„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)

Donnerstag, 30. Oktober 2014

Michael Tomasello, Eine Naturgeschichte des menschlichen Denkens, Berlin 2014

1. Zusammenfassung
2. Vom kreativen Sprung zum abduktiven Sprung
3. Algorithmen und Metaphern
4. Subjekt-Prädikat-Strukturen
5. Brechung des Intentionsstrahls
6. Ontogenese und Phylogenese
7. Externe Kommunikationsvehikel
8. Von individueller Kooperation zur Konkurrenz der Gruppen
9. Modularisierung der menschlichen Intelligenz

Michael Tomasello trennt die individuelle Intentionalität des Frühmenschen evolutionsbiologisch von der kooperativen Intentionalität des modernen Menschen, indem er sie als eine ‚primitive‘ Vorstufe der menschlichen Intentionalität kennzeichnet. Das unterscheidet sein aktuelles Buch von „Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens“ (1999/2002), wo er von einer Gleichwertigkeit von individueller und kooperativer Intentionalität ausgegangen war.

Die Abspaltung der individuellen Intentionalität führt zu einer weitgehend maschinenförmigen Beschreibung der Kognition der Menschenaffen. Da diese aufgrund ihrer konkurrenzorientierten Kommunikation, in der sie hauptsächlich die eigenen Bedürfnisse ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse der anderen Menschenaffen durchzusetzen versuchen, einen primär instrumentellen, manipulativen Bezug zur physischen und sozialen Welt haben (vgl. Tomaseloo 2014, S.42), orientieren sich auch Tomasellos Beschreibungen der Kognitionsprozesse vor allem an Wenn-dann-Strukturen, wie etwa im folgenden Zitat mit Bezug auf die physische Welt: „Die Idee ist, daß kausale Schlußfolgerungen eine elementare Wenn-dann-Logik aufweisen und daher zu ‚notwendigen‘ Schlüssen führen. Wenn A geschieht, dann geschieht B (weil A B verursachte). Bermudez (2003) nennt Schlüsse dieses Typs vorkonditional, weil die Notwendigkeit keine logische, sondern eine kausale ist. Im Experiment von Marín Marique et al. (2010) schließt ein Menschenaffe ‚Wenn ein Werkzeug mit Eigenschaft A verwendet wird, muß B geschehen‘, während er den Gebrauch verschiedener Werkzeuge simuliert.“ (Tomasello 2014, S.34f.)

Letztlich ‚benutzen‘ Menschenaffen auch die anderen Gruppenmitglieder wie ‚Werkzeuge‘, die ihnen bei der Erfüllung ihrer Bedürfnisse behilflich sein sollen. Das einzige Kommunikationsmotiv, das sie kennen, ist das der Aufforderung, „was die Tatsache widerspiegelt, daß über 95 Prozent der Kommunikationsakte, die von diesen Individuen“ – eben den Menschenaffen – „produziert werden, die Form von Imperativen haben“. Die „restlichen 5 Prozent“, fügt Tomasello hinzu, „sind fragwürdig“. (Vgl. Tomasello 2014, S.159)

Es ist also kein Wunder, wenn Tomasello der Primatenkognition immer denselben Algorithmus zugrundelegt und die Menschenaffen als „selbstregulierende Systeme“ beschreibt, die auf einer Ebene mit „physiologische(n) Prozesse(n)“ wie der „homöostatische(n) Regulation des Blutzuckers und der Körpertemperatur bei Säugetieren“ stehen. Allerdings frage ich mich, ob diese maschinenförmige Beschreibung der Primatenkognition nicht auch den Experimenten geschuldet ist, die die Experimentatoren mit den Menschenaffen anstellen. Der Experimentator plant dann seine Experimente folgendermaßen: Wenn ich jetzt diese zwei Eimer nehme und in einen Eimer eine Banane lege, und wenn ich dann vor dem Schimpansen einen dieser Eimer schüttele, so daß dieser Schimpanse entweder ein Geräusch hört (beim Eimer mit der Banane) oder kein Geräusch hört (beim leeren Eimer), dann wird sich zeigen, ob der Schimpanse beim Hören oder beim Nicht-Hören des Geräusches die richtigen Schlüsse zieht, indem er entweder kein Interesse am (leeren) Eimer zeigt oder mich auffordert, ihm den Inhalt des (vollen) Eimers zu geben. (Vgl. das entsprechende Experiment in Tomasello 2014, S.37f.)

Letztlich überträgt der Experimentator also die eigene Planungsstruktur seiner Experimente, den Wenn-dann-Algorithmus, auf die inneren Zustände der Schimpansen, was aber letztlich über die tatsächliche Qualität dieser inneren Zustände nichts aussagt!

Das wird besonders deutlich, wenn man Tomasellos Beispiel mit dem Bananenbaum nimmt. (Vgl. Tomasello 2014, S.25ff.) Es ist zunächst ganz simpel: ein Schimpanse sieht einen Baum mit Bananen. Diese einfache Wahrnehmungsleistung ist nun aber mit einer Fülle von Kognitionen, also inneren Zuständen des Schimpansen verbunden. Diese inneren Zustände werden von Tomasello in lauter Wenn-dann-Schlußfolgerungen aufgelöst: Befindet sich schon ein anderer Schimpanse in diesem Baum (wenn da kein anderer Schimpanse ist ...)? Ist der andere Schimpanse vielleicht ranghöher (wenn es kein ranghöherer Schimpanse ist ...)? Befindet sich vielleicht ein Leopard in der Nähe des Baumes (wenn da kein Leopard in der Nähe ist ...)? Dann kann ich jetzt – möglichst unauffällig, um nicht noch andere Schimpansen darauf aufmerksam zu machen – flugs in den Baum klettern und mir die köstlichen Bananen einverleiben!

Die eigentliche Wahrnehmungsleistung kommt in dieser Beschreibung gar nicht mehr vor. Sie wird allenfalls angedeutet, wenn Tomasello die Komplexität einer Situation, selbst einer so einfachen wie dem Bananenbaum, mit einem „Stapel von Folien“ vergleicht. Demnach handelt es sich bei den verschiedenen Aspekten, die es für einen Schimpansen bei der Wahrnehmung eines Bananenbaums zu berücksichtigen gilt, „um einen Stapel von Folien, von denen jede eine einzelne Situation oder Entität darstellt, und die Schematisierung ist der Prozeß des Von-oben-durch-sie-hindurch-Blickens auf der Suche nach Überschneidungen.“ (Tomasello 2014, S.28)

Die Bananenbaum-Situation ist also in viele verschiedene mögliche Situationen aufteilbar: in die anderer-Schimpanse-Situation, in die ranghöherer-Schimpanse-Situation, in die Leopard-Situation usw. Alle diese Situationen überlagern sich wie Folien, so daß eine Durchsicht auf die augenblickliche Situation hin möglich wird, bis schließlich die persönliche Relevanz für unseren Protagonisten geklärt ist: „Alles klar! Die Bananen gehören mir!“

Wir haben es also nicht einfach mit einer linearen Wenn-dann-Logik zu tun, sondern mit einer komplexen Gestaltwahrnehmung. Auf die Gestaltwahrnehmung kommt Tomasello aber kein einziges Mal zu sprechen. Sie paßt nicht zum Maschinenparadigma, mit dem er die komplex-verworrene Primatenkognition aufdröselt. Dabei spielt die Gestaltwahrnehmung immer wieder eine wichtige Rolle bei Tomasellos Versuchen, die Entwicklung des menschlichen Denkens von der individuellen Intentionalität an aufwärts zu beschreiben. Nehmen wir nochmal die ‚Metapher‘ von dem Folienstapel: dieser ‚Folienstapel‘ ist selbst nichts anderes als eine Metapher für die Wirkungsweise von Metaphern! (Vgl. meinen Post vom 20.07.2011) Metaphern sind Überlagerungen von Perspektiven, die eine neue Perspektive bzw. einen neuen Sinn eröffnen, der mit den bislang gebräuchlicheren Perspektiven bzw. konventionelleren Ausdrücken nicht sichtbar gemacht werden kann.

Die einfache Wahrnehmung von komplexen Situationen – und Situationen sind immer komplex! – hat Parallelen zum Verstehen von Metaphern. In gewisser Weise bildet die Situationswahrnehmung den evolutionsbiologischen Ursprung für das spezifisch menschliche Verstehen von Metaphern. Tomasello kommt dieser Einsicht nahe, wenn er das Wahrnehmen von Situationen mit dem Wahrnehmen von Bildern vergleicht. Kognitive Repräsentationen von Dingen und Situationen sind Tomasello zufolge nie „punktförmig“ – und, so könnte man ergänzen, in dem Sinne ‚linear‘, daß man Punkt an Punkt bzw. Pixel an Pixel reiht –, sondern wir haben es vielmehr immer mit ganzen Situationen zu tun. (Vgl. Tomasello 2014, S.24) Kognitive Repräsentationen stellen deshalb „bildhafte oder ikonische Schematisierungen“ dar. (Vgl. Tomasello 2014, S.28) An anderer Stelle spricht Tomasello von „perspektivisch konstruierte(n), kognitive(n) Repräsentationen“ (Tomasello 2014, S.75), was letztlich nur ein anderes Wort für ‚Gestaltwahrnehmung‘ ist.

Diese bildhaften Schematisierungen von Situationen liegen weit jenseits einer algorithmischen Wenn-dann-Prozedur. Sie sind nicht auf eine Exekutiv-Funktion (vgl. Tomasello 2014, S.31) hin fokussiert, an derem Ende eine entsprechende Ausführung unausweichlich ist. Sie bleiben als ‚Bilder‘ weitgehend offen und unbestimmt („Unbestimmtheit der Interpretation“ (Tomasello 2014, S.28)) und erlauben deshalb noch verschiedene Perspektiven auf das jeweilige Bild. Das ist der Grund, warum es so schwierig ist und so viel Zeit braucht, um ein Bild, das man in nur wenigen Sekunden visuell erfaßt, in linear hintereinander gereihten Worten und Sätzen wiederzugeben. (Vgl. meinen Post von 15.01.2014) Was aber mit Worten und Sätzen und ihrer komplexen Syntax schon schwerfällt, läßt sich erst recht nicht auf die simple Wenn-dann-Struktur von Algorithmen herunterbrechen. Die eigentliche kognitive Leistung liegt nicht im schlußfolgernden Wenn-dann, sondern in der Wahrnehmung der Situation selbst.

Tomasello ist immer dicht dran an dieser Thematik. So klingt bei ihm die Mehrdimensionalität der Bild- und Situationswahrnehmung an, wenn er davon spricht, daß mit ihr der „Raum geschaffen“ wird, in dem die verschiedenen Perspektiven auf dasselbe ‚Ding‘ miteinander verglichen und gegeneinander abgewogen werden können. (Vgl. Tomasello 2014, S.73) Wir haben es also mit einem ‚Spielraum‘ zu tun, der es nicht nur ermöglicht, zwischen meinen und deinen, sondern auch zwischen realen und fiktiven Perspektiven zu unterscheiden. Wenn Perspektiven nicht mehr an akute Bedürfnisse und aktuelle Situationen gebunden sind, können „nichtaktuelle oder gar kontrafaktische Sachverhalte“ (Tomasello 2014, S.112) thematisiert werden. Auch wenn die individuelle Intentionalität der Menschenaffen noch nicht frei ist von den unmittelbaren Bedürfnissen der Nahrungssuche, sollte man sich doch davor hüten, die Wahrnehmung eines Bananenbaums auf einfache Wenn-dann-Strukturen herunterzubrechen, wenn sie tatsächlich immer schon eine komplexe Gestaltwahrnehmung beinhaltet.

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