1. Methode
2. Kontingenz
3. Rolle der Intellektuellen
4. Paradoxien
5. Lernen aus der Geschichte
Max Webers im letzten Post angesprochene Kritik an den Intentionalisten, die den Ersten Weltkrieg vor allem unter dem Gesichtspunkt der moralischen Qualität der kriegsführenden Parteien beurteilten, verweist auf eine der zahlreichen Paradoxien, die Herfried Münkler zufolge auf beiden Seiten, den Mittelmächten wie der Entente, verhinderten, daß sie ihre strategischen Absichten umsetzen konnten. Letztlich erreichten nur die USA, die erst spät in das Kriegsgeschehen eintraten, die Ziele, die sie mit ihrem Kriegseintritt verbanden.
Die Liste der Paradoxien, die Münkler aufzählt, ist tatsächlich beeindruckend und rechtfertigt seine Beschreibung des Krieges als „Meister der Paradoxien“. (Vgl. Münkler 2013, S.785) Münkler zählt insgesamt acht auf:
(1) Großbritanniens Niedergang als Weltmacht, obwohl es genau diesen Niedergang mit seinem Kriegseintritt hatte verhindern wollen. (Vgl. Münkler 2013, S.786)
(2) Das Deutsche Reich sollte als Weltmachtkonkurrent ausgeschaltet werden, was aber nur dazu führte, daß nun die USA zur Weltmacht wurden. (Vgl. Münkler 2013, S.786)
(3) Deutschland als der Verlierer des Ersten Weltkrieges nimmt zu Beginn des 21. Jhdts. wieder eine Position ein, „die sich strukturell nicht wesentlich von der unterscheidet, die es zu Beginn des 20. Jahrhunderts innehatte.()“ (Vgl. Münkler 2013, S.787)
(4) Die schon erwähnte, von Max Weber beschriebene „Dämonie der Macht“ beinhaltet, daß es für das Handeln des Politikers „nicht wahr ist, daß aus Gutem nur Gutes, aus Bösem nur Böses kommen könne, sondern oft das Gegenteil ...“ (Vgl. Münkler 2013, S.791)
(5) Der Krieg brachte weder den bürgerlichen noch den aristokratischen Schichten in Deutschland den Machtzuwachs bzw. Machterhalt, den sie sich von ihm versprochen hatten. Stattdessen profitierte die Arbeiterschaft von den „im Krieg immer wieder beschworenen Solidaritätsvorstellungen“. (Vgl. Münkler 2013, S.793)
(6) Statt die Stellung der Frau in der Gesellschaft zu stärken und ihre Emanzipation zu fördern, wie es dem Ersten Weltkrieg oft zugeschrieben wurde – nach dem Ersten Weltkrieg erhielten die Frauen das Wahlrecht –, führte der Erste Weltkrieg zu einer „Konservierung der traditionellen Rollenvorstellungen zwischen Mann und Frau“ und zu einer Stärkung der Männlichkeitsideale. (Vgl. Münkler 2013, S.793f.)
(7) Anstatt in einen autoritativen Staat zu führen, beförderte der Krieg den Sozialstaat: „Die Geschichte des deutschen Sozialstaats wird im Allgemeinen auf die Sozialgesetzgebung Bismarcks und das spätere Wirken der Sozialdemokratie zurückgeführt. Dabei wird die Bedeutung des Ersten Weltkriegs für diese Entwicklung zumeist unterschätzt: Der Krieg hatte Millionen Menschen zu Versorgungsempfängern gemacht, die nun dauerhaft von staatlicher Hilfe abhängig waren.()“ (Münkler 2013, S.794)
(8) Eine weitere „Paradoxie des Großen Krieges“ bestand Münkler zufolge schließlich darin, „dass er technologische, wissenschaftliche und künstlerische Entwicklungen in Gang gesetzt oder beschleunigt hat, die in der ‚Welt von Gestern‘ (Stefan Zweig) unvorstellbar waren. ... Als der Fortschritt der Naturwissenschaften und der technologischen Naturbeherrschung gesellschaftliche Folgen zeitigte, zerbrach der geschichtsphilosophische Optimismus, der das 19. Jahrhundert hindurch vorgeherrscht hatte.“ (Münkler 2013, S.795)
Das letzte Paradox ist insofern noch einmal besonders bemerkenswert, weil es – auch mit Blick auf das Scheitern der Weimarer Republik und auf den darauf folgenden Nationalsozialismus mit seinen Technologien der Menschenvernichtung – mit einem besonders in Deutschland auftretenden, grundsätzlichen Vorbehalt gegenüber einer technologischen Gesamtauflösung des Existenzproblems des Menschen auf diesem Planeten verknüpft ist. Nirgendwo ist das Krieg und Frieden, Vernichtung und Bewahrung umfassende Paradox der Technik offensichtlicher zutage getreten als in der ersten Hälfte des 20. Jhdts.
Download
„Wenn schon eine ganze Welt, auf Erkenntnis beruhend und ihrer ständig bedürftig, errichtet ist und ihren Gang geht, wie die der modernen Technik, wird der nach dem Grund ihrer Möglichkeit und nach ihren Sicherheitsgarantien Fragende zum Sokrates der Vergeblichkeit.“ (Blumenberg, Höhlenausgänge, S.169)
„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)
Dienstag, 1. April 2014
Montag, 31. März 2014
Herfried Münkler, Der große Krieg. Die Welt 1914 bis 1918, Berlin 3/2013
1. Methode
2. Kontingenz
3. Rolle der Intellektuellen
4. Paradoxien
5. Lernen aus der Geschichte
Die Bereitschaft, großes Leiden auf sich zu nehmen und Opfer zu bringen, hängt, wie im letzten Post gezeigt wurde, vom Sinnangebot ab. Wird das Sinnbedürfnis befriedigt, sind Menschen zu nahezu allem bereit. Deshalb gehört zu den vielen technischen, sozialen und politischen Neuerungen, die der Erste Weltkrieg mit sich brachte, auf die im nächsten Post noch einzugehen sein wird, auch, daß der Erste Weltkrieg der erste „Weltanschauungskrieg“ (Münkler 2013, S.627) gewesen ist. Natürlich hat es schon früher Religionskriege gegeben, wie etwa den tatsächlichen Dreißigjährigen Krieg, mit dem der Erste Weltkrieg gelegentlich verglichen worden ist. Aber in der Hauptsache waren Kriege bis in das 19. Jhdt. hinein ‚Kabinettskriege‘, was bedeutet, daß es vor allem in der Entscheidungsgewalt einer Regierung bzw. eines Regierungsoberhaupts lag, ob ein Krieg geführt wurde oder nicht. (Vgl. Münkler 2013, S.792) Das Volk spielte dabei keine Rolle.
Der Erste Weltkrieg hingegen wurde in Deutschland vor allem vom deutschen Volk geführt, in doppelter oder dreifacher Hinsicht: zum einen war da die ganze Bevölkerungsschichten erfassende Begeisterung, mit der die Kriegsentscheidung des Kaisers entgegengenommen worden war; des weiteren waren da die Kriegsanleihen, die die bürgerlichen Schichten zeichneten und mit denen der Krieg finanziert wurde; und schließlich waren da die immensen Opfer an der „Heimatfront“, die aufgrund der „Hungerblockade“ der Entente erbracht wurden. Die Kriegsanleihen waren übrigens mit ein Grund, warum es den Politikern, allen voran dem deutschen Kaiser, mit der Zeit fast unmöglich geworden war, den Krieg frühzeitig zu beenden. Der Staat bzw das ‚Reich‘ war der Bevölkerung gegenüber dermaßen verschuldet, daß diese einen Verhandlungsfrieden nicht akzeptiert hätte, weil den Besitzern von Kriegsanleihen einfach zu viel Geld verloren gegangen wäre.
Der Erste Weltkrieg war also von Anfang ein Nationalkrieg, nicht nur auf deutscher Seite, sondern insgesamt vor allem an der Westfront, wo sich anders als an der Ostfront vor allem Nationalstaaten gegenüberstanden: England, Frankreich und das deutsche Reich. An der Ostfront hatte es das Deutsche Reich vor allem mit multinationalen Staaten zu tun, auf beiden Seiten: auf der eigenen Seite der Mittelmächte das Habsburger Reich und auf der Gegenseite Rußland. Dabei zeigte sich, daß der das eigene Volk mit einbeziehende Nationalstaat im Krieg multinationalen Staaten haushoch überlegen war. (Vgl. Münkler 2013, S.759) An der Ostfront gewannen die Deutschen eine Schlacht nach der anderen und zwangen schließlich Rußland zu einem ungleichen Frieden (Brest-Litowsk), bei dem alle Vorteile auf der deutschen Seite lagen. Österreich spielte bei allen diesen Schlachten nur eine untergeordnete Rolle.
Mit der großen Bedeutung, die die jeweils eigene Bevölkerung für diesen Krieg gewann, wurde auch die politische Propaganda auf beiden Seiten der Kriegsparteien, insbesondere der Westfront, zu einem wichtigen Instrument der Kriegsführung. (Vgl. Münkler 2013, S.215-288) Während sich die Entente, also vor allem Frankreich und England, dabei des Schemas gut/böse bedienten, mit dem häßlichen Deutschen als dem inkarnierten Bösen – im Ersten Weltkrieg wurde auch erstmals der Begriff des „Kreuzzugs“ verwendet, erst von den Briten, dann von den USA (vgl. Münkler 2013, S.789) –, hatten die Deutschen eher ein allgemeineres Problem: nämlich das der Begründbarkeit dieses Krieges. Nach der ersten Begeisterung, mit der die Deutschen in den Krieg gezogen waren, machte sich ein erhebliches Sinndefizit bemerkbar.
Franzosen und Engländer hatten es da einfacher: die Franzosen (und Belgier) verteidigten ihr eigenes Land, auf dessen Boden sich große Teile der deutschen Armee befanden. Die Engländer wiederum glaubten, ihre weltpolitische Vorrangstellung gegenüber einem erstarkenden Konkurrenten wie dem deutschen Reich verteidigen zu müssen. „Die Deutschen selbst hingegen“, so Münkler „hatten von allen beteiligten Großmächten die größten Schwierigkeiten, auf die Frage nach dem Sinn des Krieges eine angemessene Antwort zu finden.“ (Vgl. Münkler, 2013 S.216)
Die Folge war, daß Intellektuelle, „vor allem Theologen und Philosophen sowie Geisteswissenschaftler im weiteren Sinne“, eine wichtige Rolle für die deutsche Kriegspropaganda spielten. (Vgl. Münkler 2013, S.216) Das schmälerte den Einfluß der Politik auf das Kriegsgeschehen, der auch schon dadurch gemindert war, daß aufgrund der Wankelmütigkeit des deutschen Kaisers die Militärs zunehmend an Bedeutung gewannen. Insbesondere diejenigen Intellektuellenkreise, die Münkler als „Intentionalisten“ bezeichnet, gewannen hier eine unheilvolle Bedeutung: „Bezeichnenderweise waren die Wissenschaftler und Intellektuellen, die in Deutschland den propagandistischen Flankenschutz für den uneingeschränkten U-Boot-Krieg organisierten, überwiegend Vertreter von Disziplinen, in denen mehr Wert auf die Intentionalität des Handelns als auf dessen funktionelle Effekte gelegt wurde. Der Bedeutungsgewinn, den die Sozial- gegenüber den Geisteswissenschaften nach dem Krieg verbuchen konnten, hatte auch mit den politischen Irrtümern und falschen Ratschlägen dieser Intentionalisten zu tun. Die Geisteswissenschaften, die stets mit dem ‚reinen Herzen‘ und der ‚aufrechten Absicht‘ argumentiert hatten, wurden nun unter sozialwissenschaftlichen Vorbehalt gestellt.“ (Münkler 2013, S.584f.)
Wer wie die Intentionalisten mit dem „reinen Herzen“ und der „aufrechten Absicht“ argumentiert und die Befürworter eines Verhandlungsfriedens als Feiglinge und Verräter diffamiert, nimmt der Politik jeden Handlungsspielraum: „Wer allerdings in dieser Weise vom Sinn des Krieges an sich überzeugt war, hielt nicht nach politischen Kompromissen Ausschau, um ihn zu beenden.“ (Münkler 2013, S.217)
Bis heute ist die Beurteilung von Kriegsparteien nicht nur nach dem Freund-Feind-Schema, sondern auch nach dem gut-böse-Schema bis hin zur Kreuzzugsrhetorik ein verbreitetes Mittel politischer Argumentation. Noch heute, angesichts der Krim-Krise, versteht sich die westliche Welt gegenüber der östlichen Macht, also Rußland, als die gute Seite. Schon Max Weber hatte kurz nach dem Ersten Weltkrieg auf die dämonische Wirkung vermeintlich guter Absichten hingewiesen, die darin besteht, daß sich gute Absichten in der Politik, insbesondere aber im Krieg, immer wieder in „schlechte Wirkungen“ verkehren. (Vgl. Münkler 2013, S.585)
Diese Kritik ist soweit durchaus einleuchtend. Aber mir fehlt bei Münkler diesbezüglich eine weitergehende Differenzierung zu den nicht nur negativen Auswirkungen einer Politik, die sich einer moralischen Grundhaltung verpflichtet weiß, – auch und gerade in Kriegszeiten mit den ihnen eigenen moralischen Paradoxien. Man denke auch an die moralischen Implikationen der Globalisierung: Die Menschen müssen in einer globalisierten Welt zusammenleben. Die damit verbundenen Probleme lassen sich nicht auf Machtpolitik reduzieren.
