Samstag, 10. Januar 2015

Ontogenese

Die individuelle Entwicklung des Menschen beginnt Günter Dux zufolge mit einer kulturellen „Nullage“. (Vgl. Dux „Historisch-genetische Theorie der Kultur“ (2000/2005), S.62; vgl. auch meinen Post vom 10.09.2012) Im Untertitel seines Buches ist von „instabilen Welten“ die Rede. Die kulturelle Instabilität menschlicher Gesellschaften ist eine direkte Folge dieser kulturellen Nullage, weil die individuelle Entwicklung des Einzelnen spezifischer kultureller Maßnahmen wie Erziehung oder Initiationsriten bedarf, die die biologischen Anlagen ergänzen und ihnen vor allem allererst einen Sinn geben. Das hat über viele Hunderttausende von Jahren in der Menschheitsgeschichte auch problemlos funktioniert, weil die vorschriftliche Mündlichkeit den jeweils spezifischen kulturellen Binnenraum mit der Welt des Menschen gleichsetzte und eine exzentrische Positionierung zur eigenen Kulturalität nicht möglich gewesen war. Erst mit der Erfindung der Schrift trat der eigene Kulturbestand dem Leser als Text gegenüber, und die individuelle Entwicklung des Einzelnen konnte sich von der kulturellen Entwicklung lösen. (Vgl. meinen Post zu Assmann vom 04.02.2011)

Im Extrem erleben wir die mit jedem Wechsel der Generationen einhergehende kulturelle Instabilität an der Bereitschaft junger Menschen, in den Irak oder nach Syrien zu gehen, um für den islamischen Staat zu kämpfen und damit den humanitären Traditionen ihrer Eltern und Großeltern den Rücken zu kehren. Peter Sloterdijk spricht in diesem Zusammenhang von Monsterkindern, und er führt dieses kulturgefährdende Verhalten wiederum auf ein kulturelles Modell zurück: auf das Christentum, dessen Gründer Jesus ebenfalls seinen Eltern den Rücken kehrte, um einen radikalen Neuanfang zu verkünden. Jesus steht für eine Todesbereitschaft, die für spätere Generationen bei ihrer Weltverneinung zum Vorbild wurde. (Vgl. „Die schrecklichen Kinder der Neuzeit“ (2014))

Positiv gewendet beschreibt die Todesbereitschaft den selbstbewußten Willen zur Auferstehung. Die von Dux beschriebene kulturelle Nullage wird von Sloterdijk in eine Entwicklungslinie überführt, die er als „Palingenesie“ bezeichnet. (Vgl. Sloterdijk 2014, S.63f.; vgl. auch meinen Post vom 24.08.2014) Menschen und Gesellschaften bzw. ‚Kulturen‘ entwickeln sich nicht kontinuierlich in eine bestimmte Richtung, sondern nach einem „trial and error“-Verfahren. Trotz aller Sackgassen und Fehler machen die Menschen insgesamt doch Fortschritte. Tod und Auferstehung sind deshalb keine einmaligen und außerordentlichen Ereignisse, sondern bilden ein beständiges Fallen und wieder Aufstehen und Weitergehen, so daß dieses Weitergehen selbst nichts anderes ist, als eine Form des fortgesetzten Fallens.

Ungeachtet dessen, daß die individuelle und kulturelle Entwicklung des Menschen nicht auf biologische Vorbedingungen zurückgeführt werden kann, interpretiert Sloterdijk diese Entwicklung doch biologisch als einen Selektionsprozeß. Das wird aber der exzentrischen Positionalität jeder Generation nicht gerecht. Sloterdijk verfehlt die spezifische Situation des Individuums. Das gleiche gilt auch für Günter Dux, der die kulturelle Nullage an der Geburtlichkeit des Individuums festmacht. Es ist aber nicht einfach dem mit der Geburt verbundenen Umstand, daß der Mensch als Säugling praktisch bei Null anfangen muß, geschuldet, daß sich jede individuelle Entwicklung in unserer heutigen, globalisierten Welt als so prekär und risikoreich erweist. Das kulturelle ‚Risiko‘ des Generationenwechsels haftet nicht an der Entwicklung des Kindes, sondern des Jugendlichen.

Mit Bezug auf den Jugendlichen spricht Rousseau in seinem „Emile“ von einer zweiten Geburt des Menschen, und er setzt sie mit der Pubertät gleich. Das ist übrigens auch das Alter, in dem in den meisten vormodernen Kulturen die Initiationsriten ansetzten, mit denen die bisherigen Kinder in der Gesellschaft der Erwachsenen aufgenommen wurden. Rousseau differenziert die verschiedenen Lebensalter des Kindes und des Jugendlichen nach ihren unterschiedlichen Bedürfnissen, phänomenologisch gesprochen: nach ihrer ‚Intentionalität‘.

