Montag, 15. August 2016

Andreas Brenner, Ich vegetiere, also bin ich. Zur Kritik des Hirntodkonzeptes (2015)

(in: Oliver Müller/Giovanni Maio (Hg.), Orientierung am Menschen. Anthropologische Konzeptionen und normative Perspektiven, Göttingen 2015, S.483-499)

Nicht nur in der Reproduktionsmedizin, mit der ich mich in einer meiner letzten Besprechungen zu Oliver Müllers und Giovanni Maios Buch „Orientierung am Menschen“ (2015) auseinandergesetzt habe (vgl. meinen Post vom 27.07.2016), auch am anderen Ende der menschlichen Lebensspanne, der Transplantationsmedizin, ist die Technologie eng mit einem bestimmten Menschenbild verbunden. Dieses Menschenbild führt das individuelle Leben auf ein begrenztes, im Falle der Reproduktionsmedizin molekulares, im Falle der Transplantationsmedizin digitales Muster zurück, wie im zweiten Falle der Baseler Bioethiker Andreas Brenner in seinem Aufsatz „Ich vegetiere, also bin ich“ (2015) festhält. Die Transplantationsmedizin gehe, so Brenner, von einem „engen und exemplarisch am digitalen Modell ausgerichteten Aktivitätsmuster“ aus, „das keine Zwischenbereiche kennt“. (Vgl. Brenner 2015, S.496)

Daß zu jeder ärztlichen Todesbescheinigung eine Anthropologie gehört, leuchtet ohne weiteres ein. Es bedarf einer wissenschaftlich fundierten Vorstellung davon, wann menschliches Leben endet, so wie es am anderen Ende des Spektrums einer ebenso fundierten Vorstellung davon bedarf, wann menschliches Leben beginnt, um dann entsprechende Technologien im Umgang mit diesem Leben zu entwickeln und anzuwenden. Brenner zufolge ist die vorherrschende medizinethische Sichtweise insbesondere von Descartes und seinem „Ich denke, also bin ich“, also von der „ Gleichsetzung von Ich und Denken“ geprägt. (Vgl. Brenner 2015, S.489) In der Folge dieser Sichtweise ist das Gehirn ins Zentrum des wissenschaftlichen Fokusses gerückt:
„Mit dieser Position beginnt gleichsam der Höhenflug des Gehirns, der mit dem Hirntodkonzept nicht nur besser verständliche Todeskonzepte wegrei(ß)t, sondern mit dem Aufstieg der Neurowissenschaft die Basis der gesamten Lebenswelt stürzt, so dass heute weitere ehemalige Selbstverständlichkeiten wie Aussagen über den freien Willen oder zu primären Wahrnehmungen sich mühsam wieder rechtfertigen müssen.()“ (Brenner 2015, S.489)
Auch hier haben wir es wieder mit dem bedauernswerten Umstand zu tun, daß die vorherrschende naturwissenschaftliche Methodik den bloßen Augenschein entwertet und nur diejenigen ‚Tatsachen‘ als gesichert anerkennt, die sich mathematisch rekonstruieren lassen. Doch tatsächlich ist es noch schlimmer: der Wechsel vom Herztodkonzept zum Hirntodkonzept verdankt sich nicht einfach einer reduzierten Anthropologie, sondern ist vor allem einer instrumentellen Notwendigkeit geschuldet. Als Christian Barnard 1967 erstmals eine Herztransplantation durchführte, wurde schon im nächsten Jahr das Herztodkonzept durch das bis heute geltende Hirntodkonzept ersetzt; denn der Hirntod hat den entscheidenden Vorteil, daß sich mit ihm der Tod des Menschen auf einen früheren Zeitpunkt zurückdatieren läßt, so daß seine für Transplantationen benötigten Organe länger frisch bleiben: „Es ist diese Tatsache, die den Instrumentalisierungsvorwurf zumindest der Sache nach als nicht unberechtigt ausweist. Hans Jonas hat hier einen Teil seiner Kritik am Hirntod-Konzept festgemacht.“ (Brenner 2015, S.485)

Diese mit dem Hirntodkonzept einhergehende Instrumentalisierung des Menschen läßt sich sogar noch steigern. In Großbritannien reicht inzwischen schon, wie Brenner schreibt, der „Teilhirntod“ von Patienten zur Organentnahme. (Vgl. Brenner 2015, S.486) Das betrifft insbesondere das „Super-Locked-In-Syndrom“. Es werden also Patienten, die noch bei Bewußtsein sind, für tot erklärt!

Inzwischen sind die meisten Menschen von der Sachrichtigkeit des Hirntodkonzeptes so überzeugt, daß jeder Versuch, die phänomenalen Lebenszeichen der Hirntoten zu thematisieren, mit Aberglauben und verantwortungsloser Wissenschaftsfeindlichkeit gleichgesetzt wird:
„Entsprechende Empörungen lassen sich beispielsweise regelmäßig in den Leserbriefspalten der Zeitungen nachlesen, in die einmal eine hirntodkritische Position Eingang gefunden hat. Gleichfalls kann man es, falls man nicht zusätzlich eine einseitige Interessenspolitik unterstellen will, als Indiz für ihre vollkommene Unbedarftheit ansehen, wenn staatliche Stellen sich in der Frage der Organtransplantation einseitig auf die Seite der Hirntodbefürworter stellen und in ihren Kampagnen zur Erhöhung der Spenderbereitschaft die Kritik am Hirntodkonzept glauben totschweigen zu dürfen.()“ (Brenner 2015, S.490)
Die offensichtlichen Lebenszeichen hirntoter Patienten werden dann nicht etwa als solche ernstgenommen, sondern als eine Art Kuriosum, als „Lazarus-Zeichen“ weggedeutet, die von irgendwelchen mechanischen ‚Reflexen‘ ausgehen. (Vgl. Brenner 2015, S.487) Daß die vermeintlich Toten aber noch dazu in der Lage sind, ihre „Körpertemperatur aufrecht zu erhalten, Infektionen abzuwehren, Schwangerschaften auszutragen oder Schmerzreaktionen zu zeigen“, bleibt unberücksichtigt. (Vgl. Brenner 2015, S.495)

Brenner verweist darauf, daß beim Hirntod nur drei Prozent des Organismusses wirklich tot sind. Der Tatbestand des Hirntodes ist dabei auch überhaupt nicht zweifelhaft. Zweifelhaft ist aber durchaus der Zustand der restlichen 97 Prozent des Organismusses. Brenner plädiert dafür, die Phänomenebene wieder ernstzunehmen: „Die Phänomenologie des 20. Jahrhunderts hat die Vorstellung wieder aus dem verdrängten Wissen gehoben, dass wir zwar einen Körper haben, aber Leib sind.()“ (Brenner 2015, S.491)

Brenner beruft sich also auf Helmuth Plessners Körperleib. Es geht darum, so Brenner, wieder den ganzen menschlichen Organismus in den Blick zu nehmen, und dem wird nur das Herztodkonzept gerecht. Das Herz ist das zentrale Organ, das den ganzen Organismus zusammenhält. Erst wenn der Herztod eintritt, zerfällt auch der individuelle Organismus:
„Die Signifikanz des Herztodes liegt in eben diesem Verlust der Integration oder des Zusammenhaltes des Gesamtorganismus, womit umgekehrt die Bedeutung des Herzens und des durch diesen ermöglichten Kreislaufes sich in der Aufrechterhaltung des Gesamtorganismus zeigt.“ (Brenner 2015, S.488)
Auch wenn wir das Herz bloß für eine Art mechanische Pumpe halten – allerdings eine ‚Pumpe‘, die seltsamerweise höchst empfindlich auf psychosomatische Einflüsse reagiert –, können wir seine Funktion für den Gesamtorganismus kaum leugnen. Das Gehirn verliert damit seine zentrale Stellung im Gesamtorganismus und erhält eine, wie Brenner sich ausdrückt, „periphere Bedeutung“:
„Das Gehirn ist und vermag das, was es ist und was es vermag, nur in der Korrespondenz mit dem Gesamtorganismus. Und erst der Gesamtorganismus begründet eine sich aus Erfahrungen der Welt stiftende Identität des Menschen.“ (Brenner 2015, S.493)
Das erinnert an Helmuth Plessners exzentrische Positionalität, derzufolge das Gehirn mal als Organ unter Organen, mal als Zentralorgan fungiert. Mit Bezug auf das Herz könnte man von einem Wechselverhältnis sprechen: wenn es um den biologischen Zustand des Gesamtorganismusses geht, ist das Herz zentral und das Gehirn peripher; wenn es um das reflexive Selbst- und Weltverhältnis des Menschen geht, ist das Gehirn zentral und das Herz peripher. Beide Male aber funktionieren die beiden Zentralorgane nicht getrennt voneinander, sondern im Verbund.

