Sonntag, 17. Januar 2016

Sebastian Stiller, Planet der Algorithmen. Ein Reiseführer, München 2015

(Knaus Verlag, 253 S., Klappenbroschur, 14.99 €)

4. Nachtrag

In meinem Post vom 02.01.2016 hatte ich mich beklagt, daß Algorithmiker die schlechtesten Geschichtenerzähler der Welt seien. Aber irgendwie war das wohl am Thema vorbei. Wie ich inzwischen lernen durfte, haben nämlich Algorithmen überhaupt nichts mit Geschichten zu tun. Sicher: Sie stellen einen Handlungsablauf dar. Insofern könnte man tatsächlich denken, wir hätten es mit einer Erzählung zu tun. Jetzt bin ich aber bei Donald E. Knuth, „Art of Computer“ (2/1973), auf folgende Textstelle gestoßen: „It should be notioned immediately that the reader should not expect to read an algorithm as he reads a novel ...“ (Knuth 2/1973, S.4) – Demnach erzählen Algorithmen definitiv keine Geschichten.

Der Grund dafür, daß Algorithmen keine Geschichten erzählen, ist einfach. Zu den fünf Merkmalen eines Algorithmusses zählt Knuth nämlich die „Definiteness“, die eindeutige Bestimmtheit der verwendeten Symbole. (Knuth 2/1973, S.5) Mit anderen Worten: die verwendeten Symbole dürfen nicht interpretierbar sein. Jedes Symbol hat nur eine bestimmte Bedeutung und keine andere. Zu einer narrativen Struktur gehört aber, wie wir von Tomasello wissen, eine extravagante Syntax. (Vgl. meinen Post vom 27.04.2010). Eine extravagante Syntax beruht aber wiederum nicht auf einer Schritt-für-Schritt-Prozedur von eineindeutig bestimmten Symbolen, sondern auf dem rekursiven Wechselbezug von Nebenbedeutungen, die im Kontext des gesamten Erzähl- bzw. Textkorpusses mitschwingen. Erst dadurch wird eine Geschichte narrativ, denn sie ermöglicht es jedem Hörer bzw. Leser, von seinem Verständnishorizont aus in die Geschichte einzusteigen und sie als sinnvoll zu erleben, ohne daß er ihren Sinngehalt voll ausschöpfen muß. Ein Algorithmus aber erfordert, daß der Leser jeden einzelnen Schritt und die damit verbundenen Symbole im voraus und objektiv allgemeingültig verstanden haben muß, damit er ihn ausführen kann. Das aber kann auch eine Maschine.

Deshalb empfinde ich Algorithmen als äußerst langweilig. Es lohnt sich für mich einfach nicht, im voraus zu wissen, wie eine ‚Geschichte‘ sich entwickelt. In einer solchen Geschichte ist jede Episode schematisch, vorhersehbar und eben langweilig. Im Grunde können nur Maschinen so lesen bzw. ‚denken‘. Womit ich nichts gegen die Mathematiker gesagt haben will. Algorithmen zu ‚lesen‘, bedeutet letztlich, zu denken, was schon einmal gedacht worden ist. Eine Geschichte zu lesen bedeutet aber, sie neu zu erfinden.

Da wir tendenziell dazu neigen, das Maschinendenken mit unserem eigenen Denken zu verwechseln, droht also nicht etwa die Gefahr, daß wir das Denken den Maschinen überlassen (denn das können sie nicht), sondern daß wir selber mit dem Denken aufhören.

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Kommentare:

  1. Danke. Du hast es exakt erfasst.
    Eine Geschichte zu lesen bedeutet, sie neu zu erfinden. Wunderbarer Satz.
    Und wirklich - die Gefahr der Maschinen besteht nur darin, dass sie uns das Denken abnehmen sollen.Und Algorithmen sollen uns das Entscheiden abnehmen. Sie bieten uns von der Geschichte das Ende.

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    1. Deine Zustimmung ist mir wichtig. Ich habe den Eindruck, ich bewege mich durch einen wirbelnden Schneesturm und verliere allmählich die Orientierung.

