Mittwoch, 6. August 2014

Narrative und phänomenale Gegenstände

Wenn man sich wie Blumenberg als Phänomenologe mit Mythen beschäftigt, so stellt sich die Frage nach ihrer Phänomenalität, d.h. nach ihrem Gestaltcharakter. Letztlich wird die Gestaltwahrnehmung vor allem durch zwei verschiedenartige Gegenstandsbereiche bestimmt: durch den Bereich der sinnlichen Anschauung und durch den der geistigen ‚Schau‘. Plessner differenziert in diesem Zusammenhang zwischen der ‚antreffenden‘ und der ‚erfüllenden‘ Anschauung. (Vgl. meine Posts vom 21.06. und 14.07.2010 und vom 30.01.2012) Eine von Plessner ebenfalls erwähnte dritte Anschauungsform, die innewerdende Anschauung, die die Gefühlswelt betrifft, möchte ich an dieser Stelle zunächst unberücksichtigt lassen. Bei der innewerdenden Anschauung haben wir es mit Emotionen und Gefühlen an der Grenze zur Bewußtwerdung zu tun. Mir geht es in diesem Post aber vor allem um das innere und äußere Weltverhältnis des Menschen, also um die Erscheinungsweise geistiger und sinnlicher Gegenstände.

Husserl bezeichnet die geistige Gestalt als Eidos (Wesen). Das halte ich für verhängnisvoll, denn ich bin mir nicht sicher, ob Husserl vielleicht der metaphysischen Verführung, die von diesem Begriff ausgeht, erlegen ist und die sinnliche Oberfläche der erscheinenden Dingwelt auf eine eigentlichere, tiefere, realere Welt zurückführen möchte. (Vgl. meinen Post vom 12.07.2012) Ich selbst möchte die beiden Welten nach der jeweiligen Gegebenheitsweise ihrer Gegenstände differenzieren und von phänomenalen und narrativen Gegenständen sprechen. Die ursprünglichen Phänomene wären dann, nach dem Vorbild unseres Körperleibs, die Dingphänomene der Außenwelt. Sie heben sich vor Hintergründen ab und haben Rückseiten.

Die narrativen Gegenstände unserer Innenwelt sind, wie das Wort ‚narrativ‘ nahelegt, in mancher Hinsicht vermittelter und konstruierter als die Außenweltdinge. Anders als die im Raum verteilten Außenweltdinge erstreckt sich unsere innere Welt in der Zeit. Es ist nicht der Lichtstrahl, der die innere Welt erleuchtet, sondern der Zeitpfeil, der die aus dem Dunkel auf- und abtauchenden Erlebnisse ins Bewußtsein hebt und sie zu Narrationen ordnet. Die Struktur dieser Narrationen besteht in ihrer Chronologie, ist also primär temporal. Die chronologische Struktur bildet das ‚Eidos‘, die ‚Gestalt‘ der Innenweltgegenstände.

Die chronologische Struktur der Innenweltgegenstände, der Narrationen, ist der Grund, warum innere Phänomene, also Bewußtseinsprozesse, sich am besten mit strukturellen Methodiken wie etwa der Psychoanalyse analysieren lassen. Die inneren ‚Gestalten‘ sind in den seltensten Fällen einfach linear chronologisch, wie ein kausal verursachter physikalischer Prozeß. Die einfache lineare Gerichtetheit unserer inneren Erlebnisse, ihr Vorher und Nachher, bildet vielmehr eine relativ späte Zutat unseres Wachbewußtseins. (Vgl. meinen Post vom 16.01.2014) Tatsächlich ist diese chronologische Gerichtetheit unserer Erlebnisse ein Produkt der Wortsprache und ihrer linearen Grammatik, die ein Vorher und Nachher allererst erzeugt. Das Erlernen der Sprache ist deshalb der Grund, warum uns der Zugriff auf die bildhaften, vorsprachlichen Erfahrungen unserer ersten Lebensjahre verloren gegangen ist. Mit dem Erlernen der Sprache wird unser Gedächtnis narrativ. Von nun an erinnern wir uns nur noch an das, was wir versprachlichen und verbal mit unseren Mitmenschen kommunizieren.

Nicht nur die frühkindlichen Erlebnisse, auch die Traumsprache ist bildhaft bzw. ikonisch. (Vgl. meinen Post vom 19.01.2014) Erst kurz vorm Aufwachen, wenn das Wachbewußtsein rege wird, beginnen wir die Traumerlebnisse zu chronologisieren und in ein Vorher und Nachher zu ordnen. Was wir in dieser kurzen Zeitspanne nicht chronologisiert bekommen, ‚vergessen‘ wir bzw. es versinkt in Bereiche, die unserem Wachbewußtsein nicht zugänglich sind. Das ist der Grund, warum wir unserer Innenwelt genauso fremd gegenüberstehen wie der Außenwelt. Wir haben keine vollständige Kontrolle über unsere Innenwelt bzw. über unser Gedächtnis. Der chronologische Zeitpfeil unseres Bewußtseinslebens ist ein vielfach gebrochener, ähnlich dem auf die Außenwelt gerichteten Intentionsstrahl Plessners.

Dennoch ermöglichen es uns Narrationen, mit unserer im Vorsprachlichen versunkenen Innenwelt in Berührung zu bleiben. Die lineare Struktur ihrer Chronologie läßt sich durch Rhythmisierung (Verdichtungen und Lockerungen im Erzähl- bzw. Gedankenverlauf), durch Rekursivität (Einbeziehung verschiedener Erlebnisebenen) und durch rückwärts und vorwärts gerichtete Zeitsprünge erweitern. Verdichtungen und Lockerungen bilden Blumenberg zufolge ein strukturierendes Prinzip des Bewußtseinsstroms, ähnlich dem Pulsschlag oder den Verwirbelungen und Strudeln in einem Fluß, die das strömende Kontinuum unterbrechen. (Vgl. meinen Post vom 24.09.2012) Syntax und Worte bilden also allererst Mittel der Unterbrechung, der Umleitung, der Intensivierung oder der Besänftigung und der Klärung unseres inneren Erlebens.

Wörter bilden gewissermaßen die Noten, und die Syntax bildet die Melodie einer inneren Musik, die sich stets vom Anfang zum Ende abspielt. (Vgl. meinen Post vom 25.07.2011) Die sprachliche Artikulation wirkt also wie ein Taktgeber, wie ein Pulsschlag; die Prosodie der gesprochenen Worte sequentiert den Bewußtseinsstrom. Chronologische Strukturierung durch Vorher und Nachher, Dehnung und Schrumpfung, Verdichtung und Lockerung ermöglichen es uns, ähnlich der „grammatische(n) Gliederung von Sinnsequenzen“, die organischen Lebensprozesse rhythmisch zu gliedern und auszusteuern. (Vgl. „Quellen, Ströme, Eisberge“ (2012), S.166)

Narrative Strukturen unterstützen unsere kognitiv begrenzte, rekursive Kapazität, Sinnbezüge um mehrere ‚Ecken‘ herum und über verschiedenen Ebenen hinweg aufrechtzuerhalten. (Vgl. meine Posts vom 25.07.2011 und 12.02.2012) Tomasello bezeichnet diese Fähigkeit, Sinn- und Bedeutungsebenen zu überlagern und in Schichten zu organisieren, als „extravagante Syntax“, die die Referentenverfolgung erleichtert. (Vgl. meinen Post vom 27.04.2010) Dabei zeigt sich, daß gerade die Wortsprache gegenüber der Bildsprache einen unerwarteten Vorteil hat: die abstrakten Worte ermöglichen es dem Zuhörer und Leser, sich selbst an die Stelle der Protagonisten (Referenten) zu versetzen und so selbst vielschichtig verschachtelten Handlungsverläufen zu folgen. Die Worte fungieren als individuelles Allgemeines, das gewissermaßen Schattenrisse im Erzählgeschehen bildet, die dazu einladen, sie mit sich selbst zu füllen. Harald Welzer bezeichnet diesen kommunikativen Aspekt von Narrationen auch als Montageprinzip. (Vgl. meine Posts vom 20.03. und vom 22.03.2011) Die Zuhörer füllen die Erzähllücken, die ungenauen Situationsbeschreibungen, die schematisch skizzierten Charaktere mit eigenem Sinn und eigener innerer Anschauung, und sie ‚montieren‘ sich so, nach derselben Erzählvorlage, wie bei einer Kollage, jeder eine eigene, sich von den anderen unterscheidende Geschichte. Keine zwei Zuhörer hören (und erleben) dieselbe Geschichte.

