„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)

Montag, 1. Februar 2016

Henning Mankell, Treibsand. Was es heißt, ein Mensch zu sein, Wien 2015 (2014)

1. Treibsand im Stundenglas
2. Testamente
3. Kinder
4. Frauen
5. Wahlfreiheit
6. Technik

Am 8. Januar 2014 erhält Henning Mankell die Diagnose. Er hat Krebs. Wie lange er noch zu Leben hat, weiß er nicht. Er hofft, daß er zu den Langzeitüberlebenden gehört, denn heilbar ist sein Krebs nicht. Um weiterleben zu können, ohne die Hoffnung zu verlieren, schreibt er ein Buch: „Treibsand. Was es heißt, ein Mensch zu sein“ (2014; deutsch: 2015). Es erscheint noch im selben Jahr seiner Diagnose. Ein Jahr später ist er tot. Mankell stirbt am 5. Oktober 2015.

Besonders eindrücklich an diesem Buch hat mich berührt, wie sich das Zeiterleben eines Todeskandidaten ändert. Sicher: wir alle sind Todeskandidaten, und das Leben des Menschen ist, wie Mankell schreibt, immer eine Tragödie, weil es ausnahmslos mit dem Tod endet: „Im Grunde ist unser Dasein eine Tragödie. Ein Leben lang trachten wir danach, unsere Kenntnisse, unser Wissen und unsere Erfahrungen zu vermehren. Doch letzten Endes wird sich alles in Nichts auflösen.“ (Mankell 2015, S.120)

Dennoch macht es einen Unterschied, ob wir die Todesursache schon im voraus kennen, wie bei Mankells Krebsdiagnose, oder ob für uns das Ende noch offen ist, zumindest was die konkrete Todesursache unseres eigenen, immer nur zu kurzen Lebens betrifft. Mit dem Wissen um die Todesursache ändert sich unser Zeiterleben radikal: wir erwarten uns von der Zukunft nichts mehr. Stattdessen wenden wir uns unserer Vergangenheit zu, um uns zu vergewissern, was aus uns geworden ist und ob wir unser Leben auch gelebt haben: „In dem Gefühlschaos, das mich überfiel, nachdem meine Nackenstarre sich in Krebs verwandelt hatte, stellte ich fest, dass mich meine Erinnerung oft in die Kindheit zurückführte. Es dauerte jedoch einige Zeit, bis ich erkannte, dass die Erinnerung mir helfen wollte zu verstehen, einen Ausgangspunkt schaffen wollte, der mir eine Möglichkeit eröffnete, mit der Lebenskatastrophe, die über mich hereingebrochen war, umzugehen.“ (Mankell 2015, S.23)

Der Ausgangspunkt, von dem aus Mankell sein Leben aufrollt und es vor dem Hintergrund des Kommens und Gehens der Menschheit auf diesem Planet auszubuchstabieren versucht, beginnt mit einem Erlebnis eines neunjährigen Jungen, der plötzlich sein Ich entdeckt und feststellt, daß es einzigartig ist: „Die Situation steht mir in beinahe überdeutlicher Klarheit vor Augen. Als wäre das Bild in meine Erinnerung eingebrannt. Plötzlich überfällt mich eine unerwartete Einsicht. Als bekäme ich einen Stoß. Die Worte formen sich wie von selbst in meinem Kopf: ‚Ich bin ich und kein anderer. Ich bin ich.‘“ (Mankell 2015, S.25; vgl. zu diesen Ich-bin-Ich-Erinnerungen meinen Post vom 16.01.2014)

