Mittwoch, 30. März 2016

Düzen Tekkal, Deutschland ist bedroht. Warum wir unsere Werte verteidigen müssen, Berlin 2016

(Berlin Verlag, 16.99 €, Klappbroschur, 224 S.)

1. Wo stehst du?
2. Lügenpresse
3. Alternativlosigkeiten
4. Wir und Ihr
5. Werte

Wenn Düzen Tekkal von den Werten spricht, die verteidigt werden müssen, verweist sie immer auf das Grundgesetz: „Ich setze meine Streitlust ein für unsere Werte, für mein Deutschsein, für das Grundgesetz und für die Jesiden.“ (Tekkal 2016, S.57)

Nun ist zwar im Grundgesetz von Grundrechten die Rede, aber konkrete Werte werden da nicht genannt. Die Grundrechte sind vielmehr so gehalten, daß sie es Menschen mit den unterschiedlichsten Wertauffassungen ermöglichen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Auch die ‚Werte‘, die Düzen Tekkal immer wieder anspricht, betreffen diesen gesamtgesellschaftlichen Kontext. Tekkal verweist auf die Besonderheit der jesidischen Religion, die keine Buchreligion ist, also über keinen schriftlich festgelegten Wertekanon verfügt: „Die Tatsache, dass ich als Jesidin keiner Buchreligion angehöre, macht mich frei, auch für das Grundgesetz. Ich befinde mich in keinem Konflikt zwischen einer von Gott offenbarten Schrift und den menschlichen Gesetzen. Ich muss mit niemandem über Werte streiten. Als Jesidin bin ich nur mir selbst verpflichtet.“ (Tekkal 2016, S.58)

Buchreligionen wie das Christentum und der Islam, die über schriftlich fixierte Glaubenswahrheiten verfügen, neigen dazu, andere Glaubensgemeinschaften zu missionieren, also ihnen ihre ‚Werte‘ aufzuzwingen. Auch haben die Jesiden Tekkal zufolge einen weiteren Vorteil: sie missionieren nicht. (Vgl. Tekkal 2016, S.133) Sie haben kein Problem damit, anderen Menschen zuzugestehen, ihre eigenen Vorstellungen von einem guten Leben zu verwirklichen. Alles das macht die Jesiden besonders grundgesetzkompatibel, wenn wir einmal davon absehen, daß die traditionellen Rollenvorstellungen innerhalb ihrer patriarchalen Gesellschaftsordnung für die eigenen Angehörigen immer noch als verbindlich angesehen werden. Nach innen sind die Jesiden also weniger tolerant als nach außen, womit wir bei der Problematik angelangt wären, was den Vorrang haben soll: die Gruppenrechte oder die Individualrechte. Hier vertritt Düzen Tekkal ganz klar den Vorrang der Individualrechte: „Wir dürfen junge moderne Jesiden wegen einer Heiratsregel nicht vor die Wahl stellen, entweder auf ihr Selbstbestimmungsrecht oder auf ihr Jesidentum zu verzichten.“ (Tekkal 2016, S.129)

Letztlich aber wird es an keiner Stelle deutlicher, um welche Art von Werten es Düzen Tekkal tatsächlich geht, als an jener, wo sie beschreibt, wie ihr Vater seine Einbürgerungsurkunde ausgehändigt bekommt und seinen Kindern stolz verkündet: „Jetzt sind wir Deutsche.“ – und die zuständige Beamtin kühl widerspricht: „Nein, das sind Sie nicht.“ (Vgl. Tekkal 2016, S.178) – „In diesem Moment begriff ich, dass ich etwas verteidigen musste. Meine Werte, meine Eltern und vielleicht sogar diese Beamtin, die uns so ablehnend gegenübertrat. Ich verstand, dass ich dieselben Werte hatte wie sie – nur mit dem Unterschied, dass ich sie ihr nicht absprach.“ (Ebenda)

Diese Beamtin, die die Werte des Grundgesetzes qua Amtseid vertritt, hat die gleichen Werte wie Düzen Tekkal und ihr Vater. Dennoch ist ihnen diese Beamtin fremder als gläubige, aber liberal gesonnene Muslime oder Juden mit ihren völlig anders gearteten kulturellen Hintergründen. Denn die Kluft tut sich nicht in den jeweiligen unterschiedlichen Werten als solchen auf als vielmehr in den Haltungen, die die Beamtin und Tekkals Vater diesen Werten gegenüber haben. Das ist der Unterschied zwischen formalen und materialen Werten. Auch Immanuel Kants Moralphilosophie beruht auf einem formalen Prinzip: dem kategorischen Imperativ, der in keiner Weise festlegt, wie wir ihn materiell verwirklichen, solange wir nur das Recht der anderen Menschen, ihrem Leben einen Sinn zu geben, nicht beeinträchtigen.

Die Beamtin, die Tekkals Vater das Recht absprechen wollte, sich als Deutscher zu fühlen, hat genau das getan. Sie wollte ‚ihre‘ Werte für sich behalten, was in letzter Konsequenz darauf hinauslief, Tekkals Vater das Recht abzusprechen, sein Leben selbst zu bestimmen. Düzen Tekkals Frage „wofür stehst du?“ (Tekkal 2016, S.219) richtet sich also nicht auf bestimmte Werte, ‚unsere‘ oder ‚eure‘, wobei ‚unsere‘ Werte selbstverständlich irgendwie die richtigen wären. Ihre Frage richtet sich vielmehr auf eine bestimmte Wertehaltung: Bist du fähig, deine eigenen Werte zu reflektieren, anstatt sie absolut zu setzen?

Genau das ist es, was Düzen Tekkal von den Muslimen fordert, deren Glaubenssätze durch den Islamischen Staat pervertiert werden. Seid zuerst Bürger und erst in zweiter Linie Muslime!, fordert sie zusammen mit der Journalistin Cigden Toprak: „Hinterfragt eure Werte! Das ist notwendig in einer Zeit, in der der Islam durch den ‚Islamischen Staat‘ so schwer beschädigt wird. Kommt endlich aus der Deckung heraus, zeigt euch!“ (Vgl. Tekkal 2016, S.175)

Wenn wir also ‚unsere‘ Werte verteidigen müssen, dann sind es keine materialen, sondern formale Werte. Denn der einzige ‚Relativismus‘, der anders als „Multikulti“ nicht relativiert (vgl. Tekkal 2016, S.194f.), sondern Position bezieht, ist der, der dem Differenzierungsvermögen unserer individuellen Verstandesautonomie entspricht. Und das ist, um noch einmal Kant zu Wort kommen zu lassen, Aufklärung!

Download

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen