Freitag, 27. März 2015

Lew Semjonowitsch Wygotski, Denken und Sprechen. Mit einer Einleitung von Thomas Luckmann, Stuttgart 1964/1969 (1934)

1. Prolog: Tomasello und Rousseau
2. Zusammenfassung
3. Experimentelle Methode
4. Innerer Dialog und Egozentrismus
5. Strukturen der Verallgemeinerung
6. Folien und Meridiane
7. Rekursivität?
8. Wortbedeutung
– als Assoziationismus
– als Einheit
9. Situationsbegriff
10. Subjekte und Prädikate
11. Gesetz der Bewußtwerdung

Mit dem Wort ‚Assoziation‘ meint Wygotski zunächst nichts anderes als das einfache Aneinanderreihen von Wahrnehmungen, Vorstellungen und Wörtern. Diesem Aneinanderreihen muß weder eine innere Logik noch eine äußerliche Ähnlichkeit zugrundeliegen und kann völlig willkürlich reflexhaft geschehen. Tatsächlich bezieht sich Wygotski hier u.a. auf Thorndike (1874-1949), einem Mitbegründer des Behaviorismus, demzufolge die „geistige Entwicklung“ nichts anderes ist als die „aufeinanderfolgende und allmähliche Anhäufung bedingter Reflexe“. (Vgl. Wygotski 1964/1969, S.215)

Das Erlernen einer Sprache wird unter dem Vorzeichen des Assoziationismus auf ein statistisches Lernen reduziert, wie ich es in diesem Blog schon öfter kritisiert habe. (Vgl. meine Posts vom 24.07.2011, 06.06.2012 und vom 06.12.2014) Wygotski kritisiert an dieser Sichtweise, daß hier die Wörter mit Dingen gleichgesetzt werden: „Natürlich ist die Entwicklung der Wortbedeutung von diesem Standpunkt aus überhaupt unerklärbar und unmöglich. ... Daher sind alle Wörter – die konkretesten und die abstraktesten – von der semantischen Seite gleichartig aufgebaut und enthalten alle nichts für die Sprache Spezifisches. Die Wort und Bedeutung verknüpfende assoziative Verbindung bildet ebenso die psychologische Grundlage der sinnvollen Sprache wie die der Erinnerung an einen Menschen beim Anblick eines Mantels. Durch das Wort werden wir veranlaßt, uns an seine Bedeutung zu erinnern, wie uns überhaupt jedes beliebige Ding an ein anderes Ding erinnern kann.“ (Wygotski 1964/1969, S.294)

Unter dieses Verdikt fällt dann auch noch die Gestaltpsychologie, die Wygotski zufolge ebenfalls das Verstehen von Wörtern mit der Wahrnehmung von Gegenständen gleichsetzt: „Die gleiche Situation ist auch in der Gestaltpsychologie auf dem Gebiet des Denkens und Sprechens entstanden. ... Das Wort geht in die Struktur des Dinges ein und gewinnt so eine gewisse funktionelle Bedeutung, ähnlich wie der Stock für den Affen in die Struktur der Situation bei der Erlangung einer Frucht eingeht und die funktionelle Bedeutung eines Werkzeugs gewinnt.“ (Wygotski 1964/1969, S.297)

Insofern die Gestaltpsychologie die Wörter nicht mehr einfach wie die Behavioristen ‚reflexologisch‘ (vgl. Wygotski 1964/1969, S.215) aneinanderreiht, sondern ihnen eine funktionelle Struktur zugrundelegt, bildet sie, wie Wygotski konzediert, einen „Schritt voran“. (Vgl. Wygotski 1964/1969, S.297) Das ändert aber nichts daran, daß auch hier die Wörter über ihren Werkzeugcharakter mit Dingen gleichgesetzt werden. Auch hier bleibt „die Frage, wie das Wort das Ding im Bewußtsein darstellt, ... außerhalb des Gesichtsfeldes“. (Vgl. Wygotski 1964/1969, S.298)

