1. Prolog: Welzer und Plessner im Vergleich
2. shifting baselines
3. Arbeitsteilung und Verantwortung
4. Totale Situationen und partikulare Rationalität
5. Zur Kontinuität gesellschaftlicher Entwicklung
6. Drei Handlungsalternativen
Als die derzeitige Bundeskanzlerin noch in der großen Koalition einen gewissen politischen Ehrgeiz an den Tag legte, der über den bloßen Machterhalt hinausging, machte sie den Klimaschutz zur Chefsache und wurde dafür mit dem Titel ‚Klimakanzlerin‘ belohnt. Der Klimaschutz war und ist in aller Munde, paradoxerweise ‚angesichts‘ eine Katastrophe, von der niemand etwas merkt, außer einigen Südseebewohnern, deren Inseln immer häufiger überspült werden. Ein anderes Katastrophenpotential, das wir hier im Lande tagtäglich vor Augen haben, ist dagegen so in unseren Alltag integriert, daß wir uns wider besseren Wissens von derselben Klimakanzlerin darüber belügen lassen mußten, daß wir darauf als ‚Brückentechnologie‘ – nämlich um das Klima zu schützen – auf keinen Fall verzichten können. Jeder weiß, wovon ich spreche: von den Atomkraftwerken.
Inwiefern die Kanzlerin hier bewußt gelogen hat – alle Anzeichen sprechen dafür, denn sie ist ja nicht blöd –, ist irrelevant. In der komplexen Gemengelage sozialer, technischer und natürlicher Katastrophen, als Potential oder als tatsächliches Ereignis, haben wir es hier vielmehr mit einem Lebensweltproblem zu tun: ‚wir‘ – die wir in dieser Welt leben – glauben und wollen zugleich glauben, daß alles ‚normal‘ ist, denn in einer durch und durch falschen Lebenswelt ließe es sich eben nicht leben, – jedenfalls nicht auf Dauer. Wenn also im Rahmen dieser Lebenswelt kognitive Dissonanzen auftreten und diese Lebenswelt deshalb schon längt zerstört ist, belügen wir lieber so lange wie möglich uns selbst, um an dieser Lebenswelt, die es längst nicht mehr gibt, festzuhalten. Und dabei kriegen wir gar nicht mehr mit, wie sich die wirtschaftlich und technisch scheinbar alternativlos ‚funktionierende‘ Lebenswelt schon längst verändert hat und immer weiter verändert, – an uns und unseren Entscheidungen vorbei, uns unsere Entscheidungen, die wir eigentlich selbst treffen müßten, aus der Hand nehmend.
So geschehen in Fukushima. Was dort an sozialen, technischen und natürlichen Katastrophen potenziert zusammengekommen ist, hat uns die eigene schuldhafte Verstrickung in den alltäglichen Betrugszusammenhang von Politik, Wirtschaft und persönlichem Konsum einmal mehr schlagartig vor Augen geführt. Und zumindestens in Deutschland reiben wir uns die Augen und staunen, wie schnell plötzlich alles geht. Nach jahrzehntelangen, generationenübergreifenden Kämpfen von Bürgerinitiativen ist der begründete Zweifel an der Beherrschbarkeit der Atomtechnologie plötzlich in der Mehrheitsgesellschaft angekommen, – nicht aufgrund eines rationalen Diskurses und politischer Entscheidungsfindung, sondern weil uns die Katastrophe selbst die Entscheidung aus der Hand gerissen hat.
Dabei fällt einem aber zugleich auf, wie einzigartig die ‚typisch‘ deutsche Reaktion auf Fukushima ist. Mir steht das Beispiel eines französischen Sportlers vor Augen, der mit seiner Familie in Deutschland lebt und der in einer Talkshow nicht so recht wußte, was er antworten sollte, als er gefragt wurde, wie man in Frankreich mit dem Thema ‚Atomkraft‘ umgeht und wie man dort auf Fukushima reagiert. Der freundliche, große, junge Mann mit schulterlangen lockigen Haaren, der zugab, daß in seiner Heimat ganz in der Nähe von seinem Dorf ein Atomkraftwerk stehe, hatte sich ganz offensichtlich nie mit der damit verbundenen Gefahr für ihn und seine dortige Familie auseinandergesetzt. Ganz allgemein wußte er durchaus davon, daß Atomkraftwerke irgendwie ‚gefährlich‘ sind, aber sie sind eben auch irgendwie notwendig, denn irgendwie gibt es ja keine Alternative zu ihnen und die Deutschen seien ja traditionell immer schon etwas ängstlich.
Diese mentale Unfähigkeit, sich ernsthaft mit einem aktuellen Thema wie Fukushima auseinanderzusetzen, ist ein weiteres Beispiel für Blumenbergs These von der Unzerstörbarkeit der Lebenswelt. Und es ist ein Beispiel für shifting baselines! Denn dieser junge Franzose ist wie so viele andere Franzosen in einem Land voller Atomkraftwerke aufgewachsen und hat nie etwas anderes gekannt, weshalb er sie ja auch für ‚alternativlos‘ hält. Es gibt in seinem Gedächtnis keine Welt, in der es noch keine Atomkraftwerke gegeben hat, also hat es sie schon immer gegeben und also sind sie alternativlos, denn sonst gäbe es ja Alternativen, aber die gibt es ja nicht, weil es eben noch nie keine Atomkraftwerke gegeben hat: „... Untersuchungen zeigen, dass Menschen desto weniger Unsicherheitsgefühle artikulieren, je näher sie an einem Atomkraftwerk leben.() Je unabweisbarer eine Gefährdung ist, desto größer ist das Maß an Dissonanz und desto notwendiger ihre Reduktion durch Indolenz, Verdrängung oder Abwehr. Man kann mit Gefahren, die man nicht kontrollieren kann, sonst nicht gut leben.“ (Vgl. Welzer 2008, S.209) – Und weiter: „Die Kehrseite dieser Trägheit gegenüber Veränderungsprozessen und der Unfähigkeit, ihre Dimension einzuschätzen, ist das Phänomen der shifting baselines: Wahrnehmungen und ihre Interpretationen verschieben sich unmerklich zusammen mit einer sich verändernden Wirklichkeit.“ (Welzer 2008, S.210)
Shifting baselines beinhalten also zwei Aspekte: a) die wahrgenommene Statik des Bestehenden, also ihre scheinbare Alternativlosigkeit, und b) die aufgrund dieser vordergründigen Wahrnehmungsgewohnheiten hinter unserem Rücken tatsächlich stattfindenden Veränderungen, mit denen wir uns in unserem Habitus unbemerkt mitverändern, so daß bei tatsächlicher Veränderungsdynamik dennoch der Eindruck der Statik, der Veränderungslosigkeit dominiert. Assmann hat das als ein spezifisches Phänomen mündlicher Kulturen beschrieben, die sich ihrer eigenen ‚Gestalt‘ nicht bewußt sind und sich deshalb auch der Veränderungen nicht bewußt sind, die diese Gestalt im Laufe der Zeit erfährt.
Dieses spezifische Kennzeichen mündlicher Kulturen – und der Lebenswelt, in der wir ‚immer schon‘ leben – beinhaltet aber zugleich, daß es in schriftlichen Kulturen anders ist: in schriftlichen Kulturen wird ganz im Gegenteil der lebensweltliche Horizont aufgebrochen und der gesellschaftliche Ehrgeiz nach Innovation und nach Entwicklung geweckt. Diese soziale Dynamik ist so stark, daß es sogar eigener Kanonisierungsverfahren bedarf, um sie unter Kontrolle zu halten. Es werden bestimmte Texte für ‚heilig‘ erklärt und so zum Maßstab dafür gemacht, was in einer Gesellschaft geht und was nicht.
