In seinem Buch „Descartes Irrtum“ (5/2007 (1994)) schreibt Damasio, daß unser Bewußtsein niemals gegenwärtig, sondern im Gegenteil „hoffnungslos verspätet“ ist. (Vgl. Damsio 5/2007, S.318f.) Ich selbst habe in verschiedenen Posts diese „Verspätung“ als einen Effekt des unterbrochenen Reflexbogens beschrieben, und ich habe die These aufgestellt, daß diese Verspätung das Bewußtsein nicht etwa widerlegt, sondern überhaupt erst ermöglicht. (Vgl. meine Posts vom 11.02.2012, 20.04.2012 und vom 26.09.2012)
Eine Sendung des Deutschlandfunks vom 07.10.2012 berichtete nun von einer „Gedankenübersetzungsmaschine“, die meine These noch einmal auf dramatische Weise bekräftigt. Die Gedankenübersetzungsmaschine besteht in einem „Brain-Computer-Interface“, das es Locked-in-Patienten – also Patienten, die bei Bewußtsein sind, aber keinerlei Kontrolle mehr über ihren Körper haben und deshalb nicht mit ihrer Umwelt kommunizieren können – ermöglicht, mittels purer Gedankenkraft einen Computer zu bedienen. Brain-Computer-Interfaces übertragen auch Gedankenbefehle an Prothesen von bein- oder armamputierten Menschen.
Besonders interessant wurde es an der Stelle, wo in der Radiosendung vom Interesse der Kriegsindustrie an solchen Gedankenübersetzungsmaschinen berichtet wurde. Da der Gedankenbefehl zum Abfeuern einer Waffe mittels des Brain-Computer-Interfaces „ohne den Zwischenweg über die Motorik über die Hände“, also „direkt aus dem Gehirn“ zum Auslöser gelangt, lassen sich entsprechend auch Reaktionszeiten letztlich auf Null reduzieren. Mit anderen Worten: das Bewußtsein ist nicht länger verspätet bzw. hinter den Ereignissen hinterher. Bewußtseinprozesse und Handlungen laufen zeitgleich ab.
Einer der interviewten Wissenschaftler äußerte deshalb Bedenken hinsichtlich der Gedankenfreiheit. Die „Eigenverantwortung für das, was man tut“, werde durch Brain-Computer-Interfaces „unterlaufen“. Da es zwischen dem Gedanken und der Tat keinen Unterschied mehr gäbe, also keine zeitliche Differenz, sind jetzt Gedanken und Taten identisch. Es gilt jetzt nicht mehr das alt-ehrwürdige moralische Prinzip, daß in Gedanken alles erlaubt ist und nur das Handeln moralischen Regel unterliegt. Da ein Brain-Computer-Interface keinen Unterschied mehr erkennt zwischen Gedanken, die wir bloß denken, und Gedanken, die wir ausführen wollen, wird diese Differenz zwischen Denken und Tun aufgehoben.
Das verspätete Bewußtsein steht also für ein Bewußtsein, das seinem Körper exzentrisch gegenüber steht. Nur deshalb können wir denken, ohne gleichzeitig zu handeln. Erstaunlich ist dabei auch, daß die neurophysiologischen Prozesse, die den gedanklichen Vorstellungen entsprechen, exakt dieselben sind wie die neurophysiologischen Prozesse, die das körperliche Handeln begleiten. Es ist also letztlich der Körper, der diese Differenz zwischen dem Gedanken und seiner Ausführung markiert. In den neurophysiologischen Prozessen selbst gibt es diese Differenz nicht. Das verleiht dem Körper als Leib eine enorme Bedeutung. Denn ohne ihn gäbe es keine Gedankenfreiheit.
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„Wenn schon eine ganze Welt, auf Erkenntnis beruhend und ihrer ständig bedürftig, errichtet ist und ihren Gang geht, wie die der modernen Technik, wird der nach dem Grund ihrer Möglichkeit und nach ihren Sicherheitsgarantien Fragende zum Sokrates der Vergeblichkeit.“ (Blumenberg, Höhlenausgänge, S.169)
„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)
Dienstag, 16. Oktober 2012
Mittwoch, 26. September 2012
Hans Blumenberg, Quellen, Ströme, Eisberge, hrsg.v. Ulrich von Bülow und Dorit Krusche, Berlin 2012
1. Bewußtseinsstrom versus Pulsschlag
2. Probleme des Gestaltenwandels
3. Die Einheit des Zeiterlebens
4. Im Strom oder auf dem Ufer
5. Unter der Oberfläche
Das Kapitel zur Eisbergmetapher (vgl. Blumenberg 2012, S.205-261) scheint mir das am wenigsten ergiebige in Blumenbergs Buch zu sein. Seinen eigenen Worten zufolge handelt es sich um eine recht junge Metapher, die erst zu Beginn des 20. Jhdts. gebräuchlich wurde, in Verbindung auch mit dem Untergang der Titanic, die ja selbst wiederum zu einer das 20. Jhdt. prägenden Metapher geworden ist.
Dennoch verdeutlicht der Eisberg mit seiner materiellen „Homogeneität“ (Blumenberg 2012, S.244) und seiner phänomenalen Differenz ober- und unterhalb der Wasserlinie eine spezifische antimetaphysische Grundeinstellung der Phänomenologie. Unterschied man vor dem Gebrauch der Eisbergmetapher noch im Sinne der Kantischen Differenz zwischen Erscheinung und Ding an sich und damit zwischen trügerischem Schein und dahinter verborgener Wahrheit, so verweist der Eisberg darauf, daß sich sichtbare und verborgene Aspekte von Phänomenen materiell und damit auch substantiell nicht unterscheiden müssen, so wie ja auch die Vorderseite eines Hauses nicht von seiner Rückseite her widerlegt werden kann. (Vgl. Blumenberg 2012, S.248)
Die antimetaphysische Tendenz der Phänomenologie, die die Phänomene als das nimmt, was sie zu sein scheinen, ohne nach einem hinter ihnen verborgenen Sinn zu suchen, macht Blumenberg auch daran fest, daß es keine phänomenologische Ethik gebe: „Es gibt nicht nur zufällig und aus Ungeschmack keine phänomenologische Ethik; es gibt sie aus Unmöglichkeit nicht.“ (Blumenberg 2012, S.186)
Ein bißchen verwundert diese Behauptung schon, denn dann hätte es auch keinen Levinas geben können, einen vom „Antlitz“ her philosophierenden Ethiker, den ich immer als Phänomenologen eingeordnet habe. Das Antlitz verweist allerdings nicht auf die hinter ihr verborgene Person zurück, sondern in Form eines Appells auf diejenigen, auf die es sich richtet. So steht das Antlitz also für eine ethisch gehaltvolle Intersubjektivität, die ja selbst wiederum immer schon ein genuin phänomenologisches Thema bildet.
Es gibt sie also durchaus, die phänomenologische Ethik. Allerdings bleibt auch sie an der Oberfläche des Phänomens und differenziert nicht zwischen Wahrheit und Unwahrheit oder zwischen gut und böse, wenn auch durchaus zwischen richtig und falsch. Der Unterschied läßt sich vielleicht am besten an der Differenz zwischen Phänomenologie auf der einen Seite und Physiognomik und Phrenologie auf der anderen Seite verdeutlichen. Auch die Physiognomiker und Phrenologen befaßten sich mit Phänomenen wie dem Gesicht oder der Schädelform, um von dorther auf die inneren Charaktereigenschaften der Menschen zu schließen. So glaubten sie auch, Verbrecher an solchen Körpermerkmalen erkennen zu können. Man konnte also nach ihrem Verständnis ein Verbrecher sein, auch wenn man ‚noch‘ keine Verbrechen begangen hatte.
Die Physiognomiker und Phrenologen waren also der Meinung, die Oberfläche von Gesichtern, Schädelformen und Körperbau mit den verborgenen Eigenschaften von Menschen in Verbindung bringen zu können. Phänomenologen verweigern sich einer solchen ‚flachen‘ Moralisierung von Phänomenen. Insofern trifft Blumenbergs Feststellung zu.
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2. Probleme des Gestaltenwandels
3. Die Einheit des Zeiterlebens
4. Im Strom oder auf dem Ufer
5. Unter der Oberfläche
Das Kapitel zur Eisbergmetapher (vgl. Blumenberg 2012, S.205-261) scheint mir das am wenigsten ergiebige in Blumenbergs Buch zu sein. Seinen eigenen Worten zufolge handelt es sich um eine recht junge Metapher, die erst zu Beginn des 20. Jhdts. gebräuchlich wurde, in Verbindung auch mit dem Untergang der Titanic, die ja selbst wiederum zu einer das 20. Jhdt. prägenden Metapher geworden ist.
Dennoch verdeutlicht der Eisberg mit seiner materiellen „Homogeneität“ (Blumenberg 2012, S.244) und seiner phänomenalen Differenz ober- und unterhalb der Wasserlinie eine spezifische antimetaphysische Grundeinstellung der Phänomenologie. Unterschied man vor dem Gebrauch der Eisbergmetapher noch im Sinne der Kantischen Differenz zwischen Erscheinung und Ding an sich und damit zwischen trügerischem Schein und dahinter verborgener Wahrheit, so verweist der Eisberg darauf, daß sich sichtbare und verborgene Aspekte von Phänomenen materiell und damit auch substantiell nicht unterscheiden müssen, so wie ja auch die Vorderseite eines Hauses nicht von seiner Rückseite her widerlegt werden kann. (Vgl. Blumenberg 2012, S.248)
Die antimetaphysische Tendenz der Phänomenologie, die die Phänomene als das nimmt, was sie zu sein scheinen, ohne nach einem hinter ihnen verborgenen Sinn zu suchen, macht Blumenberg auch daran fest, daß es keine phänomenologische Ethik gebe: „Es gibt nicht nur zufällig und aus Ungeschmack keine phänomenologische Ethik; es gibt sie aus Unmöglichkeit nicht.“ (Blumenberg 2012, S.186)
Ein bißchen verwundert diese Behauptung schon, denn dann hätte es auch keinen Levinas geben können, einen vom „Antlitz“ her philosophierenden Ethiker, den ich immer als Phänomenologen eingeordnet habe. Das Antlitz verweist allerdings nicht auf die hinter ihr verborgene Person zurück, sondern in Form eines Appells auf diejenigen, auf die es sich richtet. So steht das Antlitz also für eine ethisch gehaltvolle Intersubjektivität, die ja selbst wiederum immer schon ein genuin phänomenologisches Thema bildet.
