Dienstag, 3. Januar 2017

Dieter Sturma, Der Mensch als Person. Zur dichten Beschreibung der humanen Lebensform (2015)

(in: Oliver Müller/Giovanni Maio (Hg.), Orientierung am Menschen. Anthropologische Konzeptionen und normative Perspektiven, Göttingen 2015S.338-350)

Dieter Sturmas Beitrag „Der Mensch als Person“ (2015) hat die zweifelhafte Ehre, auf den dümmsten Satz des Herausgeberbandes von Oliver Müller und Giovanni Maio Anspruch erheben zu können. Mit Verweis auf seit Jahrtausenden andauernde Versuche in „Wissenschaften, Künsten und Religionen“, Antworten auf die Frage „Was ist der Mensch?“zu finden, stellt Sturma fest:
„Das kann als Beleg für den Sachverhalt genommen werden, dass eine rechtfertigungsfähige Antwort bislang nicht gefunden worden ist.“ (Sturma 2015, S.338)
Ich verzichte darauf, dagegen an zu argumentieren. Ein Rezensent sollte wissen, wo seine intellektuellen Grenzen liegen.

Auf den folgenden drei bis vier Seiten doziert der Professor für „Philosophie unter besonderer Berücksichtigung der Ethik in den Biowissenschaften“ an der Universität Bonn über die verschiedenen nicht-rechtfertigungsfähigen ‚Antworten‘, die im Laufe der Philosophiegeschichte seit der Antike gegeben worden waren. Dabei begnügt sich Sturma damit, die Stichworte aufzurufen, die für die verschiedenen Diskurse kennzeichnend sind, ohne sie inhaltlich weiter zu entfalten, als stände er am Rednerpult eines Vorlesungssaals, vor ihm die gefüllten Bankreihen, in denen die Studierenden eifrig mitschreiben, damit sie später in den Prüfungen etwas vorzuweisen haben. Denn es geht ja nicht darum, zu verstehen, wie in diesen Diskursen argumentiert wurde, so rechtfertigungsunfähig, wie sie gewesen sind.

Dieter Sturma erweist sich in seinem Beitrag als gelehriger Schüler des „so genannten linguistic turn“. (Vgl. Sturma 2015, S.341) In diesem Sinne kontrastiert er den sprachlichen „Ausdruck ‚Mensch‘“ mit dem sprachlichen „Ausdruck ‚Person‘“. (Vgl. Sturma 2015, S.342) Der sprachliche Ausdruck ‚Mensch‘, so Sturma, ist gleich in zwei Hinsichten im Vergleich zum sprachlichen Ausdruck ‚Person‘ ungeeignet, um gehaltvolle Aussagen über eine „humane() Lebensform“ (Sturma 2015, S.341) zu ermöglichen. So ist mit ihm „immer mehr gemeint(,) als ausdrücklich gesagt wird beziehungsweise gesagt werden kann“ (vgl. Sturma 2015, S.340); sprich: er ist zu unbestimmt und weit, um präzise sein zu können. Zum anderen erweist er sich angesichts der individuellen Variationsvielfalt menschlicher Lebensführung „als eine zu starre Bezeichnung“ (vgl. Sturma 2015, 342); sprich: er ist nicht unbestimmt und weit genug.

Letztlich wirft Sturma dem Ausdruck ‚Mensch‘ also vor, daß er kein Oxymoron bildet. Und im Umkehrschluß soll also der Ausdruck ‚Person‘ genau so ein Oxymoron sein? Sturma ‚begründet‘ diese Behauptung mit einer weiteren Aufzählung von Stichworten, die seiner Ansicht nach alle durch den Ausdruck ‚Person‘ abgedeckt sind. So zeige sich, „dass Personen ihrer selbst gewiss und ihrer Identität über die Zeit hinweg bewusst sind. Sie nehmen distanzierte oder ironische Einstellungen gegenüber sich und anderen Personen ein. Sie wissen von ihrer Endlichkeit und der Endlichkeit anderer Personen und gehen kontemplativ wie praktisch mit dem Verfließen der Zeit um. Personen bewegen sich ständig in möglichen Welten und fragen sich Was wäre, wenn ...? Sie verfügen über Ausdrucksfähigkeit, die auch die Grundlage für ästhetische und kulturelle Objektivierungen ist.“ (Vgl. Sturma 2015, 347)

Alle diese Merkmale sollen also ausschließlich auf den Ausdruck ‚Person‘ zutreffen und keinesfalls auf den Ausdruck ‚Mensch‘. Außerdem sollen Personen „sich als Ausgangspunkt eigener Erlebnisse und Orientierungen in der Welt“ erfahren können. (Vgl. Sturma 2015, S.347f.) Man fragt sich, wie Sturma auf solche Behauptungen kommt.

