Freitag, 6. Mai 2016

Ulrich Schmid, Technologien der Seele. Vom Verfertigen der Wahrheit in der russischen Gegenwartskultur, Berlin 2015

(edition suhrkamp 2702, Broschur, 386 Seiten, 18,-- €)

1. Zusammenfassung
2. Methode
3. russische Postmoderne
4. Refugien des Widerstands und der Kritik

Mit dem Titel seines Buches „Technologien der Seele“ (2015) spielt Ulrich Schmid, Professor für Kultur und Gesellschaft Rußlands an der Universität St. Gallen, auf Foucault und auf Stalin an. (Vgl. Schmid 2015, S.9) Dabei richtete Foucault das Interesse mehr auf die individuelle Seele, so daß bei ihm vor allem „Praktiken“ wie „Gespräche“, der „Akt des Schreibens“ und die „Körperpflege“ im Mittelpunkt standen. (Vgl. ebenda) Stalin interessierte sich hingegen mehr für die kollektive Bewußtseinsverfassung der sowjetischen Gesellschaft, so daß bei ihm die Literatur vor allem ein technologisches Medium für die Schaffung eines „neuen Menschen“ bildete: „Anders als Lenin, der sich von der Kulturpolitik fernhielt, verfolgte Stalin die neuesten Entwicklungen in Literatur, Kunst, Film und Musik sehr aufmerksam. ... Berüchtigt waren seine Telefonanrufe bei führenden Künstlern wie Michail Bulgakow, Boris Pasternak oder Dmitr Schostakowitsch.()“ (Schmid 2015, S.9f.)

Das ganze umfangreiche Buch von Ulrich Schmid bildet eine detaillierte Auseinandersetzung mit der kollektiven Verfaßtheit der russischen Seele. Die Foucaultsche Komponente spielt nur am Rande eine Rolle, wenn Schmid gegen Ende seines Buches auch auf die innerrussische Kritik am Putinimus eingeht. Eine gründlichere Reflexion des Verhältnisses von Individuum und Gesellschaft und eine gerade in diesem Zusammenhang eigentlich auch notwendige Auseinandersetzung mit dem Wahrheitsbegriff fehlt. Schmids Rückgriff auf Niklas Luhmanns Aufsatz „Wahrheit und Ideologie“ (1962) (vgl. Schmid 2015, S.12ff.), erst gegen Ende des Buches ergänzt durch Adornos und Horkheimers Analysen zur Kulturindustrie (vgl. Schmid 2015, S.353ff.), reicht nicht aus, um zu verhindern, daß das russische Desaster in Schmids Darstellung in eine allzu plakative Opposition zu den westlichen Demokratien gestellt wird. Beide Gesellschaftsformationen unterliegen, wie in den folgenden Posts noch gezeigt werden soll – und ungeachtet der geopolitischen Mystifikationen –, dem gleichen Verblendungszusammenhang.

Es ist eine Schwäche dieses Buches, daß Schmid mit seinen Analysen nur an der Oberfläche des Konflikts bleibt. Das zeigt sich z.B. an der Stelle, wo Schmid über die Werbung in Rußland spricht, als handelte es sich dabei um eine exklusive Strategie des Putinismus: „Sehr schnell verabschiedete man nach 1991 die billigen Klischees der Sowjetpropaganda und eignete sich die raffinierten Methoden des Marketings an. Werbung, die als solche erkennbar ist, verliert schon allein durch diese Tatsache ihre Wirkung.“ (Schmid 2015, S.16)

Das ist eine Binsenwahrheit, die auf beide Seiten des ehemaligen eisernen Vorhangs zutrifft, und diese Art von Werbung ist zudem eine westliche Erfindung, die auf den Neffen von Sigmund Freud, Edward Bernay, zurückgeht, der die Werbung mit Hilfe seiner Erfahrungen mit der US-amerikanischen Propaganda des Ersten Weltkriegs und der psychoanalytischen Methoden seines Onkels auf neue Füße stellte. (Vgl. meinen Post vom 28.06.2014) Es ist auch nicht zuletzt Putin selbst, der auf das Vorbild des Hollywood-Kinos verweist: „Denken wir daran, dass Hollywood das Bewusstsein mehrerer Generationen geformt hat. Dabei hat es nicht die schlechtesten Werte vermittelt – sowohl hinsichtlich der nationalen Interessen als auch hinsichtlich der gesellschaftlichen Moral. ...“ (Zitiert nach Schmid 2015, S.39)

Es ist auch nicht von ungefähr, wenn Schmids Erläuterungen zum Begriff der „Polittechnologie“ an Methoden der good governance erinnern: „Der Staat profitiert von der Unterstützung durch die Bürger und gewinnt so an Stabilität, die Gesellschaft erkennt in den staatlichen Strukturen die adäquaten Bedingungen für die Verwirklichung der eigenen Zukunftskonzepte.“ (Schmid 2015, S.97) – Wikipedia beschreibt good governance als „gutes Steuerungs- und Regelungssystem einer politisch-gesellschaftlichen Einheit“. Putins Polittechnologie und good governance agieren anscheinend auf derselben Ebene, und Ulrich Schmids Kritik am Putinismus kratzt nur an der Oberfläche des Problems. Es fehlt an einer begrifflich fundierten Analyse, die die Unterschiede der Lebens- und Gesellschaftsformen trennscharf herausarbeitet.

Dabei ist es durchaus atemberaubend, wie von den russischen „Ingenieure(n) der menschlichen Seele“, den „loyale(n) Dienstschriftsteller(n)“ im Auftrag Putins (vgl. Schmid 2015, S.59), ein Werteantagonismus zwischen der russischen und westlichen ‚Zivilisation‘ konstruiert wird, in dem – mit den Worten Ivan Ilins, einem monarchistischen Philosophen aus der ersten Hälfte des 20. Jhdts. – ein „monarchistisches Rechtsbewußtsein“ mit einem „republikanischen Rechtsbewußtsein“ konfrontiert wird. (Vgl. Schmid 2015, S.32) Noch heute greift Putin, so Schmid, „gern auf Theorieangebote überzeugter Monarchisten zurück“. (Vgl. Schmid 2015, S.30) Bei der Überführung von „Ilins sterbliche(n) Überreste(n) aus der Schweiz nach Moskau“ war Putin persönlich zugegen. (Vgl. Schmid 2015, S.33)

In Ilins Werteantagonismus stehen autoritäre und kollektive Prinzipien und liberale und individuelle Prinzipien zweier disparater Wertegemeinschaften einander unversöhnlich gegenüber. An die Stelle der Reflexion tritt der Kult, an die Stelle der Vernunft tritt das Schicksal. Dabei spielen historische Verwerfungen, wie sie gerade Rußland mit den zwei Zusammenbrüchen des Zarentums und des Sowjetkommunismusses am Anfang und am Ende des 20. Jhdts. erlebt hat, keine Rolle. Vom Zaren über die Partei bis zum Putinismus steht die Kontinuität eines auf die Größe Rußlands fixierten Patriotismusses im Vordergrund. In ihrer Programmschrift von 1926 „vertraten die Eurasier sogar die Meinung, das russische Volk habe sich des Bolschewismus bedient, um sein Territorium und seine Staatlichkeit zu retten.()“ (Vgl. Schmid 2015, S.211)

Dieser geopolitisch begründete Kontinuitätspathos überdeckt die tiefreichende Korruption von Wahrheitsansprüchen, wie sie insbesondere der Zusammenbruch des Sowjetkommunismusses hinterlassen hat, ein „ideologische(s) Vakuum“, das die orthodoxe Kirche – seit der Jahrtausendwende im engen Bündnis mit Putin – „innerhalb kurzer Zeit“ mit ihren eigenen Inhalten aufzufüllen vermochte. (Vgl. Schmid 2015, S.188) Die Korruption des kollektiven Wahrheitsbewußtseins zeigt sich weniger darin, daß die russischen Bürger nun an gar nichts mehr glauben – im Gegenteil sind sie glaubensbereiter denn je –, als vielmehr darin, daß sie ungeachtet dessen, daß sie davon überzeugt sind, von den Macheliten betrogen und belogen zu werden, den Präsidenten selbst, als Person, von dieser institutionellen Verderbnis ausnehmen. Der Präsident, so Schmid mit Verweis auf den Soziologen Boris Dubin, wird „nicht als realer Amtsträger mit einem Wählerauftrag wahrgenommen, sondern als geisterhafte Verkörperung märchenhafter Wünsche, die aus angehäuften Frustrationen entstanden sind“. (Vgl. Schmid 2015, S.68)