Folgendermaßen konzeptionalisiert Rousseau die Entwicklung des Kindes: Das Kind ist mit der Geburt, als Säugling, vollkommen abhängig von den Erwachsenen. Es ist also schwach. Deshalb hat es den Wunsch stark zu sein. In den verschiedenen Phasen der Kindheit wird es immer stärker, und es bewertet auch alles nach diesem Kriterium Schwäche/Stärke. Deshalb ist es so wichtig, daß das Kind die wahren Kräfteverhältnisse richtig einschätzen lernt, mit anderen Worten: daß ihm die Erwachsenen nicht aus falsch verstandener Kindesliebe zu Diensten sind und ihm alle Wünsche erfüllen. Dann fühlt es sich nämlich stark, obwohl es das gar nicht ist. Das Schwächegefühl und der Wunsch nach Stärke sind sein wichtigster Entwicklungsmotor. Hält es sich aber fälschlicherweise schon für stark, hört es auch auf, sich zu entwickeln. In den zwei bis drei Jahren vor der Pubertät ist das Kind dann tatsächlich stark, weil es nämlich keine Bedürfnisse mehr hat, die es sich nicht selbst erfüllen könnte, wenn wir mal von den primären Bedürfnissen ausgehen und nicht von denen, die uns die Konsumgesellschaft suggeriert. Jetzt hat das reife, starke Kind überschüssige Kräfte und die kann es ins Lernen stecken. Es entwickelt eine Wissensbegierde und Neugierde, wie es sie danach, insbesondere in der Pubertät, nicht mehr haben wird.

Übertragen auf Plessners exzentrische Positionalität kann man sagen, daß die kindliche Differenz schwach/stark eine Vorform der Innen/Außen-Differenz bildet. Anders als beim Jugendlichen empfindet das Kind seine Schwäche nicht als ein grundsätzliches Problem. Es ist sozusagen nur im Moment ‚schwach‘. Aber es wird immer größer werden, und damit auch immer ‚stärker‘, bis es so stark sein wird wie die von ihm bewunderten Erwachsenen. Was tatsächlich aber ein Mißverständnis ist. Denn tatsächlich sind die Erwachsenen, wie Rousseau hervorhebt, im Vergleich zum starken Kind in seiner letzten Entwicklungsphase vor der Pubertät schwach.

Das Kind befindet sich also gewissermaßen ständig auf der Grenze zwischen Schwäche und Stärke, ähnlich wie sich in Plessners Anthropologie der Mensch ständig auf der Grenze zwischen innen und außen befindet. Plessner verbindet die exzentrische Positionalität mit der Brechung des Intentionsstrahls: wenn wir unsere Wünsche und Bedürfnisse nicht unmittelbar erfüllen können, also nicht ‚von der Hand in den Mund‘, werden wir uns unserer selbst und unseres Selbst bewußt.

Nicht so das Kind. Ein gesundes Kind hat Rousseau zufolge keine Identitätszweifel. Es hat nur einen Wunsch: stark zu sein. Sein tägliches Scheitern bildet nur den Weg, auf dem voranschreitend es täglich stärker wird. Die Logik dieser Entwicklungslinie unterscheidet sich prinzipiell von dem „trial and error“, von dem bei Sloterdijk die Rede ist. ‚Fehler‘ sind hier nicht einfach ‚Fehler‘, die wir im Dunkeln herumtappend begehen, sondern Erfahrungen, die das Selbst- und Weltverhältnis des Kindes formen und seinen individuellen Verstand schärfen.

Erst mit dem Beginn der Pubertät, wenn der Jugendliche neue soziale Bedürfnisse entwickelt, insbesondere seine erwachende Sexualität, wird das Scheitern zu einem Identitätsproblem. Erst jetzt beginnt der Jugendliche, sich seiner selbst bewußt zu werden. Und er beginnt, alles in Frage zu stellen. Jetzt erst, mit der zweiten Geburt des Menschen, wird die von Günter Dux beschriebene kulturelle Nullage zu einem gesellschaftlichen Problem.

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Kommentare:

  1. Ist es heutzutage immer noch so, dass man Mädchen und Jungs in zwei verschiedenen Kulturen großwachsen sieht?

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  2. Das kommt auf das Auge des Betrachters an. Es sind die Heranwachsenden selbst, also die Kinder und die Jugendlichen, die sich an vorgegebenen Identitäten orientieren (Kinder) bzw. ihre Identitäten suchen (Jugendliche). Und diese Identitäten sind so verschieden, wie es Kulturen nur sein können. Wilhelm von Humboldt meinte einmal, die größte augenfällige Verschiedenheit sei die zwischen Frau und Mann; also nicht die Hautfarbe oder 'Rasse'. Damit kommen wir aber auch gleich in die Genderproblematik. Aber unabhängig davon, was mit 'Gender' auch immer gemeint sein mag: die kulturelle Konstruktion des Geschlechts ist mit der körperlichen Befindlichkeit von Kindern und Jugendlichen verknüpft. Und diese läßt sich nicht beliebig manipulieren.

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