Freitag, 16. August 2013

Jan Masschelein/Maarten Simons, Jenseits der Exzellenz. Eine kleine Morphologie der Welt-Universität, Zürich 2010

1. Von der Bildungsuniversität zur Welt-Universität
2. Exzellenz statt Kultur
3. Ein ortloser Standort

In meinem Post vom 05.08.2013 bin ich auf den Zusammenhang von Kapitalismus und Bildung zu sprechen gekommen. Dabei ging es um die Frage, wie es ‚das Kapital‘ entgegen den Prognosen der Kritischen Theorie geschafft hat, die soziale Marktwirtschaft der 1960er und frühen 1970er Jahre auf Kosten der Steuern zahlenden Allgemeinheit nahezu vollständig zu deregulieren, ohne das Vertrauen der Bevölkerung in die endlose Fortsetzbarkeit eines ungebremsten Wirtschaftswachstums zu verlieren. Wolfgang Streeck (2013) stellt die Frage nach der „Strategiefähigkeit“ des Kapitals, kann sie aber nur als allgemeine Tendenz innerhalb „zahlreiche(r) turbulente(r) Prozesse“ mit ihren „vielfältige(n) Ungewissheiten“ rekonstruieren. (Vgl. Streeck 3/2013, S.209)

Die Schwierigkeit liegt darin, daß die sogenannte „Strategiefähigkeit“ des Kapitals nicht etwas mit aktuellen, auf dem öffentlichen ‚Marktplatz‘ ausgetragenen, vom selbstbewußten Bürger beobachteten und bewerteten Auseinandersetzungen zu tun hat. Es geht dabei nicht um im Vier-Jahres-Zyklus von Wahlkämpfen zur Schau gestellte Politik. Wir haben es vielmehr mit lebensweltlichen Prozessen zu tun, die nur im Nachhinein als neoliberale Umerziehungsmaßnahmen (vgl. Streeck 3/2013, S.96) beschreibbar sind und sich auf der Ebene der Zeitgenossen in Form von shifting baselines unmerklich vollziehen (vgl. meinen Post vom 31.03.2011).

Jan Masschelein und Maarten Simons (2010 und 2012) sprechen deshalb von einem „Regime“ (Masschelein/Simons 2012, S.13f.), das die Lebensweltlichkeit der von Streeck erwähnten „Umerziehung“ dahingehend thematisiert, wie über Bildung gedacht und gesprochen wird (vgl. Masschelein/Simons 2012, S.9). Auf ihre beiden Bücher, „Jenseits der Exzellenz“ (2010) und „Globale Immunität“ (2012), werde ich in den folgenden Posts nacheinander eingehen, indem ich sie getrennt voneinander, jedes für sich, diskutiere.

Zunächst also „Jenseits der Exzellenz“: in diesem kleinen, knapp 75 Seiten umfassenden Buch beschreiben Masschelein und Simons zwei historische Phasen und eine bislang bloß konzeptuelle Phase der Universität: die Bildungsuniversität, die unternehmerische Universität und die Welt-Universität. Die Bildungsuniversität läßt sich wohl am prägnantesten mit dem Namen von Wilhelm von Humboldt und seiner Universitätsgründung von 1810 in Verbindung bringen. Auch Masschelein und Simons verweisen auf Humboldts bekannte Zusammenfassung seiner Universitätsidee als „Einsamkeit und Freiheit“. (Vgl. Masschelein/Simons 2010, S.15f.)

Das Bildungskonzept von Humboldt verkürzen Masschelein und Simons mit Bill Readings („The university in ruins“ (1996)) allerdings auf den Begriff der Kultivierung, so daß Bildung zum einen als das „Ganze der Kultur“ und zum anderen als individuelle Charakterbildung verstanden werden kann. (Vgl. Masschelein/Simons 2010, S.16f.) Außerdem geht mit dem Begriff der Kultivierung die Vorstellung von einem Gegensatz, einer Antinomie zwischen Bildung und Natur einher, so daß Bildung als „Emanzipation von der Natur“ erscheint. (Vgl. Masschelein/Simons 2010, S.17)