Es gibt sie also durchaus, die phänomenologische Ethik. Allerdings bleibt auch sie an der Oberfläche des Phänomens und differenziert nicht zwischen Wahrheit und Unwahrheit oder zwischen gut und böse, wenn auch durchaus zwischen richtig und falsch. Der Unterschied läßt sich vielleicht am besten an der Differenz zwischen Phänomenologie auf der einen Seite und Physiognomik und Phrenologie auf der anderen Seite verdeutlichen. Auch die Physiognomiker und Phrenologen befaßten sich mit Phänomenen wie dem Gesicht oder der Schädelform, um von dorther auf die inneren Charaktereigenschaften der Menschen zu schließen. So glaubten sie auch, Verbrecher an solchen Körpermerkmalen erkennen zu können. Man konnte also nach ihrem Verständnis ein Verbrecher sein, auch wenn man ‚noch‘ keine Verbrechen begangen hatte.
Die Physiognomiker und Phrenologen waren also der Meinung, die Oberfläche von Gesichtern, Schädelformen und Körperbau mit den verborgenen Eigenschaften von Menschen in Verbindung bringen zu können. Phänomenologen verweigern sich einer solchen ‚flachen‘ Moralisierung von Phänomenen. Insofern trifft Blumenbergs Feststellung zu.
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Hans Blumenberg, Quellen, Ströme, Eisberge, hrsg.v. Ulrich von Bülow und Dorit Krusche, Berlin 2012
1. Bewußtseinsstrom versus Pulsschlag
2. Probleme des Gestaltenwandels
3. Die Einheit des Zeiterlebens
4. Im Strom oder auf dem Ufer
5. Unter der Oberfläche
Die Homunculusproblematik steckt auch in der Frage nach der Perspektive, die wir auf den Bewußtseinsstrom richten. Blumenberg spricht von der „Betrachtungsweise des Flusses“: „durch den Fluß hindurch“ oder „am Fluß entlang“. (Vgl. Blumenberg 2012, S.138) Mit anderen Worten geht es darum, ob wir als reflektierendes Selbstbewußtsein im Fluß schwimmen oder auf dem Ufer stehen bzw. am Ufer entlang gehen. Schwimmen wir im Fluß, so schwimmen wir gewissermaßen hinter dem Treibgut unserer Gedanken her, also mit dem Fluß, oder wir schwimmen gegen den Strom und versuchen so, unseren eigenen Verstand gegen den ‚Zeitgeist‘ (Lebenswelt) zu behaupten. (Vgl. Blumenberg 2012, S.174ff.)
Ob wir aber nun mit dem Strom oder gegen den Strom schwimmen: in beiden Fällen sind wir dem strömenden Vollzug unserer Gedanken gegenüber verspätet. Wir holen sie in unserem Denken bzw. Reflektieren nicht ein. Und indem wir unsere Gedanken nicht einholen können, holen wir uns selbst nicht ein. Wir sind letztlich uns selbst immer nur hinterher. (Vgl. zum Vollzug meine Posts 10.01.2012 und vom 11.02.2012)
Das Schwimmen im Strom verdeutlicht dabei aber noch einen weiteren Aspekt des Vollzugscharakters: auch wenn wir uns in unserem Denken nicht einholen können, sind wir doch immer dabei und mitten drin. Zwar nur auf eine vermittelte Weise, aber dennoch unmittelbar. Die Subjekt-Objekt-Differenz ist eine Differenz der Beteiligung und nicht der Distanzierung.
Befinden wir uns auf dem Ufer, sieht das etwas anders aus. Hier geht die Subjekt-Objekt-Differenz in eine Differenz der Distanzierung über. Vom Ufer aus befinden wir uns in der Position des unbeteiligten Beobachters unserer selbst. Wir sind in der Selbstbetrachtung gewissermaßen anästhesiert. Das ist die wissenschaftliche Perspektive seit Descartes. Und das ist die Perspektive des Homunculus, des verborgenen, an den physiologischen Prozessen unbeteiligten, diese aber dennoch steuernden Kybernators.
Wenn also das Bewußtsein mit der „Einheit des Stroms“ gleichgesetzt wird, so Blumenberg, bedarf es keines eigenen „Ichprinzips“ mehr, also keines Homunculus. Nur wenn das „Ich“ seinen Inhalten „polhaft“ gegenübergestellt wird und der Bewußtseinsstrom nur noch für die „Produktion der Zeit“ zuständig ist, entstehen die ganzen reflexionslogischen Dilemmata, mit denen sich die Philosophie und Phänomenologie seit Descartes herumschlägt. (Vgl. Blumenberg 2012, S.110f.)
Ich hatte schon im letzten Post auf Damasios geheimnisvollen Dirigenten hingewiesen, den wir nirgendwo anders auffinden können als in der Orchesteraufführung selbst. Blumenberg wiederum verweist auf Scheler, der die Einheit der Person am „Aktvollzug“ festmacht, „in dem lebend sie gleichzeitig sich erlebt.“ (Vgl. Scheler 1954; zitiert nach Blumenberg 2012, S.118f.) – Und Blumenberg fügt hinzu: „Man sieht, daß der Versuch gemacht ist, ohne die Mittel der Metaphorik, dafür aber mit reichlichem Ineinander von Leben und Erleben, die Situation zu veranschaulichen, von der Husserl immerhin noch sagt, das Erlebnis sei ein Fluß, in welchem schwimmend wir, den reflektiven Blick darauf richtend, doch wohl so etwas wie auch eine Wahrnehmung haben können.“ (Blumenberg 2012, S.119)
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2. Probleme des Gestaltenwandels
3. Die Einheit des Zeiterlebens
4. Im Strom oder auf dem Ufer
5. Unter der Oberfläche
Die Homunculusproblematik steckt auch in der Frage nach der Perspektive, die wir auf den Bewußtseinsstrom richten. Blumenberg spricht von der „Betrachtungsweise des Flusses“: „durch den Fluß hindurch“ oder „am Fluß entlang“. (Vgl. Blumenberg 2012, S.138) Mit anderen Worten geht es darum, ob wir als reflektierendes Selbstbewußtsein im Fluß schwimmen oder auf dem Ufer stehen bzw. am Ufer entlang gehen. Schwimmen wir im Fluß, so schwimmen wir gewissermaßen hinter dem Treibgut unserer Gedanken her, also mit dem Fluß, oder wir schwimmen gegen den Strom und versuchen so, unseren eigenen Verstand gegen den ‚Zeitgeist‘ (Lebenswelt) zu behaupten. (Vgl. Blumenberg 2012, S.174ff.)
Ob wir aber nun mit dem Strom oder gegen den Strom schwimmen: in beiden Fällen sind wir dem strömenden Vollzug unserer Gedanken gegenüber verspätet. Wir holen sie in unserem Denken bzw. Reflektieren nicht ein. Und indem wir unsere Gedanken nicht einholen können, holen wir uns selbst nicht ein. Wir sind letztlich uns selbst immer nur hinterher. (Vgl. zum Vollzug meine Posts 10.01.2012 und vom 11.02.2012)
Das Schwimmen im Strom verdeutlicht dabei aber noch einen weiteren Aspekt des Vollzugscharakters: auch wenn wir uns in unserem Denken nicht einholen können, sind wir doch immer dabei und mitten drin. Zwar nur auf eine vermittelte Weise, aber dennoch unmittelbar. Die Subjekt-Objekt-Differenz ist eine Differenz der Beteiligung und nicht der Distanzierung.
Befinden wir uns auf dem Ufer, sieht das etwas anders aus. Hier geht die Subjekt-Objekt-Differenz in eine Differenz der Distanzierung über. Vom Ufer aus befinden wir uns in der Position des unbeteiligten Beobachters unserer selbst. Wir sind in der Selbstbetrachtung gewissermaßen anästhesiert. Das ist die wissenschaftliche Perspektive seit Descartes. Und das ist die Perspektive des Homunculus, des verborgenen, an den physiologischen Prozessen unbeteiligten, diese aber dennoch steuernden Kybernators.
Wenn also das Bewußtsein mit der „Einheit des Stroms“ gleichgesetzt wird, so Blumenberg, bedarf es keines eigenen „Ichprinzips“ mehr, also keines Homunculus. Nur wenn das „Ich“ seinen Inhalten „polhaft“ gegenübergestellt wird und der Bewußtseinsstrom nur noch für die „Produktion der Zeit“ zuständig ist, entstehen die ganzen reflexionslogischen Dilemmata, mit denen sich die Philosophie und Phänomenologie seit Descartes herumschlägt. (Vgl. Blumenberg 2012, S.110f.)
