Montag, 19. August 2013

Jan Masschelein/Maarten Simons, Globale Immunität oder Eine kleine Kartographie des europäischen Bildungsraums, Zürich 2012

1. Das ausgesetzte Kind
2. Pädagogik und Emanzipation
3. Gemeinschaft als Netzwerk
4. Gemeinschaft als Last
5. Was sich manifestiert

Das zweite Buch von Jan Masschelein und Maarten Simons, „Globale Immunität“ (2012), habe ich als erstes gelesen. Dabei habe ich sehr unter der Lektüre der ersten knapp 80 Seiten gelitten. (Das ganze Buch umfaßt zusammen mit dem Literaturverzeichnis 126 Seiten.) Der Antihumanismus des Bildungskonzepts der unternehmerischen Universität erschreckte mich, und ich verlangte sehnsüchtig nach einer entsprechenden Positionierung der beiden Autoren, die sie aber beharrlich verweigerten. Fast hätte ich frustriert und verärgert die Lektüre abgebrochen.

Obwohl es in ihrem Buch genau um jenes schleichende Gift eines das Denken und Leben der Menschen infiltrierenden Kapitalismus geht, der auch noch ihre individuelle Selbstverwirklichung in den Dienst des Selbstverwertungsinteresses des Geldes stellt, wollen Masschelein und Simons ausdrücklich nicht auf Begriffe wie „Kolonialisierung“ und „Ideologie“ zurückgreifen. (Vgl. Masschelein/Simons 2012, S.9, 34) Stattdessen sprechen sie von einem „Regime“, das eine Art des Denkens und Sprechens bezeichnen soll, die sich als eine „operativ und effektiv wirksame Realität“ erweist. (Vgl. Masschelein/Simons 2012, S.9) – Das aber, so dachte ich, ist doch eigentlich genau das, was eine Ideologie ausmacht!

Masschelein und Simons weigern sich aber nicht nur, in Begriffen wie „Kolonialisierung“ und „Ideologie“ zu denken. Sie erklären sie sogar grundsätzlich für veraltet, weil sie nur „innerhalb der Konturen des Sozialstaates“ sinnvoll verwendet werden konnten, und den gibt es eben nicht mehr. (Vgl. Masschelein/Simons 2012, S.45) Auch über diese historische Aburteilung des Sozialstaats ärgerte ich mich enorm, weil ich damit die Zumutung verband, auch das Anliegen des Sozialstaats als überholt hinnehmen zu müssen.

Kurz gesagt: ich verhielt mich beim Lesen der ersten 80 Seiten ihres Buches wie jener „Typus des kritischen Intellektuellen“, dem die beiden Autoren vorwerfen, mit seiner Kritik am ökonomischen System „eher ein Teil des Problems als eine Lösung“ zu sein. (Vgl. Masschelein/Simons 2012, S.119) Im Grunde macht nämlich dieser kritische Intellektuelle mit seinen Aufrufen und Appellen nichts anderes als das „Regime“, bzw. in seinen Worten: die „Ideologie“, die er kritisiert. Auch er adressiert mit seinen Appellen nur den seiner selbst bewußten, zur Parteinahme befähigten Erwachsenen. Das beinhaltet Masschelein und Simons zufolge aber eine weitere Unterwerfung: diesmal nicht unter das ökonomische, sondern unter ein humanes Tribunal. (Vgl. ebenda)

Auch an dieser Stelle konnte ich das Anliegen der beiden Autoren immer noch nicht nachvollziehen. Was haben sie gegen die Humanität, und wieso gehen sie sogar so weit, das mit ihr verbundene Anliegen als ein Tribunal zu diffamieren? Dabei hätte ich nur an John Lockes schwarze Pädagogik zu denken brauchen, um zu verstehen, daß auch der Humanismus ein Tribunal sein kann. (Vgl. meinen Post vom 16.03.2012)

