Freitag, 1. Juli 2016

Gunter Gebauer, Wittgensteins anthropologisches Denken, München 2009

1. Zusammenfassung
2. Positionalitäten
3. Bilder und Folien
4. Sprachspiel und Expressivität
5. Pädagogik und Kybernetik

Gunter Gebauer unternimmt mit seinem Buch „Wittgensteins anthropologisches Denken“ (2009) den Versuch einer Neubestimmung der Philosophie von Ludwig Wittgenstein (1889-1959). Wittgenstein gilt als Mitbegründer des Logischen Positivismus und der Analytischen Sprachphilosophie. Auf sein Erstlingswerk „Tractatus logico-philosophicus“ (1921) wird der Beginn des sogenannten ‚linguistic turn‘, also die Hinwendung zur Sprache als Grundprinzip des menschlichen Denkens und Handelns, zurückgeführt. Gunter Gebauer versteht diesen linguistic turn als „Hinwendung zur symbolischen Praxis“: „In dieser finden die Menschen schon eine Ordnung vor, wenn sie auf die Welt kommen.“ (Gebauer 2009, S.31)

Neu ist an Gebauers Wittgenstein-Interpretation vor allem sein Vorschlag, diese symbolische Praxis als eine ‚Übung‘ bzw. ‚Therapie‘ (vgl. Gebauer 2009, S.13 und S.204ff.) des unter seinen eigenen menschlichen ‚Unzulänglichkeiten‘ leidenden Wittgenstein zu verstehen. So ist auch Wittgensteins Schweigegebot, mit dem er seinen „Tractatus“ beschließt – wovon man nicht reden kann, darüber muß man schweigen (vgl. Gebauer 2009, S.47) –, letztlich nichts anderes als der Ausdruck seiner persönlich erfahrenen Selbstundurchsichtigkeit: „Wittgenstein stellt nie die Frage: Wer bin ich? Sie wäre auch nicht zu beantworten, insofern Menschen sich nicht transparent sind – eine Grundannahme, die sich von seiner frühen Philosophie bis zur Kritik der ‚Privatsprache‘ durch sein Werk hindurchzieht.“ (Gebauer 2009, S.35)

Dabei wird der Akt des Schweigens selbst, so Gebauer, zu einer Form des Selbstausdrucks: „Als eine Äußerung im Sprachspiel verstanden, ist es In-sich-hinein-Schweigen.“ (Gebauer 2009, S.180) – Wenn Gebauer mit seiner Interpretation richtig liegt und Wittgensteins Schweigegebot dessen Unfähigkeit widerspiegelt, sich selbst zu verstehen (vgl. Gebauer 2009, S.224), dann markiert das Schweigegebot nicht nur eine Grenze des Sprachspiels, sondern mit diesem auch eine Grenze der analytischen Sprachphilosophie. Diese Grenze besteht darin, daß die analytische Sprachphilosophie keinen Zugang zum expressiven Moment der menschlichen Sprachlichkeit hat. Helmuth Plessner macht die Expressivität am „noli me tangere“ der menschlichen Seele fest, und Wittgensteins Schweigegebot verweist genau auf dieses nicht-berührt-werden-Wollen als ein schmerzlich erfahrenes Nicht-Können. Die menschliche Seele liegt außerhalb dessen, was Gebauer als „Erfahrungs- und Könnensstruktur“ bezeichnet. (Vgl. Gebauer 2009, S.197) Darauf wird in einem späteren Post noch zurückzukommen sein.

Es ist jedenfalls – so viel sei hier schon angemerkt – bezeichnend, daß Wittgenstein trotzdem gerne die menschliche Seele als Bestandteil einer solchen „Erfahrungs- und Könnensstruktur“ verstehen würde, nämlich als ein Medium und als Objekt von Steuerungsprozessen, und daß er sich nicht damit abfinden kann und will, daß sie sich diesem Können entzieht. Wittgenstein hat verschiedene Berufe ausgeübt, die allesamt etwas damit zu tun hatten, Dinge und Menschen dazu zu bringen, etwas zu tun. Er war Ingenieur, Architekt, Pädagoge und Gärtner. Als Ingenieur hat er Maschinen entwickelt, die bestimmte, exakt definierte Aufgaben zu erfüllen hatten. Als Architekt hat er für seine Schwester ein Haus gebaut, und er versuchte, Räume und Interieur so perfekt auf das menschliche Verhalten abzustimmen, daß sie den Bewohnern ‚sagten‘, wie sie sich zu verhalten hatten. (Vgl. Gebauer 2009, S.64f.) Heute würde man hier vom „Internet der Dinge“ sprechen. Als Pädagoge hatte Wittgenstein versucht, Schüler ‚abzurichten‘ (vgl. Gebauer 2009, S.92) – und war kläglich daran gescheitert. Danach war er dann als Gärtner tätig, was ihm gut gefallen hatte, denn einen Baum zu ‚richten‘, erwies sich als weit weniger konfliktträchtig. Auch darauf wird in einem späteren Post noch einzugehen sein.