Ich hatte schon im letzten Post auf Damasios geheimnisvollen Dirigenten hingewiesen, den wir nirgendwo anders auffinden können als in der Orchesteraufführung selbst. Blumenberg wiederum verweist auf Scheler, der die Einheit der Person am „Aktvollzug“ festmacht, „in dem lebend sie gleichzeitig sich erlebt.“ (Vgl. Scheler 1954; zitiert nach Blumenberg 2012, S.118f.) – Und Blumenberg fügt hinzu: „Man sieht, daß der Versuch gemacht ist, ohne die Mittel der Metaphorik, dafür aber mit reichlichem Ineinander von Leben und Erleben, die Situation zu veranschaulichen, von der Husserl immerhin noch sagt, das Erlebnis sei ein Fluß, in welchem schwimmend wir, den reflektiven Blick darauf richtend, doch wohl so etwas wie auch eine Wahrnehmung haben können.“ (Blumenberg 2012, S.119)
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Dienstag, 25. September 2012
Hans Blumenberg, Quellen, Ströme, Eisberge, hrsg.v. Ulrich von Bülow und Dorit Krusche, Berlin 2012
1. Bewußtseinsstrom versus Pulsschlag
2. Probleme des Gestaltenwandels
3. Die Einheit des Zeiterlebens
4. Im Strom oder auf dem Ufer
5. Unter der Oberfläche
Die Metapher des Bewußtseinsstroms ‚hinkt‘ nicht nur hinsichtlich der Differenzierung von Bewußtseinsakten (vgl. meinen Post vom 24.09.2012) und hinsichtlich einer tragfähigen Bildungskonzeption (vgl. meinen Post vom 25.09.2012), sondern Blumenberg zufolge sogar hinsichtlich dessen, was eigentlich ihre Stärke sein sollte: nämlich der Einheit des Zeiterlebens. Wenn nämlich der Bewußtseinsstrom etwas veranschaulicht, dann doch wohl die Einheitlichkeit eines einzigen kontinuierlichen Strömens von der Quelle bis zur Mündung: „Die Metapher des Bewußtseinsstromes impliziert, daß das Bewußtsein nur ein einziger Akt, seine Inhalte nur ein einziges Faktum sind.“ (Blumenberg 2012, S.187)
Da es sich dabei aber um einen Bewußtseins-Strom handelt, stellt sich sogleich die Frage nach der ‚Quelle‘ seiner Wahrnehmungserlebnisse. Diese Quelle besteht nun aber in den Sinnesorganen und ihrer Besonderheit. Letztlich geht es also bei der Einheit des Zeiterlebens um die Frage nach der Einheit dieser Sinnesorgane. Was Plessner in seinem Buch „Die Einheit der Sinne“ (vgl. hierzu meine Posts zu Plessner vom 14.07. und vom 15.07.2010) nicht thematisiert hatte, betrifft die mit den Sinnesorganen verbundene unterschiedliche Qualität des Zeiterlebens. Blumenberg spricht hier vom „Problem der Synästhesie“, also der Einheit der Wahrnehmung in der Vielheit der Sinnesorgane: „Sofern man, obwohl unbewiesen und unbeweisbar, zugestehen mag, daß mehrere oder gar viele Urempfindungen ‚auf einmal‘ sein können, bieten sie im Abfließen eine Vielheit von Flüssen der Reflexion dar, in völlig gleichem Modus, mit völlig gleichen Abstufungen, in völlig gleichem Tempo: nur daß die eine aufhört, während die andere noch ihr Noch-nicht, ihre neuen Urempfindungen hat, die die Dauer des in ihr Bewußten noch fortsetzen.“ (Blumenberg 2012, S.137)
Mit „Urempfindungen“ sind eben die unterschiedlichen Wahrnehmungserlebnisse der verschiedenen Sinnesorgane, Gesicht, Geruch, Gehör, Geschmack, Getast, gemeint, denen Blumenberg jeweils eine unterschiedliche „Dauer“ zuspricht. (Vgl. hierzu auch meinen Post vom 14.07.2012) So haftet im Geruch noch eine Gegenwart, die sich dem Gesicht und dem Gehör längst in eine unerreichbare Vergangenheit entzogen hat. Dennoch erleben wir die Gegenwart als eine einzige Unteilbarkeit, der aber eine „Pluralität des Bewußtseins“ in Form der „Sinnesmodalitäten“ entgegensteht. (Vgl. Blumenberg 2012, S.138)
Das wirft Blumenberg zufolge die Frage nach einer weiteren, vereinheitlichenden Bewußtseinsinstanz auf, die die Einheit des Zeiterlebens zu gewährleisten vermag: „Soll die Einheit des Bewußtseins als Fluß erhalten werden, muß solcher synchronen Vielheit eine vorgeprägte und nachprägende Form auferlegt sein, oder es muß jenseits des immanent vielfachen Bewußtseinsstromes noch so etwas wie ein weiteres, letztes Bewußtsein geben, sofern man sie nicht auf verschiedene Arten der Betrachtungsweise des Flusses, die Intentionalität durch den Fluß hindurch und die am Fluß entlang, die eine als analytisch, die andere als synthetisch, reduzieren will ...“ (Blumenberg 2012, S.138)
Mit der Frage nach diesem letzten Bewußtsein stehen wir aber schon mit einem Bein in der Homunculusthematik: einem verborgenen Kybernator, der die verschiedenen Bewußtseinsprozesse steuert. (Vgl. meine Posts vom 27.07.2012 und vom 15.08.2012) Blumenberg ergänzt deshalb, daß es nicht darum geht, innerhalb oder unterhalb des in sich heterogenen Bewußtseinsstroms einen weiteren, vereinheitlichenden „zweiten Fluß“ anzunehmen, sondern daß man vielmehr von einer „Selbsterscheinung des Flusses“ ausgehen müsse, in der sich „der Fluß selbst notwendig im Fließen“ erfaßt. (Vgl. Blumenberg 2012, S.138)
Damasio hat diesen von Blumenberg mit der Strommetapher etwas umständlich umschriebenen Sachverhalt wesentlich eleganter mit einer Orchesteraufführung verglichen, in der der Dirigent erst mit der Aufführung selbst auf der Bühne erscheint und sich weder vorher noch nachher irgendwo aufgehalten hätte bzw. aufhält, wo man ihn – mit welchen Mitteln auch immer – auffinden könnte. Das Orchester wiederum umfaßt mit seinen verschiedenen Instrumenten und ihren unterschiedlichen ‚Geschwindigkeiten‘ die Synästhesie des an unsere Sinnesorgane gebundenen Zeiterlebens.
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2. Probleme des Gestaltenwandels
3. Die Einheit des Zeiterlebens
4. Im Strom oder auf dem Ufer
5. Unter der Oberfläche
Die Metapher des Bewußtseinsstroms ‚hinkt‘ nicht nur hinsichtlich der Differenzierung von Bewußtseinsakten (vgl. meinen Post vom 24.09.2012) und hinsichtlich einer tragfähigen Bildungskonzeption (vgl. meinen Post vom 25.09.2012), sondern Blumenberg zufolge sogar hinsichtlich dessen, was eigentlich ihre Stärke sein sollte: nämlich der Einheit des Zeiterlebens. Wenn nämlich der Bewußtseinsstrom etwas veranschaulicht, dann doch wohl die Einheitlichkeit eines einzigen kontinuierlichen Strömens von der Quelle bis zur Mündung: „Die Metapher des Bewußtseinsstromes impliziert, daß das Bewußtsein nur ein einziger Akt, seine Inhalte nur ein einziges Faktum sind.“ (Blumenberg 2012, S.187)
Da es sich dabei aber um einen Bewußtseins-Strom handelt, stellt sich sogleich die Frage nach der ‚Quelle‘ seiner Wahrnehmungserlebnisse. Diese Quelle besteht nun aber in den Sinnesorganen und ihrer Besonderheit. Letztlich geht es also bei der Einheit des Zeiterlebens um die Frage nach der Einheit dieser Sinnesorgane. Was Plessner in seinem Buch „Die Einheit der Sinne“ (vgl. hierzu meine Posts zu Plessner vom 14.07. und vom 15.07.2010) nicht thematisiert hatte, betrifft die mit den Sinnesorganen verbundene unterschiedliche Qualität des Zeiterlebens. Blumenberg spricht hier vom „Problem der Synästhesie“, also der Einheit der Wahrnehmung in der Vielheit der Sinnesorgane: „Sofern man, obwohl unbewiesen und unbeweisbar, zugestehen mag, daß mehrere oder gar viele Urempfindungen ‚auf einmal‘ sein können, bieten sie im Abfließen eine Vielheit von Flüssen der Reflexion dar, in völlig gleichem Modus, mit völlig gleichen Abstufungen, in völlig gleichem Tempo: nur daß die eine aufhört, während die andere noch ihr Noch-nicht, ihre neuen Urempfindungen hat, die die Dauer des in ihr Bewußten noch fortsetzen.“ (Blumenberg 2012, S.137)
Mit „Urempfindungen“ sind eben die unterschiedlichen Wahrnehmungserlebnisse der verschiedenen Sinnesorgane, Gesicht, Geruch, Gehör, Geschmack, Getast, gemeint, denen Blumenberg jeweils eine unterschiedliche „Dauer“ zuspricht. (Vgl. hierzu auch meinen Post vom 14.07.2012) So haftet im Geruch noch eine Gegenwart, die sich dem Gesicht und dem Gehör längst in eine unerreichbare Vergangenheit entzogen hat. Dennoch erleben wir die Gegenwart als eine einzige Unteilbarkeit, der aber eine „Pluralität des Bewußtseins“ in Form der „Sinnesmodalitäten“ entgegensteht. (Vgl. Blumenberg 2012, S.138)
Das wirft Blumenberg zufolge die Frage nach einer weiteren, vereinheitlichenden Bewußtseinsinstanz auf, die die Einheit des Zeiterlebens zu gewährleisten vermag: „Soll die Einheit des Bewußtseins als Fluß erhalten werden, muß solcher synchronen Vielheit eine vorgeprägte und nachprägende Form auferlegt sein, oder es muß jenseits des immanent vielfachen Bewußtseinsstromes noch so etwas wie ein weiteres, letztes Bewußtsein geben, sofern man sie nicht auf verschiedene Arten der Betrachtungsweise des Flusses, die Intentionalität durch den Fluß hindurch und die am Fluß entlang, die eine als analytisch, die andere als synthetisch, reduzieren will ...“ (Blumenberg 2012, S.138)
Mit der Frage nach diesem letzten Bewußtsein stehen wir aber schon mit einem Bein in der Homunculusthematik: einem verborgenen Kybernator, der die verschiedenen Bewußtseinsprozesse steuert. (Vgl. meine Posts vom 27.07.2012 und vom 15.08.2012) Blumenberg ergänzt deshalb, daß es nicht darum geht, innerhalb oder unterhalb des in sich heterogenen Bewußtseinsstroms einen weiteren, vereinheitlichenden „zweiten Fluß“ anzunehmen, sondern daß man vielmehr von einer „Selbsterscheinung des Flusses“ ausgehen müsse, in der sich „der Fluß selbst notwendig im Fließen“ erfaßt. (Vgl. Blumenberg 2012, S.138)
Damasio hat diesen von Blumenberg mit der Strommetapher etwas umständlich umschriebenen Sachverhalt wesentlich eleganter mit einer Orchesteraufführung verglichen, in der der Dirigent erst mit der Aufführung selbst auf der Bühne erscheint und sich weder vorher noch nachher irgendwo aufgehalten hätte bzw. aufhält, wo man ihn – mit welchen Mitteln auch immer – auffinden könnte. Das Orchester wiederum umfaßt mit seinen verschiedenen Instrumenten und ihren unterschiedlichen ‚Geschwindigkeiten‘ die Synästhesie des an unsere Sinnesorgane gebundenen Zeiterlebens.
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Hans Blumenberg, Quellen, Ströme, Eisberge, hrsg.v. Ulrich von Bülow und Dorit Krusche, Berlin 2012
1. Bewußtseinsstrom versus Pulsschlag
2. Probleme des Gestaltenwandels
3. Die Einheit des Zeiterlebens
4. Im Strom oder auf dem Ufer
5. Unter der Oberfläche
Der im letzten Post angesprochenen Problematik eines strömend-fließenden, also durchgängig kontinuierlichen Bewußtseins, in dem sich keine einzelnen Bewußtseinsakte ‚ding‘-fest machen lassen, wirkt sich nicht nur auf die Willensfreiheit aus – und damit auf die Möglichkeit bzw. Unmöglichkeit einer phänomenologischen Ethik (vgl. Blumenberg 2012, S.186). Sie betrifft auch die Frage nach der Möglichkeit einer phänomenologischen Bildungskonzeption: „Da stoßen zwei Bildungskonzeptionen hart aufeinander: die des Strömens und die der Prägung.“ (Vgl. Blumenberg 2012, S.116) – Nach dem, was Blumenberg über die Notwendigkeit sequentierender Mechanismen im Bewußtseinsstrom geschrieben hat, könnte man seinen Hinweis auf die Verschiedenheit von Strömen und Prägung gleich dahingehend ergänzen, daß im ozeanischen Verströmen überhaupt keine Bildungskonzeption greift.
Das wäre dann aber etwas vorschnell. Denn da sind ja noch die Verwirbelungen im Strom (vgl. Blumenberg 2012, S.152, 154f.), die ebenfalls dauerhaftere Aufenthalte für sich ausprägende ‚Typiken‘ ermöglichen. Wenn deshalb Blumenberg an dieser Stelle von zwei verschiedenen „Bildungskonzeptionen“ spricht, so ist damit vorerst vor allem die Differenz zwischen dem Wandel (fließen bzw. strömen) und der Beharrung (Prägung) von Gestalten gemeint. Die „Metaphorik des Strömens“ ist also „auf den subjektiven Aspekt“ und „die der Prägung auf seinen objektiven Aspekt bezogen“. (Vgl. Blumenberg 2012, S.116)
Im oder auf dem Fluß mitfließend muß man sich also Wirbel oder Treibgut denken, die für eine wiedererkennbare „Typik“ sorgen, ohne die es „keine Wesensschau (gäbe), keine Beschreibung des Bewußtseins, keine Wissenschaft von ihm“. (Vgl. Blumenberg 2012, S.116) – Wandel und Beharrung von Gestalten sind aber, anders als Blumenberg schreibt, tatsächlich keine verschiedenen, einander widersprechenden Bildungskonzeptionen. Denn die objektive Dimension der „Prägung“ bzw. Beharrung von Phänomenen in der ihnen eigenen Gestalt ist nicht nur eine isolierbare Eigenschaft von Dingphänomenen der Außenwelt, sondern auch ein stabilisierender Aspekt in der Dynamik des Gestaltwandels von lebenden Organismen wie auch von individuellen Persönlichkeiten. (Vgl. hierzu meinen Post zu Plessners „Stufen des Organischen“ vom 29.10.2010) Gäbe es keine Dialektik zwischen Wandel und Beharrung, zwischen Strömen und Prägung, gäbe es weder auf organischer Ebene Leben noch gäbe es auf personaler Ebene Bildung. Erst ihre Isolierung und Entgegensetzung würde beides unmöglich machen. Das zumindestens kann man von Hegel lernen.
Deshalb bilden ‚Gestalten‘ bzw. ‚Gegenstände‘ – was in diesem metaphorischen Zusammenhang immer auch ‚Widerstände‘ bedeutet – die ‚Pulse‘, die in der unterschiedslosen, alles erfassenden Wahrnehmungskontinuität Inseln der „Aufmerksamkeit“ erzeugen, die sich dann wiederum, als Perspektivität, individualisierend auf die Persönlichkeit auswirken. (Zur Differenz zwischen Wahrnehmung und Aufmerksamkeit vgl. Blumenberg 2012, S.163)
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2. Probleme des Gestaltenwandels
3. Die Einheit des Zeiterlebens
4. Im Strom oder auf dem Ufer
5. Unter der Oberfläche
Der im letzten Post angesprochenen Problematik eines strömend-fließenden, also durchgängig kontinuierlichen Bewußtseins, in dem sich keine einzelnen Bewußtseinsakte ‚ding‘-fest machen lassen, wirkt sich nicht nur auf die Willensfreiheit aus – und damit auf die Möglichkeit bzw. Unmöglichkeit einer phänomenologischen Ethik (vgl. Blumenberg 2012, S.186). Sie betrifft auch die Frage nach der Möglichkeit einer phänomenologischen Bildungskonzeption: „Da stoßen zwei Bildungskonzeptionen hart aufeinander: die des Strömens und die der Prägung.“ (Vgl. Blumenberg 2012, S.116) – Nach dem, was Blumenberg über die Notwendigkeit sequentierender Mechanismen im Bewußtseinsstrom geschrieben hat, könnte man seinen Hinweis auf die Verschiedenheit von Strömen und Prägung gleich dahingehend ergänzen, daß im ozeanischen Verströmen überhaupt keine Bildungskonzeption greift.
Das wäre dann aber etwas vorschnell. Denn da sind ja noch die Verwirbelungen im Strom (vgl. Blumenberg 2012, S.152, 154f.), die ebenfalls dauerhaftere Aufenthalte für sich ausprägende ‚Typiken‘ ermöglichen. Wenn deshalb Blumenberg an dieser Stelle von zwei verschiedenen „Bildungskonzeptionen“ spricht, so ist damit vorerst vor allem die Differenz zwischen dem Wandel (fließen bzw. strömen) und der Beharrung (Prägung) von Gestalten gemeint. Die „Metaphorik des Strömens“ ist also „auf den subjektiven Aspekt“ und „die der Prägung auf seinen objektiven Aspekt bezogen“. (Vgl. Blumenberg 2012, S.116)
Im oder auf dem Fluß mitfließend muß man sich also Wirbel oder Treibgut denken, die für eine wiedererkennbare „Typik“ sorgen, ohne die es „keine Wesensschau (gäbe), keine Beschreibung des Bewußtseins, keine Wissenschaft von ihm“. (Vgl. Blumenberg 2012, S.116) – Wandel und Beharrung von Gestalten sind aber, anders als Blumenberg schreibt, tatsächlich keine verschiedenen, einander widersprechenden Bildungskonzeptionen. Denn die objektive Dimension der „Prägung“ bzw. Beharrung von Phänomenen in der ihnen eigenen Gestalt ist nicht nur eine isolierbare Eigenschaft von Dingphänomenen der Außenwelt, sondern auch ein stabilisierender Aspekt in der Dynamik des Gestaltwandels von lebenden Organismen wie auch von individuellen Persönlichkeiten. (Vgl. hierzu meinen Post zu Plessners „Stufen des Organischen“ vom 29.10.2010) Gäbe es keine Dialektik zwischen Wandel und Beharrung, zwischen Strömen und Prägung, gäbe es weder auf organischer Ebene Leben noch gäbe es auf personaler Ebene Bildung. Erst ihre Isolierung und Entgegensetzung würde beides unmöglich machen. Das zumindestens kann man von Hegel lernen.
