Sonntag, 1. November 2015

Axel Meyer, Adams Apfel und Evas Erbe. Wie die Gene unser Leben bestimmen und warum Frauen anders sind als Männer, München 2015

(C.Bertelsmann, 416 S., gebunden, 19,99 €)

2. Methode I: Genauigkeit
3. Methode II: Polemik
4. Methode III: Korrelation
5. Geschlecht (Sex)
6. Intelligenz
7. Sinn des Lebens
8. Genom und Gehirn

In Axel Meyers Ausführungen zum Genom, über den Zusammenhang von Erbgut und Umwelt und über die Interaktion zwischen diesen beiden Faktoren, die die individuelle Entwicklung eines Menschen beeinflussen, erinnern mich einige Formulierungen an die Art und Weise, wie Neurologen über das Gehirn sprechen. So sieht z.B. Georg Northoff das Gehirn als eine Umwelt-Gehirn-Einheit. (Vgl. meinen Post vom 28.07.2012) Das Gehirn kann so wenig als Gehirn ohne Umwelt funktionieren wie das Genom. Das fängt beim Genom schon auf der Ebene der Gene an: die Gene können von sich aus, ohne die Zelle und ihre biochemischen Aktivitäten, nichts bewirken.

Bestimmte Formulierungen, die Meyer verwendet, um die Polygenität phänotypischer Merkmale auf der Ebene des Genoms zu beschreiben, erinnern mich an Damasio, der das globale Zusammenwirken der unterschiedlichen neuronalen Netzwerke im Gehirn mit einer Orchesteraufführung vergleicht:
„Das Bewusstsein erwächst letztlich nicht aus einer bestimmten Stelle im Gehirn, sondern es entsteht gleichzeitig als Produkt dieser vielen Regionen, ganz ähnlich wie die Aufführung einer Symphonie, die nicht auf die Tätigkeit eines einzelnen Musikers oder einer Musikergruppe im Orchester zurückgeht.“ (Antonio R. Damasio: „Selbst ist der Mensch“ (München 2011), S.35)
Ganz ähnlich beschreibt Axel Meyer die Polygenität, also das Zusammenwirken von auf verschiedene Chromosomen verteilten Genen als eine „komplexe Choreografie, bei der mehrere Gene auf Chromosomen wie auch Hormonsignale und andere Phänomene eine Rolle spielen.“ (Vgl. Meyer 2015, S.132) – Meyer spricht von einer „sensible(n) Orchestrierung der Interaktion von Genen im gesamten Genom“. (Vgl. Meyer 2015, S.145) – „Das menschliche Genom“ – so Meyer – „ist, obwohl es so wirkt, als ob es unorganisiert wäre, ein fein austariertes System, das es wie durch ein Wunder schafft, aus einem kleinen Knäuel DNA einen kompletten Organismus zu bauen“. (Vgl. Meyer 2015, S.112)

Ähnlich wie sich Synapsen in ihren Aktivitäten wechselseitig anregen oder ‚abregen‘, also inhibitieren können, können sich beispielsweise männliche und anti-männliche Gene bei der Herausbildung des weiblichen und männlichen Geschlechts in ihrer Wirkung wechselseitig verstärken oder inhibitieren. (Vgl. Meyer 2015, S.185) – Noch einmal Axel Meyer: „Es ist ein Wunder der Natur, wie dies alles orchestriert und choreografiert wird, damit innerhalb von neun Monaten aus einer einzigen befruchteten Eizelle ein so komplexes Lebewesen mit Milliarden von Zellen und mehr als 200 verschiedenen Zelltypen entsteht.“ (Meyer 2015, S.188)

In allen diesen Formulierungen des Evolutionsbiologen und Genetikers erkenne ich die entsprechenden Darstellungen von Neurowissenschaftlern zum Gehirn wieder, was nicht zuletzt auch dadurch unterstützt wird, daß beide Wissenschaftsrichtungen die menschliche Intelligenz auf ihren zentralen Forschungsgegenstand, auf das Genom bzw. auf das Gehirn, zurückzuführen versuchen. Eine weitere Parallele zwischen diesen beiden biologischen Ebenen scheint mir auch in der Plastizität zu bestehen, mit der sich zum einen das Genom, zum anderen das Gehirn an das individuelle Verhalten eines Menschen anpaßt. Was die Plastizität auf der Ebene des Gehirns ist, das ist die Epigenetik auf der Ebene des Genoms.

