmal klappt. Wenn sich auch dann kein Erfolg einstellt, muss man durch weitere Experimente versuchen, den Fehler zu finden. Computern neue Tricks beizubringen ist jedenfalls bislang noch um Dimensionen einfacher als lebenden Zellen.“ (Charisius/Friebe/Karberg 2013, S.38)
Daß es in der Biologie, bislang, noch keine Rückstelltaste gibt – man arbeitet daran: etwa bei der Wiedererschaffung von Mammuts –, beinhaltet verschiedene Aspekte, die hier im Unterschied zur Softwareprogrammierung berücksichtigt werden müssen. Zunächst einmal ist es für jeden ohne weiteres einsehbar, daß das Fehlen einer Rückstelltaste nicht nur auf der Ebene der Manipulation von Mikrobengenen Schwierigkeiten bereitet. Das Schaffen neuer Mikrobenarten wirkt sich selbstverständlich auch auf unseren Lebensraum, auf die Ökologie aus, egal wie vorsichtig die Experimenteure vorgehen. Für die Prozesse, die wir hier in Gang setzen, besitzen wir ebenfalls keine Rückstelltaste.
In den neunziger Jahren habe ich mich angesichts der von Computern generierten künstlichen Welten mit der Frage beschäftigt, wie man virtuelle Welten von der realen Welt unterscheiden kann. Ich kam zu dem Schluß, daß der wesentliche Unterschied zwischen virtuellen Welten und realer Welt darin besteht, daß sich das, was sich in der Wirklichkeit abspielt, nicht rückgängig machen läßt. Und daß dies genau der Grund ist, warum wir die Verantwortung für unser Handeln übernehmen müssen.
Nur die Denkfreiheit ist unbegrenzt, nicht aber die Handlungsfreiheit.
Softwareprogrammierer bewegen sich im Bereich der Denkfreiheit. Sie haben eine Rückstelltaste. Wetwareprogrammierer bewegen sich im Bereich der Handlungsfreiheit. Sie haben keine Rückstelltaste. Also haben sie eine Verantwortung und sind ihren Mitmenschen gegenüber rechenschaftspflichtig.
Die Autoren selbst nehmen immer wieder zum Thema Verantwortung und Biohacker-Ethik Stellung. Die Euro-Hacker haben hierfür – das muß anerkennend festgehalten werden – auch eine gewissen Sensibilität. Bei den Ami-Hackern firmieren aber entsprechende Versuche, ein gemeinsames Protokoll im Umgang mit der Biotech zu verabschieden, unter „German Vorsicht“. (Vgl. Charisius/Friebe/Karberg 2013, S.213-242)
Das Problem mit der fehlenden Rückstelltaste hat übrigens bei den Hindus und Buddhisten zum Konzept des Karmas und bei den Christen zum Konzept der Erbsünde geführt. Es ist letztlich doch der Unterschied zwischen Gandalf und Sauron. Gandalf übernimmt Verantwortung. Sauron will nur herrschen. Und wie Gandalf immer wieder gerne betont: das Herrschenwollen beginnt ganz harmlos. Zunächst will man meistens nur Spaß haben. Am schlimmsten aber sind Gandalf zufolge am Ende die, die am Anfang nur Gutes zu tun gewollt hatten.
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