Mittwoch, 12. August 2015

Michael Pauen/Harald Welzer, Autonomie. Eine Verteidigung, Frankfurt a.M. 2015

(S. Fischer Verlag, gebunden, 328 S., 19,99 €)

1. Zusammenfassung
2. Experimente I: Meßkriterien
3. Experimente II: Design
4. Experimente III: Kasuistik
5. Differenz von Innen und Außen
6. Spielräume
7. Vorschläge zur Verteidigung der Autonomie

Pauen/Welzer verknüpfen mit ihrer Verteidigung der Autonomie eine Reihe von Experimenten, in denen davon ausgegangen wird, daß die Autonomie eine meßbare Persönlichkeitseigenschaft ist. Ähnlich wie beim Intelligenzquotienten wollen sie eine Art ‚Autonomiequotienten‘ – in ihren Worten eine „Autonomieskala“ (vgl. Pauen/Welzer 2015, S.147, 150) – errechnen, die den Individuen unterschiedliche Autonomiegrade zuordnet: „Wichtig ist nur, dass wir besonders starke und besonders schwache Überzeugungen voneinander unterscheiden können, und das erscheint machbar.“ (Pauen/Welzer 2015, S.25f.)

Unabhängig vom Sinn oder Unsinn eines solchen Unterfangens möchte ich in diesem Post nur die Meßkriterien diskutieren, die die Autoren verwenden könnten, um mit deren Hilfe einen Fragebogen zu konzipieren, der dazu dienen soll, den jeweiligen individuellen Autonomiegrad festzustellen. (Vgl. Pauen/Welzer 2015, S.147ff.) Im Vorfeld dieser empirischen Studie und der auf ihr basierenden Experimente, also vor allem auf den vorangegangenen ca. 140 Seiten Ihres Buches, haben die Autoren verschiedene Aspekte des Autonomiebegriffs diskutiert, die als solche Meßkriterien in Frage kommen.


Ein erstes mögliches Meßkriterium wäre die aus dem Widerstand von Autonomie hemmenden Umständen hervorgehende Intensität der Handlungsmotive bzw. der Willensstärke der Individuen: „Damit besitzen wir schon eine ganz gute Grundlage für die Unterscheidung zwischen verschiedenen Graden von Autonomie. Gleichzeitig wird damit sichtbar, dass es sinnvoll ist, Autonomie als eine Eigenschaft zu beschreiben, die mal mehr, mal weniger stark auftritt – auch wenn die genaue Bestimmung der Stärke ein eigenes Problem ist.“ (Pauen/Welzer 2015, S.26)

Pauen/Welzer sprechen auch die Notwendigkeit einer Begrenzung des Autonomieanspruchs an: „Autonomie lässt sich aber schon einfach deshalb nicht beliebig steigern, weil menschliche Handlungsspielräume notwendigerweise dort an ihre Grenzen stoßen, wo sie andere Ansprüche verletzen ...“ (S.107) – Jenseits dieser Grenze verkehrt sich die Autonomie in ihr Gegenteil und führt zur Heteronomie. Die Grenze der vom Kriterium der Intensität gemessenen individuellen Autonomie besteht in der Autonomie des sozialen Anderen und in der ‚Ökologie‘ der natürlichen Umwelt. Intensität geht in Rücksichtslosigkeit über.

Ein weiteres mögliches Meßkriterium bestünde in der Häufigkeit bzw. in der Frequenz von an einzelnen Individuen beobachteten autonomen Handlungen: „Offenbar gibt es Menschen, die häufig in der Lage sind, frei zu handeln. Andere dagegen vermögen dies nur selten. Der Autonomiebegriff, so wie er hier verstanden wird, dient dazu, diese Unterschiede zu erfassen.“ (Pauen/Welzer 2015, S.34)

Auch die Frequenz autonomer Handlungsakte hat ihre Grenze an der Autonomie des Anderen. Wo jeder jederzeit und dauerhaft seinen Willen durchsetzt, geht das notwendigerweise auf Kosten der Handlungsspielräume der anderen. Die natürliche Umwelt ist von diesem Kriterium weniger betroffen, weil die Natur von Naturgesetzen bestimmt wird und nicht von Handlungsspielräumen. Wie Rousseau schon in seinem „Emile“ (1762) feststellt, regt sich niemand über die ‚Ungerechtigkeit‘ von Naturgewalten auf. Der kleinste Vorteil unseres Nachbarn aber, durch den wir uns eingeschränkt fühlen, versetzt uns in Empörung.