Welzer, der in seinem Buch „Das kommunikative Gedächtnis“ auf Assmanns Gedächtniskonzept zurückgreift, unterschlägt diese Differenz, – sowohl dort wie hier. Hat das aber in „Das kommunikative Gedächtnis“ die Folge, daß er dort die kulturelle Dynamik zu optimistisch interpretiert, so hat das nun hier, in „Klimakriege“, die Folge, daß er das Beharrungsvermögen kultureller Prägungen zu pessimistisch interpretiert. Als Beispiel dient ihm die Osterinsel: „... wenn es je eines schlagenden Beispiels bedürft hätte, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt (besonders dann, wenn er keines hat()), dann liefern es die Bewohner der Osterinsel. Hier sieht man die Verselbständigung einer kulturellen Praxis, die auch um die Gefahr der Selbstaufgabe nicht aufgegeben wird.“ (Welzer 2008, S.82)
Auf der Osterinsel haben die Bewohner die Wälder so gründlich abgeholzt und vernutzt, daß sie ihnen keine Lebensgrundlage mehr bot. Eine jahrhundertalte Kultur samt Bevölkerung verschwand aus dieser Welt. Welzer schreibt, daß die „kulturellen Wahrnehmungsformate“ der Bewohner der Osterinsel den Blick auf Alternativen verstellt haben, so daß die „Beteiligten buchstäblich nicht sehen“ konnten, was sie stattdessen hätten tun können. (Vgl. Welzer 2008, S.83)
Hinter dem Rücken der Osterinselbewohner waren die Wälder durch beständige, jahrhundertelange Abholzung so allmählich von der Oberfläche verschwunden, daß diese Veränderungen den einzelnen Generationen nicht bewußt werden konnten. In einer ähnlichen Situation befinden wir uns mit dem Klimawandel: „Ursache und Wirkung sind im Klimawandel auseinandergerissen – diejenigen, die die Folgen verursacht und diejenigen, die sie zu bewältigen haben, sind keine Zeitgenossen. Die Probleme bei den Versuchen, noch irgendetwas an seiner Entwicklung zu steuern, gehen unter anderem auf diese eingebaute Verantwortungslosigkeit zurück. Das zeitliche, regionale und biografische Missverhältnis zwischen Verursachung und Wirkung steht der Zurechnung von Verantwortung ebenso im Wege wie der Zuschreibung von Pflichten, die aus der Abwendung der möglichen Katastrophe entstehen.“ (Welzer 2008, S.202)
Zu den shifting baselines gehört der Begriff des „Referenzrahmens“, wie ihn Welzer in Anlehnung an Erving Goffman prägt. Auch hier haben wir es wieder mit dem Lebensweltthema zu tun. Wir nehmen nie die Dinge wahr, wie sie sind, also objektiv, sondern wir ordnen sie immer ein. Und den Rahmen, in den wir sie einordnen, bezeichnet Welzer als Referenzrahmen. Der Referenzrahmen bestimmt, wie die Betroffenen auf eine Situation reagieren: „Menschen treffen ihre Entscheidungen vor dem Hintergrund komplexer Annahmen, von denen nur der geringere Teil die Ebene der bewussten Reflexion erreicht ...“ (Vgl. Welzer 2008, S.64) – Insofern aber „nur der geringere Teil die Ebene der bewussten Reflexion erreicht“, haben wir es eben genau mit der Lebenswelt zu tun.
In bezug auf die shifting baselines spricht Welzer auch von „fließende(n) Referenzlinien“, mit deren Hilfe „man sich beständig in Übereinstimmung mit der Umgebung hält“. (Vgl. Welzer 2008, S.76f.) Diese fließenden Referenzlinien erinnern an Assmanns „vertikale Verankerung“ (Kulturelles Gedächtnis, S.199f.), zu denen uns die Orientierung am Mythos verhilft. Es ist dasselbe Prinzip, mit dem wir uns nicht nur in „Übereinstimmung mit der Umgebung“, sondern auch mit uns selbst ‚halten‘.
Welzer bringt nun den Referenzrahmen in Verbindung mit der ‚Kultur‘, und zwar bezeichnender Weise mit der ‚Kultur‘ von Selbstmordattentätern: „Die Kultur der menschlichen Bomben ist in einen Referenzrahmen eingebettet, in dem der Status der Familien der Attentäter sich ebenso erhöht wie ihr materieller Wohlstand.“ (Welzer 2008, S.164) – Negativer läßt sich der Kulturbegriff nicht mehr konnotieren. Anstatt daß Kultur in all ihrer Ambivalenz zur individuellen Menschwerdung beiträgt, wird sie nun ganz im Gegenteil zu einem Mittel der Selbstauslöschung.
Die Begriffe, mit denen wir es hier im Rahmen der Lebensweltthematik zu tun haben – „shifting baselines“, „Referenzrahmen“ und, wie wir in den folgenden Posts noch sehen werden, „totale Situationen“, „partikulare Rationalitäten“ –, sind allesamt in einem gewissen Sinne ‚defizitär‘. Sie beschreiben Verhängniszusammenhänge menschlichen Handelns, – man könnte auch von Schuldzusammenhängen sprechen. Diese Verhängnis- bzw. Schuldzusammenhänge sind allesamt gesellschaftlich, und sie bestimmen bzw. orientieren die individuelle Identität. Was sie nicht beschreiben, ist, in welcher Weise sich die Individuen zu diesen Verhängnis- und Schuldzusammenhängen stellen, d.h. nicht einfach nur reagieren, sondern agieren. Auch darauf wird in den folgenden Posts noch einzugehen sein.
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„Wenn schon eine ganze Welt, auf Erkenntnis beruhend und ihrer ständig bedürftig, errichtet ist und ihren Gang geht, wie die der modernen Technik, wird der nach dem Grund ihrer Möglichkeit und nach ihren Sicherheitsgarantien Fragende zum Sokrates der Vergeblichkeit.“ (Blumenberg, Höhlenausgänge, S.169)
„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)
Donnerstag, 31. März 2011
Mittwoch, 30. März 2011
Harald Welzer, Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird, Frankfurt a.M. 2008
1. Prolog: Welzer und Plessner im Vergleich
2. shifting baselines
3. Arbeitsteilung und Verantwortung
4. Totale Situationen und partikulare Rationalität
5. Zur Kontinuität gesellschaftlicher Entwicklung
6. Drei Handlungsalternativen
Plessner verortet Geschichte auf zwei verschiedenen, zu einander völlig disparaten Ebenen. Zum einen haben wir die Ebene, auf der wir eine objektive Perspektive auf die menschliche Geschichte einzunehmen versuchen. Das ist die Geschichte der ‚objektiven‘ Daten und Jahreszahlen. Diese in Geschichtsbüchern zusammengefaßte und aufbereitete Geschichte (vgl. Einheit der Sinne, S.144f.) bietet aber letztlich nur einen winzigen, und dazu noch völlig willkürlich zusammengestellten Bruchteil der tatsächlichen Geschichte, in derem nach Epochen gegliederten Rhythmus wir uns mit unserem eigenen Lebenslauf einordnen: „Wir neigen dazu, unsere eigene Lebenserinnerung zum Bruchteil aller jemals möglich gewesenen Lebenserinnerungen von Menschen zu machen und einen fast substantiellen Strom der Vergangenheit zu substituieren.“ (Einheit der Sinne, S.148)
Dieser verbreiteten Vorstellung von Geschichte hält Plessner entgegen, daß wir es hier mit einer „Konstruktion“ von Geschichte „aus den Überresten, durch Einfügungen von Motivationsketten in freier Sinngebung des überlieferten Stoffs“ zu tun haben, also mit Geschichte nach dem Montageprinzip, wie es Welzer in „Das kommunikative Gedächtnis“ (2005/2002) beschreibt: „Geschichte hat also überhaupt keine vorgegebene Grundlage in einem intuitiv einheitlichen Ganzen. Also fehlt die letzte Kontrollmöglichkeit der historischen Reihenbildung (durch Motivationszusammenhänge) an zusammenhängenden Erscheinungen in einer Anschauung.“ (Einheit der Sinne, S.147)
Das ist im Grunde der Todesstoß für jede objektive Geschichtswissenschaft: wenn ihr keine „Anschauung“ zugrundeliegt, heißt das letztlich, daß sie keine „Gegenstände“ hat, denn Gegenstände sind immer „Phänomene“ und müssen als solche einer „Anschauung“ gegeben sein, um mehr zu sein als nur subjektive Einbildung. Allerdings bezieht Plessner hier die Geschichtswissenschaft vor allem auf die antreffende Anschauung mit ihren Möglichkeiten schematischer Darstellung, wie sie vor allem in den Naturwissenschaften gebräuchlich ist. (Vgl. Einheit der Sinne, S.154f.)
Es gibt aber noch zwei andere Ebenen der Anschauung, und hier eröffnet vor allem die innewerdende Anschauung eine völlig andere Perspektive auf die Geschichte. (Vgl. Einheit der Sinne, S.99f.u.ö.) Der ‚Gegenstand‘ der innewerdenden Anschauung sind die Gefühle und Empfindungen, und diese sind Plessner zufolge einer „syntagmatischen Gliederung“ zugänglich. (Vgl. Einheit der Sinne, S.154f., 170f.)
