Dienstag, 16. August 2016

Käte Meyer-Drawe, Träumend auf dem Rücken eines Tigers. Der Mensch im Modus der Verschwindens (2015)

(in: Oliver Müller/Giovanni Maio (Hg.), Orientierung am Menschen. Anthropologische Konzeptionen und normative Perspektiven, Göttingen 2015, S.182-195)

Im Titel bringt Käte Meyer-Drawe die Anthropologie ihres Aufsatzes auf zwei kurze, prägnante Formeln: zum einen hebt sie mit dem Rücken des Tigers die unterbewußte Dimension des menschlichen Selbst- und Weltverhältnisses hervor und an die Stelle eines reflexiven Selbst- und Weltverhältnisses tritt der Traum. Zum anderen legt sich Meyer-Drawe schon im Titel darauf fest, daß der Mensch seinen Überlebenskampf – den er ja mit seinen anderen Mit-Tieren, einschließlich den Tigern, teilt – längst verloren hat und nur noch im Modus des Verschwindens existiert.

Meyer-Drawes Gewährspersonen sind Michel Foucault (1926–1984) und Friedrich Nietzsche (1844-1900). Mit Hilfe von Foucault skizziert Meyer-Drawe eine Kritik einer unkritischen Anthropologie, und Nietzsche liefert ihr mit dem „Übermenschen“ eine alternative, selbst aber durchaus ebenfalls unkritische ‚Anthropologie‘, nämlich eine Anthropologie des Menschen im „Übergang“, also „im Modus des Verschwindens“. (Vgl. auch Meyer-Drawe 2015, S.194) Als ‚unkritisch‘ bezeichne ich Meyer-Drawes anthropologischen Ansatz deshalb, weil er etwas affirmiert, was tatsächlich als konkrete Bedrohung antizipiert werden muß: die Frage, ob der Mensch auf diesem Planeten noch eine Zukunft hat.

Meyer-Drawes Kritik der unkritischen Anthropologie bewegt sich auf zwei Ebenen. Zum einen stellt sie den anthropologischen Wahrheits- bzw. Wissensbegriff in Frage. Sie bestreitet völlig zu Recht, daß es so etwas wie eine „innere Wahrheit“, eine „zeitenthobene Bestimmung“, ein „gleichsam überirdisches Wesen“ des Menschen überhaupt geben könne. (Vgl. Meyer-Drawe 2015, S.182f.) Diese durchaus berechtigte Kritik treibt Meyer-Drawe so weit, daß sie jeden Verallgemeinerungsversuch hinsichtlich der menschlichen Existenz in Frage stellt und bestreitet, daß man von ‚dem‘ Menschen überhaupt noch reden könne: „Die Frage nach dem Menschen führt in die Irre. Den Menschen gibt es nicht.“ (Meyer-Draw 2015, S.188)

Dieses an Wittgensteins Schweigegebot erinnernde Rede- und Denkverbot erinnert an Friedrich Kittlers (1943-2011) technologischen Triumphalismus. (Vgl. meine Posts vom 08.04. und vom 27.04.2012) Schon Kittler hatte nicht mehr von ‚dem‘ Menschen reden wollen und sprach stattdessen lieber vom ‚sogenannten‘ Menschen oder einfach nur von ‚Leuten‘, und an dessen Stelle sollten Maschinen und Roboter treten. Auch hier also eine längst zynisch gewordene, ebenfalls an Nietzsches Kulturkritik geschulte ‚Überwindung‘ des Menschen in Form seines Verschwindens.

Dennoch liegt Meyer-Drawes Anthropologiekritik eine richtige Einsicht zugrunde:
„Der Mensch geht nämlich zugrunde an seinem Verlangen nach einer Wahrheit, die für ihn als leibliches und damit vergängliches Wesen unerreichbar bleibt. Er ist verdammt zur Unwahrheit.“ (Meyer-Drawe 2015, S.183)
Diese Kritik des anthropologisch Wißbaren bedeutet allerdings keineswegs das Ende jeder Anthropologie, sondern lediglich des „anthropologische(n) Glaube(ns)“, mit Hilfe seines Gegenstands, dem Menschen, über so etwas wie einen „quasi natürliche(n) Zutritt zum Fundamentalen“ zu verfügen. (Vgl. Meyer-Drawe 2015, S.189f.) Die Anthropologie hat keinen privilegierteren Zugang zur ‚Wahrheit‘ als irgendeine andere Wissensform, ganz einfach weil es diese Wahrheit nicht gibt! Das bedeutet aber kein Ende der Anthropologie, sondern lediglich die Herausforderung, ein anderes reflexives Verhältnis zu ihrem Gegenstand zu finden.

