Sonntag, 27. Juli 2014

Klaus Mainzer, Die Berechnung der Welt. Von der Weltformel zu Big Data, München 2014

(Verlag C.H. Beck, mit zahlreichen farbigen Abbildungen, geb. 24,95 €, S.352)

1. Methode und These I
2. Methode und These II
3. Sätze und Formeln
4. Zelluläre Automaten und der Strukturalismus
5. Superpositionen, Metaphern und Intuitionen
6. Semantik
7. Anthropologie

Schon Claude Lévi-Strauss hat in „Das wilde Denken“ (1973/1962) auf eine Parallele zwischen dem wilden Denken und der modernen Wissenschaft hingewiesen, die darin besteht, daß beide die Natur und die Kultur mit Hilfe von Mustern korrelieren, die es ihnen erlauben, scheinbar zufällige Ereignisse zu berechnen und zu kontrollieren. (Vgl. meine Posts vom 18.05. und 21.05.2013) Dieser Parallele liegt Lévi-Strauss zufolge ein gemeinsamer Glaube an einem „globalen und integralen Determinismus“ zugrunde, der alle Ereignisse der Natur und der Kultur gleichermaßen umfaßt (vgl. Lévi-Strauss 1973, S.23); und diese Parallele ist so ausgeprägt, daß Lévi-Strauss glaubt feststellen zu können, daß der „gesamte Prozeß der menschlichen Erkenntnis ... den Charakter eines geschlossenen Systems (gewinnt)“.  (Vgl. Lévi-Strauss 1973, S.310) – Zu ergänzen wäre, daß dieses „geschlossene System“ selbstverständlich eine mathematisch beschreibbare Struktur bildet.

Ganz ähnlich liefern Muster, wie Klaus Mainzer, Professor für Philosophie und Wissenschaftstheorie und Gründungsdirektor des Munich Center for Technology in Society, in seinem Buch „Die Berechnung der Welt“ (2014) schreibt, Hinweise auf natürliche und soziale Phänomene gleichermaßen umfassende, mathematisch beschreibbare Strukturen, die man „beobachten und klassifizieren“ kann, „ohne ihre Ursachen erklären und ihren Entstehungsprozess gesetzmäßig voraussagen zu können“ oder zu müssen: „In der Natur kann es sich um Musterbildungen in chemischen Reaktionen, um die Bildung von Zellstrukturen, von Mustern auf Fell oder Gefieder von Tieren oder Verschaltungsmuster von Neuronen im Gehirn handeln.“ (Mainzer 2014, S.26) – Solche Muster finden sich auch in Datensätzen „wie Dokumente, Briefe, Telefonate oder E-Mails“ und als Bewegungsmuster, wie sie „z.B. über GPS, Apps, Mobile Phone, Stimmanalyse, Fahrzeugsignale, öffentliche Kameraüberwachung gesammelt werden können“. (Vgl. Mainzer 2014, S.245)

Um die in der vernetzten Welt alltäglich anfallenden, massenhaften Daten über alles und jeden auswerten und gleichermaßen machtpolitisch wie wirtschaftlich gewinnbringend verwenden zu können, muß man sie nicht im einzelnen kennen und verstehen. Es reicht ein rechnergestütztes „blitzschnelles Durchforsten von riesigen Datenmengen“, bei dem mit Hilfe von Algorithmen „Muster und Korrelationen“ aufgespürt werden. Korreliert werden kann alles und jedes, wie im von Lévi-Strauss beschriebenen wilden Denken. Beide, Big Data und wildes Denken, interessieren sich nicht für die „Daten selbst, die für sich intuitiv und ungerechtfertigt sein mögen.“ (Mainzer 2014, S.88) – Intuitiv und ungerechtfertigt, wie der Blick der schwangeren Frau bei Lévi-Strauss, der zufällig auf eine am Wegrand liegende Melone fällt, die aber die künftige Diät des ungeborenen Kindes beeinflussen wird. Der Totemismus ist das Big Data der ‚Primitiven‘, in dem es nicht auf einzelne Vorkommnisse als solche ankommt, sondern auf ihre Muster.