Bei Humboldt steht Bildung aber nicht in einem Gegensatz zur Natur, sondern in Bezug zur Entfremdung des modernen Menschen von der Natur. Ich beziehe mich hier insbesondere auf seine Ideenschrift zu den Grenzen der Wirksamkeit des Staates (1792). Der Mensch bedarf der Bildung, weil er sich in seiner gesellschaftlichen Entwicklung immer weiter von der Natur entfernt hat. Dabei spielt der Rousseausche Gedanke eine Rolle, daß der Mensch in der Natur noch hatte gut sein können, weil er den verderblichen Einflüssen der Gesellschaft noch nicht ausgesetzt gewesen war. Humboldt hat allerdings einen positiveren Begriff von der Gesellschaft als Rousseau, denn die Gesellschaft bildet bei ihm ein durchaus notwendiges Moment der menschlichen Bildung. Er folgt aber dem Roussauschen Gedanken darin, daß Bildung vor allem ein Mittel der Individuen ist, mit den Folgen der Naturentfremdung in der Gesellschaft umgehen zu lernen. Weil wir uns von der Natur entfremdet haben, brauchen wir also Bildung, und nicht etwa, um uns von der Natur zu emanzipieren. ‚Emanzipieren‘ müssen wir uns vielmehr von den auf gesellschaftlicher Ebene sich auswirkenden, die Individuen bedrohenden Folgen der Naturentfremdung.

Dieser kleine Exkurs schien mir notwendig zu sein, weil das Bildungskonzept, von dem Masschelein und Simons ausgehen, den Eindruck erweckt, als sei Humboldts Universitätsidee, also die Bildungsuniversität, historisch veraltet. Letztlich aber hat Humboldts Bildungsidee viel mehr mit Masscheleins und Simons’ Konzept einer Welt-Universität gemeinsam, als es aufgrund der Darstellung der Autoren scheint.

Der Kultivierungsgedanke, den Masschelein und Simons mit der Bildungsuniversität verbinden, beinhaltet einen „in die Zukunft gerichteten“ Zeitpfeil (vgl. Masschelein/Simons 2010, S.17), also eine spezifische Fortschrittsorientierung, in der das Neue immer besser und auch wahrer ist als das Alte: „Die Bildungsuniversität betrachtet sich selbst als eine Institution, die die Gesellschaft, den Staat, ja die Welt auf den Fortschritt hin orientiert – das heißt, sie garantiert, dass der Wandel in die richtige Richtung verläuft und Fortschritt und Emanzipation mit einschließt.“ (Masschelein/Simons 2010, S.19)

Dabei funktioniert die Bildungsuniversität wie eine „Maschinerie“, „die unentwegt Vergangenheit und Zukunft voneinander trennt, indem sie ‚Tatsachen‘ (matter of fact) im Gegensatz zu bloßen Meinungen, Glaubenssätzen und Dogmen aufzeigt.“ (Vgl. Masschelein/Simons 2010, S.20) – Prägnant formuliert: die Vergangenheit steckt voller Vorurteile und Meinungen, während die Gegenwart die Tatsachen kennt. Ganz ähnlich beschreibt übrigens auch Plessner den wissenschaftlichen ‚Fortschritt‘. (Vgl. meinen Post vom 06.12.2010)

Masschelein und Simons kennzeichnen diese Bildungsuniversität als eine „Elite-Institution“, die „zwischen Intellektuellen und gewöhnlichen Bürgern“ unterscheidet. Der Zeitpfeil ihres Fortschritts ist auf ein „Zeitalter der Vernunft“ und auf ein „ultimatives Ende() der Geschichte“ ausgerichtet. (Vgl. Masschelein und Simons 2010, S.22) Dieses Ethos, so Masschelein und Simons, ist überholt und macht sich heute niemand mehr zu eigen. (Vgl. Masschelein und Simons 2010, S.23)

Das Konzept, mit dem wir es aktuell zu tun haben, ist die unternehmerische Universität. Sie hat den geraden, nach vorn in die Zukunft gerichteten Zeitpfeil der Bildungsuniversität in sich gekrümmt, so daß er jetzt einen sich in sich selbst drehenden Zirkel bildet: den „Zirkel der Exzellenz“. (Vgl. Masschelein und Simons 2010, S.23-40) Auf dieses Universitätskonzept werde ich im folgenden Post eingehen.

Download

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen