Montag, 2. Februar 2015

Hermann Parzinger, Die Kinder des Prometheus. Eine Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift, München 2/2015

(Verlag C.h. Beck, 848 Seiten mit 120 Abbildungen, davon 60 in Farbe, und 19 Karten, Leinen 39,95 €)

1. Zusammenfassung
2. Methode I: Lückenhaftigkeit der Befunde
3. Methode II: kulturelle Modernität
4. Körperleib und Bruch

Bevor ich auf Parzingers Methodik eingehe, möchte ich noch ein paar Worte zum Buch selbst schreiben. Es fällt auf, daß in einem Buch, dessen Autor einen wissenschaftlichen Anspruch erhebt, die verschiedenen Aussagen, die in ihm gemacht werden, an keiner Stelle über Verweise zur Fachliteratur belegt werden. Parzinger geht nicht einfach nur sparsam mit solchen Verweisen um. Er verzichtet vielmehr völlig darauf. Stattdessen befindet sich am Ende des Buches ein umfangreiches Literaturverzeichnis, das pauschal für das gesamte Buch auf die zu seinem Thema gehörige Fachliteratur verweist. (Vgl. Parzinger 2/2015, S.735-821)

Wer sich aber als Leser einen pauschalen Überblick über die dem Buch zugrundeliegende Fachliteratur verschaffen will, wird erheblich dadurch behindert, daß der Autor die Literatur kapitelweise ordnet. Bei 16 Kapiteln bedeutet das, daß der Leser es mit 15 verschiedenen Literaturverzeichnissen zu tun hat (für das sechzehnte Kapitel verzichtet der Autor auf ein Literaturverzeichnis). Der Leser ist also gezwungen, 15 verschiedene Literaturverzeichnisse zu durchblättern, um die vom Autor verwendeten Belege annähernd beurteilen zu können. Ich frage mich, warum der Autor es seinem Leser so schwer macht und ob er sich mit seinem Buch vielleicht nur an ein Laienpublikum wendet, das seiner Ansicht nach an wissenschaftlichen Belegen nicht sonderlich interessiert ist.

Dazu paßt, daß Parzinger die Quellen zu den von ihm verwendeten Abbildungen und Karten im Anhang zwar nachweist (vgl. Parzinger 2/2015, S.822ff.), aber zu Abbildungen und Karten selbst leider detailliertere Legenden fehlen. Es gibt meist nur kurze, pauschale Hinweise auf die Themen dieser Abbildungen, die aber oft eine größere, oft auch durchnummerierte Anzahl von Artefakten oder graphischen Elementen beinhalten. Diese einzelnen Bildelemente, wie etwa Steinwerkzeuge, Skulpturen und Keramikfragmente, werden in der Legende nicht entsprechend aufgelistet, und so bleibt für den Leser letztlich unklar, was genau da im Einzelnen abgebildet wird.

Zieht man neben den im letzten Post erwähnten, ausgesprochen detaillierten Ausführungen zu regionalen Entwicklungsverläufen den Umstand in Betracht, daß es zwar noch ein Register geographischer Begriffe (vgl. Parzinger 2/2015, S.828ff.) und ein Register archäologischer Kulturen (vgl. Parzinger 2/2015, S.844ff.) gibt, aber ein Autoren- und Personenregister fehlt, erweckt Parzingers Buch insgesamt eher den Eindruck eines Lexikons als einer Monographie.

Soweit ich bei meiner Recherche durch das kapitelweise zergliederte Literaturverzeichnis nicht völlig verwirrt worden bin, fällt mir insbesondere auf, daß zwei Namen nicht auftauchen: Jan Assmann und André Leroi-Gourhan. Was Jan Assmann betrifft, läßt sich das vielleicht dadurch erklären, daß Parzingers Hauptthese in der weitgehenden Irrelevanz der Schrift für die Geschichte der Menschheit besteht. Allerdings wäre es wünschenswert gewesen, wenn Parzinger seinen Ansatz durch eine fundierte Auseinandersetzung mit Vertretern der gegenteiligen These begründet hätte. Und dazu hätte unbedingt Jan Assmann gehört.

Das Fehlen von André Leroi-Gourhan läßt sich aber nun überhaupt nicht rechtfertigen. Immerhin hat Leroi-Gourhan sich intensiv im Detail mit der eiszeitlichen Höhlenmalerei auseinandergesetzt (vgl. meine Posts vom 01.03. bis 08.03.201324.03.2013), der ja auch Parzinger eine prominente Position in der Menschheitsentwicklung einräumt (vgl. Parzinger 2/2015, S.77ff., 87f., 90, 93, 106, 109). Parzingers Aussagen zur Höhlenmalerei sind aber wiederum nur pauschalisierend und beinhalten kaum detailbezogene Analysen. Wenn Parzinger, gewissermaßen im ‚Vorübergehen‘, von den „Mythen und Geschichten“ spricht, die „vielleicht“ auf die „Eiszeitkunst“ eingewirkt haben könnten (vgl. Parzinger 2/2015, S.89), vermißt man die analytische Tiefenschärfe eines Leroi-Gourhan, der die Höhlenmalerei einem dreidimensionalen Graphismus zuordnet, der schon auf die spätere Schriftlichkeit vorausweist, aber noch von einer primären Mündlichkeit, eben durch „Mythen und Geschichten“ geprägt ist.