Deshalb sprechen einige Informatiker inzwischen vom „Ende der Theorie“, bei der es noch darum ging, nicht nur Muster zu beobachten, sondern Gesetzeszusammenhänge zu erkennen: „Warum sollten wir uns lange mit dem Warum und Wieso aufhalten? Schnelle Suchmaschinen finden scheinbar Lösungen unserer Probleme, bevor wir die Ursachen und Gesetze verstanden haben.“ (Mainzer 2014, S.13, vgl. auch S.17)

Klaus Mainzer wendet sich ausdrücklich gegen eine solche theoriefeindliche Wissensschaftsstrategie: „Auch in der Datenwelt ist Nachhaltigkeit gefordert! Dieses Buch ist ein Plädoyer für die Besinnung auf die Grundlagen, Theorien, Gesetze und Geschichte, die zu der Welt führen, in der wir heute leben.“ (Mainzer 2014, S.13f.)

Mainzer plädiert deshalb für „eine Stärkung unserer Urteilskraft, d.h. der Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen, das ‚Besondere‘, wie es bei Kant heißt, mit dem ‚Allgemeinen‘ zu verbinden, in diesem Fall die Datenflut mit Reflexion, Theorie und Gesetzen, damit uns eine immer komplexer werdende und von Automatisierung beherrschte Welt nicht aus dem Ruder läuft.“ (Mainzer 2014, S.14; vgl. auch S.285f.)

Diese wissenschaftliche Positionierung, der Appell an Urteilskraft und Verantwortungsbereitschaft, entspricht dem Anliegen meines Blogs, und es verwundert sicher nicht, wenn ich dem Autor deshalb nur zustimmen kann. In gewisser Weise ist sein Buch eine Art Manifest und bildet die alle Wissenschaftbereiche mit einschließende Agenda des schon erwähnten Zentrums für Technologie (MCTS). Wie Mainzer schreibt, geht es ihm mit diesem Zentrum darum, die „Spielregeln zwischen Bürgerbeteiligung, technisch-wissenschaftlicher Kompetenz (Forschungsinstitute, Universitäten u.a.), den Parlamenten als demokratisch legitimierten Entscheidungsträgern, der Judikative und Exekutive“ neu zu überdenken. (Vgl. Mainzer 2014, S.317) Es muß dafür sensibilisiert werden, so Mainzer, „dass künftige Generationen von Ingenieuren und Naturwissenschaftlern die Verknüpfung mit der Gesellschaft ganz selbstverständlich als Teil ihrer Arbeit betrachten.“ (Vgl. ebenda)

Auf eine Einrichtung, die die divergierenden Wissenschaftszweige wieder zusammenführt, mit dem „Faktor Mensch“ (Mainzer 2014, 220) als Zentrum „integrierte(r) hybride(r) System- und Architekturkonzepte“ (Mainzer 2014, S.183), haben wir tatsächlich lange gewartet, und sie ist bitter nötig! Gut also, daß es jetzt so eine Einrichtung gibt, und mögen diesem Beispiel noch viele folgen.

Allerdings verlangt die Berücksichtung des „Faktors Mensch“ angesichts von Big Data und ‚Industrie 4.0‘ – man könnte auch schlicht vom ‚Gestell‘ sprechen – nach einer begleitenden anthropologischen Reflexion. (Vgl. meine Posts vom 23.04. bis 30.04.2013 und vom 21.06.2014) Die „Warum-Frage“, die Klaus Mainzer zufolge „am Anfang menschlichen Denkens in Wissenschaft und Philosophie“ gestanden hatte, sollte nicht bloß auf den Aufweis mathematisch beschreibbarer „einfache(r) Gesetze der Symmetrie, Regelmäßigkeit und Harmonie“ beschränkt bleiben.  (Vgl. Mainzer 2014, S.19)