Das chronologische Prinzip der Narrationen wird außerdem durch rückwärts und vorwärtsgerichtete Zeitsprünge durchbrochen. Schiller und Goethe beschreiben das am Beispiel der Epik: „Der Epiker beherrscht das Ereignis und die Zeit, er kann vor und zurück gehen mit Abschweifungen und Zeitsprüngen. Der epische Abstand ist auch eine Gelegenheit zur Reflexion, man kann sich auf eine höhere Ebene begeben. Der Erzähler ist also in dreifacher Hinsicht souverän: Er steht über dem Geschehen, er ist Herr der Zeit, und er erhebt sich gedanklich über seine Protagonisten.“ („Goethe. Kunstwerk des Lebens“ (2013), S.433; vgl. auch meinen Post vom 07.04.2014)

Die gedankliche Erhebung des Erzählers über die Protagonisten, die selbstverständlich auch für den Zuhörer gilt, beschreibt eine besondere rekursive Ebene des Bei-sich-Seins, das Goethe auch als Aperçu bezeichnet. In den Jahrzehntausenden der Frühzeit der menschlichen Kulturgeschichte waren es Blumenberg zufolge vor allem die „Rhapsoden“, die in den langen dunklen Nächten am Lagerfeuer der Gemeinschaft der Zuhörer über ihre inneren Dunkelheiten hinweghalfen, ihnen zu einem Selbstverhältnis verhalfen und so zu ihrer Menschwerdung beitrugen. (Vgl. „Arbeit am Mythos“ (3/1984), S.172)

Mündlich erzählte Mythen und (später) geschriebene Texte strukturieren und organisieren nicht nur das innere Erleben auf den verschiedenen Ebenen der Physiologie und des Bewußtseins, sondern auch das soziale Erleben des Individuums als Person. ‚Texte‘ bilden immer auch Vorlagen, an denen wir uns in unserer Lebensführung orientieren. Jan Assmann spricht deshalb davon, daß Texte nicht einfach nur ‚gelesen‘, sondern ‚wiederholt‘ werden wollen. Er nennt das „zitathaftes Leben“ und „gelebte Vita“. (Vgl. meinen Post vom 05.02.2011) Mythen, so Assmann ‚verankern‘ den Menschen ‚vertikal‘, indem sie ihn in seiner Lebensführung über das vergangene Vorbild auf eine bestimmte Sinnerfüllung ausrichten, was seiner Lebensführung einen inneren Halt verleiht. Dabei bildet die ‚Wiederholung‘ keine Festlegung auf ein Schema, sondern ermöglicht, wiederum im Sinne des schon erwähnten individuellen Allgemeinen, das jeweilige Leben als einmalig und neu zu erleben. Mythen präfigurieren immer schon die Worte, mit denen die Menschen ihrem Leben einen Sinn verleihen können.

Blumenberg zufolge ist es insbesondere die durch die Mythen ermöglichte rekursive Struktur des Bei-sich-Seins, die es dem Menschen in der „freien Variation als das Durchspielen von Fiktionen“ ermöglicht, seine Ebenenbefangenheit zu durchbrechen, und sich nicht nur über seine Protagonisten, sondern auch über sich selbst als Protagonisten zu erheben. (Vgl. „Höhlenausgänge“ (1989), S.708) Keine Logik und keine Ratio vermag den Höhlenbewohner davon zu überzeugen, daß er in einer Höhle lebt. Nur Geschichten über Höhlenbewohner, die wie er in einer Höhle leben, tragen ihn über sein Höhlendasein hinaus und eröffnen neue Freiräume des Denkens und Erlebens.