Auch ein anderes Argument, das Meyer-Drawe gegen eine naive Anthropologie richtet – und hier kommen wir zur zweiten Ebene ihrer Kritik – verlangt eher nach einer kritischen Wendung der Anthropologie als nach ihrer Abschaffung: die Anthropologie, so Meyer-Drawe, ‚verdopple‘ den Mensch. (Vgl. Meyer-Drawe 2015, S.190f.) Indem die Anthropologie sich dem Menschen zuwendet – was sollte sie auch anderes tun? –, verdoppelt sie ihn. Und diese Verdopplung des Menschen, so Meyer-Drawe, habe schon Kant ‚beunruhigt‘. (Vgl. Meyer-Drawe 2015, S.190)

Kant ist Meyer-Drawe zufolge von dem Umstand beunruhigt gewesen, daß aus der „Selbstbezüglichkeit des Ich“ die Notwendigkeit zweier Ichs hervorgehe: eines, das denkt, und eines, über das nachgedacht wird. (Vgl. Meyer-Drawe 2015, S.190) Tatsächlich haben wir es hier mit einem fundamentalen anthropologischen Phänomen zu tun. Es gibt überhaupt kein menschliches Bewußtsein ohne Apperzeption, also ohne Hinzuwahrnehmung eines denkenden Ich, das das Wahrnehmungs-Ich ‚verdoppelt‘. Das Beunruhigende daran sei, so Meyer-Drawe, daß hier eine „aussichtslose Aufholjagd“ beginne, in der sich das Hasen-Ich zu Tode läuft, weil das Igel-Ich immer schon da ist. (Vgl. Meyer-Draw 2015, S.191f.)

Das ist in der Tat beunruhigend. Aber es geht darum, diese Beunruhigung in die Anthropologie hineinzuholen und sich ihr begrifflich zu stellen, anstatt damit jede Anthropologie für unmöglich zu erklären. Helmuth Plessner (1892-1985) hat das getan, als er seinen Gedanken der exzentrischen Positionalität formulierte: das Ich ist nirgends, wo es sich denkend einholen könnte. Es ist vielmehr überhaupt nicht irgendwo oder irgendwas, sondern eben exzentrisch. Und deshalb kann und muß es auch nicht ‚überwunden‘ werden.

Meyer-Drawe hat dieselbe Einsicht, die Plessner zur exzentrischen Positionalität geführt hat, als Beleg für ein prinzipielles Unvermögen interpretiert: „Der Mensch kann nicht am Anfang stehen, weil stets eine Herkunft hinter ihm liegt.“ (Meyer-Drawe 2015, S.192) Mit dieser Diagnose, kein Anfang sein zu können, spricht Meyer-Drawe dem Menschen jede Zukunftsfähigkeit ab. Es bleibt ihm gar nichts anderes übrig, als im Wechsel der Zeiten zu verschwinden und bestenfalls ein ‚Übergang‘ zu etwas anderem zu sein, das ohne ihn anfängt und schon deshalb ein Übermensch sein muß.

Mit Plessner wäre dagegen zu halten, daß der Mensch zwar immer schon eine Herkunft in sich trägt, er zugleich aber auch auf eine Zukunft ausgerichtet ist. Deshalb wird seine Gegenwart immer zweifelhaft sein. Mit Ausnahme des in seiner Gegenwart aufgehenden Kindes ist kein Mensch jemals synchron zu seiner Gegenwart. Entweder lebt er zu sehr in der Vergangenheit oder zu sehr in der Zukunft. Als Zeitgenosse ist der Mensch ein Anachronismus. Aber als dieser Anachronismus, als aus der Zeit herausfallende Existenzform, ist er immer auch ein Anfang. Er trägt zwar weder eine „innere Wahrheit“ noch eine „zeitenthobene Bestimmung“ in sich. Aber genau deshalb steckt er voller Möglichkeiten.

Aus der berechtigten Kritik einer naiven Anthropologie muß eine kritische Anthropologie hervorgehen. Das hat Meyer-Drawe in ihrem Aufsatz, träumend auf dem Rücken eines Tigers, versäumt.

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