„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)

Mittwoch, 5. September 2012

Bernhard Pörksen/Hanne Detel, Der entfesselte Skandal. Das Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter, Köln 2012

1. Gegenstand und Methode
2. Simulation und Evidenz
3. Kollaps der Kontexte
4. Lebenswelt: Grenzen der Digitalisierung

Wir haben es bei dem Buch „Der entfesselte Skandal“ (2012) von dem Autorenpaar Bernhard Pörksen und Hanne Detel mit einer seltenen Verquickung von Gegenstand und Methode zu tun, die vor allem in einem ethischen Dilemma begründet ist. Wie berichtet man über die von den digitalisierten Medien ermöglichte neuartige, unter schwarmartiger Beteiligung des Publikums vorangetriebene Verbreitung von Skandalen, ohne zugleich eine erneute Welle der Aufmerksamkeit auf die einzelnen Skandale zu erzeugen und damit die Leidensgeschichte der Betroffenen zu verlängern?

Pörksen/Detel zeigen hier eine bemerkenswerte Sensibilität für die eigene Verantwortung: „Es wird nämlich deutlich, dass die Analyse einer angeblichen Normverletzung unvermeidlich diese Normverletzung reproduziert – und die Gefahr erzeugt, die Schmähung, nur eben unter dem Deckmantel von Information, Aufklärung und Analyse, ein weiteres Mal zu wiederholen.“ (Pörksen/Detel 2012, S.17)

Ihre Lösung für dieses Dilemma besteht zum einen darin, die eigene Darstellung der Skandalgeschichten unter Voyeurismusvorbehalt zu stellen und so die „Versuchung des Voyeurismus höherer Ordnung“ offenzulegen. (Pörksen/Detel 2012, S.19) Desweiteren sehen Pörksen/Detel die Leser ihres Buches in der Verantwortung, „die Geschichten in dem hier geschilderten Kontext zu belassen – und die Autorin und den Autor an ihren selbst formulierten Ansprüchen zu prüfen: Kann man über den entfesselten Skandal in einer Weise schreiben, die sich nicht von der allgegenwärtig gewordenen Neigung zur Skandalisierung forttragen lässt?“ (Pörksen/Detel 2012, S.19)

Diese Verquickung von Darstellung und Beteiligung – also Darstellung der Skandalgeschichten und Beteiligung durch letztlich unvermeidlichen Voyeurismus –, also die ethisch bedenkliche Verquickung von Methode und Gegenstand erinnert mich an die Funktion von Beispielgeschichten und hier wiederum insbesondere einer besonderen Qualität von Beispielgeschichten: den Kohlbergschen Dilemmageschichten. Was die Struktur und Funktionsweise von Beispielgeschichten betrifft, kenne ich kein besseres Buch als das von Günther Buck: „Lernen und Erfahrung“ (3/1989). Was jetzt aber Pörksen/Detels Bitte an die „Leserinnen und Leser() dieses Buches“ betrifft, die von dem Autorenpaar formulierten Ansprüche hinsichtlich ihrer mehr oder weniger gelungenen Umsetzung zu prüfen, erinnert mich das vor allem an eine Forschungsstrategie, wie sie Klaus Holzkamp in seinem Buch über das „Lernen“ (1995) formuliert hat. Auch Holzkamp fordert seine Leser zur Beteiligung auf: sie sollen seine Beispielgeschichten, in diesem Fall die von ihm beschriebenen exemplarischen Lernerfahrungen – daraufhin prüfen, inwieweit diese mit ihren eigenen Lernerfahrungen übereinstimmen. Holzkamp versteht also die Leser nicht als passive Rezipienten von Informationen, sondern als „Mitforscher“. (Vgl. Holzkamp 1995, S.440)

Letztlich dienen Beispielgeschichten bei Buck und bei Holzkamp dazu, bei Zuhörern (im Alltag) oder Lesern Prozesse des Mitdenkens und des Weiterdenkens anzuregen. Beispielgeschichten sind dazu in besonderer Form geeignet, weil sie – wie Buck festhält – keine deduktiven Ableitungszusammenhänge zwischen Allgemeinem und Besonderen beinhalten, sondern aufgrund ihrer narrativen Struktur zur ‚Induktion‘ befähigen, also vom Einzelfall auf allgemeine Zusammenhänge zu schließen. Zugleich beinhalten sie, wie ich hier ergänzen möchte, einen Appellcharakter an den Zuhörer/Leser: schau Dir dieses Beispiel an und beziehe Position dazu! Bilde Dir eine Meinung!

