„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)

Freitag, 2. März 2018

Adrian Owen, Zwischenwelten. Ein Neurowissenschaftler erforscht die Grauzone zwischen Leben und Tod, München 2017

(Verlagsgruppe Droemer Knaur, Hardcover, 320 S., 19.-- €)

1. Feld-, Wald- und Wiesenphilosophie
2. Bewußtseinskriterien I
3. Körper, Gehirn und Bewußtsein
4. Bewußtseinskriterien II
5. Ethik und Seele

Mediziner bezeichnen das Wachkoma als „Syndrom reaktionsloser Wachheit“. (Vgl. Owen 2017, S.133) Es reicht von völliger Bewußtlosigkeit über „minimale Bewusstheit“ – „Ein ‚minimal bewusster‘ Mensch ist manchmal präsent, dann wieder nicht und bisweilen irgendwo dazwischen.“ (Owen 2017, S.151) – bis hin zu vollständiger geistiger Präsenz, ist aber nicht mit dem Locked-in-Syndrom zu verwechseln (vgl. Owen 2017, S.13). Bevor mit neuen Technologien wie dem PET-Scanner und dem fMRT-Scanner festgestellt wurde, daß 15 bis 20 Prozent der Wachkomapatienten „über volles Bewusstsein“ verfügen (vgl. Owen 2017, S.12), gab es die unterschiedlichsten Bezeichnungen für diese Patienten:
„Mitte des 20. Jahrhunderts kamen andere Begriffe auf, mit denen der Zustand beschrieben wurde, darunter Coma vigile (Wachkoma), akinetischer Mutismus, stille Bewegungslosigkeit, apallisches Syndrom und schwere traumatische Demenz. Ob all diese Begriffe dasselbe oder Unterschiedliches bezeichneten, ist vollkommen unklar, weil jeder Patient (wie auch heute noch) ganz unterschiedlich ausgeprägte Symptome aufwies ...“ (Owen, 2017, S.207)
Owen beschreibt zu Beginn seines Buches eine bewegende Szene, wo er am Krankenbett von Amy sitzt, einer Wachkomapatientin, und zwei Ärzte hereinkommen, von denen einer „fast heiter“ sagt: „Ich stehe nicht so auf Wetten, aber ich würde sagen, sie befindet sich in einem vegetativen Zustand!“ (Vgl. Owen 2017, S.10) Owen hält sich mit einer eigenen Bewertung von Amys Zustand zurück und stellt dann mithilfe eines fMRT-Scans fest, daß Amys Gehirn völlig normal funktioniert, wie bei einem hellwachen, gesunden, seiner selbst bewußten Menschen:
„Nach unseren Scans veränderte sich Amys Leben grundlegend. Agnes (Amys Mutter – DZ) wich kaum noch von ihrer Seite und las ihr fast ununterbrochen vor. Bill schaute jeden Morgen herein, brachte die Tageszeitungen und berichtete seiner Tochter, was es in der Familie Neues gab. Ständig kamen Freunde und Verwandte zu Besuch. An den Wochenenden holte man Amy nach Hause. An ihrem Geburtstag wurde gefeiert. ... Nach sieben Monaten in der Zwischenwelt wurde Amy wieder ein Mensch.“ (Owen 2017, S.14)
Man kann diese Geschichte kaum ungerührt zur Kenntnis nehmen. Vor dem inneren Auge des Lesers spielen sich Szenen ab, in denen der Arzt den Eltern nüchtern und sachlich mitteilt, daß ihre Tochter nur noch körperlich am Leben, geistig aber bereits tot sei und daß jeder Versuch, mit ihr Kontakt aufzunehmen, vergebliche Liebesmühe bzw. verschwendete Zeit sei. Angehörige, die sich von der ärztlichen Autorität beeindrucken lassen, lassen dann ihre Geliebten im Stich, deren Zustand sich daraufhin – ohne jede Ansprache durch einen Menschen – verschlechtert, bis sie schließlich tatsächlich langsam wegdämmern und nie mehr aus der Grauzone ins Leben zurückfinden.