Wir haben es also unvermeidbar mit Problemen der Sinngebung zu tun. Und in dieser Hinsicht ist der Erste Weltkrieg überaus lehrreich. Hier zeigen sich nämlich auch die Grenzen der Propaganda. Und das nicht nur im Sinne der mit jedem Krieg sowieso schon einhergehenden Paradoxien, die strategisches Handeln so schwierig und fast schon unmöglich machen. Die Kontingenz der Ereignisse erweist sich immer wieder als strategisch unberechenbar. Was jedenfalls im Ersten Weltkrieg mit propagandistischen Mitteln keineswegs verschleiert werden konnte, ist das massenhafte Sterben der Soldaten in den Materialschlachten. Massenhaftes Sterben läßt sich offensichtlich unter keinen Umständen als sinnhaft darstellen. An der Westfront kam es insbesondere auf französischer Seite immer wieder zu Kampfstreiks. (Vgl. Münkler 2013, S.593-619) Ansonsten hatten es vor allem multinationale Kriegsparteien wie Rußland und das Habsburger Reich mit diesem Problem zu tun. Hier war anscheinend vor allem die fehlende nationale Sinngebung das Problem.
Hier stellt sich nun die interessante Frage, warum Kampfstreiks auf deutscher Seite so selten waren und erst vor allem gegen Ende des Krieges im zunehmenden Maße auftraten. Woher kam die enorme Opferbereitschaft der deutschen Soldaten? Um das zu erklären, unterscheidet Münkler zwischen zwei Formen des Opfers: dem sinnvollen und dem sinnlosen Opfer, der „sacrificia“ und der „victima“. (Vgl. Münkler 2013, S.226) Mit der anfänglichen, massenhaften Begeisterung der deutschen Bevölkerung zu Beginn des Ersten Weltkriegs stimmte sich die Gesellschaft insgesamt auf eine Gemeinschaftsidee ein, die das sich-Opfern für die Volksgemeinschaft als durch und durch sinnhaft wahrnehmen läßt. Schon vor der Kriegserklärung hatten sich die Bürger auf den Straßen und in den Cafés auf diesen Opfergedanken eingestimmt: „Im gemeinsamen Gesang vollzog sich die Selbstverwandlung der victima zur sacrificia.() Was sich zunächst in den Cafés im Kleinen abspielte, holte wenig später das Augusterlebnis im Großen nach: die Transformation der viktimen Gesellschaft in eine sakrifizielle Gemeinschaft. ... Die Stimmung des Sakrifiziellen konnte sich darum durchsetzen, weil sie ein Sinnangebot enthielt, das der viktimen Haltung fehlte.“ (Münkler 2013, S.226)
Das Sakrifizielle bzw. Heilige dieses Opfergedankens ging dann im späteren Verlauf des Krieges auch auf deutscher Seite verloren: „Infolge der großen Materialschlachten der Westfront wurde der Opfergedanke ... aus dem Sakrifiziellen ins Viktime zurückgebogen: Hatte in der Gesellschaft im Sommer und Herbst 1914 noch eine überschwängliche Bereitschaft bestanden, sich für die Gemeinschaft zu opfern,() so empfand sie die Verluste an der Front nun zunehmend als sinnlos und die Opfer als erzwungen. In dieser Erfahrung des Viktimen, des Geopfertwerdens, kam das Opfer als rettende Tat kaum noch vor, und so wurde die Bereitschaft zum Selbstopfer allmählich zu fragil, als dass sich die Militärführung darauf weiterhin verlassen konnte.“ (Münkler 2013, S.467)
Wieso kam es dann aber bei den deutschen Soldaten nicht zu massenhaften Kampfstreiks, wie bei den Franzosen, Russen, Österreichern und Italienern? Die Antwort liegt anscheinend in einer veränderten Kampfführung auf deutscher Seite. Im Stellungskrieg an der Westfront wurden die deutschen Soldaten nicht mehr in einer konzentrierten Kampflinie aufgestellt, sondern in gestaffelten Linien hintereinander. An der vordersten Linie befanden sich kleinere Stoßtrupps, die unabhängig voneinander kämpften und deren Offiziere angepaßt am wechselnden Kampfgeschehen eigene Entscheidungen treffen konnten. Das vermittelte den Soldaten den Eindruck, nicht einfach nur unterschiedslos mit der Masse der Kameraden aufgeopfert zu werden und unterzugehen, sondern mit dem eigenen Einsatz auch einen eigenen Beitrag zum Kampfgeschehen zu leisten. Anhand einer von Ernst Jünger beschriebenen Episode in der Flandernschlacht zeigt Münkler, wie innerhalb eines großen, unüberschaubaren Ereignisses wie einer Schlacht, die insgesamt als sinnlos erscheint, auf einzelne Kampftrupps begrenzte Sinnerfahrungen „des Weiterkämpfens“ gemacht werden konnten. (Vgl. Münkler 2013, S.647ff.)
Die Überdehnung des Gemeinschaftsgedankens auf ein ganzes Volk trägt auf die Dauer nicht. Wenn die Kriegserfolge ausbleiben, erscheint das eigene Sterben als zunehmend sinnlos. Der Gemeinschaftsgedanke funktioniert nur im Kleinen. Sönke Neitzel und Harald Welzer (5/2011) beschreiben diese Kampfgemeinschaft als „totale Gruppe“, in der Gruppendenken vorherrscht. (Vgl. meinen Post vom 04.06.2011) Anthropologisch gesehen entspricht es offensichtlich einfach nicht der Natur des Menschen, in Gruppen mit mehr als 150 Individuen zu leben. Das mit größeren Gesellschaften verbundene Sinndefizit kann keine Propaganda dauerhaft ausgleichen.
Download
2. Kontingenz
3. Rolle der Intellektuellen
4. Paradoxien
5. Lernen aus der Geschichte
Die Bereitschaft, großes Leiden auf sich zu nehmen und Opfer zu bringen, hängt, wie im letzten Post gezeigt wurde, vom Sinnangebot ab. Wird das Sinnbedürfnis befriedigt, sind Menschen zu nahezu allem bereit. Deshalb gehört zu den vielen technischen, sozialen und politischen Neuerungen, die der Erste Weltkrieg mit sich brachte, auf die im nächsten Post noch einzugehen sein wird, auch, daß der Erste Weltkrieg der erste „Weltanschauungskrieg“ (Münkler 2013, S.627) gewesen ist. Natürlich hat es schon früher Religionskriege gegeben, wie etwa den tatsächlichen Dreißigjährigen Krieg, mit dem der Erste Weltkrieg gelegentlich verglichen worden ist. Aber in der Hauptsache waren Kriege bis in das 19. Jhdt. hinein ‚Kabinettskriege‘, was bedeutet, daß es vor allem in der Entscheidungsgewalt einer Regierung bzw. eines Regierungsoberhaupts lag, ob ein Krieg geführt wurde oder nicht. (Vgl. Münkler 2013, S.792) Das Volk spielte dabei keine Rolle.
Der Erste Weltkrieg hingegen wurde in Deutschland vor allem vom deutschen Volk geführt, in doppelter oder dreifacher Hinsicht: zum einen war da die ganze Bevölkerungsschichten erfassende Begeisterung, mit der die Kriegsentscheidung des Kaisers entgegengenommen worden war; des weiteren waren da die Kriegsanleihen, die die bürgerlichen Schichten zeichneten und mit denen der Krieg finanziert wurde; und schließlich waren da die immensen Opfer an der „Heimatfront“, die aufgrund der „Hungerblockade“ der Entente erbracht wurden. Die Kriegsanleihen waren übrigens mit ein Grund, warum es den Politikern, allen voran dem deutschen Kaiser, mit der Zeit fast unmöglich geworden war, den Krieg frühzeitig zu beenden. Der Staat bzw das ‚Reich‘ war der Bevölkerung gegenüber dermaßen verschuldet, daß diese einen Verhandlungsfrieden nicht akzeptiert hätte, weil den Besitzern von Kriegsanleihen einfach zu viel Geld verloren gegangen wäre.
Der Erste Weltkrieg war also von Anfang ein Nationalkrieg, nicht nur auf deutscher Seite, sondern insgesamt vor allem an der Westfront, wo sich anders als an der Ostfront vor allem Nationalstaaten gegenüberstanden: England, Frankreich und das deutsche Reich. An der Ostfront hatte es das Deutsche Reich vor allem mit multinationalen Staaten zu tun, auf beiden Seiten: auf der eigenen Seite der Mittelmächte das Habsburger Reich und auf der Gegenseite Rußland. Dabei zeigte sich, daß der das eigene Volk mit einbeziehende Nationalstaat im Krieg multinationalen Staaten haushoch überlegen war. (Vgl. Münkler 2013, S.759) An der Ostfront gewannen die Deutschen eine Schlacht nach der anderen und zwangen schließlich Rußland zu einem ungleichen Frieden (Brest-Litowsk), bei dem alle Vorteile auf der deutschen Seite lagen. Österreich spielte bei allen diesen Schlachten nur eine untergeordnete Rolle.
Mit der großen Bedeutung, die die jeweils eigene Bevölkerung für diesen Krieg gewann, wurde auch die politische Propaganda auf beiden Seiten der Kriegsparteien, insbesondere der Westfront, zu einem wichtigen Instrument der Kriegsführung. (Vgl. Münkler 2013, S.215-288) Während sich die Entente, also vor allem Frankreich und England, dabei des Schemas gut/böse bedienten, mit dem häßlichen Deutschen als dem inkarnierten Bösen – im Ersten Weltkrieg wurde auch erstmals der Begriff des „Kreuzzugs“ verwendet, erst von den Briten, dann von den USA (vgl. Münkler 2013, S.789) –, hatten die Deutschen eher ein allgemeineres Problem: nämlich das der Begründbarkeit dieses Krieges. Nach der ersten Begeisterung, mit der die Deutschen in den Krieg gezogen waren, machte sich ein erhebliches Sinndefizit bemerkbar.
Franzosen und Engländer hatten es da einfacher: die Franzosen (und Belgier) verteidigten ihr eigenes Land, auf dessen Boden sich große Teile der deutschen Armee befanden. Die Engländer wiederum glaubten, ihre weltpolitische Vorrangstellung gegenüber einem erstarkenden Konkurrenten wie dem deutschen Reich verteidigen zu müssen. „Die Deutschen selbst hingegen“, so Münkler „hatten von allen beteiligten Großmächten die größten Schwierigkeiten, auf die Frage nach dem Sinn des Krieges eine angemessene Antwort zu finden.“ (Vgl. Münkler, 2013 S.216)
Die Folge war, daß Intellektuelle, „vor allem Theologen und Philosophen sowie Geisteswissenschaftler im weiteren Sinne“, eine wichtige Rolle für die deutsche Kriegspropaganda spielten. (Vgl. Münkler 2013, S.216) Das schmälerte den Einfluß der Politik auf das Kriegsgeschehen, der auch schon dadurch gemindert war, daß aufgrund der Wankelmütigkeit des deutschen Kaisers die Militärs zunehmend an Bedeutung gewannen. Insbesondere diejenigen Intellektuellenkreise, die Münkler als „Intentionalisten“ bezeichnet, gewannen hier eine unheilvolle Bedeutung: „Bezeichnenderweise waren die Wissenschaftler und Intellektuellen, die in Deutschland den propagandistischen Flankenschutz für den uneingeschränkten U-Boot-Krieg organisierten, überwiegend Vertreter von Disziplinen, in denen mehr Wert auf die Intentionalität des Handelns als auf dessen funktionelle Effekte gelegt wurde. Der Bedeutungsgewinn, den die Sozial- gegenüber den Geisteswissenschaften nach dem Krieg verbuchen konnten, hatte auch mit den politischen Irrtümern und falschen Ratschlägen dieser Intentionalisten zu tun. Die Geisteswissenschaften, die stets mit dem ‚reinen Herzen‘ und der ‚aufrechten Absicht‘ argumentiert hatten, wurden nun unter sozialwissenschaftlichen Vorbehalt gestellt.“ (Münkler 2013, S.584f.)
Wer wie die Intentionalisten mit dem „reinen Herzen“ und der „aufrechten Absicht“ argumentiert und die Befürworter eines Verhandlungsfriedens als Feiglinge und Verräter diffamiert, nimmt der Politik jeden Handlungsspielraum: „Wer allerdings in dieser Weise vom Sinn des Krieges an sich überzeugt war, hielt nicht nach politischen Kompromissen Ausschau, um ihn zu beenden.“ (Münkler 2013, S.217)
Bis heute ist die Beurteilung von Kriegsparteien nicht nur nach dem Freund-Feind-Schema, sondern auch nach dem gut-böse-Schema bis hin zur Kreuzzugsrhetorik ein verbreitetes Mittel politischer Argumentation. Noch heute, angesichts der Krim-Krise, versteht sich die westliche Welt gegenüber der östlichen Macht, also Rußland, als die gute Seite. Schon Max Weber hatte kurz nach dem Ersten Weltkrieg auf die dämonische Wirkung vermeintlich guter Absichten hingewiesen, die darin besteht, daß sich gute Absichten in der Politik, insbesondere aber im Krieg, immer wieder in „schlechte Wirkungen“ verkehren. (Vgl. Münkler 2013, S.585)
Diese Kritik ist soweit durchaus einleuchtend. Aber mir fehlt bei Münkler diesbezüglich eine weitergehende Differenzierung zu den nicht nur negativen Auswirkungen einer Politik, die sich einer moralischen Grundhaltung verpflichtet weiß, – auch und gerade in Kriegszeiten mit den ihnen eigenen moralischen Paradoxien. Man denke auch an die moralischen Implikationen der Globalisierung: Die Menschen müssen in einer globalisierten Welt zusammenleben. Die damit verbundenen Probleme lassen sich nicht auf Machtpolitik reduzieren.
Wir haben es also unvermeidbar mit Problemen der Sinngebung zu tun. Und in dieser Hinsicht ist der Erste Weltkrieg überaus lehrreich. Hier zeigen sich nämlich auch die Grenzen der Propaganda. Und das nicht nur im Sinne der mit jedem Krieg sowieso schon einhergehenden Paradoxien, die strategisches Handeln so schwierig und fast schon unmöglich machen. Die Kontingenz der Ereignisse erweist sich immer wieder als strategisch unberechenbar. Was jedenfalls im Ersten Weltkrieg mit propagandistischen Mitteln keineswegs verschleiert werden konnte, ist das massenhafte Sterben der Soldaten in den Materialschlachten. Massenhaftes Sterben läßt sich offensichtlich unter keinen Umständen als sinnhaft darstellen. An der Westfront kam es insbesondere auf französischer Seite immer wieder zu Kampfstreiks. (Vgl. Münkler 2013, S.593-619) Ansonsten hatten es vor allem multinationale Kriegsparteien wie Rußland und das Habsburger Reich mit diesem Problem zu tun. Hier war anscheinend vor allem die fehlende nationale Sinngebung das Problem.
