Mittwoch, 27. Juli 2016

Giovanni Maio, Der herstellbare Mensch? Warum der Mensch auch im Zeitalter der Reproduktionsmedizin Anfang bleibt (2015)

(in: Oliver Müller/Giovanni Maio (Hg.), Orientierung am Menschen. Anthropologische Konzeptionen und normative Perspektiven, Göttingen 2015, S.381-394)

Die beiden Beiträge von Giovanni Maio, „Der herstellbare Mensch? Warum der Mensch auch im Zeitalter der Reproduktionsmedizin Anfang bleibt“ (2015a) und „Demenz – oder die durch Beziehung gestiftete Identität“ (2015b; vgl. Müller/Maio 2015, S.381-394 und S.470-482), unterscheiden sich hinsichtlich ihrer ‚Anthropologie‘ so sehr, daß ich beim ersten Lesen tatsächlich meinte, ich läse gerade die Beiträge von zwei völlig verschiedenen Autoren. Der eine Beitrag zur Reproduktionsmedizin (2015a) ist von einer gefühlsbetonten Natur- und Lebensromantik geprägt, die die spezifische Qualität des menschlichen Selbst- und Weltverhältnisses ausblendet. Der andere Beitrag zur Demenz (2015b) hingegen, der sich nicht minder für die in Not geratenen Menschen engagiert als der Beitrag zur Reproduktionsmedizin, plädiert für die Würde der Demenzkranken gerade in der Gebrochenheit ihres Selbst- und Weltbezugs und bekommt damit die spezifische Qualität des Menschlichen in den Blick.

An dieser Stelle möchte ich zunächst auf Maios Beitrag zur Reproduktionsmedizin eingehen. Maio vertritt eine technologiekritische Auffassung der Reproduktionsmedizin. Die Reproduktionsmedizin beinhaltet Maio zufolge – in Anlehnung an Hans Jonas – einen „technischen Imperativ“, der die bloße Möglichkeit einer Technologie immer schon mit der Notwendigkeit ihrer Umsetzung gleichsetzt. (Vgl. Maio 2015a, S.381) Dieser technische Imperativ übt Maio zufolge einen „Sog“ auf die Frauen aus, dem sie sich „nur schwer entziehen können“. (Vgl. ebenda) Er macht es ihnen praktisch unmöglich, sich mit ihrer ‚Unfruchtbarkeit‘ zu arrangieren und das damit verbundene Leiden zu ertragen. Die auch mit den technischen Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin einhergehende „Möglichkeit des Misslingens“ (Maio 2015a, S.385) – 84,6% der künstlichen Befruchtungsversuche bleiben Maio zufolge erfolglos (vgl. ebenda; dabei unterläßt Maio es allerdings, genauer aufzuschlüsseln, ob sich diese Prozentzahl auf die Gesamtzahl der betroffenen Frauen bezieht oder auf die durchschnittliche Gesamtzahl der Versuche einzelner betroffener Frauen) – wird in der reproduktionsmedizinischen Werbung unterschlagen, die vor allem den Gedanken der „Wunscherfüllung“ in den Vordergrund stellt (vgl. Mai 2015a, S.385f.).

Anstatt also zu lernen, zu den eigenen Bedürfnissen in ein Verhältnis zu treten und eine alternative Lebensführung in Betracht zu ziehen – also etwas aus seinem Schicksal zu machen – (vgl. Maio 2015a, S.391), verdrängt der Machbarkeitsimperativ der Reproduktionstechnologie eine solche Selbstreflexion und setzt an deren Stelle ein Denken, das das Kind zum „Mittel der Wunscherfüllung“ der künftigen Eltern werden läßt. (Vgl. Maio 2015a, S.386) So entsteht Maio zufolge auf beiden Seiten des Eltern-Kindverhältnisses eine „doppelte Hypothek“ (Maio 2015a, S.393): das Kind wird als Resultat eines Produktionsprozesses in eine „Dankespflicht“ den Eltern gegenüber hineingezwungen (vgl. Maio 2015a, S.388), die es in prä-reproduktionsmedizinischen Zeiten nicht gekannt hatte, weil seine ‚natürliche‘ Zeugung primär als das Ergebnis eines Zufalls bzw. einer ‚Gabe‘ wahrgenommen worden war (vgl. Maio 2015a, S.386).

Umgekehrt sind die Eltern nun für dieses mehr oder weniger gelungene ‚Resultat‘ ihrer reproduktionsmedizinischen Planung auf neuartige Weise verantwortlich, da sie sich dem Kind gegenüber dafür rechtfertigen müssen, daß es überhaupt auf der Welt ist. Maio hebt hervor, daß angesichts der reproduktionsmedizinischen Möglichkeiten die Widersinnigkeit eines solchen Vorwurfs von Seiten des Kindes gar nicht mehr bemerkt werden könne. (Vgl. Maio 2015a, S.390) Da irrt er sich allerdings, denn schon Immanuel Kant hatte lange vor der Reproduktionsmedizin darauf hingewiesen, daß die vornehmste Aufgabe der Eltern darin liege, das Kind mit seiner Existenz zu versöhnen.