Diese Obsession, das menschliche Verhalten als etwas zu betrachten, daß unter Ausschluß des menschlichen Bewußtseins gesteuert und wie eine Maschine ‚eingestellt‘, also justiert bzw. ‚getuned‘ werden muß (vgl. Gebauer 2009, S.97), hat Wittgenstein Zeit seines Lebens begleitet und sein ganzes Philosophieren bestimmt. Gebauer spricht von der „Naivität eines Ingenieurs angesichts des Funktionierens von Technik“. (Vgl. Gebauer 2009, S.239) Der für Wittgenstein so zentrale Begriff des „Sprachspiels“ beruht letztlich auf dieser kybernetischen Phantasie, daß es dem Bewußtsein entzogene ‚Techniken‘ gibt, die das menschliche Verhalten steuern. Dem liegt ein „naturalistische(r) Standpunkt“ (Gebauer 2009, S.118) zugrunde, der auf den Menschen bezogen auch als Behaviorismus bezeichnet werden kann, weil ihm jeder Bezug auf ein subjektives Bewußtsein vor allem deshalb suspekt ist, weil es sich nicht von außen beobachten läßt. Introspektion wird als „Mentalismus“ bezeichnet und prinzipiell abgelehnt. (Vgl. Gebauer 2009, S.15, 48, 84f., 118, 128f., 246 (Anm.1))

Diese kybernetisch-behavioristische Grundeinstellung hält sich in Wittgensteins Philosophie bis zum Schluß durch. Die verschiedenen von Gebauer angesprochenen Neuansätze weisen allerdings eine bestimmte Tendenz auf, die sich vom Architekten, der die Höhe der Eingangshalle einer Villa mit dem Zentimetermaß bemißt und die Decke der Halle, weil sie drei Zentimeter zu niedrig geraten ist, mit erheblichem technischen und finanziellen Aufwand anheben läßt (vgl. Gebauer 2009, S.250 (Anm.41)), immer mehr in Richtung eines größeren Verhaltens-„Spielraum(s)“ bewegt (vgl. Gebauer 2009, S.228), sowohl in der Philosophie als auch in Wittgensteins persönlichem Leben.

Gebauer macht Wittgensteins verschiedene Ansätze am Begriff des Regelgebrauchs im „Tractatus“ (1921), an der Bedeutung der sozialen Praktiken in den „Philosophischen Untersuchungen“ (posthum 1953) und an dem Begriff des „Aspektsehens“ fest. Im „Tractatus“ entspricht die Grammatik der Sprache der Regelmäßigkeit der menschlichen Natur. Die Regelmäßigkeit steht bei Wittgenstein argumentationslogisch für das menschliche Bewußtsein. Sie – und nicht das Bewußtsein – ist es, die es dem Menschen ermöglicht, sprechen zu lernen. Sprechen lernen bedeutet bei Wittgenstein nichts anderes, als daß Menschen sich auf die Grammatik ihrer jeweiligen Muttersprache ‚einstellen‘ bzw. daß sie darauf ‚eingestellt‘ werden: „.. ein Mensch, der nicht die geringste Regelmäßigkeit besäße, könnte nicht ‚eingestellt‘ werden.“ (Gebauer 2009, S.97)

Sich ‚einstellen‘ bzw. ‚eingestellt‘ zu werden ist eine bewußte Metapher aus dem Maschinenbereich: „Wittgenstein konstruiert viele Sprachspielvorgänge in Analogie zu einer Maschine. Sein Ideal ist das Funktionieren der Sprache; daher seine Betonung der normalen Sprache, des ‚Einstellens des Mechanismus‘, des Eingreifens in die Praxis, des Werkzeugcharakters von Wörtern.“ (Gebauer 2009, S.177)

