Dienstag, 4. Oktober 2016

Claudia Bozzaro & Mark Schweda, Das Altern und die Zeit des Menschen (2015)

(in: Oliver Müller/Giovanni Maio (Hg.), Orientierung am Menschen. Anthropologische Konzeptionen und normative Perspektiven, Göttingen 2015S.351-378)

Claudia Bozzaro und Mark Schweda, zwei Medizinethiker an den Universitäten Freiburg und Göttingen, befassen sich in ihrem Beitrag „Das Altern und die Zeit des Menschen“ (2015) mit dem Altern und dem Alter als einer conditio humana, deren „Grundzüge“ „im Alter unmittelbar zum Vorschein kommen“. (Vgl. Bozzaro/Schweda 2015, S.373) Dabei heben sie hervor, daß es ihnen im Unterschied zu den traditionellen philosophischen Versuchen, die Struktur der Zeitlichkeit zu bestimmen, vor allem um die „zeitliche Verlaufsform des menschlichen Lebens“ geht. (Vgl. Bozzaro/Schweda 2015, S.352)

Bozzaro und Schweda verstehen das Alter nicht in erster Linie als eine späte Phase des individuellen menschlichen Lebens, sondern als immanentes dynamisches Moment der individuellen Entwicklung. Auch im Alter, als letzter Phase des menschlichen Lebens, ist sich „der Mensch als solcher“ niemals einfach in seinem faktischen So- oder Anderssein gegeben, sondern er entwickelt und verändert sich „im zeitlichen Verlauf seines Lebens immerfort“. (Vgl. Bozzaro/Schweda 2015, S.351)

Die dominanten philosophischen Denkschulen haben Bozzaro und Schweda zufolge bislang zumeist nicht berücksichtigt, daß der Tod in den verschiedenen Lebensaltern nicht die gleiche Bedeutung hat. Sicherlich ist es richtig, daß der Mensch jederzeit mit dem Tod und dem Faktum seiner Endlichkeit konfrontiert ist. Das „memento mori“ ist ein gängiges philosophisches Klischee, das bis hin zur Heideggerschen Sorge des Daseins um sich selbst Anlaß und Motiv für das Suchen nach Antworten auf die Frage nach dem richtigen Leben bildet. Es ermöglicht gewissermaßen eine ‚erfahrungsgesättigte‘ Antizipation des Lebensendes, von dem her man auf das zurückblickt, was von einem gelebten Leben bleibt, wenn es sinnvoll gewesen soll. Dieser ‚Vorlauf‘ in den Tod soll dabei helfen, die Absurdität zu vermeiden, daß man immer erst, wenn es zu spät ist, weiß, was man falsch gemacht hat. Das Wissen bzw. die ‚Weisheit‘ des alten Menschen ist Bozzaro und Schweda zufolge „nutzlos für den eigenen Lebensvollzug ..., weil sie erst zu einem Zeitpunkt erlangt wird, in dem das zu entwerfende Leben bereits ans Ende gelangt ist“. (Vgl. Bozzaro/Schweda 2015, S.367)

Mit dieser Fixierung auf den Tod als jederzeit drohendes, letztlich unentrinnbares Verhängnis entgeht den Philosophen also die lebensphasenspezifische Verlaufsstruktur des menschlichen Lebens. Dabei heben Bozzaro und Schweda insbesondere die individuelle Perspektive auf den Tod und seine Dynamik hervor:
„In der Jugend erschien die Zukunft unbegrenzt und mit ihr auch das Leben voll von Möglichkeiten. Die Zukunft war ein offener Raum, eine leere Projektionsfläche für Pläne, Erwartungen, Wünsche. Doch jetzt, wo das zu Erwartende der Tod, das endgültige Ende des eigenen Lebens ist, kann von einer Zukunft im geläufigen, diesseitigen Sinne nicht mehr die Rede sein. ... Die Zukunft des alten Menschen bietet keinen offenen Raum mehr, sie lässt allenfalls Raum für die Einsicht, dass die Welt bald ohne einen weitergehen wird, dass die eigene Zeit eben nicht die Ewigkeit ist, wie in jungen Jahren vielleicht angenommen, sondern die Endlichkeit.“ (Bozzaro/Schweda 2015, S.361f.)
Für den täglichen Umgang mit den verschiedenen Lebensaltern gibt es Bozzaro und Schweda zufolge vor allem zwei unterschiedliche Ethiken: eine sollensethische und eine strebensethische. (Vgl. Bozzaro/Schweda 2015, S.367) Die sollensethische Perspektive auf die verschiedenen Lebensalter gibt eine Norm vor, wie man sich in einem bestimmten Alter zu verhalten hat. An Kleinkinder und Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Greise werden ganz unterschiedliche Verhaltenserwartungen gerichtet. Diese unterschiedlichen Verhaltenserwartungen werden wiederum seit der Aufklärung von universalistischen Prinzipien gerahmt, die von einem „altersindifferenten Egalitarismus“ geprägt sind. (Vgl. Bozzaro/Schweda 2015, S.358)

