Samstag, 26. September 2015

Michael Silnizki, Geopolitik: geotheologische und geoökonomische Betrachtungen, Berlin 2015

(Michael Silnizkis Website)

Es ist ein ziemlicher Sprung vom raumschaffenden Menschen, wie er im Zentrum des zuletzt von mir besprochenen Beitrags von Sandra Maria Geschke zum Tagungsband „Aufgabenorientierte Wissenschaft“ (2015) steht (vgl. meinen Post vom 23.09.2015), zu Michael Silnizkis Buch „Geopolitik“ (2015). Bei Silnizki geht es gerade nicht um das individuelle Potential des Menschen, sich in der Welt zu orientieren und zu beheimaten, sondern im Gegenteil um sich „wertfremd“ gegenüberstehende, nur geopolitisch beschreibbare „Großräume“, die, so Silnizkis zentrale These, in ihrem jeweiligen Werteverständnis ähnlich festgelegt sind, wie die planetarische Gestalt der Erde, deren Kontinentalverschiebungen nur in geologischen Zeiträumen gemessen werden können: „Versuche des westlichen Universalismus und seines Hegemons, einen wertfremden Großmachtraum zu domestizieren und dessen wertlogisches Selbstverständnis zu transformieren, sind genauso erfolgversprechend, wie der Versuch, den Fisch auf seine Fähigkeit zu prüfen, auf dem Trockenen zu leben.“ (Silnizki 2015, S.7)

Dieses Zitat ist ganz am Anfang, wie ein Motto, noch dem Inhaltverzeichnis vorangestellt. Bei dem westlichen „Hegemon“ ist an die USA zu denken, und bei dem „wertfremden Großmachtraum“ an Rußland. Das erste, was einem deutschen Leser dabei einfällt, ist, daß auch Deutschland einst als so eine wertfremde Großmacht angesehen worden ist, die, via Preußen, mehr dem östlichen geographischen Raum zugeordnet wurde als Westeuropa. Tatsächlich ist es aber gelungen, dieses Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg in die westliche ‚Wertegemeinschaft‘ zu integrieren. Es scheint also zumindestens ein Beispiel dafür zu geben, daß der Versuch, das wertlogische Selbstverständnis eines geopolitischen Gegners zu transformieren, historisch erfolgreich gewesen ist. Allerdings dürfte das vor allem den spezifisch innerdeutschen Verhältnissen der sechziger und siebziger Jahre insbesondere in Westdeutschland geschuldet sein. Die Studentenbewegung wird an dieser Entwicklung wohl einen erheblicheren Anteil gehabt haben als die Geostrategen der NATO.

Ich erwähne das nur, weil ich den Eindruck habe, daß Silnizkis Konfrontationsthese von den einander wertfremden geographischen Großräumen die vielen anderen Akteure des Weltgeschehens vernachlässigt. Ich habe Silnizkis Buch von einem Kollegen an der Schule, an der ich arbeite, geschenkt bekommen, mit dem ich hinsichtlich der Rolle Rußlands in der Ukraine nicht einer Meinung bin. Das macht aber nichts, weil es glücklicherweise noch einige andere Dinge gibt, wo wir uns sehr wohl einig sind. Jedenfalls habe ich jetzt die Gelegenheit Silnizkis Buch zu besprechen.

Michael Silnizki unterscheidet zwischen Staaten und Imperien. Staaten haben eine Außenpolitik und bewegen sich im Rahmen des Völkerrechts, das die Anerkennung der staatlichen Souveränität und das Prinzip der wechselseitigen Nichteinmischung in innere Angelegenheiten beinhaltet. (Vgl. Silnizki 2015, S.13, 17 u.ö.) Imperien hingegen betreiben Geopolitik, die die Welt „territorial in ‚Großräume‘ aufteilt“ (S.35), die Imperien wie Rußland zu bewahren versuchen – Silnizki weist dezidiert darauf hin, daß Rußland niemals ein Staat, sondern immer ein Imperium gewesen ist (vgl. Silnizki 2015, S.16) – oder die, wie im Falle der USA, versuchen, ihr eigenes Imperium zu erweitern und in gleichermaßen „raumfremde“ wie „wertfremde“ Machträume vorzudringen. (Vgl. Silnizki 2015, S.37)

Dabei bedienen sich insbesondere die USA, der westliche „Hegemon“ (vgl. Silnizki 2015, S.20), sowohl geotheologischer wie auch geoökonomischer Mittel (vgl. Silnizki 2015, S.14). Als „geotheologisch“ bezeichnet Silnizki den Rückgriff auf den westlichen Werteuniversalismus, insbesondere die Menschenrechte, die im Rahmen des (veralteten) Völkerrechts unter Mißachtung der einzelstaatlichen Souveränität zu einem „Weltrecht“ ausgebaut werden bzw. werden sollen, um so die Intervention in andere Staaten zu rechtfertigen. (Vgl. Silnizki 2015, S.18 und S.25) Als „geoökonomisch“ bezeichnet Silnizki die geopolitische „Verwertung“ dieser universalistischen Werteordnung, ganz konkret im Sinne einer „monetären Domestizierung“ (Silnizki 2015, S.55), die durch Einbeziehung der wertfremden Großräume in die hegemoniale Währung (wahlweise Dollar oder Euro) dazu beiträgt, deren „innerstaatlichen Machtstrukturen von innen auszuhöhlen“ (vgl. Silnizki 2015, S.18). Als Beispiele fallen vielen Lesern dazu sicherlich gleich die Sanktionen gegen Rußland nach der Okkupation der Krim und der Krieg in der Ost-Ukraine ein. Aber auch Griechenland dürfte dazu passen.

Denn letztlich geht es um eine durch die mit der freiheitlichen Werteordnung des westlichen Menschenrechts-Universalismus zumindestens kompatiblen Währungshegemonie herbeigeführte Schuldenfalle, aus der die betroffenen raum- und wertfremden Völkerrechtssubjekte nicht mehr herausfinden. Ohne daß eine Armee einmarschieren mußte, verlieren sie so ihre reale staatliche Souveränität, auch wenn sie sie formal noch besitzen. Sie werden zu „Schuldenkolonien“. (Vgl. Silnizki 2015, S.29)

Der Begriff der „Schuldenkolonie“ erinnert an Habermasens Kolonialisierungsthese. (Vgl. hierzu meinen Post vom 17.01.2013) Auch Habermas geht davon aus, daß das Geld die Lebenswelt korrumpiert und kolonialisiert, indem es ihr seine ökonomischen Imperative aufzwingt. Silnizki überträgt diese Korruptionsthese auf das zwischenstaatliche Verhältnis von ‚Kulturen‘, die hier aber nicht als Kulturen thematisiert werden, sondern ausschließlich als geographisch definierte Machtbereiche. Dabei drängt sich mir der Eindruck auf, daß wir es hier mit einem dem Biologismus vergleichbaren Geologismus zu tun haben. Die individuelle Urteils- und Handlungskompetenz wird ähnlich wie beim Biologismus mancher Genetiker (das ‚egoistische Gen‘) auf geologische Entwicklungsbedingungen reduziert. Wechselseitige kulturelle Beeinflussung erscheint hier ausschließlich als ein dem hegemonialen Universalismus der westlichen Wertelogik geschuldeter Imperialismus. Das geht mir – auch wenn ich Silnizkis Parallelisierung von universellen Werten und monetärer Verwertung durchaus zustimme – zu weit.

Silnizki selbst bezeichnet seine Darstellung der Geopolitik als wertneutral: „Es ist dezidiert nicht die Absicht der Studie, eine wohlfeile Kritik gegen die Geopolitik mit ihrer geotheologischen Intervention und geoökonomischen Expansion zu üben. Es geht allein darum, das Vor- und Eindringen des westlichen Hegemons in die wertfremden Machträume und die globalen Auswirkungen des westlichen Universalismus auf dieselben ins rechte Licht zu rücken.“ (Silnizki 2015, S.14)

Zu Beginn seines Buchs unterscheidet Silnizki begrifflich zwischen ‚Werten‘ und ‚Urteilen‘. Anhand einer kleinen Geschichte, in der er von seiner Auseinandersetzung mit zwei „Zeitgenossen“ auf einer Rußlandtagung berichtet (vgl. Silnizki 2015, S.12f.), bestimmt Silnizki, daß Wertmaßstäbe von einem „etablierten Machtsystem“ vorgegeben werden, während das „Urteilsvermögen“ „durch die Bildung und Erfahrung voraussetzende Geisteshaltung bestimmt“ ist (vgl. Silnizki 2015, S.13). Begriffe wie ‚Bildung‘, ‚Erfahrung‘ und ‚Geisteshaltung‘ sind eindeutig genug, um Silnizki dahingehend verstehen zu dürfen, daß es sich beim Urteilsvermögen um ein individuelles Potential handelt, auch wenn Silnizki es gleich darauf zu einer Fähigkeit der „Außenpolitik“ erweitert, „zu sich selbst auf Distanz zu gehen, in dieser Distanz die Selbstbilder von den Fremdbildern zu trennen und zwischen selbstentworfener und wertfremder Realität zu unterscheiden, um in diesem Unterschied ein Ur-Teil zu finden.“ (Silnizki 2015, S.13) – Dieses Zitat wird man wohl so deuten können, daß wir es in der Außenpolitik mit Menschen zu tun haben, die über die genannte Fähigkeit, nämlich über ein individuelles Urteilsvermögen verfügen.

Genau in diesem Sinne unterscheidet sich die eingangs schon erwähnte ‚Außenpolitik‘ von der ‚Geopolitik‘, die die eigene Werteordnung absolut setzt, indem sie sie universalisiert und überall durchzusetzen versucht. Aber obwohl Silnizki von sich selbst behauptet, daß er sich zu dieser ‚Geopolitik‘ neutral verhalten will, nimmt er doch an verschiedenen Stellen für sie Partei, indem er sich gegen die Versuche einzelner Gruppen und Menschen richtet, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen. So wirft er z.B. der russischen Opposition vor, daß sie „mangels Kenntnis und Interesse an der westlichen Geopolitik und nicht zuletzt wegen ihrer Idealisierung des Westens“ nicht mehr zwischen Werten und Urteilen zu unterscheiden vermag: „Indem sie ‚prowestlich‘ träumt, pardon: denkt, handelt sie wider das Selbstverständnis der russischen Wertlogik, ohne dabei die westliche Wertlogik authentisch verstehen zu können, geschweige diese übernehmen zu wollen.“ (Silnizki 2015, S.27) – Diese Darstellung steht der Putinschen Propaganda sehr nahe, daß es sich bei der russischen Opposition um eine „fünfte Kolonne“ des US-Imperialismus handelt.

Auch Habermas muß sich von Silnizki vorwerfen lassen, daß seine Kritik am völkerrechtlichen Imperialismus der USA zwar berechtigt sei, daß sie aber leider nur „aus der Sicht eines den alleinigen Machtanspruch der USA nicht akzeptierenden Westeuropäers“ stamme. (Vgl. Silnizki 2015, S.62) Aus der „Sicht der wertfremden Machträume“ sei hingegen „‚der hegemoniale Universalismus‘ der USA ebenso wenig, wie die universale Wertgeltung des westlichen Universalismus, akzeptabel“. (Vgl. ebenda)

Es gibt also für Silnizki innerhalb dieses Werteuniversalismusses nichts, was ihm über die Konfrontation raum- und wertfremder Machträume hinaus als verteidigenswert erscheint. Dabei ist es genau die von ihm selbst eingangs getroffene Unterscheidung zwischen ‚Werten‘ und ‚Urteilen‘ und sein Plädoyer für das durch Bildung und Erfahrung geprägte Urteilsvermögen, die auch der erwähnten russischen Opposition und Intellektuellen wie Habermas zuerkannt werden müssen, unabhängig davon, welchem geopolitischen Machtraum sie zuzuordnen sind.

Worüber ich auch immer gerade nachdenke und womit auch immer ich mich gerade innerlich beschäftige: immer berufe ich mich dabei auf mein individuelles Urteilsvermögen. Ich gehe notwendigerweise von mir selbst aus, um anderes und Andere zu verstehen. Das bedeutet, daß ich nie nur über andere urteile, sondern immer auch über mich selbst. Ich stehe neben mir, getrennt von mir, in einer Ur-Teilung mir selbst gegenüber. Wenn ich über andere urteile, urteile ich über mich selbst. Wenn ich sehe, daß sich andere in diesem Sinne ähnlich verhalten wie ich, werde ich mich mit ihnen solidarisieren, ungeachtet ihrer Herkunft, ihres Geschlechts oder ihres Glaubens.

Universell sind deshalb nicht und niemals die Werte als solche, sondern eine bestimmte Haltung zu ihnen, die die Möglichkeit offen hält, daß andere anders werten und urteilen. Das muß auch der russischen Opposition zugestanden werden, ohne daß sie sich gleich dem Vorwurf ausgesetzt sieht, als fünfte Kolonne des westlichen Werteuniversalismusses zu fungieren.

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