Das hat mich zu dem Gedanken angeregt, ob man das Genom und das Gehirn nicht in ein aus den verschiedenen Entwicklungslinien des Menschen bestehendes Koordinatenkreuz einzeichnen könnte. Ich habe das einfach mal versucht und stelle hiermit das Ergebnis vor.



Die X-Achse des Koordinatenkreuzes besteht aus der kulturellen und aus der individuellen Entwicklungslinie. Die individuelle Entwicklungslinie setzt die kulturelle Entwicklungslinie nicht einfach fort, sondern setzt bei einem kulturellen Nullpunkt ein. Damit soll nicht ausgeschlossen werden, daß eine gewisse ‚kulturelle‘ Beeinflussung des ungeborenen Kindes schon im Mutterleib über die Interaktion mit der Mutter und ihrer Umwelt beginnt. Außerdem soll der Nullpunkt im Koordinatenkreuz zwar die Geburt des Kindes markieren, aber zugleich ist damit noch ein anderer ‚Nullpunkt‘ der individuellen Entwicklung des Menschen gemeint: die Pubertät am Ende der Kindheit. In der Pubertät entscheidet es sich, ob der junge Erwachsene die kulturelle Linie seiner Eltern und Vorfahren fortsetzt oder ob er aus ihr ausschert.

Die Y-Achse besteht aus der biologischen Entwicklungslinie. Sie setzt sich nahtlos über die Vermittlung der weiblichen Eizelle fort, so daß wir es hier nicht mit einem singulären Zeugungsakt zu tun haben, sondern mit einem zellulären Übergang zum Embryo. (Vgl. den entsprechenden Post von Georg Reischel in seinem Reproduktionsblog) Wir haben es hier also nicht mit einem Nullpunkt der menschlichen Entwicklung zu tun, sondern mit einer biologischen Kontinuität. Ich habe diesen Übergang in der Graphik etwas unterhalb der sich kreuzenden Linien eingezeichnet, um so die neunmonatige Schwangerschaft zu symbolisieren. Oberhalb der sich kreuzenden Linien, also mit der Geburt des Kindes, setzt sich der biologische Einfluß des Genoms bis zum Tod hin fort. Möglicherweise gehen aus dieser biologischen Linie weitere Kinder hervor, in diesem Falle drei, die dann wiederum mit unterschiedlicher Lebenserwartung die biologische Linie weiterführen, mit wiederum eigenen Kindern oder auch nicht.

Dieser Linie habe ich also das Genom zugeordnet. Das Genom bildet das spezifisch plastische Medium eines durch die Zeiten (Generationen) sich fortsetzenden Lebensprozesses. Die ‚Intelligenz‘ dieses Lebensprozesses ist sowohl für individuelle (Epigenetik) wie für kollektive, also auf die Gattung bezogene (sexuelle und natürliche Selektion) Verhaltensweisen offen. Wir haben es mit einer diachronen Variabilität zu tun.

Der individuellen Line habe ich das Gehirn zugeordnet. Das Gehirn bildet das spezifisch plastische Medium einer in der Gegenwart eines kurzen Lebens sich entfaltenden Individualität. Es paßt sich an die verschiedensten ‚Kulturen‘ bzw. Umstände und schicksalshaften Wendungen eines nicht vorhersehbaren Lebenslaufs an. Das Gehirn legt dabei eine Flexibilität an den Tag, die bis ins hohe Alter erhalten bleibt, auch wenn sich diese Flexibilität nach den verschiedenen Lebensaltern modifiziert. Wir haben es mit einer synchronen Plastizität zu tun.

Zwischen den Achsen der biologischen Linie und der kulturell-individuellen Linie (im rechten oberen Feld) bildet sich eine Vorstellung vom individuellen Lebenssinn heraus (Kinder haben oder nicht, künstlerische, wissenschaftliche, soziale Tätigkeiten etc.). Ich habe diese Sinnbildung als einen linear aufsteigenden Pfeil dargestellt; tatsächlich aber handelt es sich wohl eher um eine von Brüchen durchsetzte Kurve. Vielleicht könnte man sagen, daß diese auf einen Lebenssinn gerichtete Linie die „dritte Kraft“ symbolisiert, von der Axel Meyer spricht und mit der er die Interaktion zwischen Genom und Umwelt meint. (Vgl. Meyer 2015, S.58) Subjekt bzw. Träger dieses als ‚Interaktion‘ bezeichneten Sinnbildungsprozesses wäre das Individuum, das auf diese Weise sein Leben führt.

Soweit mein Gedankenspiel zum Genom und zum Gehirn am Ende meiner Besprechungen zu Axel Meyer.

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