Was das bedeuten könnte, wird in den „Stufen des Organischen“ deutlich. Dort nämlich verknüpft Plessner die Geschichte mit der exzentrischen Positionalität des Menschen: der Mensch ist ein geschichtliches Wesen, weil er exzentrisch positioniert ist, d.h. weil er in seiner ‚Mitte‘ nur auf vermittelte Weise sein kann. Und die vermittelte Weise, in der er in seiner Mitte sein kann, ist die Geschichte, die „nur die ausgeführte Weise (ist), in der er über sich nachsinnt und von sich weiß.“ (Vgl. Stufen, S.31) In seiner Geschichte ‚drückt‘ sich der Mensch ‚aus‘, sie gehört zur expressiven Struktur seines Handelns: „Durch seine Expressivität ist er also ein Wesen, das selbst bei kontinuierlich sich erhaltender Intention nach immer anderer Verwirklichung drängt und so eine Geschichte hinter sich zurückläßt.“ (Stufen, S.338)
Wir haben also auf dieser Ebene einer Geschichtswissenschaft – mit „syntagmatischer Gliederung“ und „Expressivität“ – eine Geschichte, in der das Material der Anschauung der Mensch selbst ist, – und zwar, das scheint mir deutlich genug zu sein, in Form von ‚Erzählungen‘ gemäß dem Prinzip der Narrativität. Denn die syntagmatische Gliederung scheint mir bei Plessner genau für diese Möglichkeit zu stehen, daß nämlich das seelische Material vor allem in ‚Geschichten‘ seinen ‚Ausdruck‘ findet, so daß also ‚Geschichte‘ vor allem die erzählte Geschichte meint.
Alles das finden wir auch in Welzers „Das kommunikative Gedächtnis“. Und gerade das Montageprinzip, nach dem bei Welzer die Erinnerungssubjekte sich den jeweiligen Sinnzusammenhang mehr recht als schlecht zusammenbasteln, paßt wiederum sehr gut zu Plessners Form-Inhalt-Bestimmung der menschlichen Expressivität: daß wir nämlich in der Form des jeweils gefundenen Ausdrucks den ursprünglichen Inhalt, sowohl das, was wir selbst meinen und wollen, als auch das, was wir verstehen wollen (nämlich das, was unsere Mitmenschen meinen und wollen), notwendigerweise verfehlen. (Vgl. Stufen, S.336ff.)
Die logische Schlußfolgerung ist also, daß die Geschichte des Menschen weder einen substantiellen noch einen kontinuierlichen Entwicklungsprozeß darstellt. Es gibt keine Richtung, auf die hin Geschichte ‚stattfindet‘, und es gibt keine kulturellen ‚Ungleichzeitigkeiten‘, daß etwa manche Kulturen weniger entwickelt wären als andere: „Offensichtlich ist die Annahme falsch, dass unterschiedliche Entwicklungsverläufe von Gesellschaften lediglich unterschiedliche Entwicklungsstände in Modernisierungsprozessen widerspiegeln. Es könnte sein, dass Gesellschaftsentwicklungen ganz unterschiedlichen Pfaden folgen können, die sich klassischen Vorstellungen von Vor- und Rückentwicklungen gar nicht fügen – dass hier etwas anderes entsteht, als westliche Theorien der Gesellschaft zu denken erlauben.“ (Welzer 2008, S.106f.)
Ganz ähnlich wie Plessner hinsichtlich der scheinbaren Objektivität von Geschichte hält Welzer „Kausalität“ nicht für „eine Kategorie sozialen Handelns“. (Vgl. Welzer 2008, S.124f.) – Welzers Schlußfolgerung aus der fehlenden Kausalität sozialen Handelns für die Geschichte klingt zunächst wertneutral: „Das bedeutet aber zugleich, dass eine Geschichte nie alternativlos so verlaufen musste, wie sie tatsächlich verlaufen ist. Dass die ‚Endlösung der Judenfrage‘ in einer Radikalität ausbuchstabiert wurde, die schließlich in Menschenvernichtungsanlagen endete, war keine historische Zwangsläufigkeit ...“ (Welzer 2008, S.124)
Von hier ist also jeder Geschichtsverlauf möglich, und die Frage, die sich hier allererst stellt, ist die nach der Freiheit menschlichen Urteilens und Handelns. Welzer beantwortet diese Frage anhand der Möglichkeit, aus der Geschichte z.B. des Holocaust zu lernen, von vornherein negativ: „Warum aber, so könnte man fragen, sollte etwas ‚nie wieder‘ geschehen, wo doch die Beispiele zeigten, dass Menschen noch die radikalsten Abweichungen vom humanistischen Denken, die gegenmenschlichsten Theorien, Definitionen, Schlussfolgerungen und Handlungen sinnhaft finden und in Konzepte integrieren können, die ihnen vertraut sind – auch Menschen übrigens, deren Intelligenz und humanistisches Bildungsniveau nichts zu wünschen übrig lässt.“ (Welzer 2008, S.39)
Mit Plessner ist darauf zu verweisen, daß die Menschen aufgrund der exzentrischen Positionalität, also eben weil alles menschliche Handeln expressiv ist, „noch die radikalsten Abweichungen vom humanistischen Denken, die gegenmenschlichsten Theorien, Definitionen, Schlussfolgerungen und Handlungen sinnhaft finden und in Konzepte integrieren können“: und die Geschichte hat selbstverständlich auch an dieser Expressivität teil. Es gibt deshalb immer sehr viel aus der Geschichte zu lernen, denn in ihr begegnet sich der Mensch selbst, und nur vor ihrem Hintergrund wird er sich in seinem eigenen Sinnstreben und Handeln verständlich. Weder ein Geschichtsoptimismus (Fortschrittsgeschichte) noch ein Geschichtspessimismus (Verfallsgeschichte) ist angebracht. Denn die jeweiligen Maßstäbe, nach denen ‚Fortschritt‘ und ‚Verfall‘ zu deuten wären, hängen unmittelbar vom Handeln der geschichtlichen Subjekte in ihrer jeweiligen Gegenwart ab.
Der Grund, warum ich hier in einem eigenen Post auf dieses Thema zu sprechen komme, liegt darin, daß es in den folgenden Posts um Welzers „Klimakriege“ (2008) gehen soll. Und zwischen seinen Büchern „Das kommunikative Gedächtnis“ und „Klimakriege“ gibt es vor allem einen auffälligen Unterschied: nämlich einen mit dem Prinzip der Narrativität verbundenen evolutionären und geschichtlichen Optimismus hinsichtlich der Menschwerdung und einen mit der Katastrophenträchtigkeit menschlicher Technik verbundenen geschichtlichen Pessimismus hinsichtlich der Zukunft des Menschen. Der Pessimismus in den „Klimakriegen“ hat darüberhinaus seine an Günther Anders erinnernde umstürzende Radikalität darin, daß Welzer nunmehr davon ausgeht, daß es für den Menschen angesichts des Niedagewesenen menschengemachter Katastrophen aus der bisherigen Geschichte nichts Brauchbares mehr für seine Zukunft zu lernen gibt. (Vgl. Welzer 2008, S.36f., 200f.)
In den folgenden Posts werde ich weniger auf die im Buchtitel angesprochenen „Klimakriege“ selbst eingehen, sondern vor allem bestimmte Argumentationsstränge aufgreifen, die mir in bezug auf meine bisherigen Posts bedeutsam zu sein scheinen, und ich werde versuchen, Welzers Argumentation mit Hilfe des hier von mir entwickelten Standpunkts zu korrigieren und zu ergänzen.