Hier stellt sich nun die interessante Frage, warum Kampfstreiks auf deutscher Seite so selten waren und erst vor allem gegen Ende des Krieges im zunehmenden Maße auftraten. Woher kam die enorme Opferbereitschaft der deutschen Soldaten? Um das zu erklären, unterscheidet Münkler zwischen zwei Formen des Opfers: dem sinnvollen und dem sinnlosen Opfer, der „sacrificia“ und der „victima“. (Vgl. Münkler 2013, S.226) Mit der anfänglichen, massenhaften Begeisterung der deutschen Bevölkerung zu Beginn des Ersten Weltkriegs stimmte sich die Gesellschaft insgesamt auf eine Gemeinschaftsidee ein, die das sich-Opfern für die Volksgemeinschaft als durch und durch sinnhaft wahrnehmen läßt. Schon vor der Kriegserklärung hatten sich die Bürger auf den Straßen und in den Cafés auf diesen Opfergedanken eingestimmt: „Im gemeinsamen Gesang vollzog sich die Selbstverwandlung der victima zur sacrificia.() Was sich zunächst in den Cafés im Kleinen abspielte, holte wenig später das Augusterlebnis im Großen nach: die Transformation der viktimen Gesellschaft in eine sakrifizielle Gemeinschaft. ... Die Stimmung des Sakrifiziellen konnte sich darum durchsetzen, weil sie ein Sinnangebot enthielt, das der viktimen Haltung fehlte.“ (Münkler 2013, S.226)
Das Sakrifizielle bzw. Heilige dieses Opfergedankens ging dann im späteren Verlauf des Krieges auch auf deutscher Seite verloren: „Infolge der großen Materialschlachten der Westfront wurde der Opfergedanke ... aus dem Sakrifiziellen ins Viktime zurückgebogen: Hatte in der Gesellschaft im Sommer und Herbst 1914 noch eine überschwängliche Bereitschaft bestanden, sich für die Gemeinschaft zu opfern,() so empfand sie die Verluste an der Front nun zunehmend als sinnlos und die Opfer als erzwungen. In dieser Erfahrung des Viktimen, des Geopfertwerdens, kam das Opfer als rettende Tat kaum noch vor, und so wurde die Bereitschaft zum Selbstopfer allmählich zu fragil, als dass sich die Militärführung darauf weiterhin verlassen konnte.“ (Münkler 2013, S.467)
Wieso kam es dann aber bei den deutschen Soldaten nicht zu massenhaften Kampfstreiks, wie bei den Franzosen, Russen, Österreichern und Italienern? Die Antwort liegt anscheinend in einer veränderten Kampfführung auf deutscher Seite. Im Stellungskrieg an der Westfront wurden die deutschen Soldaten nicht mehr in einer konzentrierten Kampflinie aufgestellt, sondern in gestaffelten Linien hintereinander. An der vordersten Linie befanden sich kleinere Stoßtrupps, die unabhängig voneinander kämpften und deren Offiziere angepaßt am wechselnden Kampfgeschehen eigene Entscheidungen treffen konnten. Das vermittelte den Soldaten den Eindruck, nicht einfach nur unterschiedslos mit der Masse der Kameraden aufgeopfert zu werden und unterzugehen, sondern mit dem eigenen Einsatz auch einen eigenen Beitrag zum Kampfgeschehen zu leisten. Anhand einer von Ernst Jünger beschriebenen Episode in der Flandernschlacht zeigt Münkler, wie innerhalb eines großen, unüberschaubaren Ereignisses wie einer Schlacht, die insgesamt als sinnlos erscheint, auf einzelne Kampftrupps begrenzte Sinnerfahrungen „des Weiterkämpfens“ gemacht werden konnten. (Vgl. Münkler 2013, S.647ff.)
Die Überdehnung des Gemeinschaftsgedankens auf ein ganzes Volk trägt auf die Dauer nicht. Wenn die Kriegserfolge ausbleiben, erscheint das eigene Sterben als zunehmend sinnlos. Der Gemeinschaftsgedanke funktioniert nur im Kleinen. Sönke Neitzel und Harald Welzer (5/2011) beschreiben diese Kampfgemeinschaft als „totale Gruppe“, in der Gruppendenken vorherrscht. (Vgl. meinen Post vom 04.06.2011) Anthropologisch gesehen entspricht es offensichtlich einfach nicht der Natur des Menschen, in Gruppen mit mehr als 150 Individuen zu leben. Das mit größeren Gesellschaften verbundene Sinndefizit kann keine Propaganda dauerhaft ausgleichen.
Download
Sonntag, 30. März 2014
Herfried Münkler, Der große Krieg. Die Welt 1914 bis 1918, Berlin 3/2013
1. Methode
2. Kontingenz
3. Rolle der Intellektuellen
4. Paradoxien
5. Lernen aus der Geschichte
In den bisherigen, insbesondere den deutschen Darstellungen des Ersten Weltkrieges bis in die 1980er Jahre hinein wurde vor allem dessen Unvermeidbarkeit und ineins damit auch des Zweiten Weltkrieges hervorgehoben. Beide Weltkriege mitsamt dazwischenliegender Zwischenkriegszeit von 1914 bis 1944 wurden dann auch gerne mit dem Dreißigjährigen Krieg verglichen, womit noch einmal die geschichtliche Zwangsläufigkeit dieser die globale Hegemonie Europas beendenden Kulturkatastrophen hervorgehoben wurde. Den Vergleich mit dem Dreißigjährigen Krieg relativiert Münkler, wenn er ihn allenfalls für den Balkan gelten lassen will. (Vgl. Münkler 2013, S.757) Ansonsten aber bestreitet er ganz energisch jeden Determinismus im geschichtlichen Ablauf der Ereignisse, der unter anderem darin besteht, im Attentat auf den österreichischen Erzherzog in Sarajewo nur einem ‚Anlaß‘ zu sehen, an dessen Stelle sich, wenn er ausgeblieben oder mißlungen wäre, genügend andere Anlässe gefunden hätten. (Vgl. Münkler 2013, S.28f.)
Münkler hält es „durchaus einer genaueren Untersuchung wert, ob das Attentat von Sarajewo vielleicht doch mehr war als eben nur ein Anlass, ob die übrigen Faktoren womöglich gar nicht zum Krieg geführt hätten, wenn es diesen Mordanschlag nicht gegeben hätte. Wirklich ausschließen kann das nur eine Geschichtsbetrachtung, die den Krieg als überdeterminiert ansieht.“ (Vgl Münkler 2013, S.28) – Er selbst hält die These von der Überdetermination des Ersten Weltkrieges jedenfalls für eine bequeme Ausflucht, die es den verantwortlichen Politikern und den Verlierermächten, allen voran dem Deutschen Reich bzw. dessen Nachfolgerin, der Weimarer Republik, und später der jungen BRD ermöglichte, sich der Frage nach der persönlichen Verantwortung und Schuld nicht stellen zu müssen. (Vgl. Münkler 2013, S.778, 782)
Dabei ist Münkler durchaus nicht der Ansicht, daß die ‚Kriegsschuld‘ allein auf deutscher Seite zu suchen sei. Weder der Kaiser noch die deutschen Politiker noch die deutschen Militärs noch die Industriellen, hatten den Ersten Weltkrieg von langer Hand vorbereitet und entschieden auf ihn hingearbeitet, wie es in der Geschichtsforschung bislang dargestellt worden war. In dieser Fehldarstellung kommt Münkler zufolge neben dem verbreiteten Vermeidungsverhalten in Schuldfragen noch ein anderes menschliches Bedürfnis zum Ausdruck: „Sowohl Historiker als auch Politikwissenschaftler haben die Kontingenz eines Geschehens in strukturellen Determinanten verschwinden lassen, und dieses Bedürfnis nach Kontingenzreduktion hat entscheidend zum Siegeszug der sekundären Determinationstheorien beigetragen. Darunter sind jene geschichtstheoretischen Konzepte zu verstehen, die nicht das Handeln der Akteure von 1914 beeinflusst haben, sondern in historischer Perspektive zu erklären versuchen, warum dieser Krieg ‚überdeterminiert‘, letztlich also unvermeidlich gewesen sei.“ (Münkler 2014, S.779) – Auch in der Geschichtswissenschaft führt der Strukturalismus also zu einer Eliminierung der subjektiven Perspektive.
Sozialpsychologisch gesehen war es für die Betroffenen und ihre Nachkommen bis in die 1980er Jahre hinein offensichtlich unerträglich, daß so gravierende Ereignisse wie der Erste und der Zweite Weltkrieg das Ergebnis von Zufällen gewesen sein sollten und auf individuelle Unzulänglichkeiten verantwortlicher Personen und Personenkreise zurückgeführt werden könnten. Das hätte das massenhafte Leiden und Sterben entwertet und im nachhinein als sinnlos erscheinen lassen. Der Mensch ist aber anscheinend in der Lage, praktisch alles zu ertragen und sich seinem ‚Schicksal‘ zu ergeben, wenn er sich nur einreden kann, daß es einen ‚Sinn‘ macht. Er glaubt dann lieber an Verschwörungstheorien und an die „Dolchstoßlegende“, als sich der Sinnlosigkeit des Geschehenen zu stellen.
Münkler differenziert zwischen „Ereignis“ und „Geschehnis“ dahingehend, daß Ereignisse in den „Geschichtsverlauf“ eingreifen und ihm eine grundsätzlich andere Richtung geben, während Geschehnisse diesem Geschichtsverlauf „immanent“ sind: „Die Kontingenz der Geschehnisse ist für uns kein großes Problem, weil von ihr keine grundlegenden Fragen aufgeworfen werden. Aber Ereignisse transzendieren die Normalität oder Banalität des Geschehens; in ihnen stellt sich die Frage nach dem ‚Wozu‘ und ‚Warum‘. Diese Frage bleibt unbeantwortet, wenn Ereignis und Kontingenz zusammenkommen. Sobald die Vermutung auftaucht, der Zufall habe seine Hand im Spiel gehabt, sind wir bemüht, das Ereignis auf das Niveau eines Geschehnisses herabzustufen.“ (Münkler 2013, S.779f.)
Lassen sich aber trotz gewissenhafter Nachforschung und Durchsicht der zur Verfügung stehenden Dokumente und Zeugen keine herausragenden, die Fäden der Ereignisse in den Händen haltenden Geschichtsheroen, Interessengruppen oder ominösen Geheimbündler namhaft machen, die eindeutig und unbeirrbar auf den Ersten Weltkrieg hingearbeitet hatten, „so kehrt“, wie Münkler schreibt, „die Kontingenz in die Ereignisse zurück“. (Vgl. Münkler 2013, S.28f.)
In einem anderen Fall hätte es im deutschen Reichstag „vermutlich keine Mehrheit für die Eröffnung des uneingeschränkten U-Boot-Krieges“ gegeben, wenn man gewußt hätte, daß in Rußland wenige Wochen später die Revolution ausbrechen würde. (Vgl. ebenda) Ohne den uneingeschränkten U-Boot-Krieg wäre es aber nicht zum Kriegseintritt der USA gekommen: „Im einen Fall war es ein Zuviel, im anderen ein Zuwenig an Wissen, das über Krieg oder Frieden, Eskalation oder Begrenzung entschied.“ (Münkler 2013, S.16)
Individuelles Wissen oder Nicht-Wissen und seine subjektive Bewertung machen also einen Großteil der Kontingenz aus, mit der historische Großereignisse wie der Erste Weltkrieg ihren Anfang nehmen, und sie bestimmen auch die Richtung, in die sie verlaufen. Alles in allem: das ist doch sehr ernüchternd.
Download
2. Kontingenz
3. Rolle der Intellektuellen
4. Paradoxien
5. Lernen aus der Geschichte
In den bisherigen, insbesondere den deutschen Darstellungen des Ersten Weltkrieges bis in die 1980er Jahre hinein wurde vor allem dessen Unvermeidbarkeit und ineins damit auch des Zweiten Weltkrieges hervorgehoben. Beide Weltkriege mitsamt dazwischenliegender Zwischenkriegszeit von 1914 bis 1944 wurden dann auch gerne mit dem Dreißigjährigen Krieg verglichen, womit noch einmal die geschichtliche Zwangsläufigkeit dieser die globale Hegemonie Europas beendenden Kulturkatastrophen hervorgehoben wurde. Den Vergleich mit dem Dreißigjährigen Krieg relativiert Münkler, wenn er ihn allenfalls für den Balkan gelten lassen will. (Vgl. Münkler 2013, S.757) Ansonsten aber bestreitet er ganz energisch jeden Determinismus im geschichtlichen Ablauf der Ereignisse, der unter anderem darin besteht, im Attentat auf den österreichischen Erzherzog in Sarajewo nur einem ‚Anlaß‘ zu sehen, an dessen Stelle sich, wenn er ausgeblieben oder mißlungen wäre, genügend andere Anlässe gefunden hätten. (Vgl. Münkler 2013, S.28f.)
Münkler hält es „durchaus einer genaueren Untersuchung wert, ob das Attentat von Sarajewo vielleicht doch mehr war als eben nur ein Anlass, ob die übrigen Faktoren womöglich gar nicht zum Krieg geführt hätten, wenn es diesen Mordanschlag nicht gegeben hätte. Wirklich ausschließen kann das nur eine Geschichtsbetrachtung, die den Krieg als überdeterminiert ansieht.“ (Vgl Münkler 2013, S.28) – Er selbst hält die These von der Überdetermination des Ersten Weltkrieges jedenfalls für eine bequeme Ausflucht, die es den verantwortlichen Politikern und den Verlierermächten, allen voran dem Deutschen Reich bzw. dessen Nachfolgerin, der Weimarer Republik, und später der jungen BRD ermöglichte, sich der Frage nach der persönlichen Verantwortung und Schuld nicht stellen zu müssen. (Vgl. Münkler 2013, S.778, 782)
Dabei ist Münkler durchaus nicht der Ansicht, daß die ‚Kriegsschuld‘ allein auf deutscher Seite zu suchen sei. Weder der Kaiser noch die deutschen Politiker noch die deutschen Militärs noch die Industriellen, hatten den Ersten Weltkrieg von langer Hand vorbereitet und entschieden auf ihn hingearbeitet, wie es in der Geschichtsforschung bislang dargestellt worden war. In dieser Fehldarstellung kommt Münkler zufolge neben dem verbreiteten Vermeidungsverhalten in Schuldfragen noch ein anderes menschliches Bedürfnis zum Ausdruck: „Sowohl Historiker als auch Politikwissenschaftler haben die Kontingenz eines Geschehens in strukturellen Determinanten verschwinden lassen, und dieses Bedürfnis nach Kontingenzreduktion hat entscheidend zum Siegeszug der sekundären Determinationstheorien beigetragen. Darunter sind jene geschichtstheoretischen Konzepte zu verstehen, die nicht das Handeln der Akteure von 1914 beeinflusst haben, sondern in historischer Perspektive zu erklären versuchen, warum dieser Krieg ‚überdeterminiert‘, letztlich also unvermeidlich gewesen sei.“ (Münkler 2014, S.779) – Auch in der Geschichtswissenschaft führt der Strukturalismus also zu einer Eliminierung der subjektiven Perspektive.
Sozialpsychologisch gesehen war es für die Betroffenen und ihre Nachkommen bis in die 1980er Jahre hinein offensichtlich unerträglich, daß so gravierende Ereignisse wie der Erste und der Zweite Weltkrieg das Ergebnis von Zufällen gewesen sein sollten und auf individuelle Unzulänglichkeiten verantwortlicher Personen und Personenkreise zurückgeführt werden könnten. Das hätte das massenhafte Leiden und Sterben entwertet und im nachhinein als sinnlos erscheinen lassen. Der Mensch ist aber anscheinend in der Lage, praktisch alles zu ertragen und sich seinem ‚Schicksal‘ zu ergeben, wenn er sich nur einreden kann, daß es einen ‚Sinn‘ macht. Er glaubt dann lieber an Verschwörungstheorien und an die „Dolchstoßlegende“, als sich der Sinnlosigkeit des Geschehenen zu stellen.
Münkler differenziert zwischen „Ereignis“ und „Geschehnis“ dahingehend, daß Ereignisse in den „Geschichtsverlauf“ eingreifen und ihm eine grundsätzlich andere Richtung geben, während Geschehnisse diesem Geschichtsverlauf „immanent“ sind: „Die Kontingenz der Geschehnisse ist für uns kein großes Problem, weil von ihr keine grundlegenden Fragen aufgeworfen werden. Aber Ereignisse transzendieren die Normalität oder Banalität des Geschehens; in ihnen stellt sich die Frage nach dem ‚Wozu‘ und ‚Warum‘. Diese Frage bleibt unbeantwortet, wenn Ereignis und Kontingenz zusammenkommen. Sobald die Vermutung auftaucht, der Zufall habe seine Hand im Spiel gehabt, sind wir bemüht, das Ereignis auf das Niveau eines Geschehnisses herabzustufen.“ (Münkler 2013, S.779f.)
Lassen sich aber trotz gewissenhafter Nachforschung und Durchsicht der zur Verfügung stehenden Dokumente und Zeugen keine herausragenden, die Fäden der Ereignisse in den Händen haltenden Geschichtsheroen, Interessengruppen oder ominösen Geheimbündler namhaft machen, die eindeutig und unbeirrbar auf den Ersten Weltkrieg hingearbeitet hatten, „so kehrt“, wie Münkler schreibt, „die Kontingenz in die Ereignisse zurück“. (Vgl. Münkler 2013, S.28f.)
Nebenbei bemerkt: Angesichts des die menschliche Natur kennzeichnenden Anachronismusses aus drei Entwicklungslinien, der biologischen, kulturellen und der individuellen, hatte ich schon immer meine Zweifel an Verschwörungstheorien, die nicht nur wie beim Ersten und Zweiten Weltkrieg lediglich dreißig Jahre umfassen, sondern die auch von oft Jahrhunderte hindurch in ungebrochener Kontinuität wirkenden Geheimorganisationen ausgehen, etwa den Illuminati oder dem Opus Dei oder wie sie alle heißen. Wie schwer es einem einzelnen Menschen fällt, unter wechselnden Lebensumständen die eigenen Lebensziele nicht aus den Augen zu verlieren, kann jeder für sich selbst beurteilen. Dasselbe aber über Generationen hinweg zu institutionalisieren und durchzuhalten – eine Sache ausgeklügelter Pädagogik und Initiation –, ist noch ein ganz anderes Kaliber. Kurz: Diesen Geheimorganisationen müßte gelingen, womit die meisten Eltern ihren eigenen Sprößlingen gegenüber scheitern. Da ist Kontingenz tatsächlich die vernünftigere Hypothese.Zurück zu Münkler: Zur Kontingenz gehören nicht nur die Wechselfälle unberechenbarer Ereignisse. Zu ihr gehört auch das, was die jeweiligen Akteure wissen und was sie nicht wissen; wobei das Wissen selbst aber weniger ausschlaggebend ist, als wie sie das, was sie wissen, bewerten, also ihre subjektive ‚Zutat‘. Sowohl ein Zuviel wie auch ein Zuwenig an Wissen konnte zu verhängnisvollen Fehlentscheidungen der am Krieg beteiligten Parteien führen. Einer der Faktoren, die auf deutscher Seite dazu beitrugen, ein britisches Vermittlungsangebot, das den bevorstehenden Krieg verhindert hätte, abzulehnen, war die von einem Spion in der Londoner Botschaft Rußlands gelieferte Information „über eine gegen Deutschland gerichtete Marinekonvention“ zwischen England und Rußland. Der deutsche Reichskanzler maß „den britisch-russischen Gesprächen ein größeres Gewicht bei, als ihnen tatsächlich zukam“. (Vgl. Münkler 2013, S.16)
In einem anderen Fall hätte es im deutschen Reichstag „vermutlich keine Mehrheit für die Eröffnung des uneingeschränkten U-Boot-Krieges“ gegeben, wenn man gewußt hätte, daß in Rußland wenige Wochen später die Revolution ausbrechen würde. (Vgl. ebenda) Ohne den uneingeschränkten U-Boot-Krieg wäre es aber nicht zum Kriegseintritt der USA gekommen: „Im einen Fall war es ein Zuviel, im anderen ein Zuwenig an Wissen, das über Krieg oder Frieden, Eskalation oder Begrenzung entschied.“ (Münkler 2013, S.16)
Individuelles Wissen oder Nicht-Wissen und seine subjektive Bewertung machen also einen Großteil der Kontingenz aus, mit der historische Großereignisse wie der Erste Weltkrieg ihren Anfang nehmen, und sie bestimmen auch die Richtung, in die sie verlaufen. Alles in allem: das ist doch sehr ernüchternd.
Download
Samstag, 29. März 2014
Herfried Münkler, Der große Krieg. Die Welt 1914 bis 1918, Berlin 3/2013
1. Methode
2. Kontingenz
3. Rolle der Intellektuellen
4. Paradoxien
5. Lernen aus der Geschichte
Die insgesamt 924 Seiten von Herfried Münklers Buch „Der große Krieg“ (2013) enthalten eine solche Fülle militärgeschichtlicher Details zu den Schlachten an den verschiedenen Fronten des Ersten Weltkriegs, der Westfront, der Ostfront, dem Balkan und dem Nahen Osten, daß sie einen alten Kriegsdienstverweigerer wie mich regelrecht ‚erschlagen‘ und letztlich zu ermüden drohen. Allerdings beschränkt sich Münkler keineswegs auf diese strategischen, taktischen und waffentechnischen Details. Er liefert darüberhinaus geopolitische, sozialpolitische, sozialpsychologische, wissenschaftspolitische, ökonomische und kulturpolitische Analysen, die immer wieder überraschende Einsichten in Zusammenhänge eröffnen, die bis in unsere 2014er Tage hinein längst noch nicht abgegolten sind, wie insbesondere der Putinsche Griff nach der Krim zeigt. Den allerdings hatte Münkler nicht auf dem ‚Schirm‘, trotz seiner Hinweise auf den Balkan. Ob die Ukraine noch zum ‚Balkan‘ gehört, weiß ich nicht. Statt um Rußland sorgt sich Münkler jedenfalls eher um den rasanten wirtschaftlichen Aufstieg Chinas, das er mit dem Wilhelminischen Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg vergleicht.
Ich will die Reihe meiner Besprechungen mit einigen Bemerkungen zur Methode beginnen. Zu diesem Zweck möchte ich einen Begriff aufgreifen, den ich in diesem Blog schon verschiedentlich diskutiert habe: den Begriff der Kasuistik (Vgl. meine Posts vom 07.09. bis zum 10.09.2013) Wenn Münkler von den Quellen spricht, auf die er sich bezieht, um die „zeitgenössische() Reflexion“ des Ersten Weltkriegs zu thematisieren, handelt es sich vor allem um literarische Zeugnisse und um „Feldpostbriefe einfacher Soldaten“. (Vgl. Münkler 2013, S.18f.) Dabei spricht Münkler ein spezifisches Problem hinsichtlich der Glaubwürdigkeit dieser ‚Quellen‘ an, das wir schon von Blumenberg kennen, der die geschichtswissenschaftliche Quellengläubigkeit als letzte, unbezweifelbare Autorität hinterfragt. (Vgl. Hans Blumenberg, Quellen, Ströme, Eisberge, Berlin 2012, S.42f.u.ö.)
Auch Herfried Münkler problematisiert die ‚Autorität‘ seiner Quellen, insbesondere der Feldpostbriefe „als authentische Zeugnisse“, insofern „das, was in ihnen erzählt wird, in hohem Maße durch sprachliche Stereotype geprägt ist“. (Vgl. Münkler 2013, S.19) Im Vergleich zu solchen scheinbar unmittelbaren Erlebnisberichten hebt Münkler sogar den Vorzug von Werken von „Literaten wie Jaroslav Hašek, Ernst Jünger oder Robert von Ranke-Graves“ hervor (vgl. Münkler 2013, S.18), weil wir bei ihnen von vornherein wissen, daß deren Darstellungen stilisiert sind, was uns gegenüber ihrem „Autoritätsgestus“ weitgehend immun macht (vgl. Münkler 2013, S.19).
Trotz der grundsätzlichen Fragwürdigkeit literarischer Quellen einschließlich der erwähnten Feldpostbriefe hält Münkler diese Schriftzeugnisse für unverzichtbar, wenn man als Historiker dem Sinn auf die Spur kommen will, den die Menschen als Zeitgenossen und als Betroffene den historischen Vorgängen um sie herum zu geben versuchen. Damit aber haben wir es genau mit der Kasuistik zu tun, auf deren Notwendigkeit ich auch schon für die Pädagogik, für die Medizin und für die Jurisprudenz hingewiesen habe. Dabei wird allerdings auch gleich der entscheidende Unterschied zu einer pädagogischen Kasuistik deutlich: Für den Pädagogen und Erziehungswissenschaftler ist das entscheidende Kriterium für den Wert einer Beispielerzählung nicht deren empirische Validität, sondern deren intersubjektive Plausibilität. Erst wo eine Beispielerzählung für den Zuhörer anschlußfähig ist – wo er seine eigenen Erfahrungen in ihr gespiegelt findet –, kann sie ihre die Erkenntnis fördernde und die Handlungskompetenz bereichernde Potenz entfalten.
Der Geschichtswissenschaftler hingegen steht der scheinbaren Plausibilität von historischen Dokumenten (Quellen) skeptisch gegenüber. Der Erkenntniswert historischer Erlebnisberichte erhöht sich im Gegenteil gerade dort, wo diese Quellen selbst den Hinweis auf ihre Künstlichkeit schon an sich tragen, wie es eben bei literarischen Werken der Fall ist: „Die Präferenz für literarische Zeugnisse begründet sich auch daraus, dass sie schon viele Male kritisch analysiert wurden und ihnen so der Authentizitätsgestus abhanden gekommen ist.“ (Vgl. Münkler 2013, S.19) – Die geschichtswissenschaftliche Kasuistik bedarf also einer anderen Ausbalancierung von Naivität und Kritik, mit einer stärkeren Gewichtung des zweiten Bestandteils in dieser Verhältnisbestimmung.
Eine solche Kasuistik ist auch gegen die Gefahr einer „retrospektive(n) Besserwisserei“ des Nachgeborenen gegenüber den unmittelbar Beteiligten weitgehend gefeit. (Vgl. Münkler 2013, S.15) Gegen eine entsprechende moralische Kontaminierung historischer Geschehnisse durch die Geschichtswissenschaft wenden sich z.B. auch Sönke Neitzel und Harald Welzer in „Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben“ (5/2011). (Vgl. meinen Post vom 01.06.2011) Mit ihrer ehrenwerten Selbstbegrenzung schießen sie aber weit über das Ziel hinaus. Mit ihrem unmoralischen, also sich moralischer Wertungen enthaltenden Blick auf Gewaltdelikte am Rande des eigentlichen Kampfgeschehens entgeht ihnen die Opferperspektive, die ja schließlich auch zum historischen Geschehen gehört und ohne die der Gewaltbegriff, um den es ihnen ja geht, nicht vollständig ist.