Deshalb bilden ‚Gestalten‘ bzw. ‚Gegenstände‘ – was in diesem metaphorischen Zusammenhang immer auch ‚Widerstände‘ bedeutet – die ‚Pulse‘, die in der unterschiedslosen, alles erfassenden Wahrnehmungskontinuität Inseln der „Aufmerksamkeit“ erzeugen, die sich dann wiederum, als Perspektivität, individualisierend auf die Persönlichkeit auswirken. (Zur Differenz zwischen Wahrnehmung und Aufmerksamkeit vgl. Blumenberg 2012, S.163)
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Montag, 24. September 2012
Hans Blumenberg, Quellen, Ströme, Eisberge, hrsg.v. Ulrich von Bülow und Dorit Krusche, Berlin 2012
1. Bewußtseinsstrom versus Pulsschlag
2. Probleme des Gestaltenwandels
3. Die Einheit des Zeiterlebens
4. Im Strom oder auf dem Ufer
5. Unter der Oberfläche
Mit „Quellen, Ströme, Eisberge“ (2012) erscheint ein weiteres Buch von Blumenberg aus dem Nachlaß, zusammengestellt und herausgegeben von Ulrich von Bülow und Dorit Krusche, die verdienstvoller Weise auch erstmals einen Nachlaßband mit einem editorischen Nachwort versehen haben. (Vgl. Blumenberg 2012, S.271-292) Diesem Nachwort kann der Leser einiges Erhellendes zur Arbeitsweise von Blumenberg und auch zu seiner Metaphorologie entnehmen.
Das Buch selbst enthält einige längere und kürzere Texte zu den im Titel genannten Metaphern, die zwar einem systematischen Grundgedanken folgen, denen man aber anmerkt, daß ihnen die abschließende redaktionelle Bearbeitung des Autors fehlt. Als Leser sollte man sich deshalb die Passagen, die weiterführende Gedankengänge enthalten, wie Rosinen aus den vielen, oft allzu detaillierten Abschweifungen herauspicken; man sollte das Buch also eher quer- als durchlesen. Insgesamt scheint mir das ergiebigste Kapitel Blumenbergs Analyse der Metapher vom Bewußtseinsstrom zu sein. (Vgl. Blumenberg 2012, S.101-193)
In diesem Post möchte ich vor allem auf den Aspekt des Strömens eingehen, der Blumenberg zufolge beinhaltet, daß das Bewußtsein eine ununterbrochene Kontinuität des Zeiterlebens darstellt: „Man kann einen Fluß nicht in Portionen einteilen, ohne ihn aufhören zu lassen zu fließen ... Die Metapher des Bewußtseinsstromes impliziert, daß das Bewußtsein nur ein einziger Akt, seine Inhalte nur ein einziges Faktum sind.“ (Blumenberg 2012, S.187)
Diese Problematik, daß das Strömen des Flusses nicht unterbrochen werden darf, ohne daß er aufhört, ein Fluß zu sein, gilt aber nur für einen Fluß, der der Schwerkraft folgend abwärts fließt. Aber selbst dieser abwärts fließende Fluß bildet Blumenberg zufolge Wirbel, die die Tendenz haben, sich zu erhalten und Verzögerungen des Fließens zu bewirken: „Der Wirbel als Ursprungsform sich ordnender Welten, also sekundärer Rationalitäten, ist eine immer aus der Strommetapher abgeleitete Imagination.“ (Blumenberg 2012, S.152)
Die im fließenden Strömen entstehenden Wirbel sorgen demnach innerhalb der großen Kontinuität für kleinere Diskontinuitäten, für „Verzögerungen im Materiefluß“ (Blumenberg 2012, S.152), die z.B. im Rahmen des Stoffwechselprozesses mithilfe des „Fließgleichgewichts“ (Blumenberg 2012, S.153) eine „eidetische Konstanz des lebendigen Körpers“ ermöglichen (Blumenberg 2012, S.152). Also schon der kontinuierliche Strom beinhaltet unterschiedliche Rhythmen des langsameren und schnelleren Fließens, des linearen Vorwärtstreibens wie auch des verwirbelnden Rückwärtsdrängens.
Was also schon für das der Schwerkraft unterliegende Strömen nicht uneingeschränkt gilt – ununterbrochene Kontinuität nämlich –, gilt erst recht nicht für Ströme, die gegen die Schwerkraft gerichtet sind, weil sie pulsieren! Das bekannteste Beispiel dafür liefert der Blutkreislauf. Blumenberg verweist auf Melchior Palàgyi (1859-1924), einen ungarischen Philosophen, der sich mit der „Lebensrhythmik des Pulsschlages“ dezidiert gegen die Metapher des Strömens wendete. (Vgl. Blumenberg 2012, S.165f.) Wie nämlich Palàgyi und mit ihm Blumenberg gegen die Metapher des Bewußtseinsstroms einwenden, kann diese nicht veranschaulichen, wie es zu einzelnen, „diskret-intermittierenden“ Bewußtseinsakten kommt; also zu einzelnen Bewußtseinsakten, wie z.B. Gedanken oder Wahrnehmungen oder Wünsche. Willensfreiheit wäre in der großen, zusammenhängenden Kontinuität des Bewußtseinsstroms nicht möglich: „Aber Handlungen, Setzungen der Willkür, müssen Stücke sein, die sich solide absetzen gegen andere Bestandteile der Bewußtseinsgeschichte; nur so kann es moralische Qualifikation geben ...“ (Blumenberg 2012, S.186) Und: „Die Metapher des Bewußtseinsstromes impliziert, daß das Bewußtsein nur ein einziger Akt, seine Inhalte nur ein einziges Faktum sind.“ (Blumenberg 2012, S.187)
Wie schon die Möglichkeit von Wirbeln im Strom deutet hier auch der Pulsschlag auf eine rhythmische Dynamik hin, die den Bewußtseinsstrom in „Sequenzen“ unterteilt: „Es müssen Sequenzen gebildet werden, und nichts anderes als die Fähigkeit zur Bildung von Sequenzen ist das Bewußtsein. Dafür stellt es die Struktur der Zeit zur Verfügung; sie ist der Rahmen, in dem Sequenzen möglich sind und auch ihre Unvollständigkeit in Hinsicht auf das jeweils noch Kommende abgeschätzt werden kann.“ (Blumenberg 2012, S.156)
Um innerhalb des Bewußtseinsstroms Akte des Bewußtseins unterscheiden zu können, bedarf es also einer Sequentierung dieses Stroms. Und Blumenberg ergänzt sogar: nichts anderes ist das Bewußtsein „als die Fähigkeit zur Bildung von Sequenzen“! Es bedarf einer sequentierenden Struktur, und diese besteht wiederum in der Struktur der Zeit. Also ist auch Zeit selbst letztlich nichts anderes als Bewußtsein, was vor allem dessen rhythmisch pulsierende Dehnung in Richtung auf das „jeweils noch Kommende“ meint. In dieser intentionalen Dehnung, in verdichtenden und lockernden Akten (vgl. Blumenberg 2012, S.167), ‚treibt‘ uns der Bewußtseinspuls mehr, als daß er ‚strömt‘, auf unsere Ziele und Zwecke hin.
Woher kommt diese Sequentierung? Woran erinnert sie in ihrer Struktur? Wir haben es hier keineswegs mit einer gleichgültigen, mechanischen Uhrzeit zu tun, deren Sekunden und Minuten gezählt und gemessen werden können. Es geht vielmehr um „Verdichtung und Lockerung“ (Blumenberg 2012, S.167), um „Intensität“ (Blumenberg 2012, S.142). Wir haben es hier mit einem Zeiterleben zu tun, das ich in diesem Blog schon öfter als Narrativität beschrieben habe. (Vgl.u.a. meine Posts vom 13.07.2012, 16.07.2012 und 17.07.2012) Michael Tomasello beschreibt das narrative Prinzip als extravagante Syntax (vgl. meinen Post vom 27.04.2010) und Helmuth Plessner beschreibt es als syntagmatische Gliederung (vgl. meine Posts vom 14.07. und 15.07.2010).
Immer geht es dabei um eine gliedernde Artikulation von ‚Sinn‘ bzw. von Bewußtseinsakten. Nur wenn die grammatische Gliederung von Sinnsequenzen und die rhythmische Gliederung organischer Lebensprozesse so ineinander greifen wie – mir fällt hier kein anderes Bild ein – ‚Zahnräder‘, also „diskret-intermittierend“ (Blumenberg 2012, S.166), können sich einzelne Wahrnehmungen und Erlebnisse zur sich ihrer selbst bewußten Gestalt einer Person fügen. Ganz ähnlich beschreibt auch Antonio Damasio die Pulse des Kernselbst als nicht mehr unterschreitbare, elementare Momente des sich aus ihnen zusammenfügenden autobiographischen Selbst. (Vgl. meinen Post vom 19.08.2012) Dieses Bewußtseinsleben geschieht tatsächlich nicht mehr als Strömen, das immer auch ein ozeanisches Verströmen, also Selbstauflösung wäre, sondern als sinnbildende und bedeutungsstiftende Narration.
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2. Probleme des Gestaltenwandels
3. Die Einheit des Zeiterlebens
4. Im Strom oder auf dem Ufer
5. Unter der Oberfläche
Mit „Quellen, Ströme, Eisberge“ (2012) erscheint ein weiteres Buch von Blumenberg aus dem Nachlaß, zusammengestellt und herausgegeben von Ulrich von Bülow und Dorit Krusche, die verdienstvoller Weise auch erstmals einen Nachlaßband mit einem editorischen Nachwort versehen haben. (Vgl. Blumenberg 2012, S.271-292) Diesem Nachwort kann der Leser einiges Erhellendes zur Arbeitsweise von Blumenberg und auch zu seiner Metaphorologie entnehmen.
