Dienstag, 1. November 2016

Markus Enders, Die biblischen Grundlagen des christlichen Menschenbildes (2015)

(in: Oliver Müller/Giovanni Maio (Hg.), Orientierung am Menschen. Anthropologische Konzeptionen und normative Perspektiven, Göttingen 2015S.31-63)

1. Defiziente Intentionalität
2. Sünde als Entzweiung des Menschen mit Gott

Im Unterschied zum Beitrag „Das Menschenbild der Antike“ (2015; vgl. meinen Post vom 01.10.2016) von Friedo Ricken hält der Beitrag „Die biblischen Grundlagen des christlichen Menschenbildes“ (2015) von Markus Enders tatsächlich, was er verspricht, und liefert ein erhellendes Portrait des christlichen Menschenbildes. Markus Enders konzentriert sich dabei auf die Aspekte der Ebenbildlichkeit und der „seinsmäßigen Abhängigkeit“ – Friedrich Schleiermacher spricht von der schlechthinnigen Abhängigkeit – des Menschen von Gott. (Vgl. Enders 2015, S.31f.) Diese beiden Aspekte sind für das christliche Menschenbild fundamental und beinhalten ein Konzept defizienter Intentionalität, das das menschliche Selbst- und Weltverhältnis von Gott her und auf Gott hin begrenzt. Das ganze biblische, im Kern katastrophische (Un-)Heilsgeschehen, beginnend mit dem Sündenfall der ersten beiden Menschen Adam und Eva im Alten Testamentes (AT) und endend mit der Apokalypse des Neuen Testamentes (NT), ist durchzogen vom roten Faden von Entgrenzungs- und Wiederbegrenzungsereignissen, in denen sich der Mensch zunächst von Gott ab- und sich und seiner Welt zuwendet und dann wieder von sich und seiner Welt ab- und Gott zuwendet.

Bevor ich im Einzelnen auf Enders Argumentation eingehe, möchte ich hier kurz erläutern, was ich unter einer defizienten Intentionalität verstehe. Mit Helmuth Plessner gehe ich davon aus, daß der menschliche Organismus ein Selbst- und Weltverhältnis bildet, das auf einen ständigen Stoffwechsel mit der äußeren Welt ausgerichtet ist. Seine Bedürfnisstruktur ist durch diesen Stoffwechsel gekennzeichnet. Darin besteht seine Intentionalität, im Sinne von ‚intendere‘: ausrichten bzw. orientieren. Der Mensch bedarf einer Welt, um existieren zu können.

Die biblische Tradition richtet den Menschen hingegen von Anfang an auf Gott aus, eben im Sinne der erwähnten Ebenbildlichkeit und Abhängigkeit, was beinhaltet, daß nicht der Wille des Menschen bzw. seine Intentionalität, sondern allein der Wille Gottes zählt:
„Gott ist der alleinige Grund, der den irdischen Menschen erstens aus sich hervorbringt, und zwar gemäß seiner ewigen, exemplar- bzw. formursächlich wirkenden Schöpfungsidee von ihm;() Gott ist zweitens zugleich derjenige, der den Menschen in seiner leiblichen Existenz erhält, solange er auf Erden lebt; und er führt ihn drittens nach seinem physischen Tode in einer verwandelten Seinsform wieder zu sich zurück.“ (Enders 2015, S.32)
Auch im Jesuanischen Menschenbild (NT) ist die menschliche Bedürfnisbefriedigung im Sinne der Lebenserhaltung völlig zweitrangig. Für die Lebenserhaltung sorgt Gott. (Vgl. Enders 2015, S.41) Das Einzige was zählt, ist die Erfüllung des Willens Gottes:
„Dementsprechend lehrt Jesus seine Jünger, zu Gott als zu ihrem ‚Vater‘ zu beten() und sich daher als seine Geschöpfe zu verstehen, die von ihm in ihrem Sein und ihrem Lebenserhalt restlos herkünftig bzw. abhängig und deshalb auch schöpfungsmäßig auf ihn gänzlich ausgerichtet und bezogen sind.“ (Enders 2015, S.41)
Wir können also von einer im Verhältnis zum ‚natürlichen‘ Selbst- und Weltverhältnis des Menschen beim christlichen Menschenbild von einer ‚umgebogenen‘ Intentionalität sprechen. Diese ‚Umbiegung‘ bzw. Neuausrichtung der menschlichen Intentionalität besteht darin, daß sie sich nicht mehr geradehin auf die Welt und die Gegenstände richtet, sondern einen Umweg über ‚Gott‘ macht. Und der menschliche Wille folgt dem Willen Gottes, weil er im Vergleich zu Gottes Willen unendlich defizient ist:
„Im Vergleich mit dem unübertrefflichen vollkommenen Willen Gottes aber muss sich der Mensch als ein Sünder erkennen, d.h. als jemand, der sein Soll nicht erfüllt ...“ (Enders 2015, S.43)
Diese Umwegigkeit der menschlichen Bedürfnisorganisation, als umgebogene Intentionalität, beinhaltet übrigens eine besondere Anfälligkeit für die Geldwirtschaft. Dies sei hier nur am Rande angemerkt. Christina von Braun hat sich damit in ihrem Buch „Der Preis des Geldes“ (2/2012) auseinandergesetzt. (Vgl. meinen Post vom 25.11.2012)

Die Folge ist, daß die biblische Heilsgeschichte von „Gerichtsankündigungen und Aufrufe(n) zur Buße“ geprägt ist. (Vgl. Enders 2015, S.43) Der „freie Wille“ ist in der Paulinischen Verkündigung (NT) kein Prädikat des Menschen mehr, sondern ein „Prädikat Gottes“. (Vgl. Enders 2015, S.57, Anm.167)

Wir haben es mit einem spezifisch christlichen Verständnis des Hiatus-Erlebnisses als Sünde zu tun. Der Hiatus bzw. der Bruch öffnet sich nicht wie bei Plessner im einfachen Scheitern der menschlichen Intentionalität an der Welt, sondern im Scheitern der menschlichen Intentionalität am Göttlichen Willen. Im Paulinischen Verständnis ist es schon sündhaft, überhaupt irgendetwas zu wollen, ohne daß dieser Wille den Umweg über Gott nimmt. Der „Eigenwille“ ist Paulus zufolge untrennbar mit dem menschlichen „Fleisch“ verbunden – und das griechische Wort für Fleisch, sark, bildet nicht umsonst die Grundform für den deutschen ‚Sarg‘:
„Ein ‚Leben im Fleisch‘() versteht er (Paulus – DZ) daher pejorativ als eine verweltlichte Existenzweise, als eine ‚fleischliche‘ Gesinnung() des Menschen, die sich am Vergänglichen und Äußerlichen, am Sichtbaren und Handgreiflichen orientiert und somit vom menschlichen Eigenwillen bestimmen lässt ...“ (Enders 2015, S.50)
Der Hiatus, der bei Plessner den Menschen sich auf sich selbst besinnen läßt und ihn allererst zum Menschen macht, besteht also in der biblischen Tradition im Abfall des Menschen vom göttlichen Willen. Dieser Abfall macht ihn zwar auch in gewisser Weise ‚menschlich‘, aber eben nur im pejorativen Sinne, indem er ihn zugleich zum Sünder macht. Der Mensch soll wollen, was Gott will, tut aber meistens das, was er selbst will. In Paulinischer Diktion klingt das folgendermaßen: „Ich tue nicht das, was ich will, sondern das, was ich hasse.“ (Zitiert nach Enders 2015, S.53f.; Quelle: Röm. 7.14-25)

Bei Plessner müßte es heißen: Es geschieht nicht das, was ich will, sondern das, was ich nicht will. Darin kommt die Erfahrung eines Bruchs mit der Welt zum Ausdruck, der den Menschen veranlaßt, in ein Selbstverhältnis zu treten. Die christliche Reflexivität hingegen versteht das scheiternde Tun als Folge eines schlechten Willens, der nicht will, was Gott will. So beginnt der christliche Sünder den eigenen Willen – und das, was er ‚tut‘ – zu hassen. Auf diese Weise kann die Gebrochenheit des eigenen Wollens nicht in den Blick kommen. Eine Selbstreflexion wird dauerhaft unterbunden.

Im Schöpfungsakt wird der Mensch als ein Ganzes erschaffen. Der Mensch existiert zwar in Gestalt zweier Geschlechter, aber beide Geschlechter sind gleichermaßen Ebenbilder Gottes: „Beide Schöpfungsberichte insistieren auf der gleichwertigen Gottesebenbildlichkeit von Mann und Frau bzw. auf der gleichen Würde beider Geschlechter.()“ (Enders 2015, S.34) – Mann und Frau bilden der Genesis zufolge ‚ein Fleisch‘. Über Eva sagt Adam, daß sie „Bein von meinem Bein“ und „Fleisch von meinem Fleisch“ sei. Und über beide heißt es: „Darum verläßt der Mann Vater und Mutter und bindet sich an seine Frau, und sie werden ein Fleisch.“ (Vgl. Enders 2015, S.32, Anm.5; Quelle: Gen. 2,18-2,24)


An dieser Bibelstelle wird schon deutlich, daß hier vom ‚Fleisch‘ nicht so negativ gesprochen wird wie bei Paulus. Die „anthropologische Begrifflichkeit des Alten Testaments“ beinhaltet Enders zufolge ein „ganzheitliches Verständnis des Menschen“. (Vgl. Enders 2015, S.39) Das ‚Fleisch‘ bildet lediglich einen der verschiedenen Aspekte des Menschen. Die ‚Schwäche‘ des Fleisches ist lediglich eine Folge des Sündenfalls und nicht selbst wiederum etwas in sich Böses, sondern eher so etwas wie eine Strafe, die mit der Vertreibung aus dem Paradies einhergeht. Von nun an ist der Mensch sterblich, und diese Sterblichkeit ist eben eine Eigenschaft des Fleisches. (Vgl. Enders 2015, S.37f.)

