Freitag, 18. November 2016

Bettina Stangneth, Böses Denken, Reinbek bei Hamburg 2/2016

(rowohlt, Hardcover, 254 Seiten, 19,95 €)

1. Zusammenfassung
2. Unterscheidung von gut und böse
3. Formen des bösen Denkens
4. Grenzen des Denkens
5. Empathie als Kognition
6. Handlungssubjekte
7. Schlichtes Handeln

Einer der mit Kants Aufklärungsformel: „Habe Muth dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ (Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? (1784)) verbundenen Mißverständnisse besteht in der Verabsolutierung des dieser Formel zugrundeliegenden Autonomieanspruchs. Zu diesem Mißverständnis trägt auch Kants Hinweis bei, daß der Verstandesgebrauch „ohne Leitung eines anderen“ zu geschehen habe. Mit der Zurückweisung jeder fremden Autorität über den eigenen Verstand ist aber nur der Herrschaftsanspruch religiöser und politischer Instanzen gemeint, dem wir uns nicht unterwerfen dürfen. Die jahrtausendlange Gewöhnung, das Denken anderen zu überlassen, bezeichnet Kant auch als „selbstverschuldete Unmündigkeit“. Der „Muth“, dessen es Kant zufolge bedarf, selber zu denken, richtete sich also schon damals nicht nur gegen äußere gesellschaftliche Instanzen, sondern auch gegen die eigene innere Bequemlichkeit und Ängstlichkeit, die Dinge lieber so zu belassen wie sie angeblich sind.

Mittlerweile besteht eher die Gefahr, es sich auf andere Weise bequem zu machen. Wir haben uns so an den Anspruch gewöhnt, daß wir ein Recht auf unsere eigene Meinung haben und uns niemand vorzuschreiben hat, was wir denken dürfen und was nicht, daß es inzwischen für viele eine regelrechte Selbstüberwindung bedeutet, überhaupt noch den Verstand ihrer Mitmenschen ernstzunehmen und sich auf ihn einzulassen. Jeder Versuch, mit diesen Menschen ins Gespräch zu kommen, wird brüsk als Angriff auf die eigene Meinungsfreiheit zurückgewiesen. Man hat es sich so schön in seinem Meinungsbett behaglich gemacht, daß man es als eine Art Hausfriedensbruch wahrnimmt, wenn einen andere Menschen mit ihrer abweichenden Meinung behelligen.

Bettina Stangneth verweist auf eine neue Bewegung an den Universitäten in den USA, wo die Studenten ihre Gesprächs- und Lernverweigerung – denn jede Gesprächsverweigerung ist gleichbedeutend mit einer Lernverweigerung – als ein „the right to be comfortable“, ein Recht auf Behaglichkeit, deklarieren. (Vgl. Stangneth 2/2016, S.191f.) Stangneth spricht von einer grassierenden „Debattenangst“ unter den Studenten. (Vgl. Stangneth 2016, S.193) Wenn also heute vom Mut die Rede ist, dann hat sich die Situation um 180 Grad gewendet. Der Mut besteht nicht mehr darin, dem Autoritätsanspruch gesellschaftlicher Instanzen die Stirn zu bieten, sondern sich wieder auf das Gespräch mit anderen Menschen einzulassen und dabei die eigene Meinung aufs Spiel zu setzen.

„Fremdbestimmung“ ist deshalb Stangneth zufolge auch nicht einfach das Gegenteil von Selbstbestimmung, sondern ein notwendiger Bestandteil davon:
„Die Welt und der Versuch, sie gemeinsam zu verstehen, bedeutet auch zu akzeptieren, dass Fremdbestimmung insbesondere für den mündigen Bürger sogar notwendig ist: (Sie) ist nämlich die Welt. Es sind die Tatsachen, die uns nicht freilassen, zu tun und zu lassen, was wir wollen. Wissenschaftliche Erkenntnisse gehören keinem Einzelnen, sie sind nicht in seiner Verfügbarkeit, denn Evidenz ist schlicht Zwang, so wie uns auch Vernunft bindet und nicht freilässt.“ (Stangneth 2/2016, S.189) 
Unser Denken ist immer schon an der Welt begrenzt, und das nicht einfach nur in einem negativen Sinn, sondern im Sinne eines positiven Voraussetzungsverhältnisses. Ohne ‚Welt‘, also ohne Fremdbestimmung, kein Denken, weshalb Stangneth zufolge die undifferenzierte Ablehnung jeder Fremdbestimmung letztlich zur „Selbstentmachtung des Denkens“ führt. (Vgl. Stangneth 2/2016, S.239)

Das läßt sich besonders gut an den Folgen der Gesprächsverweigerung zeigen. Selbst- und Fremdbestimmung sind im Gespräch rekursiv aufeinander bezogen: so wie ich mich in meinem Denken durch das Denken meines Gesprächspartners bestimmen lasse, läßt sich auch mein Gesprächspartner in seinem Denken von meinem Denken bestimmen. Michael Tomasello bezeichnet das als Rekursivität, die das Grundprinzip der menschlichen Kognition bildet, die wiederum in der geteilten Intentionalität besteht. (Vgl. Michael Tomasello, Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens. Zur Evolution der Kognition, Frankfurt a.M. 2002) Wer sich dieser geteilten Intentionalität verweigert, fällt auf die Stufe der Schimpansenkognition zurück.

Die Basis der geteilten Intentionalität besteht wiederum im gegenseitigen Vertrauen, daß der Andere uns nicht übervorteilen und hintergehen wird. Auch Bettina Stangneth kommt auf dieses Vertrauen zu sprechen, wenn sie die von der modernen Mobilitätsinfrastruktur geprägte Befindlichkeit von Reisenden beschreibt:
„Die wenigsten, die dieses selbstbewusste und neugierige Wandern durch die Welt und die vielen Begegnungen mit Menschen kennen, machen sich bewusst, was für eine gewaltige Leistung nötig ist, um ein Reisender zu sein. Sie müssen vertrauen, nämlich darauf, dass Menschen aus Neugierde Wissen von der Welt erwerben und bereit sind, es aufrichtig zu teilen; und auf Ihre Fähigkeit, eigenständig zu denken und zu urteilen; und auf dieses ganz besondere Medium, in dem wir beides verbinden und erweitern können: das Gespräch.“ (Stangneth 2/2016, S.233)
Was Bettina Stangneth hier als „gewaltige Leistung“ beschreibt, ist aber gar nicht so ‚gewaltig‘, wie sie meint, sondern Tomasello zufolge Teil der Naturgeschichte der menschlichen Kognition. Es bedarf zu diesem Vertrauen keiner eigenen kognitiven Anstrengung. Hier zeigt sich ein Problem der Stangnethschen Konzentration auf das Denken. Sie überbewertet die Möglichkeiten der Kognition und vergißt dabei, daß auch diese Kognition noch in unsere Körperleiblichkeit eingebettet ist. Selbst- und Fremdbestimmung unseres Denkens verweisen nicht einfach nur auf weltbezogene Grenzen, die die Evidenz des Faktischen uns zieht. Sie verweisen auch auf unsere eigene körperlich geprägte Leiblichkeit. Dazu mehr im nächsten Post.

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