Dienstag, 26. August 2014

Peter Sloterdijk, Die schrecklichen Kinder der Neuzeit. Über das anti-genealogische Experiment der Moderne, Berlin 2014

(Vorbemerkung: Von Erbe, Sünde und Moderne (S.9-29) / Kapitel 1: Die permanente Flut. Über ein Bonmot der Madame de Pompadour (S.31-53) / Kapitel 2: Dasein im Hiatus oder: Das moderne Fragen-Dreieck De Maistre – Tschernyschweski – Nietzsche (S.54-74) / Kapitel 3: Dieser beunruhigende Überschuß an Wirklichkeit. Vorausgreifende Bemerkungen zum Zivilisationsprozeß nach dem Bruch (S.75-94) / Kapitel 4: Leçons d’histoire. Sieben Episoden aus der Geschichte der Drift ins Bodenlose: 1793 bis 1944/1971 (S.95-221) / Kapitel 5: Das Über-Es: Vom Stoff, aus dem die Sukzessionen sind (S.222-311) / Kapitel 6: Die große Freisetzung (S.312-481) / Ausblick: Im Delta (S.483-489))

In diesem Kapitel führt Sloterdijk das unbegrenzte, letztlich wohl unbegrenzbare Wachstum in der Produktion, im planetaren Ressourcenverbrauch, im Konsum, in der Vermüllung und Vergiftung der Umwelt bis hin zur Inflation in der kollektiven und individuellen Traum- und Bedürfnisorganisation (vgl. Sloterdijk 2014, S.87ff.) auf den in der französischen Revolution sichtbar gewordenen Bruch (Hiatus) zwischen den Generationen zurück: „Hervorgegangen aus dem revolutionären Hiatus, stellte das Ensemble der Geschöpfe des Diskontinuums sich selber als die ‚bürgerliche Gesellschaft‘ vor. ... Aus dem Hiatus hervorgegangen, formt das unbekannte Gebilde einen paradoxen Generationenstrom – einen Fluß, der überwiegend aus Unterbrechungen und Katarakten besteht.“ (Sloterdijk 2014, S.77)

Durch diesen Hiatus ist das verloren gegangen, was Sloterdijk als „Filiation“ bezeichnet, wobei er auch gerne mit dem Wort „Filiale“ spielt, auf das Verhältnis zwischen Europa und den USA hindeutend: „Hat man die Tatsache berücksichtigt, wonach Europa – in der Folge überflügelt von seiner amerikanischen Filial-Kultur – an so gut wie alle anderen ethnischen Ensembles bzw. ‚Kulturen‘ der Erde seine paradoxeste und am wenigsten analysierte Erbschaft weitergab – die irrlichternde Botschaft von der Überflüssigkeit eines Erbes?“ (Sloterdijk 2014, S.26)

„Paradox“ ist dieser Generationenstrom bzw. dieses ‚Erbe‘, weil der Hiatus einerseits die Filiation, also die „förmliche Übergabe eines Bestands an Vermögens-, Kompetenz- und Statuswerten an gezeugte und adoptierte Nachfolger“ (Sloterdijk 2014, S.77f.) radikal unterbricht, so daß der „Kopier-Vorgang“ (Sloterdijk 2014, S.78) bzw. die Übertragung „inkorporierter Kulturmuster“ (Sloterdijk 2014, S.79) zu einem nur noch in Einzelfällen gelingenden Glücksspiel wird. Zugleich aber wird, und das ist eben das Paradoxe, genau dieser Hiatus wiederum ‚vererbt‘, und er erzeugt fortlaufend eine, durch Leerformeln wie „Freiheit“ nur noch mühsam unter Kontrolle gehaltene ‚schreckliche‘ Nachkommenschaft: „Die Freien sind nicht nur jene, die einen Herrn abgeschüttelt haben. Sie sind auch die, die man ohne Erklärung auf offener Straße stehengelassen hat.“ (Sloterdijk 2014, S.81)

Es ist genau dieses Versagen der „Leistungsfähigkeit kultivierender Bindekräfte“ (Sloterdijk 2014, S.87), das zu der erwähnten verhängnisvollen Zivilisationsdynamik einer unbegrenzten Wachstumsorientierung führt: „Der zivilisationsdynamische Hauptsatz lautet: Im Weltprozeß nach dem Hiatus werden ständig mehr Energien freigesetzt, als unter Formen überlieferungsfähiger Zivilisierung gebunden werden können.“ (Sloterdijk 2014, S.85)

‚Freisetzung‘ von Energien meint einerseits die weltweite ‚Freisetzung‘ des Begehrens und das Stellen von Ansprüchen auf Besitz und Status, die sich nicht mehr auf einige wenige Privilegierte beschränken lassen. Zugleich meint es aber auch ‚Verschwendung‘, nutzlose ‚Vergeudung‘ von Energie und Ressourcen, also ‚Entropie‘ und ‚Chaos‘. So spricht Sloterdijk von der Überforderung durch „Nebenwirkungen“, durch den aus der globalen Energie-‚Freisetzung‘ hervorgehenden „Überschuß nicht intendierter Konsequenzen“, über den wir uns zunehmend hilflos mit Begriffen wie „Selbstorganisation“ und Emergenz zu beruhigen versuchen. (Vgl. Sloterdijk 2014, S.92) Statt das orientierungslose Volk mit solcher „Weihwasser“-Begrifflichkeit (vgl. ebenda) zu berieseln, wäre es angebracht, so Sloterdijk, sich zu fragen: „Wie wären Welt und Leben zu gestalten, wenn das Dasein nach dem Hiatus nicht immer nur zu weiterer Selbstbloßstellung der Menschheit im Massaker und zu ihrer Selbsterniedrigung im Zirkus chronischer Wunschaufreizung geraten soll?“ (Sloterdijk 2014, S.83)

Seit Sloterdijks großem zweibändigem Werk „Die Kritik der zynischen Vernunft“ (1983) bin ich mit einem Text von ihm nicht mehr so einverstanden gewesen.

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