Statt die Dinge klar beim Namen zu nennen und Position zu beziehen, so erschien es mir, verwenden sie lieber ein so nebulöses Wort wie „Regime“, das all die sonstigen begrifflichen Funktionen des Ideologiebegriffs zwar übernimmt, aber an den damit verbundenen gesellschaftlichen und historischen Phänomenen wie um unter der Wasseroberfläche verborgene Riffe herum manövriert. Auch der Lebensweltbegriff wird nicht verwendet, denn mit der Lebenswelt müßte ja die „Ökonomisierung des Sozialen“ (Masschelein/Simons 2012, S.34. 45f., 82f.u.ö.) als Kolonisierungseffekt beschrieben werden. Statt also von der Lebenswelt als einem „Raum der Gründe“ (vgl. meinen Post vom 22.02.2013) sprechen Masschelein und Simons lieber vom Regime als einem „diskursiven Horizont“: „Eine umfassende und detaillierte Beschreibung dieses diskursiven Horizonts und der mit ihm zusammenhängenden Techniken können wir hier nicht leisten, doch gehen wir davon aus, dass sie in gewisser Hinsicht inzwischen nur allzu bekannt sind. Genauso setzen wir voraus, dass sie ‚real‘ und in unserem gegenwärtigen Lebenszusammenhang wirksam sind.“ (Masschelein/Simons 2012, S.13)

Es geht beim „Regime“ also ganz offensichtlich um die Lebenswelt und ihre Kolonialisierung, um das also, was ein anderer kritischer Intellektueller wie Wolfgang Streeck als eine „neoliberale“ Umerziehung des Staatsvolks zum Marktvolk beschreibt. (Vgl. meinen Post vom 06.08.2013) Warum also verweigern sich Masschelein und Simons einer solchen Parteinahme?

Die Antwort liegt in einer Richtung, die ich schon in meinem Post vom 08.08.2013 angedeutet habe, ohne dabei schon so genau zu wissen, was diese Antwort impliziert. Dabei ging es mir um die Frage nach dem revolutionären Subjekt, das noch in der Lage ist, dem Selbstverwertungsinteresse des Geldes Widerstand zu leisten. Wolfgang Streeck appelliert an den national konstituierten Staatsbürger, der sich der fortschreitenden Entmündigung durch den europäischen Konsolidierungsstaat widersetzen soll. Christina von Braun setzt auf die Frauen, die, wie sie hofft, aufgrund ihrer historisch andersartig vermittelten Leiblichkeit in der Lage sind, sich dem Selbstverwertungsinteresse des Geldes zu entziehen. Beide gleichen sich darin, daß sie sich mit ihren Appellen an den Erwachsenen richten. Ich selbst habe als mögliches revolutionäres Subjekt die Eltern ins Spiel gebracht, dachte dabei aber auch eher an Erwachsene, die sich für die Zukunft ihrer Kinder einsetzen.

Masschelein und Simons zufolge haben alle diese kritischen Positionen mit der Ökonomie genau dies gemeinsam. So wie diese kritischen Positionen unterstellt auch die Ökonomie immer schon das Erwachsensein und damit die Verhandlungsfähigkeit und die Selbstausbeutungsfähigkeit des Menschen. Alle, die ‚Guten‘ wie die ‚Bösen‘, wenden sich also an die Erwachsenen. Nicht so Masschelein und Simons. Sie nämlich verstehen sich genau als die Eltern, die ich in meiner kritischen Bezugnahme für die Zukunft ihrer Kinder verantwortlich machen wollte. Allerdings verstehen sie diese Verantwortlichkeit völlig anders, als ich sie mir vorgestellt hatte.

Masschelein und Simons verstehen ihre Verantwortung als Eltern für ihr Kind nicht als eine Parteinahme gegen die Ökonomisierung des Sozialen, weil sie sich damit schon auf die Ebene dieser Ökonomie begeben und eben mit dieser Parteinahme genau das verloren geht, was sie eigentlich verteidigen wollen bzw. sollen. Das Kind ist kein Vertragspartner, und deshalb sind auch seine Eltern, die diesem Kind etwas schuldig sind, keine Vertragspartner: „Jeder, der in pädagogische Beziehungen eingebunden ist, ‚weiß‘, dass es nicht möglich ist, über diese Beziehungen nur im Sinne von Verträgen zu sprechen.“ (Masschelein/Simons 2012, S.110)