Brenner geht sogar noch einen Schritt weiter, wenn er mit Verweis auf Nahtoderlebnisse davon spricht, „dass prägnante Formen des Erlebens jenseits des Gehirns möglich sind“. (Vgl. Brenner 2015, S.493) Ungeachtet dessen, ob wir ihm da folgen wollen oder nicht, muß doch festgehalten werden, daß die Nähe des Hirntodkonzeptes zu instrumentellen Notwendigkeiten der Transplantationsmedizin und nicht zuletzt die Phänomenebene des sterbenden Menschen den ganzen Betrieb des medizinischen ‚Organhandels‘ als ethisch höchst fragwürdig erscheinen läßt.

Die Bereitschaft vieler Menschen, Patientenverfügungen zu verfassen, in denen es um das Abschalten der ‚lebenserhaltenen‘ Maschinen bei einem Hirntod und um das Zurverfügungstellen von Organen geht, hat viel mit einer Geringschätzung des Lebens auf vegetativer Ebene zu tun. Niemand von uns will sich vorstellen müssen, nur noch ‚Gemüse‘ zu sein, wie es umgangssprachlich heißt. Da will man doch lieber nochmal mit seinen Organen ‚etwas Gutes‘ getan haben.

Brenner verweist darauf, daß diese Geringschätzung pflanzlichen Lebens mit einer fundamentalen Selbstverleugnung einhergeht. Die vegetative Ebene bildet unser „primäres Selbst“. (Vgl. Brenner 2015, S.492) Sie ist der ursprünglichste „Ausdruck von Lebendigkeit“ (Brenner 2015, S.496), und sie bildet die „Voraussetzung für die reflexive Form des Weltzugangs“ (Brenner 2015, S.492). Der hirntote Mensch ist Brenner zufolge nicht tot. Es ist vielmehr die Transplantation, die ihn tötet. (Vgl. Brenner 2015, S.494)

Möglicherweise sterben wir also, wenn die Maschinen abgestellt werden. Aber so wenig uns die Maschinen am Leben erhalten haben – „Niemand lebt, weil er durch eine Maschine am Leben erhalten wird.“ (Brenner 2015, S.495) –, so wenig sind wir schon tot, wenn wir hirntot sind:
On oder off, diese Zustände unserer Maschinen, beschreiben deren Zustände treffend; die Seinsweise von Menschen und anderen Lebewesen lässt sich damit nicht erfassen.“ (Brenner 2015, S.496)
Fazit: Die Transplantationsmedizin muß, um ein Menschenleben zu retten, einen anderen Menschen töten. Richtig ist, daß der eine Mensch im Sterben liegt, während der andere mit Hilfe der Organe des sterbenden Menschen weiterleben kann. Das könnte möglicherweise für die Legitimation der Transplantation genügen. Dazu muß man aber die Phänomene ernstnehmen; man darf sie nicht verdrängen, verfälschen und verleugnen.

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