Im Unterschied dazu will Münkler also ausdrücklich die zeitgenössische Perspektive, einschließlich ihrer ‚moralischen‘ und sozialpsychologischen Hintergründe in seinen Analysen berücksichtigen. Wenn Münkler dabei die politischen und militärischen Entscheidungen der verschiedenen Kriegsparteien gewichtet und bewertet, geht es um eine ‚Zukunft‘, die für uns schon vergangen ist und deshalb eben zu der erwähnten retrospektiven Besserwisserei verführt. Der Vergangenheitsbezug dieser Zukunft – das möchte ich im Anschluß zu den politisch-ökonomischen Analysen von Frank Engster ergänzen (vgl. meine Post vom 15.02 bis zum 25.03.2014) – bildet gewissermaßen ein Futurum III. Im Grunde unterliegt die Geschichtswissenschaft dem Prinzip eines analog zum die Ökonomie beherrschenden Futurum II zu bildenden dritten Futurs. Bildet das Futurum II einen in die Zukunft projizierten Vergangenheitsbezug, so bildet das Futurum III einen in die Vergangenheit projizierten Zukunftsbezug. Die Geschichtswissenschaft rekonstruiert also den Zukunftsbezug des Handelns früherer Generationen.
Es ist dieser rekonstruierte Zukunftsbezug, der Münklers Skepsis gegenüber Authentizität beanspruchenden Quellen begründet und in dem die Spezifik einer geschichtswissenschaftlichen Kasuistik besteht.
Download
2. Kontingenz
3. Rolle der Intellektuellen
4. Paradoxien
5. Lernen aus der Geschichte
Die insgesamt 924 Seiten von Herfried Münklers Buch „Der große Krieg“ (2013) enthalten eine solche Fülle militärgeschichtlicher Details zu den Schlachten an den verschiedenen Fronten des Ersten Weltkriegs, der Westfront, der Ostfront, dem Balkan und dem Nahen Osten, daß sie einen alten Kriegsdienstverweigerer wie mich regelrecht ‚erschlagen‘ und letztlich zu ermüden drohen. Allerdings beschränkt sich Münkler keineswegs auf diese strategischen, taktischen und waffentechnischen Details. Er liefert darüberhinaus geopolitische, sozialpolitische, sozialpsychologische, wissenschaftspolitische, ökonomische und kulturpolitische Analysen, die immer wieder überraschende Einsichten in Zusammenhänge eröffnen, die bis in unsere 2014er Tage hinein längst noch nicht abgegolten sind, wie insbesondere der Putinsche Griff nach der Krim zeigt. Den allerdings hatte Münkler nicht auf dem ‚Schirm‘, trotz seiner Hinweise auf den Balkan. Ob die Ukraine noch zum ‚Balkan‘ gehört, weiß ich nicht. Statt um Rußland sorgt sich Münkler jedenfalls eher um den rasanten wirtschaftlichen Aufstieg Chinas, das er mit dem Wilhelminischen Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg vergleicht.
Ich will die Reihe meiner Besprechungen mit einigen Bemerkungen zur Methode beginnen. Zu diesem Zweck möchte ich einen Begriff aufgreifen, den ich in diesem Blog schon verschiedentlich diskutiert habe: den Begriff der Kasuistik (Vgl. meine Posts vom 07.09. bis zum 10.09.2013) Wenn Münkler von den Quellen spricht, auf die er sich bezieht, um die „zeitgenössische() Reflexion“ des Ersten Weltkriegs zu thematisieren, handelt es sich vor allem um literarische Zeugnisse und um „Feldpostbriefe einfacher Soldaten“. (Vgl. Münkler 2013, S.18f.) Dabei spricht Münkler ein spezifisches Problem hinsichtlich der Glaubwürdigkeit dieser ‚Quellen‘ an, das wir schon von Blumenberg kennen, der die geschichtswissenschaftliche Quellengläubigkeit als letzte, unbezweifelbare Autorität hinterfragt. (Vgl. Hans Blumenberg, Quellen, Ströme, Eisberge, Berlin 2012, S.42f.u.ö.)
Auch Herfried Münkler problematisiert die ‚Autorität‘ seiner Quellen, insbesondere der Feldpostbriefe „als authentische Zeugnisse“, insofern „das, was in ihnen erzählt wird, in hohem Maße durch sprachliche Stereotype geprägt ist“. (Vgl. Münkler 2013, S.19) Im Vergleich zu solchen scheinbar unmittelbaren Erlebnisberichten hebt Münkler sogar den Vorzug von Werken von „Literaten wie Jaroslav Hašek, Ernst Jünger oder Robert von Ranke-Graves“ hervor (vgl. Münkler 2013, S.18), weil wir bei ihnen von vornherein wissen, daß deren Darstellungen stilisiert sind, was uns gegenüber ihrem „Autoritätsgestus“ weitgehend immun macht (vgl. Münkler 2013, S.19).
Trotz der grundsätzlichen Fragwürdigkeit literarischer Quellen einschließlich der erwähnten Feldpostbriefe hält Münkler diese Schriftzeugnisse für unverzichtbar, wenn man als Historiker dem Sinn auf die Spur kommen will, den die Menschen als Zeitgenossen und als Betroffene den historischen Vorgängen um sie herum zu geben versuchen. Damit aber haben wir es genau mit der Kasuistik zu tun, auf deren Notwendigkeit ich auch schon für die Pädagogik, für die Medizin und für die Jurisprudenz hingewiesen habe. Dabei wird allerdings auch gleich der entscheidende Unterschied zu einer pädagogischen Kasuistik deutlich: Für den Pädagogen und Erziehungswissenschaftler ist das entscheidende Kriterium für den Wert einer Beispielerzählung nicht deren empirische Validität, sondern deren intersubjektive Plausibilität. Erst wo eine Beispielerzählung für den Zuhörer anschlußfähig ist – wo er seine eigenen Erfahrungen in ihr gespiegelt findet –, kann sie ihre die Erkenntnis fördernde und die Handlungskompetenz bereichernde Potenz entfalten.
Der Geschichtswissenschaftler hingegen steht der scheinbaren Plausibilität von historischen Dokumenten (Quellen) skeptisch gegenüber. Der Erkenntniswert historischer Erlebnisberichte erhöht sich im Gegenteil gerade dort, wo diese Quellen selbst den Hinweis auf ihre Künstlichkeit schon an sich tragen, wie es eben bei literarischen Werken der Fall ist: „Die Präferenz für literarische Zeugnisse begründet sich auch daraus, dass sie schon viele Male kritisch analysiert wurden und ihnen so der Authentizitätsgestus abhanden gekommen ist.“ (Vgl. Münkler 2013, S.19) – Die geschichtswissenschaftliche Kasuistik bedarf also einer anderen Ausbalancierung von Naivität und Kritik, mit einer stärkeren Gewichtung des zweiten Bestandteils in dieser Verhältnisbestimmung.
Eine solche Kasuistik ist auch gegen die Gefahr einer „retrospektive(n) Besserwisserei“ des Nachgeborenen gegenüber den unmittelbar Beteiligten weitgehend gefeit. (Vgl. Münkler 2013, S.15) Gegen eine entsprechende moralische Kontaminierung historischer Geschehnisse durch die Geschichtswissenschaft wenden sich z.B. auch Sönke Neitzel und Harald Welzer in „Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben“ (5/2011). (Vgl. meinen Post vom 01.06.2011) Mit ihrer ehrenwerten Selbstbegrenzung schießen sie aber weit über das Ziel hinaus. Mit ihrem unmoralischen, also sich moralischer Wertungen enthaltenden Blick auf Gewaltdelikte am Rande des eigentlichen Kampfgeschehens entgeht ihnen die Opferperspektive, die ja schließlich auch zum historischen Geschehen gehört und ohne die der Gewaltbegriff, um den es ihnen ja geht, nicht vollständig ist.
Im Unterschied dazu will Münkler also ausdrücklich die zeitgenössische Perspektive, einschließlich ihrer ‚moralischen‘ und sozialpsychologischen Hintergründe in seinen Analysen berücksichtigen. Wenn Münkler dabei die politischen und militärischen Entscheidungen der verschiedenen Kriegsparteien gewichtet und bewertet, geht es um eine ‚Zukunft‘, die für uns schon vergangen ist und deshalb eben zu der erwähnten retrospektiven Besserwisserei verführt. Der Vergangenheitsbezug dieser Zukunft – das möchte ich im Anschluß zu den politisch-ökonomischen Analysen von Frank Engster ergänzen (vgl. meine Post vom 15.02 bis zum 25.03.2014) – bildet gewissermaßen ein Futurum III. Im Grunde unterliegt die Geschichtswissenschaft dem Prinzip eines analog zum die Ökonomie beherrschenden Futurum II zu bildenden dritten Futurs. Bildet das Futurum II einen in die Zukunft projizierten Vergangenheitsbezug, so bildet das Futurum III einen in die Vergangenheit projizierten Zukunftsbezug. Die Geschichtswissenschaft rekonstruiert also den Zukunftsbezug des Handelns früherer Generationen.
Es ist dieser rekonstruierte Zukunftsbezug, der Münklers Skepsis gegenüber Authentizität beanspruchenden Quellen begründet und in dem die Spezifik einer geschichtswissenschaftlichen Kasuistik besteht.
Download
Labels:
Futurum II,
Kasuistik,
Naivität und Kritik
Dienstag, 25. März 2014
Frank Engster, Das Geld als Maß, Mittel und Methode. Das Rechnen mit der Identität der Zeit, Berlin 2014
(Neofelis Verlag UG, 790 S., Print (Softcover): 32,--)
17. Nachtrag
Ich spare zwar in meinem Blog nicht mit Polemiken gegen Formeln, aber für Graphiken habe ich was übrig. Und gerade was die Marxsche Formel für die Kapitalform des Geldes betrifft, G-W-G', scheint mir eine Kombination aus Graphik und Formel sinnvoll zu sein. Die Formel für sich suggeriert, daß es letztlich nur um den mit dem Geld ermöglichten Warentausch geht, wie in W-G-W, nur daß es in der Kapitalform der Formel auf die Vermehrung des Geldes hinausläuft, während es in der Warenform der Formel nur um die Zirkulation der Waren zu gehen scheint.
Aber in dem schlichten ‚W‘ der Formel G-W-G' steckt wesentlich mehr als nur das Eintauschen einer Ware gegen Geld. Was genau da passiert, soll die Graphik zum Ausdruck bringen. Zunächst einmal verbirgt sich in dem einzelnen ‚W‘ ein Produktionsprozeß mit folgender Formel: WnA + WzA (WRes.) In Worten: Geld (tote Arbeitszeit: tA) wird mittels lebendiger Arbeit (lA), die aus der notwendigen Arbeitszeit (nA) und der zusätzlichen Arbeitszeit der Ware Arbeitskraft (WnA/zA) besteht, auf Waren als Resultaten des Arbeitsprozesses (WRes.) übertragen. Über den Warentausch (WT) kehrt das Geld vermehrt (G', MWt) als Kapital (tote Arbeit) zurück, nachdem sich die bezahlte Lebenszeit der Arbeitskraft (Rep.) und der Gebrauchswert der Waren (GWt) verbraucht hat.
Die Kapitalform des Geldes bildet demnach eine Zeitschleife, die von der Lebenszeit (vulgäre Zeit) von Menschen und Dingen profitiert.
Download
17. Nachtrag
Ich spare zwar in meinem Blog nicht mit Polemiken gegen Formeln, aber für Graphiken habe ich was übrig. Und gerade was die Marxsche Formel für die Kapitalform des Geldes betrifft, G-W-G', scheint mir eine Kombination aus Graphik und Formel sinnvoll zu sein. Die Formel für sich suggeriert, daß es letztlich nur um den mit dem Geld ermöglichten Warentausch geht, wie in W-G-W, nur daß es in der Kapitalform der Formel auf die Vermehrung des Geldes hinausläuft, während es in der Warenform der Formel nur um die Zirkulation der Waren zu gehen scheint.
Die Kapitalform des Geldes bildet demnach eine Zeitschleife, die von der Lebenszeit (vulgäre Zeit) von Menschen und Dingen profitiert.
Download
Montag, 24. März 2014
Frank Engster, Das Geld als Maß, Mittel und Methode. Das Rechnen mit der Identität der Zeit, Berlin 2014
(Neofelis Verlag UG, 790 S., Print (Softcover): 32,--)
(I. Wie ist eine Kritik der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft möglich?, S.47-148 / II. Lukács und das identische Subjekt-Objekt der Geschichte: Die Idee des Kommunismus und die Identifikation der Arbeit durch das Maß der Zeit, S.149-324 / III. Adornos negative Dialektik und die Logik der Identifikation durch das Maß, S.325-516 / IV. Zwischen Lukács und Adorno. Alfred Sohn-Rethel, die Wertform als Transzendentalsubjekt und dessen blinder Fleck: Die kapitalistische Bestimmung von Ware und Arbeit, Wert und Geld, S.517-646 / V. Die Rätselhaftigkeit des Geldes durch die Auflösung der Ökonomie in Zeit, S.647-744 / VI. Schluss, S.745-764)
13. Prolog: Das Geburtstagsgeschenk
14. Schwarze Löcher, Vakuum
15. Noch einmal: Mehrwert
16. Eine ‚kritische‘ Bilanz
Mit der ‚kritischen‘ Bilanz, die ich in diesem Post ziehen will, geht es weniger um eine detaillierte Kritik der Gesamtleistung von Engsters Buch. Dazu sehe ich mich nicht in der Lage, da ich mich mit dem Autor nicht auf Augenhöhe fühle. Die dialektische Art des Denkens ist mir fremd. Hierbei geht es weniger um Inhalte und Phänomene als vielmehr um subtile logische Differenzierungen, denen ich oft genug keine Bedeutung zuordnen kann. Wenn ich zu Beginn meiner Besprechungen von der Notwendigkeit einer phänomenalen Strukturanalyse gesprochen hatte, war es mir um eine Kombination zweier Denkformen gegangen, des Strukturalismus und der Phänomenologie, die das menschliche Subjekt und seine Sinnlichkeit wieder in die Denkbewegung miteinbezieht bzw. von ihm ausgeht, ohne sich von ihm mit logischer Konsequenz zu entfernen. Der Hegelschen und Marxschen Dialektik scheint aber genau diese entsubjektivierende Tendenz inhärent zu sein.