Das Buch selbst enthält einige längere und kürzere Texte zu den im Titel genannten Metaphern, die zwar einem systematischen Grundgedanken folgen, denen man aber anmerkt, daß ihnen die abschließende redaktionelle Bearbeitung des Autors fehlt. Als Leser sollte man sich deshalb die Passagen, die weiterführende Gedankengänge enthalten, wie Rosinen aus den vielen, oft allzu detaillierten Abschweifungen herauspicken; man sollte das Buch also eher quer- als durchlesen. Insgesamt scheint mir das ergiebigste Kapitel Blumenbergs Analyse der Metapher vom Bewußtseinsstrom zu sein. (Vgl. Blumenberg 2012, S.101-193)
In diesem Post möchte ich vor allem auf den Aspekt des Strömens eingehen, der Blumenberg zufolge beinhaltet, daß das Bewußtsein eine ununterbrochene Kontinuität des Zeiterlebens darstellt: „Man kann einen Fluß nicht in Portionen einteilen, ohne ihn aufhören zu lassen zu fließen ... Die Metapher des Bewußtseinsstromes impliziert, daß das Bewußtsein nur ein einziger Akt, seine Inhalte nur ein einziges Faktum sind.“ (Blumenberg 2012, S.187)
Diese Problematik, daß das Strömen des Flusses nicht unterbrochen werden darf, ohne daß er aufhört, ein Fluß zu sein, gilt aber nur für einen Fluß, der der Schwerkraft folgend abwärts fließt. Aber selbst dieser abwärts fließende Fluß bildet Blumenberg zufolge Wirbel, die die Tendenz haben, sich zu erhalten und Verzögerungen des Fließens zu bewirken: „Der Wirbel als Ursprungsform sich ordnender Welten, also sekundärer Rationalitäten, ist eine immer aus der Strommetapher abgeleitete Imagination.“ (Blumenberg 2012, S.152)
Die im fließenden Strömen entstehenden Wirbel sorgen demnach innerhalb der großen Kontinuität für kleinere Diskontinuitäten, für „Verzögerungen im Materiefluß“ (Blumenberg 2012, S.152), die z.B. im Rahmen des Stoffwechselprozesses mithilfe des „Fließgleichgewichts“ (Blumenberg 2012, S.153) eine „eidetische Konstanz des lebendigen Körpers“ ermöglichen (Blumenberg 2012, S.152). Also schon der kontinuierliche Strom beinhaltet unterschiedliche Rhythmen des langsameren und schnelleren Fließens, des linearen Vorwärtstreibens wie auch des verwirbelnden Rückwärtsdrängens.
Was also schon für das der Schwerkraft unterliegende Strömen nicht uneingeschränkt gilt – ununterbrochene Kontinuität nämlich –, gilt erst recht nicht für Ströme, die gegen die Schwerkraft gerichtet sind, weil sie pulsieren! Das bekannteste Beispiel dafür liefert der Blutkreislauf. Blumenberg verweist auf Melchior Palàgyi (1859-1924), einen ungarischen Philosophen, der sich mit der „Lebensrhythmik des Pulsschlages“ dezidiert gegen die Metapher des Strömens wendete. (Vgl. Blumenberg 2012, S.165f.) Wie nämlich Palàgyi und mit ihm Blumenberg gegen die Metapher des Bewußtseinsstroms einwenden, kann diese nicht veranschaulichen, wie es zu einzelnen, „diskret-intermittierenden“ Bewußtseinsakten kommt; also zu einzelnen Bewußtseinsakten, wie z.B. Gedanken oder Wahrnehmungen oder Wünsche. Willensfreiheit wäre in der großen, zusammenhängenden Kontinuität des Bewußtseinsstroms nicht möglich: „Aber Handlungen, Setzungen der Willkür, müssen Stücke sein, die sich solide absetzen gegen andere Bestandteile der Bewußtseinsgeschichte; nur so kann es moralische Qualifikation geben ...“ (Blumenberg 2012, S.186) Und: „Die Metapher des Bewußtseinsstromes impliziert, daß das Bewußtsein nur ein einziger Akt, seine Inhalte nur ein einziges Faktum sind.“ (Blumenberg 2012, S.187)
Wie schon die Möglichkeit von Wirbeln im Strom deutet hier auch der Pulsschlag auf eine rhythmische Dynamik hin, die den Bewußtseinsstrom in „Sequenzen“ unterteilt: „Es müssen Sequenzen gebildet werden, und nichts anderes als die Fähigkeit zur Bildung von Sequenzen ist das Bewußtsein. Dafür stellt es die Struktur der Zeit zur Verfügung; sie ist der Rahmen, in dem Sequenzen möglich sind und auch ihre Unvollständigkeit in Hinsicht auf das jeweils noch Kommende abgeschätzt werden kann.“ (Blumenberg 2012, S.156)
Um innerhalb des Bewußtseinsstroms Akte des Bewußtseins unterscheiden zu können, bedarf es also einer Sequentierung dieses Stroms. Und Blumenberg ergänzt sogar: nichts anderes ist das Bewußtsein „als die Fähigkeit zur Bildung von Sequenzen“! Es bedarf einer sequentierenden Struktur, und diese besteht wiederum in der Struktur der Zeit. Also ist auch Zeit selbst letztlich nichts anderes als Bewußtsein, was vor allem dessen rhythmisch pulsierende Dehnung in Richtung auf das „jeweils noch Kommende“ meint. In dieser intentionalen Dehnung, in verdichtenden und lockernden Akten (vgl. Blumenberg 2012, S.167), ‚treibt‘ uns der Bewußtseinspuls mehr, als daß er ‚strömt‘, auf unsere Ziele und Zwecke hin.
Woher kommt diese Sequentierung? Woran erinnert sie in ihrer Struktur? Wir haben es hier keineswegs mit einer gleichgültigen, mechanischen Uhrzeit zu tun, deren Sekunden und Minuten gezählt und gemessen werden können. Es geht vielmehr um „Verdichtung und Lockerung“ (Blumenberg 2012, S.167), um „Intensität“ (Blumenberg 2012, S.142). Wir haben es hier mit einem Zeiterleben zu tun, das ich in diesem Blog schon öfter als Narrativität beschrieben habe. (Vgl.u.a. meine Posts vom 13.07.2012, 16.07.2012 und 17.07.2012) Michael Tomasello beschreibt das narrative Prinzip als extravagante Syntax (vgl. meinen Post vom 27.04.2010) und Helmuth Plessner beschreibt es als syntagmatische Gliederung (vgl. meine Posts vom 14.07. und 15.07.2010).
Immer geht es dabei um eine gliedernde Artikulation von ‚Sinn‘ bzw. von Bewußtseinsakten. Nur wenn die grammatische Gliederung von Sinnsequenzen und die rhythmische Gliederung organischer Lebensprozesse so ineinander greifen wie – mir fällt hier kein anderes Bild ein – ‚Zahnräder‘, also „diskret-intermittierend“ (Blumenberg 2012, S.166), können sich einzelne Wahrnehmungen und Erlebnisse zur sich ihrer selbst bewußten Gestalt einer Person fügen. Ganz ähnlich beschreibt auch Antonio Damasio die Pulse des Kernselbst als nicht mehr unterschreitbare, elementare Momente des sich aus ihnen zusammenfügenden autobiographischen Selbst. (Vgl. meinen Post vom 19.08.2012) Dieses Bewußtseinsleben geschieht tatsächlich nicht mehr als Strömen, das immer auch ein ozeanisches Verströmen, also Selbstauflösung wäre, sondern als sinnbildende und bedeutungsstiftende Narration.
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Dienstag, 11. September 2012
Entwicklungslogiken
1. Helmuth Plessner
2. Günter Dux
3. Burckhardt/Droysen
(Vgl hierzu auch meinen Post vom 21.04.2010)
In diesem Post will ich den begrifflichen Konstrukten, wie wir sie im letzten Post zu Günter Dux kennenlernten, „metaphorische Grenzüberschreitung(en)“ gegenüberstellen, die den „Alltag der Meinungen und Erzählungen, der Nachrichten und Gerüchte, der aufsteigenden und sich niederschlagenden Dünste, des wechselnden atmosphärischen Drucks der Stimmungen“ zum Thema machen. (Vgl. Blumenberg 2012, S.17) Dabei geht es um die im Blumenbergschen Sinne unbegrifflichen Lebensphänomene, die dem „Prozeß der Gegenstandsbildung“ in der Geschichtswissenschaft vorausgehen. (Vgl. ebenda)
Insbesondere zwei Historiker liefern für diese Fragestellung erhellende Metaphern: Jacob Burckhardt (1818-1897) und Johann Gustav Droysen (1808-1884). Alle folgenden Belege stammen aus Blumenbergs „Höhlenausgänge“ (1989) und seinem aus dem Nachlaß herausgegebenen Buch „Quellen, Ströme, Eisberge“ (2012).