Immer wieder kommt Mankell auf dieses einschneidende Lebensjahr zurück, in dem sich wie in einem Brennglas die entscheidenden Lebensmotive versammeln, an denen sich die späteren Entscheidungen des Heranwachsenden und des Erwachsenen orientieren. Zugleich blickt er in die Menschheitsgeschichte zurück, indem er auf die verschiedenen Kulturrelikte reflektiert und die Generationenfolgen von der sechstausend Jahre alten Tempelanlage Hagar Qin auf Malta (vgl. Mankell 2015, S.52ff.) und von den bis zu vierzigtausend Jahre alten Höhlenmalereien in Südfrankreich und Spanien (vgl. Mankell 2015, S.83ff.) in eine gemeinsame, ungebrochene biologische und kulturelle Kontinuität des Überlebens bis zur Jetztzeit stellt. Zugleich konfrontiert Mankell diese Kontinuität immer wieder mit der Diskontinuität des Vergessens: „An wie viele der einhundertsieben Milliarden Menschen, die bis heute auf der Erde gelebt haben, und von denen der größere Teil tot ist, erinnern wir uns heute? Ihre Namen, ihre Taten? Es ist eine verschwindend kleine Anzahl. Vergessen zu werden ist das Los des Menschen.“ (Mankell 2015, S.107)

In die andere Richtung wird der Blick, getragen von der Sorge um die atomare Hinterlassenschaft unserer Zeit, hunderttausend Jahre in die Zukunft gerichtet. Über die eine und andere der bevorstehenden Eiszeiten hinweg fragt sich Mankell nach der Kontinuität einer Überlieferung, die den verantwortungsvollen Umgang mit dem strahlenden Atommüll betrifft: „Vielleicht sind die Kernkraft und ihr Abfall etwas, das in jeder Hinsicht von grundlegenden Mustern abweicht? Dass Gesellschaften und Zivilisationen nicht aufräumen, bevor sie verschwinden, wissen wir. Aber noch hat keine von ihnen Abfall hinterlassen, der heimlich für Tausende von Jahren seine Gefährlichkeit beibehält. Wir sind die Einzigen. Ganz allein in der Geschichte.“ (Mankell 2015, S.110f.)

Kontinuität und Diskontinuität bilden hier die Aporie einer transkulturellen ‚Humanität‘, die jeden Gedanken an irgendeine rationale Genealogie im Innersten zerrüttet und korrumpiert.

Die zentrale Metapher, mit der Mankell sein eigenes Lebensschicksal mit dem großen Ganzen der Menschheitsentwicklung verknüpft, ist deshalb der Treibsand. Er hatte einmal, berichtet Mankell, eine Erzählung gelesen, in der ein Mann im Treibsand versinkt: „Er wird unerbittlich hinabgezogen und ist nicht in der Lage sich zu befreien. Am Ende bedeckt der Sand Mund und Nase. Der Mann ist verloren. Er erstickt, und als Letztes versinkt sein Schopf im Sand.“ (Mankell 2015, S.29)

Dieses Gefühl, im Treibsand festzustecken und langsam zu versinken, verbindet Mankell mit den zehn Tagen, die er nach der Krebsdiagnose in seinem Bett lag: „Das Gefühl das mich überkam, war genau wie die Angst vor dem Treibsand. Ich sträubte mich dagegen, hinabgezogen und von ihr verschlungen zu werden, von der lähmenden Einsicht, dass mich eine schwere, unheilbare Krankheit befallen hatte.“ (Mankell 2015, S.29)

Nach zehn Tagen faßt sich Mankell wieder und entschließt sich zum Widerstand.

Dieses Bild vom Treibsand ist äußerst beziehungsreich. Es bringt zunächst sehr bildhaft die Lähmung zum Ausdruck, die den am Krebs erkrankten Mankell befällt. Man steckt fest und kann nicht mehr vor und zurück. Die Zeit fließt nicht mehr. Und dennoch passiert etwas unter unseren Füßen; etwas zieht uns hinab. Ein unterirdischer Sog. Es fließt nämlich doch noch etwas, aber nach unten, und dorthin zieht es uns unabänderlich mit sich.

Mir drängt sich dabei das Bild einer Sanduhr auf. Der Treibsand und der Mann befinden sich in einer Sanduhr, und mit dem Sand verrinnt sein Leben. Dazu paßt ein anderes Bild, das Mankell vor unseren Augen entfaltet: das Bild von einer im Glas eingeschlossenen Luftblase, das er wie einen Kontrapunkt gegen den Treibsand setzt, weil er es mit einer Hoffnung verbindet: „Ein Mythos besagt, dass eine in der durchsichtigen Wand des Glases eingeschlossene Luftblase sich bewegt. Die Bewegung ist so langsam, dass man sie mit bloßem Auge nicht erkennen kann. Nicht einmal während eines langen Lebens bewegt sich die Blase sichtbar in die eine oder andere Richtung. Es dauert mehr als eine Million Jahre, bis sie wieder an ihrem Ausgangspunkt angekommen ist. Die Luftblase hat also eine Umlaufbahn wie die Planeten, die sich in bestimmten Kurven und Geschwindigkeiten bewegen. ... Und ich glaube daran, dass die Blase sich bewegt. Doch ich sehe es nicht.“ (Mankell 2015, S.37f.)

Wenn Mankell die Bewegung der Luftblase mit der in sich geschlossenen Umlaufbahn eines Planeten assoziiert, liegt darin die Hoffnung auf eine Sinnerfüllung, die weit über die sterbliche Existenz eines Menschen hinaus Bestand hat. Aber er irrt sich. Wir haben es bei der sich bewegenden Luftblase ganz und gar nicht mit einem Mythos zu tun. Wissenschaftlich gesehen ist das Glas nämlich kein fester Stoff, sondern es ist eine Flüssigkeit. Alte Kirchenfester sind unten dicker als oben, weil das Glas in den Jahrhunderten, die vergangen sind, allmählich nach unten ‚fließt‘. Wenn wir die Luftblase nehmen, von der Mankell spricht, so müßte sie sich eigentlich im Glas ähnlich verhalten wie Luftblasen im Wasser: sie müßte einen Auftrieb nach oben haben, während die ‚Säule‘ des Glases nach unten strebt.

So haben wir hier wieder dieselben zwei Kräfte, die sich gegeneinander richten, nach oben und nach unten, wie es dem Mann im Treibsand widerfährt, der heraus will und doch hinab gezogen wird. Nur daß bei der Luftblase im Glas alles unendlich viel länger dauert.

Mankell verleiht der Luftblase im Glas eine kosmische Dimension. Wir können sie aber auch auf die Erde und auf das Leben auf ihr beziehen. Es ist dasselbe saugende Fließen des Glases wie beim Treibsand, nur daß die Vorgänge rund um die Luftblase herum so langsam ablaufen wie die biologische und die geologische Evolution. Wir können die Bewegung der Luftblase so wenig ‚sehen‘ wie diese biologischen und geologischen Zeiträume, aus denen die Menschheit hervorgegangen ist.

Wer wird am Ende gewinnen: die ‚Fliehkraft‘ der Luftblase hinauf oder die ‚Gravitation‘ des Glasflusses hinab? Setzen wir die Luftblase mit der Menschheit gleich, wird das Ergebnis wohl auch kein anderes sein als bei dem einzelnen Mann im Treibsand.

Mankell ist da aber hoffnungsvoller. Da das Glas, in dem die Luftblase sich ‚bewegt‘, Mankell zufolge selbst bewegungslos ist und nicht fließt, bewegt sich die Luftblase ewig; und sie kehrt sogar schließlich zu ihrem Ausgangspunkt zurück, wie ein Planet auf seiner Umlaufbahn. Ohne diese Hoffnung, wie sie im Bild einer der Entropie widerstehenden Umlaufbahn bzw. im Bild der im bewegungslosen Glas sich bewegenden Luftblase zum Ausdruck kommt, wäre die Tragödie des im Treibsand festsitzenden Mannes unerträglich. Der Mann im Treibsand wird zwar enden. Aber die Menschheit, die das Leben des versinkenden Mannes umfaßt, soll überdauern. Dafür, daß es eine Zukunft gibt, steht das Glas der Ewigkeit.

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