Mittwoch, 4. Februar 2015

Hermann Parzinger, Die Kinder des Prometheus. Eine Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift, München 2/2015

(Verlag C.h. Beck, 848 Seiten mit 120 Abbildungen, davon 60 in Farbe, und 19 Karten, Leinen 39,95 €)

1. Zusammenfassung
2. Methode I: Lückenhaftigkeit der Befunde
3. Methode II: kulturelle Modernität
4. Körperleib und Bruch

Parzinger nennt immer wieder prägnante Wendepunkte in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit, die er als „definitiv“ und als „irreversibel“ bezeichnet. (Vgl.u.a. Parzinger 2/2015, S.24 und 39) Zu diesen Wendepunkten zählt Parzinger die Zähmung des Feuers, bestimmte Werkzeuge wie die Speerschleuder und die Nähnadel (vgl. Parzinger 2/2015, S.31 und 107) und die Übergänge zwischen verschiedenen Ernährungsweisen (Pflanzenfresser/Aasfresser/Raubtier (vgl. Parzinger 2/2015, S.25ff., 698)) bis hin zum „grundlegendste(n) Wandel“, dem „Schritt vom aneignenden zum produzierenden Wirtschaften“ (vgl. Parzinger 2/2015, S.122) im Neolithikum: also dem Schritt zur Landwirtschaft.

Trotz dieser verschiedenen Zäsuren will Parzinger die einzelnen geschichtlichen Ereignisse nicht als Brüche im großen Kontinuum der Menschwerdung verstanden wissen, die er vielmehr als einen Naturprozeß interpretiert. (Vgl. Parzinger 2/2015, S.67) Diese Interpretation paßt aber nicht zu Parzingers Forderung, auch der menschlichen Vorgeschichte den „Status der Geschichtlichkeit“ zuzuerkennen. (Vgl. Parzinger 2/2015, S.12) Als „Teil der Natur“ (Parzinger 2/2015, S.67) kann die Evolution des Menschen nur als Stammesgeschichte, eben als Vorgeschichte des heutigen Menschen verstanden werden.

Parzinger will aber auch nicht darauf verzichten, die Menschheitsgeschichte insgesamt als einen großen Sprung zu verstehen. (Vgl. Parzinger 2/2015, S.106) Das macht aber nur in zwei sich gegenseitig ausschließenden Hinsichten Sinn: entweder sollen wir, und das scheint Parzinger zu meinen, die verschiedenen Einzelereignisse in ihrer Summe als einen großen Sprung verstehen, so daß wir es im Hintereinanderreihen dieser ‚Schritte‘ gewissermaßen mit einem Sprungkontinuum zu tun haben. So bildet z.B. der Dreisprung in der Leichtathletik einen aus drei kleineren Sprüngen bestehenden großen Sprung.

Oder aber wir geben dem großen Sprung, der die gesamte Menschheitsgeschichte durchzieht, noch einmal eine besondere anthropologische Qualität, im Sinne eines „grundlegende(n) Bewegungsgesetze(s)“ (vgl. Parzinger 2/2015, S.697), das Parzinger aber nur  auf die Notwendigkeit der „Versorgung mit Nahrung“ bezogen wissen will (vgl. Parzinger 2/2015, S.14).

Ich nehme jedenfalls an dieser Stelle Parzingers Hinweis auf einen großen, die gesamte Menschheitsgeschichte durchziehenden Sprung zum Anlaß, mich einer entsprechenden anthropologischen Fragestellung zuzuwenden. Dabei verstehe ich den Begriff des Sprungs im doppelten Sinne zum einen als Bruch, wie etwa bei einer gesprungenen Tasse oder einem gesprungenen Glas, und zum anderen als Sprung über die Kluft zwischen der einen und der anderen Seite, also zwischen Tier und Mensch, der diese Kluft überwindet, ohne sie zu schließen.

Es gibt verschiedene Ansätze, über diese Kluft zu sprechen, ohne daß es in einen Leib-Seele-Dualismus mündet, in dem das Körperliche mit dem Tierischen gleichgesetzt und davon eine geistige Substanz abgespalten wird. Bei diesen Ansätzen geht es vielmehr um eine Anatomie des Menschlichen. So spricht Hans Blumenberg immer gerne vom aufrechten Gang und dem damit verbundenen Horizontgewinn. Diesen Horizontgewinn interpretiert Blumenberg sowohl in räumlicher wie in zeitlicher Hinsicht im Sinne einer actio per distans. Was mit dem Blick auf den Horizont räumlich in die Ferne rückt, ist zugleich auch zeitlich weit weg. Man sieht, was auf einen zukommt, und hat Zeit darauf zu reagieren. Planung und Vorsorge werden möglich.

Das ist übrigens ein Aspekt, den Parzinger selber anspricht, den er aber nicht auf den aufrechten Gang, sondern auf eine Jagdwaffe, den Speer bezieht: „Sicher scheint, dass Homo erectus kräftiger war als der moderne Mensch und es besser vermochte, mit einem Wurfgeschoss sicher sein Ziel zu treffen. Das Werfen muss für ihn zu einer neuen Wahrnehmung von Raum und Entfernung und zu einem veränderten Umgang mit diesen Dimensionen geführt haben.“ (Parzinger 2/2015, S.35f.)

Das macht es auch verständlich, warum Parzinger der Speerschleuder eine so enorme Bedeutung als einer ersten Maschine in der Menschheitsgeschichte zuspricht. (Parzinger 2/2015, S.107) Sie erweitert noch einmal diesen Ausblick ins Weite und Ferne. Allerdings kann man mit Blumenberg dagegen halten, daß der Speer erst durch den aufrechten Gang möglich wird, dieser ursprünglichsten, anatomisch begründeten Horizonterweiterung der Menschheit.

Einen anderen anatomischen Ansatz hat Helmuth Plessner. Er setzt Gehirn und Körper zueinander in Beziehung, allerdings nicht in dem schon in meinem Post vom 02.02.2015 angesprochenen Sinne von Hirnvolumen und Körpermasse. Vielmehr bildet sich im Verhältnis von Kopf und Körper ein Weltverhältnis ab, das beim Menschen in ein Selbstbewußtsein mündet. Plessner spricht vom Körperleib. Das Gehirn bildet dabei ein Organ unter Organen, als Teil des menschlichen Organismusses (Körper). Zugleich ist es über den Kopf dem Körper gegenübergestellt und bildet so dessen Zentralorgan (Leib). Diese ‚Anatomie‘ bezeichnet Plessner auch als exzentrische Positionalität, und er überträgt sie auf das menschliche Weltverhältnis: der Mensch ist gleichzeitig Zentrum und Peripherie, Teil der Welt und ihr gegenübergestellt.

Das spezifisch Menschliche ist in Plessners Anthropologie deshalb nicht in den Notwendigkeiten der „Versorgung mit Nahrung“ begründet. Plessner legt noch nicht einmal den Fokus auf den kulturellen Aspekt, also auf die Art und Weise, in der der Mensch den Herausforderungen begegnet, vor die ihn die Nahrungsversorgung stellt. Es ist vielmehr das alltägliche Scheitern, durch das die tägliche Nahrungsaufnahme gekennzeichnet ist, das dem Menschen seine prekäre Existenz vor Augen führt und ihn seiner selbst bewußt werden läßt. Indem er sich zu diesem täglichen Scheitern verhält, erweist er sich als Mensch, d.h. als ein Wesen, das sein Leben nicht einfach lebt, sondern führt.

Deshalb durchzieht dieser Sprung, als Bruch, die gesamte Menschheitsgeschichte, als ihr grundlegendes Bewegungsgesetz, das sich nicht an einzelnen Ereignissen festmachen läßt. Allerdings ist es erst die Schrift, die diese exzentrische Positionalität zu ihrer vollen Wirksamkeit kommen läßt. Bis dahin erstreckte sich die Menschheitsgeschichte über so lange Zeiträume, daß der historische Wandel individuell nicht zum Bewußtsein kommen konnte. Erst die Schrift ermöglichte ein echtes historisches Bewußtsein und die volle Erkenntnis der kulturellen Kontingenz.

Auch Parzinger selbst verweist an verschiedenen Stellen auf körperleibliche Momente der Menschwerdung. Auch er spricht vom „aufrechten Gang“ und von der „vielfältig einsetzbare(n) Greifhand“, die er als ein „Organ des Verstehens“ bezeichnet. (Vgl. Parzinger 2/2015, S.20f.) Das erinnert an André Leroi-Gourhans anthropologische Verhältnisbestimmung von „Hand und Wort“ (1964/65). Parzinger spricht ganz ähnlich von „Hand und Verstand“. (Vgl. Parzinger 2/2015, S.21) Um so bedauerlicher ist es, daß eine Auseinandersetzung Parzingers mit Leroi-Gourhan fehlt.

An Plessner erinnert wiederum Parzingers Hinweis auf das „sprichwörtliche Fingerspitzengefühl“. (Vgl. Parzinger 2/2015, S.21) Dieses Fingerspitzengefühl erinnert an Plessners Grenzbestimmung zwischen Innen und Außen, die sich in den tastenden Fingerspitzen mit einer maximalen Empfindsamkeit verbindet. Tastende Zuwendung und hastiges Zurückschrecken sind hier gleichsam eins und versinnbildlichen das Noli-me-tangere der Seele.

Wenn wir den Menschen kulturell und individuell in diesem Sinne anthropologisch als prekär situiert beschreiben, dann haben wir es tatsächlich mit einem die gesamte Menschheitsgeschichte durchziehenden ‚Sprung‘ zu tun und nicht einfach nur mit einzelnen Ereignissen, die wir geneigt sind als ‚Fortschritte‘ mißzuverstehen. Tatsächlich haben wir es, wie Parzinger selbst hervorhebt, mit fortgesetzten Abbrüchen und Abstürzen zu tun, mit einer universellen „Hinfälligkeit aller menschlichen Kultur“. (Vgl. Parzinger 2/2015, S.15f.)

Da fällt es dann schon auf, daß die stabilsten Gesellschaftsformen die Wildbeutergemeinschaften des Paläolithikums gewesen waren. (Vgl. Parzinger 2/2015, S.729f.) Die dem Fortschrittsdenken verpflichteten Präshistoriker sprechen in diesem Zusammenhang übrigens von einer „ökologischen Bremse“, insofern der „Überfluss der Natur“ eine „nachhaltige Weiterentwicklung“ verhinderte (vgl. Parzinger 2/2015, S.730), was auch immer mit ‚nachhaltiger‘ Weiterentwicklung gemeint sein mag. Vielleicht aber waren „Menschen- und Lebensform“ (Parzinger 2/2015, S.62) in den Wildbeutergemeinschaften auch nur in besonderer Weise zur Deckung gekommen. Und ihre Gehirne sollen auch größer gewesen sein.

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