      Jetzt muß ich noch rauskriegen, was ein selbstlernender Algorithmus ist.

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  2. Jürgen Geuter erklärt das und noch mehr:
    https://www.wired.de/collection/latest/jurgen-geuter-erklart-warum-die-trendsuche-nicht-allein-algorithmen-uberlassen

    Gutes Durchkommen durch den Schneesturm :-)
    Zur Orientierung brauchst du dann einen Algorithmus, den du wahrscheinlich durch dein Gehirn und deine Erfahrung bereits hast -

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    1. Wär schön, wenn der Schneesturm über mich hinwegfegte, derweil ich hinter ihm her winke. Aber den Gefallen wird er mir wohl nicht tun.

      Die Adresse führt zu einem Post über Algorithmen zur Ermittlung von Trends (den kleineren Böen am Rande des Schneesturms). Mir ist nicht ganz klar, inwiefern diese Algorithmen lernfähig sind. Aber es ist jedenfalls ein interessantes Thema.

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  3. https://www.wired.de/collection/tech/ubernehmt-endlich-verantwortung-fur-eure-algorithmen

    Das ist der richtige link.
    Das Thema lädt im übrigen dazu ein die Frage nach dem Begriff der Lernfähigkeit zu klären. Ich halte das auf Algorithmen bezogen für falsch. Die sind nicht lernfähig. Aber solche erweiterte Algorithmen ziehen Daten aus einer modellierten Umwelt, die sie dann zu Änderungen veranlassen. Deshalb sind sie immer noch Automaten und nicht lernfähig, im Sinne einer Veränderung des Gesamten, denn lernen bedeutet eben Erfahrung machen und sich selbst verändern.

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    1. Danke. Wenn ich das richtig sehe, sind lernende Algorithmen also dynamisch und unkontrollierbar, während nicht lernende Algorithmen statisch und kontrollierbar sind. Sind lernende Algorithmen überhaupt Algorithmen? Müßte man für sie nicht einen anderen Begriff erfinden?

      Daß lernende Algorithmen nicht wirklich etwas mit Lernen zu tun haben, sehe ich auch so. Das beruhigt mich aber nicht. Wenn ich hier immer von einem „Schneesturm“ spreche, meine ich damit die technologische Entwicklung, die alles Menschliche durcheinanderwirbelt und auf die kein Mensch mehr Einfluß nehmen kann oder auch nur will. Jetzt werden wir schon mal so allmählich darauf vorbereitet, daß demnächst Millionen Arbeitsplätze verloren gehen werden. Einfach so. Mit einem Schulterzucken. Ist halt so. Kann man nichts machen. Sehrt zu wie ihr klar kommt.

      Ganz ehrlich: Ich bin dieses Immer-so-weiter sowas von leid.

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  4. Die Kontrolle von Algorithmen bezieht sich auf das "Gewusst wie?" des Lösungspfades. Ich habe ein Problem oder eine Aufgabe und will eine Lösung und ich muss wissen, wie der Lösungsweg ist, wenn ich das nachvollziehen will - und das ist bei "lernenden" Algorithmen eben irgendwann schwierig bzw. kann intransparent werden auch für Kenner. Die meisten Leute aus der "Praxis" sind aber nur an den Lösungen interessiert - bis dann ein gravierender Fehler auftaucht, weil es aus dem Ruder gelaufen ist. Aber so war und ist das immer.

    Am Flughafen genieße ich die Technik - damit ein Flugzeug fliegt braucht es einen Haufen von Leuten, die in einer riesigen Maschine um dieses Flugzeug und für dieses Flugzeug organisiert sind. Und dann fliegen täglich Millionen Menschen um die Erde so rum. Und das erst seit etwa 80 Jahren.
    Ich bin fest davon überzeugt, dass es kein Weiter-So geben wird. Es ist nur die Frage, wie der Lösungsweg aussehen wird.

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  5. Du hast Recht: Es wird mit Sicherheit nicht so weitergehen. Auf die eine oder andere Weise wird es enden. Ob wir nun eine ‚Lösung‘ für alles finden oder nicht. Danke für Deinen Kommentar und für die Links.

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