Sonntag, 15. Januar 2017

Matthew B. Crawford, Die Wiedergewinnung des Wirklichen. Eine Philosophie des Ich im Zeitalter der Zerstreuung, Berlin 2016

(ullsteinbuchverlage, Hardcover, 429 Seiten, 24.00 €)

1. Zusammenfassung
2. Bewußtsein als geistige Repräsentation
3. Bewußtsein als Wahrnehmung
4. Bewußtsein als Wachsamkeit
5. Vortrefflichkeit: Das situierte Selbst
6. Vortrefflichkeit: Das situierte Ding

Ich las Matthew B. Crawfords Buch „Die Wiedergewinnung des Wirklichen“ (2016/2015) zeitgleich mit Bettina Stangneths Buch „Böses Denken“ (2/2016), und mir war aufgefallen, wie sehr sich beide Bücher in ihrer Kritik an der gesellschaftlichen und philosophischen Entwicklung in den letzten zwei- bis dreihundert Jahren ähneln. (Vgl. meinen Post vom 20.11.2016) Beide wenden sich gegen eine Form des Denkens, das sich von der Welt bzw. von der Wirklichkeit abwendet. Stangneth führt diese Entwicklung auf eine verfehlte Kant-Rezeption zurück, die Kants Aufklärungsformel, daß sich der Mensch seines eigenen Verstandes ohne Anleitung eines anderen bedienen solle, als einen rigiden Solipsismus mißverstand: daß nämlich jede Form der Einflußnahme durch andere Menschen Heteronomie bedeute.

Crawford hingegen gibt Kant selbst die Schuld (vgl. Crawford 2016, S.116ff.), ihm und John Locke (vgl. Crawford 2016, S.175ff.), weil diese beiden Philosophen die subjektive Autonomie idealisierten und formalisierten und jedes materiale Element aus der Moral und der Bildung des Menschen eliminierten. Beide Philosophen waren exponierte Vertreter der europäischen Aufklärung, der es vor allem um die Befreiung des Menschen von religiösen und politischen Autoritäten gegangen war. (Vgl. Crawford 2016, S.176) Grundlage dieses Befreiungsprozesses war ein Menschenbild, in dem sich der menschliche Wille nur von seinem eigenen Verstand leiten läßt. Die ganze Außenwelt konnte angezweifelt werden, nur das eigene Denken nicht:
„Descartes betrachtet die bloße Existenz einer Außenwelt als legitimes philosophisches Problem.“ (Crawford 2016, S.183)
Sowohl die Erkenntnistheorie wie auch die Ökonomie waren und sind von diesem Menschenbild geprägt. Es ermöglicht ein liberalistisches Wirtschaftssystem, das im Zeichen der ‚Befreiung‘ und der Autonomie das Individuum zum souveränen Marktteilnehmer erklärte, das über alles nötige Wissen verfügt, um rationale Kaufs- und Verkaufsentscheidungen treffen zu können. Aufgrund der Annahme, daß jedes Individuum vollkommen für sich selbst verantwortlich sei, konnte sich das kapitalistische Unternehmertum aller moralischen, ethischen, religiösen und politischen Fesseln entledigen und sich dieses Individuum „im Schutz der Autorität eines ‚Vertrags‘“ restlos unterwerfen. Letztlich, so Crawford, sei längst nicht mehr der Staat der größte Feind des Menschen, wie der Duchschnitts-US-Amerikaner immer noch meine, sondern eine ‚Marktwirtschaft‘, die jede Hemmung vor der Plünderung aller planetaren und individuellen Ressourcen zur Maximierung des Profits verloren habe:
„Die Mobilfunkfirma nimmt keine gottgegebenen Rechte einer Monarchie für sich inAnspruch, sondern bewegt sich im Schutz der Autorität eines ‚Vertrags‘, bei dem es sich vermeintlich um eine Vereinbarung handelt, die wir aus freien Stücken mit vollständiger Information und unter Berücksichtigung zahlreicher Alternativen eingegangen sind. Wenn wir uns weigern, die geheimnisvollen Gebühren zu bezahlen, werden wir nicht mit der bewaffneten Staatsgewalt konfrontiert (zumindest nicht sofort), aber unsere Kreditwürdigkeit wird weiter sinken.“ (Crawford 2016, S.169f.)
Karl Marx beschreibt den Prozeß der Plünderung der Ressourcen als ursprüngliche Akkumulation. Gemeint ist damit die Entstehung des freien Kapitals, mit dem der Unternehmer auf die Bühne des Weltgeschehens tritt und seine Investitionen finanziert. Ursprünglich waren die natürlichen Ressourcen Gemeineigentum gewesen: das Land, die Rohstoffe, die geistige und physische Fruchtbarkeit der menschlichen Gemeinschaften. Im Mittelalter nannte man das „Allmende“. Die Wiese und den Wald am Dorfrand durfte jeder nach seinen Fähigkeiten nutzen und bewirtschaften. Dann erklärte der Landadel diese Allmende zu seinem Privateigentum und ließ die Menschen, die nun nicht mehr für sich selbst sorgen konnten, für sich arbeiten. Der Kapitalist war geboren.