Adrian Owen hat mit seiner Wachkomaforschung dazu beigetragen, die Öffentlichkeit auf diese hilflosen Menschen aufmerksam zu machen. Das ist ihm hoch anzurechnen, ein Verdienst, das ich in keiner Weise kleinreden will. Aber Owen selbst kommt immer wieder auf das Problem zurück, anhand welcher Kriterien man eigentlich mit Hilfe eines PET- oder fMRT-Scans genau feststellen kann, ob ein Wachkomapatient über Bewußtsein verfügt oder nicht. Wie unterscheidet man automatische Reaktionen – mit ‚Reaktion‘ sind hier immer mit Hilfe von Scans sichtbar gemachte Gehirnaktivitäten gemeint – von einem wachen Bewußtsein von sich und der Welt? Denn die Bildgebungsverfahren, die Owen in seinem Buch detailliert beschreibt, können möglicherweise wie bei Amy ein völlig normal funktionierendes Gehirn zeigen, und trotzdem können sich alle diese Funktionen auch bloß automatisch vollziehen, ohne die geringste Beteiligung eines Ich-Bewußtseins:
„Viele unserer komplexesten Hirnfunktionen, selbst unsere Fähigkeit, gesprochene Sprache zu verstehen, können aufrechterhalten bleiben, auch wenn wir nicht ganz bei vollem Bewusstsein sind.“ (Owen 2017, S.97)
Zwar gibt es bestimmte Gehirnareale, die nur bei ihrer selbst bewußten Menschen aktiv sind, die Frontal- und Parietellappen (vgl. Owen 2017, S.111, 113, 116, 241), aber das Fehlen irgendeiner Aktivität in diesen Bereichen läßt keinesfalls zwingend auf Bewußtlosigkeit schließen, wie der Fall ‚Juan‘ zeigt:
„Wir führten einige fMRT-Scans mit ihm durch, in der Hoffnung, mehr über den Zustand seines Gehirns und die Wahrscheinlichkeit einer Besserung zu erfahren. Wir forderten ihn auf, in seiner Vorstellung Tennis zu spielen. Nichts. Er sollte sich vorstellen, durch sein Haus zu gehen. Wieder nichts. Lorina versuchte es mit der Hitchcock-Aufgabe. ... Die Ergebnisse waren uneinheitlich.“ (Owen 2017, S.248)
Juan kehrte schließlich aus der Grauzone wieder zurück und genaß auch körperlich nahezu vollständig, mithilfe seiner Familie, die ihn nicht aufgegeben und in ihr tägliches Leben vollständig integriert hatte (vgl. Owen 2017, S.257) –, und er konnte Owen berichten, wie er alle Scans von Owen und seinem Team bewußt miterlebt hatte, ohne daß diese Scans irgendein Bewußtsein angezeigt hatten! (Vgl. Owen 2017, S.254)

Owen beschreibt detailliert die zahlreichen Versuche seines Teams, Kriterien zu entwickeln, die mithilfe der bildgebenden Verfahren dazu beitragen können, Bewußtsein zu indizieren und zu messen. Die Palette reicht vom Erkennen von Gesichtern mithilfe von Photos über Spracherkennung, über die Konstruktion von Entscheidungssituationen, mit deren Hilfe die Wahl- und Willensfreiheit von Wachkomapatienten geprüft wird, bis hin zum Vorführen von Filmen (die in einem der vorangegangenen Zitate erwähnte Hitchcock-Aufgabe) und dem Abfragen von autobiographischen Erinnerungen. Viele dieser Experimente mit Wachkomapatienten setzten voraus, daß Owen und sein Team mit den Wachkomapatienten während des Scans kommunizieren konnten. Dazu wurde ein Verfahren entwickelt, in dem sich die Wachkomapatienten bei ihren Antworten – Ja oder Nein – verschiedene Handlungen vorstellen sollten, Tennis spielen oder in der eigenen Wohnung von einem Zimmer in ein anderes Zimmer gehen. (Vgl. Owen 2017, S.127ff.) Dabei werden verschiedene Areale des Gehirns aktiviert, die durch Scans sichtbar gemacht werden können.