Die Antwort ist überraschend einfach. Indem Sturma behauptet, daß ein „Großteil“ der „Begriffgeschichte“ des Ausdrucks ‚Person‘ „in ausdrücklicher Abgrenzung zu der des Ausdrucks ‚Mensch‘ erfolgt“ sei (vgl. Sturma 2015, S.342) und die „semantischen Felder der Ausdrücke ‚Mensch‘ und ‚Person‘“ deutlich voneinander unterscheidbar seien (vgl. Sturma 2015, S.340), kann er die ganze biologische Dimension des Körperleibs zusammen mit dem Ausdruck ‚Mensch‘ aus seiner anthropologischen Reflexion ausklammern. Was übrig bleibt, ist der „Raum der Gründe“, für den er den Personbegriff in Anspruch nimmt:
„In der neueren Philosophie tritt er (der Personbegriff – DZ) mittlerweile als ein theoretischer und praktischer Grundbegriff auf, der in der Regel einen Akteur bezeichnet, der imstande ist, sich zu anderen Personen und zu sich selbst zu verhalten sowie aus Gründen zu differenzieren und handeln zu können, und aufgrund dessen Adressat von spezifischen Anerkennungsverhältnissen ist. Dieser Sichtweise zufolge haben Personen gegenüber sich selbst und anderen Personen Erwartungen, erheben Ansprüche und gehen Verpflichtungen ein. Sie werden dementsprechend auch als Subjekte im Raum der Gründe aufgefasst.()“ (Sturma 2015, S.343)
Es mag zunächst überraschen, daß Sturma für diese entkörperlichte Sichtweise auf den Menschen als Person auch ein Bewußtsein von der eigenen Endlichkeit in Anspruch nimmt. (Vgl. Sturma 2015, 347) Aber dabei handelt es sich nicht etwa um eine Endlichkeit, die mit dem Körperleib als gegeben und als der menschlichen Existenz vorausgesetzt gelten kann, sondern um eine Endlichkeit, die erst im Raum der Gründe konstituiert wird:
„Der Raum der Gründe konstituiert insofern wesentliche Bestimmungen der humanen Lebensform wie Selbstverhältnisse, Endlichkeit, Körperlichkeit, Ausdruck, Verstehen, Kontemplation, Anerkennung und Moralität.()“ (Sturma 2015, S.343)
Die Körperlichkeit bzw. der Körperleib wird also durch den Raum der Gründe konstituiert. In Sturmas Anthropologie folgt nichts aus dem Körperleib, sondern alles aus der Person und den mit dieser Person gegebenen Anerkennungsverhältnissen, also aus dem Raum der Gründe. Das zeigt sich wieder einmal besonders an solchen eigentlich physiologisch bedingten Phänomenen wie Scham, Reue und Empörung (vgl. hierzu meinen Post vom 04.09.2016):
„Insbesondere an reaktiven Haltungen wie Scham, Reue oder Empörung zeigt sich die Abhängigkeit von sprachlicher Ausdrucksfähigkeit, über die andere animalische Lebensformen auf der Erde offenbar nicht verfügen.“ (Sturma 2015, S.348)
Physiologische Reaktionen wie die Scham zeugen also nicht etwa für das Versagen von Sprache und Vernunft und für das Eintreten des Körpers für den Leib, sondern im Gegenteil: Sturma zufolge werden sie nur möglich, weil wir sprechen können. Sturma ist wohl noch nie vor Scham ins Stottern geraten!

Wenn es eine Solidarität des Menschen mit anderen Menschen gibt, denen die Sprache abhanden gekommen ist, dann ist sie in diesen von Sturma aufgezählten körperleiblichen Erfahrungen begründet und nicht in der Sprache. Es wirkt deshalb reichlich aufgesetzt und ‚unbegründet‘, wenn Sturma glaubt, „asymmetrische Anerkennungen“, die neben Neugeborenen und dementen Greisen auch den Rest der Schöpfung mit einschließen, sozusagen „an den Grenzen des Raums der Gründe“ (vgl. Sturma 2015, S.349), auf einen die biologische Dimension ausblendenden Begriff der Person zurückführen zu können.

Überhaupt sollte eine Anthropologie, die ihren Namen verdient, vom Begriff des Menschen ausgehen, der dann auch den Begriff der Person umfaßt. Es macht keinen Sinn, beides sprachanalytisch gegeneinander auszuspielen.

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