Indem Wygotski seine Kritik am „Dunkel des allgemeinen Assoziationismus“ (Wygotski 1964/1969, S.298) auch auf die Gestaltpsychologie ausdehnt, verstellt er sich die Einsicht in einen grundlegenden Mechanismus des Übergangs von Bedeutungen von der Dingwahrnehmung zum Verstehen von Wörtern. Außerdem können Bedeutungen Wygotski zufolge schon deshalb nicht von der konkreten Wahrnehmung auf das Verstehen von Wörtern übertragen werden, weil, wie er ausdrücklich festhält, die wortlose Wahrnehmung zugleich auch eine sinnlose Wahrnehmung ist. (Vgl. Wygotski 1964/1969, S.205) Etwas, das  von vornherein sinnlos ist, kann natürlich auch keine Bedeutung übertragen. Tatsächlich besteht das Prinzip der Dingwahrnehmung aber nicht in einem reflexhaften, bedeutungsleeren Assoziationsmechanismus. Wir haben es vielmehr mit einem ständigen Fokussieren und Verschieben und wieder neu Fokussieren von Vordergründen und Hintergründen zu tun, ähnlich wie bei Metaphern mit ihren Bedeutungsüberlagerungen. Wenn aber die Dingwahrnehmung nicht anders funktioniert als das Verstehen von Metaphern, dann muß sie auch genauso sinnhaft sein.

Indem nun Wörter, wie ja auch Wygotski festhält, zu Beginn der kindlichen Sprachentwicklung wie Dinge behandelt werden, wechseln auch die Eigenschaften der von den Wörtern bezeichneten Dinge zu den Wörtern über. Die Übertragung von dinglichen Eigenschaften auf Wörter beinhaltet eine ‚Verschiebung‘ (Metonymie) aus der realen, konkreten Welt in die Welt der Vorstellungen, wo sie nun disponibel werden. Wir können sie zu neuen Vorstellungskomplexen und Ideen kombinieren. Wygotski beschreibt das am Beispiel von Kühen und Hunden: „‚Wenn ein Hund Hörner hat, gibt der Hund dann Milch?‘ wird ein Kind gefragt. ‚Ja.‘ ‚Hat eine Kuh Hörner?‘ – ,Ja.‘ ‚Die Kuh ist doch ein Hund, hat denn ein Hund Hörner?‘ – ‚Natürlich, wenn der Hund eine Kuh ist, wenn er so heißt – Kuh, dann muß er auch Hörner haben. Ein Hund, der Kuh heißt, muß unbedingt kleine Hörner haben.‘“ (Wygotski 1964/1969, S.308f.)

Wygotski versteht diese Szene als ein Beispiel für die Unfähigkeit des Kindes in diesem Alter, die Eigenschaften von Dingen zu trennen und zu verallgemeinern. Das Kind behandelt die Wörter ‚Kuh‘ und ‚Hund‘ so, als wären sie die Dinge selbst. Wenn ich einen Hund als ‚Kuh‘ bezeichne – „wenn er so heißt“ –, dann muß der Kuh genannte Hund auch dieselben Eigenschaften wie die Kuh haben, also Milch geben und Hörner haben.

Man kann diese Szene aber auch anders verstehen. Dann steht das Kind an der Schwelle einer neuen Bedeutungsbildung: es hat dem Hund mit der Umbenennung ein anderes Wesen eingepflanzt und ein Fabelwesen geschaffen, so etwas wie ein Einhorn oder einen Drachen, nämlich einen Hund, der kleine Hörner hat und Milch gibt. Das Kind klebt nicht einfach nur sklavisch an den konkreten Eigenschaften der Dingwahrnehmung, sondern es hat aus zwei konkreten Dingwahrnehmungen, dem Hund und der Kuh, mit einer einfachen Umbenennung eine neue Vorstellung geschaffen.

Ich weiß nicht, ob ich mit meiner Interpretation dieser Szene Recht habe oder ob Wygotski Recht hat. Darum geht es mir jetzt gar nicht. Mir geht es nur darum, daß nur dann, wenn es keine grundlegende Differenz gibt zwischen konkreter Dingwahrnehmung und dem Verstehen von Wörtern, erklärlich ist, wieso es zwischen beidem zu einer sinnhaften Verbindung und zu einer Übertragung von Bedeutungen kommen kann und darüber hinaus sogar zur Schaffung neuen Sinns. Dazu mehr im nächsten Post.

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