Ganz ähnlich wie Welzer mit seinem Montageprinzip hält Blumenberg Mythen und generell auch geschriebene Texte für um so brauchbarer, je lückenhafter sie sind, und er plädiert deshalb für eine ungenaue Rezeption. Textfragmente wie die Sprüche der Vorsokratiker erscheinen ihm als besonders brauchbar, weil sie dazu einladen, die Lücken mit eigenem Denken zu füllen. (Vgl. meinen Post vom 16.07.2012) Auch unsere Erinnerungen, so Blumenberg, sind immer nur Fragmente, und er schließt damit den Kreis, den ich eingangs mit der Bemerkung eröffnet habe, daß wir unserer Innenwelt, unserem Gedächtnis fremd gegenüberstehen, weil es sich dem chronologischen Zugriff entzieht. Erinnerungen haben wir viele, aber ihr Kommen und Gehen unterliegt nicht unserer vollständigen Kontrolle. Noch weniger können wir ihnen immer einen Zeitindex zuordnen, ihr Vorher und Nachher eindeutig bestimmen. Wir montieren unsere Erinnerungen aus umhertreibenden Bruchstücken zusammen, und diese Montagen mögen zwar für uns selbst plausibel sein, halten aber nur selten der Überprüfung durch Dokumente oder Freunde und Verwandte Stand.

Deshalb ist der Manipulation unserer Erinnerungen auch keine Grenze gesetzt. Wir erinnern uns so, wie es uns Andere einreden, selbst dort, wo wir zunächst Widerstand leisten. Denn irgendwann wirken sich die Einwände und Behauptungen der Anderen auf unsere Erinnerungen aus, und wir fügen sie unserem Gedächtnis hinzu, als hätten wir sie selbst erlebt. Habermas interessiert sich vor allem für diese soziale Dimension unseres Erlebens. Er spricht vom narrativen „Sog“ der Gemeinschaftserfahrung. (Vgl. meinen Post vom 24.02.2013) Habermas zufolge haben wir es nicht mit erzählerischen Lücken in ihrer individuierenden, befreienden, sinngebenden Funktion zu tun, sondern mit „bedeutungsidentisch verwendeten Symbolen“, auf die hin sich die Gesprächsteilnehmer depositionieren bzw. „dezentrieren“. (Vgl. „Nachmetaphysisches Denken II“ (2012), S.68; vgl. auch meine Posts vom 13.01. und vom 22.02.2013) ‚Bedeutungsidentisch‘ sind diese Symbole aber nur aufgrund des beschriebenen Manipulatonsmechanismusses, nach dem die wiederholten Behauptungen der Anderen zu psychischen Faktoren unseres Innenlebens werden.

Mit einem letzten Hinweis auf Damasio will ich diesen Post beenden. Damasio zufolge gibt es schon auf der physiologischen Ebene des Gehirns Narrationen. Das Gehirn erzählt sich selbst Geschichten, indem es unsere Wahrnehmungen, innere wie äußere, ordnet und mit Gefühlen markiert. (Vgl. meinen Post vom 17.08.2012) Gefühle und Emotionen bilden so etwas wie eine narrative „Parallelspur“ zu unseren sinnlichen und geistigen Wahrnehmungen und somit eine erste rekursive Ebene noch unterhalb der Schwelle unseres Bewußtseins. Plessner spricht hier von innewerdender Anschauung oder einfach von ‚Seele‘.

Die Gefühle bilden letztlich das fundamentale protonarrative Medium – empfänglich für syntagmatische Gliederung, wie Plessner schreibt –, das unsere physiologischen und geistigen Zustände wechselseitig aussteuert. Mit ihrer Hilfe verschränken sich narrative und phänomenale Gegenstände. Und aus dieser Verschränkung fallen wir wiederum immer dann heraus, wenn ein Ereignis das Immer-so-weiter unterbricht. Oder, wie Nishitani meint, wenn wir niesen.

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