„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)

Samstag, 13. Februar 2016

Die Realität der Geisteswissenschaften und die globalisierte Medienlandschaft

In diesem Blog war gelegentlich schon von den Geisteswissenschaften die Rede gewesen. (Vgl. meine Posts vom 18.01.2013, 16.02.2013, 26.07.2013 und vom 20.12.2014) Der Hauptunterschied zwischen den Naturwissenschaften und den Geisteswissenschaften besteht darin, daß die Naturwissenschaften mit der objektiven ‚Natur‘ einen Gegenstand haben, zu dem sich gleichermaßen allgemeingültige wie falsifizierbare Gesetzesaussagen formulieren lassen. Die Geisteswissenschaften haben es hingegen mit einer ‚Natur‘ zu tun, zu der sich weder allgemeingültige noch falsifizierbare Gesetzesaussagen formulieren lassen. Die objektiv beobachtbaren Phänomene, mit denen wir es in den Geisteswissenschaften zu tun haben – das menschliche Verhalten in allen seinen Erscheinungsformen –, sind immer mit einem subjektiven Innenleben verbunden, das nicht objektiv beobachtbar und scheinbar nur der Introspektion zugänglich ist.

Inwiefern haben wir es hier dennoch mit einer Realität zu tun? Mit einer Realität, wie sie den objektiven Naturprozessen entspricht? Die Antwort ist einfach. Die Realität unseres subjektiven Innenlebens ist dieselbe wie die der objektiven Naturprozesse, aus dem einfachen Grunde, daß sie sich auf deren Realität auswirkt. Eine mögliche Bestimmung der geisteswissenschaftlichen Realität besteht im Thomas-Theorem. Das nach den amerikanischen Soziologen Dorothy Swaine Thomas (1899-1977) und William Isaac Thomas (1863-1947) benannte Theorem besagt, daß alles, was die Menschen für real halten, auch in seinen Konsequenzen real ist. Die Realität des menschlichen Innenlebens bildet also einen Faktor der Außenweltrealität, mit der sich die Naturwissenschaften befassen.

Wodurch wird aber nun wiederum das subjektive Innenleben bestimmt? Durch die naturwissenschaftlich beobachtbare und meßbare Außenwelt bzw. durch die Naturprozesse? – Nur zum Teil. Es gibt kein wechselseitiges Reiz-Reaktionsverhältnis zwischen unserem Innenleben und den Ereignissen der Außenwelt, demzufolge das, was wir für real halten, eins zu eins den realen Prozessen der Außenwelt entspricht. Tatsächlich wird unser Innenleben weniger durch die physische Außenwelt als vielmehr durch das Innenleben unserer Mitmenschen bestimmt.

Michael Tomasello nennt das „Rekursivität“. (Vgl. meine Posts vom 25.04.2010, vom 20.04.2012 und vom 17.08.2012) Rekursivität bedeutet, daß wir unser eigenes Denken und Fühlen, unser gesamtes Innenleben bzw. unsere Intentionalität, am Innenleben unserer Mitmenschen orientieren. Unsere Gedanken und Gefühle entsprechen den Gedanken und Gefühlen unserer Mitmenschen, von denen wir annehmen, daß sie sie haben. Die Realität, mit der sich die Geisteswissenschaften befassen, besteht also in den realen Auswirkungen von wechselseitigen individuellen Annahmen über das gemeinsame Denken und Fühlen.

Zu dieser Realität gehören allerdings auch die Auswirkungen auf diejenigen Individuen, die sich mit ihrer Realitätswahrnehmung nicht haben durchsetzen können. So kann es dazu kommen, daß vermeintliche Ketzer und Hexen auf Scheiterhaufen verbrannt werden, was als Ereignis der äußeren Realität eindeutig durch dessen objektive Beobachtung bestätigt werden kann. Was die Ketzer- und Hexenverfolger für real halten, wird in passenden sozialen Kontexten (via Mehrheitsmeinung) zur Realität auch für diejenigen, die deren Realitätsauffassung nicht teilen.

Wir haben es also mit einer dynamischen Realität zu tun, in der verschiedene Realitätsauffassungen miteinander um die Außenweltdominanz konkurrieren. Die Geisteswissenschaftler befassen sich mit den sozialen und individuellen Entstehungs- und Geltungsbedingungen solcher subjektiven Realitätsauffassungen.

Angesichts der skeptischen Haltung vieler Naturwissenschaftler gegenüber der ‚Realität‘ des Innenlebens – es gibt kein naturwissenschaftlich aufweisbares ‚Organ‘ eines solchen Innenlebens, da alle ‚inneren‘ Organe unseres Körpers einschließlich des Gehirns Außenweltphänomene sind –, ist es wichtig, darauf hinzuweisen, daß das sogenannte ‚Innenleben‘ sich nicht innerhalb von irgendetwas befindet, und es ist prinzipiell nur indirekt nachweisbar. Das gilt auch für das subjektive Bewußtsein selbst, das sich durch ‚Introspektion‘ genauso verfehlen kann, wie es durch irgendeinen äußeren Beobachter dieses subjektiven Bewußtseins verfehlt werden kann. Gerade Anhänger einer naturalistischen Weltanschauung behaupten immer gerne von sich selbst, daß sie von keinen eigenen inneren Vorgängen wissen, geschweige denn von einem inneren Gefühlsleben oder von einer Seele.

Tatsächlich ist es so, daß wir über unser eigenes inneres Leben keine Gewißheit haben. Wir sind so verschränkt und verwoben mit unserer sozialen Mitwelt, daß alle unsere subjektiven Regungen und Intentionen immer auch sozial induzierte Regungen und Intentionen sind. Helmuth Plessner weist darauf hin, wenn er schreibt, „daß niemand von sich selber weiß, ob er es noch ist, der weint und lacht, denkt und Entschlüsse faßt, oder dieses von ihm schon abgespaltene Selbst, der Andere in ihm, sein Gegenbild und vielleicht sein Gegenpol“. (Vgl. „Stufen des Organischen“ (1975/1928), S.298f.)

Dennoch gibt es einen unabweisbaren Hinweis auf dieses Innenleben, und es ist wiederum Plessner, der es auf den Punkt bringt: In dem Moment, wo meine Pläne fehlgehen, weil sie auf eine widerständige Außenwelt treffen, und meine Bedürfnisse unbefriedigt bleiben, bricht die „binnenhafte Kluft“ auf, die „raumhaft innere Grenze“, und wir werden uns bewußt, daß wir nicht mit der Außenwelt identisch sind. (Vgl. „Stufen des Organischen“ (1975/1928), S.245)

Das ist der indirekte, aber dennoch unabweisbare Nachweis einer eigenen subjektiven Innenwelt, und er bezieht sich nicht nur auf die innere Differenz zu einer physischen Außenwelt, sondern auch auf die individuelle Differenz zu einer sozialen Mitwelt. So rekursiv unser Innenleben auch funktioniert und so sehr wir immer in soziale Prozesse eingesponnen sind, so daß wir uns unserer eigenen inneren Gedanken und Gefühle nicht sicher sein können, funktionieren die sozialen Prozesse doch nicht reibungslos. Wir verstehen einander niemals vollständig, sondern immer nur bruchstückhaft, bestenfalls annäherungsweise. Und das ist auch gut so! Wenn wir einander vollständig verstehen würden, hätten wir einander auch nicht mehr viel zu sagen. Die ganze Kommunikation würde sich auf Simplizitäten beschränken wie „reich mir bitte mal das Salz rüber“.

Nicht nur in der physischen Außenwelt scheitern unsere Pläne. Auch in der sozialen Welt scheitern wir immer wieder am Nicht-Verstehen unserer Mitmenschen und nicht selten auch am eigenen Nicht-Verstehen unserer selbst.

Die Aufgabe der Geisteswissenschaften ist es also, sich mit dieser inneren Realität auseinanderzusetzen und uns über uns selbst aufzuklären, so wie die Naturwissenschaften uns über die äußere Realität aufklären. Das ist gerade in der gegenwärtigen Medienlandschaft besonders notwendig. In den Zeiten des Nationalstaates mit seinen analogen Presseorganen war es noch selbstverständlich, daß die subjektiven Innenwelten sich an der öffentlichen Meinung ausrichteten. Die Öffentlichkeit war eine national begrenzte und konnte deshalb Konsens und Dissens einigermaßen ausbalancieren.

Die heutigen digitalen Medien hingegen haben die Grenzen des Nationalstaates gesprengt. An ihre Stelle ist aber keine globale Öffentlichkeit getreten, sondern eine fragmentierte Medienlandschaft, die nicht mehr zu informieren, sondern nur noch zu desinformieren vermag. Die Individuen sind fortwährend damit überfordert, sich ihre Informationen aus den verschiedenen Websites (mit freundlicher Unterstützung von Google) mehr schlecht als recht zusammenzuklauben. Diese Informationen sind aber immer nur Informationen. Sie enthalten kein Kriterium für ihre Richtigkeit oder Falschheit. Berücksichtigt man außerdem Friedrich Kittlers Behauptung, daß der Hauptzweck der Medien darin bestünde, uns zu täuschen und unsere Augen und Ohren durch 3D-Brillen und Raumklangtechnik zu ersetzen (vgl. meine Posts vom 29.04.2012 und vom 19.11.2013), dann sind mediatisierte Informationen sowieso und prinzipiell immer falsch.

Im Grunde haben wir es mit einem globalen Bürgerkrieg zu tun, in dem die rekursiven Mechanismen, wie sie Tomasello beschrieben hat, ins Leere laufen. Entweder glauben wir, daß der Informant uns helfen wird, weil wir davon ausgehen, daß wir beide zu unserem gegenseitigen Nutzen kooperieren wollen, oder wir glauben, daß der Informant uns täuschen wird, weil wir davon ausgehen, daß er uns zu seinem eigenen Nutzen manipulieren will. Mit solchen Problematiken befassen sich Spieltheoretiker. Aber was auch immer sie uns über den größeren Nutzen kooperativen Verhaltens zu sagen wissen: ihre Ergebnisse helfen uns an dieser Stelle nicht wirklich weiter.

So oder so: wir verändern die Welt aufgrund dessen, was wir für real halten. Was aber ist, wenn wir nichts mehr für real halten können, weil uns nur noch digitalisierte Informationen zur Verfügung stehen? Dann gäbe es nichts mehr, das es lohnen würde, darüber miteinander zu sprechen. Der reale, analoge Bürgerkrieg wäre unausweichlich. Tatsächlich glaube ich, daß das Internet ihn vorbereitet.

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Kommentare:

  1. Ich versuche, die beiden "Realitäten" gegenüber zu stellen und komme zu dem Ergebnis, dass die objektive Realität der Naturwissenschaften den Menschen nur periphär erreichen, faktisch gar nicht. Die Hexe wurde ohne Naturwissenschaft und der von ihr formulierten objektiven Realität verbrannt. Und heute gibt es immer noch die Ehrenmorde. Das man versucht ist, die beiden Realitäten gegenüber zu stellen, ist schon zuviel des Guten. Als ob es ein reines Ablenkungsmanöver ist, ein Stellvertreterkrieg.

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    1. Ablenkung wovon? Daß der reale Bürgerkrieg schon stattfindet? Oder als eine Form der hybriden Kriegsführung, um uns daran zu hindern, selber zu denken?
      Wäre möglich. Zur Beruhigung werde ich mir erstmal ein Glas Rotwein gönnen.
      Grüße, Detlef

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  2. Eindeutig das Letztere! Der Verweis auf den anstehenden analogen Bürgerkrieg sagt mir bisher gar nichts (blinder Fleck?!)

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    1. Ich meine mit Bürgerkrieg, daß die Grenzen der Nationalstaaten keine Bedeutung mehr haben. Wir leben als Bürger in einer globalisierten Welt. Der eigentliche Krieg wird nicht mehr zwischen Staaten geführt, sondern zwischen den Bürgern einer globalisierten Medienwelt, die sich gegenseitig zutiefst mißtrauen, weil sie nur über Medien miteinander kommunizieren können. Medien sind darauf angelegt, uns zu täuschen. Das ist Friedrich Kittler zufolge ihr eigentlicher Zweck. Das Grundvertrauen, das Kommunikation allererst ermöglicht, ist verloren gegangen.

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