Diese Kommunikation funktionierte bei den meisten (nicht bei allen) Probanden, und so konnten sie mit Hilfe verschiedener Kriterien getestet werden. Das Problem war, daß die Ergebnisse nicht durchweg von allen Wissenschaftlern anerkannt wurden, auch nicht die ‚Kommunikation‘, denn auch die Aktivierung der Vorstellung, Tennis zu spielen, könnte ja automatisch als unwillkürlicher Reflex auf die Anweisung durch den Experimentator erfolgt sein. (Vgl. Owen 2017, S.140)

In diesem Zusammenhang diskutiert Owen auch verschiedene Grade von Bewußtheit: verfügen Embryos über Bewußtsein? Oder Säuglinge? Wie bewußt sind Kleinkinder im Alter von zwei Jahren im Vergleich zu erwachsenen Menschen? (Vgl. Owen 2017, S.81ff.) An dieser Stelle wird der – trotz gegenteiliger Behauptung des Autors – eklatante Mangel an philosophischem Sachverstand besonders deutlich. An keiner Stelle geht Owen auf die diesbezügliche philosophische Tradition ein, die sich schon lange mit der Frage befaßt, welchen Status unsere subjektive Gewißheit hat, daß andere Menschen wie wir über Bewußtsein verfügen. Diese Frage bildet auch ein Kernthema von Edmund Husserl, der sich unter dem Stichwort ‚Intersubjektivität‘ damit befaßt. Husserls Antwort auf diese Frage lautet, daß unsere Gewißheit, daß andere Menschen über ein subjektives Bewußtsein verfügen, für uns die gleiche Qualität hat, wie unsere Gewißheit über unser eigenes Bewußtsein. Damit widerspricht Husserl Descartes. Wir können nicht nur unser eigenes Bewußtsein nicht anzweifeln, sondern auch nicht das Bewußtsein unserer Mitmenschen.

 Es ist erst die Wissenschaft, die so seltsame Urteile fällt – bis in die neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts hinein –, daß Säuglinge schmerzunempfindlich seien, was man inzwischen vorverlegt hat; jetzt sind es die Embryos, die angeblich schmerzunempfindlich sein sollen:
„Wie Daniel Bor 2012 in seinem brillanten Buch The Ravenous Brain darlegte, werden jene Hirnregionen, die intakt und miteinander verbunden sein müssen, damit ein Bewusstsein entsteht, eigentlich erst ab der 29. Schwangerschaftswoche richtig ausgebildet, und es dauert einen weiteren Monat, bis diese Areale wirksam miteinander kommunizieren.() Ausgehend von den wissenschaftlichenFakten ist es daher höchst unwahrscheinlich, dass ein Bewusstsein irgendeiner Form, einschließlich der Schmerzempfindung, vor der 33. Schwangerschaftswoche entsteht.“ (Owen 2017, S.85)
Owens Feststellung zur Schmerzunempfindlichkeit eines Embryos erinnert an seinen Bericht von dem Arzt, der fröhlich verkündete, daß sich Amy in einem vegetativen Zustand befinde.

Es ist verwunderlich, daß Adrian Owen angesichts der Zweifelhaftigkeit der Aussagekraft seiner Scans hinsichtlich der Bewußtheit seiner Probanden immer wieder mit durch nichts begründetem Selbstbewußtsein behauptet, daß seine Scans deutlich machten, „was es im Grunde heißt, ein lebender Mensch zu sein“ (vgl. Owen 2017, S.11), oder daß das Gehirn „der pulsierende Wesenskern des Menschen“ sei (vgl. Owen 2017, S.40), oder wenn er Francis Crick zitiert:
„Sie, Ihre Freuden und Leiden, Ihre Erinnerungen, Ihre Ziele, Ihr Sinn für Ihre eigene Identität und Willensfreiheit – bei alledem handelt es sich in Wirklichkeit nur um eine Ansammlung von Nervenzellen und dazugehörigen Molekülen.“ (In: Owen 2017, S.91)
Solche Aussagen sind durch nichts belegt, weder durch Owens eigene Forschung noch durch die zweifelhaften ‚interdisziplinären‘ Beiträge der von ihm konsultierten Wissenschaftler. Sie belegen einzig und allein das Fehlen jeder ernsthaften philosophisch begründeten anthropologischen Reflexion.

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