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2. shifting baselines
3. Arbeitsteilung und Verantwortung
4. Totale Situationen und partikulare Rationalität
5. Zur Kontinuität gesellschaftlicher Entwicklung
6. Drei Handlungsalternativen
Plessner verortet Geschichte auf zwei verschiedenen, zu einander völlig disparaten Ebenen. Zum einen haben wir die Ebene, auf der wir eine objektive Perspektive auf die menschliche Geschichte einzunehmen versuchen. Das ist die Geschichte der ‚objektiven‘ Daten und Jahreszahlen. Diese in Geschichtsbüchern zusammengefaßte und aufbereitete Geschichte (vgl. Einheit der Sinne, S.144f.) bietet aber letztlich nur einen winzigen, und dazu noch völlig willkürlich zusammengestellten Bruchteil der tatsächlichen Geschichte, in derem nach Epochen gegliederten Rhythmus wir uns mit unserem eigenen Lebenslauf einordnen: „Wir neigen dazu, unsere eigene Lebenserinnerung zum Bruchteil aller jemals möglich gewesenen Lebenserinnerungen von Menschen zu machen und einen fast substantiellen Strom der Vergangenheit zu substituieren.“ (Einheit der Sinne, S.148)
Dieser verbreiteten Vorstellung von Geschichte hält Plessner entgegen, daß wir es hier mit einer „Konstruktion“ von Geschichte „aus den Überresten, durch Einfügungen von Motivationsketten in freier Sinngebung des überlieferten Stoffs“ zu tun haben, also mit Geschichte nach dem Montageprinzip, wie es Welzer in „Das kommunikative Gedächtnis“ (2005/2002) beschreibt: „Geschichte hat also überhaupt keine vorgegebene Grundlage in einem intuitiv einheitlichen Ganzen. Also fehlt die letzte Kontrollmöglichkeit der historischen Reihenbildung (durch Motivationszusammenhänge) an zusammenhängenden Erscheinungen in einer Anschauung.“ (Einheit der Sinne, S.147)
Das ist im Grunde der Todesstoß für jede objektive Geschichtswissenschaft: wenn ihr keine „Anschauung“ zugrundeliegt, heißt das letztlich, daß sie keine „Gegenstände“ hat, denn Gegenstände sind immer „Phänomene“ und müssen als solche einer „Anschauung“ gegeben sein, um mehr zu sein als nur subjektive Einbildung. Allerdings bezieht Plessner hier die Geschichtswissenschaft vor allem auf die antreffende Anschauung mit ihren Möglichkeiten schematischer Darstellung, wie sie vor allem in den Naturwissenschaften gebräuchlich ist. (Vgl. Einheit der Sinne, S.154f.)
Es gibt aber noch zwei andere Ebenen der Anschauung, und hier eröffnet vor allem die innewerdende Anschauung eine völlig andere Perspektive auf die Geschichte. (Vgl. Einheit der Sinne, S.99f.u.ö.) Der ‚Gegenstand‘ der innewerdenden Anschauung sind die Gefühle und Empfindungen, und diese sind Plessner zufolge einer „syntagmatischen Gliederung“ zugänglich. (Vgl. Einheit der Sinne, S.154f., 170f.)
Was das bedeuten könnte, wird in den „Stufen des Organischen“ deutlich. Dort nämlich verknüpft Plessner die Geschichte mit der exzentrischen Positionalität des Menschen: der Mensch ist ein geschichtliches Wesen, weil er exzentrisch positioniert ist, d.h. weil er in seiner ‚Mitte‘ nur auf vermittelte Weise sein kann. Und die vermittelte Weise, in der er in seiner Mitte sein kann, ist die Geschichte, die „nur die ausgeführte Weise (ist), in der er über sich nachsinnt und von sich weiß.“ (Vgl. Stufen, S.31) In seiner Geschichte ‚drückt‘ sich der Mensch ‚aus‘, sie gehört zur expressiven Struktur seines Handelns: „Durch seine Expressivität ist er also ein Wesen, das selbst bei kontinuierlich sich erhaltender Intention nach immer anderer Verwirklichung drängt und so eine Geschichte hinter sich zurückläßt.“ (Stufen, S.338)
Wir haben also auf dieser Ebene einer Geschichtswissenschaft – mit „syntagmatischer Gliederung“ und „Expressivität“ – eine Geschichte, in der das Material der Anschauung der Mensch selbst ist, – und zwar, das scheint mir deutlich genug zu sein, in Form von ‚Erzählungen‘ gemäß dem Prinzip der Narrativität. Denn die syntagmatische Gliederung scheint mir bei Plessner genau für diese Möglichkeit zu stehen, daß nämlich das seelische Material vor allem in ‚Geschichten‘ seinen ‚Ausdruck‘ findet, so daß also ‚Geschichte‘ vor allem die erzählte Geschichte meint.
Alles das finden wir auch in Welzers „Das kommunikative Gedächtnis“. Und gerade das Montageprinzip, nach dem bei Welzer die Erinnerungssubjekte sich den jeweiligen Sinnzusammenhang mehr recht als schlecht zusammenbasteln, paßt wiederum sehr gut zu Plessners Form-Inhalt-Bestimmung der menschlichen Expressivität: daß wir nämlich in der Form des jeweils gefundenen Ausdrucks den ursprünglichen Inhalt, sowohl das, was wir selbst meinen und wollen, als auch das, was wir verstehen wollen (nämlich das, was unsere Mitmenschen meinen und wollen), notwendigerweise verfehlen. (Vgl. Stufen, S.336ff.)
Die logische Schlußfolgerung ist also, daß die Geschichte des Menschen weder einen substantiellen noch einen kontinuierlichen Entwicklungsprozeß darstellt. Es gibt keine Richtung, auf die hin Geschichte ‚stattfindet‘, und es gibt keine kulturellen ‚Ungleichzeitigkeiten‘, daß etwa manche Kulturen weniger entwickelt wären als andere: „Offensichtlich ist die Annahme falsch, dass unterschiedliche Entwicklungsverläufe von Gesellschaften lediglich unterschiedliche Entwicklungsstände in Modernisierungsprozessen widerspiegeln. Es könnte sein, dass Gesellschaftsentwicklungen ganz unterschiedlichen Pfaden folgen können, die sich klassischen Vorstellungen von Vor- und Rückentwicklungen gar nicht fügen – dass hier etwas anderes entsteht, als westliche Theorien der Gesellschaft zu denken erlauben.“ (Welzer 2008, S.106f.)
Ganz ähnlich wie Plessner hinsichtlich der scheinbaren Objektivität von Geschichte hält Welzer „Kausalität“ nicht für „eine Kategorie sozialen Handelns“. (Vgl. Welzer 2008, S.124f.) – Welzers Schlußfolgerung aus der fehlenden Kausalität sozialen Handelns für die Geschichte klingt zunächst wertneutral: „Das bedeutet aber zugleich, dass eine Geschichte nie alternativlos so verlaufen musste, wie sie tatsächlich verlaufen ist. Dass die ‚Endlösung der Judenfrage‘ in einer Radikalität ausbuchstabiert wurde, die schließlich in Menschenvernichtungsanlagen endete, war keine historische Zwangsläufigkeit ...“ (Welzer 2008, S.124)
Von hier ist also jeder Geschichtsverlauf möglich, und die Frage, die sich hier allererst stellt, ist die nach der Freiheit menschlichen Urteilens und Handelns. Welzer beantwortet diese Frage anhand der Möglichkeit, aus der Geschichte z.B. des Holocaust zu lernen, von vornherein negativ: „Warum aber, so könnte man fragen, sollte etwas ‚nie wieder‘ geschehen, wo doch die Beispiele zeigten, dass Menschen noch die radikalsten Abweichungen vom humanistischen Denken, die gegenmenschlichsten Theorien, Definitionen, Schlussfolgerungen und Handlungen sinnhaft finden und in Konzepte integrieren können, die ihnen vertraut sind – auch Menschen übrigens, deren Intelligenz und humanistisches Bildungsniveau nichts zu wünschen übrig lässt.“ (Welzer 2008, S.39)
Mit Plessner ist darauf zu verweisen, daß die Menschen aufgrund der exzentrischen Positionalität, also eben weil alles menschliche Handeln expressiv ist, „noch die radikalsten Abweichungen vom humanistischen Denken, die gegenmenschlichsten Theorien, Definitionen, Schlussfolgerungen und Handlungen sinnhaft finden und in Konzepte integrieren können“: und die Geschichte hat selbstverständlich auch an dieser Expressivität teil. Es gibt deshalb immer sehr viel aus der Geschichte zu lernen, denn in ihr begegnet sich der Mensch selbst, und nur vor ihrem Hintergrund wird er sich in seinem eigenen Sinnstreben und Handeln verständlich. Weder ein Geschichtsoptimismus (Fortschrittsgeschichte) noch ein Geschichtspessimismus (Verfallsgeschichte) ist angebracht. Denn die jeweiligen Maßstäbe, nach denen ‚Fortschritt‘ und ‚Verfall‘ zu deuten wären, hängen unmittelbar vom Handeln der geschichtlichen Subjekte in ihrer jeweiligen Gegenwart ab.
Der Grund, warum ich hier in einem eigenen Post auf dieses Thema zu sprechen komme, liegt darin, daß es in den folgenden Posts um Welzers „Klimakriege“ (2008) gehen soll. Und zwischen seinen Büchern „Das kommunikative Gedächtnis“ und „Klimakriege“ gibt es vor allem einen auffälligen Unterschied: nämlich einen mit dem Prinzip der Narrativität verbundenen evolutionären und geschichtlichen Optimismus hinsichtlich der Menschwerdung und einen mit der Katastrophenträchtigkeit menschlicher Technik verbundenen geschichtlichen Pessimismus hinsichtlich der Zukunft des Menschen. Der Pessimismus in den „Klimakriegen“ hat darüberhinaus seine an Günther Anders erinnernde umstürzende Radikalität darin, daß Welzer nunmehr davon ausgeht, daß es für den Menschen angesichts des Niedagewesenen menschengemachter Katastrophen aus der bisherigen Geschichte nichts Brauchbares mehr für seine Zukunft zu lernen gibt. (Vgl. Welzer 2008, S.36f., 200f.)
In den folgenden Posts werde ich weniger auf die im Buchtitel angesprochenen „Klimakriege“ selbst eingehen, sondern vor allem bestimmte Argumentationsstränge aufgreifen, die mir in bezug auf meine bisherigen Posts bedeutsam zu sein scheinen, und ich werde versuchen, Welzers Argumentation mit Hilfe des hier von mir entwickelten Standpunkts zu korrigieren und zu ergänzen.
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Freitag, 25. März 2011
Harald Welzer, Das kommunikative Gedächtnis. Eine Theorie der Erinnerung, München 2/2008 (2005/2002)
- Zum Begriff des „neuronalen Korrelats“
- Autobiographisches Gedächtnis und das Prinzip der Narrativität
- Lebenswelt und kommunikatives Gedächtnis: Person-Person-Objekt-Spiele, Selbst-im-Zusammensein-mit-anderen
- Lebenswelt und kommunikatives Gedächtnis: zum Verhältnis von phylogenetischer Co-Evolution und Psychogenese
- Lebenswelt und kommunikatives Gedächtnis: soziale Marker
- Emotionalität und Entscheidung: somatische Marker
- Körperschleifen und die Entstehung von Innen und Außen
In seinen Darstellungen zu Damasios Konzept eines „körperbewußten Gehirns“ (vgl. Antonio Damasio, Descartes’ Irrtum (5/2007), S.298-324) zieht Welzer dann auch nicht die notwendigen Konsequenzen bei der Verhältnisbestimmung von sozialen und individuellen Erfahrungen. So besteht Welzer lediglich darauf, daß es „keine neuronalen Korrelate sozialer Austauschprozesse“ (vgl.S.162) gibt: „Uns fehlt jede Möglichkeit, in die Gehirne der Beteiligten hineinzuschauen, um festzustellen, welche Aktivitäten an welcher Stelle ihres neuronalen Apparates vonstatten gehen, wenn sie dieses oder jenes denken, fühlen oder sagen – jedenfalls nicht, während sie dies in einer sozialen Situation tun.“ (Ebenda)
Es fehlt Welzer jedes Gespür für die somatische Spezifität individueller Erfahrungen. Daß es schon auf dieser Ebene eine Differenz zwischen neuronalen Korrelaten und den anderen, ‚restlichen‘ physiologischen Prozessen unseres Körpers geben könnte, kommt ihm nicht in den Sinn. Erst durch ihre Einbettung in eine soziale Situation werden die Aktivitäten des neuronalen Apparates prinzipiell undurchschaubar.
An welcher Stelle aber müßte eine andersartige, den Gesamtorganismus berücksichtigende Verhältnisbestimmung eigentlich notwendig werden? Die nötigen Informationen, um diese Frage zu klären, liefert Welzer selbst. So spricht er z.B. in Anlehnung an Damasios Körperschleifen von einem „Körperfeedback“, das einem „Baby“ bei der Nahrungsaufnahme „propriozeptiv und intrazeptiv“ signalisiert, daß sich in seinem Körperzustand etwas, „– vom Unbehagen zum Wohlbefinden – verändert hat“. (Vgl. Welzer 2005/2002, S.121) Dieses Körperfeedback wird ergänzt durch das soziale Feedback der Mutter, daß „nicht nur intrapersonal, sondern interpersonal alles wieder in Ordnung ist.“ (Vgl. Welzer 2005/2002, S.121f.)
Hier haben wir alle nötigen Informationen, um zu verstehen, wie sich im Säugling allmählich ein ‚Innen‘ in Differenz zum ‚Außen‘ herauszubilden beginnt, indem es nämlich einerseits seine Körperzustände „propriozeptiv und intrazeptiv“ zu beobachten lernt und dazu die von außen gelieferten Bewertungsangebote durch die Mutter nach und nach ‚verinnerlicht‘. Dies ist nicht einfach nur ein sozialer Formungsprozeß, der dem Säugling von außen widerfährt und dem es sich passiv anpaßt, sondern es hat sein ‚Modell‘ im körperlichen Organismus selbst: in der Wechselbeziehung von Gehirn und ‚Fleisch‘, wie es Damasio prägnant auf den Punkt bringt (Damasio 5/2007, S.19) Denn das Körperfeedback, also Damasios Körperschleifen, stellt nicht einfach nur einen neuronalen Reflexbogen dar, der von irgendwelchen Apparaten mechanisch ausgelöst werden könnte. Vielmehr wird das Gehirn durch die Körperschleifen dem Körper ‚gegenübergestellt‘, also in eine exzentrische Position versetzt: es wird durch die Körperschleifen „in das faszinierte Auditorium des Körpers verwandelt“. (Vgl. Damasio 5/2007, S.16)
Wir haben also schon im Körperleib selbst eine Grenzbestimmung von Innen und Außen vorliegen, und damit befindet sich Damasio mit seiner Beschreibung der menschlichen Anatomie auf der Höhe der Plessnerschen Anthropologie! Der Plessnerschen Grenzbestimmung des Körperleibs entspricht auch Damasios Differenzierung zwischen Körperschleifen und Als-ob-Körperschleifen. (Vgl. Damasio 5/2007, S.215f.) Denn was sind die Als-ob-Körperschleifen anderes als das Körperschema und damit der ‚Leib‘, den wir seelisch und geistig ‚kontrollieren‘, während wir die eigentlichen Körperschleifen auf den Aspekt des Körperleibs beziehen können, nach dem der ‚Körper‘ das Bewußtsein ‚kontrolliert‘? Wobei wir immer, gleichgültig, welcher Aspekt nun gerade die ‚Kontrolle‘ übernimmt, von einem grundsätzlichen Wechselverhältnis zwischen Gehirn und Körper, zwischen Als-ob-Körperschleife und Körperschleife ausgehen müssen, einem Wechselverhältnis, in dem der Körper die Priorität hat. (Vgl. Damasio 5/2007, S.19)
Wir können jedenfalls festhalten, daß es bei der Differenzierung zwischen Innen und Außen immer auch um eine Differenzierung zwischen Körper und Leib, zwischen Körper und Gehirn geht. Es sind nicht die neuronalen ‚Korrelate‘, die mit den sozialen Erfahrungen interagieren: „Der Organismus, der aus der Hirn-Körper-Partnerschaft besteht, tritt als Ganzes in Interaktion zur Umwelt, wobei weder der Körper noch das Gehirn allein für diese Wechselbeziehung verantwortlich ist.“ (Damasio 2005/2002, S.130)
Wir müssen also immer drei Ebenen auseinanderhalten, die zugleich nur zusammen den ganzen Menschen ergeben: die Ebene der biologischen Evolution, die in der Herausbildung eines zentralen Nervensystems in arbeitsteiliger Wechselbeziehung mit dem Körper (‚Fleisch‘) gipfelt, die Ebene der kulturellen Evolution mit ihren zwei Phasen der Mündlichkeit (Lebenswelt) und der Schriftlichkeit und die Ebene der individuellen Person (Ontogenese), die durch exzentrische Positionalität gekennzeichnet ist, d.h. durch einen Freiraum bzw. Spielraum des Verhaltens/Handelns.
Dieser Spielraum wird nicht durch die Statistik eröffnet, wie Welzer andeutet (vgl. Welzer 2005/2002, S.223) und wie es auch in unserem ersten Post vom 21.04.2010 anklingt, wo wir von der „Unzahl möglicher Motive“ sprechen, von einer „Komplexität“, die „eine bestimmte Grenze“ überschreitet, „die die bloße Möglichkeit individueller Urteilskraft umwendet in eine existentielle Notwendigkeit“. Zwar hatten wir damit nicht auf eine statistische Einzigartigkeit der individuellen Urteilskraft hinausgewollt, sondern auf ihre Unvertretbarkeit im Augenblick der Entscheidung, – aber dennoch spielte zumindest ich mit dem Gedanken, hier eine statistische Lücke für etwas offenzuhalten, was mir immer schon besonders am Herzen liegt: für den eigenen Verstandesgebrauch.
