Judith Butler, Wer hat Angst vor Gender? (2024/25)
1. Korrekturen
2. kollektives Imaginieren
3. Kritik und Urteilskraft
4. Kategorien
5. Butlers Anthropologie
6. Entwicklungsebenen
7. individuelle Entwicklungsebene
8. Mißbrauch
Was das ‚verkörperte‛ Leben betrifft (vgl. Butler 2025, S.59), also die individuelle Ebene der Ontogenese, spielt die Biologie vor allem in der Entwicklungsphase der Pubertät, in der wir eine Geschlechtsidentität ausbilden, eine Rolle. Aber selbst auf dieser Ebene erlebt jeder Mensch die Pubertät auf eine andere Weise, und manche eilen seltsam unberührt durch sie hindurch. Aber auch unter denjenigen, die zahlreiche Konflikte mit ihrer eigenen Körperlichkeit und ihrer sozialen Umgebung zu durchleiden haben, gibt es die, die nicht an der ihnen bei der Geburt zugewiesenen Geschlechtsidentität zweifeln, und die, die mit ihrer Geschlechtszuweisung hadern. Für diese beiden Konfliktformen aber gilt, was Butler über die Einverstandenen schreibt: „Selbst diejenigen, die das ihnen zugewiesene Geschlecht mögen und dabei bleiben, müssen sich trotzdem zu dieser Zuordnung in Beziehung setzen, was bedeutet, dass sie eine imaginierte Beziehung zu ihrem Geschlecht durchlaufen.“ (Butler 2025, S. 260)
Selbst also, wenn wir nicht mit unserer Geschlechtszuweisung hadern, ergibt sich also ein Problem mit der Selbstdefinition: „Solange wir uns einig sind, dass die Kategorie Geschlecht in Verbindung mit einer Vorstellung, einer Anforderung, einem komplexen Rahmen, einem impliziten Set von Kriterien in unser Leben tritt, erkennen wir an, dass das Geschlechtliche von Anfang an von einer phantasmatischen Bedingung geprägt ist, sich also in seiner Abgrenzung verwirklicht. Was bedeutet, dass Gender bereits am Werk ist.“ (Butler 2025, S.260)
,Gender am Werk‛: das ist eine treffende Beschreibung für das, was sich für die meisten in der Pubertät vollzieht. Und damit aus dem Vollzug des Genderns, in dem biologische und gesellschaftliche Mechanismen sich blind ineinander verwirren (,ko-konstruieren‛), eine Praxis des Genderns werden kann, müssen wir auf der Ebene, auf der wir hier und jetzt existieren, zu Subjekten unserer Lebensführung werden. Die individuelle Entwicklungsebene muß zur biologischen und gesellschaftlichen als eine dritte Entwicklungsebene hinzutreten und sich auf eine Weise ‚verkörpern‛, die unseren Bedürfnissen entspricht.
Früher nannte man das Bildung. Obwohl Butler bei ihrem Zwei-Ebenen-Modell mit der biologischen und der gesellschaftlichen Entwicklungsebene verharrt, adressiert auch sie diese dritte Ebene, wenn sie uns die Fähigkeit ,Nein‛ zu sagen zugesteht: „Konventionen, die Art der Ansprache und institutionelle Formen von Macht wirken bereits vor jenem Moment, in dem wir ihren prägenden Einfluss zum ersten Mal wahrnehmen, vor dem Auftauchen des ,Ichs‛, das davon ausgeht, dass wir selbst entscheiden, wer oder was wir sein wollen. Selbstverständlich gelangen wir manchmal an den Punkt, an dem wir mit den uns auferlegten Normen brechen, Anrufungen, die an uns herangetragen wurden, ablehnen, Frieden finden in diesem ,Nein‛ und damit einen anderen Weg einschlagen.“ (Butler 2025, S.59)
Was also ist Gender, wenn wir das Gendern als eine selbstbestimmte Praxis verstehen wollen, als Teil einer eigenständigen, individuellen Lebensführung? Zunächst könnten wir damit aufhören, Gender nur als ein biologisches und gesellschaftliches Schicksal zu begreifen, denn, so Butler: „... auch die These, dass das Geschlecht ,eine feste Veranlagung‛ sei, (ist) eine Gender-Theorie“. (Vgl. Butler 2025, S.72)
In gewohnt rhetorischer Form fragt sie: „Können Menschen ihr Geschlecht und ihre Sexualität frei wählen oder nicht, oder sollten sie die Freiheit haben, gemäß ihrem Geschlecht und ihrer Sexualität zu leben?“, um diese Frage dann gleich selbst zu beantworten: „Allen steht das Recht auf ein freies Leben zu, das heißt, ihre Forderung nach politischer Freiheit setzt nicht unbedingt voraus, dass Geschlecht oder Sexualität frei gewählt wurden.“ (Butler 2025, S.72f.)
Bestimmte Fragen, so Butler, sind einfach überflüssig. Selbst dann, wenn wir unsere Geschlechtsidentität letztlich eben nicht frei und selbstbestimmt konstruieren können, kann uns niemand das Recht nehmen, uns zu dem Geschlecht zu bekennen, das unserem Begehren entspricht. Und zu diesem Begehren gehört eben auch das Scheitern, also das, was Plessner als Scheitern unseres Willens an der Welt beschreibt und in diesem Fall eben das Scheitern an unserer Geschlechtlichkeit meint:
„Tatsächlich kann es uns passieren, dass wir dem Anspruch, den eine solche Bezeichnungspraxis erhebt, nicht gerecht werden und ein ,Scheitern‛ sich womöglich als Befreiung herausstellt.() Daher wurzelt unsere Fähigkeit zur Ideologiekritik notwendigerweise in der Position als schlechtes oder gebrochenes Subjekt: eine Person, die daran gescheitert ist, sich den Normen zu unterwerfen, denen Individuation unterliegt. Was uns in die schwierige Lage bringt, mit unserer eigenen Erziehung oder Selbstwerdung brechen zu müssen, um auf unsere eigene Art kritisch denken zu können, neu denken zu können, aber auch, um zu einer Person zu werden, die nicht in vollem Umfang den Erwartungen entspricht, die so häufig mit der Geschlechtszuweisung bei Geburt an uns herangetragen wird.“ (Butler 2025, S.35)
Hier gelingt Butler etwas großartiges: sie beschreibt das Scheitern als eine Befreiung! Das Scheitern befreit uns von den Phantasmen und Illusionen gesellschaftlicher Konventionen, die uns von Geburt an eingeflößt wurden, also von dem, was ich mit Husserl und Blumenberg Lebenswelt nenne. Dieses Scheitern an den Fremdbestimmungen, wie wir zu lieben und zu leben haben, macht uns wieder frei, zu Subjekten unserer Lebensführung zu werden. Hatte Butler es in „Das Unbehagen der Geschlechter“ (1990/91) noch abgelehnt, den Begriff des Subjekts als Erbe einer weiß und männlich deformierten Aufklärung zu verwenden, spricht sie jetzt vom „schlechten oder gebrochenen Subjekt“, aber nicht mehr als heteronormative Deformation, sondern als daran gescheitert, sich der Heteronormativität zu unterwerfen.
Es gibt eine Alternative zu Phantasmen und Visionen aller Art. Sie besteht darin, zwischen Naivität und Kritik zu balancieren und so unsere anfängliche Naivität hinter uns zu lassen.
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