Sonntag, 13. Januar 2013

Jürgen Habermas, Theorie des kommunikativen Handelns. Bd.1: Handlungsrationalität und gesellschaftliche Rationalisierung, Frankfurt a.M. 3/1985 & Bd.2: Zur Kritik der funktionalistischen Vernunft, Frankfurt a.M. 3/1985

1. Individuell oder singulär?
2. Grundbegriffe und Grenzbegriffe
3. Gemeinschaft als Kommunikationsgemeinschaft
4. Systemisch Unbewußtes
5. Kolonialisierung der Lebenswelten
6. Interdisziplinarität in den Grenzen eines methodologischen Dualismus
7. Transzendenz als Ebenendifferenz
8. Rollen versus Masken
9. Entwicklungsdynamiken als Lernprozeß

In einem Zeitungsartikel (ZEIT-ONLINE, 10.12.2009) nimmt Jürgen Habermas zu Michael Tomasellos Thesen in dessem Buch „Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation“ (2009) Stellung. (Vgl. meine eigenen Rezensionen zu Tomasellos Buch in meinen Posts vom 25.26. und 27.04.2010) Dabei setzt sich Habermas insbesondere von Tomasellos zentraler These ab, daß der Ursprung der menschlichen Sprache in einer individuellen Bewußtseinsleistung liege: „Für das Zustandekommen einer kommunikativen Beziehung zwischen Sprechern halten ‚Intentionalisten‘ wie Paul Grice und John Searle das rekursive Erkennen von Intentionen (‚Ich weiß, dass er weiß, dass ich weiß …‘) für nötig. Nach dieser Lesart kann auch eine primitive Zeigegeste erst auf der Grundlage ‚wechselseitigen Wissens‘ funktionieren. Erst der von gemeinsamer Aufmerksamkeit gesteuerte Aufbau geteilten Wissens soll die kommunikative Verwendung und das Verstehen von Zeichen ermöglichen.“ (ZEIT-ONLINE 2009)

In seinem philosophischen Hauptwerk „Theorie des kommunikativen Handelns“ (2 Bde., 3/1985) – auf das ich mich in diesen Posts hauptsächlich beziehen werde, obwohl Habermas einige seiner darin vertretenen Thesen seitdem im Lichte neuerer medizintechnischer Entwicklungen modifiziert hat (vgl.u.a. „Die Zukunft der menschlichen Natur. Auf dem Weg zu einer liberalen Eugenik?“ (2001)) – wirft Habermas der „intentionalen Semantik“ von Grice vor, daß es sich bei der rekursiven Versicherung wechselseitiger Kommunikationsabsichten, die sie „zum Originalmodus der Verständigung stilisiert“, nur um einen „abgeleitete(n) Modus der Verständigung“ handelt, auf den die Kommunikationspartner nur dann zurückgreifen, wenn ihnen „der Weg direkter Verständigung verlegt ist“. (Vgl.Bd.1: S.371)

Tomasello verbindet mit dem rekursiven, Kommunikation allererst ermöglichenden Mechanismus des „Ich weiß, dass er weiß, daß ich weiß …“ die wiederum bloß individuellen Kommunikationsmotive des „Helfens“ und „Mitteilens“, die Habermas als „‚prosoziale()‘ Neigungen“ (ZEIT-ONLINE 2009) bezeichnet. Habermas hält die Hinzuziehung von individuellen Kommunikationsmotiven für „bemüht“ (ZEIT-ONLINE 2009), weil er meint, daß sie nur dazu dienen, das begründungsbedürftige  „rekursive Erkennen“ (ZEIT-ONLINE 2009) zu stützen, womit er suggeriert, daß Tomasello gezwungen sei, auf eine umständliche, wenig elegante und eigentlich überflüssige Argumentationsstrategie zurückzugreifen.