Damit komme ich aber auch schon zu dem von Parzinger hervorgehobenen grundsätzlichen methodischen Problem: bezogen auf Stein- und Knochenfiguren, insbesondere solche Mischfiguren aus Mensch und Tier („Löwenmensch“ (Parzinger 2/2015, S.81)) konstatiert Parzinger, daß man der „weit ausdifferenzierten geistigen Vorstellungswelt des Homo sapiens“ mit spekulativer Zurückhaltung begegnen sollte: „Wir sollten ihr zunächst einmal die Fremdheit zugestehen, mit der sie uns begegnet, ehe wir sie allzu eilfertig mit naheliegenden Hypothesen über frühen Schamanismus etikettieren und kommerzialisieren.“ (Parzinger 2/2015, S.80)

Mit dieser Mahnung zur Zurückhaltung hat Parzinger sicher sehr recht. Aber was bedeutet das für eine Wissenschaft wie die Archäologie, deren „Fundüberlieferung“, wie Parzinger nüchtern feststellt, durch „Lückenhaftigkeit und Zufälligkeit“ gekennzeichnet ist? (Vgl. Parzinger 2/2015, S.40) Wie bereitet sie die spärlichen Funde gerade zur bis zu sechs oder sieben Millionen Jahre zurückreichenden Frühzeit der Menschheitsgeschichte auf, die oft nur aus Knochensplittern und Zähnen bestehen? Ist eine Wissenschaft, die es mit solchen Minimalbefunden zu tun hat, nicht geradezu zur Spekulation verdammt? Spekulative Zurückhaltung würde letztlich nur dazu führen, sich damit zu begnügen, Knochensplitter und Zähne zu nummerieren und nach Fundort zu sortieren und sich jeder Mutmaßung über ihre Einordnung in einen Stammbaum, wie Parzinger ihn präsentiert (vgl. Parzinger 2/2015, S.20), zu enthalten.

Ohne Spekulation kommt also eine Frühgeschichte des Menschen nicht aus. Und deshalb ist es auch berechtigt, ‚fremd‘ anmutenden Steinfiguren und Höhlenbildern mit spekulativer Phantasie zu begegnen, solange diese Phantasie, wie bei Leroi-Gourhan, mit einem analytischem Verstand einhergeht. Von einem Buch zu einer Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift hätte ich mir jedenfalls mehr erwartet als Mahnungen, sich mit Spekulationen angesichts der „Fremdheit der Vorstellungswelt“ des frühen homo sapiens zurückzuhalten. Denn dann hätte Parzinger sein Buch gar nicht erst schreiben dürfen. Zumal ihn gerade diese Zurückhaltung nicht davor bewahrt, dennoch, nur eben in pauschalisierender Weise, zu spekulieren.

Pauschalisierungen gibt es auch an anderer Stelle, gerade auch dort, wo Parzinger auf naturwissenschaftliche Erkenntnisse zurückgreift, „ohne die“, wie er hervorhebt, „inzwischen jeder Versuch einer tragfähigen Rekonstruktion frühester Geschichte kaum mehr recht gelingen mag.“ (Vgl. Parzinger 2/2015, S.12) Zu diesen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen zählt Parzinger insbesondere DNA-Analysen und Datierungsmethoden wie die Radiokarbonmethode. Es gibt auch Verweise auf die Hirnforschung. Dabei korreliert er immer wieder das allmähliche Hirnwachstum angefangen von den ersten Australopithecinen bis hin zum modernen homo sapiens mit wachsender Intelligenzleistung. Das ist so ein üblicher Analysemechanismus, den man in der Paläontologie ungefragt aus der Hirnforschung übernimmt. Die Faustregel lautet: je größer das Gehirn, um so intelligenter und näher am modernen Menschen befindet sich der fossile Vertreter einer Frühmenschengattung.

