Donnerstag, 17. März 2016

Graham Harman, Die Rache der Oberfläche. Heidegger, McLuhan, Greenberg. Mit dem Essay ‚Rückschlag der Werkzeuge auf das Bewusstsein‘ (1989) von Vilém Flusser, Köln 2015

1. Kritik der Ontologie
2. Medien und Phänomene
3. Vilém Flusser: Rechnen contra Schauen

Auf den Seiten 28 bis 32 des insgesamt nur 34 Seiten umfassenden, schmalen Vortragsbandes ist das Faksimile (S.1-5) eines Vortragstyposkripts von Vilém Flusser abgedruckt: „Rueckschlag der Werkzeuge auf das Bewusstsein“ (1989). Das DinA-4 Format des Typoskripts paßt nicht zu den kleinformatigen, von der Din-Norm abweichenden Seiten des Bandes, so daß die Schrifttypen so klein geraten sind, daß ich mir zum Entziffern des Textes eine Lupe zu Hilfe nehmen mußte.

Die Herausgeber begründen den Abdruck des Faksimiles damit, daß es sich bei dem Text um ein „Lob() der Oberflächlichkeit“ handele (vgl. Harman 2015, S.33) und deshalb ein Vergleich zu den von Harman behandelten Denkern produktiv sei. Vilém Flussers Text ist nicht nur wegen drucktechnischer Probleme schwer zu lesen. Wir haben es hier mit einem ‚philosophischen‘ Stil zu tun, der vom Leser einiges an geistiger ‚Mitarbeit‘ abverlangt, ohne daß ihm der Autor dabei auf irgendeine Weise zur Hilfe kommt.

Dennoch enthält der Text einige Stellen, die ich für bemerkenswert halte und auf die ich hier zum Schluß nochmal zu sprechen kommen möchte. Was die Nähe des Flusserschen Textes zu den von Harman behandelten Philosophen betrifft, besteht diese vor allem in dem schon im Titel des Textes angeführten „Rueckschlag der Werkzeuge“. Damit ist der bewußtseinsverändernde Effekt der Technik auf den Menschen, der sie benutzt, gemeint. Flusser bezeichnet diesen Effekt als die „anthropologische Funktion“ der Technik, die er neben deren ökonomische und ökologische Funktion stellt, und die von den Erfindern und Ingenieuren meistens nicht beabsichtigt ist. (Vgl. Flusser 1989, S.1/28) Beabsichtigt ist zunächst nur die ökonomische Funktion, also der unmittelbare Nutzen der Technik für die Lebenserhaltung.

Lange Zeit war auch die ökologische Funktion – also die Folgen für die Umwelt – nicht beabsichtigt, wird aber mittlerweile, so Flusser, beim „Design“ der Technik zunehmend mit berücksichtigt. Es sei jetzt an der Zeit, auch die anthropologische Funktion, also die Folgen für das Bewußtsein des Menschen zu berücksichtigen.

Das ist von Flusser nicht als Warnung gemeint, in dem Sinne, daß man beim Erfinden neuer Techniken Vorsicht walten lassen müsse. Vielmehr sieht er darin die Chance, daß der Mensch zum vorausplanenden Subjekt für alle drei Werkzeugfunktionen wird und so auch seine eigene weitere ‚Entwicklung‘ planen und steuern kann: „Daher ist das Entwerfen der anthropologischen Funktion der Werkzeuge ins Bereich des Moeglichen gedrungen. Wir können unsere Werkzeuge so gestalten, damit sie uns auf eine von uns beabsichtigte Weise veraendern. Gelaenge dies, dann wuerde die Geschichte aus einem unbeabsichtigten zu einem beabsichtigten Prozess werden.“ (Flusser 1989, S.1/28)