Aber es kann eben nicht um Statistik gehen, wenn es um den Spielraum für unser Handeln geht. Es geht vor allem um den ‚Raum‘ selbst, der sich nicht im Bereich der Wahrscheinlichkeit befindet, sondern jederzeit ‚verfügbar‘ ist, unabhängig von Gelegenheit, Herkunft und Intelligenz. Er befindet sich nicht ‚innen‘ und nicht ‚außen‘, so daß ihn Wiesings Kritik an der Verräumlichung des Ich-Welt-Verhältnisses nicht betrifft. (Vgl. meinen Post vom 04.06.2010) Aber dieser Raum hat dennoch etwas mit der Differenz von Innen und Außen zu tun, auch wenn er keins von beidem ‚ist‘, denn er ergibt sich aus ihrem Verhältnis, aus ihrer Struktur, als exzentrische Positionalität. Weil es nicht nur eine Naivität gibt, die als ‚zweite Natur‘ bzw. als ‚Kultur‘ zur ersten Natur hinzutritt, und weil der Mensch sich zu dieser Naivität ‚stellen‘ kann, so daß sie zum Werkzeug wird, zur zweiten Naivität, die über die zweite Natur verfügen kann, deshalb gibt es individuelle Urteilskraft. Jede andere Begründung läuft ins Leere.
Deshalb am dieser Stelle noch einmal in aller mir möglichen Klarheit: Es gibt eine erste und eine zweite Natur, und es gibt eine erste und eine zweite Naivität. Die erste Natur ist die Natur unserer Biologie. Die zweite Natur ist unsere Kultur bzw. die Lebenswelt. Diese ist zugleich unsere erste undurchschaute Naivität. In dem Moment, in dem wir sie durchschauen, entsteht automatisch eine zweite Naivität. Und bei dieser zweiten Naivität stellt sich nun die Frage, ob wir uns von ihr endgültig ‚einfangen‘ lassen – die meisten von uns verwandeln sich dabei in Zyniker – oder ob wir sie zum Werkzeug machen. Diesen Spielraum haben wir, denn es gäbe keine zweite Naivität, wären wir nicht exzentrisch positioniert.
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Donnerstag, 24. März 2011
Harald Welzer, Das kommunikative Gedächtnis. Eine Theorie der Erinnerung, München 2/2008 (2005/2002)
- Zum Begriff des „neuronalen Korrelats“
- Autobiographisches Gedächtnis und das Prinzip der Narrativität
- Lebenswelt und kommunikatives Gedächtnis: Person-Person-Objekt-Spiele, Selbst-im-Zusammensein-mit-anderen
- Lebenswelt und kommunikatives Gedächtnis: zum Verhältnis von phylogenetischer Co-Evolution und Psychogenese
- Lebenswelt und kommunikatives Gedächtnis: soziale Marker
- Emotionalität und Entscheidung: somatische Marker
- Körperschleifen und die Entstehung von Innen und Außen
Ohne diese somatischen Marker wären die Menschen schlicht entscheidungsunfähig. (Vgl. Welzer 2005/2002, S.138) Der Begriff selbst ist schon aufschlußreich und sagt viel über Damasios wissenschaftliche Bedeutung in der Gehirnforschung aus. Wohl kaum ein anderer Gehirnforscher hätte den Zusammenhang von Emotionalität und Entscheidung vor allem auf den Körper bezogen, wie es ja im Begriff des somatischen Markers zum Ausdruck gebracht wird. Viele andere Gehirnforscher hätten die Formulierung ‚neuronaler‘ Marker verwendet. Denn obwohl Damasio sicher einer der ersten gewesen ist, der auf die Bedeutung der Gefühle für die kognitiven Funktionen hingewiesen hat, so ist er bis heute, wo so viele andere Gehirnforscher – in seiner Nachfolge – ebenfalls die unter der Schwelle des Bewußtseins liegenden, unbewußten Mechanismen für sich entdeckt haben, fast der einzige geblieben, der die Emotionalität vor allem auf die Körperlichkeit des Menschen bezieht.
Harald Welzer bezieht sich nun in seiner ausführlichen Darstellung des Ansatzes von Damasio ebenfalls auf die Körperzustände, und er beschreibt den Kern dieses Ansatzes auch korrekt als eine spezifische, der bewußten Kontrolle entzogene Form der ‚Kognition‘: „Wie wir uns verhalten, wenn wir einen entfernten Bekannten auf der Straße treffen, zu welcher Entscheidung wir in einer Konfliktsituation kommen, wie wir uns dafür entscheiden, welches Produkt wir kaufen, hängt im Kern vom Signal des somatischen Markers ab. Das heißt nicht, daß unser Verhalten von ihm determiniert wäre – schließlich kann man sich auch ‚gegen sein Gefühl‘ entscheiden (was meist die Entscheidungen sind, die man hinterher bereut) –, es heißt nur: daß wir in der Regel keine rein kognitiven Operationen vornehmen, daß also unser Geist keine Entscheidung fällt, ohne eine körperliche Information dabei berücksichtigt zu haben.“ (Welzer 2005/2002, S.138)
Aus Welzers Darstellung der Funktionsweise des somatischen Markers geht hervor, daß wir es hier mit einer Haltung zu tun haben, mit einer Form von – wie ich es an anderer Stelle formuliert habe – ‚gespeicherter Zeit‘. Frühere Erfahrungen, die wir uns erarbeitet haben, d.h. die wir reflektiert und geübt haben, wie z.B. bestimmte Techniken einer Sportart, werden zu einem organischen Bestandteil unseres Selbst. Feuerwehrleute, Polizisten, Sozialarbeiter, Pädagogen, Seelsorger etc. müssen sich jahrelang und gründlich darin ausbilden lassen, mit ihrer Klientel auf gekonnte, d.h. professionelle Weise umzugehen, damit sie dann, wenn es darauf ankommt, nicht lange überlegen müssen, was zu tun ist, sondern ‚unmittelbar‘ und ‚authentisch‘ aus dem Bauch heraus reagieren und agieren können. Damasio nennt das „rasche Kognition“. (Vgl. Antonio Damasio, Descartes’ Irrtum. Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn, Berlin 5/2007, S.V) Ich nenne es „gespeicherte Zeit“, weil sie uns im Notfall hilft, Zeit zu sparen.
So anerkennenswert ich Welzers gründliche Erörterung von Damasios Ansatz finde, so muß ich doch festhalten, daß er keine Schlüsse zum Verhältnis von Gehirn und Körper daraus zieht. Für seine Verhältnisbestimmung von neuronalen Korrelaten und „erwachendem Bewußtsein“ (vgl. Welzer 2005/2002, S.82) bleiben die eigentlich recht häufigen Verweise auf die Bedeutung des Körpers letztlich folgenlos.
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Harald Welzer, Das kommunikative Gedächtnis. Eine Theorie der Erinnerung, München 2/2008 (2005/2002)
- Zum Begriff des „neuronalen Korrelats“
- Autobiographisches Gedächtnis und das Prinzip der Narrativität
- Lebenswelt und kommunikatives Gedächtnis: Person-Person-Objekt-Spiele, Selbst-im-Zusammensein-mit-anderen
- Lebenswelt und kommunikatives Gedächtnis: zum Verhältnis von phylogenetischer Co-Evolution und Psychogenese
- Lebenswelt und kommunikatives Gedächtnis: soziale Marker
- Emotionalität und Entscheidung: somatische Marker
- Körperschleifen und die Entstehung von Innen und Außen
Die sozialen Marker bewirken also, daß wir das, was wir schon kennen, auf das übertragen, was wir noch nicht kennen. Insofern also haben soziale Marker etwas Lebensweltliches und zugleich – in Analogie zu den ‚somatischen‘ Markern, auf die ich im nächsten Post zu sprechen kommen werde – etwas Habituelles: „Damasio hatte ... die Möglichkeit für intuitives Handeln mit dem Wirken von ‚somatischen Markern‘ erklärt, die eine Art körperlichen Index für das Treffen von Entscheidungen liefern. Im gleichen Sinn sind solche Entscheidungen, wie ich glaube, durch ‚soziale Marker‘ bestimmt, also an kulturelle, historische und soziale Indices gebunden.“ (Welzer 2005/2002, S.229f.)