Eine phänomenale Strukturanalyse hingegen stelle ich mir als eine Kombination aus Hermeneutik und Phänomenologie vor. Der Strukturalismus ist im Grunde nur eine um das subjektive Moment reduzierte Hermeneutik. Hermeneutik ist Textauslegung, und da ‚Texte‘ wesentlich aus Strukturen bestehen, ist Hermeneutik immer auch ein Strukturalismus, – allerdings ein um das subjektive Moment bereicherter Strukturalismus. Insofern kann die Hermeneutik im Rahmen einer phänomenalen Strukturanalyse jenen geschärften Blick auf ansonsten unsichtbar bleibende Strukturen beitragen, die dem vor allem auf Oberflächen fixierten Phänomenologen entgehen.
Doch zurück zur Dialektik. Die dialektische Kritik – und darin ist sie gut ‚hermeneutisch‘ – hält sich etwas darauf zugute, mit ihrem Gegenstand auf immanente Weise fertigzuwerden. Der Kapitalismus bzw. die kapitalistische Gesellschaft soll aus sich selbst heraus, durch die Entwicklung ihrer ureigenen Kategorien, ‚überwunden‘ werden. In meinem Post vom 10.03.2014 hatte ich schon meine Zweifel an so einer immanenten ‚Kritik‘ geäußert. Sich im Rahmen des zu kritisierenden Denkens bzw. Bewußtseins zu bewegen, kann meiner Ansicht nach nur auf eine Affirmation dieses Denkens bzw. Bewußtseins hinauslaufen.
Ein wesentlicher Aspekt dieser immanenten Kritik scheint zu sein, daß Gesellschaftskritik und Erkenntniskritik eine Einheit bilden sollen. (Vgl.u.a. Engster 2014, S.15) Daran stört mich gleich zweierlei: zum einen die schon erwähnte, im Begriff der „Einheit“ bzw. an anderen Stellen im Begriff der „Entsprechung“ (vgl. Engster 2014, S.60. 355, 360 u.ö.) zum Ausdruck kommende Affirmation; zum anderen stört mich, daß hier Gesellschaftskritik und Erkenntniskritik unter Umgehung sowohl der Biologie wie auch der Individualität des Menschen miteinander kurzgeschlossen werden. Von den drei Entwicklungslinien, die nur zusammen einen Menschen ergeben, die biologische, die kulturelle und die individuelle Entwicklung, wird nur eine, die kulturelle, und diese auch nur in Form der kapitalistischen Gesellschaft berücksichtigt.
Entsprechend mager fällt das aus, was man als ‚kritisches‘ Resultat von Engsters Buch bezeichnen könnte. Engster selbst hält fest, daß seine ‚Kritik‘ keine Theorie ergibt, weil sie sich, indem sie sich auf den Standpunkt des Geldes stellt, von vornherein außerhalb des wissenschaftlichen Denkens bewegt: „Nichts wäre daher unsinniger, als aus der Kritik einer Ökonomie der Zeit eine Theorie machen zu wollen ... Während sich Wissenschaft und Kritik die Frage stellen müssen, wie eine Ökonomie der Zeit überhaupt angemessen bestimmbar ist, wird ihnen durch das Geld auf praktische Weise die Antwort gegeben.“ (Engster 2014, S.714f.)
Mit anderen Worten: Bevor wir überhaupt mit dem Denken beginnen können, hat schon das Geld für uns gedacht. Es kommt unserem Denken immer schon zuvor. Engster zufolge kann das keine Wissenschaft ergeben. Aber eine ‚Kritik‘? Ist es nicht gerade das Wesen einer Kritik, daß hier jemand nicht ‚naiv‘, sondern bewußt und reflektiert vorgeht? Wenn ich immer von der Notwendigkeit einer Balance aus Naivität und Kritik spreche, so meint das eben auch Kritik und nicht einfach nur Naivität!
Engster zufolge scheint Bewußtsein für eine Kritik generell verzichtbar zu sein. Es reicht, auf dem „Standpunkt des Geldes“ zu stehen, dessen Bewegungen bewußtlos und blind mitzumachen, um sich als Kritik dieser Bewegungen verstehen zu dürfen. (Vgl. Engster 2014, S.763f.) Pure Affirmation also. Kritik besteht in der schlichten Darstellung, also in der Verdopplung dessen, was in der kapitalistischen Gesellschaft geschieht.
Engster beschreibt das kritische Anliegen seines Buches als ein „Dilemma der Gesellschaftskritik“, das darin besteht, daß „das Rechnen ... uns ein unverfügbares, spekulatives Umgehen mit der Zeit bleiben (muss). Wir können nur mit dem Rechnen des Geldes rechnen und uns die Zeit mit-teilen lassen, die es mit sich bringt.“ (Vgl. Engster 2014, S.763f.) – Das ist zu wenig.
Download
(I. Wie ist eine Kritik der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft möglich?, S.47-148 / II. Lukács und das identische Subjekt-Objekt der Geschichte: Die Idee des Kommunismus und die Identifikation der Arbeit durch das Maß der Zeit, S.149-324 / III. Adornos negative Dialektik und die Logik der Identifikation durch das Maß, S.325-516 / IV. Zwischen Lukács und Adorno. Alfred Sohn-Rethel, die Wertform als Transzendentalsubjekt und dessen blinder Fleck: Die kapitalistische Bestimmung von Ware und Arbeit, Wert und Geld, S.517-646 / V. Die Rätselhaftigkeit des Geldes durch die Auflösung der Ökonomie in Zeit, S.647-744 / VI. Schluss, S.745-764)
13. Prolog: Das Geburtstagsgeschenk
14. Schwarze Löcher, Vakuum
15. Noch einmal: Mehrwert
16. Eine ‚kritische‘ Bilanz
Mit der ‚kritischen‘ Bilanz, die ich in diesem Post ziehen will, geht es weniger um eine detaillierte Kritik der Gesamtleistung von Engsters Buch. Dazu sehe ich mich nicht in der Lage, da ich mich mit dem Autor nicht auf Augenhöhe fühle. Die dialektische Art des Denkens ist mir fremd. Hierbei geht es weniger um Inhalte und Phänomene als vielmehr um subtile logische Differenzierungen, denen ich oft genug keine Bedeutung zuordnen kann. Wenn ich zu Beginn meiner Besprechungen von der Notwendigkeit einer phänomenalen Strukturanalyse gesprochen hatte, war es mir um eine Kombination zweier Denkformen gegangen, des Strukturalismus und der Phänomenologie, die das menschliche Subjekt und seine Sinnlichkeit wieder in die Denkbewegung miteinbezieht bzw. von ihm ausgeht, ohne sich von ihm mit logischer Konsequenz zu entfernen. Der Hegelschen und Marxschen Dialektik scheint aber genau diese entsubjektivierende Tendenz inhärent zu sein.
Eine phänomenale Strukturanalyse hingegen stelle ich mir als eine Kombination aus Hermeneutik und Phänomenologie vor. Der Strukturalismus ist im Grunde nur eine um das subjektive Moment reduzierte Hermeneutik. Hermeneutik ist Textauslegung, und da ‚Texte‘ wesentlich aus Strukturen bestehen, ist Hermeneutik immer auch ein Strukturalismus, – allerdings ein um das subjektive Moment bereicherter Strukturalismus. Insofern kann die Hermeneutik im Rahmen einer phänomenalen Strukturanalyse jenen geschärften Blick auf ansonsten unsichtbar bleibende Strukturen beitragen, die dem vor allem auf Oberflächen fixierten Phänomenologen entgehen.
Doch zurück zur Dialektik. Die dialektische Kritik – und darin ist sie gut ‚hermeneutisch‘ – hält sich etwas darauf zugute, mit ihrem Gegenstand auf immanente Weise fertigzuwerden. Der Kapitalismus bzw. die kapitalistische Gesellschaft soll aus sich selbst heraus, durch die Entwicklung ihrer ureigenen Kategorien, ‚überwunden‘ werden. In meinem Post vom 10.03.2014 hatte ich schon meine Zweifel an so einer immanenten ‚Kritik‘ geäußert. Sich im Rahmen des zu kritisierenden Denkens bzw. Bewußtseins zu bewegen, kann meiner Ansicht nach nur auf eine Affirmation dieses Denkens bzw. Bewußtseins hinauslaufen.
Ein wesentlicher Aspekt dieser immanenten Kritik scheint zu sein, daß Gesellschaftskritik und Erkenntniskritik eine Einheit bilden sollen. (Vgl.u.a. Engster 2014, S.15) Daran stört mich gleich zweierlei: zum einen die schon erwähnte, im Begriff der „Einheit“ bzw. an anderen Stellen im Begriff der „Entsprechung“ (vgl. Engster 2014, S.60. 355, 360 u.ö.) zum Ausdruck kommende Affirmation; zum anderen stört mich, daß hier Gesellschaftskritik und Erkenntniskritik unter Umgehung sowohl der Biologie wie auch der Individualität des Menschen miteinander kurzgeschlossen werden. Von den drei Entwicklungslinien, die nur zusammen einen Menschen ergeben, die biologische, die kulturelle und die individuelle Entwicklung, wird nur eine, die kulturelle, und diese auch nur in Form der kapitalistischen Gesellschaft berücksichtigt.
Entsprechend mager fällt das aus, was man als ‚kritisches‘ Resultat von Engsters Buch bezeichnen könnte. Engster selbst hält fest, daß seine ‚Kritik‘ keine Theorie ergibt, weil sie sich, indem sie sich auf den Standpunkt des Geldes stellt, von vornherein außerhalb des wissenschaftlichen Denkens bewegt: „Nichts wäre daher unsinniger, als aus der Kritik einer Ökonomie der Zeit eine Theorie machen zu wollen ... Während sich Wissenschaft und Kritik die Frage stellen müssen, wie eine Ökonomie der Zeit überhaupt angemessen bestimmbar ist, wird ihnen durch das Geld auf praktische Weise die Antwort gegeben.“ (Engster 2014, S.714f.)
Mit anderen Worten: Bevor wir überhaupt mit dem Denken beginnen können, hat schon das Geld für uns gedacht. Es kommt unserem Denken immer schon zuvor. Engster zufolge kann das keine Wissenschaft ergeben. Aber eine ‚Kritik‘? Ist es nicht gerade das Wesen einer Kritik, daß hier jemand nicht ‚naiv‘, sondern bewußt und reflektiert vorgeht? Wenn ich immer von der Notwendigkeit einer Balance aus Naivität und Kritik spreche, so meint das eben auch Kritik und nicht einfach nur Naivität!
Engster zufolge scheint Bewußtsein für eine Kritik generell verzichtbar zu sein. Es reicht, auf dem „Standpunkt des Geldes“ zu stehen, dessen Bewegungen bewußtlos und blind mitzumachen, um sich als Kritik dieser Bewegungen verstehen zu dürfen. (Vgl. Engster 2014, S.763f.) Pure Affirmation also. Kritik besteht in der schlichten Darstellung, also in der Verdopplung dessen, was in der kapitalistischen Gesellschaft geschieht.
Engster beschreibt das kritische Anliegen seines Buches als ein „Dilemma der Gesellschaftskritik“, das darin besteht, daß „das Rechnen ... uns ein unverfügbares, spekulatives Umgehen mit der Zeit bleiben (muss). Wir können nur mit dem Rechnen des Geldes rechnen und uns die Zeit mit-teilen lassen, die es mit sich bringt.“ (Vgl. Engster 2014, S.763f.) – Das ist zu wenig.
Download
Sonntag, 23. März 2014
Frank Engster, Das Geld als Maß, Mittel und Methode. Das Rechnen mit der Identität der Zeit, Berlin 2014
(Neofelis Verlag UG, 790 S., Print (Softcover): 32,--)
(I. Wie ist eine Kritik der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft möglich?, S.47-148 / II. Lukács und das identische Subjekt-Objekt der Geschichte: Die Idee des Kommunismus und die Identifikation der Arbeit durch das Maß der Zeit, S.149-324 / III. Adornos negative Dialektik und die Logik der Identifikation durch das Maß, S.325-516 / IV. Zwischen Lukács und Adorno. Alfred Sohn-Rethel, die Wertform als Transzendentalsubjekt und dessen blinder Fleck: Die kapitalistische Bestimmung von Ware und Arbeit, Wert und Geld, S.517-646 / V. Die Rätselhaftigkeit des Geldes durch die Auflösung der Ökonomie in Zeit, S.647-744 / VI. Schluss, S.745-764)
13. Prolog: Das Geburtstagsgeschenk
14. Schwarze Löcher, Vakuum
15. Noch einmal: Mehrwert
16. Eine ‚kritische‘ Bilanz
Wenn Engster den im Geld bewahrten Wert der aus der Zeit gefallenen Waren als „untot“ bezeichnet (vgl. Engster 2014, S.662), so ist damit die einst ‚lebendige‘ Arbeitszeit gemeint, mit der diese jetzt nicht mehr vorhandenen Waren produziert worden sind. Die im Geld bewahrte, einst lebendige Arbeitszeit ist also zur ‚toten‘ Arbeitszeit geworden, bzw. eben „untot“, weil sie durch „Übertragung“ auf neue Waren wieder verlebendigt werden kann: „Im Kapitalismus ist die lebendige Arbeit, welche konkrete Gestalt sie auch immer annimmt und was immer sie auch produziert, die Arbeit des Übertragens ihrer Vergangenheit aufseiten des Kapitals, mithin Arbeit des Bewahrens vorhandenen Werts durch seine Übertragung auf neue Waren.“ (Engster 2014, S.662)
Beim Verhältnis von lebendiger Arbeitszeit (Arbeiter) und toter Arbeitszeit (Kapital bzw. Geld) haben wir es also mit einem Zeitverhältnis zu tun, und dieses Zeitverhältnis bildet die Grundlage einer „Ökonomie der Zeit.“ (Vgl.u.a.S.648) In dieser Ökonomie wird auf der Grundlage des Verhältnisses von lebendiger und toter Arbeitszeit, von Arbeit und Kapital, mit der Übertragbarkeit einer im Geld bewahrten Vergangenheit (ehemals lebendige Arbeitszeit) auf eine Gegenwart (aktuell produzierte Waren) mit der Zukunft (einem Profit bzw. Mehrwert) gerechnet. Dabei bilden die errechneten ‚Werte‘ Durchschnittsgrößen wie „Gesamtarbeitszeit“ und „Gesamtkapital“ (vgl. Engster 2014, S.668) oder „Durchschnittsarbeitszeit“ (Engster 2014, S.672), „allgemeine Profitrate“ (Engster 2014, S.675) und „Durchschnittsprofit“. Natürlich bilden auch die Preise Durchschnittsgrößen (vgl. Engster 2014, S.716), die alle eins gemeinsam haben: in ihnen wird ein Zeitverhältnis errechnet, das aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft besteht und als Gesamtverhältnis keine gerade Linie in Richtung auf eine offene Zukunft bildet. (Vgl. Engster 2014, S.704) Wir haben es vielmehr mit einer „Zeitschleife“ (Engster 2014, 708) zu tun, in die der neu gebildete Mehrwert immer wieder eintritt, um aufs Neue ‚übertragen‘ zu werden.