Der Basler Professor für Geschichte und Kunstgeschichte Jacob Burckhardt wendet sich vor allem gegen eine geschichtsphilosophische Betrachtungsweise und findet dafür die Metapher vom „Wühlergeist“ des Maulwurfs, um einerseits mit der Unverhersagbarkeit seines Auftauchens aus dem Dunkel des Erdreichs auf die Unmöglichkeit gesetzmäßiger Rekonstruktionen historischer Ereignisse zu verweisen und ineins damit auf die Unmöglichkeit, irgendwelche Zukünfte vorherzusagen. Andererseits steht der Maulwurf aber auch dafür, daß die verschiedenen, von ihm aufgeworfenen Erdhaufen (Dokumente, Zeugnisse) durchaus in einem beschreibbaren, wenn auch nicht erklärbaren Zusammenhang stehen: „Als Wehender wie als Wühlender ist er (der ‚Wühlergeist‘ – DZ), was nicht zur Ruhe kommen läßt; aber das Wühlen ist die Unruhe ohne Richtung, ohne Orientierung, die blinde Bewegung des Maulwurfs, bei der abgewartet werden muß, wo er sich herauswühlt.“ (Blumenberg 1989, S.646)
Diese Unvorhersehbarkeit geschichtlicher Ereignisse hat etwas von der offenen Weite, von der in diesem Blog schon öfter die Rede gewesen ist. Keine Ideologie, keine soziologisch-ökonomische Analyse historischer Ausgangsbedingungen ist in der Lage, den geschichtlichen Verlauf auf eine konstruierbare oder zumindestens erwartbare Zukunft hin zu bestimmen. Am geschichtlichen Geschehen gibt es weder logische noch kausale Strukturen aufzudecken: „Der Wühler argumentiert nicht mit sich, bringt sich nicht zum Bewußtsein. Er ist weder der Treibende noch der Getriebene ...“ (Blumenberg 1989, S.646)
Burckhardt wählt seine Metaphern immer so, daß sie vor allem diese Diskontinuität in den historischen Ereignissen hervorheben. Zwar haben wir es bei den historischen Ereignissen mit Gestalten (Epochen, Stile) und Gestaltwandel zu tun. Aber der Gestaltwandel gleicht eher den Metamorphosen bei Insekten und Reptilien, „weil dabei das gleichsam Unvorbereitete der Neugestalt die teleologischen Unterstellungen vergessen macht, eher das Ästhetische als das Logische im Spiel zu sein scheint.“ (Blumenberg 1989, S.648)
Burckhardts Metaphern bewegen sich mehr im Bereich körperlicher Metamorphosen. Bei diesem Gestaltwandel haben wir es immer noch mit einer klaren Innen-Außen-Grenze der wechselnden Gestalten zu tun, auch wenn die entscheidenden Bewegungen im Verborgen stattfinden. Der lebensweltliche Aspekt wird von diesen Metaphern noch nicht erfaßt. Für eine weiterführende Analogie bedarf es hier des Verweises auf gasförmige Zustände, und die liefert uns der Historiker Johann Gustav Droysen. (Vgl. Blumenberg 2012, S.11-17)
Im Zuge seiner Kritik am geschichtswissenschaftlichen Fachbegriff der „Quelle“ und an der damit verbundenen Dokumentengläubigkeit seiner Fachgenossen – je näher der Historiker an die ‚ur-sprünglichen‘ Quellen herankommt, um so wirklichkeitsgetreuer kann er die historische Realität rekonstruieren – greift Droysen auf den zu diesem Zeitpunkt weitgehend vergessenen metaphorischen Gehalt der ‚Quelle‘ zurück. Auf diese Weise kann er plausibel machen, daß die historischen Quellen zwar ein Erstes der historischen Forschung bilden – hinter sie kann kein Historiker zurück –, daß sie aber keineswegs voraussetzungslos sind. Keine Quelle sprudelt aus sich selbst heraus, sondern aus einem verborgenen „Quellgrund“. (Vgl. Blumenberg 2012, S.13) Dieser Quellgrund wird von einem „wüste(n) Durcheinander der gleichzeitigen Meinungen, Nachrichten, Gerüchte“ gebildet; im Quellgrund sammelt sich „der sich täglich wiederholende atmosphärische Prozeß der aufsteigenden und sich niederschlagenden Dünste“, aus denen dann erst die Quellen zu sprudeln beginnen, deren sich die Historiker bei ihrer Arbeit bedienen. (Vgl. Droysen, „Grundriß der Historik“; zitiert nach Blumenberg 2012, S.13)
Hier haben wir nun genau die Metaphorik, die die Lebenswelt als atmosphärischen Prozeß in den Quellenbegriff mit einbezieht, ohne sie direkt selbst zum Gegenstand der historischen Forschung zu machen. (Vgl. Blumenberg 2012, S.17) Wie sich aber die Lebenswelt in ihrem gasförmigen, ungegenständlichen Zustand zum historischen Gegenstand formt, dafür findet Droysen eine andere, weiterführende Metapher, – die der Sedimentierung: „Es liegt in der Natur der menschlichen Persönlichkeit, daß sie ein Gewebe aus allen Fäden sittlicher Gestaltungen um sich her habe, wie fein oder roh es denn sei. In myriadenhafter Wiederholung bildet diese Tatsache die sich fort und fort anschließende Entwicklung des Menschengeschlechtes. Jeder einzelne hat diese mikrokosmische Welt seiner Persönlichkeit geformt; und wie winzig und gebrechlich diese Welt sein mochte, sie blieb von ihr zurück wie die Schalen der Infusorien, die zusammengeschlemmt, jene großen Kreidelager bilden.“ (Droysen, „Texte zur Geschichtstheorie“; zitiert nach Blumenberg 2012, S.14f.)
Die Lebenswelt ist in diesem Zitat in der nicht mehr gasförmigen Metapher des „Gewebes“ enthalten, das mit seiner gröberen, flächenhaft ausgebreiteten Materie auf die Myriaden von Kleinstlebewesen überleitet, aus deren Ablagerungen sich in „myriadenhafter Wiederholung“ Sedimente bilden, die sich schließlich zu Gebirgen auftürmen. So wird der Historiker zum Geologen, wie Blumenberg anmerkt: „Die Optik des Historikers erscheint der des Geologen am nächsten, der die Sedimente ganzer Erdzeitalter betrachtet, ohne noch an die zahllosen Organismen zu denken, die sie einmal hervorgebracht haben müssen.“ (Blumenberg 2012, S.14)
Von der Quelle, die das sich niederschlagende und versickernde Wasser von Nebeln und Dünsten sammelt, bis hin zu den zahllosen Kleinstlebewesen, in denen Droysen die individuellen Lebensschicksale der Menschheitsgeschichte versinnbildlicht sieht, wird also ein dynamischer Prozeß beschrieben, der keinerlei Teleologie beinhaltet und der seiner Gesetzmäßigkeit nach nicht linear-kausal beschreibbar ist. Seine Entwicklungslogik bildet eine multi-kausale, untergründige Dynamik aus Verdichtungen und Ablagerungen, aus denen als Spuren vergangener Lebenswelten die individuelle Lebensführung nur indirekt erschlossen werden kann.
So kehrt sich die von Günter Dux beschriebene, mit dem biogenetischen Grundgesetz von Haeckel vergleichbare Spiegelung der Phylogenese in der Ontogenese der frühen Kindheit des Menschen um in eine Spiegelung der individuellen Ontogenese, der individuellen Lebensführung, in den geschichtlichen Dokumenten und Zeugnissen der Menschheitsgeschichte: „Die unendliche Arbeit der Individuen schafft allererst das Niveau, auf dem sich die Größe der geschichtlichen Taten und Ereignisse überhaupt der historischen Optik darbietet: Freilich Myriaden leben und sterben, ohne daß ihrer Namen gedacht wird. Aber indem sie ein noch so kleines Gebilde ihres Ich zurücklassen, sind sie mit unter den zahllosen Atomen, die, aufeinander gehäuft, alpenhaft emporsteigen, welche die Spitze und die kühnen Konturen der Höhe bilden sollen.“ (Blumenberg mit Droysenzitat (2012), S.15)
Wir haben es also mit einer wechselseitigen Spiegelung von biologischen, kulturellen und individuellen Entwicklungsprozessen zu tun. Nach den neueren Erkenntnissen der Epigenetik kann man nämlich davon ausgehen, daß sich nicht nur biologische und kulturelle Prozesse auf das individuelle Leben auswirken, sondern daß sich auch die individuelle Lebensführung wiederum auf kulturelle und sogar auf generationsübergreifende biologische Prozesse auswirkt. Dies aber geschieht nicht, wie Günter Dux es darstellt, auf konstruktivistische Weise. Wir haben es vielmehr mit schicksalshaften Prozessen zu tun, deren Komplexität wir nur auf metaphorischer Ebene sichtbar machen können.
In Richtung auf die individuelle Lebensführung bedeutet das, daß wir hier nicht von einer kulturellen Nullage ausgehen können, daß der Mensch vielmehr schon vorgeprägt zur Welt kommt. Das „eigentliche Thema einer Kulturgeschichte“ ist deshalb, wie Blumenberg schreibt, die „Identität der Prägung“. (Vgl. Blumenberg 2012, S.16) Vor diesem Hintergrund ist individuelle Freiheit nur als exzentrische Positionalität beschreibbar, die das Herausfallen aus prägenden Lebenswelten denkbar macht.
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2. Günter Dux
3. Burckhardt/Droysen
(Vgl hierzu auch meinen Post vom 21.04.2010)
In diesem Post will ich den begrifflichen Konstrukten, wie wir sie im letzten Post zu Günter Dux kennenlernten, „metaphorische Grenzüberschreitung(en)“ gegenüberstellen, die den „Alltag der Meinungen und Erzählungen, der Nachrichten und Gerüchte, der aufsteigenden und sich niederschlagenden Dünste, des wechselnden atmosphärischen Drucks der Stimmungen“ zum Thema machen. (Vgl. Blumenberg 2012, S.17) Dabei geht es um die im Blumenbergschen Sinne unbegrifflichen Lebensphänomene, die dem „Prozeß der Gegenstandsbildung“ in der Geschichtswissenschaft vorausgehen. (Vgl. ebenda)
Insbesondere zwei Historiker liefern für diese Fragestellung erhellende Metaphern: Jacob Burckhardt (1818-1897) und Johann Gustav Droysen (1808-1884). Alle folgenden Belege stammen aus Blumenbergs „Höhlenausgänge“ (1989) und seinem aus dem Nachlaß herausgegebenen Buch „Quellen, Ströme, Eisberge“ (2012).