Wer Verträge eingeht, etwa bei der Kompromißbildung zwischen dem Ökonomischen und dem Sozialen –  eine Kompromißbildung, die sich zwangsläufig immer auch in eine weitere Steigerung des Profits ‚ummünzt‘ –, weiß, was er dem Vertragspartner ‚schuldig‘ ist. Seine Schuld läßt sich berechnen. Sie ist transparent. (Vgl. Masschelein/Simons 2012, S.32f., 84f.) Es gibt aber eine Schuld, die nicht berechenbar und nicht transparent ist. Die sich nicht in Verträgen festhalten läßt. Verträge zu machen, bedeutet deshalb immer auch, sich gegen diese nicht berechenbare Schuld immun zu machen: „Immunisierung bedeutet, genau zu bestimmen und (am liebsten vertraglich) festzulegen, was wir gemeinsam haben und was wir einander schuldig sind. Es bedeutet das Festlegen der Grenzen der Gemeinschaft und der Person ...“ (Masschelein/Simons 2012, S.101f.)

Ein Kind zu sein, bedeutet aber genau dieses Nicht-Berechenbare, dieses Ausgesetztsein, für das es keine Worte gibt und das deshalb auch in keinen Verträgen berücksichtigt werden kann. Für dieses nicht-berechenbare Kind verantwortlich zu sein, bedeutet für die Eltern, eine Schuld zu übernehmen, von der sie nicht wissen können, was das für sie bedeutet: „Dass wir es nicht wissen können, verhindert nicht, dass wir uns verantwortlich fühlen. Es verhindert nicht, dass wir in der Beziehung verpflichtet sind und uns darin engagieren. Darum zeigt es eben, dass derartige Beziehungen nicht von unserem Wissen abhängig sind oder von unserem Erkennen oder Anerkennen des Wissens, oder zumindest, dass sie von etwas anderem als formulierbarem Wissen und benennbaren Bedürfnissen abhängen. Dass wir den anderen etwas schulden, bedeutet nicht, dass wir genau wissen, welcher Art und welchen Inhalts diese Schuld ist: Unser Schuldig-Sein ist losgelöst von derartigem (transparentem) Wissen.“ (Masschelein/Simons 2012, S.111)

Das ist der Grund, warum Masschelein und Simons nicht von Ideologien und auch nicht von einer Kolonialisierung der Lebenswelt sprechen wollen, sondern vom „Regime“. Mit diesem eher schwammigen, begrifflich weniger klar konturierten Begriff wollen sie sich den ökonomischen und humanistischen Diktaten von „‚wahr‘ oder ‚falsch‘“ entziehen. (Vgl. Masschelein/Simons 2012, S.22f.)

Das Vorgehen der beiden Autoren erinnert mich zum einen an Blumenberg mit seiner Theorie der Unbegrifflichkeit, einer Unbegrifflichkeit, die ja ebenfalls dazu dient, Phänomene zu beschreiben, die sich den Begriffen entziehen. (Vgl. meine Posts vom 06.09.-10.09.2011) Zum anderen erinnert mich das, was die beiden Autoren die ‚Kindheit‘ nennen, an das Noli-me-tangere, als das Plessner die Seele beschreibt. Masschelein und Simons sprechen in diesem Zusammenhang immer wieder von einem „Unrecht“, das sich manifestieren will. (Vgl.u.a. Masschelein/Simons 2012, S.106) Dieses „Unrecht“ läßt sich nicht vorhersehen und nicht steuern, weil es eben genau das ist, was sich aller Vorhersehung und Steuerung immer schon entzieht. (Vgl. Masschelein/Simons 2012, S.94) Dieses gleichzeitige Ausgesetztsein und sich Manifestieren einerseits wie auch andererseits diese Nicht-Greifbarkeit, Nicht-Berührbarkeit, Nicht-in-Worten-Ausdrückbarkeit ist genau das, was Plessner als Seele bezeichnet.

Wenn dies die Verantwortung der Eltern ist, dann leisten sie tatsächlich in ihrem „Mit-sein“ (Masschelein/Simons 2012, S.106) mit ihren Kindern einen Widerstand, den Masschelein und Simons auf die einfache Formel bringen: „Widerstand könnte darin bestehen, schlichtweg andere Dinge zu tun.“ (Masschelein/Simons 2012, S.120)

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