Erst in der Paulinischen Verkündigung wird das ‚Fleisch‘ so negativ konnotiert, daß es grundsätzlich böse ist. Damit entsteht zwar kein neuer metaphysischer Dualismus im Sinne der platonischen Unterscheidung zwischen Körper und Geist bzw. Seele. Aber Enders spricht mit Udo Schnelle (1991) immerhin von einem „geschichtliche(n) Dualismus“, der durch diese negative Bewertung des Fleisches bewirkt wird. (Vgl. Enders 2015, S.51) Ich möchte stattdessen lieber von einem genetischen Dualismus sprechen, denn mit ‚geschichtlich‘ ist bei Enders kein Epochenbegriff gemeint, im Sinne eines christlichen Dualismusses, sondern ein individueller, ontogenetisch verortbarer Bruch im Gottesverhältnis. Der biblische Schöpfungsbericht, demzufolge der Mensch grundsätzlich gut ist, also kein in sich gespaltenes Wesen, wird von Paulus nicht außer Kraft gesetzt.

Zunächst ist jeder neugeborene Mensch im Stande der Unschuld. Aber der erste Willensakt, der nicht auf Gott ausgerichtet ist, versetzt ihn in den Stand der Sünde. Die Sünde bildet also kein überzeitliches Schicksal, sondern eine Tat des Menschen. Der „Schicksals- und Verhängnischarakter der Sünde für den Menschen“ besteht Paulus zufolge darin, „dass sich der Mensch bereits durch eine einzige Sünde unter ihre Herrschaft begibt, d.h. zu ihrem Sklaven wird, so dass er sein ursprünglich natürliches Vermögen verliert, aus eigener Kraft das für sich Gute wollen und vollbringen und damit sein finales Glück bzw. seine Seligkeit erreichen zu können.“ (Enders 2015, S.53)

Der genetische Dualismus unterscheidet deshalb nicht mehr zwischen Körper und Geist bzw. Seele, sondern zwischen Körper und Körper und erinnert von ferne (allerdings wirklich nur von ferne!) an Plessners Körperleib. Der gute Körper ist der Leib bzw. das soma, während der böse Körper vom Fleisch bzw. vom sark gebildet wird. Bei beiden Begriffen haben wir es mit zwei grundverschiedenen Intentionalitäten zu tun: der Leib bildet den „Ort der Verherrlichung Gottes“ und erfüllt dessen Willen. (Vgl. Enders 2015, S.49) Er verwandelt sich nach dem Tod des Menschen in einen „pneumatischen Leib()“ und wird weiterleben. (Vgl. ebenda)

Das Fleisch hingegen wird vom Eigenwillen des Menschen beherrscht und unterliegt der Herrschaft der Sünde: „Meint der Mensch, aus sich selbst heraus leben zu können, so verfällt er dem Fleisch, das dann nicht vom Geist, sondern von der Sünde beherrscht wird.“ (Udo Schnelle (1991); zitiert nach Enders 2015, S.51)

Die Grunderfahrung des Menschen, auf die sich das christliche Menschenbild bezieht, ähnelt also der Erfahrung aller Menschen und ist deshalb anthropologisch durchaus gehaltvoll. Diese Erfahrung besteht darin, daß die menschliche Intentionalität gebrochen ist und daß die Existenz des Menschen deshalb von Grund auf fragil und gefährdet ist. Allerdings unterscheidet sich das christliche Menschenbild hinsichtlich der Schlußfolgerungen, die sich daraus ergeben. Anstatt den Menschen zu veranlassen, die eigene Gebrochenheit zu reflektieren und zu leben, imaginiert es eine vollkommene Intentionalität, mit der der Mensch sich nicht messen kann und an der er wiederum notwendigerweise scheitern muß. Der ‚Lohn‘ dieses Menschenbildes besteht wiederum darin, daß dieses Scheitern mit einem Heilsversprechen verknüpft wird, das auf ein anderes Leben in einer anderen Welt vertröstet. Und für die diesseitige Welt entlastet das christliche Weltbild von jeder menschlichen Verantwortung, da es niemals auf den individuellen Willen ankommt, sondern immer nur auf den Willen Gottes.

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