Der Basler Professor für Geschichte und Kunstgeschichte Jacob Burckhardt wendet sich vor allem gegen eine geschichtsphilosophische Betrachtungsweise und findet dafür die Metapher vom „Wühlergeist“ des Maulwurfs, um einerseits mit der Unverhersagbarkeit seines Auftauchens aus dem Dunkel des Erdreichs auf die Unmöglichkeit gesetzmäßiger Rekonstruktionen historischer Ereignisse zu verweisen und ineins damit auf die Unmöglichkeit, irgendwelche Zukünfte vorherzusagen. Andererseits steht der Maulwurf aber auch dafür, daß die verschiedenen, von ihm aufgeworfenen Erdhaufen (Dokumente, Zeugnisse) durchaus in einem beschreibbaren, wenn auch nicht erklärbaren Zusammenhang stehen: „Als Wehender wie als Wühlender ist er (der ‚Wühlergeist‘ – DZ), was nicht zur Ruhe kommen läßt; aber das Wühlen ist die Unruhe ohne Richtung, ohne Orientierung, die blinde Bewegung des Maulwurfs, bei der abgewartet werden muß, wo er sich herauswühlt.“ (Blumenberg 1989, S.646)
Diese Unvorhersehbarkeit geschichtlicher Ereignisse hat etwas von der offenen Weite, von der in diesem Blog schon öfter die Rede gewesen ist. Keine Ideologie, keine soziologisch-ökonomische Analyse historischer Ausgangsbedingungen ist in der Lage, den geschichtlichen Verlauf auf eine konstruierbare oder zumindestens erwartbare Zukunft hin zu bestimmen. Am geschichtlichen Geschehen gibt es weder logische noch kausale Strukturen aufzudecken: „Der Wühler argumentiert nicht mit sich, bringt sich nicht zum Bewußtsein. Er ist weder der Treibende noch der Getriebene ...“ (Blumenberg 1989, S.646)
Burckhardt wählt seine Metaphern immer so, daß sie vor allem diese Diskontinuität in den historischen Ereignissen hervorheben. Zwar haben wir es bei den historischen Ereignissen mit Gestalten (Epochen, Stile) und Gestaltwandel zu tun. Aber der Gestaltwandel gleicht eher den Metamorphosen bei Insekten und Reptilien, „weil dabei das gleichsam Unvorbereitete der Neugestalt die teleologischen Unterstellungen vergessen macht, eher das Ästhetische als das Logische im Spiel zu sein scheint.“ (Blumenberg 1989, S.648)
Burckhardts Metaphern bewegen sich mehr im Bereich körperlicher Metamorphosen. Bei diesem Gestaltwandel haben wir es immer noch mit einer klaren Innen-Außen-Grenze der wechselnden Gestalten zu tun, auch wenn die entscheidenden Bewegungen im Verborgen stattfinden. Der lebensweltliche Aspekt wird von diesen Metaphern noch nicht erfaßt. Für eine weiterführende Analogie bedarf es hier des Verweises auf gasförmige Zustände, und die liefert uns der Historiker Johann Gustav Droysen. (Vgl. Blumenberg 2012, S.11-17)
Im Zuge seiner Kritik am geschichtswissenschaftlichen Fachbegriff der „Quelle“ und an der damit verbundenen Dokumentengläubigkeit seiner Fachgenossen – je näher der Historiker an die ‚ur-sprünglichen‘ Quellen herankommt, um so wirklichkeitsgetreuer kann er die historische Realität rekonstruieren – greift Droysen auf den zu diesem Zeitpunkt weitgehend vergessenen metaphorischen Gehalt der ‚Quelle‘ zurück. Auf diese Weise kann er plausibel machen, daß die historischen Quellen zwar ein Erstes der historischen Forschung bilden – hinter sie kann kein Historiker zurück –, daß sie aber keineswegs voraussetzungslos sind. Keine Quelle sprudelt aus sich selbst heraus, sondern aus einem verborgenen „Quellgrund“. (Vgl. Blumenberg 2012, S.13) Dieser Quellgrund wird von einem „wüste(n) Durcheinander der gleichzeitigen Meinungen, Nachrichten, Gerüchte“ gebildet; im Quellgrund sammelt sich „der sich täglich wiederholende atmosphärische Prozeß der aufsteigenden und sich niederschlagenden Dünste“, aus denen dann erst die Quellen zu sprudeln beginnen, deren sich die Historiker bei ihrer Arbeit bedienen. (Vgl. Droysen, „Grundriß der Historik“; zitiert nach Blumenberg 2012, S.13)
Hier haben wir nun genau die Metaphorik, die die Lebenswelt als atmosphärischen Prozeß in den Quellenbegriff mit einbezieht, ohne sie direkt selbst zum Gegenstand der historischen Forschung zu machen. (Vgl. Blumenberg 2012, S.17) Wie sich aber die Lebenswelt in ihrem gasförmigen, ungegenständlichen Zustand zum historischen Gegenstand formt, dafür findet Droysen eine andere, weiterführende Metapher, – die der Sedimentierung: „Es liegt in der Natur der menschlichen Persönlichkeit, daß sie ein Gewebe aus allen Fäden sittlicher Gestaltungen um sich her habe, wie fein oder roh es denn sei. In myriadenhafter Wiederholung bildet diese Tatsache die sich fort und fort anschließende Entwicklung des Menschengeschlechtes. Jeder einzelne hat diese mikrokosmische Welt seiner Persönlichkeit geformt; und wie winzig und gebrechlich diese Welt sein mochte, sie blieb von ihr zurück wie die Schalen der Infusorien, die zusammengeschlemmt, jene großen Kreidelager bilden.“ (Droysen, „Texte zur Geschichtstheorie“; zitiert nach Blumenberg 2012, S.14f.)
Die Lebenswelt ist in diesem Zitat in der nicht mehr gasförmigen Metapher des „Gewebes“ enthalten, das mit seiner gröberen, flächenhaft ausgebreiteten Materie auf die Myriaden von Kleinstlebewesen überleitet, aus deren Ablagerungen sich in „myriadenhafter Wiederholung“ Sedimente bilden, die sich schließlich zu Gebirgen auftürmen. So wird der Historiker zum Geologen, wie Blumenberg anmerkt: „Die Optik des Historikers erscheint der des Geologen am nächsten, der die Sedimente ganzer Erdzeitalter betrachtet, ohne noch an die zahllosen Organismen zu denken, die sie einmal hervorgebracht haben müssen.“ (Blumenberg 2012, S.14)
Von der Quelle, die das sich niederschlagende und versickernde Wasser von Nebeln und Dünsten sammelt, bis hin zu den zahllosen Kleinstlebewesen, in denen Droysen die individuellen Lebensschicksale der Menschheitsgeschichte versinnbildlicht sieht, wird also ein dynamischer Prozeß beschrieben, der keinerlei Teleologie beinhaltet und der seiner Gesetzmäßigkeit nach nicht linear-kausal beschreibbar ist. Seine Entwicklungslogik bildet eine multi-kausale, untergründige Dynamik aus Verdichtungen und Ablagerungen, aus denen als Spuren vergangener Lebenswelten die individuelle Lebensführung nur indirekt erschlossen werden kann.
So kehrt sich die von Günter Dux beschriebene, mit dem biogenetischen Grundgesetz von Haeckel vergleichbare Spiegelung der Phylogenese in der Ontogenese der frühen Kindheit des Menschen um in eine Spiegelung der individuellen Ontogenese, der individuellen Lebensführung, in den geschichtlichen Dokumenten und Zeugnissen der Menschheitsgeschichte: „Die unendliche Arbeit der Individuen schafft allererst das Niveau, auf dem sich die Größe der geschichtlichen Taten und Ereignisse überhaupt der historischen Optik darbietet: Freilich Myriaden leben und sterben, ohne daß ihrer Namen gedacht wird. Aber indem sie ein noch so kleines Gebilde ihres Ich zurücklassen, sind sie mit unter den zahllosen Atomen, die, aufeinander gehäuft, alpenhaft emporsteigen, welche die Spitze und die kühnen Konturen der Höhe bilden sollen.“ (Blumenberg mit Droysenzitat (2012), S.15)
Wir haben es also mit einer wechselseitigen Spiegelung von biologischen, kulturellen und individuellen Entwicklungsprozessen zu tun. Nach den neueren Erkenntnissen der Epigenetik kann man nämlich davon ausgehen, daß sich nicht nur biologische und kulturelle Prozesse auf das individuelle Leben auswirken, sondern daß sich auch die individuelle Lebensführung wiederum auf kulturelle und sogar auf generationsübergreifende biologische Prozesse auswirkt. Dies aber geschieht nicht, wie Günter Dux es darstellt, auf konstruktivistische Weise. Wir haben es vielmehr mit schicksalshaften Prozessen zu tun, deren Komplexität wir nur auf metaphorischer Ebene sichtbar machen können.
In Richtung auf die individuelle Lebensführung bedeutet das, daß wir hier nicht von einer kulturellen Nullage ausgehen können, daß der Mensch vielmehr schon vorgeprägt zur Welt kommt. Das „eigentliche Thema einer Kulturgeschichte“ ist deshalb, wie Blumenberg schreibt, die „Identität der Prägung“. (Vgl. Blumenberg 2012, S.16) Vor diesem Hintergrund ist individuelle Freiheit nur als exzentrische Positionalität beschreibbar, die das Herausfallen aus prägenden Lebenswelten denkbar macht.
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