Samstag, 28. Juni 2014

Al Gore, Die Zukunft. Sechs Kräfte, die unsere Welt verändern, München 2014

(Siedler Verlag, 624 S., 26.99 €)

(Einleitung, S.11-31; Die Welt AG, S.35-76; Das Weltgehirn, S.81-131; Machtfragen, S.135-193; Auswüchse, S.197-272; Die Neuerfindung von Leben und Tod, 277-370; Am Abgrund, S.375-476; Schluss, S.479-496)

1. Entweder Nachhaltigkeit oder Wachstum!
2. Grenzen des Glücks
3. „... keine Kultur, die bei klarem Verstand ist ...“

Al Gore verbindet den modernen Massenkonsum und das damit einhergehende Massenmarketing auf eine interessante Weise mit der Psychoanalyse, die etwa zeitgleich mit der Fließbandproduktion zu Beginn des 20. Jhdts. entwickelt wurde. (Vgl. Gore 2014, S.214ff.) Die automatisierte Massenproduktion brauchte auf der Konsumseite eine Art Kollektivverbraucher, der nichts mehr mit den individuellen Bedürfnissen eines individuellen Verbrauchers gemein hatte. Als Freud 1909 an der Clark University in den USA eine Reihe von Vorlesungen über die Psychoanalyse hielt (vgl. Gore 2014, S.215), hatte man diesen Kollektivverbraucher gefunden: das im Unterbewußtsein angesiedelte unstillbare Begehren einer Libido, der der Weg über die unmittelbare Befriedigung durch Erziehung und Kultur verschlossen war.

Der Geschäftspartner von Sigmund Freuds Neffen Edward Bernays, dem „Vater der Public Relations“, erklärte: „Wir müssen Amerika von einer Bedürfniskultur in eine Kultur des Begehrens umwandeln. ... Die Sehnsüchte der Menschen müssen geweckt werden, sie müssen sich neue Dinge wünschen, schon bevor die alten verbraucht sind. Wir müssen eine neue Einstellung formen. Die Wünsche des Menschen müssen seine Bedürfnisse übertreffen.“ (Gore 2014, S.216)

Mit den 1920er Jahren beginnt Gore zufolge die eigentliche, uns heute so viele Probleme bereitende „Konsumkultur“. (Vgl. Gore 2014, 214) Zuvor hatten die neuen Erkenntnisse der Psychoanalyse wie so vieles andere auch noch einen kleinen Umweg über den Ersten Weltkrieg genommen, wo die Vereinigten Staaten psychologische Begriffe wie das Unbewußte und die Übertragung für „Techniken der Massenbeeinflussung“ nutzten, „die der Mobilisierung der Heimatfront dienten“: „Präsident Woodrow Wilson richtete ein Komitee zur Information der Öffentlichkeit (Committee on Public Information) ein(). ...“ – Hervorhebung von mir: ein klassischer Fall von Orwellschem ‚Neusprech‘! – „... Sigmund Freuds Neffe Edward Bernays gehörte diesem Komitee ebenso an wie der nur zwei Jahre ältere Walter Lippmann, der auf Bernays einen fast so großen Einfluss ausübte wie dessen Onkel Sigmund. Nach dem Krieg tat Bernays sein Erstaunen über die Wirkungsmacht der Massenpropaganda kund und verfolgte jetzt das Ziel, diese Techniken für das Massenmarketing zu nutzen.()“ (Gore 2014, S.215)

Mit den neuen Methoden des Massenmarketings wurde das Verhältnis von Angebot und Nachfrage, wie es die klassischen Märkte organisierten, umgekehrt: „Bernays revolutionierte den Bereich der Marktforschung, indem er die damals geläufige Technik verwarf, bei der die Konsumenten befragt wurden, was ihnen an verschiedenen Produkten gefiel oder missfiel.“ (Gore 2014, S.216) – Anstatt also wie bisher die Produktion an den Bedürfnissen des Verbrauchers zu orientieren, sollten dessen Bedürfnisse an der Produktion orientiert werden; ja, sie sollten sogar regelrecht selbst produziert werden. Die Endlichkeit individueller Bedürfnisbefriedigung wurde durch die Unendlichkeit kollektiver Wunschträume ersetzt.

Bernays zeigte sich übrigens entsetzt, als er nach dem Zweiten Weltkrieg erfuhr, „dass Joseph Goebbels sich bei der Organisation von Hitlers Völkermord intensiv von seinem, Bernays’, Buch Propaganda inspirieren ließ.“ (Vgl. Gore 2014, S.218f.)

Die Konsumkultur ist mit einem unerfüllbaren Glücksversprechen verknüpft, auf das sich das neu entfachte Begehren richtet und das nicht mehr der restriktiven Sexualmoralvorstellungen zu Beginn des 20. Jhdts. bedarf, um die ge- und verbrauchsorientierten Individuen in müllproduzierende Kollektivverbraucher zu verwandeln, – täglich mehr Müll als das Gesamtgewicht aller sieben Milliarden Menschen (vgl. Gore 2014, S.221)! Das Paradox dieses Glücksversprechens ist nämlich, daß das Glücksempfinden des Menschen eigentlich begrenzt ist. Gore verweist auf die „Forschung zu den Quellen des Glücks“: „Sind die Grundbedürfnisse erst einmal abgedeckt, sorgt ein höheres Einkommen nur bis zu einem Punkt für mehr Glück, ab dem eine weitere Steigerung des Konsums das Gefühl des Wohlbefindens nicht mehr stärkt.()“ (Gore 2014, S.199)

Wahrscheinlich ist gerade diese Begrenztheit des Glücksempfindens der Grund dafür, daß sich das Versprechen eines ständig wachsenden Wohlstands in ein unerfüllbares Begehren verwandelt. So wird der ständig wachsende Wohlstand zur materiellen Basis eines stabilen persönlichen Unglücks, das den Kollektivverbraucher zu einer Suche nach immer größeren Kicks verführt, wie ein Junkie, der sich seinen Rausch nur noch durch eine Steigerung der täglichen Dosis erkaufen kann.

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