Wie das? Wo kommt dieser ‚Mehr‘-Wert her? – Mit dieser Frage habe ich mich schon einmal im Rahmen dieser Besprechung befaßt. (Vgl. meinen Post vom 05.03.2014) Jetzt kann ich mich dieser Frage noch einmal mit etwas mehr Verständnis zuwenden. Es sind zwei Aspekte, auf die es hier ankommt: einmal die „Differenz“, die das Geld im Verhältnis zu sich selbst, als Kapital, eingehen muß (vgl. Engster 2014, S.648), und zum anderen die Differenz, die sich zwischen einer Ökonomie der Zeit und der Lebenszeit von Menschen und Waren eröffnet (vgl. Engster 2014, S.700f.).
Die Differenz des Geldes zu sich selbst faßt Engster in die Formel G/G', womit der nicht in der Äquivalenzbeziehung der Waren zueinander aufgehende Mehrwert als „Nicht-Äquivalent“ (Engster 2014, S.700) gemeint ist. Dieses Nicht-Äquivalent stammt von der Ware Arbeitskraft, die als Ware einerseits eine Äquivalenzbeziehung in Form ihrer Reproduktionskosten (Lohn) darstellt, zugleich aber eben auch eine Nicht-Äquivalenz beinhaltet, insofern sie in der Übertragung von im Geld und in den Produktionsmitteln aufbewahrter toter Arbeitszeit auf neue Waren nicht nur neue Werte schafft, sondern auch Mehrwert. Da sie aber nicht gleichzeitig äquivalent und nicht-äquivalent sein kann (vgl. Engster 2014, S.700), eröffnet die Ware Arbeitskraft ein zeitliches Verhältnis, indem sie in die Warenproduktion zunächst als Äquivalent eingeht, und der Mehrwert sich dann erst in den Resultaten des Arbeitsprozesses, also im Warentausch einstellt.
Dieses zeitliche Verhältnis beschreibt Engster als Futurum II: Die Übertragung und Vermehrung von toter Arbeitszeit „(eröffnet) eine zukünftige Vergangenheit, denn wenn das Geld in die beiden Bestandteile“ – lebendige und tote Arbeitszeit – „der Verwertung ausgelegt wird, dann wird mit seiner vermehrten Rückkehr gerechnet. Wird aber damit gerechnet, dass der Wert des Geldes durch die Verwertung vermehrt wird, dann wird mit der Gewordenheit seiner zukünftigen Gegenwart gerechnet. Seine Entäußerung ist gleichsam der Entwurf dieser Zukunft, da die Entäußerung die Zukunft im Sinne des Futur Perfekt vorwegnimmt, des Futur II: Es wird damit gerechnet, was die Auslegung des Geldes in die Verwertung nach seiner Rückkehr daraus wert gewesen sein wird.()“ (Vgl. Engster 2014, S.671)
Das zeitliche Verhältnis, das die Ware Arbeitskraft eröffnet, um den Widerspruch zwischen Äquivalent und Nicht-Äquivalent als Ökonomie der Zeit aufzulösen und produktiv werden zu lassen, also Mehrwert zu produzieren, läßt sich an den Reproduktionskosten der Ware Arbeitskraft festmachen. Ein Teil der Arbeitszeit, den die Ware Arbeitskraft als Lohn vergütet bekommt, geht in ihre Reproduktion. Darin besteht ihr Äquivalent als Ware, und dieser Teil des Arbeitsprozesses ist die notwendige Arbeitszeit. Der andere Teil besteht in der zusätzlichen Arbeitszeit, die nicht bezahlt wird und den Mehrwert bildet. (Vgl.u.a. Engster 2014, S.215)
Dieses Verhältnis, notwendige Arbeitszeit und zusätzliche Arbeitszeit, ist variabel. (Vgl. Engster 2014, S.665) Die Reproduktionskosten der Ware Arbeitskraft können gesenkt werden, indem z.B. mehr Arbeitskräfte eingestellt werden. Der so entstehende Mehrwert wird auch als „absoluter Mehrwert“ bezeichnet. (Vgl. Engster 2014, S.685) Die Reproduktionskosten der Ware Arbeitskraft können aber auch gesenkt werden, indem die Arbeitszeit mittels verbesserter Technologie verkürzt wird und mehr Waren produziert werden. Das nennt sich dann „relativer Mehrwert“. (Vgl. Engster 2014, S.686) Der relative Mehrwert ist also auf die „Steigerung der Produktivkraft“ zurückzuführen und bildet so die Grundlage für „einen ebenso unaufhaltsamen wie unhintergehbaren“, gesellschaftlichen „Fortschritt“. (Vgl. Engster 2014, S.718f.)
Diese scheinbar positive Bestimmung des relativen Mehrwerts täuscht allerdings über etwas Entscheidendes hinweg: der relative und der absolute Mehrwert haben nämlich miteinander gemeinsam, daß beide über die Senkung der Reproduktionskosten die lebendige Arbeit entwerten: „... mit ihnen“ – den verbesserten Technologien – „produziert die Ware Arbeitskraft ihre eigene Entwertung durch die Senkung ihrer Reproduktionskosten – bis hin zur Ersetzung und Entlassung der Ware Arbeitskraft als solcher aus dem Produktionsprozess.“ (Vgl. Engster 2014, S.707f.) – Anstatt also im Kommunismus zu münden, wie sich die Marxisten diesen technologischen Fortschritt zurechtlegten, erhöht sich nur die „Reservearmee“ der Arbeitslosen. (Vgl. Engster 2014, S.688)
Hier wird noch einmal der innere Widerspruch der Mehrwertproduktion offensichtlich. Einerseits hängt diese Mehrwertproduktion, wie Engster immer wieder betont, am Verhältnis von lebendiger und toter Arbeit: „Einzig und allein durch die Verwertung von toter und lebendiger Arbeitszeit kann das Geld quantitativ umschlagen und vermehrt zurückkehren – nur hierdurch erhält das Geld seinen eigenen Wert und seine Deckung. Das Geld kann seine Bewegung von G zu G' – die ‚Mutter aller verrückten Formen‘() – nur verwirklichen, wenn es in die kapitalistische Warenproduktion ausgelegt wird und über die Verwertung von Arbeit und Kapital umschlägt und (vermehrt) zu sich zurückkehrt.() Dieses Axiom ist eine Art unbedingter Materialismus ...“ (Engster 2014, S.674; Vgl. auch S.706)
Andererseits sorgt aber gerade die relative Mehrwortproduktion für eine tendenzielle Abschaffung der menschlichen Arbeitskraft. D.h. der relative Mehrwert, und mit ihm der Kapitalismus, schafft sich selbst ab. – Da kann irgendwas nicht stimmen.
Das führt uns zur zweiten Differenz: zur Differenz zwischen einer Ökonomie der Zeit und der Lebenszeit des Menschen. Ich hatte schon in meinem Post vom 05.03.2014 von den Reproduktionskosten gesprochen, die angeblich im Lohn angemessen (äquivalent) berücksichtigt werden. Dabei ging es mir darum, daß nicht einmal das Geld auf seine bewußtlose und automatische Weise die komplexe Gewordenheit der menschlichen Person ‚berechnen‘ könne. Marx hat diesbezüglich allerdings keine Zweifel: „Marx zufolge ist der Tauschwert der Ware Arbeitskraft, genau wie bei jeder gewöhnlichen Ware, durch das Quantum Arbeitskraft bestimmt, das ihre Produktion kostet, aber die Produktion schließt die gesamte Reproduktion der Ware Arbeitskraft ein, einschließlich Ausbildung und Qualifikation, Reproduktion der Familie und der Arbeiterklasse etc. ...“ (Engster 2014, S.664, Anm.14)
Wir haben es also auch bei Marx mit einem so komplex gefaßten Reproduktionsbegriff zu tun, daß er mit dem Begriff der Familie auch die biologische und die kulturelle Geschichte der Ware Arbeitskraft umfaßt. Das läuft dann aber auf eine faktische Unberechenbarkeit der Reproduktionskosten hinaus, denn eine solche Rechenkapazität ist vernünftigerweise nicht einmal dem Geld zuzutrauen.
Interessant ist nun aber, daß der Mehrwert genau von dieser Lebenszeit des Menschen abhängt, – und das nicht etwa im Sinne einer bloßen Berechnung ihrer Reproduktionskosten! In den Arbeitsprozeß gehen nämlich notwendige und zusätzliche Arbeitszeit auf ungeschiedene Weise ein. (Vgl. Engster 2014, S.701) Im Produktionsprozeß selbst kann noch nicht zwischen notwendiger und zusätzlicher Arbeitszeit unterschieden werden!
Das ist erstaunlich: hatte es bislang nicht geheißen, daß im Produktionsprozeß Äquivalent und Nicht-Äquivalent der Ware Arbeitskraft zeitlich auseinandertreten? Und wird jetzt nicht geradezu das Gegenteil behauptet?
Anscheinend liegt die entscheidende Differenz doch woanders, und um diese Differenz beschreibbar zu machen, führt Engster jetzt den Begriff der alltäglichen, „vulgären“ Zeit ein. (Vgl. Engster 2014, S.700) Mit dieser vulgären Zeit ist aber nichts anderes gemeint als eben die ‚Lebenszeit‘ von Menschen und Gebrauchsgütern!
Entscheidend ist, daß die Ungeschiedenheit von notwendiger und zusätzlicher Arbeitszeit den Produktionsprozeß als Lebensprozeß qualifiziert. Nur weil der Arbeiter lebendig ist (lebendige Arbeit), kann seine Arbeit nicht nacheinander, also in der Zeit des Produktionsprozesses, zunächst notwendig und dann zusätzlich sein! ‚Zusätzlich‘ (und ‚untot‘) kann die Arbeitszeit erst werden, wenn sowohl die Waren wie auch die Ware Arbeitskraft sich verbraucht haben, also nach derem ‚Tod‘, was bei der diesen ‚Tod‘ überlebenden Arbeitskraft auf den Verlust eines bestimmten Lebenszeitquantums hinausläuft: also schlicht auf den Verlust von Lebenszeit!
Erst also, wenn die Ware Arbeitskraft sich reproduziert hat, also das ihrem Lohn angeblich entsprechende Quantum Lebenszeit verausgabt hat, und erst, wenn all die produzierten Waren konsumiert und verbraucht worden sind, wird der im Geld aufbewahrte Wert dieses ganzen Produktionsprozesses zum Mehrwert: „Dieses In-die-Zeit-Fallen“ – was Engster als vulgäre Zeit bezeichnet – „ist notwendig, da die bloße Teilung in notwendige und zusätzliche Arbeitszeit, die bereits im Arbeitsprozess und seiner Warenproduktion getroffen wird, hier noch unterschiedslos in die Waren eingeht und erst durch die Realisierung der Waren und die Reproduktion der Ware Arbeitskraft zur Differenz zwischen den Reproduktionskosten dieser Ware Arbeitskraft und den von ihr produzierten Waren werden kann; dann erst, erst im Zuge dieses Realisierens wird die zusätzliche Arbeitszeit von der notwendigen geschieden, sodass sie aus der Zeit gleichsam herausfallen und im Profit erhalten bleiben kann.“ (Engster 2014, S.701)
Es ist also nicht nur die menschliche bzw. lebendige Arbeitskraft, auf die bei der Mehrwertproduktion nicht verzichtet werden kann und die scheinbar über den Lohn ‚reproduziert‘ wird. Es ist die ganze Geschichte des Lebens in den Menschen und in den Dingen, die bei der Mehrwertbildung ausgebeutet wird. Die Ökonomie der Zeit ist ein Parasit und bohrt sich wie eine Zecke in den warmen, vulgären Leib der Lebenszeit.