Überhaupt ist Maios ganze Argumentation von einer Natur- und Lebensromantik getragen, aufgrund deren die eigentlich brisanten Fragen der Reproduktionsmedizin gar nicht gestellt werden können. So stellt er beispielsweise die „natürliche Zeugung“ unvermittelt der „künstlichen Befruchtung“ gegenüber: „Der natürlich gezeugte  Mensch kann sich als Geschenk begreifen, weil er nicht produziert wurde und letzten Endes immer auch eine Überraschung war.“ (Maio 2015a, S.384) – Der „künstlich gezeugte Mensch“ hingegen ist lediglich das „Resultat einer technischen Anordnung“ und „nicht ein Geschenk“. (Vgl. ebenda)

Eine solche Gegenüberstellung bildet nicht nur eine Herabsetzung der Würde derjenigen Menschen, die ihr Dasein heute schon den Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin verdanken. Maio bestreitet allerdings, das so gemeint zu haben (vgl. Maio 2015a, S.393), aber das ändert nichts an dem Argument einer geringeren Qualität der künstlichen Befruchtung; vor allem deshalb nicht, weil Maio die Antwort schuldig bleibt, worin denn die gemeinsame Würde von natürlich wie künstlich gezeugten Menschen überhaupt besteht. Es fehlt also eine jenseits der bloßen Natur- und Lebensromantik liegende, begrifflich reflektierte Analyse dessen, was das spezifisch Menschliche ausmacht. Stattdessen ist immer dann, wenn das ‚Kind‘ gemeint ist, pauschalisierend vom ‚Leben‘ die Rede: „Das Leben wird bewertet, gemessen, gerastert und damit einfach reduziert auf einen winzigen Teilaspekt.“ (Maio 2015a, S.388) – Oder: „In dem Moment, da das Selbstverständlichste des Selbstverständlichen, nämlich dass ein Leben einfach da ist, ohne dass man fragen kann, wozu ...“ (Maio 2015a, S.390) – Immer wieder ist es das ‚Leben‘ und nicht das Kind, das durch die Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin in Bedrängnis gerät, bis hin, wen wundert’s?, zur Option der „zur selbstverständlich gewordenen Abtreibung“. (Vgl. Maio 2015a, S.389)

Die Frage nach dem, was den Menschen zum Menschen macht, und damit auch die Frage nach dem, was das Kind zum Kind macht, kann so gar nicht mehr gestellt werden. An die Stelle einer solchen Frage treten das „Wunderbare“ und das „Staunenswerte“. (Vgl. Maio 2015a, S.388) An die Stelle eines reflektierten Selbst- und Weltverhältnisses, das den Frauen ein freies, bewußtes Ja zu ihrem Kind ermöglicht, setzt Maio den „ursprünglichen Kontext von Emotionen“, „Gefühle von Rührung, Achtung, Staunen und Ergriffensein“. (Vgl. Maio 2015a, S.393f.) Diese Gefühle sind es, zu denen Maio zufolge die Frauen bzw. „Paare“ wieder befähigt werden müssen, und zwar mit professioneller Hilfe, die dazu beitragen soll, „dass man einen vernünftigen Umgang mit dem eigenen Kinderwunsch pflegt“. (Vgl. Maio 2015a, S.291)

Maio merkt gar nicht, daß er hier die eine Technologie, die Reproduktionsmedizin, durch eine andere Technologie, nämlich die der allgegenwärtigen, das eigene Handeln ersetzenden Therapie nicht einfach nur ersetzt, sondern ergänzt. Die an ihrem unerfüllten Kinderwunsch leidenden Frauen bzw. Paare werden von Maio von Anfang an nur als Patientinnen wahrgenommen, die behandelt werden müssen, nicht als Menschen, die ihr Leben führen. Sie sollten, so Maio, „mit den bloß technischen Angeboten nicht alleingelassen werden“: „Sie sollten vielmehr Hoffnung haben dürfen auf ein Medizin- und Gesellschaftssystem, das sich für ihre Not ernsthaft interessiert und ihnen eine ganzheitliche und nicht nur technische Behandlung angedeihen lässt.“ (Maio 2015a, S.394)

Der Mensch ist in Maios Beitrag in einem wirklich traurigen Zustand: er kann nicht leben. Jedenfalls nicht aus sich heraus und aus eigener Kraft.

Die ganze Natur- und Lebensromantik hat darüberhinaus auch den Effekt, daß Maio kein einziges Mal die Frage stellt, was ‚Zeugung‘ bzw. ‚Befruchtung‘ eigentlich ist. So undifferenziert, wie er immer vom wunderbaren ‚Leben‘ spricht, kommt ihm nicht der Gedanke, daß wir es bei diesem Leben allererst nicht etwa mit einem Kind oder einem Menschen zu tun haben, sondern mit einer Zelle. (Vgl. hierzu Georg Reischels Reproduktionsblog) Der Anspruch des Mannes, den er mit seinem Spermium behauptet, ist angesichts der Reproduktionsleistungen der weiblichen Eizelle höchst fragwürdig. Hannah Arendts „Gebürtlichkeit“, auf die sich Maio bezieht (vgl. Maio 2015a, S.393), betrifft, wörtlich genommen, den geborenen Menschen, nicht das Embryo oder einen wie auch immer ‚befruchteten‘ oder ‚gezeugten‘ Zellhaufen: „Jeder, auch der in einer Nährflüssigkeit schwebende, auf seine Tauglichkeit durchgemusterte und womöglich anschließend verworfene Embryo ist ein Leben von sich her und somit ein Anfang.“ (Maio 2015a, S.393)

Auf der Zellebene fängt das Leben eben nicht einfach mit einem bestimmten Moment an. In der Biologie gibt es nur Kontinuität, keinen Anfang. Der Begriff der Zeugung ist nicht wissenschaftlich, sondern ein Mythos. Die reproduktiven Möglichkeiten der Eizelle sind nicht abhängig vom Hinzutreten eines seines Zellcharakters beraubten Spermiums. Wenn wir von einem Anfang sprechen wollen, müssen wir die Ebene der Biologie verlassen und uns der Frage zuwenden, wer und was der Mensch eigentlich ist. Und genau diese Frage wird von Maio ausgeblendet.

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