Die strebensethische Perspektive auf die verschiedenen Lebensalter gibt für jede Lebensphase spezifische Phasenideale für die individuelle Selbstverwirklichung des Menschen vor. (Vgl. Bozzaro/Schweda 2015, S.370f.) Dabei variieren die Phasenideale hinsichtlich der Priorität der Lebensalter. Entweder wird das Erwachsenenalter zur Fülle des menschlichen Lebens verklärt oder das Alter, im Sinne einer Reife bzw. Summe, in der alle bisherigen Lebensphasen kulminieren. Reformpädagogen neigen dazu, die Kindheit als paradiesische Zeit des Glücks zu verklären. Psychoanalytiker hinwiederum dramatisieren die Kindheit als eine Phase traumatischer Erlebnisse, die das ganze spätere Leben belasten.

Ob positiv oder negativ: alle neigen dazu, dem individuellen menschlichen Leben eine „Entwicklungsaufgabe“ aufzuerlegen, an deren Erfüllung bzw. an deren Verfehlung es sich messen und beurteilen lassen muß. (Vgl. Bozzaro/Schweda 2015, S.371)

Das Altern als Verlaufsstruktur des menschlichen Lebens, insbesondere mit seiner je lebensphasenspezifischen individuellen Perspektive auf den Tod, spielt Bozzaro und Schweda zufolge „eine wichtige Rolle für die inhaltliche Auseinandersetzung mit Fragen des richtigen Handelns und guten Lebens“. (Vgl. Bozzaro/Schweda 2015, S.366) Bozzaro und Schweda heben dabei drei Ebenen hervor: die „biologische, psychische und soziale Verfasstheit menschlichen Seins“. (Vgl. Bozzaro/Schweda 2015, S.373) Das entspricht den drei Entwicklungsebenen der Biologie, der Kultur und der individuellen Biographie, wie ich sie in diesem Blog meinen anthropologischen Überlegungen zugrundelege. Bozzaro und Schweda heben dabei noch einmal insbesondere die Bedeutung der individuellen Biographie mit ihrer „subjektiven Innenperspektive der gelebten Existenz“ hervor. (Vgl. Bozzaro/Schweda 2015, S.373)

Damit nehmen Bozzaro und Schweda eine fundamentale Verhältnisbestimmung vor, in der die biologischen und die kulturellen bzw. gesellschaftlichen Umstände, die das individuelle Leben bestimmen, erst „durch das Individuum selbst“ und seine narrativen Vollzüge eine Bedeutung erhalten. Bozzaro und Schweda vergleichen die individuelle Biographie mit einer „literarischen Erzählung oder musikalischen Komposition“, mit einem „Bildungsroman“ und einer „Symphonie“. Das Individuum wird auf diese Weise zu einer Art ‚Lebenskünstler‘, das ständig an der „Einheit“ seiner „Person“ arbeitet und durch alle Brüche und Diskontinuitäten hindurch die „Ganzheit“ seines „Lebens“ „immer neu herzustellen“ versucht. (Vgl. Bozzaro/Schweda 2015, S.370)

Bozzaro und Schweda gelingt es, zu zeigen, wie sehr die individuelle Lebensführung des Menschen von dessem in der Verlaufsstruktur des Alterns sich ständig modifizierenden Umgang mit seiner Begrenztheit und Endlichkeit bestimmt ist. Auch hier wird ein weiteres Mal deutlich, wie wenig die Versuche, den Menschen zu substanzialisieren, dessen tatsächlichen existentiellen Erfahrungen gerecht werden. Es ist allererst das dem Substanzdenken inkommensurable „durch das Altern vermittelte Bewusstsein“, das, so Bozzaro und Schweda, „unserer eigenen Zeitlichkeit erst jene spezifisch ethische Perspektive und Dimension eröffnet, in der es überhaupt ‚zählt‘, wie wir entscheiden und was wir tun“. (Vgl. Bozzaro/Schweda 2015, S.352f.)

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