Mittwoch, 4. Januar 2017

Michael Hampe, Wir Menschen (2015)

(in: Oliver Müller/Giovanni Maio (Hg.), Orientierung am Menschen. Anthropologische Konzeptionen und normative Perspektiven, Göttingen 2015S.144-162)

Michael Hampe geht in seinem Beitrag „Wir Menschen“ (2015) der Frage nach, was es bedeutet, wenn Menschen „Wir“ sagen. Sein Vorgehen ist also in großen Teilen sprachanalytisch. Wenn Menschen „Wir“ sagen, ordnen sie sich Hampe zufolge einer Gruppe zu und grenzen sich von einer anderen Gruppe ab, im anthropologischen Sinne von den Tieren, aber auch im gesellschaftlichen und politischen Sinne von anderen, nicht der eigenen Gruppe zugehörigen Menschen, wobei manche Völker sogar nur der eigenen Gruppe das Wort „Mensch“ zubilligen.

Wer also „Wir Menschen“ sagt, kategorisiert. Solche Kategorien stehen für sich und beanspruchen ein Alleinstellungsmerkmal, ein Monopol. Sie lassen sich nicht anderen Kategorien unterordnen. Den „kategorischen Differenzen“ stehen Hampe zufolge wiederum „spezifische Differenzen“ gegenüber, ‚spezifisch‘ im Sinne von ‚Spezies‘. Wenn von spezifischen Differenzen die Rede ist, wird nach Klassen subsumiert. (Vgl. Hampe 2015, S.145) Arten, Gattungen und Familien werden einander zu-, über- und untergeordnet. In diesem biologischen Sinne ist der Mensch immer noch und im wesentlichen ein Tier:
„Würde die Biologie nach Merkmalen suchen, die ihn von allen Tieren unterschiede(n), bemühte sie sich, das Gottesebenbildlichkeitskriterium aus der Bibel() naturalistisch einzuholen ... Das ist vom Standpunkt der Biologie naturgemäß forschungslogisch aussichtslos.“ (Hampe 2015, S.145)
Beim Unterschied zwischen ‚Kategorie‘ und ‚Spezies‘ haben wir es also mit der Frage nach der Kontinuität bzw. der Diskontinuität des Menschen als kulturelles und als biologisches Lebewesen zu tun. (Vgl. meinen Post vom 14.01.2015) Die philosophische Anthropologie bevorzugte bislang die kategoriale Vorgehensweise bei der Suche nach der Antwort auf die Frage nach dem Menschen und verfolgte einen Essentialismus. (Vgl. Hampe 2015, S.156f.)  Die Befürworter einer kategorialen Vorgehensweise argumentierten unter anderem mit dem Verweis auf die Sprache als einem komplexen System aus Zeichen und Konventionen, das nicht als „Produkt einer kontinuierlichen Evolution“ verstanden werden könne. (Vgl. Hampe 2015, S.150) Hampe bezeichnet diese Begründung für einen Bruch in der Evolution des Menschen als Gattung als „Holismus“, eine Form der Argumentation, die auch in kreationistischen Kreisen verbreitet ist (vgl. Hampe 2015, S.151); und er widerspricht diesem Argument mit dem Verweis auf die tatsächliche kulturelle Evolution von Sprachen, die aussterben und neu entstehen, und auf einzelne Wörter, die einer Sprache einverleibt werden und schließlich weder verlorengehen, und mit dem Verweis auf die tatsächliche Widersprüchlichkeit von Zeichensystemen, mit deren Hilfe man sich dennoch problemlos verständigen könne (vgl. ebenda). Ein Vermerk des Rezensenten: Sehr lehrreich ist in diesem Zusammenhang „Wenn Sprachen sterben und was wir mit ihnen verlieren“ (2014) von Nicholas Evans. (Vgl. meine Posts vom 01.12. bis 11.12.2014)

Hampe zufolge ist Immanuel Kant mit seiner „Kritik der Urteilskraft“ (1790) für diesen „romantische(n) Mythos“ von der „absolute(n) Feinabstimmung der Teile der Organismen“ verantwortlich. (Vgl. Hampe 2015, S.151) Darüberhinaus hat Kant den Menschen als ein „Vernunftwesen“ bestimmt, das sich selbst erschafft, indem es sich eigene Zwecke setzt:
„Sich selbst erschafft der vernunftbegabte Mensch jedoch tatsächlich selbst. Er kann sich, nach Kant, als Naturwesen der Möglichkeit nach selbst gesetzten Zwecken richten. Tut er das tatsächlich, aktualisiert er also seine Fähigkeit der Zwecksetzung, so erschafft er sich selbst als Vernunftwesen.“ (Hampe 2014, S.151)
Kant substanzialisiert also den Menschen nicht von seinem biologischen Ursprung her, sondern auf ein moralisch-rationales Ziel hin. Dennoch ist der Mensch nur „potentiell vernünftig“, und es ist die Aufgabe des Individuums, diese Vernunft zu einer „Wirklichkeit“ zu machen, und dies wiederum, da die Lebenszeit des Individuums begrenzt ist, im Rahmen eines generationenübergreifenden Erziehungsprozesses. (Vgl. Hampe 2015, S.152) Kant geht also von keiner Kontinuität des Menschen im Naturprozeß aus:
„Selbst geschaffenen semantischen Normen und Handlungszwecken als vernünftige Wesen zu folgen, sind bei Sellars und Kant Gegebenheiten, die Menschen aus der Kontinuität der natürlichen Wesen herausnehmen. Alle anderen natürlichen Wesen werden durch eine Reihe von Umständen in der Natur geschaffen. Der Mensch schafft sich dagegen als Mensch selbst.“ (Hampe 2015, S.152)
Hampe wendet sich gegen solche holistischen, anti-evolutionären Vorstellungen vom Menschen als sprach- und vernunftfähigem Geistwesen. Er plädiert für eine umfassendere Sicht auf die Biologie und auf die Kultur des Menschen:
„Sinnvoller erscheint es heute, die Benenner und ‚Wir‘-Sager als das Resultat einer historischen Entwicklung anzusehen, die man in Teilen als eine biologische und in anderen Teilen als eine kulturelle beschreiben mag, auch wenn die mit diesen Worten beschriebenen Determinanten nicht streng voneinander trennbar sind.“ (Hampe 2015, S.159)
Hampe berücksichtigt also scheinbar zunächst nur zwei der drei Entwicklungslinien, von denen ich in diesem Blog immer ausgehe. Die individuelle Entwicklungslinie, der Einfluß des einzelnen Menschen auf seine Biologie und auf die Kultur, wird an dieser Stelle nicht eigens erwähnt. Entsprechende Hinweise gibt es aber an anderen Stellen. So verweist er z.B. auf die Variabilität der Deutungsmöglichkeiten von biologisch-anatomischen Merkmalen wie dem aufrechten Gang oder der Rolle der Hand in der Evolution des Menschen als Gattung wie als Individuum. (Vgl. Hampe 2015, S.156 und Anm.21) Dabei kommt er auch auf das individuelle Verhalten der Menschen zu sprechen:
„Menschen reagieren jedoch auch auf die Sprache, in die sie hineingeboren werden und zwar ebenso wie auf die Anatomie, mit der sie auf die Welt kommen. Sie tun dies sowohl kollektiv wie als Einzelne. Insofern ist auch hier kein Graben zwischen dem Natürlichen und dem Kulturellen anhand des Kriteriums ‚änderbar – nicht änderbar‘ zu ziehen.“ (Hampe 2015, 158)
Wir haben es also eigentlich mit drei Entwicklungslinien, mit der biologischen, der kulturellen und der individuellen zu tun. Doch bleibt Hampes Position dazu letztlich ambivalent. Er nimmt das Individuum in seine Bestimmung des Menschlichen nicht mit hinein:
„Menschen sind, wenn sie als Einzelwesen betrachtet werden, jeweils so sonderbar wie alle anderen Einzelwesen auch. Werden sie nicht als Einzelwesen betrachtet, sondern mit dem Allgemeinbegriff ‚Mensch‘ beschrieben, so muss man sie, will man die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse nicht beiseiteschieben, als in der großen Kontinuität stehend sehen, in der alles Wirkliche entsteht und vergeht.“ (Hampe 2015, S.160)
Der ‚Mensch‘ kommt bei Hampe also nur als Allgemeinbegriff vor. Damit entgeht Hampe, daß sich der Mensch nicht als Gattung, sondern als Individuum verwirklicht. Darin hat Kant nämlich noch heute Recht: Der Mensch erschafft sich selbst. Aber eben nicht als Gattung, sondern als Individuum. Das Individuum ist kein Vernunftwesen, so sehr es das auch der Möglichkeit nach sein mag. Alle drei Entwicklungslinien gehören zusammen, wenn die anthropologische Reflexion nicht verkürzt sein soll.

Denn so sehr ein einzelner Mensch auch immer die Vernunft in seinem Leben verwirklichen mag, so sehr wird diese Vernunft doch immer nur ein Moment seines Selbst- und Weltverhältnisses bilden, das insgesamt einen Anachronismus aus drei verschiedenen Entwicklungslinien bildet. Das ist auch der Grund, warum Kulturen keinen Bestand haben. Mit jeder Generation sind sie aufs Neue bedroht.

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