Mittwoch, 2. Juli 2014

Al Gore, Die Zukunft. Sechs Kräfte, die unsere Welt verändern, München 2014

(Siedler Verlag, 624 S., 26.99 €)

(Einleitung, S.11-31; Die Welt AG, S.35-76; Das Weltgehirn, S.81-131; Machtfragen, S.135-193; Auswüchse, S.197-272; Die Neuerfindung von Leben und Tod, 277-370; Am Abgrund, S.375-476; Schluss, S.479-496)

1. Noch einmal: Die Natur des Menschen
2. Transhumanismus und Singularität
3. Ansätze zu einer Wissenschaftskritik
4. Fragen nach dem politischen Subjekt
5. Das Mikrobiom

Al Gores Buch zur Zukunft des Menschen ist insgesamt von einem großen Vertrauen in die Wissenschaft geprägt. Dabei besteht dieses Vertrauen weniger in einer fundierten Epistemologie als vielmehr in einem vor allem den Laien kennzeichnenden unreflektierten Daten- und Faktengläubigkeit. Auf 500 Seiten versammelt Gore eine Unmenge an Daten, die den Leser regelrecht erschlagen, nicht nur wegen der schieren Masse der Daten, sondern auch, was ihren deprimierenden, die Zukunft des Menschen betreffenden Inhalt betrifft. Von einer diese Daten bewertenden, tragfähigen Systematik kann aber keine Rede sein. Es sind eher Stimmungen als Argumente, die Gore auf diese Weise vermittelt.

Man hat den Eindruck, daß sich Gore vor allem auf die Überfülle der von ihm präsentierten Zahlen verläßt, die er, wie er schreibt, aus „fundierte(n) Studien und Berichte(n)“ zusammengetragen hat: „Es ist das Ergebnis vieler Jahre harter Arbeit, in denen ich die besten verfügbaren Belege und die Aussagen weltweit führender Fachleute über die Zukunft, die wir uns derzeit gerade schaffen, recherchiert, interpretiert und präsentiert habe.“ (Gore 2014, S.13) – Es wäre schön gewesen, wenn Gore weniger Fleiß in die Präsentation seiner Rechercheergebnisse verausgabt und dafür der Offenlegung ihrer Interpretation etwas mehr Raum gegeben hätte. Dann hätten sich vielleicht auch dem Leser, wie es Gore für sich behauptet, „neue Möglichkeiten des Verstehens eröffnet“. (Vgl. ebenda)

Gores Vertrauen in die wissenschaftliche Datenlage macht ihn selbst unnötig angreifbar. Denn wer quer durch alle Wissensgebiete die für die Zukunft des Menschen relevanten Daten zusammenträgt, macht auch unweigerlich Fehler, aus Gründen der eigenen Laienhaftigkeit und aus Gründen begrenzter Aufmerksamkeit, etwa wenn Gore in seinen Ausführungen zum Mikrobiom die segensreichen Wirkungen des  „Helicobacter pylori“ preist und nicht bemerkt, daß er hier versehentlich eine äußerst bösartige Mikrobe ins Zentrum seiner evolutionsbiologischen Reflexionen stellt, das diese Ehre keineswegs verdient. (Vgl. Gore 2014, S.368)

Das ist, wie gesagt, ein Versehen und kann mal vorkommen. Das zeigt aber, wie wenig Daten für sich schon, nur weil sie irgendwo als solche genannt und beschrieben werden, irgendeine Glaubwürdigkeit beanspruchen können. Kein Versehen und deshalb schon etwas bedenklicher ist es, wenn Gore Jean-Baptiste Lamarcks Evolutionstheorie als „abstrus“ bezeichnet, als „eine verschrobene Variante der Evolutionstheorie“, die lächerlicherweise die „Ansicht vertrat, dass Individuen auch Eigenschaften, die sie nach ihrer Geburt erwarben, an ihre Nachkommen in der nächsten Generation weitervererben würden“. (Vgl. Gore 2014, S.310) An dieser Stelle erwähnt Gore mit keinem Wort die moderne Epigenetik, auf die er an anderer Stelle aber durchaus zu sprechen kommt (vgl. Gore, 2014, S.287f.) und die das individuelle Verhalten neuerdings in die evolutionäre Vererbungslogik mit einbezieht.

Gore verteidigt mit diesem Angriff auf Lamarck eine auf die Gene reduzierte Wissenschaftlichkeit, die es sich mit der Datenlage gerne einfach macht und sie auf leicht meßbare Größen, wie die Gene eben, reduziert. Dennoch zeigen sich bei Gore auch Ansätze einer Wissenschaftskritik, die sich des reduktionistischen Mainstreams und seiner Gefahren durchaus bewußt ist. Dieser Reduktionismus fördert aufgrund seiner Blindheit für Komplexitäten die Neigung zu einer technologischen Hybris des alles machen Könnens, was man angeblich weiß: „Der Reduktionismus ... geht mitunter mit einer gewissen selektiven Wahrnehmung einher, die Beobachter daran hindert, ... in komplexen Systemen und in ihren Interaktionen mit anderen komplexen Systemen emergente, also sich neu herausbildende Phänomene wahrzunehmen.“ (Gore 2014, S.293)