Diese Bereitschaft der russischen Gesellschaft, zwischen den Institutionen und der Person des Machthabers zu trennen, hat eine lange, auf das Bild des „guten Zaren“ zurückgehende Tradition. (Vgl. Schmid 2015, S.29) Manche russischen Intellektuellen sprechen sogar von einem spezifischen russischen Gesellschaftsvertrag: „Der Romanautor Michail Schischkin spricht von einer Reaktivierung des sowjetischen Gesellschaftsvertrags unter Putin. Staat und Volk seien übereingekommen, dass alle lügen und weiter lügen werden, um zu überleben ... Auch der Kulturwissenschaftler Michail Jampolski warnt vor der Wiederkehr einer allgegenwärtigen Kultur der Lüge, die bereits in den totalitären Systemen des 20. Jahrhunderts praktiziert wurde und heute dank der Omnipräsenz der Medien eine noch stärkere Macht entfalten kann ... “ (Schmid 2015, S.69)

Der Wahrheitsanspruch der russischen Gesellschaft beruht also weniger auf der Evidenz von Fakten und der sachlichen Richtigkeit von Informationen als vielmehr auf der mystischen Autorität eines Staatsoberhauptes, das für die Größe der Nation steht und sich für sie einsetzt. In einer soziologischen Untersuchung im Jahr 2000 sprachen sich 63 Prozent der Russen dafür aus, „lieber in einem großen Land (zu) leben und dafür auf Wohlstand (zu) verzichten“: „Im Jahr 2008 war der Anteil derjenigen, die sich für die erste Option entschieden, bereits auf 78 Prozent gestiegen.“ (Schmid 2008, S.118)

Zu einem ‚Gesellschaftsvertrag‘, der auf der allgemeinen Bereitschaft beruht, sich belügen zu lassen, um das individuelle Prekariat durch die Illusion der nationalen Größe Rußlands aufgewertet fühlen zu können, kommt so auch noch ein pervertierter Generationenvertrag, der an die Stelle eines Wohlstandsversprechens wenigstens für die Kinder und Kindeskinder die Erinnerung an den Großen Vaterländischen Krieg setzt: „Die Rentner haben außer diesem militärischen Erfolg wenig vorzuweisen: Das sowjetische Projekt ist kläglich gescheitert, die hehren Ideale des Sozialismus haben sich in nichts aufgelöst. Die ältere Generation ist in der Regel sogar auf finanzielle Unterstützung durch die Kinder angewiesen.“ (Schmid 2015, S.163)

Wenn die Rentner sonst nichts zu vererben haben, dann doch wenigstens dies: damals, 1943 in Stalingrad, dabeigewesen zu sein. Für die übrigen ist die „Kategorie der Zukunft“, so Schmid, „auf eine sehr kurze Periode“ geschrumpft. Nur noch 48% der Bevölkerung wagen es, auch nur zwei Jahre über ihre gegenwärtige Misere hinauszudenken. (Vgl. Schmid 2015, S.319)

Die Stärke von Schmids Buch besteht in detailreichen Erörterungen und inhaltlichen Zusammenfassungen der russischen Literatur, des Films, von Fernsehserien und Videogames. Ein ausführliches Personenregister am Ende des Buches hilft einem dabei, sich über die verschiedenen Protagonisten der russischen Polit- und Kulturszene zu informieren. Das macht die eingangs angesprochenen analytischen Schwächen wett.

Bewundernswert ist dabei, wie tapfer sich der Autor durch die politischen und kulturellen Niederungen einer amoralischen, zynischen Postmoderne hindurchliest und sich an ihnen abarbeitet. Nur an einer Stelle schimmert kurz durch, was es ihn emotional gekostet haben mag, wenn er – in einer verbalen Entgleisung – von den „schreibenden Kriegsgurgeln“ spricht (vgl. Schmid 2015, S.161), womit er die „Anti-Intelligenzija“ meint, die sich Putins Projekt verschrieben hat, von der er aber glaubt, daß sie „schon gescheitert“ ist (vgl. Schmid 2015, S.168); denn der Krieg in der Ukraine ist längst zu einem Desaster geworden und wird von der russischen Bevölkerung zunehmend „als Tragödie wahrgenommen“, so daß er seinen „Mobilisierungseffekt“ inzwischen eingebüßt hat (vgl. ebenda).

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