Freitag, 30. Oktober 2015

Axel Meyer, Adams Apfel und Evas Erbe. Wie die Gene unser Leben bestimmen und warum Frauen anders sind als Männer, München 2015

(C.Bertelsmann, 416 S., gebunden, 19,99 €)

2. Methode I: Genauigkeit
3. Methode II: Polemik
4. Methode III: Korrelation
5. Geschlecht (Sex)
6. Intelligenz
7. Sinn des Lebens
8. Genom und Gehirn

Der Begriff der ‚Intelligenz‘ ist hochproblematisch. Mit diesem Begriff ist der Anspruch verbunden, eine geistige Fähigkeit empirisch messen zu können. Auch Axel Meyer weist auf die damit verbundene Problematik hin: „Allerdings geht es bei Intelligenz um intrinsisch schwer quantifizierbare geistige Fähigkeiten. Intelligenzunterschiede sind daher auch offensichtlich nicht so leicht zu messen wie etwa Körpergröße.“ (Meyer 2015, S.257)

Bei den üblichen phänotypischen Merkmalen reicht es aus, sie zu beobachten. Sie ‚geben‘ sich dem Beobachter, ohne daß es irgendwelcher zusätzlicher Maßnahmen bedarf, um sie sichtbar zu machen. Für die ‚Intelligenz‘ bedarf es aber einer vorweggenommenen Definition, um sie ‚beobachten‘ zu können: „Denn zuallererst muss hinreichend genau definiert werden, was exakt gemessen werden soll, damit das Ergebnis auch objektiv, ohne Bias – statistische Verzerrung –, nachvollziehbar und reproduzierbar ist.“ (Meyer 2015, S.257)

Hinzu kommt, daß es Meyer nicht nur um die Intelligenz, sondern um die Erblichkeit der Intelligenz geht. (Vgl. zur Erblichkeit meinen Post vom 28.10.2015) So kommen gleich zwei problematische Begriffe zusammen. Tatsächlich gibt es nicht nur eine einzige gültige Definition von Intelligenz, sondern mehrere. Es gibt z.B. fluide und kristalline Intelligenz:
„Fluide Intelligenz ist die Fähigkeit, abstrakt induktiv und deduktiv zu denken und Probleme zu lösen (Rätsel, Mustererkennung, Problemlösungsstrategien), unabhängig von Lernen, Erfahrung oder Erziehung. Kristalline Intelligenz dagegen basiert auf Lernen und Erfahrung. Tests zu dieser Form von Intelligenz beinhalten daher auch Fragen zu Lese- und allgemeinem Verständnis, Analogien, Wortschatz und Faktenkenntnis. Sie kann mit zunehmendem Lebensalter (zumindest bis 65 Jahre) anwachsen, während fluide Intelligenz in der Jugend am höchsten ist und ab einem Alter von 30 bis 40 Jahren abzunehmen beginnt.“ (Meyer 2015, S.257)
Demnach bin ich übrigens längst aus dem ‚fluiden‘ Intelligenzalter heraus und ins Alter der ‚kristallinen‘ Intelligenz eingetreten. Interessant ist dabei, daß die kristalline Intelligenz dem entspricht, was die Erziehungswissenschaftler ‚Bildung‘ nennen, also einer von Lernen und Erfahrung abhängigen Bewußtseinsebene. Hier, sollte man denken, dürfte die Erblichkeit der Intelligenz am wenigstens Einfluß haben. Aber weit gefehlt: „Im Erwachsenenalter fällt der IQ auf das genetische Niveau zurück, egal, wie gut vorher gefördert wurde.() ... Der Einfluss der Umwelt ist also bis zur Pubertät beträchtlich, verringert sich jedoch mit zunehmendem Alter, bis die Ausprägung der Intelligenz hauptsächlich durch die genetische Komponente bestimmt ist ... .“ (Meyer 2015, S.267)

Mit anderen Worten: Im Alter ist die Erblichkeit der Intelligenz am größten, während sie bei kleinen Kindern und Pubertierenden am geringsten ist. Das ist an sich schon ein merkwürdiges Phänomen und ein weiteres Beispiel dafür, daß ‚Erblichkeit‘ insbesondere bei einem Phänomen wie Intelligenz ein mathematisches Konstrukt bildet, das der eigentlichen zugrundeliegenden Bewußtseinsqualität nicht entspricht. Dazu kommt noch der Widerspruch, daß kristalline Intelligenz auf Lernen und Erfahrung beruht und mit zunehmendem Alter anwächst, der (mathematischen) Erblichkeitsbestimmung zufolge aber die Intelligenz im Alter auf das „genetische Niveau“ zurückfällt. Hier kann irgendetwas nicht stimmen.