Zu Reduktionismen greifen besonders gerne jene Wissenschaftler, die, gesponsert von den Unternehmerlobbys, die Auswirkungen von Umweltverschmutzung und Klimaveränderung leugnen. Wenn man nur monokausale Ursache-Wirkungsnachweise akzeptiert, werden Schuld- und Verantwortungszusammenhänge erfolgreich verschleiert, weil hier die verschiedensten Kausallinien gegeneinander konkurrieren. Da es keine monokausalen Verursachungen für die Klimaveränderung gibt, kann man auch niemanden dafür verantwortlich machen. Es ist schon schwer genug, schreibt Gore, „die wissenschaftlichen Grundlagen präzise“ zu erkennen: „Sobald aber die Argumente von Politikern auf stark verzerrten Darstellungen der Wissenschaft basieren, nimmt der Schwierigkeitsgrad ganz erheblich zu. Und wenn von großen CO2-Verursachern absichtlich Missdeutungen der Wissenschaft in die Welt gesetzt und wiederholt werden – weil sie auf diese Weise die Debatte über die globale Reduzierung der CO2-Emissionen sabotieren wollen –, dann begehen sie damit meiner Meinung nach ein nahezu unverzeihliches Verbrechen gegen die Demokratie und gegen das zukünftige Wohlergehen der menschlichen Art.“ (Gore 2013, S.312)

Gore vollzieht hier eine schwierige Gratwanderung. Im Grunde läuft sein Reduktionismusvorwurf auf eine umfassendere Wissenschaftkritik hinaus, auch gerade dort, wo er sich gegen „eine fahrlässige Missachtung der Regeln guter Wissenschaft“ wendet. (Vgl. Gore 2014, S.303) Man erfährt nicht umsonst immer wieder von Fällen des Wissenschaftsbetrugs, von gefälschten Daten und gefälschten Experimenten. Und dabei handelt es sich keineswegs immer nur um im Dienste der Unternehmerlobbys stehende Wissenschaftler. Hier geht es um ein grundsätzliches Problem des Wissenschaftsbetriebs. Gore möchte das Problem aber auf die Unternehmerlobbys eingrenzen und fordert sogar eine öffentliche Zensur: „Die Zivilgesellschaften müssen ... einen politischen und gesellschaftlichen Preis auf die Verbreitung falscher Informationen über diese existenzielle Krise durch zynische Leugner des Klimawandels erheben. Von denen wissen es eigentlich viele besser, aber dennoch versuchen sie, ihre zwar destruktiven, dafür aber höchst profitablen Geschäftsmodelle zu bewahren, indem sie für Verwirrung sorgen, falsche Zweifel streuen und politische Konflikte schüren, um so den Blick auf die Realität zu verschleiern und eine Konsensbildung zu verhindern.“ (Gore 2014, S.379)

Was für einen „Preis“ stellt sich Gore vor, den die Leugner des Klimawandels zahlen sollen? Sollen sie bestraft werden? Welche Instanz soll entscheiden, ob die Daten den Fakten entsprechen und was überhaupt Fakten sind? Dafür kann nur die Wissenschaft selbst in Betracht kommen, und das wirft wiederum die Frage nach ihrem ‚Betrieb‘ auf, auf welche Weise Daten erhoben, veröffentlicht und bewertet werden. Zensur hat hier nichts zu suchen. Nach Al Gores eigenen Analysen zu den korrumpierenden Auswüchsen der Geldspenden durch Unternehmen, sowohl für Politiker wie für Wissenschaftler, würde es vermutlich schon viel helfen, wenn man diese Geldspenden einfach gesetzlich verbieten würde. Außerdem müßte prinzipiell offengelegt werden, welche wissenschaftlichen Studien von welchen gesellschaftlichen Einrichtungen gesponsert worden sind. Zusätzliche Zensurmaßnahmen wären dann möglicherweise gar nicht mehr nötig.

Vor allem aber sollte man Wissenschaft und Technologie wieder deutlicher voneinander trennen. Wissenschaft sollte nicht mehr praktisch ausschließlich nach ihrem Anwendungspotential bewertet werden. Dazu reicht es nicht, einen Freiraum für sogenannte Grundlagenforschung zur Verfügung zu stellen; denn auch diese ‚Grundlagenforschung‘ wird mit ihrem Potential für künftige Profite gerechtfertigt.

Gore weist völlig zurecht darauf hin, daß die Komplexität der vom Menschen bewirkten geologischen Veränderungen, also die planetarische Dimension seiner destruktiven Aktivitäten, nicht mit der Entwicklung von neuen Technologien unter Kontrolle gebracht werden kann: „Es bedeutet, sich von der Illusion zu verabschieden, es könnte irgendein cleveres technologisches Allheilmittel für einen planetaren Notfall geben, der eine mehrgleisige globale Strategie zur Umstellung nicht nur unserer Energiesysteme – insbesondere der Stromerzeugung – auf kohlenstoffarme, hocheffiziente Muster verlangt, sondern auch eine Umstellung der Industrie, der Landwirtschaft, der Forstwirtschaft, der Bautechnik, des Verkehrswesens, des Bergbaus und anderer Sektoren der globalen Ökonomie.“ (Gore 2014, S.377)

Wir müssen einfach weg von einer Wissenschaft, die ständig Anwendungen in der Medizin, in der Biologie, in den Materialwissenschaften etc. auf der Grundlage eines ‚Wissens‘ produziert, das sich für die komplexen Ursache-Wirkungsgeflechte, in die es eingreift, nicht interessiert. Ein Beispiel: Wir produzieren Gedankenübertragungsmaschinen, ohne auch nur im Ansatz verstanden zu haben, was da zwischen dem Gehirn und der Maschine vor sich geht. Hauptsache es funktioniert. Und nebenbei geht die Welt unter.

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