Ein drittes Meßkriterium wäre der Individualisierungsgrad von Autonomie, den Wilhelm von Humboldt übrigens mit Bildung gleichsetzt. Pauen/Welzer bezeichnen die Autonomie als eine „Persönlichkeitseigenschaft“, die „bei verschiedenen Menschen unterschiedlich stark ausgeprägt ist“. (Vgl.Pauen/Welzer 2015, S.147)

Das Wort „Persönlichkeitseigenschaft“ geht über Merkmale wie ‚Intensität‘ und ‚Frequenz‘ hinaus und bezieht den Gesamtzustand der Person mit ein. Von einer wirklichen Grenze dieses Autonomieanspruchs kann man eigentlich nicht sprechen, es sei denn sie liegt im Individuum selbst. Humboldt legt großen Wert darauf, daß ‚Autonomie‘ für jedes Individuum etwas anderes bedeutet und dem Gesamtzustand seiner Person proportional entsprechen muß. Goethe folgerte übrigens aus demselben Grund, daß mit der Verwendung von Technologien in der Wissenschaft, also mit der instrumentellen Steigerung ihres Handlungspotentials im Bereich der Forschung eine ebenso hohe (charakterliche) Bildung des Wissenschaftlers einhergehen müsse.

Ein letztes Meßkriterium ist nicht mit Momenten der Person und ihres Verhaltens verknüpft, sondern mit den Situationen, in denen sie autonomes Verhalten an den Tag legt: „Primär werden die individuellen Entscheidungen und Handlungen durch soziale Bedingungen bestimmt ... Entsprechend lassen sich Situationen danach unterscheiden, ob sie größere oder geringere Spielräume für autonomes Verhalten vorsehen.“ (Pauen/Welzer 2015, S.162)

Eine Grenze dieses Autonomieanspruchs ergibt sich aus dem Verhältnis von Individuen und Gesellschaft. So hält Wilhelm von Humboldt z.B. fest, daß eine Gesellschaft sich insgesamt auf einem umso höheren Bildungsniveau befinde, je mehr Mannigfaltigkeit, also Unterschiedlichkeit, sie unter den Individuen zulassen kann, ohne auseinanderzubrechen. Im Umkehrschluß kann man daraus folgern, daß die Verschiedenheit der Individuen ihre Grenze am gesellschaftlichen Zusammenhalt hat.

Pauen/Welzer entscheiden sich für das dritte Meßkriterium, ohne die anderen in Frage kommenden Meßkriterien zu diskutieren. (Vgl. Pauen/Welzer 2015, S.147) Anstatt sich für ein bestimmtes Meßkriterium zu entscheiden, hätte man natürlich auch in Betracht ziehen können, alle vier Meßkriterien zu verwenden und den Fragebogen entsprechend differenziert auszugestalten. Daß die Autoren so etwas möglicherweise im Sinn gehabt haben, deutet sich darin an, daß sie ihre Autonomieskala als „Multidimensionale AUtonomieSkala“ (MAUS) bezeichnen. ‚Multidimensional‘ kann eigentlich nur meinen, daß sich der Fragebogen auf mehrere verschiedene Meßkriterien stützt. Aber die bloße Bezeichnung als solche ist für ein wissenschaftliches Konzept einfach zu wenig. Eine Offenlegung der Kriteriendiskussion unter den Autoren und ihren Mitarbeitern wäre unbedingt wünschenswert gewesen.

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