Download
(I. Wie ist eine Kritik der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft möglich?, S.47-148 / II. Lukács und das identische Subjekt-Objekt der Geschichte: Die Idee des Kommunismus und die Identifikation der Arbeit durch das Maß der Zeit, S.149-324 / III. Adornos negative Dialektik und die Logik der Identifikation durch das Maß, S.325-516 / IV. Zwischen Lukács und Adorno. Alfred Sohn-Rethel, die Wertform als Transzendentalsubjekt und dessen blinder Fleck: Die kapitalistische Bestimmung von Ware und Arbeit, Wert und Geld, S.517-646 / V. Die Rätselhaftigkeit des Geldes durch die Auflösung der Ökonomie in Zeit, S.647-744 / VI. Schluss, S.745-764)
13. Prolog: Das Geburtstagsgeschenk
14. Schwarze Löcher, Vakuum
15. Noch einmal: Mehrwert
16. Eine ‚kritische‘ Bilanz
Wenn Engster den im Geld bewahrten Wert der aus der Zeit gefallenen Waren als „untot“ bezeichnet (vgl. Engster 2014, S.662), so ist damit die einst ‚lebendige‘ Arbeitszeit gemeint, mit der diese jetzt nicht mehr vorhandenen Waren produziert worden sind. Die im Geld bewahrte, einst lebendige Arbeitszeit ist also zur ‚toten‘ Arbeitszeit geworden, bzw. eben „untot“, weil sie durch „Übertragung“ auf neue Waren wieder verlebendigt werden kann: „Im Kapitalismus ist die lebendige Arbeit, welche konkrete Gestalt sie auch immer annimmt und was immer sie auch produziert, die Arbeit des Übertragens ihrer Vergangenheit aufseiten des Kapitals, mithin Arbeit des Bewahrens vorhandenen Werts durch seine Übertragung auf neue Waren.“ (Engster 2014, S.662)
Beim Verhältnis von lebendiger Arbeitszeit (Arbeiter) und toter Arbeitszeit (Kapital bzw. Geld) haben wir es also mit einem Zeitverhältnis zu tun, und dieses Zeitverhältnis bildet die Grundlage einer „Ökonomie der Zeit.“ (Vgl.u.a.S.648) In dieser Ökonomie wird auf der Grundlage des Verhältnisses von lebendiger und toter Arbeitszeit, von Arbeit und Kapital, mit der Übertragbarkeit einer im Geld bewahrten Vergangenheit (ehemals lebendige Arbeitszeit) auf eine Gegenwart (aktuell produzierte Waren) mit der Zukunft (einem Profit bzw. Mehrwert) gerechnet. Dabei bilden die errechneten ‚Werte‘ Durchschnittsgrößen wie „Gesamtarbeitszeit“ und „Gesamtkapital“ (vgl. Engster 2014, S.668) oder „Durchschnittsarbeitszeit“ (Engster 2014, S.672), „allgemeine Profitrate“ (Engster 2014, S.675) und „Durchschnittsprofit“. Natürlich bilden auch die Preise Durchschnittsgrößen (vgl. Engster 2014, S.716), die alle eins gemeinsam haben: in ihnen wird ein Zeitverhältnis errechnet, das aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft besteht und als Gesamtverhältnis keine gerade Linie in Richtung auf eine offene Zukunft bildet. (Vgl. Engster 2014, S.704) Wir haben es vielmehr mit einer „Zeitschleife“ (Engster 2014, 708) zu tun, in die der neu gebildete Mehrwert immer wieder eintritt, um aufs Neue ‚übertragen‘ zu werden.
Wie das? Wo kommt dieser ‚Mehr‘-Wert her? – Mit dieser Frage habe ich mich schon einmal im Rahmen dieser Besprechung befaßt. (Vgl. meinen Post vom 05.03.2014) Jetzt kann ich mich dieser Frage noch einmal mit etwas mehr Verständnis zuwenden. Es sind zwei Aspekte, auf die es hier ankommt: einmal die „Differenz“, die das Geld im Verhältnis zu sich selbst, als Kapital, eingehen muß (vgl. Engster 2014, S.648), und zum anderen die Differenz, die sich zwischen einer Ökonomie der Zeit und der Lebenszeit von Menschen und Waren eröffnet (vgl. Engster 2014, S.700f.).
Die Differenz des Geldes zu sich selbst faßt Engster in die Formel G/G', womit der nicht in der Äquivalenzbeziehung der Waren zueinander aufgehende Mehrwert als „Nicht-Äquivalent“ (Engster 2014, S.700) gemeint ist. Dieses Nicht-Äquivalent stammt von der Ware Arbeitskraft, die als Ware einerseits eine Äquivalenzbeziehung in Form ihrer Reproduktionskosten (Lohn) darstellt, zugleich aber eben auch eine Nicht-Äquivalenz beinhaltet, insofern sie in der Übertragung von im Geld und in den Produktionsmitteln aufbewahrter toter Arbeitszeit auf neue Waren nicht nur neue Werte schafft, sondern auch Mehrwert. Da sie aber nicht gleichzeitig äquivalent und nicht-äquivalent sein kann (vgl. Engster 2014, S.700), eröffnet die Ware Arbeitskraft ein zeitliches Verhältnis, indem sie in die Warenproduktion zunächst als Äquivalent eingeht, und der Mehrwert sich dann erst in den Resultaten des Arbeitsprozesses, also im Warentausch einstellt.
Dieses zeitliche Verhältnis beschreibt Engster als Futurum II: Die Übertragung und Vermehrung von toter Arbeitszeit „(eröffnet) eine zukünftige Vergangenheit, denn wenn das Geld in die beiden Bestandteile“ – lebendige und tote Arbeitszeit – „der Verwertung ausgelegt wird, dann wird mit seiner vermehrten Rückkehr gerechnet. Wird aber damit gerechnet, dass der Wert des Geldes durch die Verwertung vermehrt wird, dann wird mit der Gewordenheit seiner zukünftigen Gegenwart gerechnet. Seine Entäußerung ist gleichsam der Entwurf dieser Zukunft, da die Entäußerung die Zukunft im Sinne des Futur Perfekt vorwegnimmt, des Futur II: Es wird damit gerechnet, was die Auslegung des Geldes in die Verwertung nach seiner Rückkehr daraus wert gewesen sein wird.()“ (Vgl. Engster 2014, S.671)
Das zeitliche Verhältnis, das die Ware Arbeitskraft eröffnet, um den Widerspruch zwischen Äquivalent und Nicht-Äquivalent als Ökonomie der Zeit aufzulösen und produktiv werden zu lassen, also Mehrwert zu produzieren, läßt sich an den Reproduktionskosten der Ware Arbeitskraft festmachen. Ein Teil der Arbeitszeit, den die Ware Arbeitskraft als Lohn vergütet bekommt, geht in ihre Reproduktion. Darin besteht ihr Äquivalent als Ware, und dieser Teil des Arbeitsprozesses ist die notwendige Arbeitszeit. Der andere Teil besteht in der zusätzlichen Arbeitszeit, die nicht bezahlt wird und den Mehrwert bildet. (Vgl.u.a. Engster 2014, S.215)
Dieses Verhältnis, notwendige Arbeitszeit und zusätzliche Arbeitszeit, ist variabel. (Vgl. Engster 2014, S.665) Die Reproduktionskosten der Ware Arbeitskraft können gesenkt werden, indem z.B. mehr Arbeitskräfte eingestellt werden. Der so entstehende Mehrwert wird auch als „absoluter Mehrwert“ bezeichnet. (Vgl. Engster 2014, S.685) Die Reproduktionskosten der Ware Arbeitskraft können aber auch gesenkt werden, indem die Arbeitszeit mittels verbesserter Technologie verkürzt wird und mehr Waren produziert werden. Das nennt sich dann „relativer Mehrwert“. (Vgl. Engster 2014, S.686) Der relative Mehrwert ist also auf die „Steigerung der Produktivkraft“ zurückzuführen und bildet so die Grundlage für „einen ebenso unaufhaltsamen wie unhintergehbaren“, gesellschaftlichen „Fortschritt“. (Vgl. Engster 2014, S.718f.)
Diese scheinbar positive Bestimmung des relativen Mehrwerts täuscht allerdings über etwas Entscheidendes hinweg: der relative und der absolute Mehrwert haben nämlich miteinander gemeinsam, daß beide über die Senkung der Reproduktionskosten die lebendige Arbeit entwerten: „... mit ihnen“ – den verbesserten Technologien – „produziert die Ware Arbeitskraft ihre eigene Entwertung durch die Senkung ihrer Reproduktionskosten – bis hin zur Ersetzung und Entlassung der Ware Arbeitskraft als solcher aus dem Produktionsprozess.“ (Vgl. Engster 2014, S.707f.) – Anstatt also im Kommunismus zu münden, wie sich die Marxisten diesen technologischen Fortschritt zurechtlegten, erhöht sich nur die „Reservearmee“ der Arbeitslosen. (Vgl. Engster 2014, S.688)
Hier wird noch einmal der innere Widerspruch der Mehrwertproduktion offensichtlich. Einerseits hängt diese Mehrwertproduktion, wie Engster immer wieder betont, am Verhältnis von lebendiger und toter Arbeit: „Einzig und allein durch die Verwertung von toter und lebendiger Arbeitszeit kann das Geld quantitativ umschlagen und vermehrt zurückkehren – nur hierdurch erhält das Geld seinen eigenen Wert und seine Deckung. Das Geld kann seine Bewegung von G zu G' – die ‚Mutter aller verrückten Formen‘() – nur verwirklichen, wenn es in die kapitalistische Warenproduktion ausgelegt wird und über die Verwertung von Arbeit und Kapital umschlägt und (vermehrt) zu sich zurückkehrt.() Dieses Axiom ist eine Art unbedingter Materialismus ...“ (Engster 2014, S.674; Vgl. auch S.706)
Andererseits sorgt aber gerade die relative Mehrwortproduktion für eine tendenzielle Abschaffung der menschlichen Arbeitskraft. D.h. der relative Mehrwert, und mit ihm der Kapitalismus, schafft sich selbst ab. – Da kann irgendwas nicht stimmen.
Das führt uns zur zweiten Differenz: zur Differenz zwischen einer Ökonomie der Zeit und der Lebenszeit des Menschen. Ich hatte schon in meinem Post vom 05.03.2014 von den Reproduktionskosten gesprochen, die angeblich im Lohn angemessen (äquivalent) berücksichtigt werden. Dabei ging es mir darum, daß nicht einmal das Geld auf seine bewußtlose und automatische Weise die komplexe Gewordenheit der menschlichen Person ‚berechnen‘ könne. Marx hat diesbezüglich allerdings keine Zweifel: „Marx zufolge ist der Tauschwert der Ware Arbeitskraft, genau wie bei jeder gewöhnlichen Ware, durch das Quantum Arbeitskraft bestimmt, das ihre Produktion kostet, aber die Produktion schließt die gesamte Reproduktion der Ware Arbeitskraft ein, einschließlich Ausbildung und Qualifikation, Reproduktion der Familie und der Arbeiterklasse etc. ...“ (Engster 2014, S.664, Anm.14)
Wir haben es also auch bei Marx mit einem so komplex gefaßten Reproduktionsbegriff zu tun, daß er mit dem Begriff der Familie auch die biologische und die kulturelle Geschichte der Ware Arbeitskraft umfaßt. Das läuft dann aber auf eine faktische Unberechenbarkeit der Reproduktionskosten hinaus, denn eine solche Rechenkapazität ist vernünftigerweise nicht einmal dem Geld zuzutrauen.
Interessant ist nun aber, daß der Mehrwert genau von dieser Lebenszeit des Menschen abhängt, – und das nicht etwa im Sinne einer bloßen Berechnung ihrer Reproduktionskosten! In den Arbeitsprozeß gehen nämlich notwendige und zusätzliche Arbeitszeit auf ungeschiedene Weise ein. (Vgl. Engster 2014, S.701) Im Produktionsprozeß selbst kann noch nicht zwischen notwendiger und zusätzlicher Arbeitszeit unterschieden werden!
Das ist erstaunlich: hatte es bislang nicht geheißen, daß im Produktionsprozeß Äquivalent und Nicht-Äquivalent der Ware Arbeitskraft zeitlich auseinandertreten? Und wird jetzt nicht geradezu das Gegenteil behauptet?
Anscheinend liegt die entscheidende Differenz doch woanders, und um diese Differenz beschreibbar zu machen, führt Engster jetzt den Begriff der alltäglichen, „vulgären“ Zeit ein. (Vgl. Engster 2014, S.700) Mit dieser vulgären Zeit ist aber nichts anderes gemeint als eben die ‚Lebenszeit‘ von Menschen und Gebrauchsgütern!
Entscheidend ist, daß die Ungeschiedenheit von notwendiger und zusätzlicher Arbeitszeit den Produktionsprozeß als Lebensprozeß qualifiziert. Nur weil der Arbeiter lebendig ist (lebendige Arbeit), kann seine Arbeit nicht nacheinander, also in der Zeit des Produktionsprozesses, zunächst notwendig und dann zusätzlich sein! ‚Zusätzlich‘ (und ‚untot‘) kann die Arbeitszeit erst werden, wenn sowohl die Waren wie auch die Ware Arbeitskraft sich verbraucht haben, also nach derem ‚Tod‘, was bei der diesen ‚Tod‘ überlebenden Arbeitskraft auf den Verlust eines bestimmten Lebenszeitquantums hinausläuft: also schlicht auf den Verlust von Lebenszeit!
Erst also, wenn die Ware Arbeitskraft sich reproduziert hat, also das ihrem Lohn angeblich entsprechende Quantum Lebenszeit verausgabt hat, und erst, wenn all die produzierten Waren konsumiert und verbraucht worden sind, wird der im Geld aufbewahrte Wert dieses ganzen Produktionsprozesses zum Mehrwert: „Dieses In-die-Zeit-Fallen“ – was Engster als vulgäre Zeit bezeichnet – „ist notwendig, da die bloße Teilung in notwendige und zusätzliche Arbeitszeit, die bereits im Arbeitsprozess und seiner Warenproduktion getroffen wird, hier noch unterschiedslos in die Waren eingeht und erst durch die Realisierung der Waren und die Reproduktion der Ware Arbeitskraft zur Differenz zwischen den Reproduktionskosten dieser Ware Arbeitskraft und den von ihr produzierten Waren werden kann; dann erst, erst im Zuge dieses Realisierens wird die zusätzliche Arbeitszeit von der notwendigen geschieden, sodass sie aus der Zeit gleichsam herausfallen und im Profit erhalten bleiben kann.“ (Engster 2014, S.701)
Es ist also nicht nur die menschliche bzw. lebendige Arbeitskraft, auf die bei der Mehrwertproduktion nicht verzichtet werden kann und die scheinbar über den Lohn ‚reproduziert‘ wird. Es ist die ganze Geschichte des Lebens in den Menschen und in den Dingen, die bei der Mehrwertbildung ausgebeutet wird. Die Ökonomie der Zeit ist ein Parasit und bohrt sich wie eine Zecke in den warmen, vulgären Leib der Lebenszeit.
Download
Abonnieren
Posts (Atom)