Auch die Rolle, die die Anschauung und die Intuition im Erkenntnisprozeß des Menschen spielen, wird von Mainzer nicht ausreichend gewürdigt: „In Euklids ‚Elementen‘ entwirft die griechische Mathematik erstmals das Idealbild einer mathematischen Theorie, die aus wenigen als wahr vorausgesetzten Grundgesetzen (Axiomen und Postulaten) logisch exakt weitere Sätze (Theoreme) ableitet, um so geometrische Konstruktionen mit Zirkel und Lineal zu rechtfertigen.“ (Mainzer 2014, (S.21f.; vgl. auch S.270) – Also nicht die Anschaulichkeit der Konstruktion belegt die Theoreme, sondern die Theoreme belegen die Konstruktion. Gerade aber Platon, auf dessen nach ihm benannte „platonischen Körper“ Mainzer verweist (vgl. Mainzer 2014, S.19, 36), hatte der Anschaulichkeit geometrischer Konstruktionen einen hohen Wert zugemessen, ganz anders als die von Mainzer erwähnten Newton und Gauß, die bezweifelten, ob die Geometrie „überhaupt eine mathematische Disziplin“ sei, weil sie „von physikalischen Anschauungen abhängt.“ (Vgl. Mainzer 2014, S.58) So belegte für Platon die Anschauung der ein Quadrat durchziehenden Diagonale die Überlegenheit der Geometrie über die Arithmetik. Die Intuition, die „wahre Meinung“, wie Platon schreibt, bildet eine eigenständige Begründungsform. (Vgl. meinen Post vom 24.01.2012) Die Intuition ist deshalb ein wesentliches Moment unserer Urteilskraft.

Mainzer hingegen wertet, ähnlich wie Newton und Gauß, die Intuition sogar ab. Sie ist es wert, daß man ihr mißtraut: „In unserem Organismus und Gedächtnis sind ... viele Algorithmen verborgen, die uns meistens nicht bewusst sind. Darauf zu vertrauen, dass sie deshalb auch schon die beste Lösung für ein anstehendes Problem seien, sollte uns misstrauisch gegenüber unsere eigenen Intuitionen machen. Häufig sind es nur unbewusste Gewohnheiten.“ (Vgl. Mainzer 2014, S.87)

Das ist der Grund, warum ich in Mainzers Buch das Fehlen einer reflektierten, die Weltlosigkeit mathematischer Strukturen und die Welthaltigkeit biologisch und kulturell evolvierter Intuitionen gewichtenden Anthropologie vermisse. Mainzers schlichte Feststellung, daß, „(w)er die Sprache der Mathematik nicht versteht, ... diese Welt nicht verstehen (kann)“ (vgl. Mainzer 2014, S.260), kann über das Desiderat einer angemessenen anthropologischen Fundamentalreflexion nicht hinwegtäuschen. Darauf werde ich auch im nächsten Post noch näher eingehen.

Zum Schluß dieses Posts möchte ich nur noch kurz auf eine Differenz zwischen Big Data und der Phänomenologie hinweisen. Von Lambert Wiesing wissen wir schon, daß Phänomenologen nicht mit Modellen arbeiten. (Vgl. meinen Post vom 04.06.2010) Sie nehmen die Phänomene als das, was sie sind, ohne sie modellierend zu reduzieren und auf Strukturen zurückzuführen. Ganz ähnlich scheint Big Data zu funktionieren. Schon die Babylonier haben Mainzer zufolge im Unterschied zu den Griechen keine theoriegeleitete, sondern eine datengetriebene Forschung im Sinne von Big Data praktiziert: „In unüberschaubar vielen Tonscherben sind Keilschrifttabellen über ihre Verwaltungsabläufe, Alltagsgeschäfte, Gerichtsverfahren und politischen Auseinandersetzungen überliefert. Auch ihre Wissenschaft ist auf Messdaten geradezu versessen. In der Astronomie werden erstmals genaue Planetenbahnen festgehalten. Auf dieser Grundlage werden Voraussagen über zukünftige Mondstellungen abgeleitet.() Das nennen wir heute ein induktives Verfahren: Wachsende Anzahl der Daten bestärkt die Voraussage. Es gibt kein Modell, Hypothese oder Gesetz, sondern nur die Masse der tabellarisch geordneten Daten, die extrapoliert werden. Für die Praxis der Prognosen, die im Alltag benötigt werden reichen diese Tabellen aus. Das ist die beginnende Big-Data-Welt.“ (Mainzer 2014, S.269f.)

Nach allem, was ich hier bisher in diesem Blog über die Phänomenologie geschrieben habe, könnte man vielleicht auf den Gedanken kommen, bei den Babyloniern habe es sich um Phänomenologen gehandelt. Aber tatsächlich haben wir es nur mit einer Bricolage zu tun, wie sie Lévi-Strauss am Beispiel des wilden Denkens beschrieben hat.

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