Die Notwendigkeit, ‚Intelligenz‘ zu definieren, bevor man sie ‚beobachten‘ und untersuchen kann, öffnet natürlich Tür und Tor für Ideologien aller Art. Das  ist ganz selbstverständlich und sollte eigentlich nicht weiter verwundern. Axel Meyer findet das allerdings nicht nur verwunderlich, sondern sogar erschreckend: „Die Aggressionen und die ideologische Voreingenommenheit, mit denen diese Debatte (zur Erblichkeit der Intelligenz –DZ) immer wieder geführt wird, sind erschreckend.“ (Meyer 2015, S.253)

Meyer kommt hier nicht etwa auf die Idee, daß der Ideologieverdacht nicht nur auf die Kritiker der Intelligenzforschung zu beziehen sein könnte, sondern möglicherweise auch auf die damit befaßten Wissenschaftler: „Das sollte die Wissenschaft jedoch nicht davon abhalten, sich kritisch und konstruktiv mit diesem Thema von offensichtlich gesellschaftlicher Relevanz, beispielsweise im Hinblick auf die Berufswahl, auseinanderzusetzen.() Fragen und Forschen muss erlaubt sein, auch wenn die Antworten möglicherweise dem Geist des politischen Mainstream und der politischen Korrektheit nicht entsprechen mögen.“ (Meyer 2015, S.253)

Der Ideologieverdacht, den Meyer hier für ‚die‘ Wissenschaft zurückweist, ergibt sich aus dem Hinweis auf die offensichtliche gesellschaftliche Relevanz der Intelligenzforschung. Denn, wie Meyer selbst zugibt, für das Individuum hat die ‚Erblichkeit‘ der Intelligenz keinerlei Bedeutung. Erblichkeitsberechnungen sind Populationsschätzungen, und diese „bezieh(en) sich nicht unmittelbar auf das Individuum, sondern sag(en) nur mehr oder weniger genau, abhängig von der Erblichkeit, den Durchschnitt aller Nachfahren eines Elternpaares voraus“. (Vgl. Meyer 2015, S.68)

Hinzukommt, daß sich die der Erblichkeit zugrundeliegenden Gene nicht linear auf den individuellen Phänotyp auswirken: „Ein Individuum ist immer auch das Produkt von Umwelteinflüssen, die auf manche Merkmale stärker und auf andere geringer einwirken, sowie von Interaktionen zwischen Genen und Umwelt.“ (Meyer 2015, S.28). – Deshalb sind „genauere statistische Prognosen für das Individuum“ nicht „ohne Weiteres möglich“. (Vgl. Meyer 2015, S.57)

Der einzige Grund, warum solche Erblichkeitsmessungen gemacht werden, ist die Vorhersage des schulischen und beruflichen Erfolgs einer ‚Population‘ von Kindern und Schülern: „Sie (die Intelligenztests – DZ) wurden zuerst in Frankreich von Alfred Binet mit dem Ziel entwickelt, leistungsschwächere Kinder zu identifizieren, um sie dann gezielter fördern zu können. Nebenbei bemerkt: Die Vorhersagekraft dieser Tests in Bezug auf den Schulerfolg – wie immer der auch definiert sein möge – ist hoch.()“ (Meyer 2015, S.257f.)