Demgegenüber legt Habermas sein eigenes Konzept als die elegantere Alternative nahe, da sie auf solche, das individuelle Bewußtsein ‚bemühende‘ Begründungsbehauptungen verzichten könne: „Die evolutionäre Geschichte müsste etwas anders erzählt werden, wenn man davon ausgeht, dass für die ursprüngliche kommunikative Verwendung von Gesten kein anspruchsvolles rekursives Erkennen nötig ist. Symbolen sieht man gewissermaßen ihre Kommunikationsfunktion an. Wer Symbole verwendet, äußert in einem mit deren semantischem Gehalt eine kommunikative Absicht. Auch dem Kind kommt diese Absicht als solche erst im Verlaufe des Spracherwerbs so weit zu Bewusstsein, dass es dann – mithilfe ‚rekursiven Erkennens‘ – in der Lage ist, einen Partner zu täuschen.“ (ZEIT-ONLINE 2009)

Die elegantere Alternative des Habermasschen Konzepts liegt also darin, bei der Suche nach dem Ursprung der Sprache nicht weiter zurückgehen zu müssen als bis auf die Ebene der Gesten und Symbole selbst, die in sich schon alle nötigen normativen und semantischen Implikationen enthalten, die man ihnen dann im Akt der Kommunikation nur noch ‚anzusehen‘ braucht, um den kommunikativen Akt gelingen zu lassen.

Es gibt eine kleine Szene in Terry Pratchetts neuem Buch „Dodger“ (2012), die den wunden Punkt in Habermasens Argumentation aufzeigt. Als ihm eine kleine Ratte über die Füße läuft, fragt sich Dodger: „Was that a sign? He really wanted a sign. There ought to be signs, und if there was a sign there should be a sign on it to show that it was a sign so that you definitely knew it was a sign. Was it a sign, or was it just a rat? Oh well, what was the difference?“ (Pratchett 2012, S.278) – Habermas bleibt nämlich immer noch die Antwort auf die Frage schuldig, was genau es ist, das uns erkennen bzw. sehen läßt, daß es sich bei den „unselbständigen Handlungen“, als die Habermas die körperlichen Bewegungen deklariert – die Ratte in Pratchetts „Dodger“ –, um Gesten und Symbole handelt.

Nach Habermas werden jedenfalls die in den Gesten und Symbolen verobjektivierten Rationalitätskriterien durch ihren Gebrauch verflüssigt bzw. ‚lebendig‘ und beginnen nun das kommunikative Handeln der „Aktoren“, wie Habermas die Gesprächspartner in seiner „Theorie des kommunikativen Handelns“ immer nennt, zu ‚steuern‘. Ähnlich wie Merleau-Ponty hinsichtlich des „ursprünglichen Sprechens“ (vgl. meinen Post vom 21.11.2011) spricht Habermas von einem „Prozess“ der „Verschmelzung“ von „Kognition“ und „Kommunikation“, in welchem „tierische Gesten in symbolische umfunktioniert“ würden. (ZEIT-ONLINE 2009) – Was an diesem Konzept weniger umständlich und deshalb Tomasellos Konzept gegenüber vorteilhafter sein soll, bleibt Habermasens Geheimnis. Daß dieser geheimnisvolle Prozeß der Verschmelzung weniger begründungsbedürftig ist als das in dieser Hinsicht angeblich ‚anspruchsvollere‘ rekursive Erkennen, leuchtet mir nicht ein.

Was man aus Habermasens Bemerkungen zu Tomasellos Buch vor allem herauslesen kann, ist seine schon in seiner „Theorie des kommunikativen Handelns“ zum Ausdruck kommende Aversion gegen die „egologische“ Bewußtseinsphilosophie (vgl.Bd.2: S.196), in der „das ‚erlebende Subjekt‘ letzter Bezugspunkt der Analyse“ bleibe (vgl.Bd.2: S.198). Vielleicht ist es Habermasens Perspektive als „Sozialwissenschaftler“, die ihn daran hindert, das erlebende Subjekt als letzte Begründungsinstanz ernstzunehmen. Es erscheint ihm als bloß „singulär“ und als zu „vereinzelt“ (vgl.Bd.2: S.320), um mit ihm eine soziale Perspektive auf den Mitmenschen eröffnen zu können.

