„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)

Samstag, 3. Januar 2026

Phantasmen und Visionen

Judith Butler, Wer hat Angst vor Gender? (2024/25)


1. Korrekturen
2. kollektives Imaginieren
3. Kritik und Urteilskraft
4. Kategorien
5. Butlers Anthropologie
6. Entwicklungsebenen
7. individuelle Entwicklungsebene
8. Mißbrauch

War es mir im vorangegangenen Blogpost darum gegangen, zu zeigen, daß Judith Butlers Aufruf zu einem solidarischen Kollektivismus sich nicht von dem kumpelhaften Kollektivismus populistischer und autoritärer Trends unterscheidet, geht es mir in diesem Blogpost um die eigentliche, offensichtliche Differenz, die ich an der Kritikunfähigkeit und der fehlenden Urteilskraft der gegnerischen Partei festmache. Schlimmer noch: Populisten und Autoritäre sind nicht nur kritikunfähig ‒ und das meine ich in zwei Richtungen: unfähig, andere zu kritisieren, und unfähig, sich kritisieren zu lassen ‒, sondern verzichten ganz bewußt auf jede zusammenhängende, widerspruchsfreie Argumentation.

Es ist geradezu Teil der populistischen Methodik, zusammenhanglose und in sich widersprüchliche Behauptungen in die Welt zu setzen, weil jeder Anschein einer vernünftigen Argumentation die Zielgruppe, auf die es Populisten und Autoritäre für ihre Zwecke abgesehen haben, abschrecken würde. Den eigenen Verstand gebrauchen zu müssen, ist eine Zumutung, denn dazu bedarf es einer asketischen Disziplin, zu der ihre Klientel nicht bereit ist.

Es gibt allerdings rechte Intellektuelle, Vertreter einer konservativen ‚Revolution‛, zu denen Armin Mohler (1920-2003), aber auch Carl Schmitt (1888-1985) gehören, die eine eigene politische Theorie entwickelt haben. Aber das Programm dieser Intellektuellen besteht sicher nicht darin, öffentlich für Kritikfähigkeit und Urteilskraft einzutreten oder sie sogar zu fördern.

Butler deckt genau diesen Unterschied zwischen Gender-Theorie und Gender-Studies einerseits und den Populisten und Autoritären andererseits auf. Es ist, so Butler, zwecklos, gegen Anti-Gender-Kampagnen anzuargumentieren, aus dem einfachen Grund, weil Anti-Gender-Kampagnen auf eine zusammenhängende, konsistente Argumentation verzichten: „Es ist kaum möglich, deren Argumentation vollumfänglich zu rekonstruieren, denn ihre Vertreter:innen halten sich nicht an die Standards für Konsistenz oder Kohärenz.“ (Butler 2025, S.53)

Anti-Gender-Kampagnen verzichten sowohl auf ein „Mindestmaß an Konsistenz“ wie auch auf die oberflächlichste Zurkenntnisnahme von Texten der Gender-Studies. (Vgl. Butler 2025, S.44) Entweder werden diese Texte überhaupt nicht gelesen, was manche sogar ganz offen zugeben, oder es werden lediglich einzelne Passagen aus dem Zusammenhang gerissen und als „Blitzableiter“ mißbraucht, um Emotionen auf die eigenen Mühlen umzuleiten. Es ist deshalb Wortverdreherei, solche verbalen Attacken als „genderkritisch“ zu bezeichnen. (Vgl. Butler 2025, S.45)

Zu solchen Kampagnen gehört auch, Begriffe wie „Antidiskriminierung“ oder „Mißbrauch“ für die eigenen populistischen Zwecke zu übernehmen und sinnwidrig zu verwenden. Wir kennen das schon aus der Trickkiste der russischen Propaganda, wo ein autoritäres Regime die Ukraine mit dem Argument, es handele sich um ,Nazis‛, seit rund vier Jahren mit einem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg überzieht, und von ,demokratischen‛ Wahlen spricht, obwohl zu ihnen keine politischen Köpfe und Parteien, die den aktuellen Machthabern hätten gefährlich werden könnten, zugelassen wurden.

So wirft der Vatikan der Gender-Theorie vor, dem ,Mißbrauch‛ an Kindern Vorschub zu leisten, während gleichzeitig seit Jahren immer neue kirchliche Mißbrauchsfälle an Kindern bekannt werden (vgl. Butler 2025, S.126), oder kirchliche Arbeitgeber setzen sich für das Recht ein, ihre Mitarbeiter religiös zu diskriminieren, weil sie, also die Kirche, sonst in ihrer freien Religionsausübung diskriminiert würde (vgl. Butler 2025, S.107f.).

Dieser demagogischen Taktik in der öffentlichen Auseinandersetzung setzt Butler die wissenschaftliche Arbeit der Gender-Studien entgegen. Wer sich weigert, so Butler, „für ein Mindestmaß an Konsistenz zu sorgen und () Kritik auf Beschäftigung mit den Texten zu gründen“, verweigert sich vor allem der „Denkfreiheit“, „ein Thema ein ums andere Mal umzuwälzen und auf seine Grundvoraussetzungen, Beschränkungen und Potenziale zu untersuchen“. (Vgl. Butler 2025, S.44f.)

„Kritik“, führt Butler aus, „beschäftigt sich mit für uns wichtigen Problemstellungen und Texten, weil sie verstehen will, wie sie beschaffen sind und verfahren, weil sie sie im Denken mit Leben füllen, in neuen Konstellationen erproben und infrage stellen will, was wir als unveränderbare Grundvoraussetzung von Realität hingenommen haben ‒ all das mit dem Ziel, eine dynamische, lebendige Wahrnehmung unserer Welt zu bekräftigen.“ (Butler 2025, S.45)

Kritisches Lesen bildet die Basisdisziplin der Gender-Studies: „Die Debatten darum, wie über Gender nachzudenken sei, prägen den aktuellen Diskurs zu diesem Thema weniger innerhalb der einen spezifischen Theorie als vielmehr auf zahlreichen akademischen Gebieten und Politikfeldern. Sie regen sowohl die Forschung als auch den öffentlichen Diskurs dazu an, auf zunehmend komplexe soziale Wirklichkeiten zu reagieren.“ (Butler 2025, S.45; Hervorhebung ‒ JB)

Butlers Kritik an der Zusammenhangslosigkeit und Beliebigkeit der ‚Argumentation‛ populistischer und autoritärer Gruppierungen ist berechtigt. Nichts funktioniert besser, um die eigenen Machtinteressen umzusetzen, als ein antidemokratisches, autoritäres und minderheitenfeindliches Klima zu erzeugen, indem vorhandene Ressentiments und Vorurteile mit unbewiesenen Behauptungen und bewußten Lügen bedient werden. Zusammenhängende Argumentationen würden die Zielgruppen, um die es den Populisten geht, überfordern und abschrecken. Kollektive Phantasmen aller Art gedeihen am besten auf der Kombination diffuser Ängste mit aggressiven Instinkten.

Aber eben deshalb ist es ein fataler Fehler, zu meinen, man müsse kollektive Phantasmen dieser Art mit kollektiven Visionen bekämpfen. Der Etikettenwechsel führt letztlich nur zum selben Ergebnis: zum Verzicht auf individuelle Urteilskraft. Die Antwort auf populistische und autoritäre Taktiken kann nicht sein, sich deren Mittel zueigen zu machen. Auf kollektiver Ebene gibt es keine guten und keine schlechten Emotionen. Auf kollektiver Ebene sind sie immer falsch.

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