Dabei gibt es dann aber das Problem, daß ein sogenannter ‚Frühmensch‘ wie der Neanderthaler ein größeres Gehirn gehabt hatte als der heutige Mensch. Um diese Peinlichkeit aus der Welt zu schaffen, behilft sich der Paläontologe mit einer Sonderregel: „Das Hirnvolumen des Neandertalers überstieg das des modernen Menschen, was jedoch nichts mit gesteigerter intellektueller Leistungsfähigkeit zu tun hat, weil das Hirnvolumen stets im Verhältnis zur Körpermasse zu sehen ist, die ebenfalls über der des heutigen Menschen lag.“ (Parzinger 2/2015, S.42)

Ich habe diese Sonderregel nie verstanden, zumal sie, so oft ich ihr in der Literatur begegnet bin, niemals begründet wurde. Sie wird einfach immer nur behauptet. Es handelt sich um eine dieser Pauschalbehauptungen, deren sich Parzinger zufolge der Paläontologe eigentlich enthalten sollte. Betrachtet man beide ‚Faustregeln‘ im Zusammenhang – Gehirngröße gleich Intelligenz und Gehirngröße relativ zur Körpermasse –, so bedeutet das rein logisch, daß auch die Intelligenz gleich der Körpermasse sein müßte. Je dicker ein Mensch, um so intelligenter. Zum Ausdruck gebracht wird aber das Gegenteil: die Intelligenz soll vom Verhältnis der Gehirngröße zur Körpermasse abhängig sein, und das fällt wohl beim modernen Menschen besonders günstig aus. Allerdings wäre dann die Spitzmaus intelligenter als der Mensch, denn bei ihr macht das Gehirngewicht vier Prozent des Körpergewichts aus. Übertragen auf mein Körpergewicht von 70 kg würde das dann ein Gehirngewicht von 2,8 kg ergeben. Tatsächlich habe ich übrigens ein für homo sapiens eher kleines Gehirn, wie ich jedesmal, wenn ich mir einen Hut kaufen gehe, feststellen muß. Übrigens hatte auch der nomadisierende Jäger-und-Sammler-Vorfahr innerhalb unserer eigenen sapiens-Spezies ein größeres Gehirn als der heutige Mensch. Darüberhinaus gibt es auch rezente Vertreter des homo sapiens, die Pygmäen, deren Kleinwüchsigkeit mit einem Gehirnvolumen einhergeht, das nicht geringer ist als das der Sapiens-Mehrheit. Außerdem gibt es immer wieder Menschen, die mit nur zehn Prozent ihres Gehirns ein normales Leben führen, und erst nach ihrem Tod wird der Zustand ihres Gehirns festgestellt. Ich glaube jedenfalls nicht, daß ich mir um meine Intelligenz Sorgen machen muß.

Ein anderes in der Deutung der menschlichen Evolution überaus gängiges Klischee ist die Korrelation der Gehirngröße mit klimatischen Bedingungen und Überlebensnotwendigkeiten. So führt Parzinger die europäische Sonderentwicklung des Neanderthalers auf die widrigen eiszeitlichen Umweltverhältnisse zurück: „Diese ständigen Herausforderungen bildeten einen kontinuierlichen Anreiz zur weiteren Evolution des Gehirns, der geistigen Fähigkeiten und des planvollen Handelns. Man könnte es auch so formulieren: Die Evolution des Menschen verlagerte sich spätestens seit den Tagen des Homo erectus vom äußeren Erscheinungsbild in den Bereich des Gehirns.“ (Parzinger 2/2015, S.36)

Diese These steht gleich in zweierlei Hinsicht auf tönernen Füßen: zum einen wegen der schon erwähnten Korrelation von Gehirngröße und Körpermasse. Die Gehirngröße kann schlecht gleichzeitig von der Körpermasse und von den Umweltbedingungen abhängig sein, es sei denn auf indirekte Weise, insofern die grössere Körpermasse des Neanderthalers ja ebenfalls auf das eiszeitliche Klima zurückgeführt wird.

Zum zweiten aber hat sich der homo sapiens laut Parzingers Überzeugung in Afrika entwickelt, also definitiv nicht unter schwierigen klimatischen Bedingungen: „Außer Zweifel steht, dass sich der moderne Mensch in Afrika zeitgleich zum Homo neanderthalensis in Europa aus späten Vertretern des Homo erectus entwickelt hat und anschließend von Afrika aus über den Nahen Osten nach Europa eingewandert ist.“ (Parzinger 2/2015, S.52) – Parzinger tritt mehrfach entschieden für die Out-of-Africa-These ein, auch gegen multiregionale Ansätze, die von verschiedenen, mehr oder weniger gleichzeitigen und voneinander unabhängigen Entwicklungen des Menschen ausgehen. (Vgl. Parzinger 2/2015, S.59) Jedenfalls ist die Gehirnentwicklung wohl eher nicht auf die eiszeitlichen Bedingungen „in nördlicher gelegene(n) Regionen außerhalb Afrikas“ zurückzuführen. (Vgl. Parzinger 2/2015, S.36)

Parzinger verwendet also ständig Pauschalisierungen, gegen die an sich, wie erwähnt, auch nichts einzuwenden ist. Ohne Pauschalisierungen läßt sich mit den lückenhaften Befunden in der Paläontologie gar nichts anfangen. Aber der weitgehende Verzicht auf detailliertere Analysen und Begründungen schadet seinem Vorhaben einer Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift.

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