Mit dieser Kennzeichnung des erlebenden Subjekts geht auch eine Abwertung der Körperlichkeit einher. Die „körperlichen Bewegungen“ stellen bei Habermas nur „unselbständige Handlungen“ dar (Bd.1: S.145 (Anm. 161)), die zum kommunikativen Handeln des Menschen keinen eigenständigen Beitrag leisten, sondern nur dessen „Substrat“ bilden (vgl.Bd.1: S.144). Der Körper hat also keinen Anteil am Bewußtsein, etwa über die Haltung. Mit Plessner ausgedrückt: bei Habermas ‚hat‘ das Kommunikationssubjekt seinen Körper; aber es ‚ist‘ nicht sein Körper.

Dieser Abwertung der körperlichen Dimension und des bloß erlebenden, nicht kommunizierenden Subjekts entspricht eine Aufwertung der „Dezentrierung“ von Weltbildern: „Kognitive Entwicklung bedeutet allgemein die Dezentrierung eines egozentrisch geprägten Weltverständnisses.“ (Bd.1: S.106) – Diese Dezentrierung bildet ein Kernelement des Habermasschen Rationalitätskonzepts. (Vgl.Bd.1: S.102f.) Im Auseinandertreten von kulturellen, gesellschaftlichen und persönlichen ‚Welten‘, die in ‚primitiven‘ Gesellschaften (vgl.Bd.1: S. 79, 81, 83) und in der Lebenswelt (vgl.Bd.2: S.332) noch ununterscheidbar miteinander „verwoben“ sind, liegt Habermas zufolge ein rationaler Lernfortschritt auf kultureller Ebene. (Vgl.Bd.1, S.102f.)

Paradoxerweise rechnet Habermas sogar „Zurechnungsfähigkeit und Autonomie“ nicht einem Individuum zu, das sich im Plessnerschen Sinne zu seiner ‚Mitte‘ zu ‚verhalten‘ weiß, also sich situationsadäquat ‚zentriert‘, sondern dem „Angehörigen einer Kommunikationsgemeinschaft“, der „sein Handeln an intersubjektiv anerkannten“ – sprich ‚dezentrierten‘ – „Geltungsansprüchen orientieren kann“. (Vgl.Bd.1: S.33f.)

Habermas ist deshalb nicht in der Lage, Tomasellos eigentliche Leistung, die ich in seiner Differenzierung von individuellem Lernen und kulturellem Lernen sehe, angemessen zu würdigen. Nicht von ungefähr gilt sein Lob für Tomasellos „ingeniöse() Forschungen“ vor allem jenen Partien seines Buches, die sich der Phase der Sprachentwicklung widmen, die „zwischen der ersten, durch Gesten vermittelten gemeinsamen Wahrnehmung und einer vollständig ausgebildeten soziokulturellen Lebensform“ liegt. (Vgl. ZEIT-ONLINE 2009) Die vorhergehende Phase, das individuelle Lernen, das der Mensch mit seinen Primatenverwandten gemeinsam hat, interessiert Habermas nicht. Tomasello bewertet aber die individuelle Kognition ganz und gar nicht geringer als die kulturelle bzw. soziale Kognition, zu der das kleine Kind erst ab dem neunten Lebensmonat fähig ist. (Vgl. auch meinen Post vom 24.05.2011) Und es gelingt ihm, auf plausible Weise zu zeigen, daß diese Entwicklung erst mit der Fähigkeit des vier- bis fünfjährigen Kindes ihren Höhepunkt erreicht, wo es zwischen beiden Formen des Lernens, dem individuellen und dem kulturellen, hin und her springen kann.

Zu diesen kreativen Sprüngen befähigt uns eben nicht einfach und ausschließlich jene „komplexe() Fähigkeit“ – wie sie Habermas als die „entscheidende evolutionäre Errungenschaft“ darstellt –, „sich auf einen Artgenossen so einzustellen, dass beide in der gestenvermittelten Bezugnahme auf objektive Gegebenheiten dieselben Ziele verfolgen, also kooperieren können.“ (Vgl. ZEIT-ONLINE) Die soziale Dezentrierung bedarf der sie begleitenden individuellen Zentrierung, des von der sozialen Gruppe unabhängigen, im Körperleib fundierten subjektiven Erlebens, um als menschliches Denken und Lernen im eigentlichen Sinne verstanden werden zu können. Dieses Verhältnis von Dezentrierung und Zentrierung, von Zentrum und Peripherie bezeichnet Plessner übrigens als „exzentrische Positionalität“.

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