Das Kapital besteht also aus einem fortdauernden Raub am Gemeineigentum, an der Allmende. Aber der Gegenstand des Raubs bzw. der Ausbeutung hat sich gewandelt. Es sind nicht länger die physischen und biologischen Ressourcen, die sich der Kapitalist aneignet und in Kapital verwandelt, sondern das Bewußtsein des Menschen. Crawford greift den mittelalterlichen Allmendebegriff auf und überträgt ihn auf unser Bewußtsein: er spricht von der „Aufmerksamkeitsallmende“. (Vgl. Crawford 2016, S.21ff.) Bislang war unsere individuelle Aufmerksamkeit frei und wurde ausschließlich von unseren eigenen persönlichen Interessen gesteuert. Jetzt hat der Kapitalismus begonnen, den öffentlichen und privaten Aufmerksamkeitsraum zu bewirtschaften:
„Wir betrachten diese Ressourcen ( wie Luft und Wasser – DZ) als gegeben, aber erst ihre allgemeine Zugänglichkeit ermöglicht alles andere, was wir tun. Ich denke, die Abwesenheit von Lärm ist eine solche Ressource. Genauer gesagt besteht die wertvolle Ressource, die wir als selbstverständlich betrachten, darin, dass wir nicht angesprochen werden. So wie saubere Luft das Atmen möglich macht, macht Stille in diesem weiten Sinn das Denken möglich.“ (Crawford 2016, S.25)
Vielleicht ist dieses Bedürfnis nach einer individuellen Ruhezone der Grund für jenes fragwürdige Recht auf Behaglichkeit, das Bettina Stangneth zurecht kritisiert. (Vgl. meinen Post vom 18.11.2016) Bei Crawford ist aber mit „Stille“ lediglich die Abwesenheit von Lärm gemeint und überhaupt die Abwesenheit von optischen und akustischen Signalen, die unsere Aufmerksamkeit zu fesseln versuchen, um aus ihr Profit zu schlagen. Überall im öffentlichen Raum gibt es Werbeflächen, die von findungsreichen Unternehmern entdeckt und in Beschlag genommen werden. Und auch in unseren privaten Bereich sind diese Werbeflächen über die Bildschirme des Fernsehens und des Computers eingedrungen. Längst gehört unsere Aufmerksamkeit nicht mehr uns selbst. Was Marx „ursprüngliche Akkumulation“ nennt, bezeichnet Crawford als „Wohlstandstransfer“:
„Wenn Menschen den Geist anderer Menschen als Ressource betrachten, kann man nicht davon sprechen, dass sie ‚Wohlstand schaffen‘. Hier findet ein Wohlstandstransfer statt.()“ (Crawford 2016, S.27f.)
Wie sehr dieser Aufmerksamkeitskapitalismus inzwischen unsere Selbst- und Weltwahrnehmung verändert hat, beschreibt Crawford anhand zweier Beispiele: der Spielautomaten-Junkies (vgl. Crawford 2016, S.137ff.) und der Walt-Disney-Serie „Micky-Maus-Wunderhaus“ (vgl. Crawford 2016, S.113ff.).