Die Trennlinie zwischen sozialen und somatischen Markern ist also unscharf, denn bei beiden läuft es wohl auf die Notwendigkeit „rascher Kognition“ hinaus, also auf die Möglichkeit einer unbewußter Entscheidungsfindung, wie wir sie in Form einer ‚inneren Haltung‘ gespeichert haben, um uns im Bedarfsfall ganz auf unsere ‚Intuition‘ verlassen zu können. (Vgl. Antonio Damasio, Descartes’ Irrtum. Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn, Berlin 5/2007, S.V) Ich frage mich jedenfalls, ob es wirklich notwendig ist, den somatischen Markern noch einmal eigens soziale Marker zur Seite zu stellen, denn im Sinne einer Handlungshilfe läuft es wohl doch auf dasselbe hinaus.
Da leuchtet mir schon eher die Funktion sozialer Marker ein, wenn man sie auf die narrative Ebene bezieht. Insofern wäre es vielleicht sogar besser von ‚narrativen‘ Markern zu reden. An Familiengeschichten kann Welzer zeigen, daß es weder die Logik noch die inhaltliche Vollständigkeit ist, die eine gute Geschichte ausmacht. Insofern nämlich Familiengeschichten, in denen vom früheren Leben des schon erwähnten Großvaters die Rede ist, „unvollständig, widersprüchlich, lückenhaft, historisch disparat“ sind, kann jeder der Zuhörer „jede Bruchstelle, jeden Widerspruch dafür nutzen, seinen eigenen Sinn in die Geschichte hineinzutragen ...“ (vgl. Welzer 2005/2002, S.179f.) – Dabei sichern die sozialen Marker bei den Zuhörern das Gefühl, daß es dieselbe Geschichte ist, der sie zuhören: in diesem Fall also der Großvater heute, wie wir alle ihn kennen, und der Großvater damals, wo die Geschichte spielt. Und jeder füllt dabei die Verständnislücken auf seine Weise „nach dem Prinzip des Lücken-Auffüllens und Montierens“. (Vgl. ebenda)
Soziale Marker helfen also dabei, Sinnfragmente so zusammenzufügen, daß sich die Zuhörer der Illusion hingeben können, trotz je individueller Sinngebung dieselbe Geschichte zu hören. Insofern sind die sozialen Marker Teil der extravaganten Syntax, die Tomasello beschrieben hat und deren Aufgabe ja ebenfalls darin besteht, den Zuhörer über einen größeren Kontext hinweg, in diesem Fall die Verbindung zwischen heute und damals, bei der Referenzverfolgung, in diesem Fall der Großvater, zu unterstützen. Dabei unterstützen die sozialen Marker allerdings weniger das individuelle Verstehen – das folgt ja nach dem Prinzip der Montage seinen eigenen Bahnen –, sondern das gemeinsame, soziale Verstehen. Und da dies weitgehend intuitiv, d.h. hinter unserem Rücken geschieht, haben wir es bei den sozialen Markern mit einem lebensweltlichen Mechanismus zu tun.
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Mittwoch, 23. März 2011
Harald Welzer, Das kommunikative Gedächtnis. Eine Theorie der Erinnerung, München 2/2008 (2005/2002)
- Zum Begriff des „neuronalen Korrelats“
- Autobiographisches Gedächtnis und das Prinzip der Narrativität
- Lebenswelt und kommunikatives Gedächtnis: Person-Person-Objekt-Spiele, Selbst-im-Zusammensein-mit-anderen
- Lebenswelt und kommunikatives Gedächtnis: zum Verhältnis von phylogenetischer Co-Evolution und Psychogenese
- Lebenswelt und kommunikatives Gedächtnis: soziale Marker
- Emotionalität und Entscheidung: somatische Marker
- Körperschleifen und die Entstehung von Innen und Außen
Wenn wir also zu unserer biologischen Natur nur ein weitgehend passives, nur in epigenetischen Grenzen aktives Verhältnis haben, haben wir zur Kultur, also zu unserer ‚zweiten Natur‘ ein weitgehend aktives Wechselverhältnis. Diese „co-evolutionäre Entwicklungsumwelt“ ermöglicht es den Menschen, sich besser „an sich verändernde Umwelten“ – gemeint ist wohl die Naturumwelt – anzupassen, als es ohne sie möglich wäre: „Diese Emanzipation wurde möglich durch zwei humanspezifische Gedächtnisfunktionen: erstens durch die Fähigkeit zum autonoetischen Erinnern, das ein Arbeitsgedächtnis mit einer gewissen Kapazität voraussetzt, und zweitens durch die Auslagerung von Gedächtnis in andere Personen, in Institutionen oder in Medien. Ein Gedächtnis, das autonoetisch, also sich seiner selbst bewußt und daher reflexiv ist, ermöglicht das Warten auf bessere Gelegenheiten, das Überstehen problematischer Situationen, das Entwickeln effizienterer Lösungen, kurz, es erlaubt Handeln, das auf Auswahl und Timing geruht. Ein solches Gedächtnis schafft Raum zum Handeln und entbindet vom unmittelbaren Handlungsdruck; es schafft genaugenommen erst jenen Unterschied zum Agieren und reagieren, den wir als ‚Handeln‘ bezeichnen.“ (Welzer 2005/2007, S.111)
Was an dieser Verhältnisbestimmung von Soziogenese und Ontogenese zunächst vor allem auffällt, ist Welzers evolutionärer Optimismus: denn die Annahme, daß die kulturelle Entwicklung des Menschen, also die co-evolutionäre Entwicklungsumwelt, sich derart gutartig auf das Mensch-Naturumwelt-Verhältnis auswirkt, ist – gelinde gesagt – wenig begründet. Der Hinweis auf den durch kulturelle Institutionen geschaffenen ‚Handlungsraum‘ überzeugt nicht so recht, wenn Welzer an anderer Stelle glaubt, dem in Frage kommenden Handlungssubjekt, das diesen Handlungsraum nutzen könnte, das autobiographische Gedächtnis als „Relais“ einpflanzen zu müssen, um seine Soziabilität sicherzustellen: „Eine Spezies, die eine co-evolutionäre Entwicklungsumwelt nutzt, braucht ein Relais, das seine Mitglieder für sich erweiterende und diversifizierende soziale Gruppen anschlußfähig, ‚soziabel‘ macht. Das autobiographische Gedächtnis ist ein solches Relais, eine psychosoziale Instanz, die subjektive Kohärenz und Kontinuität sichert, obwohl die sozialen Umwelten und mit ihnen die auf das Individuum gerichteten Anforderungen fluktuieren.“ (Welzer 2005/2007, S.119)
Eine mit einer co-evolutionären Umwelt ausgestattete „Spezies“ scheint also weniger an der Ausweitung des individuellen Handlungsraums als an der sozialen Berechenbarkeit ihrer „Mitglieder“ interessiert zu sein. Die einerseits angedeutete erhöhte Entwicklungsdynamik wird also andererseits gleich wieder zurückgenommen zugunsten von Stabilität.
Von dem evolutionären Optimismus, daß die Kultur das Mensch-Welt-Verhältnis zugunsten einer besseren Anpassung an „sich verändernde Umwelten“ verändern könnte, bleibt also letztlich nicht viel übrig. Und Welzer selbst wird in seinem Buch „Klimakriege“ (2008) eine gegenteilige Auffassung vertreten, nach der die Kultur vor allem als ein Hindernis in der notwendigen Neuanpassung des Menschen an die von ihm selbst geschaffene katastrophenträchtige Umwelt dargestellt wird.
Auch an dieser Stelle habe ich den Eindruck, daß der Grund, warum Welzer zu keiner überzeugenden Klärung des menschlichen Handlungsspielraums kommt, vor allem darin liegt, daß er das Verhältnis von Ontogenese und Soziogenese auf den Kurzschluß zwischen neuronalen Korrelaten und ‚interpersonellen‘ Erfahrungszusammenhängen (vgl. Welzer 2005/2002, S.57) reduziert.