Axel Meyer fügt hinzu, daß es „eine eindeutige Korrelation zwischen IQ und Schulerfolg und eine weniger enge, aber immer noch statistisch signifikante zwischen IQ und der Höhe des Einkommens“ gibt. (Vgl. Meyer 2015, S.267) – Intelligenztests bieten also staatlichen Administrationen die Möglichkeit, den zu erwartenden schulischen ‚Output‘ an Arbeitskräften zu verwalten. Aus pädagogischer Perspektive hat so ein Intelligenztest überhaupt keine Relevanz, auch wenn das obige Zitat zu Alfred Binet so eine Relevanz behauptet. Leistungsschwächere Kinder – im welchem Sinne eigentlich ‚leistungsschwächer‘? – müssen nur im Rahmen einer größeren Lerngruppe, etwa einer Schulklasse, gezielt gefördert werden. Wir haben es also nicht mit einer genuin pädagogischen Praxis zu tun, in der jedes Kind seine individuelle Förderung bekommt, die ihm zusteht, sondern mit einer ‚Lernverwaltung‘, in der sich die Aufmerksamkeit des Pädagogen – je nach politischer Vorgabe – mal mehr auf die leistungsschwächeren (Stichwort ‚Benachteiligte‘), mal mehr auf die leistungsstärkeren (Stichwort ‚Hochbegabte‘) Schüler richtet.

Eine wirklich individuelle Förderung des Schülers findet nur dort statt, wo wie in Rousseaus „Emile“ jeder Lehrer nur einen Schüler hat. Damit will ich nicht die pädagogische Notwendigkeit von gesellschaftlichen Einrichtungen wie der Schule bestreiten. Aber ich denke, daß Intelligenztests in solchen Einrichtungen niemals ideologiefrei sein können.

Axel Meyer geht sogar so weit, mit der Erblichkeitsmessung von Intelligenz die Festlegung einer genetischen Obergrenze zu verbinden: „Die Gene bilden im Hinblick auf Intelligenz die Obergrenze, die auch bei noch so guten Umweltbedingungen nicht überschritten werden kann. Gute Umweltbedingungen erlauben es, das genetisch Maximale zu erreichen, schlechte hingegen hindern das genetische Potenzial an seiner Manifestation.“ (Meyer 2015, S.264)

An dieser Stelle berücksichtigt Meyer nicht das individuelle Verhalten, das von den Genen unabhängige Spielräume des Denkens und Handelns eröffnet. Ich spreche in diesem Zusammenhang immer von Rekursivität, und diese Spielräume kennen keine Obergrenze, es sei denn die eines begrenzten „Arbeitsgedächtnisses“, das Meyer ebenfalls zu den Intelligenzmerkmalen zählt. (Vgl. Meyer 2015, S.257) An dieser Stelle stimme ich ihm ausdrücklich zu. Der denkende Mensch, der sich im Kantischen Sinne seines eigenen Verstandes bedient, ohne sich von ‚Ideologen‘ oder Autoritäten beeinflussen zu lassen, ist jeder Zeit in der Lage, die Perspektive oder die Denkebene zu wechseln, wenn er sich an einem Problem festgebissen hat und nicht mehr weiterkommt. Dieser Perspektivenwechsel ist nicht von der Intelligenz abhängig, aber anscheinend schon vom Arbeitsgedächtnis. Menschen scheinen nur maximal fünf verschiedene ‚Ebenen‘ bzw. Perspektiven überschauen bzw. einnehmen zu können. (Vgl. meine Posts vom 25.07.2011 und vom 12.02.2012) Das scheint an der Begrenztheit des Arbeitsgedächtnisses zu liegen.

Aber auch hier gibt es einen Kunstgriff, mit dem wir die Zahl der Denkebenen trotzdem erhöhen können: wir müssen uns einfach nur Geschichten erzählen. In Geschichten können wir die Handlungen der Protagonisten mühelos über scheinbar beliebig viele Ebenen verfolgen. Aber von solchen Geschichten hält Meyer nicht sehr viel: „Generell kann man kaum Schlüsse aus Anekdoten ziehen. Manche mögen da ein Narrativ ausmachen. Mich macht so ein Wort eher misstrauisch, denn es sind Geschichtchen, deren wissenschaftlicher Wert gegen null geht.“ (Meyer 2015, S.339) – Schade.

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Kommentare:

  1. Da ich selber einmal Geschichten erzählen will, fühle ich mich da fast persönlich angegriffen von solchen Aussagen. Geschichten waren ja schon da, um Wissen auf irgendeine Weise weiterzugeben, auf ihre eigene Art, während es zwar Technik und Handwerk gab, aber definitiv noch keine wirklichen Naturwissenschaften.
    Selbst wenn sie der Technik keinen Fortschritt bringen, leisten sie der Menschheit ja auch einen Dienst.

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  2. Inwiefern Technik und Fortschritt zwingend eine Einheit bilden sollen, ist für mich sowieso sehr die Frage.

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