In den „Philosophischen Untersuchungen“ tritt an die Stelle der Grammatik die soziale Praxis. Auch hier geht es beim Sprechenlernen und bei der Wahl eines ‚Sprachspiels‘ (wollen wir jetzt einkaufen gehen oder lieber Fußball spielen?) nach wie vor um das Einstellen eines Mechanismusses. Nur ist dabei weniger an das Drehen von Stellschrauben als vielmehr an Homöostasen zu denken, in denen sich verschiedene ‚Spieler‘ aufeinander abstimmen. Dieser Abstimmung liegt keine explizite Grammatik zugrunde, sondern nur der Kontext des Spiels selbst, der in Form von Hintergründen und des Habitus der Mitspieler weniger funktioniert als fungiert: „In diesen Überlegungen entsteht ein neues Bild der Sprachspielregeln; zwar leiten Regeln in gewisser Hinsicht die Spieler an, insofern sie angeben, was diese im Spiel zu tun haben, aber erst im Spiel selbst kommt zur Erscheinung, was die Regel tatsächlich angibt – in einem Praxisgeschehen, das einen Einfluß auf die Regel hat, auf ihren Inhalt und auf ihre Geltung.“ (Gebauer 2009, S.111)

Es wird den Spielern eines Sprachspiels ein größerer Verhaltensspielraum eingeräumt, allerdings nach wie vor unter Ausschluß des Bewußtseins. Denn jeder „Rekurs auf mentale Akte“ (Gebauer 2009, S.149) unterliegt dem aus dem „Tractatus“ stammenden und nach wie vor gültigen Schweigegebot.

Der letzte und Gebauer zufolge auch für Wittgensteins persönliches Leben bedeutsamste Neuansatz besteht schließlich in der Entdeckung des Aspektsehens. Interessanterweise vermeidet auch das Aspektsehen weitgehend jeden Bezug auf das menschliche Bewußtsein. Wir alle haben schon mal das eine oder andere Kippbild gesehen, einen einfachen gezeichneten Würfel oder das Porträt einer jungen Frau, das sich beim erneuten Hinsehen plötzlich in das Porträt einer alten Frau verwandelt. Bei dem Würfel drängt sich mal die eine Seite, mal die andere Seite in den Vordergrund. Wir können es beide Male beeinflussen, welchen ‚Aspekt‘ wir sehen wollen, die alte oder die junge Frau, die eine Seite oder die andere Seite des Würfels. Was wir aber nicht können, ist, beides zugleich zu sehen. Es gibt nur ein ‚entweder-oder‘.

Als Wittgenstein die Kippbilder entdeckte, erkannte er darin die Möglichkeit, daß nicht nur einfache Zeichnungen, sondern auch Wörter und mit ihnen ganze Sprachspiele verschiedene Aspekte haben können. Letztlich konnte er auch seine eigenen persönlichen Probleme unter einem anderen Blickwinkel betrachten. Er mußte sie nicht mehr zwanghaft einer rigiden moralischen Bewertung unterziehen. Sich selbst unter einem anderen Blickwinkel betrachten zu können, bedeutete für Wittgenstein einen enormen Freiheitsgewinn und eine persönliche Erleichterung. Wenn Aufrichtigkeit Eitelkeit sein kann und Eitelkeit Aufrichtigkeit (vgl. Gebauer 2009, S.224f.), dann macht eine moralische Selbstverurteilung keinen Sinn mehr. – Unter Anspielung auf die Parabel vom Fliegenglas schreibt Gebauer: „Die ‚Fliege‘ wird fähig, ihre Situation von außen zu sehen und damit den Bau des ‚Fliegenglases‘ zu erkennen.“ (Gebauer 2009, S.228)

Gebauer geht so weit, zu behaupten, daß beim Aspektsehen erstmals das Subjekt zu seinem vollen  Recht kommt: „Mit dem Sehen als ergreift das Subjekt eine Initiative zu einem anderen Wahrnehmen, das über das Entdecken von Familienähnlichkeit hinausgeht; es befindet sich hier in einer schöpferischen Rolle.“ (Gebauer 2009, S.213)

Von einer genuin „schöpferischen Rolle“ des Subjekts kann hier aber ebensowenig die Rede sein wie bei den sprachspielerisch vermittelten Familienähnlichkeiten unter allen Dingen, die der Fall sind. (Vgl. Gebauer 2009, S.123) Der Anteil des Subjekts am Umkippen des Bildes vom einen Aspekt zum anderen besteht lediglich in einem Reflex, den es zwar willkürlich auszulösen vermag, der sich aber letztlich auf eine Augenbewegung, auf einen Lidschlag reduziert. Es handelt sich nicht wirklich um einen vollgültigen Bewußtseinsakt, wie z.B. beim sorgfältigen und gründlichen Betrachten eines Bildes, wenn wir verschiedene Vordergründe aus dem Bildhintergrund heraustreten lassen, ohne daß beim Fokussieren ein Aspekt den anderen verdrängen würde. Dazu aber wiederum mehr in einem der folgenden Posts.

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