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Dienstag, 22. März 2011
Harald Welzer, Das kommunikative Gedächtnis. Eine Theorie der Erinnerung, München 2/2008 (2005/2002)
- Zum Begriff des „neuronalen Korrelats“
- Autobiographisches Gedächtnis und das Prinzip der Narrativität
- Lebenswelt und kommunikatives Gedächtnis: Person-Person-Objekt-Spiele, Selbst-im-Zusammensein-mit-anderen
- Lebenswelt und kommunikatives Gedächtnis: zum Verhältnis von phylogenetischer Co-Evolution und Psychogenese
- Lebenswelt und kommunikatives Gedächtnis: soziale Marker
- Emotionalität und Entscheidung: somatische Marker
- Körperschleifen und die Entstehung von Innen und Außen
Welzer spricht von „körperinternen und -externen Informationen“. Der in seiner Darstellung unauffällig bleibenden Differenz zwischen Innen (körperintern) und Außen (körperextern) verleiht Welzer für die Verhältnisbestimmung von Gehirn und Umwelt keinerlei Relevanz. Das führt dazu, daß Welzers andere Äußerungen zu dieser Differenz in sich widersprüchlich bleiben. So heißt es z.B. an einer Stelle in prägnanter Formulierung – mit Bezug auf Norbert Elias, Lev Wygotsky, Daniel Stern und Michael Tomasello –, „daß Menschen nichts ‚verinnerlichen‘, wenn sie sich entwickeln, sondern daß sie im Zusammensein mit anderen praktisch lernen, was sie brauchen, um in einer gegebenen Sozialität zu funktionieren und zu einem vollwertigen Mitglied dieser Sozialität zu werden.“ (Vgl. Welzer 2005/2002, S.120) – Mit Bezug auf Damasios an Plessner erinnernde Verhältnisbestimmung von Gehirn und Körper heißt es dann aber in deutlichem Widerspruch dazu, „daß das Gehirn über eine Repräsentation des Körpers verfügen muß, daß es also die unterschiedlichen Einzelprozesse, Subsysteme, Funktionsabläufe des Organismus, die es überwacht und von denen es selbst ein Teil ist, auf eine Entität beziehen kann, die klare Innen- und Außengrenzen aufweist – in gewisser Weise also auf so etwas wie ein Körper-Selbst, das in bezug auf die und in Abgrenzung von der Umwelt operiert.“ (Vgl. Welzer 2005/2002, S.141f.)
Dieser Widerspruch, daß es einerseits im Zuge der individuellen Entwicklung keine ‚Verinnerlichung‘ (was aber bedeutet das Wort ‚Erinnerung‘ anderes als das Zurückholen von Verinnerlichtem?) gibt, daß aber das „Körper-Selbst“ andererseits „klare Innen- und Außengrenzen“ hat, wird von Welzer nicht reflektiert. Die damit verbundene Frage nach einer Grenzbestimmung von Körper und Leib spielt für seine primär soziale Konzeption des kommunikativen Gedächtnisses keine Rolle.
Der lebensweltliche Charakter des kommunikativen Gedächtnisses wird besonders deutlich bei der Bedeutung, die die „Person-Person-Objekt-Spiele“ für der Entwicklung eines „Selbst-im-Zusammensein-mit-anderen“ haben. (Vgl. Welzer 2005/2002, S.74f.) Im letzten Post hatte ich auf die Bedeutung der kommentierenden Begleitung von alltäglichen Aktionen zwischen Mutter und Kind hingewiesen, aus denen schon der Säugling, noch bevor er diese verbalen Kommentare überhaupt verstehen kann, Hinweise auf die Bewertung von Emotionen als gut oder schlecht entnehmen kann.
Die vor allem in den Person-Person-Objekt-Spielen mit der Mutter und anderen zentralen Bezugspersonen mitgegebenen Informationen überschreiten zwar auch in der weiteren Entwicklung des Kindes immer sein jeweiliges entwicklungsbedingtes Fassungsvermögen: „„Der soziale Prozeß des Selbst-im-Zusammensein-mit-anderen stellt grundsätzlich mehr bereit, als das Kind kognitiv und operativ bewältigen kann. Das wirkt aber nicht als Überforderung und damit entwicklungshemmend, sondern äußerst produktiv ...“ (Welzer 2005/2002, S.88)
Mit Hilfe des narrativen Prinzips der Montage (vgl. Welzer 2005/2002, S.90) ‚montiert‘ das Kind seinen eigenen Sinn in die Verständnislücken, so daß es über altersgemäße Sinnhorizonte und zahlreiche Verkürzungen und Mißverstände allmählich zu einem kompetenten, lebensweltlich orientierten Teilnehmer seiner sozialen Mitwelt, zu einem „Selbst-im-Zusammensein-mit-anderen“ heranwächst: „Die Elemente seiner Mikroumwelt, die das Kind multimodal erfährt, werden durch die aktive Hinzufügung von Beiträgen zusammengeschlossen, die dafür sorgen, daß das Kind aus dem Ganzen ‚Sinn machen‘ kann. Dieser Vorgang ist in der vorsprachlichen Entwicklungsphase weder zu beobachten noch zu messen, sondern nur zu erschließen – es wird aber an späterer Stelle anhand von Interviewmaterialien gezeigt werden, daß Kommunikation darin besteht, daß die Beteiligten an jeder Stelle der sich vollziehenden Interaktion eigenen Sinn hinzufügen, so daß (wie in der Interaktion zwischen Mutter und Kind) ein gemeinsames Ergebnis erzielt wird, das in den Beteiligten unterschiedliche Repräsentationen hinterläßt.“ (Welzer 2005/2002, S.90)
Vor diesem Hintergrund einer rein sozialen, lebensweltlichen Formung verschmelzen kommunikatives und autobiographisches Gedächtnis zu „einem beständig sich wandelnden Ich, ... dessen autobiographische Gestalt genau aus jenen zahllosen Interaktionserfahrungen besteht, in denen irgendeine Form von Identität thematisiert wird. ... Das autobiographische Gedächtnis ist insofern kommunikativ, als es sich in Form eines Wandlungskontinuums über verschiedenste Ich-konkrete Interaktionssituationen herstellt und seine (fiktive) Einheit sich darüber realisiert, daß der Ich-Erzähler von allen Interaktionspartnern als authentischer und legitimer Ich-Erzähler, als Autobiograph, akzeptiert und bestätigt wird.“ (Vgl. Welzer 2005/2002, S.217f.)
Individualität droht vor dem Hintergrund dieses Entwicklungsprozesses zur Fiktion zu werden: „Die Autobiographie als situationsabhängige, asoziale, wirklich gelebte Lebensgeschichte ist ja nichts als eine Fiktion; in der autobiographischen Praxis selbst realisiert sie sich nur als jeweils zuhörerorientierte Version, als aktuell angemessene Montage lebensgeschichtlicher Erinnerung.“ (Welzer 2005/2002, S.213)
Die einzige Perspektive auf die Individualität, die sich unter diesen Bedingungen noch bietet, ist eine statistische: „Und in der Tat besteht seine (unseres Selbst – DZ) Einzigartigkeit für jeden einzelnen der Milliarden Menschen im Zusammentreffen all jener genetischen, historischen, kulturellen, sozialen und kommunikativen Bedingungen, die so, in dieser Summe und Gestalt, nur er allein erfährt.“ (Welzer 2005/2002, S.223) – Diese statistische Perspektive vermag aber keinen Raum mehr für die individuelle Urteilskraft zu bieten. Der Gebrauch des eigenen Verstandes wird zu einem bloßen Willkürakt. Alles worauf es ankommt, ist nur die Geschichte, die wir uns erzählen, zu der wir aber keine exzentrische Position mehr einnehmen können.
Insofern verdeckt das Prinzip der Montage jene Struktur von Äußerungen, wie sie Plessner beschreibt: Form und Inhalt finden ja auch Plessner zufolge in unseren Äußerungen nie zu einer vollständigen Deckung. Auch Plessner beschreibt Äußerungen als Mischungen aus Verstandenem und Unverstandenem. (Vgl. meinen Post vom 28.10.2010) Anstatt sich nun aber damit zu begnügen, diese Mischung als Montage zu beschreiben, erhebt Plessner das Mißlingen der Äußerungsform selbst zum Formprinzip: nur insofern sich der Mensch in seiner Äußerung verfehlt bzw. nur insofern ihm die Verwirklichung seiner ursprünglichen Intention mißlingt, ist die so zustandegekommene Form, ob sprachliche Äußerung oder Handlung, ‚authentisch‘.
Ich halte nun die von Welzer beschriebene Montagetechnik des kommunikativen und autobiographischen Gedächtnisses und die von Plessner beschriebene Differenz von Gesagtem und Gemeintem keineswegs für unvereinbar. Denn auch Plessners Anthropologie beinhaltet letztendlich den fiktiven Charakter jeder Identitätsbehauptung. Aber dieser fiktive Charakter ist durchschaubar, sowohl in seiner Unvermeidbarkeit wie auch in seiner Notwendigkeit. Und die Position, von der aus wir unsere Fiktionen durchschauen können, ist die exzentrische.
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