Die Automatenspieler flüchten Crawford zufolge aus einer überkomplex gewordenen, unkontrollierbaren Welt in eine von Aufmerksamkeitsarchitekten eingerichteten „Zone“ vorgefertigter Erlebnisse und Lösungen. (Vgl. Crawford 2016, S.144f.) Die Welt der Automaten bildet eine Zone minimierter Kontingenzen: alle Prozesse, die ablaufen, sind gleichsam ‚mechanisch‘ reguliert, ein Eindruck, der trotz der längst stattgefundenen Digitalisierung durch verschiedenste Geräuscheffekte aufrechterhalten wird. Die heutigen Automaten haben auch keinen ‚Arm‘ mehr, also einen Hebel, der bedient werden müßte. Dem Automatenspieler reicht ein Knopf, den er drücken und so die Spiele auslösen kann, und oft ist nicht einmal dieser Knopf mehr nötig. Der Spieler steht dann nur noch vor dem Automaten und wirft Geldstücke ein oder bedient ihn mit einer Karte, von der die Geldbeträge abgebucht werden.

Crawford beschreibt den Automatenspieler als von einem Todestrieb gesteuerten Autisten. Den Todestrieb macht Crawford daran fest, daß der Automatenspieler gar nicht gewinnen will: Gewinn bereitet ihm Streß! Wenn der Automat ihm Geldgewinn zuweist, etwa indem er einen Eimer voll Münzen ausschüttet, muß der Spieler nämlich eine Entscheidung treffen. Er muß sich entscheiden, nach Hause zu gehen oder weiterzuspielen:
„Wenn man Geld übrig hat, ist man gezwungen zu wählen.“ (Crawford 2016, S.160)
Der Automatenspieler will nicht wählen. Er will vielmehr sein Geld loswerden, um nicht mehr wählen zu müssen, wie Crawford die Autorin und Spielsuchtforscherin Natasha Dow Schüll (2012) zitiert:
„All das, was dich anfangs anlockte – der Bildschirm, die Wahlfreiheit, die Entscheidungen, das Können – ist fort, und du findest dich mit der Gewissheit des Zufalls ab: Der Beweis ist die Null am Ende.“ (In: Crawford 2016, S.160)
Diese Null am Ende als eigentliches Ziel des Automatenspielers bezeichnet Crawford als Todestrieb.

Das andere Beispiel ist das schon erwähnte „Micky-Maus-Wunderhaus“. Die ursprünglichen Micky-Maus-Filme aus den Zwanziger Jahren bis in die Fünfziger Jahre des 20. Jhdts. hinein, waren Slapstick-Filme gewesen. In diesen Filmen agierten ein tolpatschiger Goofy oder Donald Duck in einer Welt, die sich ihnen widersetzte und ihnen bösartige Streiche spielte:
„Diese frühen Zeichentrickfilme enthalten eine reichhaltige Phänomenologie dessen, was es bedeutet, ein körperlicher Agent in einer Welt der Dinge und der unausweichlichen physikalischen Gesetze zu sein.“ (Crawford 2016, S.112)
In den sechziger Jahren führten die Disney-Studios die Serie „Micky-Maus-Wunderhaus“ ein. Die Akteure in diesen Filmen geraten ebenfalls in schwierige Situationen mit umgefallenen Bäumen oder anderen Mißlichkeiten. Aber anstatt nun in eine katastrophenträchtige Auseinandersetzung mit diesen Dingen zu geraten, rufen sie ein Zauberwort, ein Computer taucht auf und bietet vier Lösungsmöglichkeiten, aus denen sie eine auswählen können, woraufhin wie aus dem Nichts, aus der Luft oder aus dem Boden, eine Greifhand erscheint und den Baum zur Seite räumt. Die Lehren, die die Kinder, die sich diese Fernsehserie anschauen, ziehen, ist klar: Alles ist gut, vertraue auf die Technik.
„Die in Micky Maus Wunderhaus angebotene Alternative besteht darin, auf die Selbstbeherrschung zu verzichten, die ein ungestörtes Kleinkind ganz natürlich entwickelt, und die Frustration des Lebens anhand vorgefertigter Lösungen zu managen, die dem Kind in einem beschränkten Menü angeboten werden. Dieses Management macht jene, die zu einem von der Welt losgelösten Leben erzogen wurden, zu leicht formbarem Material für die ‚Entscheidungsarchitekten‘, die unser kollektives Leben gestalten.“ (Crawford 2016, S.145)
Sowohl der Spielautomatenautist wie auch das vom Micky Maus Wunderhaus faszinierte Kind stehen für eine Lebens- und Wirtschaftsform, die uns alle bestimmt. Wir kreisen nur noch um uns selbst und unsere Bedürfnisse, die wir ungestört von der Wirklichkeit befriedigt haben wollen, und man redet uns ein, dabei handele es sich um ein berechtigtes Anliegen, nämlich um die Durchsetzung und Bewahrung unserer Autonomie:
„Angesichts der Tatsache, dass es schwer ist, Angehörige und Verwandte zu verstehen, zieht sich der Autist in die Selbststimulierung zurück. Der Narzisst spaltet von anderen Menschen das ab, was er gebrauchen kann, das heißt jene Teile, die sein Selbstbild bestätigen. Wir erkennen beide Verhaltensweisen als pathologisch; aber wir könnten sie auch als das Ziel betrachten, zu dem das Ideal der Autonomie führt, wenn es keine anderen Ideale gibt, die als Gegengewicht dienen können.“ (Crawford 2016, S.262)
Auch unser ganzes Bildungssystem ist auf dieses formalistische Bildungsideal hin ausgerichtet. Längst geht es nicht mehr um die Auseinandersetzung mit konkreten Problemen, sondern nur noch um formale Kompetenzen, die jede materiale Festlegung möglichst vermeiden:
„Das Ideal der Erfahrung wurde abgelöst vom Ideal der Flexibilität. Gefordert ist heute eine Allzweckintelligenz von der Art, die uns durch die Aufnahme an einer Eliteuniversität bescheinigt wird, nicht irgendeine besondere Fähigkeit, die man sich vielleicht erworben hat.“ (Crawford 2016, S.241)
Crawford zufolge muß die Bildung wieder material werden, sich wieder den Dingen und der konkreten Wahrnehmung zuwenden, anstatt bloß das abstrakte Denken zu fördern. Das Problem, so Crawford, liegt „in der Beseitigung der körperlichen Wahrnehmung aus dem Lehrplan“. (Vgl. Crawford 2016, S.373) Es ist allererst der Umgang mit der materiellen Welt, der den Menschen moralfähig macht, denn hier lernt er seine Grenzen kennen, sie auszuhalten und mit ihnen umzugehen. Der Mensch wird im Umgang mit den Dingen fähig, Verantwortung zu übernehmen:
„Meine These lautete, dass echte Handlungsmacht nicht einfach auf freien Entscheidungen (wie beispielsweise beim Einkaufen) beruht, sondern paradoxerweise auf der Unterwerfung unter Dinge, die ihr eigenes, unergründliches Wesen haben, ob dieses Ding nun ein Musikinstrument, ein Garten oder eine Brücke ist.“ (Crawford 2016, S.44f.)
Heteronomie ist deshalb Crawford zufolge nicht das Gegenteil von Autonomie, sondern macht diese erst möglich. (Vgl. Crawford 2016, S.45) Um seinen eigenen Verstand nutzen zu können, muß sich der Mensch zuvor den Dingen – und am besten noch einem Meister dieser Dinge – unterworfen haben. Crawfords Argumentation erinnert an Rousseaus „Emile“ (1762). Bei Rousseau sind es vor allem die Dinge, an denen sich der Verstand des Kindes allererst schult; denn diese Dinge – „die stumpfe Natur, die einfach nur da ist“ (Crawford 2016, S.111) – fügen sich dem Kind nicht, sondern zeigen ihm seine Grenzen auf. Und indem sie ihm seine Grenzen aufzeigen, entwickeln sich im Umgang mit ihnen seine Möglichkeiten.

Ähnlich wie Rousseau, der von drei Lehrmeistern im Leben des Kindes spricht – von seinem Körper, von den Dingen und von den anderen Menschen um ihn herum –, unterteilt Crawford sein Buch in zwei Abschnitte, um so ein neu-altes Bildungsprogramm zur Rückgewinnung des Wirklichen zu präsentieren: Teil I, in dem es um die Begegnung und Auseinandersetzung mit den Dingen geht (vgl. Crawford 2016, S.51-172), und Teil II, in dem es um die Begegnung und Auseinandersetzung mit anderen Menschen geht (vgl. Crawford 2016, S.189-301).

Im dritten und letzten Abschnitt geht es dann, am Beispiel eines Orgelbauers, um die komplexe kulturgeschichtliche, ökonomische, technologische, soziale und individuelle Dimension eines Musikinstruments. Hier gelingt es Crawford, den anthropologischen Horizont des situierten Menschen auf allen seinen Entwicklungsebenen auszuleuchten und auf die Notwendigkeit einer gleichermaßen gesellschaftlichen wie ökonomischen Reform in unserer globalisierten Welt aufmerksam zu machen.

Download

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen