Mittwoch, 15. Oktober 2014

Lee Smolin, Im Universum der Zeit. Auf dem Weg zu einem neuen Verständnis des Kosmos, München 2014 (2013)

1. Kosmologische natürliche Selektion
2. Des Kaisers neue Kleider
3. Sich zeigen und sich verbergen
4. Effektive Theorien
5. Mathematik als Platonismus
6. Das Universum als Totalität
7. Informationstheorie statt Physik
8. Ethik

Der Grund, warum sich viele junge Menschen für die Laufbahn eines Physikers entscheiden, ist Smolin zufolge, daß sie „die an die Zeit gebundene menschliche Welt“ als „hässlich und unwirtlich“ empfinden und gegen eine „Welt der reinen, zeitlosen Wahrheit“ eintauschen wollen. Auch er selbst sei aus diesem Grund zur Physik gekommen. Aber: „Später im Leben stellte ich fest, dass es ganz schön war, Mensch zu sein, und das Bedürfnis nach einem transzendenten Ausweg verblasste.“ (Smolin 2014, S.12)

Dieser Entwicklung vom Misanthropen zum Philanthropen ist es wohl auch zu verdanken, daß Smolin die Physik nicht in erster Linie als eine wissenschaftliche Methode versteht, sondern als eine Ethik. (Vgl. Smolin 2014, S.356) Auch deshalb will Smolin die „Austreibung der Zeit aus der Naturauffassung des Physikers“ (Smolin 2014, S.143) wieder rückgängig machen: „Wenn wir weiterhin daran festhalten, außerhalb der Zeit zu denken, werden wir die beispiellosen Probleme, die sich aus dem Klimawandel ergeben, nicht überwinden.“ (Smolin 2014, S.340)

Smolin zufolge ist es ein „Wesenszug“ des Menschen, „immer nach mehr und anderem zu streben als dem, was wir schon haben. Menschsein bedeutet, sich vorzustellen, was nicht ist, die Grenzen zu überschreiten, die Beschränkungen auszutesten, Erkundungen zu machen und über die einschüchternden Grenzen unserer bekannten Welt hinauszustürmen.“ (Vgl. Smolin 2014, S.339) – Damit ist die Menschheit bislang auch ganz gut vorankommen, so Smolin, aber das „Ergebnis ist ein exponentielles Wachstum“, und die letzten Generationen, insbesondere die gegenwärtige, hatten und haben einfach nur noch das Glück, innerhalb der Zeitspanne zwischen dem Höhepunkt dieser Entwicklung und der darauffolgenden Krise zu leben. Die Verantwortung des gegenwärtigen Menschen ist entsprechend immens: Die „Sicherheit unserer Kinder“, so Smolin, hängt davon ab, „dass wir lernen, das Klima zu steuern.“ (Vgl. Smolin 2014, S.340)

So weit, so klar. Hier wird jeder einigermaßen klar denkende Mensch zustimmen können. Die Schwierigkeiten beginnen aber dort, wo es darum geht, die Funktion der Technik zu beurteilen, die ihr bei dieser Aufgabe zukommt. Hier steckt schon in Smolins Formulierung „das Klima steuern“ ein ungeheurer Optimismus, der auf einem problematischen Vertrauen zur Technologie beruht. Wer das Klima steuern will, denkt notwendigerweise an Geoengineering, auch wenn Smolin dieses Wort nicht verwendet. Der Fähigkeit des Menschen, sein Leben zu führen und seinen Lebenswandel zu ändern, traut er jedenfalls nicht allzu viel zu, denn das entspricht ja nicht dem „Wesenszug“ des Menschen. Der Option, „keine großen Ansprüche“ zu stellen, also die eigenen Bedürfnisse so zu regulieren, daß die Menschen „ihre Umwelten nur minimal belasten“ bzw. „im Gleichgewicht mit ihrer Umwelt leben“, hält Smolin jedenfalls nicht für umsetzbar. (Vgl. Smolin 2014, S.339)

Es bleibt also nur der Weg, weiter zu „prosperieren“, wie Smolin sich ausdrückt (vgl. Smolin 2014, S.340), natürlich auf nachhaltige Weise (vgl. Smolin 2014, S.345). Zu diesem Zweck bedarf es einer „Verschmelzung des Natürlichen und des Künstlichen“. (Vgl. Smolin 2014, S.344) Geoengineering wäre, wenn sie gelingt, in den Augen der Phantasten, die den Klimawandel auf diese Weise in den Griff bekommen wollen, tatsächlich genau so eine „Verschmelzung“, eine Art Cyborg auf planetarischem Niveau: „Sobald wir verstehen, wie die natürlichen Systeme, die das Klima regulieren, auf unsere Technologien reagieren, und angefangen haben, unsere Technologien und Ökonomien so zu betreiben, dass sie im Einklang mit dem Klima operieren, werden wir die Spaltung zwischen dem Natürlichen und Künstlichen im planetaren Maßstab überwunden haben. Die Wirtschaft und das Klima werden Aspekte eines einzigen Systems sein. Um die Klimakrise zu überleben, müssen wir eine neue Art von System ersinnen und einrichten, eine Symbiose der natürlichen Prozesse, die das Klima bestimmen, mit unserer technischen Kultur.“ (Smolin 2014, S.342) – Mit anderen Worten: alles ist möglich; nur nicht, daß der Mensch seinen Lebensstil ändert!

Dieser Teil, den Smolin als ethische Konsequenz aus dem Klimawandel zieht, ist aus meiner Sicht eher enttäuschend. Aber es gibt noch eine andere Konsequenz, die Smolin erläutert und der ich vorbehaltlos zustimmen kann. Smolin fordert, daß der Unterschied zwischen den Naturwissenschaften und den Sozialwissenschaften nicht länger dazu führen dürfe, daß die jeweiligen Wissenschaftler unter sich bleiben und Gespräche mit „Inselcharakter“ führen: „Wenn unsere Kultur gedeihen soll, wäre es nützlich, unsere Entscheidungen auf ein kohärentes Bild der Welt zu gründen, dem zunächst einmal eine Verständigung zwischen den Natur- und Sozialwissenschaften vorausgeht. Die Wirklichkeit der Zeit kann die Grundlage dieser neuen Verständigung sein, der zufolge die Zukunft offen und Neues auf jeder Skala möglich ist – von den fundamentalen Gesetzen der Physik bis zur Organisation von Wirtschaften und Ökologien.“ (Smolin 2014, S.351)

Smolins Forderung läuft auf eine Wissenschaft hinaus, in der der Mensch wieder im Mittelpunkt ihres Interesses steht, auch in der Naturwissenschaft! Eine solche Wissenschaftsauffassung habe ich in einem Post zu Thomas Nagels „Geist und Kosmos“ (2013) diskutiert. (Vgl. meinen Post vom 21.12.2013) Eine solche Wissenschaft wäre primär sinnorientiert. Sie wäre weder wertfrei, noch ginge es um Verwertung im Sinne von Profitmaximierung. Eine solche Wissenschaft würde nicht behaupten, zu wissen, was der Sinn der menschlichen Lebensführung genau ist. Aber sie würde ihrer Verantwortung dafür gerecht werden müssen, daß auch künftigen Generationen noch genügend Optionen zur Verfügung stehen, für sich selbst zu entscheiden, welchen Sinn sie ihrem Leben geben wollen.

Daß Smolin bereit ist, sich als Physiker diese Fragen zu stellen, macht die eigentliche Bedeutung seines Buches aus.

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