Samstag, 5. März 2016

Rüdiger Safranski, Zeit. Was sie mit uns macht und was wir aus ihr machen, München 2015

1. Phänomenologie und Zeit
2. Räumliche und zeitliche Grenzen
3. Zeiterleben als Apperzeption
4. Die ‚Zeit‘ der Gestaltwahrnehmung
5. Der kurze Weg der Technik

So sehr ich mit Safranskis phänomenologischer Vorgehensweise sympathisiere, so wenig überzeugt mich doch die These von der anthropologischen Ursprünglichkeit der Zeiterfahrung. Wenn es so etwas wie ein „anthropologisches Grundverhältnis“ gibt, wie Safranski sich ausdrückt, so besteht es in der wechselseitigen Entsprechung von „Sinnenkreis“ und „Handlungskreis“. (Vgl. Safranski 2015, S.100f.) Sinnesreize und Handlungen sind aufgrund unserer biologischen Evolution räumlich und zeitlich so aufeinander abgestimmt, daß sich Erregungszufuhr und Handlungsabfuhr im Gleichgewicht befinden. Erregungsreize lösen in uns unmittelbar Verhaltensreaktionen aus, die wir in einer natürlichen Umwelt auch zeitnah ausagieren können, ob es sich dabei nun um Fluchtreaktionen handelt oder um soziales Hilfe- und Abstimmungsverhalten und anderes mehr.

Die in Frage kommenden Situationen, in denen wir unsere ‚Erregungen‘ bzw. ‚Intentionen‘ ausagieren, sind natürlich alle mit einem Zeiterleben verknüpft, aber dieses Zeiterleben hat sich noch nicht verselbständigt. Der Tod ist mehr eine allgegenwärtige Bedrohung, als daß wir uns auf einem mehr oder weniger langen Weg auf ihn zu befinden, im Sinne eines existentiell aufgefaßten Seins zum Tode. Wenn in diesem Zusammenhang von ursprünglichen Zeiterfahrungen die Rede sein soll, dann handelt es sich um zyklische Abläufe, die nicht auf einen endgültigen Tod zielen, sondern auf Wiederholungen. Auf den Frühling folgen Sommer, Herbst und Winter, und dann auf den Winter wieder der Frühling. Und wenn jemand stirbt, so kehrt er lediglich dorthin zurück, wo er hergekommen ist und er selbst oder etwas anderes beginnt mit ihm von Neuem.

Auch Safranski hebt die Geborgenheit vermittelnde Vorstellung einer zyklischen Zeit hervor: „Der Zyklus dämpft das mögliche Grauen vor einer endlosen Linearität, bei der jedes Ereignis einmalig ist und sich nicht wiederholt und verschwindet, als wäre es nie gewesen. Der Zyklus bietet demgegenüber das Gefühl des Beharrens in der Zeit und gehört ja noch bis heute zu unseren elementaren Erfahrungen ...“ (Safranski 2015, S.133)

Angesichts der Bedeutung, die das Vergehen und Vergessen für die Zeiterfahrung haben, stellt sich mir die Frage, ob wir bei der zyklischen ‚Zeit‘ überhaupt von einer echten Zeiterfahrung sprechen können. Erst die lineare Zeit mit ihrem auf den unvermeidbaren Tod ausgerichteten Zeitpfeil konfrontiert uns mit beunruhigenden Fragen hinsichtlich unserer befristeten Lebenszeit. Erst jetzt wird die Zeit wirklich zum Thema.

Die lineare Zeit ist auch die Zeit der Technik. Zur Technik gehört ein Bewußtsein, daß keine Umwege macht und sich nicht immer im Kreis bewegt wie die zyklische Zeit. Auch der Mensch, der in natürlichen Zyklen lebt, gebraucht Werkzeuge. Aber Technik bzw. Technologie entsteht erst ineins mit dem Bedürfnis, Zeit zu sparen und die kürzeren Wege gegenüber den Umwegen zu bevorzugen: „Der technisch-wissenschaftliche Geist“ enthält, so Safranski, „ein mächtiges Fortschrittsversprechen“, und er begünstigt „ein Bewusstsein, das nach einem kurzen Weg vom Erkennen zum Herstellen sucht.“ (Vgl. Safranskji 2015, S.146)

Das Märchen vom Schlaraffenland ist das Urbild aller Technikphantasien. Wir wollen die gebratenen Hähnchen, die uns in den Mund fliegen, nicht mehr selber herstellen müssen. Woher diese gebratenen Hähnchen kommen, wer sie geschlachtet und zubereitet hat, müssen wir nicht mehr wissen. Das überlassen wir der Technik. In diesem Märchen müssen wir die gebratenen Hähnchen nicht mal mehr in die Hand nehmen. Sie fliegen uns von selbst in die aufgerissenen Mäuler, was Leroi-Gourhans Befürchtung bestätigt, daß wir unsere Hände irgendwann nicht mehr (ge-)brauchen werden. (Vgl. meinen Post vom 08.03.2013)

Inzwischen sind wir soweit, sogar das Leben selbst zu beschleunigen und es auf verkürzten Wegen der Evolution gleichzutun, die uns mit Hilfe von ‚lernenden‘ Algorithmen technische Probleme lösen hilft. Für diese Art eines beschleunigten Lebensprozesses hat Goethe in seinem Faust das Bild vom künstlich gezeugten Homunculus gefunden: „Der im Labor erzeugte Homunculus erweist sich als nicht lebensfähig und muss zurück ins Wasser, in den Ozean, wo diesem menschlichen Machwerk das ganze Pensum der Evolution aufgebrummt wird. ‚Da regst du dich nach ewigen Normen, / Durch tausend abertausend Formen, / Und bis zum Menschen hast du Zeit.‘“ (Safranski 2015, S.151)

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