Flusser hebt also vor allem die ‚positive‘ Dimension der Technikentwicklung hervor. Die Veränderungen, die dabei mit dem Menschen selbst einhergehen, sind ausdrücklich erwünscht: „Es wird uns nicht mehr darum gehn, die Welt zu veraendern, um uns von ihren Bedingungen zu befreien, sondern darum, aus den um uns und in uns schwebenden Moeglichkeiten immer neue Wirklichkeiten zu komputieren.“ (Flusser 1989, S.4/31) – Und: „Dieses Wissen von der technischen Moeglichkeit einer Herstellung von kuenstlichen Menschen, Gesellschaften, psychischen Phaenomenen zwingt uns, dem anthropologischen Rueckschlag dieser technisch moeglich gewordenen Werkzeuge die St(ir)n zu bieten.“ (Flusser 1989, S.5/32)

Die Vision, die Flusser hier entwirft, entspricht dem, was Sloterdijk mal als „Menschenpark“ bezeichnet hat. Ich vermute, daß Flusser ihm dafür die Vorlage geliefert hatte.

Wirklich interessant fand ich aber noch eine andere Textstelle. Darin geht es um den spezifischen ‚Rückschlag‘ digitaler Medien auf das menschliche Bewußtsein. Flusser unterscheidet zwischen einem literarischen und einem rechnerischen Bewußtsein: „Das rechnende Denken ist klar und deutlich, das heisst zwischen je zwei Seiten klafft ein Intervall, und die zu behandelnde Welt als geometrische Sache droht, durch den Intervall zu schluepfen.“ (Flusser 1989, S.2/29)

Das literarische Denken ist Flusser zufolge auf die „Beschauung der unveraenderlichen Formen als Selbstzweck“ ausgerichtet, während das rechnerische Denken vor allem quantifiziert und deshalb alles auf mit Zahlen versehbare Punkte zurückführt. (Vgl. Flusser 1989, S.2/29) Das Problem dieser Quantifizierung besteht darin, daß die Intervalle zwischen diesen Punkten nicht so einfach überbrückt werden können und deshalb die ‚Geometrie‘ in diesen Intervallen zu ‚entschlüpfen‘ droht.

Ich verstehe Flusser dahingehend, daß die Geometrie eine Wissensform ist, die vor allem auf das Schauen zurückzuführen ist. Worte wie ‚Theorie‘ und ‚Idee‘ verweisen auf den Vorrang des Augenscheins. Sichtbare Formen wie Linien und Flächen bilden aber Kontinuen. Sie lassen sich nur schwer in Zahlen und Punkte übersetzen. Das gelang erst, als die Differenzialrechnung erfunden wurde: „Es geht darum, die Intervalle zu stopfen, um die denkende fuer die ausgedehnte Sache adaequat zu machen. Dies geschieht zuerst dank analytischer Geometrie (das Anheften von Zahlen an Punkte), und dann dank Differenzialrechnung, (dem Einfuehren von Zahlen, welche den Intervall zwischen den ‚natuerlichen‘ Zahlen integrieren).“ (Flusser 1989, S.2/29)

Seitdem es Computer gibt, die uns die für die Umsetzung von Zahlen in Kontinua notwendige, aufwendige Rechenzeit abnehmen, können auf diese Weise künstliche bzw. „alternative“ Welten geschaffen werden. Flusser geht sogar so weit, zu behaupten, daß die Existenz von künstlichen Welten, die durch das Zusammenspiel von Hardware und Software erzeugt werden, beweist, daß auch unsere reale, analoge Welt letztlich digital ist: „Was uns die komputierten Welten zeigen ist nicht eine Simulation der objektiven Welt, sondern sie zeigen, dass die objektive Welt selbst komputiert ist. Die Prozesse und die Objekte, die da aus ihnen emportauchen, sind nicht irgendwie ‚an sich‘ da, sondern sie sind wahrgenommene Phaenomene, und diese Wahrnehmungen sind von unserem Nervensystem aus digital empfangenen Reizen komputiert worden. ... Die alternativen Welten und die angeblich objektive haben die gleiche ontologische Wuerde.“ (Flusser 1989, S.4/31)

Damit haben wir es nicht mehr nur mit einem ‚Rückschlag‘ auf unser Bewußtsein zu tun, sondern mit einem Rückschlag auf die reale Welt selbst. Das Wort ‚Simulation‘ verliert seinen Sinn. Wo alles gleichermaßen ‚real‘ ist, wird auch nichts mehr simuliert.

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