Letztlich sollen also die Leser des Buches von Pörksen/Detel die von ihnen präsentierten Beispielgeschichten darauf prüfen, inwiefern sie durch sie mehr zu eigenen, die Skandalgeschichten fortsetzenden Empörungsreaktionen animiert oder mehr zur selbstkritischen Analyse des eigenen Skandalverhaltens provoziert werden. Dazu paßt auch der Anspruch des Autorenpaares, einen „Beitrag zur Selbstaufklärung der Mediengesellschaft zu leisten.“ (Vgl. Pörksen/Detel 2012, S.37)

Die Skandalgeschichten sollen also nicht einfach nur Kenntnisse vermitteln, schon gar nicht sollen sie unterhalten, – letztlich sollen sie vor allem belehren. Und da der Inhalt dieser Belehrung vor allem ein moralischer ist, haben wir es bei den Skandalgeschichten immer auch mit Dilemmageschichten im Kohlbergschen Sinne zu tun, was paradoxerweise die voyeuristische Versuchung gerade für Intellektuelle noch verschärft. Wenn nämlich schon im Lebensalltag die Menschen von sich aus dazu neigen, zu Skandalen Stellung zu beziehen – also im Sinne von exemplarischen Normverletzungen –, dieser Stellungnahme aber immer etwas Unanständiges, Anstößiges anhaftet, kann man nun als gebildeter Intellektueller praktisch im Auftrag von Pörksen/Detel/Kohlberg ungehemmt seiner eigenen „Empörungswilligkeit“ die Zügel schießen lassen.

Dazu paßt, daß die Stärke dieses Buches vor allem in dieser – in unser aller Empörungsbereitschaft begründeten – Provokation zur Selbstkritik und weniger in der Analyse der Skandalgeschichten liegt. Es fehlt ihrer Analyse die historische und systematische Tiefe. Rückblicke auf Günther Anders, als einem leidenschaftlichen Kritiker der Mediengesellschaft, und auf Friedrich Kittler als derem mit missionarischem Eifer ausgestatteten Propagandisten wären wünschenswert gewesen, um historische und systematische Kontinuitäten aufzuzeigen, die die von Pörksen/Detel beschriebene Besonderheit der digitalen Medien in einem etwas anderen Licht hätten erscheinen lassen.

Dann wäre Pörksen/Detel möglicherweise auch aufgefallen, daß sie bei all ihrer Kritik am Cybermob als einer „Gemeinschaft der Empörungswilligen“ (vgl. Pörksen/Detel 2012, S.112) selbst auf diese bedenkliche Gefühlsverquickung zurückgreifen, und zwar gerade im Dienste einer kritischen Selbstaufklärung, in der das eigene Schockerlebnis zu einem jetzt unverdächtigen Realitätsprinzip verklärt wird. (Vgl. Pörksen/Detel 2012, S.148, 164f.) Auch die letztlich unbefriedigende Schlußbewertung hinsichtlich der Möglichkeiten der digitalen Medien, was sich aus ihnen im Guten wie im Positiven machen läßt (vgl. Pörksen/Detel 2012, S.237ff.), wäre dann nicht so im Unverbindlichen geblieben.

Denn eines läßt sich nun wirklich mit einiger Sicherheit festhalten: bei den digitalen Medien haben wir es einfach nicht mit irgendwelchen Werkzeugen zu tun, möglicherweise mit einer gewissen „Tendenz“, wie Pörksen/Detel vorsichtig formulieren (vgl. Pörksen/Detel 2012, S.36), die wir aber durchaus auch anders verwenden können. Sie betreffen uns vielmehr an den Fundamenten unserer anthropologischen Verfassung, unserer conditio humana.

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